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Woran scheitert die Kooperation im Nahen Osten? "Kollektive Identität" als Hindernis des Friedensprozesses

Hausarbeit 2003 24 Seiten

Politik - Internationale Politik - Region: Naher Osten, Vorderer Orient

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Kollektive Identität- begriffliche Klärung

III. Zur Konstruktion von kollektiven Identitäten
1. Palästinensische Identität
1.1. Identitätsstiftende Themen in der palästinensischen Identität
1.2. Die Intifada
2. Israelische Identität
2.1. Die Gründung Israels
2.2. Die Shoah

IV. Die politische Bedeutung von Feindbildern
1. Entstehung und Verhärtung von Feindbildern
2. Identitätsstiftende Bedeutung von Feindbildern
2.1.Worst-Case-Denken
2.2. Schwarz-Weiß-Denken
2.3. Dehumanisierung des Feindes

V. Kollektive Identitäten und der Friedensprozess im Nahen Osten

VI. Fazit

VII. Literatur

I. Einleitung

Im Nahostkonflikt stehen sich nicht nur zwei Völker oder Kulturen gegenüber, sondern vor allem zwei kollektive Identitäten. „Kollektive Identität“ stellt keine natürliche Kategorie dar, sondern ein imaginäres Gebilde. Die Konstruktion von kollektiven Identitäten führt zur Herausbildung von bestimmten Denkschemata und Verhaltensmustern, die innerhalb des Kollektivs allgemein akzeptiert sind und als Grundlage für gesellschaftliche Normen und Werte, aber auch Mythen und kollektive Erinnerungen dienen. Sie werden durch Sozialisationsprozesse vom Volk aufgenommen und formen eine massenpsychologische Disposition, deren Heranziehung für das Zurechtkommen mit dem permanenten Konfliktzustand obligatorisch wird. Das jahrzehntelange Festhalten an solche Ressentiments konstituiert kollektive Identität als eine besonders starre Konstruktion. Angesichts einer fehlenden Vertrauensbasis zwischen Palästinenser und Israelis ist ein „Ausbrechen“ aus diesen festen und tief verwurzelten Strukturen infolge des Friedensprozesses nicht möglich. Um der Fragestellung nach den Auswirkungen der Konstruktion von „kollektiven Identitäten“ auf den Friedensprozesses gerecht werden zu können, werde ich mich im ersten Abschnitt dieser Arbeit mit den theoretischen Grundlagen dieses Konzeptes befassen. In diesem Komplex werde ich mich auf die Instrumentalisierung der Vergangenheit und auf Selbst- und Fremdzuschreibungen als zentrale Leitgedanken konzentrieren, um zu einer Arbeitsdefinition für den zweiten Teil dieser Arbeit zu gelangen.

Dieser beschäftigt sich dann mit der Analyse der konstituierenden Faktoren zur Konstruktion der „kollektiven Identitäten“ der palästinensischen und israelischen Gesellschaft.

Mein Erkenntnisinteresse gilt im dritten Teil dieser Arbeit der Entstehung und Verfestigung von Feindbildern. Dabei werde ich auf die Hauptprämissen der Kognitionspsychologie eingehen, um die psychologischen Aspekte anzuzeichnen, die die Entstehung und Verhärtung von Feindbildern bedingen. Anschließend werde ich die Wahrnehmungsmuster analysieren, die für den israelisch- palästinensischen Konflikt relevant sind.

Da ich von der Überzeugung ausgehe, dass es ein dialektisches Verhältnis zwischen kollektiver Identität und Entwicklung des Friedensprozesses besteht, werde ich in einem Schlusskapitel auf die Folgen der Konstruktion von kollektiven Identitäten hinweisen, die das Scheitern des Friedensprozesses begründen.

