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Georg Simmels "Der Begriff und die Tragödie der Kultur" und Erich Fromms "Haben oder Sein"

Minimalismus und die Do-it-yourself-Bewegung als Ausdruck der Seins-Orientierung

Hausarbeit 2013 20 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Georg Simmel über die Kultur
2.1. Die Kultur als Weg der Seele zu sich selbst
2.2 Die Tragödie der Kultur

3. Erich Fromm über Haben und Sein
3.1. Haben
3.2 Sein

4. Haben, Sein und die Tragödie der Kultur

5. Sein – Besitzlosigkeit, Konsumverzicht und Schöpfertum
5.1 Minimalismus
5.2 Do-it-yourself-Bewegung

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ stellt der Philosoph und Soziologe Georg Simmel fest, dass der Mensch über den Weg der Kultur vorhandene Talente nutzen, Fähigkeiten fördern und seine Persönlichkeit ausdrücken und weiterentwickeln kann. Gerade in der heutigen Zeit hat durch die große Menge an Kulturangeboten sowie deren weite Verbreitung und Zugänglichkeit über das Internet der Mensch unzählige Inspirationen und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung. Jedoch beobachtet Simmel, dass der moderne Kulturmensch all dieses nur noch im Modus des Konsumierens wahrnimmt und gar nicht mehr selbst schöpferisch tätig wird.[1] Er ist von der unüberschaubaren Vielzahl, Komplexität und Grenzenlosigkeit der Objekte überfordert sowie durch Technisierung und Arbeitsteilung von den Dingen entfremdet, sodass eine seelische Entwicklung gar nicht mehr möglich ist.[2] Obgleich die Kulturgüter dem Subjekt bei seiner Entfaltung dienen sollen, verunmöglicht ihre Übermacht gerade dieses – was Simmel als die Tragödie der Kultur bezeichnet.[3] Gleichzeitig betont er, dass diese unvermeidlich sei.[4] Es stellt sich die Frage, ob es tatsächlich keinen Ausweg aus dieser Tragödie gibt. Was kann der moderne Mensch tun, damit in der heutigen Überflussgesellschaft die Seele nicht verkümmert? Eine Antwort ergibt sich möglicherweise aus Erich Fromms Konzept der zwei Existenzweisen von Haben und Sein, welches er in seinem Werk „Haben oder Sein“ beschrieben hat. Der Charakter des modernen Kulturmenschen ist demnach überwiegend geprägt von der Existenzweise des Habens[5] – mit allen sich daraus ergebenden Problemen. Es wird für diese Hausarbeit thesenhaft angenommen, dass die Tragödie der Kultur eben auf jener dominierenden Existenzweise des Habens beruht und eine Lösung des Konfliktes möglich ist, wenn der Mensch von der Existenzweise des Habens zur Existenzweise des Seins wechselt. Dabei zeigen jüngste Trends wie der Minimalismus oder die Do-it-yourself-Bewegung, dass ein Umdenken in einigen Teilen der Gesellschaft bereits stattfindet und der Mensch versucht, durch eingeschränkten Konsum und Reduzierung der Objekte auf das Wesentliche wieder zu jener Freiheit zu finden, die es ihm möglich macht, selbst tätig zu werden und in eine von Lebendigkeit geprägte, schöpferische Beziehung zu den Dingen zu treten, die die Seele wieder berühren und die Persönlichkeit sowie Individualität entwickeln. In dieser Arbeit soll jener Zusammenhang näher dargestellt werden. Dazu soll im ersten Abschnitt Georg Simmels „Begriff und Tragödie der Kultur“ kurz dargestellt werden, um im zweiten Abschnitt auf Fromms Konzept von den zwei Existenzweisen einzugehen. Im Anschluss werden beide Konzepte zusammengeführt und die Tragödie der Kultur aus der Existenzweise des Habens heraus erklärt. Abschließend sollen die angesprochenen aktuellen Phänomene des Minimalismus und der Do-it-yourself-Bewegung näher betrachtet und als konkrete praktische Erscheinungsformen der Existenzweise des Seins gedeutet werden.

