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Wie weit darf Kunst gehen? Tiere töten für einen höheren Zweck?

Am Beispiel Hermann Nitsch - Wiener Aktionismus

Essay 2017 7 Seiten

Kunst - Bildende Künstler

Leseprobe

Wie weit Kunst gehen darf ist eine Frage, die sicher schon häufig gestellt wurde. Es kursieren viele Meinungen über dieses Thema, doch eine endgültige Antwort kann weder ich, noch jemand anderes geben. Diese Frage hat viel mit Ethik und Moral zu tun und kann daher vielseitig interpretiert und ausgelegt werden. Um nicht die volle Komplexität betrachten zu müssen, fokussiere ich mich auf nur einen Künstler: Hermann Nitsch.

Wer sich ein wenig mit dem Wiener Aktionismus auseinandergesetzt hat, ist wahrscheinlich schon einmal über den Namen Hermann Nitsch gestolpert. Mit dem „Orgien-Mysterien-Theater“ oder dem „6-Tage-Spiel“ erreichte Nitsch große Bekannt. Seine Gesamtkunstwerke sollen alle Sinne ansprechen und sind geprägt von tierischem Blut, Organen, Kadavern, (Opfer-)Ritualen, Liturgie, Religionen, Wiedergeburt und so weiter.

Ein Thema für ein Essay zu finden fiel mir nicht ganz so leicht. Wenn man aus einem scheinbar unendlichen Pool von Themen wählen kann, liegt Überforderung nicht weit entfernt. Durch Zufall kam ich jedoch mit einem Kunststudenten ins Gespräch und dieses verlief von allgemeinen Themen bis hin zu extremen Künstlern/Kunstrichtungen, wie zum Beispiel Hermann Nitsch. Bis zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, dass solch eine Kunstrichtung existiert und sogar renommiert wird. Mein Interesse wurde durch Entsetzung und doch einem Hauch von Neugier geweckt. Des Weiteren habe ich mich schon privat viel mit Ethik und Moral über das Töten von Tieren beschäftigt. Nach Wissensbeschaffung und Selbstreflexionen kam ich zu dem Schluss Fleisch und jeglichen anderen tierischen Produkten den Rücken zuzukehren: Ich werde vegan! Mit diesem Essay und der Fragestellung möchte ich auch mehr über mich herausfinden, da ich den künstlerischen Aspekt von dieser Thematik noch nie betrachtet habe.

Wie vorhin schon erwähnt, sind die Werke von Nitsch etwas extremer und nicht leicht zugänglich. Es gibt viele Interpretationsmöglichkeiten, wie zum Beispiel den der Religion und Wiedergeburt, doch ich möchte mich nur auf den Aspekt der Tiere in seinen Werken beschäftigen. Der Wiener Aktionismus möchte Problematiken ansprechen, welche heimlich geschehen, und somit eine Änderung im Denken und Handeln der Menschen erreichen. Hermann Nitsch sagte selbst, dass "er doch nur das bewusst zu machen versuche, was in den Schlachthäusern, versteckt von der Öffentlichkeit, andauernd geschehe“ (Landa 1998, Tiere der Kunst oder Kunst den Tieren opfern?). Damit ist die Tabuisierung der Tötung und die direkte Auseinandersetzung mit Fleisch gemeint. Das Töten und zerlegen der Tiere wird von Schlächtern übernommen, wodurch wir als Konsequenz den Bezug zum tatsächlichen „Produkt“ verlieren, wenn wir das sauber verpackte Fleisch im Supermarkt sehen. Nitsch bezeichnet sich selbst als Tierschützer[1] und behauptet, dass er Tiere liebe. 98% der Tiere, die er in seinen Werken verwendet, sind vom Metzger oder Schlachthaus gekauft[2]. In den anderen 2% wurden Tiere gekauft, welche ohnehin geschlachtet werden sollten. Behauptet wird, dass die Tiere zuvor schon von der Gesellschaft zur Nahrungsaufnahme getötet worden seien. Das verwendete Fleisch sollte seiner Meinung nach auch verzehrt werden, insofern die Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften erfüllt werden können. Damit würde sichergestellt werden, dass das verwendete Fleisch noch seiner ursprünglichen Funktion gerecht wurde.

