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Strategischer Kurzschlaf im Arbeitsalltag. Einsatz im Klinikbetrieb bei psychischer und physischer Belastung im Schicht- und Nachtdienst

Hausarbeit 2005 33 Seiten

Psychologie - Sozialpsychologie

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Power-Nap: strategischer Kurzschlaf
2.1. Gesellschaftliche und kulturelle Dimensionen
2.2. Schlafforschung

3. Besonderheiten des Klinikbetriebes
3.1. Begriffsklärung
3.2. Die betriebswirtschaftliche Perspektive
3.3. Arbeitszeiten im Krankenhaus und Dienstplangestaltung
3.4. Besondere Belastungen und Beanspruchungen der Beschäftigten

4. Strategischer Kurzschlaf in der betrieblichen Praxis

5. Praktischer Einsatz von strategischem Kurzschlaf im Klinikbetrieb: Empfehlungen
5.1. Allgemeine Empfehlungen zur Gestaltung von Schicht- und Nachtarbeit
5.2. Kernarbeitszeit als Lösung?

6. Schlussbetrachtung/ Diskussion

7. Literaturverzeichnis

Vorbemerkung

Im Wintersemester 2002/2003 habe ich das Seminar „Schlaf- und Erholungsforschung in der Arbeitspsychologie“ am damaligen Psychologischen Institut besucht. Im Anschluss an das Seminar plante ich eine Seminararbeit. Ich wollte das Thema strategischer Kurzschlaf, welches im Seminar behandelt wurde, mit den Belastungen von Beschäftigten in Schicht- und Nachtarbeit verknüpfen. Dazu habe ich mir aufgrund persönlicher Interessen den Bereich des Gesundheitswesens ausgesucht. Im März 2003 stellte ich eine Anfrage an das Klinikum Hannover, in der ich darum bat, eine Befragung durchführen zu dürfen. Am 4. April 2003 erhielt ich vom Klinikum eine Absage.

Im Rahmen des Seminars „Internetbasierte Fragebogenuntersuchungen“ im Wintersemester 2003/2004 entwarf unsere Gruppe einen Online-Fragebogen zum Thema „Kurzschlaf“. Leider erhielten wir auch hier nicht die Möglichkeit, die Befragung in einem Klinikbetrieb durchzuführen.

Nach diesen vergeblichen Bemühungen habe ich mich nun dazu entschieden, das Thema theoretisch zu betrachten.

1. Einleitung

Am 27. September 2003 berichtete die Hannoversche Allgemeine Zeitung in ihrer Rubrik „Beruf und Bildung“ über einen Trend: „Mittags ist ein Nickerchen am besten – wer ausgeruht in den Nachmittag startet, beugt Arbeitsunfällen vor“. (HAZ, Nr. 226 vom 27.09.2003). In dem Artikel zeigt der Autor auf, wie eine Mittagspause optimal genutzt werden kann. Dabei soll mindestens eine Viertelstunde auf die Entspannung verwendet werden. Besonders ein kurzes Nickerchen sei empfehlenswert. Dies erhöhe die Leistungsfähigkeit für den Nachmittag und beuge damit auch Unkonzentriertheit vor, die manchmal sogar zu Arbeitsunfällen führen kann.

Das Nickerchen genießt in Deutschland keinen guten Ruf. Ruheständler genießen vielleicht einen Mittagschlaf, aber ein Schläfchen im Büro? Es schwingt der Ruf von Faulheit mit, obgleich Umfragen zufolge jeder dritte Beschäftigte in Deutschland einen Mittagsschlaf für erstrebenswert hält. Dass ein Nickerchen am Tag die Leistungsfähigkeit erhöht ist wissenschaftlich längst erkannt. In den USA spricht man von „Napping“ und der Power Nap ist dort bereits anerkannt und wird von großen Unternehmen wie bspw. PEPSI für seine Mitarbeiter angeboten.

In Deutschland sind die Beispiele für den erfolgreichen Einbau des Kurzschlafes in den Arbeitsalltag seltener. Häufig genannt wird dabei die Verwaltung der niedersächsischen Stadt Vechta. In einem Gesundheitsfürsorgeprogramm wird der „Power Nap“ ausdrücklich integriert. Dazu schloss die Stadt eine Betriebsvereinbarung ab, in der den Mitarbeitern eine zusätzliche Entspannungspause von 20 Minuten unter Anrechnung auf die Arbeitszeit gewährt wird. Auf das Beispiel der Stadt Vechta werde ich im vierten Kapitel meiner Arbeit eingehen.

