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Die deutschen Moralischen Wochenschriften des 18. Jahrhunderts als Medium der Aufklärung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 29 Seiten

Theologie - Historische Theologie, Kirchengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hinführung

3. Forschungsstand

4.Die Weltanschauung in den Moralischen Wochenschriften
4.1Die Tugendhaftigkeit des Menschen
4.2Der Mensch in Staat und Gesellschaft
4.3Religion

5. Stellung und Wirkung von Frauen
5.1. Die Hinwendung zum weiblichen Lesepublikum
5.2Die Bildung der Frau
5.3Das Verhältnis der Frau zu Religion

6. Fazit

7. Quellen- und Literaturverzeichnis
7.1 Quellen
7.2 Literatur

1. Einleitung

Im 18. Jahrhundert waren die Moralischen Wochenschriften in der Kultur der bürgerlichen Schichten ein weitverbreitetes Medium der Aufklärung. Diese literarische Gattung besaß nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern in ganz Europa ein großes Publikum. Sie trafen offenbar den „Nerv“ der Zeit, da sie die Nachfrage nach abwechslungsreicher Lektüre, die nicht nur für Gelehrte verständlich war, befriedigten und die aktuellen Diskussionen über tugendhaftes Verhalten und moralische Werte behandelten. Die Moralischen Wochenschriften richteten sich an ein breites Publikum und ausdrücklich auch an Frauen.

Die größtenteils wöchentlich erscheinenden Schriften enthielten keine politischen oder aktuellen Nachrichten wie in einer herkömmlichen Zeitung, sondern waren eine bunte literarische Mischung aus Briefen, Gedichten, Essays, Satiren, Charakterbildern, Fabeln und auch Dialogen.[1] Diese Formen der Unterhaltungsliteratur dienten als Medium zur Vermittlung von sittlichen Lehren und sollten den Leser im Sinne der aufklärerischen Ideale erziehen. Die Moralischen Wochenschriften wiesen so beinahe über die gesamte Dauer des 18. Jahrhunderts hinweg ihre Leser auf die besondere Bedeutung individueller Tugend für das Gemeinwohl hin. Sie thematisierten und diskutierten vielfach Leitbilder tugendhaften bürgerlichen Verhaltens und bezogen sich auf die im Laufe der Zeit immer stärker auseinanderdriftenden Sphären des häuslich-familiären bzw. privaten Raumes und der bürgerlichen Öffentlichkeit. Aus diesem Blickwinkel heraus berührten sie einige der zentralen und seit der Antike immer wieder aufkommenden Fragestellungen wie z.B. die der Frage nach dem Verhältnis zwischen individuellem Glück und Gemeinwohl oder dem zwischen den Geschlechtern. Ebenfalls findet in den Moralischen Wochenschriften auch eine „nicht mehr von religiösen Motiven beherrschte bürgerliche Mentalität ihren Ausdruck. Das Bewusstsein kreist nicht mehr um die Frage der ewigen Seligkeit, sondern um die Probleme des irdischen Glücks“.[2]

Im Rahmen dieser Arbeit sollen nun ausgewählte deutschsprachige Schriften des 18. Jahrhunderts näher betrachtet werden, um deren Zielsetzungen und weltanschauliche Perspektiven bezüglich Tugend, Moral, des gesellschaftlichen Lebens und auch der Religion herauszuarbeiten. Es soll herausgearbeitet werden, auf welche Weise die aufklärerischen Schriften versuchten, auf das Denken und Handeln der Leser Einfluss zu nehmen. Darauf soll ein Blick auf die Stellung bzw. Darstellung der Frau folgen, da sie durch die Moralischen Wochenschriften zum ersten Mal die Möglichkeit der Partizipation am öffentlichen Leben erhielt und damit gesonderte Betrachtung verdient.

