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Die Verbbildung in der Wortbildungslehre

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 21 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Geschichtliche, begriffliche und thematische Schwerpunktsetzung der Arbeit
1.1. Zur Geschichte der Wortbildungslehre
1.2. Zum Wortbildungsbegriff
1.3. Die Wortbildung des Verbs

2. Derivation
2.1. Präfigierung
2.1.1. Die semantische Modifikation
2.1.2. Die syntaktische Modifikation
2.2. Suffigierung
2.2.1. Das Suffix –(e)l(n)
2.2.2. Das Suffix –ig(en)
2.2.3. Das Suffix –ier(en)
2.2.4. Das verbale –(en)
2.3. Konversion
2.4. Kombinatorische Derivation
2.5. Implizite Derivation

3. Komposition
3.1. Komposita aus zwei Verben
3.2. Komposita mit einem Nominalstamm als Erstglied
3.3. Komposita mit einem Adverb als Erstglied

4. Rückbildung

5. Das kompliziert vernetzte System der Verbbildung

6. Literaturverzeichnis

1. Geschichtliche, begriffliche und thematische Schwerpunktsetzung der Arbeit

1.1. Zur Geschichte der Wortbildungslehre

Die Wortbildungslehre wird erst seit dem 19 Jh. als eigenständige Disziplin behandelt. Früher war sie ein Teil der historischen Grammatik (vgl. Erben 1993, 9f.), die die Wortbildung vor allem diachronisch behandelte und als Hauptaufgabe, „die verschiedenen Bahnen zu verfolgen, in denen sich die Ausbildung unseres Wortschatzes vollzieht“, hatte. (Henzen 1965; zitiert nach: Erben 1973, 7) Jetzt hat die Wortbildungslehre die Erscheinungen der Wortbildung im Rahmen einer synchronischen Sprachbeschreibung zu behandeln.

1.2. Zum Wortbildungsbegriff

Nach Erben ist Wortbildungslehre „derjenige Teil der Grammatik, der die Wortbildung, die Bildung neuer Wörter, unter wissenschaftlichen oder praktischen Gesichtspunkten darstellt und dadurch sowohl angemessene Urteile über Wortbildungsprozesse und ihre Bedingungen ermöglicht, als auch über Wortbildungsergebnisse, die Struktur und Funktion vorhandener und möglicher Wörter.“ ( Erben 1993, 16)

Als Normalfall der Wortbildung wird von Erben „Aufbau eines neuen Wortkomplexes aus sprachüblichen Einheiten, also Aufbau eines komplexen Sekundärzeichens aus elementaren Primärzeichen“ angesehen. (Erben 1993, 24) Auf diese Weise wird die Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass der Gegenstand der Wortbildung - die Bildung neuer Wörter „durch zumindest teilweisen Rückgriff auf bereits vorhandene Bauelemente, durch Weiterbilden des Überkommenen oder Entlehnten“ – von dem der Wortschöpfung zu trennen sei. Die Wortschöpfung gehört in die Anfangsphase einer Sprache, die für die deutsche Sprache zweifelsfrei schon vergangen ist.

Da auch der Satz als komplexes Superzeichen aus Zeichen niederer Ordnung aufgebaut wird, stellt sich die Frage nach der Unterscheidung zwischen einem komplexen Wort und einem Satz. Fleischer/Barz nennen als Wortbildungseigenschaft die „Schaffung von Benennungseinheiten“, die, anders als syntaktische Fügungen, meist als feste Wortschatzeinheiten gespeichert werden. (Fleischer/Barz 1992,1)

Ebenfalls von der Wortbildung abzugrenzen ist die Flexion oder Wortformenbildung. Die Flexion ist unter anderem „durch die stabilere Systematik“, die sich nach der Klassenzugehörigkeit des Wortes richtet, und durch die „Invariante der lexikalischen Bedeutung“ gekennzeichnet. (vgl. Fleischer/Barz 1992, 3f.)

1.3. Die Wortbildung des Verbs

Zur Beschreibung von Tätigkeiten, Vorgängen und Zuständen bedient man sich der Verben. Als Prädikat sind sie Zentrum des deutschen Satzes und werden durch Subjekt, Objekt und adverbiale Bestimmungen ergänzt und genauer bestimmt. Verben sind Valenzträger, d.h. sie beinhalten Anforderungen an die syntaktische Struktur des Satzes und „regieren“ andere Satzteile bezüglich deren grammatischer Eigenschaften. Damit unterscheiden sie sich z.B. von den Nomina, die lediglich nach Ergänzung durch Determinatoren verlangen.

