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Zivilgesellschaft. Ein Garant für Entwicklung?

Die umstrittene Bedeutung des Zivilgesellschaftskonzeptes im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit in Ostafrika

Bachelorarbeit 2017 34 Seiten

Geowissenschaften / Geographie - Sonstiges

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die westliche Zivilgesellschaft
2.1 Ideen eines westlichen Zivilgesellschaftskonzeptes
2.2 Geschichtliche Entwicklung der westlichen Zivilgesellschaftskonzepte

3 Zivilgesellschaft im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit
3.1 Bedeutungen der Zivilgesellschaft in der Entwicklungszusammenarbeit
3.2 Problematik einer unkritischen Übertragung des Zivilgesellschafskonzeptes in nicht-westliche Kontexte
3.3 Fallstudie: Zivilgesellschaftskonzept in Ostafrika

4 Diskussion

5 Schlussfolgerung

6 Literaturverzeichnis

Zusammenfassung

Das Ziel dieser Bachelorarbeit ist es die Problematiken herauszuarbeiten, die sich bei der Übertragung des Zivilgesellschaftskonzeptes nach Ostafrika ergeben. Die Zivilgesellschaft, als zwingende Massnahme für eine erfolgreiche und nachhaltige Entwicklung, wurde insbesondere seit den neunziger Jahren von internationalen Gebern im Zusammenhang mit der Entwicklungszusammenarbeit stark gefördert. Besonders im Westen ist mit der Zivilgesellschaft eine öffentliche Sphäre, in der sich die Bürgerinnen und Bürger freiwillig für einen gemeinschaftlichen Zweck formieren können, gemeint und diese steht dabei in einer gleichwertigen Beziehung zum Staat und dem Markt. Dieses Verständnis hat sich aus den vorherrschenden historischen und kulturellen Umständen etabliert und die Anwendung des Konzeptes in nicht-westliche Kontexte ist deshalb mit vielen aufkommenden Problemen verbunden. Bei den Förderungsprogrammen der Geber werden oftmals die gegebenen sozialen, politischen und geschichtlichen Umstände in Ostafrika nicht ausreichend berücksichtigt und eine erfolgreiche Entwicklung in Richtung Good Governance wird dabei vereitelt. Konkret zeichnen sich vermehrt Schwierigkeiten in der scheiternden Entwicklungsförderung ab, da sich das sehr normative und wertende Zivilgesellschaftskonzept als zu eng erweist. Die gesellschaftlichen Formen Ostafrikas werden nicht ausreichend für eine effektive Entwicklung miteinbezogen. Die hauptsächliche Erkenntnis dieser Arbeit liegt darin, dass die einzige Möglichkeit einer erfolgreichen Zivilgesellschaftsförderung nur bestehen kann, wenn die lokalen Konstellationen Ostafrikas in die Definition von Zivilgesellschaft miteingebaut und anschliessenden in den Verstärkungsprogrammen von Zivilgesellschaft umgesetzt werden. Die gegenwärtige Situation zeigt auch, dass trotz besagter Einsicht noch keine erkennbare Verbesserung stattgefunden hat.

1 Einleitung

Zivilgesellschaft hat sich seit Beginn des 21. Jahrhundert als ein kennzeichnendes Konzept in der Entwicklungspolitik und Praxis etabliert. Vor allem internationale Geber, wie Nichtregierungsorganisationen, multilaterale Institutionen, Zusammenschlüsse, Stiftungen sowie auch Regierungen, fördern zivilgesellschaftliche Gruppen und Organisationen im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit in hohem Masse. Viele dieser Geber sind der Meinung, dass eine Zivilgesellschaft notwendig ist, um den Menschen intellektuellen Raum zu bieten, indem sie in verschiedenen Gruppen eine Lebensstruktur aufbauen können, in der sie leben möchten (Howell & Pearce 2002: 1-2). Dieser Enthusiasmus der Förderung der Zivilgesellschaft muss allerdings in einem historischen und politischen Kontext gesehen werden (Howell & Pearce 2002: 3). Zahlreiche kritische Stimmen betonen nämlich, dass das westlich geprägte Zivilgesellschaftskonzept nicht einfach unbedacht in nicht-westliche Kontexte übertragen werden kann. Deshalb wird in dieser Arbeit folgende Frage geklärt:

Welche Problematiken ergeben sich bei der Übertragung des Zivilgesellschaftskonzeptes im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit in Ostafrika?

