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Die Revolution von 1918/19 in Berlin. Die Rezeption revolutionärer Ereignisse durch die Berliner Tagespresse

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 27 Seiten

Gesch. Europa - Deutschland - I. Weltkrieg, Weimarer Republik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kontextualisierung

3. Die Abdankung des Kaisers und die doppelte Ausrufung der Republik

4. Karl Liebknecht und die sozialistische Republik

5. Bildung des Rates der Volksbeauftragten und Waffenstillstand

6. Die Weihnachtsunruhen

7. Der Berliner Reichsrätekongress

8. Fazit

9. Literatur- und Quellenverzeichnis
9.1. Quellen
9.2. Literatur

1. Einleitung

Die Revolution von 1918, die das deutsche Kaiserreich seinem Ende zuführte und die Weimarer Republik gebar, zählt unbestritten zu den bedeutsamsten Zäsuren der deutschen Geschichte. Denn diese Revolution stellt einen politischen Systemwechsel dar, der in dieser Form für die deutsche Gesellschaft noch kurze Zeit zuvor nicht real greifbar gewesen war.

Dennoch wurden wenige Ereignisse in der deutschen Geschichte innerhalb der Forschung und auch der Gesellschaft so zwiespältig betrachtet wie die deutsche Revolution von 1918/19, die eher „im Schatten der Erinnerungskultur“[1] liegt. Die Bedeutung, die dem Geschehen und den Folgen vom 9. November beigemessen wurde, war stets an Zeit und Betrachtungsperspektive gebunden und wurde auf unterschiedliche Weise diskutiert.[2] So verwundert es nicht, dass Wolfgang Niess beispielsweise in seiner Dissertation elf verschiedene Deutungsmuster in der geschichtswissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Revolutionsthematik ausmachen kann. Die Revolution sei als „Verrat an Kaiser und Reich; Dolchstoß in den Rücken des Heeres; Verrat am Vaterland; Nationales Unglück; Störung des geordneten Reformprozesses; Abwehr der bolschewistischen Gefahr; Auftakt zur sozialistischen Revolution; Verratene Revolution; Verpasste Chance der Demokratisierung; Geburtsstunde der deutschen Republik [und als] keine wirkliche Revolution“[3] beschrieben worden.

Im Rahmen dieser Arbeit sollen aber nicht die Revolutionsbilder innerhalb der Forschung, sondern die direkte Reaktion auf die Revolution in Berlin näher betrachtet werden. Dazu sollen unterschiedliche und hauptsächlich Berliner Zeitungen punktuell auf ihre Berichterstattung bezüglich der Revolutionsereignisse überprüft und miteinander verglichen werden, um zu klären, wie die Revolution bewertet wurde und ob es im Laufe der Zeit eine Entwicklung bzw. Veränderung in der Betrachtungsweise gab. Um das politische Spektrum besser abzudecken, werde ich für die sozialdemokratische Sichtweise auf den „Vorwärts“ zurückgreifen, der zwar nicht spezifisch für Berlin erschienen ist, aber dennoch die generelle sozialdemokratische Sichtweise wie keine andere Schrift repräsentiert.[4] Zeitlich soll sich diese Untersuchung von der Ausrufung der Republik bis hin zum Ende des Rätekongresses im Dezember 1918 erstrecken. Methodisch wird sich die Zeitungslektüre auf prominente Ereignisse innerhalb der Revolution als Eckpunkte beschränken müssen, um den Rahmen der Arbeit nicht zu sprengen.

2. Kontextualisierung

Die Truppen, die für das Kaiserreich im ersten Weltkrieg kämpften, waren längst desillusioniert und kriegsmüde, nachdem im Juli 1918 der letzte deutsche Vorstoß erneut gescheitert war und damit die letzten verzweifelten Hoffnungen auf einen Sieg unerfüllt blieben; die wirtschaftliche und soziale Situation wurden immer schlechter. Ulrich Kluge formuliert treffend, dass „die revolutionäre Massenbewegung vom November 1918 direkt aus dem militärischen Desaster [entstand], nachdem die Monarchie durch die sozialökonomische Krise geschwächt worden war“.[5] So löste Anfang November der Befehl zur Entscheidungsschlacht gegen Großbritannien eine Meuterei bei den Kieler Matrosen aus, die sich weigerten, für einen ohnehin nicht mehr zu gewinnenden Krieg auf hoher See zu sterben. Sie stürmten Militärkasernen, bemächtigten sich der Waffen, befreiten gefangene Matrosen und am 5. November schon traten die Kieler Arbeiter in Generalstreik. Es wurde ein Soldaten- und wenig später auch ein Arbeiterrat gebildet.