II. Kollektive Identität- begriffliche Klärung

Das kollektive Gedächtnis ist ein Sammelbegriff für alle individuellen Erinnerungen einer Gruppe. Dieser Begriff stellt das „von und für ein Kollektiv erinnerte Wissen um Vergangenheit“ dar (Assmann, zit. in Joggerst:12). Dieses Wissen wird mit dem Ziel konstruiert, Wirklichkeit zu erklären. Bei dieser Konstruktion wird scheinbar gemeinsame Geschichte aktiviert, die als Ausgangsbasis für politisches Handeln dienen soll. „Die postulierte Geschichte hat ihren Sinn als Prophezeiung, Dass diese Geschichte zugleich falsch und produktiv innovativ sein kann, wird oft übersehen. Sie ist falsch, gefälscht oder fehlerhaft als historischer Bericht. Sie ist produktiv innovativ als auf die Vergangenheit projiziertes Modell davon, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse sein sollten.“(Elwert 1989:9) Erinnerung ist somit eine Kategorie, die durch den sozialen Rahmen, den ein Kollektiv darstellt, konstituiert wird. Dieses Kollektiv bestimmt maßgeblich die Erinnerungen der einzelnen Glieder. Das individuelle Gedächtnis bildet sich erst im Prozess der Sozialisation heraus. Es ist nur das Individuum, das über ein Gedächtnis verfügt, aber dieses Gedächtnis ist kollektiv geformt und stellt somit ein soziales Konstrukt dar. Die soziale Gruppe bestimmt dabei, welche Erlebnisse oder Erfahrungen als Erinnerung gespeichert werden und wie diese Erinnerung interpretiert wird. In Folge der Identifizierung des Individuums mit den von dem Kollektiv vermittelten Ereignissen, kann es zur Sozialisation von Erinnerungen kommen, die der/die Einzelne selbst nicht erfahren hat (Joggerst 2000:18). Dies weist auf den manipulativen Charakter des kollektiven Gedächtnisses hin, der häufig für politische Zwecke, wie z.B. Legitimierung und Durchsetzung aktueller Politik instrumentalisiert wird. Joggerst stellt den Zusammenhang zwischen kollektivem Gedächtnis und kollektiver Identität wie folgt her: „Das kollektive Gedächtnis schafft kollektive Identität und versucht diese durch eine bestimmte Vergangenheitsrezeption in einen historisch sinnvollen Kontext zu setzen, beispielsweise mit Hilfe politischer Mythen und Mythenbildung. Kollektive Identität wiederum ist sowohl ein Produkt des kollektiven Gedächtnisses als auch eine Vorbedingung für dessen Entwicklung und Anwendung. (…) ein Kollektiv erinnert vorzugsweise nur das, was es als Kollektiv bestätigt, ihm ein spezifisches Wesen, eine Identität in Abgrenzung zu anderen Kollektiven, verleiht“ (Joggerst 2000:27).

Durch die Konstruktion von kollektiver Identität werden Inklusions- und Exklusionsprozesse in Gang gesetzt, die eine klare Grenze zwischen Innen und Außen ziehen. Diese Grenze zwischen den Kollektiven entsteht nicht aufgrund objektiver Differenzen, wie z.B. unterschiedlicher Sprachen. Eine entscheidende Bedeutung spielen Unterschiede, die von den Akteuren als wichtig empfunden werden (Berg 1998: 78). Diese zwei Kategorien stehen im Gegensatz zueinander. Die Opposition ist maßgeblich von gewissen Zuschreibungen gekennzeichnet: die einen stellen etwas dar, was bei den anderen nicht der Fall ist und umgekehrt. Dieses Konstrukt verweist auf den Gegensatz von Innen und Außen. Beide Gegenbilder stehen in einem komplementären Verhältnis zueinander. Die Innenseite ist der Inbegriff des Positiven, das Außen ist die Negativität. Die Definition von Freund und Feind, von Außen und Innen ist eine Kategorie, die durch die jeweilige Seite, aufgrund von Selbstdefinition und Fremdzuschreibung konstruiert wird. (Bauman 1990:23ff) Jede Gruppe beansprucht für sich bestimmte Merkmale und schränkt auf dieser Weise den Kreis der Menschen, die aufgrund dieser Merkmale zur Gruppe gehören, ein. Gleichzeitig werden diesem Kollektiv Merkmale von außen zugeschrieben. Diese Fremddefinitionen können positiv oder negativ sein. Wenn sie aber die Gruppe als etwas Eigenständiges akzeptiert, gesteht sie ihr eine eigene Identität zu. (Berg 1998:81) Definition von innen und Zuschreibung von außen stehen in Wechselwirkung zueinander. „Eine Selbstzuschreibung als Ethnie, die sich nicht in einer entsprechenden Fremdzuschreibung spiegeln kann, ist instabil“ (Elwert 1989:23).