2. Hinführung

Die literarische Gattung der Moralischen Wochenschriften geht auf das Vorbild der englischen Zeitschriften The Tatler, The Spectator und The Guardian von Richard Steele und Joseph Addison zurück.[3] Diese Blätter begründeten eine neue Gattung und wurden wegen ihrer innovativen literarischen Form, die Unterweisungen, Satire, Debatten und humorvolle Texte enthielt, schnell zum Publikumserfolg, weshalb bald in ganz Europa ähnliche Blätter nach englischem Vorbild entstanden. Sie popularisierten aufklärerisches Gedankengut und sorgten dafür, dass die komplizierten Abhandlungen aus den Gelehrtenstuben hinaus in verständlicher Form die Menschen erreichten und so zur Entwicklung eines bürgerlichen Selbstbewusstseins beitragen konnten. Zuerst wurde in den Niederlanden der in französischer Sprache verfasste Le Misanthrope, dann kurz darauf in Deutschland die erste deutschsprachige Moralische Wochenschrift, Der Vernünfftler, herausgegeben. In der Folgezeit entstanden nach und nach in anderen europäischen Ländern bis nach Skandinavien und Ost- bzw. Südeuropa ebenfalls derartige Schriften.[4] In Deutschland erlebten die moralischen Periodika ihre Blüte zwischen 1720 und 1770.[5] Der Erfolg der Moralischen Wochenschriften dokumentiert sich folglich durch die immerzu steigende Anzahl der Neuveröffentlichungen, die stets ihr jeweiliges Publikum fanden.

Auffällig ist, dass es in den deutschsprachigen Gebieten hauptsächlich die protestantischen und stark von bürgerlich-republikanischen Traditionen geprägten Regionen waren, die die Gattung der Moralischen Wochenschriften hervorbrachten. Katholische und vorwiegend monarchisch geprägte Länder, vor allem Bayern und Österreich, standen den Moralischen Wochenschriften ebenso wie der Aufklärung allgemein eher ablehnend gegenüber. Selbstverständlich hängt dieser Sachverhalt auch mit der Zensur zusammen, die im protestantischen Norden teils sehr liberal, in katholischen Ländern wiederum eher streng war.[6] Der Mensch äußert sich bezüglich der Zensur folgendermaßen:

„Auch ist die deutsche Nation des satyrischen Tadels noch nicht so gewohnt, und uns sind die Schicksale nicht unbekannt, welche einige Wochenschriften theils verdient, theils unverdient empfunden haben. Wir selbst haben zum öfteren erfahren, dass unsere Blätter einer unrechten und gehässigen Deutung unterworfen wurden. Wir müssen, um allem vorzubeugen, was die elende Auslegungskunst etwa schaden könnte, oft die Gedanken unterdrücken und die Ausdrücke sorgfältig überlegen.“[7]

In den deutschsprachigen Gebieten fanden sich somit im Wesentlichen in den protestantischen Regionen des heutigen Nord-, Mittel- und Ostdeutschlands, sowie in der Schweiz die fruchtbarsten Böden für das neue publizistische Medium, wobei die großen Bürgerstädte wiederum Vorreiter waren. Entweder waren es freie Städte mit einer bürgerlich-patrizischen Ratsverfassung, wie Hamburg, Zürich oder Bern, oder es waren Städte wie Leipzig, die zwar einem fürstlichen Oberherrn unterstanden, aber doch von einem wohlhabenden Bürgerstand dominiert wurden. Ebenso entstanden die Moralischen Wochenschriften in Städten wie Göttingen, Halle oder Königsberg, die im Wesentlichen von ihren Universitäten bestimmt waren.[8] Die Autoren der Wochenschriften sowie auch die Leserschaft rekrutierten sich ebenfalls aus bürgerlichem Milieu, wobei sich häufig auch protestantische Pfarrer im Schreiben der moralischen Blätter engagierten. Das Bürgertum im absolutistischen Staat des 18. Jahrhunderts suchte zwar seinen Platz innerhalb des bestehenden Systems, artikulierte sein Selbstbewusstsein jedoch in einer spezifisch bürgerlichen Kultur, die sich auf eigene Werthaltungen und auf ein eigenes Weltverständnis stützte, das in den Wochenschriften Ausdruck fand.[9]

