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Burnout in der Jugend. Ein qualitativer Pretest mit einem Jugendlichen zur Fragestellung "Was ist für dich Burnout?"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 31 Seiten

Pflegewissenschaften

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Vorannahmen und Untersuchungsgegenstand
2.1 Jugend
2.2 Burnout – ein Mainstream?
2.3 Burnout – die Betrachtung eines Begriffes
2.4 Burnout – ein Konstrukt
2.5 Burnout – ganz einfach?

3 Annäherung an das Forschungsfeld
3.1 Forschungsfragen
3.2 Methodisches Vorgehen
3.3 Sampling
3.4 Setting und Rekrutierung
3.5 Das Gespräch
3.5.1 Bearbeitung des Gespräches
3.5.2 Verdichtung des Gespräches

4 Zusammenfassung des Gespräches
4.1 Thomas Aussagen zu Burnout
4.2 Thomas Aussagen zu den Einflüssen
4.3 Thomas Aussagen zur Leistungsgesellschaft
4.4 Thomas Aussagen zu den Medien und dem Einfluss der Medien
4.5 Thomas Aussagen zur Selbstüberforderung

5 Fragestellungszentrierte personengebundene Aussagen: Was wurde von Thomas über Burnout in der Jugend erfahren?
5.1 Gibt es Zusammenhänge von Burnout, Leistungsgesellschaft und Medien?
5.2 Welche Einflüsse wirken auf den Jugendlichen und begünstigen damit möglicherweise die Entstehung von Burnout?
5.3 Ist Burnout Mainstream und wenn ja, wie wirkt der Mainstream auf den Jugendlichen?
5.4 Welche Bedeutung haben die Ergebnisse für das Pflegemanagement?

6 Diskussion und Fazit
6.1 Burnout und die Folgen
6.2 Burnout und die Medien
6.3 Burnout und die Gesellschaft

7 Forschungsausblick

8 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

„Burnout ist keine Krankheit […].“ (Jaggi 2008: 6).

„Burnout gibt es offiziell nicht. Kein akademischer Arzt oder Psychologe dürfte Burnout als Behandlungsdiagnose stellen.“ (Hillert, Marwitz: 2006: 164)

Als sich die Autorin während des Grundstudiums im Rahmen einer Hausarbeit zum Themenkomplex der Gesundheitssituation von Kindern und Jugendlichen mit dem Thema „Burnout schon bei Kindern und Jugendlichen?“ auseinander setzte, war der Grundstein für das wissenschaftliche Interesse an diesem Thema gelegt. Zu dieser Zeit befasste sich die Autorin ausschließlich mit der Literaturrecherche. Dabei stießsie ziemlich schnell an ihre Grenzen. Die Autorin konnte in der Recherche einige Studien zu den Themen Stress und Druck bei Kindern und Jugendlichen finden. Doch di­rekt zum Thema „Burnout“ fanden sie ausschließlich, und dazu in hoher Anzahl, wissen­schaftliche Arbeiten zum Beispiel über ‚Burnout bei Lehrern‘. Es schien demnach fast so, als ob Burnout ein Thema ausschließlich unter den Erwachsenen sei. Zudem begegneten der Autorin in verschiedenen Vorgesprächen eher zynische Fragen wie: „Ausgebrannte Kinder oder Jugendliche? Von was denn? Die haben doch noch ihr Leben vor sich.“

Daraus erwuchs immer mehr der Wunsch, sich dem Phänomen „Burnout in der Jugend?“ wissenschaftlich verwertbar zu nähern.

Zunächst begab sich die Autorin auf die Suche nach Jugendlichen, die an Burnout „er­krankt“ sind. Zum einen fanden sich keine Jugendlichen mit der Erkrankung und zum anderen wurden manche Wege zu Jugendlichen in stationären Einrichtungen verwehrt. Dennoch wollte die Autorin nicht aufge­ben und hielt an dem Thema fest.

