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Nationalismus im Osmanischen Reich. Die Bewegung der Jungtürken

Hausarbeit (Hauptseminar) 2018 17 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Erkenntnisinteresse
1.2 These
1.3 Relevanz der Forschungsarbeit

2. Hauptteil
2.1 Einordnung der Jungtürken-Bewegung in den historischen Kontext
2.2 Exogene und endogene Faktoren des Nationalisierungsprozesses
2.3 Das Nationalstaatsverständnis der Jungtürken im Verhältnis zur Idee eines multiethnischen Großreichs

3. Fazit
3.1 Erkenntnis über das Nationalstaatsverständnis der Jungtürken im Wandel
3.2 Nachwirkungen in der neuen Türkei

4. Literaturangaben

1. Einleitung

1.1 Erkenntnisinteresse

Im Rahmen der Forschungsarbeit „Nationalismus im Osmanischen Reich: Die Bewegung der Jungtürken“, sollen die politischen Verhältnisse im Kontext eines Nationalisierungsprozesses genauer analysiert werden. Es wird ein Einblick in die politische sowie rechtliche Ordnung des Osmanischen Reiches gewährt um die darauffolgenden Strukturveränderungen, die die Grundlage eines späteren Nationalstaates bilden, besser nachvollziehen zu können. Eine zentrale Rolle soll hierbei die Jungtürken-Bewegung spielen, deren Nationalstaatsverständnis im Verhältnis zur Idee eines multiethnischen Großreiches verglichen werden soll. Welche Einflüsse beschleunigen diesen Nationalisierungsprozess? Wie kommt es zum Wandel der Vorstellung , wie ein Nationalstaat aussehen sollte?

1.2 These

Es ist davon auszugehen, dass das Nationalstaatsverständnis der Jungtürken sich aufgrund immer schlechter werdender politischer Verhältnisse im Reich wandelt. Somit müsste man untersuchen, inwiefern sich der Prozess des Nationalstaatsverständnisses radikalisiert. Endogene sowie exogene Faktoren könnten den Radikalisierungsprozess maßgeblich beeinflusst haben, sodass es im Interesse der Forschungsarbeit gilt diese näher zu betrachten.

1.3 Relevanz der Forschungsarbeit

Ein entscheidender Punkt sich diesem Thema zuzuwenden ist der wieder aufkommende Nationalismus in der Türkei sowie unter in Deutschland lebenden türkisch-stämmigen Mitbürgern. Es besteht kein Zweifel, dass in der Türkei ein gewisses Nationalgefühl stärker ausgeprägt ist als in Deutschland. Die türkische Öffentlichkeit symbolisiert im allgemeinen einen sehr patriotischen Nationalismus, der durch verschiedene Darstellungen repräsentiert wird. Öffentliche Plätze werden mit Nationalflaggen, heroischen Denkmälern sowie nationalistischen Slogans geschmückt. Hiermit wird insbesondere der Wille für das Vaterland zu sterben um das Fortbestehen der Nation zu garantieren verdeutlicht. Dennoch ist in den letzten Jahren ein zunehmender Nationalismus erkennbar, der vor allem eine neue Herausforderung für die Politik darstellt. Die Forschungsarbeit soll darauf aufmerksam machen, dass in Deutschland lebende Türken wenig mit der türkischen Geschichte durch staatliche Bildungseinrichtungen konfrontiert werden. Viel eher wird die türkische Geschichte durch Familienmitglieder sowie türkische Kulturvereine vermittelt. Dabei kann ein sehr einseitiges Bild über die türkische Geschichtsschreibung entstehen, die überwiegend versucht ein stolzes Nationalgefühl zu entwickeln.

2. Hauptteil

2.1 Einordnung der Jungtürken-Bewegung in den historischen Kontext

Die Jungtürken etablieren sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts als eine anfangs liberal- reformerische Bewegung im Osmanischen Reich, die im wesentlichen mehr individuelle sowie politische Freiheiten forderte.

