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Die Belagerung von Orléans 1428 und 1429 als Umbruch in der Belagerungstechnik

Seminararbeit 2018 25 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Fünfzehn Entscheidende Schlachten 3

1.1 Methodologie und Forschungsfragen 4

1.2 Begriffliches 4

2. Once more onto the Breach 5

2.1 Die Belagerung von Orléans 8

2.2 Technologie und Vorgehensweise während der Belagerung 12

2.2.1 Bildhaftes 18

2.3 Konsequenzen 20

3. Brachte diese Belagerung den Umbruch? 22

4. Literaturverzeichnis, Verzeichnis der verwendeten Internetquellen und Abbildungsverzeichnis. 23

Literaturverzeichnis 23

Verzeichnis der verwendeten Internetquellen 23

Abbildungsverzeichnis 24

1. Fünfzehn Entscheidende Schlachten

Kleine Preisfrage: Was haben die Schlachten in Marathon, 490 vor Christus, bei Gaugamela, 331, im Teutoburger Wald, 9 nach Christus, auf den Katalaunischen Feldern, 451, bei Hastings, 1066, um Orléans, 1428/1429 und auf den Feldern bei Waterloo, 1815, gemeinsam? Allesamt sind für die Weltgeschichte von nachhaltiger Bedeutung, wie Sir Edward Shepherd Creasy feststellte, als er die fünfzehn entscheidendsten Schlachten der Weltgeschichte zusammenstellte und im Jahre 1851 ein Buch über sie veröffentlichte.

Macrohistorisch und sehr eurozentrisch, gespickt mit langen Erklärungen, warum gerade diese Schlachten und Belagerungen für die Geschichte der Menschheit von Bedeutung waren und sind, ist dieses Buch wahrscheinlich auch sehr stark von seiner Zeit geprägt worden. Von diesen fünfzehn Schlachten wurden zwei nicht auf dem europäischen Kontinent ausgetragen, nämlich Gaugamela nahe dem heutigen Erbil und die Schlachten von Saratoga 1777 in den USA und nur eine wurde ohne Beteiligung europäischer Mächte geführt, erneut in Saratoga County.

Unter all diesen Schlachten und Gefechten sticht aber eine ganz besonders hervor: Die Belagerung von Orléans, 1428 und 1429. Nicht etwa, weil es die einzige Belagerung wäre, in diesem Werk gibt es insgesamt zwei (die andere ist die Belagerung von Syracus 413 vor Christus), vielmehr haben laut Creasy zwischen Hastings 1066 und Orléans keine entscheidenden Schlachten stattgefunden, welche einer weiteren Beschreibung würdig wären. Zwar wird der Feldzug Heinrichs V. und die Schlacht von Azincourt erwähnt, aber nicht weiter auf sie eingegangen.

Für Frankreich war die Belagerung von Orléans von entscheidender Bedeutung, begann doch hier der Mythos ihrer nationalen Heiligen und Ikone und leitete in effectu einen Wendepunkt im Hundertjährigen Krieg, jenem Konflikt von 1337 bis 1453, ein, wenn nicht sogar den Wendepunkt.

Sie leitete aber auch einen anderen Wendepunkt in der Geschichte ein, nämlich der des Belagerungswesens, denn die Belagerung von Orléans tritt wie der Vorbote einer neuen Zeit in Erscheinung, der Zeit des Schießpulvers und der Kanone, deren Feuerkraft selbst festen Stein zermalmen kann – wenngleich Kanonen nicht das erste Mal in Schlachten oder Belagerungen zur Anwendung kamen.

Aufgrund der Bedeutung, befasst sich diese Arbeit mit der Belagerungstechnik in der Schlacht von Orléans und spezifisch mit dem Einsatz von Kanonen.

1.1 Methodologie und Forschungsfragen

Methodologisch ist diese Arbeit eine Literaturarbeit, demzufolge eine Untersuchung, die verschiedenes Schriftgut auswertet, anschließend Erkenntnisse präsentiert und letztlich eigene Schlußfolgerungen ableitet, die mit Hilfe von Quellen, namentlich Abbildungen in Chroniken, untermauert werden. Der Schwerpunkt liegt vor allem bei der Technik und Technologie, insbesondere der Kanone.

