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Perspektiven deutscher Kinder aus Armutsverhältnissen unter der Berücksichtigung des Bildungsaspekts

Hausarbeit 2018 21 Seiten

Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Armut und Kinderarmut in Deutschland
2.1 Absolute/Relative Armut
2.2 Kinderarmut in Deutschland

3 Bildungsarmut in Deutschland – Zusammenhang zwischen Bildung und Armut

4 Armutsprävention im Bildungsbereich

5 Perspektiven für Armutskinder in Deutschland in Bezug auf einen höheren Schulabschluss und bessere Lebensqualität durch Bildung

6 Bedeutung und Aufgaben für die Soziale Arbeit

7 Fazit und Relevanz des Themas für Studenten der Sozialen Arbeit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Armut hat die unheimliche Macht, sich selbst fortzupflanzen“.[1]

Seither wurde sich mit dem Thema der Armut und explizit der Kinderarmut in Deutschland in den vergangenen Jahren wenig beschäftigt. Seit dem Jahr 2000 kam es zu einem erheblichen Anstieg des Armutsrisikos in Deutschland und die Kinderarmut ist am stärksten davon betroffen. Zugleich hat sich die Armut bei Kindern nicht reduziert, sondern sogar erhöht.[2] Seit Ende 2006 ist das Thema Armut als angebliche Lebensform einer bestimmten Bevölkerungsgruppe verstärkt thematisiert worden. Dies bringt die Herausforderung mit sich, dass Kinderarmut eingedämmt werden muss und verschiedene Strategien zur Reduzierung des Phänomens erfasst werden müssen. Bildung und „Frühe Hilfen“ spielen hierbei eine sehr zentrale Rolle, wenn man sich beispielsweise die schulischen Leistungen von Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen anschaut. Kinder aus deprivierten Milieus sind in ihrer schulischen Leistungsentwicklung und schließlich ihrem Bildungserfolg deutlich benachteiligt.[3] Dabei spielt auch das vergleichsweise geringe Bildungsniveau der Eltern eine Bedeutung.[4] Somit müssen sozial benachteiligte Kinder besonders gefördert und unterstützt werden.[5]

2 Armut und Kinderarmut in Deutschland

Wird von Armut gesprochen, denken die meisten zuerst an Entwicklungsländer in Afrika oder Asien. Das Armut jedoch auch in Deutschland existiert und zunimmt ist vielen nicht bewusst. Im Jahr 2004 waren rund 10,6 Millionen Menschen in Deutschland von Armut betroffen und die Kinder, die in Armut aufwachsen (müssen), werden dabei häufig vergessen. Die Frage ist aber, wer gilt in Deutschland als arm und ab welchem Zeitpunkt? Wie wird Armut überhaupt definiert?