Der Terminus Jungtürken-Bewegung ist durch die ausländische Presse geprägt. Er bezieht sich auf viele geheime Zirkel, die in Verwaltungs- und Militärakademien gegründet wurden.[1]

In ihren Gründungsjahren musste sie noch eine längere Zeit im Untergrund bleiben, da die autoritäre Regierungsweise des Sultans oppositionelle Ansichten nicht tolerierte. Das Osmanische Reich gleicht zu dieser Zeit einem Polizeistaat, der eine Überwachung der Opposition durch Agenten nachgeht.[2]

Geprägt werden die Vordenker der Bewegung insbesondere durch die Epoche der Aufklärung in Europa. Die Bewegung sollte sich vor allem dem maroden Zustand des Reiches widmen. Ihre Anhänger sahen es für notwendig das Reich nach europäischen Modell umzustrukturieren. Nur tiefgreifende Reformen innerhalb des politischen und wirtschaftlichen Systems könnten das Reich existenziell schützen.[3] Die Jungtürken-Bewegung wurde maßgeblich durch die Jungosmanen[4] der Tanzimat- Ära beeinflusst. Die neue Protestbewegung hatte eine breitere gesellschaftliche Basis.

Zudem profitierten sie überwiegend durch eine gute Ausbildung an Universitäten und Militärschulen.[5]

Die Unterdrückung der Opposition, Korruption und Misswirtschaft im Staatsapparat sowie Bevorzugung der treuen Gefolgsleute des Sultans förderte die Abneigung gegenüber dem Sultan. Schon bald musste eine oppositionelle Gruppe (Ittihad-i Osmani Cemiyeti, Komitee für Osmanische Einheit), die die Wiedereinsetzung der Verfassung forderte, ins Exil gehen. In Paris konnten sich die elitären Gruppen mit ähnlich gesinnten zu einem Komitee für Einheit und Fortschritt (Ittihat ve Terakki Cemiyeti) vereinen.[6]

Sie sahen sich als eine Oppositionsbewegung zu Sultan Abdulhamid II[7], der 1878 die erste Verfassung, die jedem, unabhängig von seiner Herkunft, im Osmanischen Reich gleiche Rechte versprach, aussetzte. Als Begründung für die Absetzung der Verfassung galt die nötige Handlungsfähigkeit gegen die russische Invasion in das Reich.[8] Im Komitee für Einheit und Fortschritt ist eine Vielfalt von politischen Ansichten vertreten, die sich teils widersprechen. Auf der einen Seite stehen die Liberalen, welche die konstitutionelle Monarchie, das föderale System des Reiches sowie den Islam als Staatsreligion, wobei andere Religionen nicht benachteiligt werden sollten, fordern. Die Unionisten und Nationalisten fordern eine Abschaffung des Sultanats und eine Errichtung eines zentralistisch regierten Staates. Nur eine starke Staatsmacht könne Separatisten im Reich Einhalt gewähren. Sie stehen dem Islam kritisch gegenüber, der als ein Hindernis für eine Europäisierung des Reiches betrachtet wird.[9] Der Sultan selbst kann dem religiös-reformerischen Islam zugerechnet werden, der eine Modernisierung sowie Anpassung an Europäische Verhältnisse gewährleisten soll. Der Sultanspalast propagiert den Osmanismus, der ein patriotisches Zusammengehörigkeitsgefühl aller Bürger im Reich unabhängig von ihrer Nationalität widerspiegelt. Er steht im totalen Gegensatz zu der politischen Ansicht der Unionisten und Nationalisten im Komitee für Einheit und Fortschritt.[10]

1908 bewirkt das Komitee für Einheit und Fortschritt die Wiedereinsetzung der Verfassung, auch bekannt unter der „Jungtürkischen Revolution“. Das Inkrafttreten der Verfassung war ein minimalistisches Ziel unter den verschiedenen politischen

Positionen im Komitee. 1913 soll ein Putsch vonseiten der Unionisten und Nationalisten im Komitee den Großwesir[11] Kamil, der bereit war weite Teile des Balkans abzutreten, entmachten. Die jungtürkische Führung unter Talat Pascha und Cemal Pascha installieren im Gegenzug Sevket Pascha als neuen Großwesir.[12]

Es folgt eine Zeit der Türkifizierungspolitik, die nicht im Sinne eines multiethnischen Reiches zu verwirklichen scheint. Das Komitee für Einheit und Fortschritt wird bis zur Gründung der Türkischen Republik die wichtigste Organisation der jungtürkischen Bewegung sein. Anfangs wird die Aufgabe der Jungtürken sein, den Staat institutionell möglichst schnell an europäische Verhältnisse anzupassen. Eine neue Herausforderung wird der aufkommende Nationalismus auf dem Balkan, der ebenso einen türkischen Nationalismus als Gegenreaktion hervorruft. Durch die Zuwendung der Griechen, Armenier sowie Christen auf dem Balkan zum Nationalismus entsteht eine Gefahr für das Reich.