2. Georg Simmel über die Kultur

Simmel zufolge ist Kultur in dem Zusammenspiel von Mensch und Welt, von erschaffendem Subjekt und erschaffenem Objekt zu finden.[6] Die subjektive Seele erschafft Objektivationen ihres Geistes, welche sich als geistige Werke in die Welt der Objekte einreihen.[7] Dabei ist das Verhältnis von Subjekt und Objekt dualistischer Natur: Die Seele ist lebendig, endlich und in permanenter Veränderung begriffen, während die Objektivationen in ihrer Form erstarrt, scheinbar endlos und zeitlos gültig sind.[8] In diesem Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt vermag die Seele sich zu kultivieren, weswegen Simmel die Kultur als „[…] Weg der Seele zu sich selbst […]“[9] betrachtet.

2.1. Die Kultur als Weg der Seele zu sich selbst

Die menschliche subjektive Seele ist vergleichbar mit einem Keim, dessen spätere Erscheinungsform bereits in ihm vorgeformt ist.[10] Unvollkommen in ihrem Naturzustand trägt sie bereits das Potential zu etwas Vollkommenerem in sich und strebt danach, sich zu entwickeln und zu kultivieren.[11] Der Weg von der unvollkommenen zur kultivierten Seele führt dabei über im Außen liegende Mittel und Werte.[12] Indem der Mensch tätig wird und aus sich selbst heraus Objekte erzeugt, welche entweder rein geistiger oder materieller Natur sind, kann er sich als Gesamtpersönlichkeit und Individuum weiterentwickeln.[13] Auch die Rezeption und Auseinandersetzung mit den Objektivierungen anderer Seelen können zu der Kultivierung der subjektiven Seele beitragen. Die Summe dieser Objekte bildet unser Kulturgut, welches sich unter anderem über die Bereiche der Kunst, der Wissenschaft, der Technik, der Religion, der Sitte und des Rechtes erstreckt.[14]

Da sich mit jeder dieser Erzeugnisse eine Seele aus sich selbst heraus verkörpert hat, besitzen diese Werke einen objektiven Wert, unabhängig davon, welche Ursachen ihrer Entstehung zugrunde liegen und welche Wirkungen sie auf andere Subjekte ausüben:[15]

Die materiellen und immateriellen Gebilde, in denen menschliches Wollen und Können, Wissen und Fühlen investiert ist, sind jenes objektiv Dastehende, das wir als Bedeutsamkeit und Bereicherung des Daseins auch dann empfinden, wenn wir von seinem Geschaut-, Genutzt- oder Genossenwerden völlig abstrahieren.[16]

Beispielsweise empfinden wir ein Kunstwerk als objektiv wertvoll auch dann, wenn es nicht unserem ästhetischen Geschmack entspricht. Allein die Tatsache, dass ein Individuum sich durch sein Talent und seine Fähigkeiten in sein Erzeugnis eingebracht und eine Intention hinein gelegt hat, gibt ihm einen Wert. Sowohl der Künstler selbst wie auch der Betrachter des Werkes können durch dieses Objekt bereichert werden: Der Künstler kann seiner Seele schöpferischen Ausdruck verleihen sowie künstlerische Begabungen verfeinern, während der Rezipient durch das Werk Inspirationen für eigenes kreatives Schaffen erhält oder Denkprozesse in ihm angestoßen werden.

Daraus ergibt sich eine Art Formel für die Kultur: Subjektiv seelische Energie wird in eine objektive Gestalt gebracht, aus dieser Gestalt heraus wieder in subjektive Lebensprozesse einbezogen, wo sie dann eine Kultivierung der Seele bewirken kann.[17] Es ergibt sich also eine Strömung von Subjekten durch Objekte wieder hin zu Subjekten.[18]

Simmel hebt dabei als Paradoxon der Kultur hervor, dass die Seele zwar nach Selbstvervollkommnung strebt, diese jedoch nicht allein durch sich selbst und ihrem Inneren heraus, sondern nur durch den Umweg über äußere und der Seele formfremde Objekte erreichen kann.[19] Dies führt auch zu der Situation, die er als Tragödie der Kultur bezeichnet.