Interessanterweise brachten auch Orte mit wesentlich geringerer Einwohnerzahl Wochenschriften hervor, die zuvor nicht einmal eine Zeitung besessen und kaum am literarischen Leben teilgenommen hatten. Diese Tatsache ist insofern bedeutsam, als dass sie zeigt, dass die Botschaften der Aufklärung offenbar so große Impulswirkung besaßen, dass sie sogar zuvor illiterate Orte erreichten und sie zu eigenem Schaffen motivierten.[10] In diesem Zusammenhang ist eigenartig, dass dennoch nicht nur katholische, sondern auch rein protestantisch geprägte Gebiete keine Moralischen Wochenschriften hervorbrachten. So gab es im württembergisch-badischen Raum keine einzige Zeitschrift dieser Art, ebenso steht es für Hessen und die Pfalz. Eine Erklärung ist nicht leicht zu finden; die Gründe könnten aber auf den Rückstand des Buchhandels, geringe Aktivität der Universitäten und stagnierende wirtschaftliche Verhältnisse zurückzuführen sein.[11]

Formal kann bezüglich der Moralischen Wochenschriften festgestellt werden, dass sie wöchentlich erschienen und der Umfang größtenteils acht Seiten betrug. Kennzeichnend für diese Gattung war ferner das Auftreten fiktiver Verfassergestalten, die die Zeitschrift vorgeblich schrieben, teils ebenfalls fiktive Leserbriefe empfingen und beantworteten und ihre Leserschaft durch aufgeklärte Ratschläge zu tugendhaften Mitgliedern des Gemeinwesens erziehen wollten.[12] Ihre wahre Identität gaben die Verfasser dabei niemals preis, die fiktiven Charaktere waren jedoch stets als solche zu erkennen, sodass keine Missverständnisse bei der Leserschaft entstanden. Die fiktiven Verfasser zogen sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Ausgaben und verliehen ihr einen festen Rahmen und eine große Wirkung. Denn unter dem Deckmantel der Anonymität konnte viel freier formuliert werden und zudem stand „die ernsthafteste moralische Ermahnung in einer Moralischen Wochenschrift unter dem Vorzeichen des Fiktiven und wurde damit relativiert“.[13] Dies eröffnete die Chance, den Leser auf ganz andere Art und Weise zu beeinflussen, als es geistliche oder weltliche Autoritäten bis zu diesem Zeitpunkt vermocht hatten. So stellt Martens fest:

„Es [das anonyme Sprechen in den Moralischen Wochenschriften] konnte niemals mit absolutem Anspruch auftreten. Es imponierte sich nicht, es forderte nicht Gehorsam und unbedingte Hingabe an eine Autorität, sondern es setzte, als ein vermittelndes Sprechen, den Leser frei, es forderte den mündigen, urteilenden Zuhörer, es blinzelt ihm zu und überlässt es der Vernunft der eigenen Verantwortung des Aufnehmenden, den Ernst des Gesagten zu erkennen und die moralische Lehre anzunehmen.“[14]

Gerade das Spiel zwischen Fakt und Fiktion machte die Moralischen Wochenschriften für ihr Publikum interessant und es war für die Leserschaft leichter, mit Witz und Augenzwinkern dem moralischen Zeigefinger in die rechte Richtung zu folgen, als einer starren Autorität.