Im Rahmen meiner Hausarbeit möchte ich die Erkenntnisse zum Power Nap verknüpfen mit der besonderen Situation im Klinikbetrieb. In Krankenhäusern wird im Schicht- und Nachtdienst gearbeitet. Die Mitarbeiter sind dadurch besonderen Belastungen und Beanspruchungen ausgesetzt. Wenn in dem zitierten Artikel der HAZ von dem Risiko für Arbeitsunfälle und Fehler gesprochen wird, hat dies im Krankenhaus eine besondere Brisanz: ein Fehler eines Arztes oder eines Mitarbeiters des Pflegedienstes kann lebensbedrohende Auswirkungen auf die Patienten haben. Aus diesem Grund möchte ich in dieser Hausarbeit prüfen, ob und unter welchen Umständen der Power Nap sinnvoll in den Arbeitsalltag von Klinikpersonal einbezogen werden kann.

2. Power-Nap: strategischer Kurzschlaf

Im folgenden Kapitel möchte ich zunächst darstellen, wie in Deutschland mit dem Mittagsschlaf umgegangen wird und wie sich diese Einstellung zu der anderer Kulturen unterscheidet. Des Weiteren werde ich auf wissenschaftliche Erkenntnisse der Schlafforschung und speziell zum Power Nap und auf seine Vorteile eingehen.

2.1. Gesellschaftliche und kulturelle Dimensionen

Der Begriff Power Nap wird abgeleitet aus dem englischen Wort „nap“, welches mit Nickerchen übersetzt werden kann. (Hamburger Morgenpost vom 30.04.2002) Der Mittagsschlaf genießt in Deutschland keinen guten Ruf: „Die Gesellschaft schaut auf ein Nickerchen herab. [...] Wir denken, Zeit ist Geld, und betrachten ein kleines Schläfchen entweder als verschwenderisch und selbstherrlich oder als Zeichen einer geistigen oder körperlichen Störung.“ So beschreibt der Psychologe David Dinges, Universität Pennsylvania, die Haltung vieler moderner Menschen zum Mittagsschlaf (zit. nach Degen 1997:8) Im Mittelalter war das Nickerchen in der städtischen höheren Gesellschaft sehr beliebt. Mit der Industrialisierung wurde der Mittagsschlaf aus dem Alltag verdrängt. (Vgl. Zulley und Knab 2000:129)

Diese abwertende Haltung ist bis heute in den meisten westlichen Industriestaaten spürbar. In anderen Ländern und Kulturen herrscht eine andere Einstellung zum Nickerchen vor. In Südeuropa ist die „Siesta“ in den gesamtgesellschaftlichen Tagesablauf eingebaut. Mittags sind Geschäfte geschlossen und die Menschen ruhen sich aus. Klimatische Bedingungen, die zu starker Wärme am Mittag führen, fördern die Ausweitung einer Siesta-Kultur. Daneben beeinflussen wirtschaftliche Gegebenheiten die Verbreitung einer Bereitschaft zum Nickerchen. In jenen Länder, in denen ein stark einförmiger Arbeitsrhythmus vorherrscht, ist das Nickerchen beliebter. Ein Beispiel sind die Wirtschaftssysteme, in denen der Ackerbau stark verbreitet ist. Dort ist ein Nickerchen am Mittag üblich. (Vgl. Degen 1997:61ff.)

Auch in nichteuropäischen Industrienationen hat ein Nickerchen durchaus Tradition. Im asiatischen Raum ist das Nickerchen verbreitet und wird an vielen Orten, bspw. in der U-Bahn, praktiziert. In Japan hat sich eine Phase der Entspannung auch in der Wirtschaft durchgesetzt. Schichtarbeitern werden bspw. Pausenräume mit Schlafmöglichkeiten zur Verfügung gestellt. (Vgl. Degen 1997:62f.)

