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Fototherapie als psychosoziale Intervention für Psychiatrische Pflege. Methodische Implikationen und empirische Erkenntnisse

Bachelorarbeit 2017 43 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Ausgangslage
1.2 Fragestellung
1.3 Aufbau und Methodik
1.4 Abgrenzungen
1.4.1 Photovoice und ÄSocial-Action-Photography³
1.4.2 Phototherapie durch ultraviolette Strahlung

2 PhotoTherapy ± Fotos in der Gesprächstherapie und Beratung nutzen
2.1 Begriffsbestimmung
2.2 Exkurs: Geschichte der Psychotherapie
2.3 Geschichte der PhotoTherapy
2.4 Wirksamkeit

3 Zentrale Techniken der PhotoTherapy
3.1 Der projektive Prozess
3.2 Arbeit mit Selbstportraits
3.3 Die Arbeit mit Fotos des Klienten, durch andere erstellt
3.4 Durch den Klienten bewahrte Fotos nutzen
3.5 Arbeit mit autobiographischen Schnappschüssen und Familienalben

4 Kombinationen einzelner PhotoTherapy Techniken

5 Therapeutische Fotographie ± Fotografie als Therapie nutzen
5.1 Begriffsbestimmung
5.2 Geschichte der therapeutischen Fotografie
5.3 Wirksamkeit

6 Fünf Methoden therapeutischer Fotografie als Gruppeninterventionen
6.1 Wenn ein Bild mehr als tausend Worte sagt
6.2 Ein besonderer Ort
6.3 So bin ich
6.4 Mein Leben als Buch
6.5 Die zurückgelegte Reise

7 Fotos in unterschiedlichen Settings
7.1 Fotos und ihre Bedeutung für die persönliche Recovery
7.2 Fototherapie in der Arbeit mit Jugendlichen
7.3 Fotos in der Arbeit mit älteren Menschen
7.4 Bilder im digitalen Zeitalter

8 Diskussion
8.1 Zusammenfassung des Literaturreviews
8.2 Relevanz fototherapeutischer Interventionen
8.3 Rückkehr zur Fragestellung
8.4 Ausblick

Abstract

Einleitung

Die moderne Psychiatrische Pflege hat es sich zum Ziel gesetzt, in der Lebenswirklichkeit von Menschen nutzbar zu sein, psychische Gesundheit zu fördern, niederschwellige Hilfe zur Selbsthilfe anbieten zu können und umfassende psychosoziale Begleitung vorzuhalten. Im Rahmen einer zunehmenden Ausschärfung pflegerischer Kompetenzbereiche im Kontext einer bisweilen nicht flächendeckenden, diskontinuierlichen psychosozialen Versorgungswirklichkeit soll überprüft werden, ob fotogestützte Interventionen in der sich verändernden psychiatrischen Behandlungspraxis durch Pflegende sinnhaft eingesetzt werden- und wie Betroffene von diesem Angebot profitieren können. Es werden exemplarisch zwei Methoden zur Arbeit mit Fotogra- fien vorgestellt. Die therapeutische Fotografie, in Anlehnung an kunsttherapeutische Annahmen und die PhotoTherapy, welche sich weniger mit der Darstellung von Bildern befasst sondern vielmehr den emotionalen und kognitiven Hintergrund von Fotos betrachtet.

Methodik

Um aussagekräftige Anhaltspunkte zur Theorie, Anwendung und Wirksamkeit beider Therapieverfahren hervorzuheben, wurde ein umfangreiches Review vorhandener, deutsch- und englischsprachiger Literatur vorgenommen.

Ergebnisse

Beide Therapieformen bieten Chancen, in verschiedenen psychosozialen Dimensionen gesundheitsfördernde Outcomes zu erreichen. Es konnten Ergebnisse in der Veränderung des Selbstwertgefühls, in der sozialen Kommunikation, bei der Aktivierung von Veränderungsprozessen und in der Reduktion von Stigmatisierung gefunden werden.

