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Der klientenzentrierte Ansatz nach Rogers. Darstellung und Diskussion am Beispiel eines fiktiven Beratungsgesprächs

Ausarbeitung 2017 13 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die humanistische Psychologie

2.Die Personenzentrierte Haltung
2.1 Die Selbstaktualisierungstendenz
2.2 Das therapeutische Basisverhalten
2.2.1 Empathie
2.2.2 Unbedingte Wertschätzung
2.2.3. Kongruenz

3. Interventionsstrategien
3.1 Spiegeln
3.2 Konfrontieren
3.3. Zusammenfassen
3.4 Konkretisieren
3.5 Perspektivwechsel anbieten

4. Klientenzentrierte Techniken am Beispiel einer möglichen Beratungssituation
4.1 Die fiktive Situation
4.2 Analyse des fiktiven Beratungsgesprächs

5. Diskussion

6. Fazit

Einleitung

Diese Arbeit untersucht und diskutiert den klientenzentrierten Ansatz nach Carl Rogers am Beispiel einer fiktiven Beratungssituation. Dazu wird zunächst die humanistische Psycholo- gie vorgestellt. Darauf aufbauend folgt eine Erläuterung der personenzentrierten Haltung, aus der die Selbstaktualisierungstendenz, das therapeutische Basisverhalten, sowie die Inter- ventionsstrategien hervor gehen. Im Anschluss werden eine fiktive schulische Situation und ein dazu passendes Beratungsgespräch gezeigt und im Hinblick auf klientenzentrierte Tech- niken analysiert. Zuletzt wird der Ansatz insbesondere bezüglich Motivation, Konfrontation und Beurteilfreiheit diskutiert.

1. Die humanistische Psychologie

Die humanistische Psychologie, zu dessen Vertreter sowie wesentlicher Begründer Carl Rogers zählt, entwickelte sich in den 1950er Jahren als ein zum Behaviorismus und zur Psychoanalyse konträres Modell.

Elementare Charakteristika der humanistischen Psychologie sind folgende. Zunächst besteht die Annahme, dass „der Mensch […] in seinem tiefsten Inneren gut [ist]“ 1 Daraus folgt die Zuschreibung ungünstiger Erfahrungen in der Umwelt als Ursache für negatives Verhalten. Rogers postuliert darüber hinaus, der Mensch sei durch seine eigenen Kräfte fähig, Selbst- bestimmung, Unabhängigkeit und Erfolg zu erreichen. Außerdem habe er, wie auch der Neo- Psychoanalytiker Otto Rank betont, einen Willen zur Gesundheit. Weiterhin beschreibt die humanistische Psychologie das zwischenmenschliche Verhältnis als dialogisches Prinzip.

Daraus resultierend ist es dem Menschen nur in der Beziehung zum Gegenüber möglich, sich selbst zu erfahren.

Aus diesen Merkmalen lässt sich eine Prozesshaftigkeit psychischen Erlebens, zu dessen Veränderung der Mensch durch eigene Kräfte fähig ist, herauskristallisieren.2

2.Die Personenzentrierte Haltung

2.1 Die Selbstaktualisierungstendenz

An den vorangegangenen Erläuterungen lässt sich die Annahme der Selbstaktualisierungs- tendenz anknüpfen, welche nach Rogers „das eigentliche Fundament des personenzentrier- ten Ansatzes“3 bildet. Diese geht von dem Besitz einer immanenten Tendenz zur Entfaltung wachstumsdienlicher Fähigkeiten aus; der existenzielle Antrieb und die Grundkraft des Menschen.4 Eine Deformation dieser Tendenz zeigt sich beispielsweise bei Menschen mit aggressivem Verhalten. Ihre Selbstaktualisierungstendenz ist gehemmt, jedoch nicht zer- stört, denn ihr Handeln ist Ausdruck eines verzweifelten Wachstumsversuches. Die Ent- schlüsselung dieser Versuche resultiert im Verständnis ihres Verhaltens.5

2.2 Das therapeutische Basisverhalten

Das therapeutische Basisverhalten umfasst drei in Wechselwirkung stehende Bedingungen6 zur Förderung eines sozialen Klimas: Empathie, unbedingte Wertschätzung und Kongruenz. Dieses soll die Potenziale der soeben beschriebenen Selbstaktualisierungstendenz erschließen, dem Klienten oder der Klientin also ermöglichen, sich selbst zu begreifen und dadurch Einstellungen, sowie Verhaltensweisen zu verändern.7

2.2.1 Empathie

Empathie und die damit einhergehende Fähigkeit zur Perspektivübernahme drückt der oder die Beratende durch sensibles und aktives Zuhören aus. Damit kann zunächst in Gefühle und Blickwinkel des oder der KlientIn eingesehen werden, bevor es im zweiten Schritt zum mög- lichst treffenden Mitteilen des Verstandenen kommt. Resultat ist ein Verstehen und Aus- tausch von bewussten, wie auch teilweise unbewussten Gefühlsbedeutungen, was schließlich dazu führt, dass8 "der Klient […] mehr von seinem aktuellen Erleben […] in seinem Bewusstsein zulässt."9