2.2 Exogene und endogene Faktoren des Nationalisierungsprozesses

Exogene sowie endogene Faktoren sollen den Prozess der Nationalisierung im Reich beschleunigen. Hier ist anzumerken, dass nicht immer eine deutliche Abgrenzung zwischen endogenen und exogenen Faktoren erfolgen kann, da sie teilweise einen engen Bezug zueinander und sich Überschneidungen ergeben haben.

Der Balkankrieg 1912/13 ist ein wesentlicher Beweggrund für die Befürwortung eines türkischen Nationalismus innerhalb des Komitees für Einheit und Fortschritt. Zuvor bekannte sich das Komitee zu einem Osmanischen Patriotismus, der sich vor allem auf die Gleichberechtigung aller Bürger des Reiches bezog. Die Tanzimat-Reformen, die die politische und rechtliche Gleichstellung für alle Bürger im Reich einleiten, können als Anfang des Prozesses der Nationalisierung des Reiches betrachtet werden.[13] Ein Staat, in dem den Bürgern die gleichen Rechte gewährt werden, dient in den Gründungsjahren als Orientierung für die Jungtürken-Bewegung, weshalb auch insbesondere Minderheiten mit der Bewegung sympathisierten. Hier ist eine starke Anlehnung an die Periode der Aufklärung zu erkennen, die vor allem den Menschen als Individuum, geschützt durch Rechte und Privilegien, anerkennt.

Die Sultane der Tanzimat-Reformierung blickten nach Europa, welches zu jener Zeit als Hort der Entwicklung und Fortschritts galt. Die Tanzimat-Reformen standen für eine Modernisierung des Reiches im Bereich administrativer, militärischer und wirtschaftlicher Fragen.[14]

Die Sultane, die das Reich bedrängt durch Interventionen von außen und von Nationalisten im Reich sahen, wendeten sich einem von westeuropäischen Vorstellungen beeinflussten staatsbürgerlichen Osmanismus zu, der eine Abkehr von der traditionellen Beziehung zwischen Untertanen und Sultan bedeutete.[15] Die Reformierung wurde im Reich als notwendig angesehen, aber sie wurde auch von den Europäischen Mächten gefordert. Den im Reich lebenden Christen sollten Zugeständnisse gemacht werden um eine Intervention von Seiten der Europäer zu vermeiden. Demnach könnten die Tanzimat-Reformen, beeinflusst durch die Zeit der Aufklärung sowie durch außenpolitischen Druck, auch als ein exogener Faktor betrachtet werden. Die Reformen fanden im Reich zunehmend Befürwortung.[16] Durch die Tanzimat-Reformen profitieren anfangs überwiegend Nicht-Muslime, denen es gelungen ist, eine Handelsbourgeoisie zu etablieren. Unter den Muslimen fördert es den Unmut, da man nun auch gleichzeitig von der traditionellen Vorherrschaft der Muslime in einem muslimischen Reich absehen konnte.[17]

Nach dem Verlust an Territorium auf dem Balkan im Zuge des russisch-türkischen Krieges 1978 verstärken sich die Tendenzen des Sultans hin zu einem islamisch­symbolischen Konzept, das überwiegend auf Ausgrenzung anderer Minderheiten beruht.[18]

Die neue Orientierung hin zu einem mehr islamisch-symbolischen Konzept mag unter der verbleibenden nicht-muslimischen Bevölkerung ein Identifikationsproblem mit der Sultansherrschaft aufweisen. Die Bevölkerung war scheinbar gleichberechtigt, dennoch förderte die institutionelle Ausgrenzung der christlichen Minderheit den Unmut gegenüber dem Sultan. Demnach kann die Hinwendung zu einem islamisch­symbolischen Konzept als endogener Faktor betrachtet werden, der den Unabhängigkeitswillen der nicht-muslimischen Bevölkerung von einem islamisch geprägten Reich indirekt hervorruft.

Die Balkankrise bezeichnet die nationalistischen Bestrebungen der slawischen Bevölkerung sowie deren Abspaltung vom Osmanischen Reich.