Von Kiel aus, das sich vollständig in den Händen der Aufständischen befand, breiteten sich revolutionäre Unruhen aus, die auch rasch Berlin erreichen sollten.[6]

Am 6. November fand ein Gespräch zwischen Wilhelm Groener und Vertretern der MSPD und Gewerkschaften statt, in dessen Rahmen Friedrich Ebert als Mittel zur Vermeidung einer Revolution die Abdankung des Kaisers forderte, was jedoch von Groener strikt abgelehnt wurde. Am Tag darauf stellten die Mehrheitssozialdemokraten dem Reichskanzler ein Ultimatum: Sie würden mit sofortiger Wirkung aus der Regierung austreten, sollte der Kaiser bis zum nächsten Tag nicht seine Abdankung verkündet haben. So glaubten sie, einen Umsturz vermeiden zu können. Das Ultimatum wurde sogar verlängert, doch der Kaiser war nicht zum Verzicht auf den Thron zu bewegen.[7] Und so nahm auch in Berlin die Revolution am 9. November ihren Lauf, als die Berliner Großbetriebe in den Generalstreik traten und lange Demonstrationszüge mit bewaffneten Arbeitern und Soldaten die Straßen zu säumen begannen. Das Ultimatum lief ab und die Sozialdemokraten traten aus der Regierung aus. Prinz Max von Baden handelte daraufhin eigenverantwortlich: Er ließ die Meldung über den Thronverzicht des Kaisers verbreiten und übergab sein Amt an den MSPD-Vorsitzenden Friedrich Ebert. Da die Demonstranten jedoch weiterhin das Ende der Monarchie forderten und Karl Liebknecht unterdessen schon die Ausrufung der sozialistischen Republik plante, rief Philipp Scheidemann gegen den Willen Eberts, der diese Entscheidung einer Konstituante überlassen wollte, kurzentschlossen die Republik aus; die tatsächliche Abdankung unterzeichnete der Kaiser erst am 28. November.[8] Dies war ein zuvor nie dagewesener „schroffer Bruch“[9] innerhalb der deutschen Geschichte, sowohl im Alltagsleben des Volkes als auch auf Regierungsebene.

3. Die Abdankung des Kaisers und die doppelte Ausrufung der Republik

Wie bereits erwähnt, rief Philipp Scheidemann am Nachmittag des 9. November 1918 vom Balkon des Reichstages mit den Worten „Das deutsche Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt. Das alte Morsche ist zusammengebrochen; der Militarismus ist erledigt! Die Hohenzollern haben abgedankt! Es lebe die deutsche Republik!!“[10] die Republik aus, um der Konkurrenz, der äußersten Linken unter Führung von Karl Liebknecht, zuvorzukommen.[11]

Das linksliberale Berliner Tageblatt, die auflagenstärkste Zeitung im Kaiserreich, berichtet in seiner Abendausgabe am 9. November 1918 auf der Titelseite über die Abdankung des Kaisers. Der Autor des Leitartikels schreibt:

„Die Abdankung des Kaisers ist durch die Ereignisse im Reiche, die von ungeheuerem Ernste sind, und jeden weiteren Aufschub unmöglich machten, zwingend herbeigeführt worden, der Verzicht des Kronprinzen, der noch nicht erfolgt zu sein scheint, ist, da bei der großen und berechtigten Unbeliebtheit dieses angeblichen Heerführers jeder Gedanke an seine Thronbesteigung ausgeschlossen erscheinen muss, eine Selbstverständlichkeit. Wilhelm II. war anscheinend schon gestern zur Abdankung bereit. Aber die Erledigung der Angelegenheit erforderte, da die alte höfische Routine nicht gleich mit abgeschafft werden konnte, allerlei überflüssige Beratungen, der Widerstand des Kronprinzen scheint mitgespielt zu haben, und so verstrich eine kostbare Zeit.“[12]

Hier wird deutlich, dass bei dieser Zeitung die Ereignisse der letzten Tage und auch die Ereignisse des Revolutionstages durchaus positiv empfunden wurden. Der Verfasser betrachtet die Abdankung des Kaisers als längst überfällig und sieht auch keine Möglichkeit, die Monarchie durch den Kronprinzen weiterzuführen. Die Monarchie an sich und die „höfische Routine“ beschreibt er als überkommen, träge und damit als nicht mehr zeitgemäß und überflüssig.