In der Vorbereitungsphase dieser Arbeit befragte die Autorin einige Jugendliche über deren Ge­danken zu Burnout und bekam interessante Antworten. Aus deren Sicht gibt es Burnout bei Jugendlichen schon seit längerer Zeit. Der Stress in der Schule wäre enorm und der Druck steige von Jahr zu Jahr. Ein junger Erwach­sener berichtete, dass er mehrfach während des Abiturjahres Kopfschmerzen hatte, be­son­ders vor den Semester-Klausuren. Hinzu kämen die Erwartungen und der Druck seiner Eltern, schlussendlich einen guten Numerus clausus (NC) erreichen zu müssen. Stand dieser Jugendliche vor dem Burnout oder war er mittendrin?

Gerade diese Aussagen führten dazu, eine empirische Be­fragung zum Thema Burnout aus Sicht der Jugendlichen durchführen zu wollen.

Während der Literaturrecherche stießdie Autorin auf die Frage von Hillert und Marwitz, wo ihrer Meinung nach die Burnout-Forschung anfängt sowie ihrer Antwort darauf: „Selbstverständlich bei Menschen, die ausgebrannt sind!“ (Hiller, Marwitz 2006: 70) Dieser Aussage wird in der Arbeit nicht gefolgt. Es wird davon ausgegangen, dass die Burnout-Forschung früher beginnt: Bei Jugendlichen, die davon bedroht sind, auszubrennen.

Durch den fehlenden Feldzugang sollte die Studie nicht gefährdet werden. Zudem stellt sich die Frage, welche gesellschaftliche Bedeutung Burnout in der Jugend hat und was es für das Pflegemanagement bedeuten würde, wenn immer mehr Jugend­liche an Burnout „erkranken“ und damit auch stationär behandelt wer­den müssten. Wäre es möglich, durch die Anerkennung des Burnouts als Krank­heit, noch bevor eine Depression einsetzt, er­folgreich tätig werden zu können?

Die vorliegende Arbeit möchte dazu beigetragen, mögliche Anzeichen von Burnout in der Jugend zu erkennen. Während der stationären Aufnahme eines Jugend­lichen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigen sich im Rahmen der Pflegeanamnese möglicherweise Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen, die man gerade im Jugendalter eher einem missbräuchlichen Alkohol- oder Drogenkonsum zuschreiben würde und nicht einer Überforderung. Die Pflege­berufe, die ganz nah am Patienten sind, könnten durch die Ergebnisse die­ser Studie dafür sensibilisiert werden, den Jugendlichen im Kontext seiner Umwelt sowie der gesellschaftlichen Zusammenhänge zu sehen.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Ergebnisse pflegewissenschaftlich zu bewerten.

Zu Beginn werden allgemein theoretische Fragestellungen erörtert und der Be­griff Burnout aus verschiedenen Blickwinkeln dargestellt. Im Anschluss erfolgen die methodische Vorstellung sowie die Darstellung des Feldzuganges. Daran schließen sich die Darstellung des Verfahrens und die Zusammenfassung des Gespräches an. Die Arbeit endet mit Diskussion und Fazit sowie dem Forschungsausblick.

2 Theoretische Vorannahmen und Untersuchungsgegenstand

2.1 Jugend

In den Shell Jugendstudien betrachten die Autoren um das Team von Hurrelmann das Jugendalter in der Zeit von 12 bis 24 Jahren (vgl. Kerstan 2015). Diese Sicht­weise erfolgt hier analog.

2.2 Burnout – ein Mainstream?

Wie in dem Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psycho­therapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zum Thema Burnout zu entnehmen ist, wird das Thema Burnout in der Öffentlichkeit mit einer hohen Dynamik diskutiert (vgl. Maier et al. 2012: 1). Die Recherche von „Burnout“ mittels Suchmaschine des Internetbrowsers ergab am 11.12.2016: etwa 44.900.000 Ergebnisse. Am 09.04.2017 ergab die gleiche Suche etwa 49.300.000 Ergebnisse. Mit diesen Zah­len wird einmal mehr deutlich, wie präsent das Thema in der Öffentlichkeit ist. Lassen sich jedoch die Jugendlichen von dem Mainstream beeinflussen? Ist Burn­out für Jugendliche Mainstream?