2.2 Die Tragödie der Kultur

Da die Objekte einer eigenen inneren Logik folgen, werden sie dem Anspruch der Kultivierung des Subjektes nicht unbedingt gerecht und können diese sogar behindern.[20] Dies ist durch mehrere Umstände begründet. Einmal in die Welt gestellt, bleiben die Objekte unabhängig von ihrem Ursprung und ihrem Zweck mit einer Selbstständigkeit bestehen, die dazu führen kann, dass die Gebilde eine Bedeutung erhalten, die gar nicht in sie hineingelegt worden ist.[21] Das Subjekt kann von dieser Selbstständigkeit so eingezogen werden, dass es die Dinge, die eigentlich nur Mittel sein sollten, zu Endzwecken werden lässt.[22] Statt die eigene Seele zu vervollkommnen, verliert sich das Subjekt in dem Versuch, die Dinge um der Dinge willen weiterzuentwickeln.[23] Beispielhaft zu nennen ist die immer komplexer werdende Wissenschaft, in deren Teilbereichen mitunter Forschungen betrieben werden, die praktisch keinen lebensweltlichen Nutzen mehr für das Subjekt haben. Es wird hier geforscht, weil es eben möglich ist und die bereits erforschten Objekte nach weiteren Objekten in ihrer Reihe zu fragen scheinen.

Weiterhin ergibt sich durch die modernen Prozesse der Arbeitsteilung und die industrielle Massenproduktion eine Entfremdung der Subjekte von den Objekten.[24] Die meisten Produkte haben heutzutage viele Produktionsschritte durchlaufen und sind durch viele Hände (und Köpfe) gegangen, bis sie schließlich beim Konsumenten ankommen. Diese Produkte jedoch haben keinen Produzenten, welcher sich durch die Herstellung dieses Objektes verwirklichen und als tätiges Subjekt erleben konnte – es ist in ihnen keine seelische Energie investiert.[25] Dennoch stehen sie selbstständig da, regen den Konsumenten mithilfe von Werbung zum Kauf an und halten dennoch nicht was sie versprechen: Leer wie sie sind, helfen sie auch dem Konsumenten nicht dabei, sich selbst zu vervollkommnen. Oft wird versucht, diese fehlende „[…] innere Durchseeltheit, die nur der ganze Mensch dem ganzen Werk geben kann […]“[26] mittels Quantität auszugleichen, sodass immer mehr Produkte erworben werden, die am Ende jedoch diese Leere nicht füllen können.

Auf diese Weise entsteht, da die Objektwelt keine quantitativen Grenzen kennt, eine Übermacht der Objekte, die den in Lebenszeit und Kraft begrenzten Menschen überfordert:[27]

Der ins Unabsehbare wachsende Vorrat des objektivierten Geistes stellt Ansprüche an das Subjekt […]. So entsteht die typisch problematische Lage des modernen Menschen: das Gefühl, von einer Unzahl von Kulturelementen umgeben zu sein, die für ihn nicht bedeutungslos sind, aber im tiefsten Grunde auch nicht bedeutungsvoll; die als Masse etwas Erdrückendes haben, weil er nicht alles einzelne innerlich assimilieren, es aber auch nicht einfach ablehnen kann, da es sozusagen potentiell in die Sphäre seiner kulturellen Entwicklung gehört.[28]

Der moderne Kulturmensch ist erschöpft und abgelenkt von der Vielzahl und Grenzenlosigkeit der Objekte, die ihm zudem fremd sind – er konsumiert nur noch, ohne selbst schöpferisch tätig zu werden.[29] Damit wird er aber der Möglichkeit beraubt, sich selbst weiterzuentwickeln und seine Persönlichkeit herauszubilden.[30] Er ist unfähig zur seelischen Entwicklung und die Kultur als Gesamtes verfällt.[31]

Die Tragödie der Kultur besteht also darin, dass diese der subjektiven Seele ein Mittel zur Vervollkommnung sein soll, sie stattdessen aber davon ablenkt.[32]

Simmel konstatiert, dass diese tragische Situation unvermeidlich ist.[33] Eingangs wurde schon die Frage danach gestellt, ob dem tatsächlich so ist. Welche Bedingungen müssten also erfüllt sein, damit der Mensch wieder selbst aktiv werden und schöpferisch tätig sein kann? Aufschluss geben kann möglicherweise Erich Fromms Konzept der zwei Existenzweisen von Haben und Sein, welches er in seinem Werk „Haben oder Sein“ beschrieben hat.