Bei der Festlegung der gesellschaftlichen Kreise, aus denen sich das Publikum der Moralischen Wochenschriften zusammensetzte, herrscht Uneinigkeit in der Forschung. In seiner Abhandlung über die Geschichte der Zeitschriften betont Joachim Kirchner, dass sich der Moraljournalismus „an einen zahlenmäßig unbegrenzten, d.h. alle Bevölkerungsschichten umfassenden Abnehmerkreis wandte“[15], was jedoch als zu weit gefasst scheint. Ebenso ist die Bezeichnung „Durchschnittsbürger“[16] bezüglich der Leserschaft der Wochenschriften zu ungenau und sagt nichts über den Personenkreis aus. Pamela Currie dagegen geht davon aus, dass der Leser der Moralischen Wochenschriften „should not be thought of as exclusively middle-class but rather as straddling the upper and upper-middle classes“[17] und bekräftigt ihre These mit den Kosten der Blätter, denn eine Ausgabe kostete etwa 6 Pf., was in etwa den Lebenshaltungskosten für zwei Tage entsprach. Zu bedenken ist hierbei jedoch, dass die Blätter auch untereinander weitergereicht wurden, wodurch Curries These nicht ganz zutreffend sein kann. Martens betont zusätzlich die Tatsache, dass das Publikum der Wochenschriften sich aufgrund ihrer Intention, die Bildung ihrer Leser zu bessern, nicht aus Akademikerkreisen zusammensetzte.[18] Dem pflichtet Jörg Scheibe, der sich speziell mit dem Patrioten beschäftigte, bei und fügt hinzu, dass die in den Moralischen Wochenschriften befindlichen Inhalte für untere Gesellschaftsschichten schlichtweg uninteressant waren, da deren Lebenswirklichkeit ganz andere Befindlichkeiten kannte.[19] So lässt sich feststellen, dass sich die Leserschaft der Moralischen Wochenschriften hauptsächlich durch eine gewisse Finanzkraft, den Wunsch nach Bildung und durch das Vorhandensein der nötigen freien Zeit für die Lektüre auszeichnete. Diese Kriterien trafen häufig auf Frauen gehobenen Standes zu, die im Folgenden auch gesondert betrachtet werden.

3. Forschungsstand

Die aufklärerischen Schriften des 18. Jahrhunderts sind in der Forschung bisher hauptsächlich literaturwissenschaftlich oder literaturhistorisch untersucht worden. Gerade in den 1960er und 1970er Jahren erfreute sich dieses Forschungsgebiet größter Beliebtheit. In den letzten Jahren dagegen sind die Moralischen Wochenschriften mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Insbesondere wurden sowohl die Gattung der Moralischen Wochenschriften bezüglich ihrer spezifischen literarischen Merkmale als auch die Rolle ebendieser Schriften in der Frühgeschichte des Zeitschriften- und Pressewesens untersucht.[20]

Ein gutes Beispiel für Forschungen in diese Richtung ist Wolfgang Martens, dessen Arbeit eine Fülle von Material und Kenntnis einschließt und somit bis jetzt noch als Standardwerk über die Merkmale der deutschsprachigen Moralischen Wochenschriften in literatur-, geistes- und sozialgeschichtlicher Perspektive betrachtet werden kann.[21] Sein Werk bildete die Basis für viele weitere und thematisch enger gefasstere Forschungen, die sich in ihren Abhandlungen häufig auf eine bestimmte Wochenschrift fokussierten oder auch die Rolle der Frau in den Blick nahmen.[22]

Hanno Langenohl betrachtete die Moralischen Wochenschriften 1964 im Hinblick auf Bildung und Erziehung des Volkes und stellte die Pädagogik der Schriften in den Fokus.[23] Elke Maar schlug einen ähnlichen Weg ein, indem sie die Korrelation zwischen Bildung und Unterhaltungsliteratur näher beleuchtete.[24] Ute Schneider hingegen stellte den „moralischen Charakter“, wie er in den Wochenschriften häufig beschrieben wird, in ihrer Arbeit ins Zentrum und widmete sich somit der Art und Weise der Menschendarstellung.[25] Susanne Niefanger und Hubert Lengauer wiederum richteten ihre Aufmerksamkeit auf die rhetorische Vermittlung der Moral und Schreibstrategien innerhalb der Moralischen Wochenschriften.[26]