Was bedeutet Mainstream?

Zunächst bedeutet Mainstream, wenn das Wort aus dem Englischen übersetzt wird: Hauptströmung, Hauptrichtung oder auch Mehrheitsmeinung (vgl. O.V. 2017: dictionary.de).

Der Kolumnist Martenstein schreibt dazu in einem Essay über „Der Sog der Masse“ (vgl. Martenstein 2011), dass das Gute am Mainstream, dem „...Geist der Mehr­heit...“ ist, sich einfach vom Strom treiben lassen zu können. Im weiteren Verlauf des Essays fragt er sich, was zum Mainstream wird, wer das bestimmt und ob sich der Mainstream selbst erschafft und liefert zeitgleich die Antworten auf diese Fragen. Er stellt dar, dass der Mainstream sicher macht, weil der Einzelne ungern mit sei­ner Meinung allein dastehen möchte. Die Antwort auf die Frage, was zum Mainstream wird, beantwortet er mit Le Bon und den darin enthaltenen Antworten seines Bestsellers „Psychologie der Massen“. Ohne hier näher auf die Inhalte ein­gehen zu wollen, da dies im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen würde, stellt Martenstein weiter dar, dass die Masse das Grundprinzip der Demokratie ist. „Die Mehrheit bestimmt, wer regiert. Die Mehrheit bestimmt, was produziert wird.“ (Martenstein 2011) Reynolds hat mittels Computersimulation herausgefunden, dass Individuen, aus denen ein Schwarm – also der Mainstream – entsteht, drei Verhaltensregeln folgen:

„Erstens: Bewege dich als Mitglied des Schwarms immer in Richtung des Schwarmmittelpunkts. Auf diese Weise wird verhindert, dass der Schwarm aus­einan­derfließt.

Zweitens: Bewege dich weg, sobald dir jemand zu nahe kommt, vermeide Zu­sammen­stöße.

Drittens: Bewege dich in dieselbe Richtung wie deine Nachbarn.“ (Martenstein 2011)

Und was ist Mainstream für die Jugendlichen?

Die Süddeutsche Zeitung hat vier Jugendliche befragt, die mitunter sehr diffe­renziert geantwortet haben. Einig sind sich alle: Ist man Mainstream, folgt man der Masse. Leonie, 16 Jahre alt, teilte mit, dass es ihrer Meinung nach zwei Gruppen von Jugendlichen gibt: „einmal Mainstream und einmal Anti-Mainstream.“ (O.V. 2016: süddeutsche.de).

Weitere Informationen dazu liefert die Sinus-Studie 2016, eine qualitative Er­hebung von ausgewählten Jugendlichen zwischen 14 und 17 Jahren. Sie trifft zwei zentrale Aussagen der Jugendlichen:

Erstens: Das Wort Mainstream ist für die Jugendlichen heute kein Schimpfwort mehr, ihnen ist es eher wichtig, Teil der Mehrheit zu sein.

Zweitens: „Jugendliche ‚gehen‘ nicht online, sie sind es – immer. Das Internet ist eine Selbstverständlichkeit für sie, das Sinus-Institut spricht von ‚digitaler Sätti­gung‘.“ (Vorsamer 2016). Als allgemeine Schlussfolgerung benennt die Studie: „Alle wollen Mainstream sein.“ (Vorsamer 2016).

Und ist Burnout Mainstream?

Im Jahr 2015 erschien das Buch von Schulte-Markwort „Burnout-Kids“. In diesem Buch weist er „Burnout“ Kindern und Jugendlichen zu. Er stellte in seinem 27-jäh­rigen Berufsleben in der Ambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf fest, dass ihm immer mehr, zunächst Mädchen, mit den Kategorien einer Diagnose „Burnout“ begegneten. Durch seine „…Expedition in ein Phäno­men…“ (Schulte-Markwort 2015: 14) sowie den Blick auf die gesamte Gesellschaft und deren Zu­sammenhänge wurde ihm „…klar, dass sich tatsächlich ein Krank­heitsbild aus der Erwachsenenwelt zu den Kindern verschiebt.“ (Schulte-Markwort 2015: 14). Im Verlauf seines Buches macht er deutlich, dass die Ursachen von Burnout viel­fältiger Natur sind. Zum einen nennt er die durch die deutsche Ge­schichte ent­standenen Dynamiken in Familien und zum zweiten die modernen Ursachen der ökonomischen Welt (vgl. Schulte-Markwort 2015: 261f).