Das Ziel dieser Arbeit ist es, den Blickwinkel auf die Förderung der Zivilgesellschaft, im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit, zu schärfen. Dabei soll erkannt werden, dass eine unkritische Übertragung von Konzepten mit westlichem Ursprung, sehr oft zu Problemen in den jeweiligen Förderungsgebieten führen kann und somit auch nicht die gewünschte Wirkung erzielt wird. Vielmehr sollte ein Verständnis, das die lokalen Bedingungen ausreichend berücksichtigt, erarbeitet werden. Zur Erreichung dieses Zieles und zur Unterstützung der Forschungsfrage werden folgende Fragen berücksichtigt:

- Was ist Zivilgesellschaft?
- Welche geschichtlichen Ursprünge hat das Zivilgesellschaftskonzept?
- Was für eine Bedeutung hat die Zivilgesellschaft im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit – mit Fokus auf Ostafrika?
- Welche Probleme ergeben sich bei der Übertragung des Konzeptes nach Ostafrika?
- Mit welchen Lösungsansätzen könnte gegen diese Problematik vorgegangen werden?

Im zweiten Kapitel wird mit einer Klärung der generellen Bedeutung von Zivilgesellschaft im westlichen Sinne begonnen. Nach der historischen Recherche des Konzeptursprungs wird klar, dass das Zivilgesellschaftskonzept weder simpel noch einheitlich ist. Dennoch werden zivilgesellschaftliche Formen im westlichen Stil in der Entwicklungszusammenarbeit stark gefördert. Warum dies so ist und welche Probleme sich daraus ergeben, wird ebenfalls ergründet und ist Gegenstand des dritten Kapitels. In einem grösseren Unterkapitel wird anhand einer Fallstudie die effektive Problematik der Zivilgesellschaftsförderung in der Entwicklungszusammenarbeit veranschaulicht. Der Fokus liegt hierbei auf Ostafrika, genauer auf den Ländern Tansania, Uganda und Kenia, um den Einfluss des geförderten Konzeptes genauer zu ermitteln. Schlussendlich soll analysiert werden, weshalb diese Förderung so umstritten ist und welche konkreten Probleme sich daraus ergeben. Abgeschlossen wird das dritte Kapitel mit einer Übersicht von Lösungsansätzen, mit welchen den aufkommenden Schwierigkeiten entgegengewirkt werden könnten. Das vierte Kapitel wird der Diskussion gewidmet, in der die beiden vorherigen Kapitel verbunden werden und klar wird, dass viele dieser Probleme ihren Ursprung bereits im Konzept haben. Die gewonnene Erkenntnis zeigt, dass die Rücksicht auf die historischen und kulturellen Kontexte gerade in der Praxis enorm wichtig ist. Ausserdem veranschaulicht sie die Synthese der einerseits westlich geprägten Zivilgesellschaft mit ihren eigenen geschichtlichen Wurzeln und deren Förderung in Entwicklungsprogrammen in gänzlich anderer Umgebung. In der Schlussfolgerung wird die Frage beantwortet, welche Problematiken sich bei der Übertragung des Zivilgesellschaftskonzeptes im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit in Ostafrika ergeben. Darüber hinaus werde ich nach meinen persönlichen Ansätzen eine kritische Würdigung vornehmen und die für mich evidentesten Lösungsansätze hervorheben, wie mit dieser Problematik umgegangen werden könnte.

2 Die westliche Zivilgesellschaft

2.1 Ideen eines westlichen Zivilgesellschaftskonzeptes

In den neunziger Jahren genoss der Begriff der Zivilgesellschaft in wissenschaftlichen, intellektuellen und politischen Kreisen, wie auch in den Massenmedien grosse Popularität. Obwohl bis heute grosse Unklarheit darüber herrscht, was mit Zivilgesellschaft genau gemeint ist. Die relative Vagheit und Unbestimmtheit des Konzeptes wird gar als eines der Kernprobleme in der Zivilgesellschaftsdebatte gewertet (Arenhövel 2000: 55). Howell und Pearce (2002: 6) betonen, dass es keine alleingültige natürliche Konzeption von Zivilgesellschaft gibt. Dennoch haben einige Autorinnen und Autoren bereits versucht, den Begriff zu definieren. Der ehemalige Professor für Völkerrecht und Internationale Beziehungen an der Universität Graz, Konrad Ginther nimmt bei seiner Definition Bezug auf den amerikanischen Sozio- und Politologen Larry Diamond:

„Gemäß der heute gängigen Definition von "Zivilgesellschaft", wie sie auch von Larry Diamond verwendet wird, sind unter diesem Begriff die Institutionen und Erscheinungen des organisierten gesellschaftlichen Lebens zu verstehen, die auf Freiwilligkeit basieren, sich selbst ergänzen, weitgehend sich selbst erhalten, autonom vom Staat agieren und nicht nur an … die allgemein geteilten Werthaltungen der Gesellschaft gebunden sind (…). Larry Diamond unterscheidet Zivilgesellschaftsinstitutionen von anderen sozialen Gruppen dahingehend, dass Zivilgesellschaft eher "öffentliche als private Zwecke" verfolgt und in einer besonderen Relation zum Staat steht (…).“ (Ginther 1997: 160-161).

Nach dieser Definition bezieht sich die Zivilgesellschaft auf eine Arena, welche durch zwangloses, kollektives Handeln mit geteilten Zwecken, Interessen und Werten gekennzeichnet ist. Theoretisch sind diese zivilgesellschaftlichen Formen vom Staat und dem Markt zu trennen (Neubert 2010: 212). Grundsätzlich ist es wichtig die Zivilgesellschaft vom gängigen Begriff der Gesellschaft zu unterscheiden. Unter dem Begriff Gesellschaft wird sämtliches Handeln, welches sich innerhalb der Nationalstaaten abspielt, wie zum Beispiel Familienangelegenheiten, verstanden. Unter Zivilgesellschaft sind hingegen auf Freiwilligkeit basierende öffentliche Vereinigungen zu verstehen (Adloff 2005: 9). In diesen öffentlichen, jedoch auch staatsfreien Räumen, können in Form von Assoziationen und Organisationen gesellschaftliche Problemlagen aufgenommen und verarbeitet werden und an eine politische Öffentlichkeit zurückgegeben werden (Arenhövel 2000: 56). Somit bildet die Zivilgesellschaft soziale Bewegungen die Identitäten und Strukturen transformieren können. Eine zusätzliche, wichtige Erkenntnis aus diesen Definitionen ergibt sich daraus, dass die Zivilgesellschaft als eine Gruppenformation ausschliesslich ausserhalb des Staates und des Marktes zu sehen ist. Diese Idee der Zivilgesellschaft als eine erstrebenswerte Alternative zum Staat und dem individualistischen Kapitalismus hat sich vor allem seit der Aufklärung etabliert (Lewis 2002: 570-572). In der westlichen Zivilgesellschaft wird sogar von einem natürlichen Gegenspieler zu privatisierten Märkten und liberalisierten Demokratien ausgegangen. Somit wird ein wichtiges Charakteristikum des Verständnisses für die Zivilgesellschaft im westlichen Sinne anerkannt. Die Zivilgesellschaft bildet infolgedessen einen Teil der Dreiecksbeziehung zwischen dem Staat, dem Markt und der soeben erläuterten Zivilgesellschaft (Howell & Pearce 2002: 4ff.). Gerade dieses starre dreiseitige Sphärenmodell erweist sich bei der Übertragung in nicht-westliche Kontexte als problematisch.

Zur Bedeutung, wie die Zivilgesellschaft in Relation zum Markt und dem Staat steht, konnten sich zwei konkurrierende normative Visionen abzeichnen. Die erste Vision der beiden ist als sogenannter Mainstream Ansatz bekannt. Von diesem wird später oft ausgegangen, wenn man von einer westlichen Zivilgesellschaft spricht. Dieser Ansatz ist sehr vom industriellen Westen geprägt. Die Zivilgesellschaft hat sich dabei vorwiegend aus der Emanzipation der Individuen von tyrannischen Regimen, Familienbunden und Ritualen entwickelt. Die wichtigsten Grundsätze bilden dabei die einzelnen Bürgerinnen und Bürger, welche frei und autonom sind, sich aber aus ihrem Selbstinteresse für ein gemeinsames Wohl einsetzen. Dabei entstehen neue Formen der Solidarität (Howell & Pearce 2002: 18-31). Der Ansatz wurde im Kontext des ideologischen Neoliberalismus weiter stark geprägt. Dabei wurde die Effizienz des Marktes zelebriert und der Staat als Akteur von ökonomischer Entwicklung verspottet. So wurde zum Beispiel die Zivilgesellschaft in Form von Nichtregierungsorganisationen (NGO) als neuer alternativer Lieferant von Sozialleistungen und Wohlfahrt gesehen. Sie bildete eine neue Art von Moral, Werte wie Freiheit und Autonomie wurden gefeiert. Die Zivilgesellschaft bildete wie der Markt eine Arena der Selbstregulierung (Howell & Pearce 2002: 65, 90-91). Die Zivilgesellschaft hat dabei allerdings die Rolle einer ausgleichenden, nicht ganz unsichtbaren Hand. Grundsätzlich bildet die Zivilgesellschaft in der Mainstream Ansicht eine Sphäre von aktiven Bürgerinnen und Bürgern, die die Verantwortlichkeit und die Transparenz des Staates überprüfen und gemeinsam mit der privaten Ökonomie nach Lösungen für soziale Probleme suchen (Howell & Pearce 2002: 230).