III. Zur Konstruktion von kollektiven Identitäten

1. Palästinensische Identität

1.1. Identitätsstiftende Themen in der palästinensischen Identität

Als zentrales Thema der palästinensischen Identität gelten die Ereignisse des Jahres 1948, die von den Palästinensern als Katastrophe (nakbah) empfunden werden. Die Themen und Inhalte, die mit der „nakbah“ im Zusammenhang stehen, werden aus einer Vielzahl von Werten und Erfahrungen ausgewählt und mit symbolischer Bedeutung versehen. Die „nakbah“ beschreibt die Flucht und Vertreibung von über 800.000 Palästinenser (Ortlieb 1995:82) infolge der Proklamation des Staates Israel und des Krieges vom 1948. Als Inbegriff, der von israelischer Seite verübten Gräueltaten ist im palästinensischen Bewusstsein das Schicksal des Dorfes Deir Yassin fest verankert. Im April 1948 wurden 250 Einwohner des Dorfes von den jüdischen Untergrundorganisationen „Stern“ und „Irgun“ ermordet. Diese Tatsache wird von israelischer Seite immer noch nicht offiziell anerkannt (Pohling 2003:44). Die israelische Staatsgründung und die damit im direkten Zusammenhang stehende palästinensische Katastrophe zählen immer noch zu den umstrittensten Kapiteln im israelisch-palästinensischen Konflikt. In den kollektiven Gedächtnissen auf beide Seiten existieren parallel verschiedene Interpretationen dieser Ereignisse. Die israelische Seite macht die arabischen Nachbarstaaten für die Flüchtlingsmisere der Palästinenser verantwortlich, indem sie sich auf den Appell des Mufti von Jerusalem beruft, der die Palästinenser zum Verlassen Israels aufforderte. Demgegenüber sprechen die Palästinenser und die benachbarten arabischen Staaten von einer durch den Einsatz von israelischer Armee und jüdischen Untergrundsverbänden gezielten Vertreibung der arabischen Bevölkerung. (Pohling 2003:44f) Bei der Konstruktion vom mit Abstand wichtigsten Thema die „nakbah“ im palästinensischen Kollektivgedächtnis wurde der reale Ablauf durch die eigene Sichtweise, Interessen und Wünsche zurechtgemacht und mit entsprechenden Schuldzuweisungen behaftet. In direktem Zusammenhag mit dem Thema der Katastrophe steht das Thema „cauda“ (Rückkehr). Bei dieser Rückkehr handelt es sich um ein imaginäres Konstrukt, denn damit wird an eine Rückkehr in die alten Lebensverhältnisse gedacht. (Flores 1986:70)