Die Bepanthen Kinderförderung hat zusammen mit der Universität Bielefeld eine Studie zum Thema „Burn-Out im Kinderzimmer: Wie gestresst sind Kinder und Jugend­liche in Deutschland?“ durchgeführt, die „Stress-Studie 2015“ (vgl. Ziegler 2015). In dieser Studie wird dargestellt, dass jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche deutliche Stresssymptome aufweist. Ziegler zeigt als Ursache den weni­gen Freiraum der Kinder durch die hohen Erwartungen ihrer Eltern auf. Als Fazit der Studie nennt er, dass die Erwartungen der Eltern weiter zunehmen wer­den. In der Kindheit kommt es darauf an, „…verwertbares ‚Humankapital‘ auf­zubauen…“ (Ziegler 2015: 6) und stellt am Ende dar: „Ob man der nach­wachsenden Generation damit einen Gefallen tut, erscheint zumindest fraglich. Möglicherweise ist ‚Stress‘ eine zentrale Problemlage des Aufwachsens im 21. Jahrhundert.“ (Ziegler 2015: 6).

Diese hier kurz vorgestellten Auszüge aus aktuellen Publikationen zum Thema Burnout bei Jugendlichen belegen, dass Burnout weiterhin ein Thema in den Me­dien ist. Vorrangig auf populärwissenschaftlicher Basis, denn den Aus­sagen von Schulte-Markwort fehlen die wissenschaftlichen Belege und die Studie der Bepanthen Kinderförderung bezieht sich weniger auf Burnout, sondern viel­mehr auf Stress.

Nach Han ist das Burnout-Syndrom eher ein Symptom unserer (Leistungs-)[1] Ge­sellschaft. Diese Sichtweise wird im nächsten Kapitel vorgestellt.

2.3 Burnout – die Betrachtung eines Begriffes

Hillert und Marwitz haben sich in ihrem Buch[2] sehr intensiv und eingehend mit dem Burnout-Phänomen beschäftigt. Nach ihrer Ansicht hat jeder Einzelne eine eigene Vorstellung des Begriffes. Sie sind der Meinung, dass es sich bei der eigenen Vor­stellung um ein kraftvolles inneres Bild mit einem emotionalen Charakter handelt. Entsprechend groß, betonen sie, sind die damit verbundene Außenwirkung und das Interesse der Öffentlichkeit. Versucht man sich diesem inneren, eigenen Bild wissenschaftlich zu nähern, wird nach deren Aussage deutlich, dass die eigenen Bilder mit der psychologischen Ebene nur bedingt kompatibel sind. Besonders dadurch, weil es sich beim Verbrennen um einen in eine Richtung verlaufenden Prozess handelt, denn verbrennen ist nicht reversibel. Weiter stellen sie dar, dass die Grundlage jeder Wissenschaft die klare und konkrete Definition der jeweiligen Begriffe ist. Der Begriff Burnout erweist sich die­sem Anspruch gegenüber als sper­rig. Burnout lässt sich „…weder auf einen dezidierten Bedeutungsgehalt und eine terminologische Wurzel zurückführen…“ noch „…ohne weiteres durch scharfe De­finitionen zum wissenschaftlichen Terminus…“ (Hillert, Marwitz 2006: 33) kulti­vieren (vgl. Hillert, Marwitz 2006: 32 ff.).