Am Tag nach der Revolution kann man im Berliner Tageblatt den Stolz und den Glauben an die deutsche Revolution sehen:

„Die größte aller Revolutionen hat wie ein plötzlich losbrechender Sturmwind das kaiserliche Regime mit allem, was oben und unten dazu gehörte, gestürzt. Man kann sie die größte aller Revolutionen nennen, weil niemals eine so fest gebaute, mit so soliden Mauern umgebene Bastille so in einem Anlauf genommen worden ist.“[13]

Die Tatsache, dass der Verfasser hier das Wort „Bastille“ verwendet, zeigt, dass er die Geschehnisse mit der Französischen Revolution vergleicht und damit den bisherigen revolutionären Ereignissen ebenso große Bedeutung beimisst oder zumindest an die, wie Karl Dietrich Erdmann es ausdrückt, „revolutionäre Chance“[14] glaubt, den Staat ähnlich weitreichend und dauerhaft zu verändern wie es in Frankreich durch die Französische Revolution möglich war.

Trotz allem Stolz auf revolutionäre Errungenschaften ist die Bemühung spürbar, den so lange geduldeten und doch auch lange Zeit geschätzten Kaiser nicht gänzlich negativ zu schildern. Wilhelm II. wird im Folgenden deshalb als „Opfer von Eigenschaften […], die ein Teil seiner Natur waren und von fatalen Persönlichkeiten zugunsten falscher Ziele ausgebeutet worden sind“[15] dargestellt, der nicht allein die Schuld an Krieg und Niederlage trägt. Er sei trotz allem ein Mann mit „Fähigkeiten, Anlagen, Eigenschaften [gewesen], die bei Monarchen wie bei anderen Menschen nicht alltäglich zu finden sind“[16], der allerdings in politischen Dingen zu häufig versagte und mit seinem „martialischen Ton“[17] den Bogen überspannte:

„Wie in seinen Worten fehlte ihm in seinen politischen Handlungen das richtige Maß. Er wurde sich nicht in ruhigem Überlegen über die Tragweite seiner plötzlichen Regungen klar.“[18]

Im Krieg habe Wilhelm II. „nicht die Rolle des Führenden und Voranschreitenden, sondern nur die Rolle des Gedrängten und Geschobenen gespielt“[19], was ihm viel seiner monarchischen Größe abspricht. Die Schilderungen seiner Persönlichkeit im Berliner Tageblatt zeichnen folglich mehr ein Bild einer beeinflussbaren, wankelmütigen und impulsiv handelnden Schachfigur, als das eines großen Monarchen. Friedrich Ebert, der neue Reichskanzler, wird dagegen als Hoffnungsträger betrachtet, der „das Deutsche Reich aus den furchtbarsten Wirren zu neuer Ordnung [führen] soll“[20]. Dennoch bleibt der Verfasser vorsichtig:

„Es wäre ebenso verfrüht, dem neuen Manne, den die Welle der deutschen Volksbewegung an die Spitze der Regierung des Reichs getragen hat, mit trügerischen Hoffnungen begrüßen wie ihm mit voreiligem Misstrauen entgegentreten zu wollen.“[21]

In der Abendausgabe desselben Tages der ebenfalls linksliberalen Berliner Volks-Zeitung ist Ähnliches zu lesen. Dort wird die „eiserne Konsequenz“[22] gelobt, mit der die Thronentsagung des Kaisers herbeigeführt worden sei. Denn dieser „wollte es seinen großen Ahnen gleichtun. Dem großen Kurfürsten, dem großen König. Er hat vergessen, dass diese beiden vor allem großen Politiker waren, und ein solcher ist er nie gewesen“.[23]

Noch deutlicher als im Berliner Tageblatt wird die Hoffnung formuliert, „dass sich niemand jetzt der freien Selbstbestimmung der deutschen Nation wiedersetzt“[24] und insbesondere die Betonung der alleinigen Entscheidungsgewalt der Nationalversammlung bezüglich der künftigen Staatsform ist stärker:

„Das Schicksal der deutschen Nation wird in einer gesetzgebenden Nationalversammlung entschieden werden. Dieser deutschen Konstituante, gewählt von allen deutschen Männern und Frauen, liegt es ob, die Verfassungsgrundlagen des neuen deutschen Hauses aufzurichten. Sie allein wird auch über die künftige Staatsform zu entscheiden haben.“[25]

Es gibt für den Verfasser des Artikels in der Berliner Volks-Zeitung keinen Zweifel an der Richtigkeit der revolutionären Umwälzung; eine Rückkehr zur monarchischen Ordnung ist für ihn undenkbar. Insgesamt wird der Ton der Berliner Volks-Zeitung noch feierlicher und euphorischer:

„Weltgeschichtliche Geschehnisse von gigantischer Größe haben ihren Anfang genommen. Jetzt, wo der freieste Verlauf der Dinge gewährleistet ist, gilt oberste Pflicht für alle Bürger, Ruhe und Ordnung zu bewahren. Es sind draußen genug deutsche Brüder gefallen! Jetzt gilt es die Reihen zu schließen. Deutschlands Schicksal liegt ausschließlich in der Hand des deutschen Volkes aller Stämme und Gaue! Es lebe das Volk, es lebe die deutsche Nation!“[26]

Die revolutionären Ereignisse werden schon am Abend in weltgeschichtliche Kategorien eingeordnet und damit wird ihnen eine Bedeutung beigemessen, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht unbestreitbar gewesen sein kann. Die sich erfüllende Hoffnung auf Veränderung bewirkte jedoch eine Freude auf einen Neuanfang, der die Zweifel beiseite zu schieben schien.

In der Roten Fahne, der Zeitung des Spartakus-Bundes, wird die „rasende Wucht“, mit der die Revolution über das Land kam, gefeiert, wobei ganz klar betont wird, dass die „Umwälzung ruhig einsetzte und sich auch weiterhin in völlig geordneten Formen vollzog“[27], wobei es dann die genannte „rasende Wucht“ fehlplatziert und gegenteilig wirkt.

Die nationalliberale Berliner Börsen-Zeitung verfolgt zunächst ein strikt nüchternes Konzept der Berichterstattung ohne jegliche Wertung der Geschehnisse oder handelnder Personen. Die Schlagzeile der Abendausgabe des 9. November lautet schlicht „Abdankung des Kaisers. Ebert Reichskanzler.“ Im Folgenden werden dann die Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrats sowie die Verkündung des Generalstreiks und die Pläne zur Bildung einer neuen Regierung beschrieben. Zuletzt wird noch der Aufruf zur Bewahrung von Ruhe und Ordnung, der insbesondere an die „Offiziere der Garnison Berlin und seiner Vororte“ gerichtet ist, angefügt.[28] Im Laufe der Zeit wird die Börsen-Zeitung jedoch deutlicher in ihrer Wertung der revolutionären Ereignisse. Die Betrachtung bleibt zwar nüchterner Natur, jedoch beginnt von Ausgabe zu Ausgabe eine Analyse der Gründe für den Zusammenbruch des alten Systems. So stellt die Börsen-Zeitung am 14. November fest:

„Da dieses System vor allem ein militärisches war, zugleich des deutschen Militarismus, wir selbst haben uns immer über diesen Militarismus, der die Quelle unseres Unglücks geworden ist, Illusionen hingegeben. Heute müssen wir zugeben, dass die Feinde ihn besser erkannt und objektiver beurteilt haben. Denn dieser Militarismus ist nicht, wie wir uns eingebildet haben, der soldatische Geist mit allen ihm entspringenden Tugenden gewesen. Sondern er ist die auf äußeren Erfolgen beruhende Herrschsucht, der aus ihr sich ergebende, die Grenzen eigener politischer Fähigkeiten völlig verkennende Größenwahn und vor allem jenes Zerfallen unseres ganzen Volkes in Befehlende und Gehorchende, das sich in allen Zweigen unseres öffentlichen und sozialen Lebens gezeigt hat und das die Liebe zum Vaterlande wohl nicht hat ersticken können, eine Liebe zum Staate aber niemals hat aufkommen lassen.“[29]