Selbstverständlich sind nicht nur deutsche Moralische Wochenschriften zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen geworden. Gerade auch aus dem englischsprachigen Raum sind zum einen der amerikanische Literaturwissenschaftler Richmond P. Bond mit seinen detailreichen Studien zu den frühen Moralischen Wochenschriften zu nennen, zum anderen aber auch Donald F. Bond, der kommentierte Ausgaben des Spectator und des Tatler, erschienen unter Richard Steele und Joseph Addison, neu herausgab.[27] Da jedoch die deutschsprachigen Schriften für diese Arbeit zentral sind, werden im Folgenden auch nur diese Gegenstand der Betrachtung sein.

4.Die Weltanschauung in den Moralischen Wochenschriften

Die Moralischen Wochenschriften vermittelten auf unterhaltsame Art aufklärerische Werte, Normen und Einstellungen, die ganz verschiedene Bereiche des öffentlichen, aber auch des privaten Lebensbereichs der Menschen betrafen. So wird im Folgenden zunächst der Begriff der Tugend näher betrachtet werden, um davon ausgehend den Menschen im Zusammenhang mit Staat und Gesellschaft zu setzen und danach in einem dritten Schritt das Verhältnis des Menschen zur Religion und die Aufgabe der Religion innerhalb der Gesellschaft im Allgemeinen zu beleuchten. Die Frau bleibt in diesem Kapitel noch unbehandelt, da sie in Kapitel fünf gesonderte Beachtung erfährt.

4.1Die Tugendhaftigkeit des Menschen

Der Mensch, der zugleich als Individuum und auch als Teil der Gesellschaft betrachtet wurde, ist beherrschendes Thema in den Moralischen Wochenschriften. Ihn galt es für die Autoren der aufklärerischen Schriften im Hinblick auf seine Sitten, seine Moral und seine Tugendhaftigkeit zu formen. Die Grundlage für dieses Vorhaben waren die anthropologischen Vorstellungen der Aufklärung, die sowohl vom englischen Empirismus, als auch vom Sensualismus beeinflusst wurden. Der Mensch wurde von den Verfassern der Wochenschriften als erziehbares Wesen gesehen, das nahezu ungeprägt sein Leben beginnt und durch Belehrung zur Tugendhaftigkeit gelangen kann.[28] Damit lehnen sie sich geistesgeschichtlich stark an Jean-Jacques Rousseau an, der die Lehre von der natürlichen Unschuld des ursprünglichen Menschen entwickelte, die Thomas Hobbes Auffassung von der „natürlichen Bosheit“ der Menschen widerlegen sollte.[29] Den Grund für das Vorhandensein von Untugenden und schlechtem Verhalten sah man größtenteils nicht in der Erbsünde, sondern darin, dass der formbare Charakter des Menschen durch negative Einflussfaktoren zum Schlechten hin verändert wurde und so mit Hilfe von Belehrung und Erziehung im Sinne der Aufklärung gebessert werden konnte.[30]

Tugend sollte, so wurde es in den Moralischen Wochenschriften immer wieder betont, stets die Pflicht eines jeden Menschen sein. Der Mensch formuliert diesen Anspruch so:

„Ein vernünftiger Mensch muß als freyes Wesen die Tugend ausüben.“[31]

Tugend wurde demnach nicht als Option verstanden, sondern als „Produkt eines freien Selbstzwanges“[32], der unter literarischer Anleitung ausgeübt werden sollte.