Der zweite Ansatz, welcher vor allem aus der Kritik des jeweils anderen Ansatzes entstanden ist, wird als der Alternative Ansatz bezeichnet. Dieser Ansatz steht der harmonischen Beziehung der drei Sphären, Staat, Markt und Zivilgesellschaft, misstrauisch gegenüber. Er sieht in dieser Darstellung die Zivilgesellschaft als ein Konstrukt von Ungleichheiten und Ausbeutung aufgrund des vorherrschenden kapitalistischen Marktes. Die Gefahr von individueller Gier sei dabei viel zu gross und die einzelnen Zivilistinnen und Zivilisten würden ihre Rechte nicht mehr für ein gemeinsames Wohl einsetzen. Dabei sollen genau die Werte der gegenseitigen Unterstützung und Solidarität eine Basis gegen die Schwierigkeiten kapitalistischer Entwicklungen und aufkommender Individualität formieren. Der Alternative Ansatz sieht die Zivilgesellschaft vielmehr als einen politischen und intellektuellen Raum, indem alternative Formen für die Ökonomie und soziale Gerechtigkeit ermittelt werden. Denn die Zivilgesellschaft ist nicht da für eine reine Nutzenmaximierung abstrakter Individuen, sondern für die Erkennung der Ziele kollektiver Identitäten (Howell & Pearce 2002: 33-37, 230).

Trotz vieler Unklarheiten und unterschiedlicher Auffassungen des Konzepts der Zivilgesellschaft, gilt die Autonomie des Individuums und eine vor dem Staat geschützte gesellschaftliche Sphäre als deren zentrale Funktionen (Arenhövel 2000: 62). Auch Adloff Frank, Professor für Soziologie an der Universität Hamburg beschreibt den Begriff Zivilgesellschaft mit ihren Funktionen wie folgt:

„Gilt er den einen als ein radikales Reformkonzept, das demokratische Selbstregierung stärken und sowohl Übergriffe des Staates als auch der Marktwirtschaft bändigen soll, verbinden andere mit ihm die Vorstellung, dass die Bürger sich nicht länger auf den Sozialstaat verlassen, sondern die Dinge eigenverantwortlich selbst regeln sollten. In jedem Fall möchten diejenigen, die den Begriff der Zivilgesellschaft für politische Zwecke nutzen, damit eine „gute“ Form der gesellschaftlichen Organisation bezeichnen, die von einer „schlechten“ abgegrenzt werden soll.“ (Adloff 2005: 7).

Er spricht auch an, dass neben den ebenfalls zur Zivilgesellschaft zählenden Verhaltensstandards wie Toleranz, Gemeinsinn und Verständigung, das Konzept auch ein utopisches Moment enthält, nämlich das selbstregierende demokratische Zusammenleben. Der Begriff umfasst für ihn also Dreierlei: zivile Umgangsformen, einen gesellschaftlichen Bereich von Institutionen und ein utopisches Projekt (Adloff 2005: 8-9). Die beiden Professorinnen für Entwicklungsfragen Jude Howell und Jenny Pearce (2002: 4, 80-82) sehen in der Zivilgesellschaft vor allem ein politisches Instrument. Dabei fügt sich die Zivilgesellschaft in die Rolle eines kritischen Auges, die den Staat und den Markt überprüft. In Bezug auf die Entwicklungszusammenarbeit dient das Zivilgesellschaftskonzept als Hauptzutat zur Förderung von Good Governance (zu deutsch: verantwortungsvolle Regierungsführung). Dabei setzen Geber, in Form von Regierungen, NGOs und weiteren institutionellen Organisationen, gezielt Regierungsangelegenheiten auf die Entwicklungsagenda, um neben der Wahrung von Menschenrechten, Demokratie zu fördern. Somit gilt das Zivilgesellschaftskonzept als die Kraft schlechthin, die das Antistaatliche, die Freiheit und Demokratie symbolisiert. Prinzipiell besitzt das Konzept eine politische Finalität (Ginther 1997: 161). Die effektive Nützlichkeit des Konzeptes kann in zwei Aspekte geteilt werden, in ein analytisches Konstrukt, wie auch in ein politisches Werkzeug von real existierenden Organisationen. Die analytische Anwendung der Zivilgesellschaft von sozialpolitischen Prozessen wird weitgehend als nutzbringend angesehen, wobei die durchgreifende politische Intervention von zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren zur Entwicklungsförderung stark umstritten ist (Lewis 2002: 569).