2.1 Absolute/Relative Armut

Die Definition zur Armut in Deutschland und explizit der Kinderarmut ist sehr umstritten. Jedoch kann man zwischen zwei Hauptdefinitionen zur Armut unterscheiden. Betrachtet man heutzutage die Armut in Entwicklungsländern und vergleicht diese mit der Armut in Deutschland, dann fallen die entsprechenden Definitionen sehr unterschiedlich aus. In der Armutsforschung unterscheidet man daher zwischen zwei Arten von Armut: der relativen und der absoluten Armut.[6] Man spricht von absoluter Armut, wenn die lebensnotwenigen Grundlagen, wie Nahrung, Kleidung, Wohnung oder medizinische Versorgung fehlen, d.h. wenn das physische Existenzminimum nicht mehr gewährleistet oder garantiert ist.[7] Diese absolute Armut ist in Gesellschaften wie der Bundesrepublik Deutschland kaum noch vorhanden. Deshalb beschäftigt man sich hier in Deutschland selten mit diesem Begriff der Armut, sondern vielmehr versucht man den Begriff der relativen Armut zu definieren. Relative Armut bzw. Menschen, die „relativ arm sind“ wurden vom Ministerrat der Europäischen Gemeinschaft 1984 definiert als Personen, die über so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Land, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist.[8] Nimmt man den Begriff der relativen Armut nochmal genauer unter die Lupe, dann kann man zwischen der relativen Einkommensarmut und dem Lebenslagenansatz unterscheiden. Um relative Einkommensarmut zu messen, muss ein Mindestbedarf an bestimmten Gütern und Ressourcen ermittelt werden. Dazu gehört ein „Warenkorb“, den es zu füllen gilt. Will man den „Warenkorb“ jedoch nicht nur mit dem absolut zum Leben notwenigen ausstatten, sondern ein soziokulturelles Existenzminimum ermitteln, das sich am Lebensstandard der Gesellschaft orientiert, dann fließen in die Berechnung auch immer wieder bestimmte Wertvorstellungen mit ein. Gehört beispielsweise ein Fernseher oder ein Laptop zum absoluten Standard einer Gesellschaft und somit auch zum soziokulturellen Existenzminimum? Diese Frage muss von Politikern in einer Gesellschaft immer wieder neu definiert werden.[9] Relative Einkommensarmut kann jedoch auch am Durchschnittseinkommen der Gesellschaft gemessen werden. Armut liegt demnach vor, wenn das Einkommen eines Haushalts unter einen bestimmten Prozentsatz des gesellschaftlichen Durchschnitts fällt.[10] Als arm gilt entsprechend der allgemeinen EU-Definition, wer über weniger als 50% (Mittelwert) bzw. 60% (Median) des durchschnittlichen Nettoeinkommens im jeweiligen Land verfügt.[11]

Die Armutsrisikoschwelle lag 2008 beispielsweise für einen Ein-Personen-Haushalt bei 965 Euro und für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern bei 1.943 Euro.[12] Relative Einkommensarmut beschränkt sich somit nur auf die materielle Ebene von Armut. Da das Einkommen aber nicht der einzige Grund für die Definition von Armut ist, gibt es den Begriff der Lebenslage, der eine mehrdimensionale Sichtweise auf den Begriff der Armut hat. Lebenslage wird definiert, als den Begriff, der die materielle und kulturelle Versorgung, aber auch den sozialen Bereich, wie beispielsweise soziale Kontakte und die psychisch und physische Lage, z.B. den Gesundheitszustand beinhaltet.

2.2 Kinderarmut in Deutschland

„Kinderarmut war jahrzehntelang kein Thema, was die deutsche Öffentlichkeit bewegte“.[13] Vielmehr wurden Kinder und Kinderreichtum als ein Grund der familiären Armut angesehen, jedoch nicht als eigene Lebensgruppe.

„…Wir hören ja andauernd davon, daß Kinder eine wirtschaftliche Belastung sind, gar ein Armutsrisiko darstellen, daß durch sie der Lebensstandard eingeschränkt wird und Familien schlechter dastehen als kinderlose Paare[sic!].“[14]

Kinder sollten demnach nicht als Last, sondern als Freude und Ermutigung wahrgenommen werden. Warum Armut in Deutschland häufig übersehen wurde, hat mehrere Gründe. Das Armutsbild der deutschen Gesellschaft ist von der Armut in Entwicklungsländern geprägt, sodass viele Menschen die „Armut vor der Haustür“ gar nicht erkennen, da Kinderarmut hier viel weniger spektakulär daherkommt.[15] Des Weiteren waren in der Nachkriegszeit eher ältere Menschen, hauptsächlich Rentnerinnen, von Unterversorgung betroffen. Erst Ende der 1990er-Jahre sprach man von der „Infantilisierung der Armut“, da jetzt junge Menschen zur am häufigsten und am stärksten von Armut bedrohten Altersgruppe wurden.[16] Lehrer[17] oder Pädagogen erkennen zudem oft nicht die Probleme der Familien aus der Unterschicht oder aus „sozialen Brennpunkten“. Außerdem besteht sehr häufig der Versuch den Betroffenen immer selbst die Schuld für ihre Armut in die Schuhe zu schieben und im Falle der Kinderarmut natürlich den Eltern. Ein weiterer Grund, warum Kinderarmut häufig übersehen wird ist, dass man Kinderarmut in Entwicklungsländern problematischer ansieht als z.B. in Hamburg oder Berlin.