Diskussion

Es fehlen bislang größere randomisierte Studien, welche die Wirksamkeit therapeutischer Fotografie und der PhotoTherapy durch Psychiatrische Pflege belegen. In dem sich wandelnden deutschen Gesundheitssystem scheint es jedoch angebracht, über die Rolle der Psychiatrischen Pflege in einen intensiven Diskurs zu gehen. Fotobasierte Therapien könnten in Zukunft das Leistungsspektrum psychiatrischer Pflege umfänglich erweitern, im Rahmen begleitender Forschung überprüft und zielgruppenorientiert Entwickelt werden.

Danksagung

Ich möchte mich zu Beginn von Herzen bei den Menschen bedanken, die es mir ermöglicht haben, ein Thema zu wählen, welches mich während der Bearbeitung nochmals wachsen ließ. Ich habe mich aufgehoben gefühlt, begleitet und wurde durch Sie in meiner beruflichen Haltung getragen und gestärkt. Diese Arbeit spiegelt mein Verständnis von Psychiatrischer Pflege und ist die Bestätigung, mich richtig entschieden zu haben. Vielen Dank für die Unterstützung, Herr Professor Dr. Michael Schulz und Herr Professor Dr. Pascal Wabnitz.

Ich möchte mich zudem bei den Menschen bedanken, die mich über die komplette Prüfungszeit mit überraschenden Besuchen beglückt haben, mich an das Änormale³ Leben erinnerten und letztlich enormen Halt gestiftet haben. Vielen Dank Euch allen.

Ein weiterer Dank geht an die Hans-Böckler-Stiftung. Liebe Frau Dr. Elizabeta Jonuz und Frau Bärbel Friedrich, durch Euch wurde es mir ermöglicht, selbstbestimmt und unabhängig zu stu- dieren und mich über die gesamte Zeit beruflich als auch politisch zu entwickeln. Vielen Dank.

Ein besonderer Dank gebührt meiner Mutter Beate Kiereck. Ich bin stolz, Dich an meiner Seite zu wissen. Du hast mich begleitet auf dem Weg, zu dem Menschen zu werden, der ich jetzt bin. Ich bin froh, dass Deine Türen immer offen sind und ich mit Dir immer wieder ein Stück Kindheit genießen darf. Danke Mama.

Zuletzt möchte ich mich bei dem wichtigsten Menschen in meinem Leben bedanken. Ich danke meiner Tochter Marah für jedes Lächeln, jeden Blick und jede Minute die du mir schenkst. Du bist mein Fundament, wenn ich über Hoffnung spreche. Danke mein Schatz.

Ä Vor einem Bild soll man nicht denken m ü ssen, damit man es versteht, aber weil man es versteht ³

Wolfgang Pfleiderer

1 Einleitung

In einer visualisierten Welt werden Menschen in fast allen Lebenssituationen mit Bildern jed- weder Art konfrontiert. In Zeiten von Social-Media Plattformen und Smartphones ist es spielend leicht geworden, sein Leben und die eigene Person zu dokumentieren und öffentlich zu präsen- tieren. Viele Schnappschüsse werden jedoch aus der Situation heraus geschossen und dienen zeitweise für nicht mehr, als ein adäquates Mittel zur Überprüfung der momentanen Außendar- stellung. Fotos sind jedoch seit jeher ein Mittel der Kommunikation und des Ausdrucks. Neben inflationär-wirkenden Schnappschüssen, zur Darstellung der eigenen Alltagsgestaltung, existiert bei vielen Menschen noch eine weitere Art von Fotos. Es sind Bilder, welche die eigene Bio- graphie erzählen, tiefergehende Emotionen hervorrufen, für den Besitzer unersetzbar sind oder die eigene Person in einzigartiger Weise darstellen.

Fotografie ist zudem ein Mittel der dynamischen Kommunikation zwischen Menschen und schafft gemeinsame Momente und Erinnerungen. In dieser Arbeit soll die Kraft von Bildern und dessen heilsame Ressourcen für psychiatrisch Pflegende und verwandte Berufsgruppen greifbar dargestellt werden.