Ein zu berücksichtigender Faktor ist, dass auf dem Balkan, der durch eine inhomogene Bevölkerungsstruktur geprägt ist, die nicht zufriedenstellenden Grenzziehungen auch gleichzeitig den nationalistischen Wind unter den jungen Monarchien förderte.[19] Es verwundert nicht, dass man den nationalistischen Bestrebungen auf dem Balkan nicht entgegenwirken konnte. Aber auch die geographische Nähe zu Westeuropa könnte ein bedeutender Faktor gewesen sein, weshalb man sich ein Beispiel an einem modernen unabhängigen Staat nahm. Demnach mag der osmanische Patriotismus ein endogener Faktor sein, der einen gemeinsamen Nenner unter der vielfältigen Bevölkerung als politische und rechtliche Gleichstellung definiert. Die rechtliche sowie politische Gleichstellung kann keinen emotionalen Verbindungspunkt zwischen den vielen Bevölkerungsgruppen im Reich schaffen, sodass ein zunehmender Nationalismus basierend auf Kultur und ethnischer Zugehörigkeit entsteht. Der Nationalisierungsprozess tendiert mehr zur einer Idee der Kulturgemeinschaft geprägt durch Sprache, Religion und Brauchtum. Die Balkankrise wird sich später auf andere Minderheiten des Reiches auswirken.

Der Gedanke sich vom osmanischen Reich loslösen zu können, so wie es der Balkanbevölkerung gelungen ist unabhängige Staaten zu errichten, findet bei den Minderheiten der Griechen und Armenier Anklang.[20]

2.3 Das Nationalstaatsverständnis der Jungtürken im Verhältnis zur Idee eines multiethnischen Großreichs

Im folgenden soll ein Vergleich zwischen der Theorie des Osmanismus und dem türkischen Nationalismus stattfinden. Die Theorie des sogenannten Osmanismus wird durch Sultan Abdulhamid II sowie einige Mitglieder des Komitees für Einheit und Fortschritt vertreten. Der türkische Nationalismus hingegen entwickelt sich als eine Gegenbewegung zum Osmanismus. Schon bald formieren sich im Komitee für Einheit und Fortschritt zwei politische Positionen, die ein unterschiedliches Nationenverständnis aufweisen.

[...]


[1] Cengiz Günay, Geschichte der Türkei, Von den Anfängen der Moderne bis heute, Wien, 2012, S. 91.

[2] Günay, Geschichte der Türkei, S. 89.

[3] Günay, Geschichte der Türkei, S. 91-93.

[4] 1865 gegründete Organisation für Konstitutionalismus und Gleichberechtigung aller Minderheiten im Reich.

[5] Alan Palmer, Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches, München, 1994, S.285.

[6] Günay, Geschichte der Türkei, S. 90.

[7] Abdulhamid II, Sultan des Osmanischen Reiches von 1878-1909.

[8] Michael W. Weithmann, Atatürks Erben auf dem Weg nach Westen, München, 1997, S. 71.

[9] Weithmann, Atatürks Erben auf dem Weg nach Westen, S. 91-92.

[10] Weithmann, Atatürks Erben auf dem Weg nach Westen, S. 72.

[11] Großwesir: Vom Herrscher (Sultan) eingesetzter Regierungschef.

[12] Alan Palmer, Verfall und Untergang des Osmanischen Reiches, S.312-313.

[13] Vgl. Weithmann, Atatürks Erben auf dem Weg nach Westen, S.66.

[14] Vgl. Weithmann, Atatürks Erben auf dem Weg nach Westen, S. 71-73.

[15] Jörn Leonhard, Ulrike Hirschhausen, Empires und Nationalstaaten im 19. Jahrhundert, S. 41.

[16] Vgl. Günay, Geschichte der Türkei, S. 80.

[17] Günay, Geschichte der Türkei, S. 83.

[18] Leonhard, Hirschhausen, Empires und Nationalstaaten im 19. Jahrhundert, S. 43.

[19] Günay, Geschichte der Türkei, S. 100.

[20] Vgl. Weithmann, Atatürks Erben auf dem Weg nach Westen, S. 74-75.

Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668707580
ISBN (Buch)
9783668707597
Dateigröße
448 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426776
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Geschichte
Note
10,0
Schlagworte
Jungtürken Osmanen Osmanisches Reich Türkei Türkischer Nationalismus Tanzimat

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