2.2.2 Unbedingte Wertschätzung

Unbedingte Wertschätzung zeigt sich in verbalen und ebenso nonverbalen Ausdrücken der Anerkennung, Achtung und Respektierung der Person als wertvoll. Hervorzuheben ist dabei eine beurteilsfreie Zuwendung.10

2.2.3. Kongruenz

Kongruenz meint Echtheit, die im Beratungskontext insofern umgesetzt werden soll, als dass Gefühle von Seiten des oder der Beratenden nicht unterdrückt werden, sondern ihm oder ihr bewusst sind. Eigene Gefühle können dem oder der KlientIn mitgeteilt werden, dienen je- doch bevorzugt des verbesserten einfühlenden Verstehens und der Wertschätzung des oder der KlientIn. Ferner kann eine hilfreiche Ehrlichkeit erreicht werden, die nach Hackney und Cormier (1993) folgende Intentionen hat:11

„- Es entsteht Sicherheit. Der Klient weiß, was und wie der Berater denkt und fühlt.

- Der Klient erhält die Möglichkeit, am Modell des Beraters zu lernen. Wenn der Berater seine Gefühle und Gedanken offen ausdrückt, wird der Klient ermutigt, es ebenso zu tun. - Der Klient erhält durch den Berater ein wichtiges Feedback. Er kann auf diese Weise erfahren, wie andere Menschen ihn wahrnehmen und erleben.“12

Einige Autoren bewerten die Kongruenz als primäres Merkmal, ohne das die anderen Basishaltungen nicht zu erreichen sind.13

3. Interventionsstrategien

Es ist von Nutzen, das vorgestellte Basisverhalten durch die folgenden fünf Interventionsstrategien zu erweitern.14

3.1 Spiegeln

Wie schon in 2.2.1 beschrieben, hat das empathische Zuhören bewertungsfreie Mitteilungen des Verstandenen zur Folge. Diese Mitteilungen fungieren als Spiegel der Gefühle und Um- stände, welche damit reflektierter und distanzierter betrachtet werden können.

3.2 Konfrontieren

Das Konfrontieren beinhaltet, auf Diskrepanzen zwischen dem Verhalten und Äußerungen aufmerksam zu machen. Damit dient sie der Wahrnehmung von Fehlinterpretationen, Rati- onalisierungen und Inkongruenzen bezüglich eigener Gefühle, anderer Personen oder Ver- haltensweisen. Daraus folgend führt sie zu einer angstfreien Auseinandersetzung mit Wider- sprüchlichkeiten, sowie Entwicklung von Handlungsplänen und fördert die angestrebte Kon- gruenz des oder der KlientIn. Unbedingt zu beachten ist hierbei eine stabile und akzeptie- rende Beziehung, sodass die Konfrontation nicht als Blamage, Kritik oder Vorwurf aufge- fasst wird.15

3.3. Zusammenfassen

Insbesondere sobald der oder die KlientIn ein großes Mitteilungsbedürfnis in Form von vie- len Berichten zeigt, bietet es sich an, das Gehörte mit Hilfe von folgenden Strategien zu- sammenzufassen. Das Akzentuieren bedeutet, besondere Äußerungen hervorzuheben, um deren Wichtigkeit zu betonen. Mit der Gegenüberstellung von beispielsweise verschiedenen Problemlösungsmöglichkeiten wird dem oder der KlientIn bei einer klaren Auseinanderset- zung und Entscheidungsfindung geholfen. Das Aufgreifen des Roten Fadens ist unterstüt- zend, sobald die Erzählungen des oder der KlientIn durcheinander wirken; es hat die Ordnung von Gedanken und das Erkennen von Zusammenhängen zum Ergebnis. Insgesamt kommt die Zusammenfassung also der Rückmeldung von Verstandenem zugute.16

3.4 Konkretisieren

Setzt der oder die BeraterIn die Technik des Konkretisierens ein, so „[fragt] er nach konkre- ten Situationen, Gefühlen, Aussagen und Verhaltensweisen, nach konkreten Beispielen […].“17 Hilfreich ist dieses bei KlientInnen, die über eigenes Erleben in nur abstrakter Form sprechen oder für jene, die nur wenig aussagekräftige Begriffe zur Beschreibung ihres Emp- findens verwenden. Das Konkretisieren kann diesen Personen einen besseren Kontakt zum eigenen Erleben ermöglichen. Darüber hinaus dient diese Technik der kontinuierlichen For- mulierung konkreter Ziele, welche zur Planung von konkreten Handlungsschritten und zum Ausprobieren konkreter Verhaltensweisen führt. 18