Ferner wird dem unerfüllten Wunsch Ausdruck verliehen, dass man die innere Umwälzung des Reiches „auf den Bahnen einer verfassungsmäßigen Entwicklung“ und auch durch die Einsicht der Regierenden erreichen hätte können, wenn diese den richtigen Zeitpunkt nicht verpasst hätten. Demnach befürwortet die Börsen-Zeitung die Umwälzung hin zu einem demokratischen Deutschland, jedoch nicht die Herbeiführung dieser durch eine Revolution. Es ist folglich mehr ein Abfinden mit dem gewählten Weg zur Erneuerung als euphorische Zustimmung zur Revolution. In diesem Zusammenhang wird auch sogleich die Sinnlosigkeit kontrafaktischer „Was wäre gewesen, wenn“-Überlegungen klargestellt und der Blick in die Zukunft gerichtet:

„[…] Und es hat keinen Zweck mehr, darüber nachzudenken, ob nicht doch noch in letzter Stunde manches hätte anders werden können, wenn in den vergangenen Wochen des ersten parlamentarischen Kabinetts energischere Hände am Werke gewesen wären. Die Revolution hat jetzt das alles überholt. Wer mit uns die Verfassung eines Staates als etwas Unantastbares ansieht, der wird ihre jetzt erfolgte Verletzung in seinem Inneren beklagen. Und es ist nicht leicht, an der Stelle eines gewaltsam zerstörten Heiligtums ein neues zu errichten. Das aber muss die Aufgabe der Zukunft sein.“[30]

In der zweiten Extraausgabe des sozialdemokratischen Vorwärts vom 9. November 1918 wird die Nachricht der Abdankung des Kaisers in großen Lettern verkündet und eine unblutiger Ablauf – angeordnet vom Reichskanzler – versichert.[31] Zuvor war in euphorischen Worten an das Durchhaltevermögen der Arbeiter appelliert und vor Gegenmaßnahmen gewarnt worden:

„Es gilt jetzt, die Bewegung in den unblutigen Formen, in denen sie sich bisher vollzogen hat, zum krönenden Abschluss zu bringen und dann die brennenden sozialen Fragen, vor allem die Ernährungsfrage in die Hand zu nehmen. […] In dem Augenblick, in dem an der Spitze des Reichs keine Volksregierung mehr, sondern eine kaiserlich-militaristische Regierung stände, wäre die wichtigste vom deutschen Volk angenommene Friedensbedingung hinfällig geworden, und die Friedensverhandlungen wären damit gescheitert.[32]

Die Monarchie ist hier für den Verfasser ganz klar eine Gefahr für den Frieden und das Leben des Volkes und muss mit vereinter Kraft, aber auf gewaltfreie Weise ihrem Ende zugeführt werden. Anders als in der Berliner Volks-Zeitung oder dem Berliner Tageblatt werden keine Versuche unternommen, die Person des Kaisers in irgendeiner Weise zu würdigen, es zählt nur der friedliche Übergang in eine neue Staatsordnung.

Insgesamt finden sich also in direkter zeitlicher Nähe zu den Revolutionsereignissen vielerlei Äußerungen über diese, auffällig ist jedoch, dass die Umwälzung in den großen Tageszeitungen keine offene Ablehnung erfährt und die neue Situation höchstens abwartend und pragmatisch betrachtet wird.[33]

4. Karl Liebknecht und die sozialistische Republik

Es fällt ins Auge, dass in der Reihe der bereits betrachteten Tageszeitungen am Revolutionstag keine Karl Liebknecht und seine Anhänger gesondert erwähnt. Denn nur zwei Stunden nach Scheidemanns Rede, in der er die deutsche Republik proklamiert hatte, tat es ihm Karl Liebknecht, der Führer der Spartakisten, der nicht einmal einen Monat zuvor aus dem Zuchthaus entlassen worden war, gleich und rief aber stattdessen vom Balkon des Berliner Schlosses die „freie sozialistische Republik“[34] aus. In der Unterschiedlichkeit der beiden Proklamationen wurde schon deutlich, welchen Auseinandersetzungen die neue Republik standhalten musste.[35] Denn während Ebert und Scheidemann die bisherige staatliche Ordnung größtenteils erhalten wollten, strebten Liebknecht und seine Anhänger ein „neue Ordnung des Proletariats“[36] mit einer Rätedemokratie an und riefen zur sozialistischen Weltrevolution auf.