„Kinderarmut äußerst sich in einem wohlhabenden, wenn nicht reichen Land wie der Bundesrepublik weniger spektakulär als in Mozambik, Bangladesch oder Burkina Faso (…). Sie wirkt eher subtil, aber nicht minder dramatisch und lange. Hierzulande ist es für Kinder manchmal noch schwerer, arm zu sein, als in einer Gesellschaft, die sämtlichen Mitgliedern nur das Allernötigste bietet [sic!]“.[18]

Dabei kann Kinderarmut hierzulande viel deprimierender sein, denn die Kinder leben in einer Konsumgesellschaft und sind täglich starkem Druck der Werbeindustrie ausgesetzt, beispielsweise durch das Tragen teurer Markenkleidung oder sie müssen dem Druck der neusten Konsumgüter gegenüber ihren Mitschülern und Spielkameraden standhalten. Armut erschwert somit eine stabile Identitäts- und Persönlichkeitsentwicklung der Kinder.[19] Im März 2007 lebten von den 11,4 Millionen Kindern unter 15 Jahren fast 1,93 Millionen von „Hartz IV“.[20] Berechnet man die übrigen Betroffenen, beispielsweise Kinder aus Flüchtlingsfamilien, die einen viel geringeren Anspruch auf Sozialleistungen haben, dazu und beachtet man die Dunkelziffer der Anspruchsberechtigten, die aus Scham oder Unwissenheit keinen Antrag auf Sozialhilfe stellen, dann lebten 2007 etwa 3 Millionen Kinder, d.h. jedes vierte Kind dieses Alters, in Armut.[21] Seit etwa 10 Jahren wird das Thema der Kinderarmut aber breit diskutiert. Das zeigen die vielen neueren Veröffentlichungen in diesem Bereich und auch die Studien beispielsweise der AWO, von UNICEF oder die Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung. Die AWO-ISS-Studie entwickelte ein Armutskonzept, um Kinderarmut messen zu können. Bei diesem Konzept wird eine Trennung zwischen familiärer Armut und der Lebenslage des Kindes gemacht. Die Lebenslage von Kindern wird in vier verschiedene Kategorien aufgeteilt: Materielle Grundversorgung, kulturelle Lage, soziale Lage und die psychische und physische Lage.

Tabelle 1: Messung von Kinderarmut in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: In Anlehnung an: Zander, M. (2010), S 97.

Von Armut wird immer nur dann gesprochen, wenn „familiäre Armut“ vorliegt, d.h., wenn das Einkommen der Familie des Kindes weniger als 50% des deutschen Durchschnittseinkommens nachweißt.[22] Kinder, bei denen zwar einzelne Einschränkungen oder eine Unterversorgung in einer der oben aufgeführten Lebenslagendimensionen auftritt, sind somit nicht als arm zu bezeichnen, sondern vielmehr nur als „arm dran“ oder benachteiligt.[23] Des Weiteren werden die vier Lebenslagentypen des Armutskonzepts zu einem Index zusammengefasst und drei Lebenslagetypen gebildet.[24] Diese gehen vom Wohlergehen eines Kindes, über die Benachteiligung bis hin zur multiplen Deprivation. In folgender Abbildung sollen diese Prinzipien veranschaulicht werden.

Tabelle 2: Lebenslagetyp der zehn jährigen Kinder nach familiärem Einkommensniveau – 2003/04

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: AWO-ISS-Studie. Holz, G. / Richter, A. / Wüstendörfer, W. (2005), S. 6.