Bei der Literaturrecherche wurde ein Sachverhalt sehr schnell deutlich: Abhandlungen über die eigentliche Belagerung sind zumindest in Englischer und Deutscher Sprache relativ schwer zu finden, größtenteils liegt der Fokus auf der Gestalt von Johanna von Orléans – eine Figur, welche in dieser Arbeit größtenteils ausgeklammert wird, allerdings Erwähnung finden muss. Wie sich diese Sachlage in der französischen Literatur oder in anderen Sprachen darstellt, ist mir nicht bekannt. Zu beachten ist auch, dass es sich in vielen Fällen um Staatsgeheimnisse handelt, die analog zu den heutigen militärischen Angelegenheiten und Rezepten einer strengen Geheimhaltung unterlagen – auch wenn die moderneren Geheimnisse vielleicht einmal gelüftet werden, so werden ältere wohl nicht mehr aufgedeckt werden können. Es existieren zwar Rezepte, ganz besonders über die Salpeterherstellung, ein anderes Staatsgeheimnis, welches von Männern wie Roger Bacon in seinem Opus Majus überliefert wurden, allerdings mangelt es größtenteils an Beispielen praktischer Anwendungen und ihrer Durchführung.

Nichtsdestoweniger mündet alles in der Forschungsfrage:

Inwieweit stellt die Belagerung von Orléans einen Umbruch in der Belagerungstechnik dar?

Die Beantwortung dieser Frage wird hauptsächlich auf Grundlage des englischen Feldzuges und Technologie erfolgen.

1.2 Begriffliches

In dieser Arbeit wurde bereits und wird auch weiterhin von Engländern und Franzosen, von England und Frankreich gesprochen – eigentlich ein großer Fehler, da diese genutzt werden, als würde man von den modernen Entitäten des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Nordirland, beziehungsweise von seinem Landesteil England, sowie von der Republik Frankreich und ihren Bewohnern sprechen. Bis zu ihrer Genese sollte es aber noch eine Weile dauern, allerdings wurden die Namen aus Ermangelung besserer Begriffe gewählt.

2. Once more onto the Breach

Once more onto the Breach, dear friends, once more, or close up the walls with our English dead! “ , ruft der Titelcharakter im Drama Henry V. seinen Truppen entgegen – 1415, während der Belagerung von Hafleur, nachdem seine Kanonen bereits Löcher in die Mauern geschossen hatten. Gelinde ausgedrückt, wäre die Behauptung absurd, dass englische Truppen bei der Belagerung von Orléans das erste Mal Feuerwaffen auf dem Schlachtfeld nutzten. Ein anonymer Chronist schrieb in der Gesta Henrici Quinti, dass Heinrich V. mit Kanonen und anderem schweren Gerät Harfleur angriff – mit großer Wirkungskraft und unter französischem Gegenfeuer, ebenfalls aus der Gesta bekannt.

Ungefähr seit dem 13. Jahrhundert kannte man ein Pulver, welches binnen weniger Jahrzehnte zum Standardwerkzeug der Militärs und Strategen wurde und hauptsächlich aus Kaliumnitrat KNO3, bestand. An dieser Stelle soll der genaue chemischen Prozesse von Herstellung, Lagerung und Nutzung nicht erläutert werden, da es für diese Arbeit unerheblich ist.

Tatsache ist allerdings, dass dieses harmlos aussehende schwarze Pulver wahrscheinlich eines der wichtigsten Importe aus China war, wo es bereits seit einem unbestimmten Zeitraum bekannt war und sowohl für Raketen als auch für Feuerwaffen genutzt wurde. Die Mongolen sollen das Wissen um dieses Kriegsmittel, auch mit praktischen Demonstrationen, nach Europa und in den Nahen Osten getragen haben – man kann davon auszugehen, dass die Europäer keine allzu großen Freunde dieser Feuerwerke waren . Auch kamen aus China die ersten Feuerwaffen, noch relativ primitiv in ihrer Ausführung, jedoch bot die Nutzung der Feuerlanzen schon einen kleinen Ausblick auf die Wirkung, die Europa erwarten sollte.

Die ersten Traktate zu Schießpulver und Feuerwaffen europäischer Mächte erschienen in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, das bereits erwähnte Opus Majus von Roger Bacon aus dem Jahr 1267 mit den ersten genauen Rezepturen – allerdings muss bei allen Quellen, die in Zusammenhang mit Schießpulver und Kanonen stehen, beachtet werden, dass sie nicht von Büchsenmachern geschrieben wurden, sondern von Laien, die selten auch nur die geringste Ahnung davon hatten, was sie genau beschrieben oder was sie abschrieben.