1.1 Ausgangslage

Psychiatrische Pflege in Deutschland befindet sich in einem Wandel. Psychosoziale Interventio- nen werden in der Praxis bereits in verschiedener Ausprägung angeboten. Betrachtet man die Jahresprävalenz psychischer Störungen wird deutlich, dass jede dritte Person (Wittchen et al., 2011) potentiellen Bedarf an psychosozialer Unterstützung hat. Nur ein Bruchteil der hilfesu- chenden Betroffenen erhält eine adäquate psychotherapeutische Versorgung (Andrade et al., 2014; Bijl et al., 2003). Es ist zu beobachten, dass es sich um ein internationales Problem han- delt, welches in verschiedenen Ländern unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Ebenso erwäh- nenswert ist die so genannte Inverse Care Law (Tudor Hart, 1971). Sie beschreibt ein Phäno- men, in dem sich die Verfügbarkeit guter medizinischer Versorgung mit einer hohen Notwen- digkeit in der Bevölkerung verringert.

Es gibt zunehmend Bemühungen, verhaltenstherapeutische Konzepte zur flächendeckenden Versorgung in Deutschland zu implementieren. Wabnitz, Schulz, Löhr, & Nienaber beschrei- ben mit der Low-Intensity Cognitive Behavioral Therapy (LI-CBT) eine Möglichkeit, Ressour- cen sparend mit dem vorhandenen Bedarf an psychosozialen Dienstleistungen umzugehen (2017). In so genannten Stepped-Care-Modellen (Watzke et al., 2014; Lambert et al., 2013) wird versucht, bedarfsgerechte psychotherapeutische Dienstleistungen für eine breitere Masse an Menschen vorzuhalten.

1.2 Fragestellung

Mit Blick auf die bisweilen stark institutionalisierte, lückenhafte Versorgungsabdeckung stellt sich die Frage, welche therapeutischen Interventionen durch die Berufsgruppe der Psychiatri- schen Pflege das vorhandene Versorgungsspektrum erweitern können? In dieser Arbeit wird der Frage nachgegangen, ob fotogestützte Therapien einen sinnvollen Beitrag, zur psychiatrischen Pflegepraxis leisten können. Horatio, der europäische Verband für Psychiatrische Pflege fordert in seinem Positionspapier, dass die Berufsangehörigen der psychiatrisch-Pflegenden zu einer psychotherapeutischen Ausbildung zugelassen werden muss, um vorhandenen Versorgungsde- fiziten effektiv begegnen zu können (Ward, 2012). Fotogeleitete Interventionen könnten ein komplexes Repertoire an Möglichkeiten zur therapeutischen Arbeit bieten. Aus diesem Grunde wird der Frage nachgegangen, welche Qualifikation zur Anwendung fotogestützter Therapien vorauszusetzen ist?

Die vorliegende Arbeit geht zudem der Frage nach, welche Formen fotogestützter Interventionen existieren und versucht diese näher zu beschreiben, sowie ihre Relevanz für die psychosoziale Pflegepraxis zu identifizieren.

1.3 Aufbau und Methodik

Die Methodik dieser Arbeit basiert auf einer kombinierten systematischer Literaturanalyse deutsch- und englischsprachiger Literatur. Es wurden die Datenbanken PubMed, Uni-Bib- Bielefeld und die der Zentralbibliothek Bonn einbezogen. Ferner wurde das Schneeballprinzip angewendet und Experten befragt. Suchbegriffe waren: ÄPhotoTherapy³, ÄSocial-Action- Photography³, ÄPhotovoice³, ÄRecovery³, ÄSocial-Media³, Ätherapeutische Fotografie³, ÄFoto- therapie³, ÄStigmatisierung³, ÄChronische Erkrankung³, ÄPsychotherapie³, ÄBedeutung von Fotos³. Diese Keywords wurden zudem verschieden miteinander kombiniert und sowohl in englischer als auch in deutscher Schreibweise genutzt. Die vorliegende Arbeit wurde, aufgrund ihres Anspruches an Praxis- und Lebensnähe, durch eine Person mit Psychiatrieerfahrung auf ihre Recovery-Orientierung überprüft.

Die Arbeit beginnt damit, im Anschluss an den einleitenden Teil, eine selektive Abgrenzung zu verwandten Begriffen vorzunehmen. Im Anschluss werden die Interventionen ÄPhotoTherapy³ und therapeutische Fotografie vorgestellt. Beide Interventionsformen enthalten exemplarische Beschreibungen über Hintergrundgeschichte, Wirksamkeit und praktischer Anwendung. Es schließt ein Kapitel an, welches sich dem Thema ÄFotos in unterschiedlichen Settings³ widmet, bevor in einen abschließenden Diskurs und Ausblick übergegangen wird.