Daraus ergibt sich die Ursache für eine engere Verbindung zwischen Wortbildung des Verbs und Syntax, als es bei den anderen Wortarten der Fall ist. Fleischer/Barz (1992, 289) sprechen von einer „Verflechtung der Verbbildung mit Regularitäten des Satzbaus in zweifacher Weise: Wortbildungsprozesse beeinflussen die Basisverben lexikalisch-semantisch und syntaktisch, und syntaktische Gegebenheiten bestimmen die spezifische Ausprägung zahlreicher Wortbildungsmodelle.“

Das Phänomen der valenzverändernden Wortbildungsvorgänge spielt sowohl bei der Derivation, insbesondere der Präfigierung, als auch bei der Komposition von Verben eine Rolle. So unterscheidet sich beispielsweise der Valenzrahmen eines Präfixverbs oft von dem des Basisverbs hinsichtlich der Anzahl und der grammatischen Merkmale der Argumentstellen. Bei der Komposition können Komplemente des Basisverbs sogar als Kompositionsglieder auftreten und entsprechend die syntaktische Struktur der Verbphrase verändern.

Verstärkt wird die Wechselwirkung von Syntax und Wortbildung noch durch die teilweise Trennbarkeit von Präfixverben und Verbkomposita. Elemente von Verbbildungen treten dann in merkwürdiger Distanzstellung als „Satzteile“ auf. Satzsyntax, Verbflexion sowie die Erfordernisse der Zusammensetzung wirken zusammen und es ergeben sich morphosyntaktische Erscheinungen, zu deren Beschreibung unter anderem die Termini „Kontaktwort“ und „Distanzwort“ verwendet werden.

Neben Präfigierung und Komposition entstehen Verben noch durch Suffigierung, Konversion und Rückbildung. Ihre Bildungen sind zahlenmäßig von eher geringem Gewicht. Es handelt sich dabei meist um Bildungen aus substantivischen oder adjektivischen Basen, bei denen keine Änderungen eines Valenzrahmens auftreten können. Bei diesen Bildungen spielt die Trennbarkeit fast keine Rolle.

2. Derivation

Derivation ist Wortbildung mit Affixen, also Morphemen, die nicht frei auftreten. Die Affixe zerfallen im wesentlichen in Präfixe und Suffixe. Deswegen sind Präfigierung und Suffigierung die Hauptsparten der Derivation. Bei der Präfigierung treten hauptsächlich verbale Basen auf, die durch die Präfixe syntaktisch und semantisch modifiziert werden.

2.1. Präfigierung

Die Präfigierung ist in der verbalen Wortbildung die am häufigsten benutzte Wortbildungsart. Von Präfigierung spricht man, wenn ein Basisverb (im geringeren Ausmaß auch substantivische und adjaktivische Basen) mit einem Präfix versehen wird. Ein Präfix ist normalerweise ein gebundenes Morphem. Die echten Präfixe lassen sich aufzählen. Es sind in der ungefähren Reihenfolge ihrer Häufigkeit ver-, be-, ent-, er-, zer-, außerdem ge-, miß-, re-, de-, dis-, in- und wenige andere . In den entsprechenden Bildungen bleiben sie unbetont und sind in allen Verbformen untrennbarer Wortbestandteil. Bei der Bildung des Partizip Perfekt „ersetzen“ sie das sonst übliche ge-: er hat geschrieben, er hat beschrieben.

Doch nicht alle verbalen Präfixe sind prototypisch. Fleischer/Barz weisen auf besondere Morpheme hin, „die sowohl wortfähig sind, als auch gebunden vorkommen, deren Bedeutung aber im freien Gebrauch nur relativ autonom ist (Synsemantika).“ (Fleischer/Barz 1992, 29) Es sind verbale Präfixe, zu denen lautgleiche Grundmorpheme (heute meist Präpositionen) existieren: ab-, an-, auf-, aus-, bei-, durch-, ein-, los-, nach-, über-, um-, unter-, vor-, wider-, zu-. Es ist eine Vielzahl der für diese Morpheme gebrauchte Termini bekannt: „Partikel“ - so auch Eichinger, Naumann, „Verbzusätze“, „affixartige Morpheme“ – Erben, „trennbare Präfixe“. Diese sogenannten Synsemantika ordnet Eichinger in eine Gruppe, die er als „Klammerbildungen“ bezeichnet, weil diese „Formen beim Eintretten in die Satzklammer voneinander getrennt und auf die beiden Klammerhälften verteilt werden.“ (Eichinger 2000, 102) Die Erstelemente solcher Bildungen stehen an einem Platz, an dem auch entsprechende syntaktische Elemente stehen könnten. Es handle sich hier „um einen auf die Spezifika der Wortart Verb ausgerichteten Fall von Inkorporation, der allerdings als lexikalische Analogieregel [...] mehr oder minder fest geworden ist“ (Eichinger 2000, 103). Diese Präfixe dienen zum Herstellen räumlicher oder zeitlicher Bezüge der Basisverbhandlung. Es besteht dabei eine gewisse Aufgabenverteilung zwischen den so angesetzten Präfixen und den lokalen und temporalen Präpositionen. Die Präfixe unterscheiden sich offensichtlich von den entsprechenden Präpositionen durch inhaltliche Merkmale: vgl. auf-fahren und auf den Berg fahren. Wo Präfixe und Präpositionen in Form und Inhalt nahezu gleich sind, stellt Präfigierung gegenüber der präpositionalen Fügung eine sprachformhafte Verdichtung der Aussage dar: z. B. Taxis fahren vor (das Haus).