Sowohl für Bacon, als auch für seinen Vorgänger Albertus Magnus, der seine Rezepte aus mediterranen Quellen bezog, handelte es sich bei ihrem beschriebenen Pulver um ein wichtiges Zubehör für Kinderspielzeug. So wunderbar diese Handschriften auch sein mochten, so wurden sie wahrscheinlich von den ersten Männern der frühen Artillerie eher weniger als Lehrmaterial genutzt, ihre Lern- und Lehrprozesse sind bislang unerforscht, wahrscheinlich war ihre Nutzung und Ausbildung zumindest in den Anfängen sehr praxisnah.

Feuerwaffen wurden aber recht schnell adaptiert: Als im 14. Jahrhundert, genauer 1338, beispielsweise eine französische Streitmacht Southampton angriff und schließlich aus dem wichtigen Hafen an Englands Südküste zurückgedrängt wurde, reagierte König Edward III. mit der Belieferung von Waffen, Munition und Kriegsgerät für die Stadt, unter anderem auch der springalds, wie sie im Englischen heißen, im Deutschen der Rutte, einem Belagerungsgerät, welches horizontale Schüsse abgeben konnte. Wie auch der Baustil von God's House Tower und anderer Befestigungsanlagen der Stadt beweisen, besaß Southhampton bereits vor dem Ankauf weiterer Geschütze in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine Kanone und andere Feuerwaffen, da diese spezifisch für Feuerwaffennutzung gebaut wurden. Sie werden meist auf das späte 14. Jahrhundert datiert.

Auch Burgen wurden zu Verteidigungszwecken auf die Nutzung von Feuerwaffen vorbereitet, ein handfestes Beispiel ist die Burg bei Southampton, welche nach dem oben erwähnten Angriff umgebaut und 1386 seine ersten drei Kanonen erhielt. Auch deuten andere Hinweise darauf hin, dass sich Feuerwaffen in Privatbesitz befanden .

Die andere Seite, die der Belagerer, setzte gleichfalls ein neues, wenn auch noch recht ungenaues Mittel ein: Den Eisentopf, pot-de-fer auf Französisch, eine sehr primitive Geschützart, die angeblich von französischen Truppen in eben jenem Angriff auf Southampton eingesetzt worden war.

Auch berichten einige Quellen, dass Sultan Ismail I. im Jahr 1324 während der Eroberung von Huéscar entweder Kanonen oder unter Zuhilfenahme anderer Belagerungswaffen prinzipielle Vorläufer von Granaten in die Stadt abfeuerte.

Auch waren auf dem Schlachtfeld bereits Schießpulverwaffen bekannt: 1346 sollen die Engländer unter Edward III. bei Crécy Kanonen eingesetzt haben, einige kleine und geradezu primitive Geschütze, man kann allerdings davon ausgehen, dass diese Feldartillerie für den Ausgang der Schlacht ohne Bedeutung war.

Gerne wird auch auf die psychologische Wirkung der Feuerwaffen auf dem Feld hingewiesen, doch wage ich dies, zumindest bei der Infanterie und bei den mittelalterlichen Schlachten, zu bezweifeln.

Selbstverständlich kann es vorkommen, dass Pferde aufgrund des hohen Lärmpegels durchgehen, doch sollten gut trainierte und disziplinierte Soldaten diesem standhalten – analog zu den Tlaxcalteken und Otomi während der drei Schlachten, welche sie 1519 gegen Cortéz schlugen, bevor sie seine wichtigsten Verbündeten wurden. Diese Menschen, die in ihrem Leben noch nie den Donner einer Kanone vernommen hatten, zeigten sich davon nicht sonderlich beeindruckt, sondern antworteten mit schrillen Pfiffen und schmissen nach der Schlacht Staub in die Luft um ihren Rückzug zu verbergen und ihre Toten und Verwundeten vom Feld zu tragen. Dabei kann es sich um eine Eigenart der Tlaxcalteken und der Otomi handeln, die vorsichtig ausgedrückt kampferprobt und selbst nach spanischen Maßstäben absolut zähe Kämpfer waren, oder, es handelte sich um ein natürliches Wesensmerkmal professioneller Soldaten und Krieger.

Frühformen der späteren Handbüchse, sowie ihre Schützen gab es bereits im Jahr 1314 – Söldner im Dienste des englischen Königs.

[…]

Details

Seiten
25
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668721876
ISBN (Buch)
9783668721883
Dateigröße
831 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426843
Institution / Hochschule
Universität Salzburg
Note
2
Schlagworte
Belagerung Mittelalter Kanone Schießpulver Orleans Orléans Hundertjähriger Krieg

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Titel: Die Belagerung von Orléans 1428 und 1429 als Umbruch in der Belagerungstechnik