Sittlichkeit bzw. Tugend waren außerdem stets eng an die Vernunft gekoppelt. Die „gesunde Vernunft“ sollte die „Beurtheilungs-Kraft“ nutzen, die „durch Erkänntniß nöthiger Sachen und klugen Unterricht geschärffet“[33] werden sollte, und wurde als „eine Kraft und Fähigkeit, den Werth und Unwerth aller vorfallenden Dinge zu beurtheilen“[34] definiert. Lasterhaftigkeit dagegen wurde als Resultat der Unvernunft verstanden, weil man davon ausging, dass kein vernunftbegabter Mensch sich freiwillig seiner Glückseligkeit, die in der Tugend wurzelt, berauben würde. Stattdessen wurde von einem vernünftigen Menschen gefordert, dass dieser sein Dasein reflektiert betrachtete und so Laster, Vorurteile und Leidenschaften bekämpfte. Die Verfasser der Moralischen Wochenschriften wollten ihre Leser genau dazu anregen. Im Wesentlichen lassen sich drei Möglichkeiten der Einwirkung auf den Leser beobachten: Belehrung durch Begriffserklärung, Besserung durch Ansprechen des „Gemüts“ und Abschreckung vom Laster durch Spott.[35] Denn Informationen, die die emotionale Auffassungskraft des Lesers ansprechen, werden leichter verstanden, als eine intellektuelle Belehrung. Ebenso war Spott effektiver, da das Verspotten in der bürgerlichen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts durchaus als Strafe wirken konnte, weil es im Gegensatz zum Bestreben der Bürger stand, als nützliche und auch nicht von der Norm abweichende Bestandteile der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden.[36]

Gerade durch überzeichnete Charakterbilder konnte die Belehrung des Lesers stattfinden, um ihm den Weg zur Tugend zu weisen. In den Moralischen Wochenschriften finden sich zahllose Charakterzeichnungen dieser Art. Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, soll jedoch nur ein Beispiel angeführt werden. Sehr anschaulich ist das 43. Stück des Patrioten, in dem der Verfasser thesenartige Aussagen durch „Moralische Charaktere“ zu beweisen sucht: Während der ehrsüchtige „Superbander“ trotz aller Erfolge von ständiger Unzuverlässigkeit gequält wird, strebt „Ehrenfried“ auf zulässige, also vernünftige Weise nach Ehre und wird für dieses tugendhafte Verhalten mit allgemeiner Anerkennung und innerer Ruhe belohnt. Auf gleiche Art und Weise finden der wollüstige „Brutaldo“ und „Faullenza“ ihre irdische Strafe in Siechtum, Sorge und Armut, wohingegen „Herr von Fröhlichshausen“ ein bescheidenes und somit glückliches Leben führt. „Dass endlich auch die Habsucht ein mühseliges Laster sey“, wird durch den sorgengeplagten Charakter „Allesmein“ unter Beweis gestellt. Frei von diesen Sorgen ist nur, wer es „Herr von Genügenthal“ gleichtut und in vernünftiger Weise sein Geld verdient und verwaltet.[37] Gerade die antithetische Struktur der Charakterdarstellung erleichtert das Verständnis und belehrt den Leser auf fast schon spielerische und kindliche Art und Weise. So werden hauptsächlich Laster wie Habsucht, Geiz, Wollust, Ehrgeiz, Verschwendung, Unzucht, Schwelgerei, Eitelkeit, Müßiggang und Neid parodiert und verspottet und damit die gegenteiligen Begriffe (bei Müßiggang z.B. Tüchtigkeit) als Tugendideal und Ziel eines jeden Menschen hervorgehoben. Der Leser wird dabei nicht deduktiv belehrt, sondern es wird in ihm ein eher induktiver Lernprozess in Gang gesetzt, im Zuge dessen er selbst erkennt, wie er sich zu verhalten hat. Durch derartige Charakterbilder in den Moralischen Wochenschriften entstand eine Moral des Kollektivs, die auf die sittlichen Entscheidungen der Individuen einwirkte, indem sie zwar keine festgelegten Handlungsweisen vorgab, aber dennoch bestimmte Handlungsweisen nahelegte (exempla sequenda) und andere dagegen ex negativo mit gesellschaftlicher Missbilligung belegte (exempla horrenda). Es gab jedoch auch direkte Anweisungen an die Leser, wie sie ihr Leben zu einem tugendhaften Leben machen konnten. So wies der Patriot insbesondere auf die Bedeutung von Fleiß hin, indem er mittels Vergleich konstatierte, „daß der Mensch zur Arbeit gebohren sey, wie der Vogel zum fliegen.“[38]