1.4 Abgrenzungen

1.4.1 Photovoice und ÄSocial-Action-Photography³

Die vorliegende Arbeit grenzt sich weitgehend von der Bearbeitung der s.g. Photovoice ab. Photovoice ist eine partizipative Forschungsmethode, welche dazu geeignet ist gesellschaftliche, politische und individuelle psychosoziale Veränderungen abzubilden (Wang, 1999). Die Methode bietet offenbar große Chancen, soziale und gesundheitliche Strukturen kennenzulernen und darauf reagieren zu können (Wang, Yi, Tao, & Carovano, 1998).

Photovoice kann offenbar mehr leisten, als wissenschaftliche Fragestellungen zu bearbeiten. Durch das gemeinsame ÄForschen³ durch Fotos können Betroffene ihre persönlichen Recovery Geschichten darstellen, weitergeben und festhalten. Betroffene können ermächtigt werden, eine aktive Rolle in ihrem Bewältigungsprozess einzunehmen und die eigene Lebenswirklichkeit tiefergehend zu entdecken, sowie für andere Menschen sichtbar zu machen (Clements, 2012).

Es gibt zudem Hinweise darauf, dass sich diese Methode dazu eignet die psychiatrische Versor- gungslandschaft am tatsächlichen psychosozialen Bedarf von Betroffenen auszurichten, in dem die individuellen Lebenswirklichkeiten aus Perspektive der Erfahrenen visualisiert werden (Cabassa, Nicasio, & Whitley, 2013). Photovoice kann außerdem von Betroffenen als eine In- tervention genutzt werden, um dem Stigma Äpsychische Erkrankung³ offensiv und aktiv zu begegnen (Russinova, Rogers, Gagne, Bloch, Drake, Mueser, 2014; Yanos, Lucksted, Dra- palski, Roe, & Lysaker, 2015).

Um der Komplexität der vorgestellten fotografischen Interventionen weitgehend gerecht werden zu können, wurde diese Arbeit auf die tiefergehende Beschreibung der Interventionen ÄPhotoTherapy³ und Ätherapeutische Fotografie³ limitiert. Es finden sich jedoch mehrfach bezugnehmende Aussagen aus dem Sachgebiet der Photovoice im vorliegenden Textstück.

1.4.2 Phototherapie durch ultraviolette Strahlung

Diese Arbeit grenzt sich von dem Begriff der Phototherapie (Lichttherapie) ab. Diese Form der Therapie dient unter Anderem der Behandlung von Psoriasis und weiteren dermatologischen Störungen (Berneburg & Schwarz, 2013) und hat somit inhaltlich keinen direkten Bezug zu den vorgestellten psychosozialen Interventionen.

2 PhotoTherapy ± Fotos in der Gesprächstherapie und Beratung nutzen

Die PhotoTherapy ist eine Disziplin, welche sich zum Ziel setzt, die psychische Gesundheit von Klienten zu fördern, Selbstheilung und Veränderung zu ermöglichen. Sie ist eine Form der geleiteten Exploration und Selbst-Entdeckung. Ein erwünschtes Outcome der Therapie ist es, dass Adressaten einen Weg finden, für bestehende Probleme individuelle Lösungsstrategien entwickeln (Granato, 2011).

Ausgehend von der Annahme, dass hinter jedem persönlichen Foto welches eine Person festhält oder aufbewahrt ein Selbstportrait beziehungsweise eine Form der Selbstoffenbarung steckt, versucht die PhotoTherapy diesen ÄSpiegel zur Erinnerung³ nutzbar zu machen. Erinnerungen an Momente und Personen, welche derart wertvoll für den Besitzer sind, sodass sie auf Bildern lange Zeit festgehalten werden sollen, stellen den Kern der Intervention dar. Sowohl das Vergangene, als auch das Bevorstehende spielt laut Weiser (1999) in der Arbeit mit biographischen Schnappschüssen eine entscheidende Rolle.