2.2. Schlafforschung

Die Schlafgewohnheiten von Menschen verändern sich im Laufe ihres Lebens. Neugeborene wechseln im Laufe eines Tages mehrmals zwischen Schlaf- und Wachphasen. Die Schlafphasen dauern zumeist zwischen drei und vier Stunden und sind noch nicht synchron mit dem Tag- Nachtrhythmus. Neugeborene bewegen sich also in einem ultradianen Schlafrhythmus, die Frequenz der Schlafphasen liegt über dem zirkadianen Rhythmus.[1] Erst im Laufe der Entwicklung verändern sich diese Schlafgewohnheiten. Die Schlafphasen werden länger und von längeren Wachphasen am Tag unterbrochen. Ab dem dritten Lebensmonat kann sich ein Tag-Nacht-Rhythmus einstellen. Der Säugling schläft etwa acht bis neun Stunden in der Nacht und zwei bis dreimal zusätzlich am Tag. Die Schlafphasen am Tag werden mit zunehmendem Alter seltener und etwa mit fünf Jahren hat sich ein zirkadianer Rhythmus durchgesetzt unter Umständen durchbrochen von einem kurzen Nickerchen am Mittag. Zwischen acht und zwölf Jahren schlafen Kinder nie am Tag. Ihr Schlaf-Wachrhythmus ist stabil dem zirkadianen Rhythmus angepasst. Erst mit der Pubertät beginnen Jugendliche unter Umständen wieder ein Nickerchen einzulegen, aus unterschiedlichen Gründen bspw. um Schlafdefizite aus der Nacht aufzuholen. Mit etwa 18 bis 20 Jahren nimmt der Schlafbedarf ab und stellt sich auf etwa sieben Stunden in der Nacht ein. Mit zunehmendem Alter wird der Nachtschlaf weniger erholsam. Etwa ab dem 30. Lebensjahr setzt diese Entwicklung ein und verstärkt sich mit zunehmendem Alter. Ab dem 45. Lebensjahr verschlechtert sich die subjektive Schlafqualität weiter. Spätestens ab diesem Alter wird Schicht- und Nachtarbeit zu einer starken Belastung. Die Schlafrhythmik ist weniger flexibel und zu kurzer oder schlechter Schlaf kann weniger gut kompensiert werden als noch in jüngeren Lebensjahren. Etwa ab dem 60. Lebensjahr verändert sich der Schlaf-Wachrhythmus. Die Zeit, zu der ältere Menschen zu Bett gehen, verlagert sich nach vorn. Hier besteht ein Zusammenhang zu anderen zirkadianen Rhythmen. Die Körpertemperatur hat in höherem Alter bspw. ihren Tiefpunkt nicht mehr um drei Uhr, wie bei jüngeren Erwachsenen, sondern bereits früher. Damit verlagert sich auch der Schlafrhythmus. Ältere Menschen stehen früher auf als jüngere und dies nicht nur weil sie eher zu Bett gehen, sondern weil sie auch weniger Schlaf benötigen. (Vgl. Zulley und Knab 2000:50ff)

Zur Veranschaulichung ist im folgenden eine Graphik beigefügt. Sie zeigt die beschriebene Veränderung der Schlafrhythmen im Verlauf des Älterwerdens.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: http://www.unizh.ch/phar/sleep/buch/3-2.htm

Der Schlaf-Wach-Rhythmus des Menschen wird nicht, wie so oft vermutet, durch externe Zeitgeber bestimmt, sondern es hat sich herausgestellt, dass er von einer Art „innerer Uhr“ gesteuert wird. Das haben bspw. Jürgen Aschoff und Rütger Wever in ihren sogenannten „Bunker-Experimenten“ herausgefunden. Beginnend in den 1960er Jahren wurde unter Leitung des Max-Planck-Institus für Verhaltenspsychologie ein Versuchsraum in Andechs bei München eingerichtet. In diesen Versuchräumen wurde ein künstlicher Zustand der „Zeitlosigkeit“ hergestellt. Die Versuchspersonen wurden völlig von äußeren Einflüssen abgeschirmt. Sie sahen kein Tageslicht, in den Gewölben veränderte sich über den Tag nicht die Temperatur durch äußere Einflüsse, es gab kein Fernsehen oder Radio. Tageszeitungen wurden lediglich zeitversetzt und in unregelmäßigen Abständen an die Versuchspersonen weitergegeben. Ziel der Isolationsexperimente war es herauszufinden, ob der Rhythmus des Menschen von äußeren Zeitgebern bestimmt wird. Dies ist nicht der Fall. Die Versuchspersonen orientierten sich an ihren inneren Uhren und hielten im wesentlichen den Schlaf-Wach-Rhythmus ein. Sie schliefen etwa ein Drittel und verwendeten etwa zwei Drittel des Tages auf Aktivität. (Vgl. Zulley und Knab 2000:72ff.)