2.2 Geschichtliche Entwicklung der westlichen Zivilgesellschaftskonzepte

Bevor die Zivilgesellschaft im Kontext der Entwicklungszusammenarbeit angeschaut werden kann, ist eine Ergründung des eigenen geschichtlichen Kontextes wichtig. Die heute fast selbstverständlich wirkenden Grundsätze des Westens wie Freiheit, Demokratie und deren Zusammenhang mit dem Zivilgesellschaftskonzept, beruhen auf mehreren historischen Ereignissen. Selbst die zwei konkurrierenden Ansätze berufen sich auf zwei unterschiedliche Wurzeln und das gängige Dreiecksmodell unserer gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Ordnung galt erst mit der Zeit als gegeben.

Der Mainstream Ansatz datiert seine Wurzeln bereits im antiken Griechenland, wobei damals schon über die Rolle des Staates, der Individuen und der Gesellschaft diskutiert wurde (Howell & Pearce 2002: 17). Aristoteles bezeichnete das Phänomen einer herrschaftsfreien Assoziation von Gleichgesinnten als koinonía politikè (Arenhövel 2000: 58) . Damit war eine Gemeinschaft von männlichen, freien Bürgern gemeint, welche sich zum Zwecke des Guten, also eines tugendhaften Lebens zusammenschlossen. Diese Bürger[1] mussten jeweils genügend Eigentum und Handlungsfreiraum besitzen, um sich um die politischen und öffentlichen Angelegenheiten kümmern zu können. Der Begriff der Zivilgesellschaft hat seit mehr als 2000 Jahren nie seine inhaltliche Bedeutung verloren, dass die Bürgerschaft grundsätzlich über Selbstbestimmung verfügt (Adloff 2005: 17-18). Im 17. Jahrhundert kamen erste Ambitionen politischer Gleichheit und Freiheit auf. Die Loslösung der einzelnen Subjekte aus den Verwandtschafts- und Familienbunden wandelte die Natur der Zivilgesellschaft, zu einer auf Freiwilligkeit und Individualismus basierenden (Howell & Pearce 2002: 18-19). Das moderne Individuum trat langsam bei John Locke (1632-1704) in Erscheinung, um seinen privaten Raum zu schützen und dem Staat seine Grenzen aufzuzeigen (Adloff 2005: 22). Dabei wurden die Idee einer unabhängigen gesellschaftlichen Sphäre und der Kontrolle über den Staat ausgeführt (Arenhövel 2000: 62). Doch eine strikte Separierung der Zivilgesellschaft vom Staat erfolgte erst zur modernen Wende im 18. Jahrhundert im Zuge der Aufklärung. Mit G. W. F. Hegel (1770-1831) löste sich schlussendlich diese Identitätsformel von Staat und Zivilgesellschaft auf. Die Gesellschaft bildete für ihn Wirtschaftsbürger, die den eigenen Interessen willkürlich nachgingen (Adloff 2005: 23-32). Der Ursprung des liberalen Konzeptes lag bei Alexis de Tocqueville (1805-1859), der die Autonomie der Bürger und ihre Kompetenzen zur Selbstorganisation hervorhob (Neubert 2010: 213). Er sah als Erster die Zivilgesellschaft in gleichwertiger Relation zum Staat und dem Markt. Diese Beziehung beruht auf Kooperation und Vertrauen (Lewis 2002: 571).