Aus diesem Grund lohnt sich ein Blick in die Entstehungsgeschichte des Begriffes. Der Psycho­analytiker Freudenberger, als sogenannter Vater des Burnouts, sah sich selbst in der Burnout-Falle. Er befand sich durch seine Arbeitssituation „… in einem Zustand totaler psychischer und physischer Erschöpfung.“ (Jaggi 2008: 1). Somit entstand das Burnout-Syndrom nicht als Ergebnis eines Forschungs­resultates, sondern durch Selbsterkenntnis. Gleichzeitig ging er davon aus, dass es sich nicht um eine Erkrankung mit zuteilbaren diagnostischen Kriterien handelt und schrieb in seinem Autonomiepostulat 1974: „…Burnout hat keine patho­logische Qualität mit Stigma­tisierungspotenzial.“ (Jaggi 2008: 1) Burnout ist weder eine Neurose, noch eine andere psychiatrische Diagnose (vgl. Jaggi 2008: 1). Damit bekam Burnout ein Allein­stellungsmerkmal. Andere beeinflussende Fakto­ren wie Stress, Emotionalität oder Depression wurden zwar mit einbezogen, fan­den jedoch keine weitere Erwähnung (vgl. Jaggi 2008: 6).

Der Kulturwissenschaftler und Philosoph Han wirft einen viel tieferen Blick in un­sere Gesellschaft und beschreibt in seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“, dass das 21. Jahrhundert durch neuronale Erkrankungen bestimmt wird. Er nennt diese Erkrankungen[3] Infarkte, die „…durch ein Übermaßan Positivität bedingt sind.“ (Han 2015: 7, kursiv aus dem Original übernommen). Er schreibt, dass jedes Zeit­alter seine eigenen Leitkrankheiten hat und wir das bakterielle Zeitalter (durch Er­findung der Antibiotika) und das virale Zeitalter (durch immunologische Technik) hinter uns gelassen haben (vgl. Han 2015: 7).

Wir leben im Zeitalter der „…Überproduktion, Überleistung oder Über­kommunikation…“ (Han 2015: 14) und durch dieses Übermaßstellen sich Er­schöpfung und Ermüdung ein. Er nennt diese Symptome „ digestiv neuronale Ab­reaktion und Ablehnung “ (Han 2015: 14, kursiv aus dem Original übernommen). Grund für diese „neuronale Gewalt“ ist eine systemische Gewalt – eine Gewalt durch das (Gesellschafts-)[4] System – und zwar deshalb, weil sie auf ein Übermaßan Positivität hinweist. Positivität heißt dabei, Initiative und Motivation zu zeigen. Der Leitsatz „ Yes, we can “ (Han 2015: 20, im Original kursiv) zeigt dabei den Charak­ter der Leistungsgesellschaft und veranschaulicht die Gesellschaft, in der wir leben. Die Gesellschaft besteht aus Banken, Fitnessstudios, Shopping Malls und Bürotürmen. Die Bewohner der Gesellschaft, die Han „Leistungssubjekte“ (Han 2015: 19) nennt, sind die „…Unternehmer ihrer selbst…“ (Han 2015: 19). Und „…der Leistungsdruck verursacht die Erschöpfungsdepression. So gesehen bringt das Burnout-Syndrom nicht das erschöpfte Selbst, sondern die er­schöpfte ausge­brannte Seele zum Ausdruck.“ (Han 2015: 2, kursiv aus dem Original über­nommen).

Der depressive Mensch ist nach Han Täter und Opfer zugleich, da er „…sich selbst ausbeutet, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge.“ (Han 2015: 23). „So überlässt sich das Leistungs­subjekt der zwingenden Freiheit oder dem freien Zwang zur Maxi­mierung der Leistung. Der Exzess der Arbeit und Leistung verschärft sich zu einer Selbst­ausbeutung. Diese ist effizienter als die Fremdausbeutung, denn sie geht mit dem Gefühl der Freiheit einher. Der Ausbeutende ist gleichzeitig der Aus­gebeutete. Täter und Opfer sind nicht mehr unterscheidbar. Diese Selbstbe­züglichkeit erzeugt eine paradoxe Freiheit, die aufgrund der ihr innewohnenden Zwangsstrukturen in Gewalt umschlägt. Die psychischen Erkrankungen der Leistungs­gesellschaft sind gerade die pathologischen Manifestationen dieser para­doxen Freiheit.“ (Han 2015: 24 f., kursiv aus dem Original übernommen)