Die PhotoTherapy wird schon seit vielen Jahren von Psychotherapeuten weltweit genutzt, um beispielsweise mit Familienfotos zu arbeiten. Fotos können genutzt werden, um pathologische Zusammenhänge zu verstehen und Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Weitergehend sollen durch die Beziehung zu Fotografien besondere Stärken, wie auch Defizite identifiziert und im Therapieprozess bearbeitet werden können (Cosden & Reynolds, 1982).

2.1 Begriffsbestimmung

Die PhotoTherapy ist eine Sammlung an Techniken, welche durch Psychotherapeuten und wei- tere im Arbeitsfeld psychosozialer Gesundheit professionell Tätigen Anwendung finden kann. Therapeuten nutzen Fotos als eine Art Brücke zu Gefühlen und Erinnerungen, zu denen Wörter weniger vordringen können. Während des Therapieprozesses, indem der Psychotherapeut ver- sucht, dem mit psychischen Problemen zu helfen, wird in der Regel verbal über ein Thema ge- sprochen. Weiser sagt jedoch, dass Worte oftmals nicht ausreichen (2013). Die PhotoTherapy enthält einfache Techniken, um Fotografien aus dem Leben der Adressaten für die Therapie zu nutzen. Es ist kein künstlerischer Anspruch dahinter und es werden beispielsweise Familienfo- tos, Selbstportraits oder Urlaubsfotos verwendet. Die Nutzung von persönlichen Fotos kann dazu geeignet sein, dass Betroffene wieder in Verbindung mit Gefühlen, Erinnerungen und Ge- danken treten können. PhotoTherapy macht es den Betroffenen einfacher über ihre Probleme zu sprechen und die Hilfe zu bekommen, welche sie benötigen (Weiser, 2013). Der Begriff Pho- toTherapy wird weitgehend als Methode verstanden, welche durch einen qualifizierten Thera- peuten angewandt wird1. Weiser beschreibt die Therapie ferner wie folgt:

Despite its catchy name, Phototherapy is not a therapy unto itself or a particular modali- ty or school of thought: rather, it is a comprehensive system of techniques that has been found to work successfully, often in cases where nothing else has, using photography as a medium for communication, expression, and reflection. (1988; zitiert nach Granato, 2011, S. 2)

Weiser (ebd.) macht mit ihrer Beschreibung deutlich, dass es sich nicht um eine Bestimmte Denkschule oder Arbeitsform handelt. Die PhotoTherapy ist nach Weiser ein umfassendes, nützliches Toolkit, welches als Medium der Kommunikation, Darstellung und Reflexion genutzt werden kann. Sie beschreibt zudem, dass sich diese Methode im Besonderen dazu eignet, in Fällen, wo andere Methoden weniger Erfolg versprechen, einen Zugang zu schaffen. Weiser schuf 1975 den Begriff PhotoTherapy in einer Schreibweise, welche sowohl der Fotografie als auch der Therapie eine gleichberechtigte Wertschätzung konstatieren sollte (1999). Einige Jahre später definierte Stewart (1979) fotogestützte Therapie in ähnlicher Form: « Äthe use of pho- tography or photographic materials, under the guidance of a trained therapist, to reduce or relie- ve painfull psychological symptoms and to facilitate psychological growth and therapeutic change³ (S. 42).

2.2 Exkurs: Geschichte der Psychotherapie

Seit tausenden Jahren nutzen Schamanen nativer Völker die Wirkung psychotherapeutischer Methoden für ihre Arbeit. Seit dem 18. Jahrhundert ging jedoch ein Großteil des bislang bekannten psychotherapeutischen Wissens, im Rahmen der Aufklärung, respektive der geistigen und sozialen Reformbewegung verloren. Der englische Chirurg J. Braid entdeckte in seinem Instrumentarium die Hypnose als medizinische Behandlungsmethode neu. Infolge erhielten zunehmend suggestive Methoden, als Vorläufer der heutigen Psychotherapie, Einzug in die medizinische Versorgungslandschaft (Senf, Broda, & Amann, 2012).