Der Alternative Ansatz führt die Wurzeln des Zivilgesellschaftskonzeptes weg von den liberalen Vorstellungen des 18. Jahrhunderts. Im mittelalterlichen Europa kam die Idee der Brüderlichkeit auf, denn damals wurden Freundschaften und Loyalität wertvoller angesehen als das Individuum. Die Verwandtschaftsbunde werden auch heute nicht als primitiv angesehen, sondern dienen als Quelle der Solidarität (Howell & Pearce 2002: 31-32). Von Antonio Gramsci (1891-1937) wurde die Zivilgesellschaft als Raum gesellschaftlicher Konflikte verstanden und die Idee der Zivilgesellschaft als Akteur für radikale Kritik und Wandel wurde ermöglicht (Neubert 2010: 213).

Adloff (2005: 83) sieht bei beiden Konzepten die Zivilgesellschaft als einen öffentlichen Raum, der eine Vergesellschaftung von Bürgerinnen und Bürgern ermöglicht. Die heutige Dreieinigkeit zwischen dem Markt, dem Staat und der Zivilgesellschaft hatte sich erst historisch entwickelt. Zu Zeiten der Aufklärung wurde die Zivilgesellschaft noch nicht von der Wirtschaft getrennt und es herrschte eine zweiseitige Beziehung zwischen dem Staat und der Gesellschaft. Erst durch die Kritik Gramscis und den aufkommenden negativen Auswirkungen des Marktes im neoliberalistischen Zeitalter wandelte sich das zweiteilige Modell zu einem dreiteiligen (Howell & Pearce 2002: 76).

Das ursprüngliche Konzept einer Zivilgesellschaft geriet nach und nach in Vergessenheit, um danach in den achtziger Jahren wiederentdeckt zu werden. Es bot sich eine neue zeitgenössische Relevanz, die sich vor allem im Osten Europas ausbreitete. Die Leitvorstellung, welche sich gegen eine Totalplanung durch die autoritären Staatsmächte wandte, wurde dabei avanciert. Auf diesem Weg kehrte das Konzept zurück in den Westen (Lewis 2002: 573/ Arenhövel 2000: 55). Mit der ökonomischen Stagnierung der sozialistischen Staaten und deren Zerfall, wurde der Weg für den aufkommenden Neoliberalismus geebnet. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden der Kapitalismus und die liberale Demokratie als triumphierender Sieger gefeiert und als normatives Ideal gerechtfertigt. Dies führte zu einer Allgegenwärtigkeit des liberalen Zivilgesellschaftskonzeptes, die Demokratie galt als die einzig erstrebenswerte Form der politischen Organisation (Howell & Pearce 2002: 4, 65). Im östlichen Europa wurde die Zivilgesellschaft als Waffe zur Überwindung totalitärer Regimes benötigt, wobei im Westen das Konzept genutzt wurde, um die Demokratien weiter zu demokratisieren (Adloff 2005: 12). Das Konzept kam zu einem nächsten Wendepunkt. Durch die sozial negativen Auswirkungen der reinen Marktwirtschaft, wurde in den 90ern die Zivilgesellschaft um einen Aspekt erweitert. Das sogenannte soziale Kapital, als Folge der zivilgesellschaftlichen Aktivitäten, gilt als eine Grundvoraussetzung für eine liberale stabile Demokratie. Die Entwicklungsagenden internationaler Geber entwickelten sich zu einer progressiven Zivilgesellschaftsförderung in den Entwicklungsländern mit dem Ziel das soziale Kapital zu heben und um schlussendlich Good Governance zu begünstigen (Howell & Pearce 2002: 25, 31, 66/ Fukuyama 2001: 7).

[...]


[1] Hier wird nur von männlichen Bürgern gesprochen, da zu dieser Zeit die Frauen nicht als Bürger galten. Sofern in dieser Arbeit weitere nur männliche Formen vorzufinden sind, hat dies mit dem geschichtlichen Kontext zu tun, da es sich effektiv nur um männliche Subjekte handelte, respektive nur diese eingeschlossen wurden.

Details

Seiten
34
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668718104
ISBN (Buch)
9783668718111
Dateigröße
624 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427367
Institution / Hochschule
Universität Zürich – Geographisches Institut
Note
6
Schlagworte
Zivilgesellschaft Entwicklungszusammenarbeit Entwicklung Ostafrika Zivilgesellschaftsförderung

Autor

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Titel: Zivilgesellschaft. Ein Garant für Entwicklung?