Wohlergehen wird definiert, dass in den genannten Lebenslagendimensionen aktuell keine Auffälligkeiten zu beobachten sind, d.h., wenn das Kindeswohl gewährleistet ist. Dieser Lebenslagentyp ist dementsprechend das „ideal“ für ein Kind. Je höher also der Prozentwert in dieser Kategorie ist, desto mehr Kindern ist ein Wohlergehen gewehrleistet. Spricht man von Benachteiligung, dann sind in wenigen, aber dennoch in einigen Lebenslagendimensionen Auffälligkeiten zu beobachten. Kinder sind möglicherweise in verschiedenen Bereichen benachteiligt oder beeinträchtigt. Geht man noch einen Schritt zurück und schaut sich die multiple Deprivation an, so kann man feststellen, dass in bedeutend mehr Lebenslagendimensionen Defizite und Auffälligkeiten eines Kindes festzustellen sind. Das betroffene Kind erfährt den Verlust von lebensnotwenigen Ressourcen, die den positiven Entwicklungsverlauf des Kindes stark beeinträchtigen.[25] Aus der Tabelle geht hervor, je mehr Einkommen einer Familie zur Verfügung steht, desto wahrscheinlicher ist es, dass deren Kind im Wohlergehen aufwächst, d.h., keine auffällige Lebenslage vorhanden ist und desto seltener, dass es multipel depriviert ist.[26] Kinder verarbeiten Armut unterschiedlich und das bedeutet nicht, dass dies zwangsläufig zu Defiziten führt. Im Vergleich zeigt sich jedoch, dass nur 14% der nichtarmen, aber 36% der armen Kinder multipel depriviert sind.[27] Somit wird davon ausgegangen, dass durch die Armut ein bereits vorhandenes Defizit in Sozialisation und Bildung verstärkt wird.[28]

[...]


[1] George, D. L., 1892.

[2] Vgl. Chassé, K. A. (2010), (o. S.)

[3] Vgl. Grundmann, M. (2001), S. 213.

[4] Vgl. Grundmann, M. (2001), S. 210.

[5] Vgl. Butterwegge, C. / Holm, K. / Zander, M., u.a. (2004), S. 298.

[6] Vgl. Reichwein, E. (2012), S. 31.

[7] Vgl. Reichwein, E. (2012), S. 31.

[8] Vgl. Reichwein, E. (2012), S. 31 f.

[9] Vgl. Reichwein, E. (2012), S. 36.

[10] Vgl. Reichwein, E. (2012), S. 36.

[11] Vgl. Holz, G. (2010), S. 90.

[12] Vgl. Holz, G. (2010), S. 90.

[13] Butterwegge, C., 2009.

[14] Reichwein, E., 2012.

[15] Vgl. Butterwegge, C., (2009), S. 1.

[16] Vgl. Butterwegge, C. (2009), S. 1.

[17] Aus Gründen besserer Lesbarkeit wird auf die gleichzeitige Verwendung männlicher und weiblicher Sprachform verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für beiderlei Geschlecht.

[18] Reichwein, E., 2012.

[19] Vgl. Herz, B. / Becher, U. / Kurz, I., u.a. (2008), S. 81.

[20] Vgl. Buttwerwegge, C. (2009), S. 2.

[21] Vgl. Butterwegge, C. (2009), S. 2.

[22] Vgl. Hock, B. / Holz, G. / Wüstendörfer, W., u.a. (2013), S. 10.

[23] Vgl. Hock, B. / Holz, G. / Wüstendörfer, W., u.a. (2013), S. 10.

[24] Vgl. Holz, G. (2010), S. 99.

[25] Vgl. Holz, G. (2010), S. 99.

[26] Vgl. AWO-ISS-Studie. Holz, G. / Richter, A. / Wüstendörfer, W. (2005), S. 6.

[27] Vgl. Kampshoff, M. (2010), S. 220.

[28] Vgl. Kampshoff, M. (2010), S. 221.

Details

Seiten
21
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668708013
ISBN (Buch)
9783668708020
Dateigröße
702 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v425386
Note
Schlagworte
perspektiven kindern armutsverhältnissen deutschland berücksichtigung bildungsaspekts

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