Die Anfänge der professionellen Psychotherapie werden an den Anfang des 19. Jahrhunderts zurückdatiert (Reimer, Eckert, Hautzinger, & Wilke, 2007). Nach Kriz (2007) orientierten sich die ersten Schriften an einem 1893 erschienenen Aufsatz mit dem Namen ÄÜber den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene³ und dem darin geschilderten Fall der ÄAnna O³, welcher durch Sigmund Freud und Josef Breuer geschildert wird. Es ist zudem eine Verbindung zu Freuds Werk ÄDie Traumdeutung³ zu erkennen.

Der psychotherapeutische Behandlungsansatz der Psychoanalyse gewann zunehmend an Bedeu- tung und bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Begriffe Psychoanalyse und Psychotherapie nahezu synonym verwendet (Jung, 1908).

Nach dem Behaviorismus, der Äersten Bewegung³ der Verhaltenstherapie, erhielt ab den 1970er Jahren eine andere Denkweise Einzug in die psychotherapeutische Praxis. Bislang ging man davon aus, dass Verhalten im Kontext der Umwelt des Menschen durch operante oder klassische Konditionierung Äerlernt³ sei und damit kaum zu beeinflussen ist. Heutzutage sieht man den Menschen jedoch weniger als ein passives, handlungsunfähiges Wesen, sondern konstatiert ihm die Fähigkeit seine Umwelt zunächst eigenständig zu konstruieren und dieses Konstrukt in den kognitiven Speicher abzulegen (Einsle & Hummel, 2015).

2.3 Geschichte der PhotoTherapy

Fotos und Selbstportraits als psychotherapeutische Methode zu nutzen ist offenbar kein gänzlich neues Phänomen. Erste Techniken der Nutzung von Fotos in der Therapie gehen zurück bis in das Jahr 1856. Rund 20 Jahre nach Erfindung der ersten fotografischen Apparate ist bekannt, dass der Arzt und Psychologe Dr. Hugh W. Diamond diese technischen Errungenschaft als the- rapeutisches Mittel in der Behandlung psychisch Kranker Menschen einsetzte (1856).

Er begann damit, Portraits von psychisch Kranken Menschen zu machen und dadurch den psychiatrischen Krankheitsprozess zu dokumentieren. Äußere Erkennungsmerkmale, so hoffte er, sind durch dieses Verfahren besser zu dokumentieren und der Anblick der Fotos würde Betroffene zu einer Selbstreflexion führen können und damit einen heilsamen Effekt haben (Diamond, Gilman, & Conolly, 2014).

Neuere Entwicklungen der PhotoTherapy sind ab dem Jahre 1973 zu finden. Die kanadische Psychologin und Psychotherapeutin Judy Weiser hat das Medium der Fotografie genutzt, um mit tauben, indigenen Kindern zu arbeiten. Ein weiterer wichtiger Schritt war es, dass Weiser 1977 in einer amerikanischen Fachzeitschrift dazu Aufruf, dass sich alle Therapeuten bei ihr melden, welche Fotografie in der Therapie einsetzten. Nachdem viele Einsendungen folgten, initiierte Weiser das ÄPhotoTherapy Quarterly Newsletter³, welches rasch zu einem großen Netzwerk heranwuchs. In den folgenden Jahren wuchs das Netzwerk an praktizierenden Thera- peuten ebenso wie das Angebot an Schulungen und internationalem Wirkungskreis (Weiser, o.J.).

2.4 Wirksamkeit

Es herrscht bislang nur wenig gesicherte Evidenz darüber, wie erfolgreich beispielsweise psy- chotherapeutische Verfahren bei bestimmten psychischen Störungen auf lange Sicht sind (Voderholzer & Barton, 2016). Es gibt jedoch Hinweise, dass Interventionen, welche insbeson- dere die persönlichen Coping-Strategien fördern, längerfristige Erfolge erzielen können (Bech- dolf & Klingberg, 2014).

Die therapeutische Wirksamkeit einer PhotoTherapy wird, aufgrund ihrer charakterlichen Nähe zur Psychotherapie, überwiegend als Teil einer kognitiven Verhaltenstherapie, psychodynamischen oder dialektisch-behavioralen Psychotherapie eingeschätzt. In diesem Rahmen wird auf Untersuchungsergebnisse bis in das Jahr 1992 verwiesen, welche im Kontext neurologischer Wirksamkeitsstudien erfolgreiche Behandlungen bei Depressionen, Angststörungen oder Borderline Persönlichkeitsstörungen nachweisen konnten (Karlsson, 2013).