2.4 Burnout – ein Konstrukt

Christina Maslach und Susan E. Jackson, die Anfang der 1980er bis in die 1990er Jahre in der Burnout-Forschung durch das MBI[5] erste Forschungsergebnisse er­zielten, fragten sich zu Be­ginn ihrer Forschung, „…welche kognitiven Mecha­nismen Individuen einsetzen, um intensive emotionale Zustände zu bewältigen, denen sie im Rahmen ihrer Berufs­tätigkeit täglich ausgesetzt sind.“ (Hillert, Marwitz 2006: 101). Sobald diese Mechanismen versagen, stellt sich nach Maslach das Burnout ein. Im weiteren Verlauf wurde das MBI jedoch nicht nur als Forschungsinstrument auf dieses be­grenzte Thema angewendet. In der nachfolgenden Zeit der Entwicklung wurden zudem die Items verändert. Das Item „Involviertheit“ wurde in der zweiten Version von Maslach und Jackson entfernt, welches dann in der deutschen Übersetzung von Enzmann und Kleiber wieder eingefügt wurde (vgl. Hillert, Marwitz 2006: 101 ff.).

Maslach und Jackson entwickelten ursprünglich das MBI zur Messung von Burnout bei Personen aus den Helfenden- und Sozialberufen. Hillert und Marwitz be­tonen zwar, dass das MBI ein wissenschaftlich anspruchsvolles Instrument darstellt und die mehrdimensionale Erfassung von Burnout erlaubt. Kritisch zu erwähnen ist jedoch, dass – bis heute – die Items je nach Einsatz bei den jeweiligen Berufs­gruppen umformuliert werden und dass die jeweiligen Forscher davon ausgehen, dass diese Um­formulierungen keinen Einfluss auf die Testergebnisse haben (vgl. Hillert, Marwitz 2006: 2014 f.).

Bei der Normierung unterteilten Maslach und Jackson die Normstichprobe in drei gleich große Gruppen und teilten dann diesen Gruppen ein hohes, mittleres oder niedriges Burnout-Erleben zu. Diese Zuteilung erfolgte nicht nach klinisch über­prüfbaren Kriterien wie beispielsweise Fehltagen. Hillert und Marwitz schreiben dazu: „Daraus folgt der etwas merkwürdig anmutende Umstand, dass jeder, der das MBI bearbeitet, per definitionem unter Burnout leidet! Unterschiede ergeben sich allein im Ausprägungsgrad, sind demnach (nur) quantitativer und nicht quali­tativer Natur.“ (Hillert, Marwitz 2006: 105 f.)

Unter der hier sehr verkürzt dargestellten Erhebung von Burnout durch das MBI stellen Hillert und Marwitz dar, dass die Burnout-Forschung in zwei Welten statt­findet – der Empirie (auf der Beobachtungsebene) sowie der Theorie (einem hypo­thetischen Konstrukt).

„In der idealen Welt der Konstrukte stellen sich die Zusammenhänge zwischen Burnout und anderen Konstrukten wie folgt dar:

Burnout wird durch (emotionalen) Stress, der nicht (mehr) bewältigt werden kann, ausgelöst.“ [6]

[...]


[1] Anm. d. Verf.

[2] Die Burnout Epidemie oder Brennt die Leistungsgesellschaft aus?

[3] Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS), Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) oder Burnout-Syndrom (BS)

[4] Anm. d. Verf.

[5] MBI = Maslach Burnout Inventory

[6] Herv. d. Verf.

Details

Seiten
31
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668702349
ISBN (Buch)
9783668702356
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v425438
Institution / Hochschule
Hamburger Fern-Hochschule
Note
2,0
Schlagworte
burnout jugend pretest jugendlichen fragestellung

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