3. Erich Fromm über Haben und Sein

Der Philosoph, Sozialpsychologe und Psychoanalytiker Erich Fromm unterscheidet zwei grundlegende Existenzweisen, von denen jede tendenziell als Möglichkeit innerhalb der menschlichen Natur vorhanden ist und deren jeweilige Stärke bestimmt, wie ein Mensch empfindet, denkt und handelt.[34] Die Dominanz der jeweiligen Existenzweise bestimmt dabei nicht nur den Charakter des Einzelnen, sondern auch den einer ganzen Gesellschaft.[35]

In der Existenzweise des Habens besteht die Beziehung des Menschen zur Welt sowie zu sich selbst im Besitzen.[36] Die Existenzweise des Seins hingegen zeichnet sich durch ein lebendiges Bezogensein sich selbst und der Welt gegenüber aus.[37] Entsprechend rückt eine Gesellschaft, die sich in der Haben-Orientierung befindet, die Objekte in den Mittelpunkt, wohingegen eine Seins-orientierte Gesellschaft das Subjekt beziehungsweise den Menschen im Fokus hat.[38]

Beide Existenzweisen sollen im Folgenden kurz näher erläutert werden.

[...]


[1] Vgl. Simmel, Georg: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. In: Grundlagentexte Kulturphilosophie. Hrsg. von Ralf Konersmann. Hamburg: Meiner 2009. S. 55-76, hier S. 75.

[2] Vgl. ebd. S. 73-76.

[3] Vgl. ebd. S. 76.

[4] Vgl. ebd.

[5] Vgl. Fromm, Erich: Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft. Hamburg: Spiegel-Verlag 2006/2007. S. 33.

[6] Vgl. Simmel, G.: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. S. 55.

[7] Vgl. ebd.

[8] Vgl. ebd.

[9] Ebd.

[10] Vgl. ebd.

[11] Vgl. Simmel, G.: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. S. 55.

[12] Vgl. ebd. S. 57.

[13] Vgl. ebd. S. 56.

[14] Vgl. ebd. S. 57.

[15] Vgl. ebd. S. 60f.

[16] Ebd. S. 61.

[17] Vgl. Simmel, G.: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. S. 69.

[18] Vgl. ebd.

[19] Vgl. ebd. S. 58.

[20] Vgl. ebd. S. 67ff. und S. 75.

[21] Vgl. ebd. S. 70f.

[22] Vgl. ebd. S. 72.

[23] Vgl. ebd.

[24] Vgl. ebd. S. 69f.

[25] Vgl. Simmel, G.: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. S. 70 und vgl. Lichtblau, Klaus: Georg Simmel. Frankfurt/ New York: Campus Verlag 1997 (= Reihe Campus; Bd. 1091: Einführungen). S. 74.

[26] Simmel, G.: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. S. 75.

[27] Vgl. ebd. S. 73.

[28] Ebd.

[29] Vgl. ebd. S. 75.

[30] Vgl. ebd. S. 74.

[31] Vgl. ebd. und vgl. Rubenbauer, Alex: Warum ist unsere Gesellschaft wie sie ist? 24.02.2017. Online im Internet unter URL: https://alex-rubenbauer.de/minimalismus/ (Stand: 13.10.2017).

[32] Vgl. Simmel, G.: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. S. 76.

[33] Vgl. Simmel, G.: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. S. 76.

[34] Vgl. Fromm, E.: Haben oder Sein. S. 29, 38 und 118.

[35] Vgl. ebd. S. 29.

[36] Vgl. ebd. S. 38.

[37] Vgl. ebd.

[38] Vgl. ebd. S. 33.

Details

Seiten
20
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783668708662
ISBN (Buch)
9783668708679
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426564
Institution / Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Note
1,3
Schlagworte
georg simmels begriff tragödie kultur erich fromms haben sein minimalismus do-it-yourself-bewegung ausdruck seins-orientierung

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