Zu lesen ist von der doppelten Ausrufung der Republik in der Presse des 9. November jedoch wenig. Es wird selbstverständlich über die divergierenden Ziele von MSPD und USPD und dem (vorerst gescheiterten) Vereinigungsversuch beider Lager berichtet, jedoch nicht konkret über Liebknechts Rede vom Balkon des Schlosses. Es kann gemutmaßt werden, dass die Abdankung des Kaisers und die komplette Wende hin zu einer ganz neuen Staatsform an sich schon so neuartig und sensationsbehaftet waren, dass die sozialistischen Bestrebungen Liebknechts dabei als zweitrangig betrachtet und in die nächste Ausgabe verschoben wurden. Die älteste Zeitung Berlins, die Vossische Zeitung, beschäftigt sich in ihrer Abendausgabe des 9. November dennoch auch mit bolschewistischen Revolutionszielen und positioniert sich dabei sehr klar:

„In letzter Stunde ist der gebieterischen Notwendigkeit Rechnung getragen worden: Kaiser und Kronprinz haben auf den Thron verzichtet; die konstituierende Nationalversammlung aller Deutschen ist einberufen. In den lauten Schall dieser Nachricht mischen sich aber bereits die Stimmen, die den Generalstreik und Ausrufung der sozialen Republik in Berlin verkünden. Das Wohl der Nation gebietet, dafür zu sorgen, dass diese Stimmen nicht zur grellen Dissonanz werden, sondern dass sie sich zum Einklang verbinden. Das gemeinsame Ziel muss sein: Die Schaffung des demokratischen Einheitsstaates aller Deutschen. Gegen die amtlich angekündigte Einsetzung einer Regentschaft braucht jetzt kaum mehr polemisiert zu werden, sie ist durch die Tatsachen überholt. Die Ausrufung einer sozialen Republik aber, die heute Vormittag durch ein Flugblatt des Arbeiter- und Soldatenrates in Berlin erfolgte, nimmt ein Recht vorweg, das nur dem ganzen Volk und seiner frei gewählten Vertretung zusteht. Die wahre Demokratie besteht in dem gleichen und uneingeschränkten Recht aller, am Aufbau des Staates mitzuarbeiten. Die Theorie des Bolschewismus, die dieses Recht nur bestimmten Volksteilen gewähren und alle übrigen ausschließen will, ist undemokratisch und bedeutet eine Aufhebung der politischen Freiheit. Das einzig berechtigte Organ, durch das die Nation heute ihren Willen kundzutun vermag, ist ihre frei gewählte konstituierende Versammlung.“[37]

Die Vossische Zeitung geht auffallend offensiv mit der „Theorie des Bolschewismus“ um und begründet dies auch sehr ausführlich mit dem Wesen einer wahren Demokratie, das sich im sozialistischen Staatskonzept so nicht wiederfinde. Zudem wird der Anspruch, dem Volk die freie und gleiche Wahl bezüglich der künftigen Staatsform abzusprechen, scharf kritisiert. Im weiteren Verlauf des Leitartikels wird daraufhin immer wieder die gemeinsame Verantwortung eines jeden Deutschen für eine gute Zukunft des eigenen Landes hervorgehoben: „Mit warmem Herzen, aber mit kühlem Verstand tue jeder seine Pflicht.“[38] Der Abschnitt schließt mit pathetisch formulierten und beinahe schon naiven Zukunftsvorstellungen, in denen das „alte Deutschland“ nicht mehr existiere, das neue jedoch unbesiegt und „sein Name unbefleckt von Anklage und Verleumdung“ sein werde, wenn es sich dann in Frieden mit allen Völkern befinde.[39] Damit verleiht die Zeitung wahrscheinlich der Hoffnung vieler Ausdruck, die von den Strapazen des Krieges ermüdet nur noch in eine demokratische, freie und friedliche Zukunft blicken wollen.

[...]


[1] Vgl. Alexander Gallus: Die vergessene Revolution von 1918/19 – Erinnerung und Deutung im Wandel, in: Die vergessene Revolution von 1918/19, hrsg. v. Alexander Gallus, Göttingen 2010, S. 14.

[2] Zu den verschiedenen Forschungsansätzen s. z.B. Reinhard Rürup: Demokratische Revolution und „dritter Weg“. Die deutsche Revolution von 1918/19 in der neueren wissenschaftlichen Diskussion, in: Geschichte und Gesellschaft 9/2 (1983), S. 278-301 oder auch spezifischer zur Darstellung der Revolution in Gesamtdarstellungen der Geschichte der SPD Karl Theodor Schuon: Zur Geschichte der SPD. Ein Vergleich von neueren Gesamtdarstellungen am Beispiel der Revolution von 1918/19, in: PVS-Literatur 23/2 (1982), S. 187-196.