Im Grunde genommen behauptet Nitsch, dass er mit seinen Performances Leute zum Nachdenken bringen, also auf das Leid der Lebewesen aufmerksam machen, möchte. Die verwendeten Tiere waren ohnehin schon zum Tode verurteilt und verschwendet wird auch nichts, da das Fleisch im Nachhinein gegessen wird.

Eine Vielzahl von Menschen hat sich über seine Aktionen mehr als nur aufgeregt, er bekam sogar Morddrohungen[3]. Wenn sich Männer und Frauen im Blut und Gedärm eines Schweines wälzen, wie in Ekstase singen, einer Frau mit verbundenen Augen am Kreuz Blut eingeflößt wird, ist es kein Wunder, dass bei solchen provokanten Auftritten Politiker, Umweltschützer und Theologen in Rage geraten. Wenn man Nitsch seine Aussagen glaubt, möchte er ja nur auf die Tötung der Tiere aufmerksam machen, damit wäre der Aufruhr der Umweltschützer unbegründet. Immerhin versucht er ja dasselbe wie sie, nur mit anderen, drastischeren Mitteln. Sollten sich außenstehende Leute, die nichts mit dem Künstler oder der Kunstart zu tun haben, über all dies beschweren, könnte man ihnen vorwerfen selbst nicht besser zu sein. Falls diese nämlich keine Vegetarier/Veganer sind, oder ihr Fleisch aus humanen Einrichtungen beziehen, wird etwas genauso Grausames erledigt und unterstützt. Der Unterschied dazwischen ist nur, dass Nitsch es in der Öffentlichkeit macht. All der Horror, der hinter dem abgepackten Billigfleisch steckt wird nicht berücksichtigt oder gar verdrängt. Ist das nicht fast schon schlimmer? Was ebenso interessant und verwunderlich zugleich ist, ist die Unterscheidung, wann die Tötung von Tieren erlaubt und wann nicht erlaubt ist. So darf man zum Beispiel ein Tier zum Verzehr töten und dies wird auch als legitim angesehen. Doch als Tiere getötet werden sollten, um sie als Requisiten zu verwenden, wurde es untersagt[4], obwohl die Tiere danach ebenso gegessen werden sollten. Mir stellt sich hier die Frage, wer darüber entscheidet, was von den beiden Sachen in Ordnung ist und was nicht.