In den Isolationsexperimenten von Andechs wurden auch Erkenntnisse zum Nickerchen gewonnen. Bis zum Jahre 1984 war das Ziel der Experimente, den zirkadianen Rhythmus zu untersuchen. Ein Mittagsschlaf als ultradianes Verhalten hätte damit die Ergebnisse des Experiments verfälschten. Deswegen wurde in der Versuchsanordnung darauf hingewiesen, dass ein Mittagsschlaf zu vermeiden sei. Mehr als die Hälfte der Versuchspersonen hatten trotz des Verbots heimlich oder auch angekündigt Mittagschlaf gehalten. Im Jahre 1984 wurde das Verbot des Mittagsschlafes aufgegeben. Danach hielten mehr als zwei Drittel der Versuchspersonen Mittagsschlaf. Damit relativierte sich auch ein vorheriges Ergebnis der Experimente. Es hatte sich unter Ausschluss des Mittagsschlafs herausgestellt, dass die meisten Personen sich einem 25- statt eines 24-Stunden-Rhythmus anpassen. Diejenigen Versuchpersonen hingegen, die einen Mittagsschlaf hielten, nahmen einen 24-Stunden-Rhythmus an, welcher der Erdbewegungen entspricht. Es zeigte sich also, dass das Nickerchen am Mittag dem natürlichen Rhythmus entspricht. (Vgl. Zulley und Knab 2000:133ff.)

Diese Erkenntnis wurde bekräftigt durch Ergebnisse des sogenannten Multiplen Schlaflatenz-Test, kurz MSLT[2]. Dabei wurde Versuchspersonen angewiesen, sich im Abstand von zwei Stunden jeweils für zwanzig Minuten in einem abgedunkelten Raum hinzulegen. Ziel des MSLT ist es mit Hilfe von EEG-Messungen herauszufinden, wie schnell die Versuchspersonen einschlafen. Es hat sich bei den Experimenten herausgestellt, dass die Versuchspersonen zu bestimmten Tageszeiten besonders schnell einschlafen, unabhängig davon ob sie sich müde oder fit fühlten. Dies ist besonders mittags zwischen 13 und 14 Uhr der Fall. Man geht davon aus, dass dieser Zeitpunkt rein chronobiologisch bestimmt ist. Man spricht bei diesen Tageszeiten auch von „sleep gates“, zurückgehend auf den israelischen Schlafforscher Peretz Lavie. (Vgl. Zulley und Kann 2000:135ff)

Aufgrund ihres Biorhythmus haben Menschen zwei Leistungstiefs in 24 Stunden, eines in der Nacht gegen drei Uhr, das andere am frühen Nachmittag. Zu diesen Zeiten ist der Kreislauf instabiler als zu anderen Zeiten am Tag und die Körpertemperatur sinkt ab. Psychisch äußert sich dieses Leistungstief in einer vermehrten Fehlerrate und einer verlangsamten Reaktion. (Vgl. Zulley und Knab 2000:136f)

[...]


[1] Eine zirkadiane Funktion hat exakt einmal pro Tag ein Minimum und einmal pro Tag ein Maximum. Fast alle Funktionen des Körpers folgen dem zirkadianen Rhythmus, bspw. Körpertemperatur oder Hormonproduktion. Auch Schlaf- und Wachphasen eines Erwachsenen folgen einem zirkadianen Rhythmus.

[2] Die Abkürzung geht auf den englischen Ausdruck „Multiple Sleep Latency Test“ zurück.

Details

Seiten
33
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638405737
Dateigröße
574 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42570
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
Ohne Benotung
Schlagworte
Strategischer Kurzschlaf Einsatz Arbeitsalltag Berücksichtigung Einsatzes Klinikbetrieb Belastungen Schicht- Nachtdienst Schlaf- Erholungsforschung Arbeitspsychologie

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