3.5 Perspektivwechsel anbieten

Der Perspektivwechsel meint ein ,gedankliches Rollenspiel‘, in dem der oder die KlientIn sich in spezifische Situationen und/oder Personen hineinversetzt. Ängste im Hinblick auf diese Situationen und/oder Personen können damit ermittelt werden.19

4. Klientenzentrierte Techniken am Beispiel einer möglichen Beratungssituation

4.1 Die fiktive Situation

An einer inklusiven Gesamtschule fällt Leon vermehrt durch dissoziales Verhalten im Eng- lischunterricht auf. Dies zeigt sich insbesondere, indem er Regeln missachtet; z.B. verwei- gert er während der gesamten Unterrichtsstunde sich zu setzen. Konsequenzen zu tragen (z.B. den Klassenraum verlassen, gemeinsames Regeln Erarbeiten oder Nachholen von Un- terrichtsinhalten) verweigert er. Jenen Aufforderungen wiedersetzt er sich aktiv. Er wird ag- gressiv und tritt gegen die Tür oder schmeißt Stühle auf den Boden. Bei Gesprächsversuchen ist er nicht einsichtig, sowie wütend und beleidigt. Die Klassenlehrerin hat ihn nun angewie- sen, die wöchentliche Beratungsstunde einer sonderpädagogischen Lehrkraft der Schule zu besuchen.

4.2 Analyse des fiktiven Beratungsgesprächs

B: Hallo Leon, was l ä sst dich zu mir kommen?

L: Frau M ü ller meint, ich m ü sste kommen, weil ich manchmal Schei ß e baue. Ich wei ß aber nicht, was das bringen soll. Die darf mich eigentlich auch nicht zwingen, hier her zu kommen.

B: Ich verstehe, dass du genervt davon bist, dass jemand f ü r dich die Entscheidung trifft, hier her zu kommen. Ich freue mich aber, dass du trotzdem bereit bist, mit mir zu reden und ich m ö chte auch klarstellen, dass ich gerne bereit bin, mir anzuh ö ren, was du zu sagen hast. Ich m ö chte dir keine Vorschriften machen, sondern mir deine Sichtweise anh ö ren und mit dir sprechen. Selbstverst ä ndlich werde ich alles, was du mir erz ä hlst, f ü r mich behalten.

L: Ok.

Hier zeigt sich die unbedingte Wertschätzung in Form einer beurteilsfreien Zuwendung. Ob-

wohl der Schüler bereits von „Scheiße bauen“ spricht, nimmt die Beraterin noch keine Wertung vor, sondern signalisiert, dass sie an seiner Perspektive interessiert ist. Damit einher geht die Akzeptanz seiner Person. Des Weiteren zeigt die Beraterin Empathie, indem sie bewertungsfrei mitteilt, wie sie die aktuelle Gefühlslage des Schülers nach seinen vorherigen Beschreibungen versteht: „Ich verstehe, dass du genervt davon bist […]“

B: Habe ich richtig verstanden, dass du zu mir gekommen bist, weil Frau M ü ller das wollte?

L: Ja, und weil sie mich nervt.

B: Also bist du auch gekommen, um mir zu erz ä hlen, was dich nervt? L: Ja.

B: Ich m ö chte sehr gerne erfahren, was dich nervt.

Der Schüler sagt hier zunächst, er sei aufgrund einer Anweisung gekommen. Danach stimmt er aber zu, dass er gekommen sei, um zu erzählen, was ihn nervt.

[...]


1 Boeger: Psychologische Therapie- und Beratungskonzepte, S. 70.

2 Vgl. Boeger: Psychologische Therapie- und Beratungskonzepte, S. 70f.

3 Breitenbach: Personenzentrierte Beratung, S. 37.

4 Vgl. ebd., S. 36f.

5 Vgl. ebd., S. 37.

6 Vgl. ebd., S. 42.

7 Vgl. ebd., S. 37.

8 vgl. ebd,, S. 38.

9 ebd.

10 Vgl. Breitenbach: Personenzentrierte Beratung, S. 39f.

11 Vgl. ebd., S. 40f.

12 Ebd., S. 41.

13 Vgl. ebd., S. 42.

14 Vgl. ebd.. S. 43.

15 Vgl. Breitenbach: Personenzentrierte Beratung, S. 44f.

16 Vgl. ebd., S. 46f.

17 Ebd., S. 47.

18 Vgl. ebd.

19 Vgl. ebd.

Details

Seiten
13
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668715608
ISBN (Buch)
9783668715615
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v427085
Institution / Hochschule
Universität zu Köln – Department für Heilpädagogik und Rehabilitation
Note
1,0
Schlagworte
klientenzentrierter Ansatz psychologische Beratung Psychologie Beratung Rogers

Autor

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Titel: Der klientenzentrierte Ansatz nach Rogers. Darstellung und Diskussion am Beispiel eines fiktiven Beratungsgesprächs