Als Bedingung wahrer Tugend wurde, wie bereits kurz erwähnt, Selbsterkenntnis, also „das einzige, welches den Menschen von den übrigen Creaturen absöndert“[39], betrachtet. Diese aufklärerische Forderung rekurriert auf die von Locke schon nachdrücklich ausgesprochene Empfehlung, in sich selbst hineinzublicken und sein eigenes Dasein zu reflektieren. Zweck dessen sollte es sein, durch Selbstreflexion eigene Fehler zu entdecken und so die Selbsterziehung zum sittlich guten und tugendhaften Menschen zu befördern.

[...]


[1] Vgl. Elke Maar: Bildung durch Unterhaltung. Die Entdeckung des Infotainment in der Aufklärung, Hallenser und Wiener Moralische Wochenschriften in der Blütezeit des Moraljournalismus 1748-1782, Pfaffenweiler 1995, S.16.

[2] Vgl. Jürgen Jacobs: Prosa der Aufklärung. Moralische Wochenschriften, Autobiographie, Satire, Roman: Kommentar zu einer Epoche, München 1976, S. 47.

[3] Vgl. Elke Maar: Bildung durch Unterhaltung, S. 14.

[4] Zur Ausbreitung der Moralischen Wochenschriften innerhalb Europas vgl. Fritz Rau: Zur Verbreitung und Nachahmung des „Tatler“ und „Spectator“, Heidelberg 1980.

[5] Vgl. Jacobs: Prosa der Aufklärung, S. 46.

[6] Vgl. Elke Maar: Bildung durch Unterhaltung, S.78.

[7] vgl. Der Mensch, 217. Stück.

[8] vgl. Wolfgang Martens: Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften, Stuttgart 1968, S. 164f.

[9] Vgl. Jacobs: Prosa der Aufklärung, S. 14.

[10] Ibidem, S. 166.

[11] Ibidem, S. 167.

[12] Vgl. Jacobs: Prosa der Aufklärung, S. 51.

[13] Vgl. Martens: Botschaft der Tugend, S. 32.

[14] Ibidem.

[15] Vgl. Joachim Kirchner: Das deutsche Zeitschriftenwesen, seine Geschichte und seine Probleme, Band 1, Wiesbaden 1962, S.60.

[16] vgl. Helmut de Boor u. Richard Newald: Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 31960, S. 452.

[17] Vgl. Pamela Currie: Moral Weeklies and the Reading Public in Germany 1711-1750, in: Oxford German Studies 3 (1968), S. 73.

[18] Vgl. Martens: Botschaft der Tugend, S. 152.

[19] Vgl Jörg Scheibe: Der „Patriot“ (1724-1726) und sein Publikum. Untersuchungen über die Verfassergesellschaft und die Leserschaft einer Zeitschrift der frühen Aufklärung, Göppingen 1973, S. 117.

[20] Vgl. z.B. Joachim Kirchner: Das deutsche Zeitschriftenwesen, seine Geschichte und seine Probleme, Band 1, Wiesbaden 1962.

[21] Vgl. Wolfgang Martens: Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften, Stuttgart 1968.

[22] Vgl. z.B. Helga Brandes: Die „Gesellschaft der Mahler“ und ihr literarischer Beitrag zur Aufklärung. Eine Untersuchung zur Publizistik des 18. Jahrhunderts, Bremen 1974; Jörg Scheibe: Der „Patriot“ (1724-1726) und sein Publikum. Untersuchungen über die Verfassergesellschaft und die Leserschaft einer Zeitschrift der frühen Aufklärung, Göppingen 1973; Ulrike Weckel: Zwischen Häuslichkeit und Öffentlichkeit. Die ersten deutschen Frauenzeitschriften und ihr Publikum, Tübingen 1998 oder auch Regina Nörtemann: Schwache Werkzeuge als öffentliche Richterinnen. Zur fiktiven weiblichen Herausgeber- und Verfasserschaft in Moralischen Wochenschriften des 18. Jahrhunderts, in: Archiv für Kulturgeschichte 72 (1990), S. 381-403 und Helga Neumann: Zwischen Emanzipation und Anpassung. Protagnonistinnen des deutschen Zeitschriftenwesens im ausgehenden 18. Jahrhundert (1779-1795), Würzburg 1999.