Einige Präfixe sind auch nicht mehr prototypisch, weil sie entweder idiomatisiert, wie z. B. dar-, ob-, oder nicht mehr produktiv sind, z. B. ge-. Bei einigen Verben kann das ge- als semantisch redundant angesehen werden: (ge)mahlen, (ge)reuen, bei den anderen ist keine semantische Beziehung nachweisbar: geloben – loben, gehören – hören. Die einzige Bedeutung von ge- ist resultativ/perfektive: gefrieren, gebrauchen. Das verbale los- ist ein „Verbzusatz zwischen Halbpräfix und Kompositionsglied“ (Wellmann 1984, 431; zitiert nach Fleischer/Barz 1992, 339). Daneben existiert keine Präposition, sondern das Adjektiv bzw. Adverb los(e), das Suffix –los und das Substantiv das Los.

Den doppelförmigen Präfixen durch-, über-, um-, unter-, wider-, die trennbar und untrennbar auftreten können, liegt eine semantische Opposition zu Grunde: „dagegen“ – widerspréchen, „zurück“ – wíderklingen.

Präfigierte Basen können Grundlage weiterer Präfigierung werden: z. B. auferstehen, beabsichtigen, vergesellschaften. Doppelpräfigierungen machen nur ca. 2% des Gesamtbestandes an Präfixverben aus und sind keine systematischen Erscheinungen, weil sie der Ökonomie zuwider laufen.(vgl. Kühnhold 1973, 143)

Die Präfixderivate erfüllen mit der semantischen und syntaktischen Modifikation des verbalen Grundwortes eine wichtige Aufgabe bei der Differenzierung der verbalen Ausdrucksmöglichkeiten.

2.1.1. Die semantische Modifikation

Die semantische Modifikation umfasst verschiedene Prozesse , so wie räumliche und zeitliche Einordnung, modale Spezifizierung des Verbs und Aktionsartendifferenzierung.

Ausführlich beschrieben werden diese semantischen Veränderungen bei präfigierten Verben von Eichinger in seinem Werk „Raum und Zeit im Verbwortschatz des Deutschen“. (vgl. Eichinger 1989) Diese werden im Folgenden vorgestellt.

I. Bei der räumlichen Einordnung eines statischen oder dynamischen Geschehens zerfallen die Wortbildungskonstruktionen je nach Bedeutung in „lokal, dimensional“ (1) und „lokal, relational“ (2).

1). Verben mit der WB „lokal, dimensional“ haben eine adverbiale Angabe zur Lage- oder Verlaufsrichtung des Geschehens des Basisverbs vom Ort des Sprechers aus im dreidimensionalen Raum. Auf- und ab- signalisieren die Richtungsbedeutungen. Die durch auf- ausgedrückte Bedeutung „nach oben“ ist von der Bedeutung des Basisverbs abhängig. In aufsteigen (Dampf) wird die schon in steigen beinhaltende Bedeutung durch auf- nur verdeutlicht. In anderen Fällen ergänzt das auf- die Basisverbbedeutung um die Komponente „nach oben“: z. B. bei Verben des Sehens aufblicken, aufschauen; bei Verben, die die Bewegung des Agens in eine aufrechte Körperhaltung ausdrücken aufhasten, sich aufrappeln. Das Aufregen – das „Bewegen“ einer Person im übertragenen Sinne bezeichnen auch Präfixverben mit auf-: aufhetzen, aufrühren. Durch ab- wird die Bedeutung „nach unten“ ausgedrückt. Bei den Verben, deren Basen eine Abschwächung bezeichnen, drückt das Präfix die „wahrscheinlichste Bewegungsrichtung“ aus: abgleiten, abrutschen. Es sind auch Verben des Bewertens zu nennen: jmdn./etw. abqualifizieren, abwerten.

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Details

Seiten
21
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638103022
ISBN (Buch)
9783638770712
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v425
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Institut für Germanistik
Note
2
Schlagworte
Verbbildung Wortbildungslehre Hauptseminar Deutsche Wortbildung

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Titel: Die Verbbildung in der Wortbildungslehre