Man geht ferner davon aus, dass durch den visualisierenden Schwerpunkt der PhotoTherapy, neben bekannten neurologischen Veränderungen ein erhöhtes Wachstum im Gehirn erreicht werden kann (ebd.).

Es gibt Hinweise darauf, dass eine spezifisch angewandte PhotoTherapy Erfolge in der Stärkung des Selbstwertgefühls, der Impulssteuerung und von sozialen Kompetenzen erzielen kann (Cos- den & Reynolds, 1982). Die PhotoTherapy scheint sich außerdem dafür zu eignen, als therapeu- tisches Medium für Menschen mit Störungen in der Kommunikation genutzt zu werden (Huns- berger, 1984).

3 Zentrale Techniken der PhotoTherapy

Im Folgenden werden die fünf zentralen Techniken der PhotoTherapy skizziert, welche Judy Weiser in ihrem Buch ÄPhototherapy Techniques ± Exploring the Secrets of Personal Snapshots and Family Albums³ beschreibt (1999). In den meisten Techniken welche Weiser benennt, wer- den Fotos als externes Hilfsmittel genutzt, um die innere Realität des Klienten nach außen zu kehren (ebd.).

Weiser geht davon aus, dass zwischen Kamera und Klient respektive Foto und Klient eine Beziehung besteht und konstatiert dieser Annahme eine grundlegende Bedeutsamkeit für die folgenden PhotoTherapy Techniken. Sie weist in ihrem Therapiehandbuch darauf hin, dass es einerseits fünf Techniken gibt, der projektive Prozess anderseits vielmehr als Teil der verwandten Techniken zu sehen ist (Weiser, 1999).

3.1 Der projektive Prozess

Der projektive Prozess beschreibt das Phänomen, dass Vieles was Menschen gedenken zu sehen, aus ihrer inneren Realität heraus konstruiert ist. Dies geschieht wenn Menschen mit Bildern, Fotos, Dingen oder anderen Menschen in Reaktion stehen, auch wenn diese ihnen zuvor nie begegnet sind. Der projektive Prozess versucht unter Einbezug von Fotos und Bildern emotionale Reaktionen hervorzurufen. Diese können durch den Klienten beschrieben werden oder auch nicht. Weiser weist in diesem Kontext darauf hin, dass alle Arten von Fotos genutzt werden können. Selbst Bilder auf Zeitschriften, von Postkarten oder sonstigen Medien sind therapeutisch nutzbar (1999). Weiser (ebd.) sagt: ÄWe look at a photograph and what we see is someones´s representation of something importent to them³ (S. 15f.).

Jedes Foto, so Weiser, repräsentiert etwas, was dem Künstler in diesem Moment wichtig war. Betrachtet man aber ein Bild, welches von anderen Menschen erschaffen wurde, so wird diesem ein ganz eigener Sinn verliehen. Die persönliche Bewertung kann der Interpretation des Künst- lers entsprechen, oder auch nicht. Eine Darstellung wird durch den Betrachter instinktiv Äge- scannt³ und durch dekonstruktivistische Denkmuster gedeutet. Während man ein Bild betrachtet und einen zugrunde liegenden Sinn in der eigenen, inneren Realität konstruiert, erschafft man in diesem Rahmen ferner eine nachhaltige Beziehung zum Gesehenen. Betrachtet man ein Bild erneut, kann es an Dinge oder Personen, an assoziierte Emotionen erinnern oder Kognitionen hervorrufen (ebd.). Es scheint weniger als ein fertiges Produkt genutzt zu werden, sondern vielmehr als ein Katalysator respektive ein Stimulus zur Projektion eines persönlichen Sinnes. Die eigene Person und die einzigartige persönliche Wirklichkeit werden auf das Bild projiziert.