[23] Vgl. Hanno Langenohl: Die Anfänge der deutschen Volksbildungsbewegung im Spiegel der moralischen Wochenschriften, Düsseldorf 1964.

[24] Vgl. Elke Maar: Bildung durch Unterhaltung. Die Entdeckung des Infotainment in der Aufklärung, Hallenser und Wiener Moralische Wochenschriften in der Blütezeit des Moraljournalismus 1748-1782, Pfaffenweiler 1995.

[25] Vgl. Ute Schneider: Der moralische Charakter. Ein Mittel aufklärerischer Menschendarstellung in den frühen deutschen Wochenschriften, Stuttgart 1976.

[26] Vgl. Susanne Niefanger: Schreibstrategien in Moralischen Wochenschriften. Formalstilistische, pragmatische und rhetorische Untersuchungen am Beispiel von Gottscheds „Vernünfftigen Tadlerinnen“, Tübingen 1997; Hubert Lengauer: Zur Sprache Moralischer Wochenschriften. Untersuchungen zur rhetorischen Vermittlung der Moral in der Literatur des 18. Jahrhunderts, Wien 1975.

[27] Vgl. Richmond P. Bond (Hrsg.): Studies in the Early English Periodical, Chapel Hill 1957; ders.: The Tatler. The Making of a Literary Journal, Cambridge 1971; Donald F. Bond (Hrsg.): The Spectator, 5 Bände, Oxford 1965; ders.: The Tatler, 3 Bände, Oxford 1987.

[28] Vgl. Schneider: Der moralische Charakter, S. 68.

[29] Vgl. Iring Fetscher: Jean-Jacques Rousseau, in: Martin Greschat (Hrsg.) Die Aufklärung. Gestalten der Kirchengeschichte 8, Stuttgart 1983, S. 240.

[30] In den pietistischen Schriften zeichnete sich jedoch ein weitaus negativeres Menschenbild ab, das beispielsweise auf die paulinische Erbsündenlehre, auf den augustinischen Dualismus von Geist und Fleisch und auf das lutherische Sündenbewusstsein aufbaute, vgl. z.B. Leipziger Socrates, 2. Stück: „Das menschliche Herz ist böse von Jugend auf, das Verlangen desselben meistentheils thöricht.“

[31] Vgl. Der Mensch, 86. Stück.

[32] Vgl. Wilhelm Kühlmann: Moralische Aufklärung im 18. Jahrhundert. Ziele, Medien, Aporien, in: Periodische Erziehung des Menschengeschlechts. Moralische Wochenschriften im deutschsprachigen Raum, hrsg. v. Misia Sophia Doms u. Bernhard Walcher, Bern 2012, S. 24.

[33] Vgl. Die mühsame Bemerckerin derer Menschlichen Handlungen, 4. Stück.

[34] Ibidem, 13. Stück.

[35] Vgl. Schneider: Der moralische Charakter, S.88.

[36] Ibidem, S. 92.

[37] Vgl. Der Patriot, 43. Stück.

[38] Vgl. Der Patriot, 88. Stück.

[39] Vgl. Die Discourse der Mahlern I, 13.

Details

Seiten
29
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668712027
ISBN (Buch)
9783668712034
Dateigröße
623 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426570
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Theologische Fakultät
Note
1,0
Schlagworte
moralischen wochenschriften jahrhunderts medium aufklärung

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