[3] Vgl. Wolfgang Niess: Metamorphose einer Revolution. Das Bild der deutschen Revolution von 1918/19 in der deutschen Geschichtsschreibung (Diss.), Stuttgart 2011, S. 12.

[4] Die verwendeten Quellen sind aus den digitalen Zeitschriftendatenbanken der Staatsbibliothek zu Berlin und der Friedrich-Ebert-Stiftung entnommen.

[5] Vgl. Ulrich Kluge: Die deutsche Revolution von 1918/1919, Frankfurt am Main 1985, S. 51.

[6] Vgl. Harald schmidt: „Vergesst nicht, das deutsche Volk hat eine Revolution gemacht!“. Revolution und Erinnerung – Zur Nachgeschichte des 9. November 1918, in: Revolution und Revolutionsforschung. Beiträge aus dem Kieler Initiativkreis 1918/19, Kiel 2011, S. 46.

[7] Vgl. Heinrich August Winkler: Revolution als Konkursverwaltung. 9. November 1918: Der vorbelastende Neubeginn, in: Der 9. November. Fünf Essays zur deutschen Geschichte, hrsg. v. Johannes Willms, München 1994, S. 14.

[8] Vgl. Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19, München 2009, S. 32f.

[9] vgl. Kathleen Canning: Das Geschlecht der Revolution. Stimmrecht und Staatsbürgertum 1918/19, in: Die vergessene Revolution von 1918/19, hrsg. v. Alexander Gallus, Göttingen 2010, S. 85.

[10] zitiert nach Gerhard A. Ritter u. Susanne Miller (Hrsgg.): Die deutsche Revolution 1918/19. Dokumente, Frankfurt am Main 1983, S. 77.

[11] Vgl. Heinrich August Winkler: Revolution als Konkursverwaltung, S. 15.

[12] Vgl. Berliner Tageblatt und Handelszeitung, Ausgabe 575, 9.11.1918, S. 1.

[13] Vgl. Berliner Tageblatt und Handelszeitung, Ausgabe 576, 10.11.1918, S. 1.

[14] Vgl. Karl Dietrich Erdmann: Die Geschichte der Weimarer Republik als Problem der Wissenschaft, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 3/1 (1955), S. 8.

[15] Vgl. Berliner Tagesblatt und Handelszeitung, Ausgabe 575, 9.11.1918, S. 1.

[16] Ibidem.

[17] Ibidem, S. 2.

[18] Ibidem, S. 1.

[19] Ibidem, S. 2.

[20] Ibidem.

[21] Ibidem.

[22] vgl. Berliner Volks-Zeitung, Ausgabe 573, 9.11.1918, S. 1.

[23] Ibidem, S. 2.

[24] Ibidem, S. 1.

[25] Ibidem.

[26] Ibidem.

[27] Vgl. Die Rote Fahne, Ausgabe 1, 9.11.1918, S. 1.

[28] Vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Ausgabe 528, 9.11.1918, S. 1.

[29] Vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Ausgabe 535, 14.11.1918, S. 1.

[30] Vgl. Berliner Börsen-Zeitung, Ausgabe 535, 14.11.1918, S. 1.

[31] Vgl. Vorwärts, 2. Extraausgabe, 9.11.1918, S. 1.

[32] Vgl. Vorwärts, Ausgabe 309, 9.11.1918, S. 1.

[33] Vgl. Michael Epkenhans: Das Bürgertum und die Revolution 1918/19, Heidelberg 1994, S. 6f.

[34] zitiert nach Gerhard A. Ritter u. Susanne Miller (Hrsgg.): Die deutsche Revolution 1918/19, S. 78.

[35] Vgl. Volker Ullrich: Die Revolution von 1918/19, S. 35.

[36] Ibidem, S. 79.

[37] Vgl. Vossische Zeitung, Ausgabe 575, 9.11.1918, S. 1.

[38] Ibidem, S. 1.

[39] Ibidem, S. 1.

Details

Seiten
27
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668711594
ISBN (Buch)
9783668711600
Dateigröße
554 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426571
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,7
Schlagworte
revolution berlin rezeption ereignisse berliner tagespresse

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Titel: Die Revolution von 1918/19 in Berlin. Die Rezeption revolutionärer Ereignisse durch die Berliner Tagespresse