Im therapeutischen Prozess werden gemeinsam verschiedene Bilder aus dem Besitz des Klien- ten betrachtet. Der Therapeut interessiert sich insbesondere dafür Äwarum³ und Äwie³ das Bild entstanden ist und weniger Äwas³ darauf zu sehen ist. Es gibt im Prozess keinen richtigen oder falschen Weg Bilder wahrzunehmen. Jede Antwort des Klienten ist von Bedeutung. Jede Be- schreibung initiiert den projektiven Prozess, zur Stärkung des Selbstbewusstseins und der Selbstbestimmung. Psychische Probleme bei Menschen entstehen häufig vor dem Hintergrund, dass sich gemachte Erfahrungen mit den inneren Erwartungen, Wertevorstellungen und Wün- schen nicht decken. Mit anderen Worten sagt Weiser: Dinge die geschehen, stehen oft mit dem Inneren, also dem Äso sollten sie eigentlich sein³ in Konflikt. Die inneren Bilder sind gut vor äußeren Einflüssen geschützt. Sie trotzen vielfältigen Herausforderungen des ÄReal-Life³ und sind meist nur veränderungsfähig, wenn ein Wunsch zur Veränderung besteht (ebd.).

Die PhotoTherapy ist eine Methode, welche sich dazu eignet, Klienten Möglichkeiten entdecken zu lassen, Erfahrungen und Personen anders begegnen zu können. Die Methode hilft Menschen dabei zu verstehen, dass das Gesehene von dem Gefühlten abweichen kann und das im Grunde immer eine Äinnen³ liegende Welt existiert (ebd.).

Weiser schlägt zudem die Kombination aus projektiver Technik und die Nutzung von Selbstpor- traits vor. Es kann dem Klienten hierdurch eine Möglichkeit eröffnet werden, durch die Reflexi- on der eigenen Wahrnehmungen ein tiefergehendes Bewusstsein über die Definition der eigenen Person zu erlangen. Die projektive PhotoTherapy eignet sich zudem dazu, Entdeckungen in der Vergangenheit zu vollziehen und über diesen ÄSpiegel der Erinnerung³ zu analysieren, wel- che Stimuli oder Botschaften einen direkten Einfluss auf die eigene kognitive und emotionale Wirklichkeit genommen haben. Zudem besteht die Chance der Entwicklung, durch die Therapie ein höheres Maß an Sensibilität für die persönlichen Mechanismen der psychischen und physi- schen Gesundheit zu entdecken, Erfahrungen in Sinnzusammenhänge einordnen zu können als auch die persönliche Reaktionsweise auf verbale und non-verbale Kommunikation tiefergehend zu entdecken (ebd.). Die Veranschaulichung des projektiven Prozesses versucht zu verdeutli- chen, dass diese Technik im Grunde eine übergeordnete Idee von Bildern aus dem Besitz von Personen und deren Wirkung auf Individuen bereitstellt.

3.2 Arbeit mit Selbstportraits

Die Arbeit mit Selbstportraits im therapeutischen Kontext meint einen Prozess, welcher sich mit der Wahrnehmung von Selbstdarstellungen befasst. Diese werden im Fall der PhotoTherapy in Form von Fotografien erstellt, oder aus dem Besitz der Klienten zur Verfügung gestellt. Es ist in diesem Schritt nicht entscheidend, ob es sich um eine metaphorische oder tatsächliche Selbstdarstellung handelt. Ein besonderes Merkmal bei der Erstellung eines Selbstportraits ist es, dass dieses ohne explizite äußere Modifikatoren entstanden ist. Selbstportraits sind in ihrem Kern Bilder von der eigenen Person. Sie zeigen den Körper, das Gesicht oder schlichtweg das, worüber der Fotokünstler die eigene Person darstellen will (Weiser, 1999).

[...]


1 Laut Weiser (Weiser, o.J.) gibt es bislang keine vorausgesetzte, einheitliche Ausbildung in PhotoTherapy.

Details

Seiten
43
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668708471
ISBN (Buch)
9783668708488
Dateigröße
646 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v426414
Note
1,4
Schlagworte
Psychische Gesundheit Psychiatrische Pflege Fototherapy PhotoTherapy

Autor

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Titel: Fototherapie als psychosoziale Intervention für Psychiatrische Pflege. Methodische Implikationen und empirische Erkenntnisse