Nach dem Krieg floh ein Teil der palästinensischen Bevölkerung in die benachbarten arabischen Länder, wo sie vorwiegend in Flüchtlingslagern lebten. Ein Teil der Bevölkerung, der im ursprünglichen Gebiet blieb, geriet unter jordanische, israelische oder ägyptische Herrschaft. Die Palästinenser teilten ähnliche Erfahrungen in den arabischen Nachbarstaaten. In den arabischen Staaten wurde es auch den Palästinensern verboten sich politisch zu organisieren; sie unterlagen auch Beschränkungen bei der freien Wahl des Wohn- und Arbeitsplatzes. Das Leben in der Diaspora und die gemeinsamen Erfahrungen lieferten die Grundlage für die Entwicklung eines weiteren Themas – die „ghurba“ - die Fremde. In diesem Thema lief das erlebte Elend, Demütigung und Entrechtung einher. (Flores 1986:70) Bis in den 60er Jahren wurde die palästinensische Gemeinschaft durch Fremddefinitionen und Zuschreibungen von außen bestimmt. Ein wichtiger Aspekt, der maßgeblich zu Herausbildung der palästinensischen Selbstbestimmung und somit der palästinensischen Identität beigetragen hat, ist die politische Organisation. In den 50er Jahren wurde das palästinensische Bewusstsein vor allem vom Thema „cauda“ (Rückkehr) dominiert. Die Rückkehr nach Palästina wurde nicht notwendigerweise mit der Vorstellung eines souveränen Nationalstaates in Verbindung gebracht. Die Rückkehr wurde vor allem gefühlsorientiert gestaltet und implizierte den Gedanken an Zuhause als Geborgenheit, als etwas Vertrautes. Die Gründung der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und die zunehmende politische und militärische Organisation der palästinensischen Bevölkerung bedingte maßgeblich die Entstehung eines palästinensischen Nationalbewusstseins. Bei der Ausgestaltung der inhaltlichen Ziele der PLO wurde nicht auf klassenspezifische oder soziale Themen Wert gelegt, sondern auf Themen mit nationalem Charakter. Damit wurden alle Schichten der palästinensischen Bevölkerung angesprochen. (Ortlieb 1995:91ff) Die Propagierung einer nationalen Identität durch die PLO hatte zu Folge, dass das Streben nach einem palästinensischen Vaterland das Streben nach einem eigenen vertrauten Zuhause überlagerte. Hinzu kam, dass die palästinensische Gemeinschaft, die bis in den 60er Jahren ausschließlich durch Fremddefinitionen geprägt war, nun eine Selbstdefinition und zwar auf der Grundlage einer nationalen Idee entgegensetzen konnte. (Berg 1998:84)

1.2. Die Intifada

Mit dem Ausbruch der Intifada wurde die neu gewonnene palästinensische Identität auf die Prüfung gestellt. Diese Ausnahmesituation sollte den entscheidenden Nachweis dafür liefern, dass die palästinensische Identität nicht ein künstliches politisches Konstrukt war, sondern dass diese Identität als solche von der Bevölkerung wahrgenommen wurde. Die Intifada ermöglichte die aktive Beteiligung der Palästinenser an der Formung ihrer Identität. Die Veränderung des palästinensischen Bewusstseins ist durch vielfältige Aspekte bedingt. Dabei spielt der Wegfall der Angstbarriere vor der israelischen Armee für das gewachsene Selbstbewusstsein eine entscheidende Bedeutung. Hinzu kommt, dass die Erhebung nicht nur alle Schichten und Arbeitsklassen umfasst, sondern sich auch geographisch auf alle Teile der besetzten Gebiete ausbreitete. Als Ausdruck der kollektiven Identität sind die Abschwächung des ausgeprägten Individualismus und die Betonung auf kollektive Arbeit, Solidarität und gegenseitige Hilfe exemplarisch (vgl. Flores 1988:99-110). Die politische Beteiligung der Bevölkerung an der Intifada wurde durch die Gründung von Volkskomitees gewährleistet. Die Intifada baute ganz stark auf die Strategie der Sichtbarmachung palästinensischer Symbole: das Hissen palästinensischer Fahnen, Gebrauch von für typisch palästinensisch erklärte Farben (schwarz, weiß, grün, rot), Singen von Parolen etc. (Ortlieb 1995:113). Die Intifada wurde auch ganz entscheidend dafür benutzt gemeinsame Geschichte und gemeinsame Traditionen zu konstruieren. Die politische Führungselite versuchte unter Berufung auf die Vergangenheit ein historisches Kontinuum herzustellen, das als eine Legitimations- und Mobilisierungsbasis dienen sollte. So bezog sich die islamische Widerstandsbewegung auf Helden der islamischen Epoche, wie Salah al-Din, der den Kreuzfahrern eine entscheidende Niederlage hinzugefügt hatte. Mit der Projizierung dieses Ereignisses in der Gegenwart wurde die Hoffnung in der Bevölkerung geweckt, dass sich die Geschichte wiederholen kann. Die PLO orientierte sich stärker an die neue Geschichte, wie z.B. der palästinensische Aufstand von 1936 und der erste arabisch- israelische Krieg 1948. Sie zielte damit auf die Herstellung einer Gradlinigkeit der national-politischen Befreiungskämpfe der Palästinenser. (Ortlieb 1995:210)

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Details

Seiten
24
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638405003
Dateigröße
610 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42480
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Woran Kooperation Nahen Osten Kollektive Identität Hindernis Friedensprozesses

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