Es ist klar, dass die Verbesserung der tierischen Lebensumstände nicht der Beweggrund Nitsches ist seine Werke zu vollziehen, aber zumindest ein kleiner Aspekt davon. Nachdem ich mir jedoch eigene seiner Interviews durchgelesen habe, finde ich widersprüchliche Aussagen. In einem Interview[5] antwortet er auf die Frage, ob er Leute, die ihm Blasphemie vorwerfen, oder Tierschützer weniger mag. In seiner Antwort bezeichnet er sich selbst als Tierschützer und erwähnt seine Liebe zu Tieren, sowie zu ihren Gedärmen, deren rohen Fleisch und Kadavern. Außerdem macht Nitsch die Aussage mit der Tierliebe erst, nachdem er Morddrohungen bekommen hatte. Dies lässt den Eindruck erwecken, dass er die Sympathie der Tierschützer gewinnen möchte, auch wenn er dafür Aussagen macht, die nicht seiner tatsächlichen Denkweise entsprechen. Vielleicht verwendet er diese Argumentation auch nur als Ausrede, um seine obskuren Akte legitimer zu gestalten. An sich gesehen ist das Verhältnis zwischen den beiden Formen der Liebe etwas widersprüchlich, doch ein totes Tier zu verwenden um auf das Elend anderer aufmerksam zu machen erscheint mir doch etwas blasphemisch. Natürlich kann man argumentieren, dass nur unter der Verwendung von echten Tieren, deren Geruch und alles was dazugehört, diese einzigartige Stimmung erschaffen werden kann, doch ist es möglich dies als sogenannter Tierfreund und Tierschützer, wie er sich selbst bezeichnet, mit sich selbst zu vereinbaren? „Aber hat das hemmungslose Ausagieren von Gewalt jemals zu Heilung geführt? Genauso wenig wie die Menschen durch Krieg, werden sie sich durch Teilnahme an einem Orgienspektakel bessern.“ (Landa 1998, Tiere der Kunst oder Kunst den Tieren opfern?). Nitsch wurde sogar schon einmal mit einer recht guten Argumentationsweise[6] vorgeschlagen, den verwendeten Ochsen nicht zu töten, doch dieser kam nicht gut an. Es wurde gesagt, dass der Stier die tierischen Eigenschaften im Menschen verkörpert, welche auf Dauer nicht unterdrückt werden können. Sie meinten, ob es nicht weise wäre, die Tiere dann am Leben zu lassen. Die von Nitsch erwähnte Wiedergeburt sei nicht so real wie die Tötung. So gesehen handele es sich nicht um das Erleben des Mysteriums Tod und Auferstehung, sondern um ein bloßes Orgien-Spektakel. Man muss gestehen, dass die Seite des Interviewers etwas radikaler eingestellt ist. Verständlich ist deren Sichtweise, doch ebenso die von Nitsch. Wenn jemand einem vorschreibt, wie man sein Lebenswerk zu gestalten hat, würden viele mit Entsetzen reagieren. Nitsch meinte selbst, dass seine Aktionen abändern, oder gar loszulassen, wie Sterben sei.

Nach wie vor ist es schwierig die Fragestellung des Essays zu beantworten. Generell würde ich sagen, dass Kunst ein wenig Freiheit braucht, damit sie sich entfalten kann. Dennoch braucht es Grenzen, die von Kultur oder Staat festgelegt sind, welche entscheiden, was ethisch nicht vertretbar sind. Oftmals entstand Kunst auch nur auf Grund von Unterdrückung irgendwelcher Rechte, also als Gegenbewegung.

Meine Meinung ist hier etwas zwiegespalten: Ich würde meine Ethik als physiozentrisch[7] bezeichnen, und von dem Standpunkt aus kann ich die Akte der Tötung selbst nicht für die der Kunst akzeptieren. Ich würde behaupten, dass es genügend andere Wege und Mittel gibt, wodurch man sich selbst ausdrücken kann, ohne das anderen Wesen Leid zugeführt, oder gar das Leben zu nehmen. Auf der anderen Seite könnte man argumentieren, dass die Tiere in Nitsches Werken einen höheren Tod gestorben sind. Ist der Tod eines Lebewesens vertretbar, wenn dadurch eventuell weniger getötet werden? Der Utilitarismus bestärkt diese These nur. Das Gruppenglück der dadurch weniger getöteten Tiere ist quantitativ größer und demnach bedeutender als das Leben der wenigen Vereinzelnden, in den Werken ihr Leben lassen mussten. Des Weiteren gibt es für mich wichtigere Themen, auf dein man seinen Fokus setzen sollte. Es geschehen grausamere Dinge, bei denen tausende von Lebewesen, abseits der öffentlichen Wahrnehmung, umkommen.

[...]


[1] Vgl. dpa 2016

[2] Vgl. Schultejans 2018

[3] Vgl. Mehlig 2016

[4] Vgl. APA/her 2013

[5] Vgl. Landa 1998

[6] Vgl. Landa 1998

[7] physiozentrische Ethik verlangt bei Einnahme des objektiven Standpunktes der Moral auch das Wohl der außermenschlichen Natur miteinzubeziehen (Fenner 2013, S. 161)

Details

Seiten
7
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668713253
ISBN (Buch)
9783668713260
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427225
Institution / Hochschule
Karlshochschule International University
Note
1,6
Schlagworte
Hermann Nitsch Wiener Aktionismus Vegan Kunst

Autor

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