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Max Ophüls‘ Film "Letter from an Unknown Woman"

Exemplarische oder individuelle Handlungsdarstellung?

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 29 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rolle des Briefes im und für den Film

3. Die Betrachtung verschiedener Ebenen
3.1 Lisas Ebene
3.2 Stefans Ebene
3.3 Die Ebene von Stefans Diener John
3.4 Die Ebene des Zuschauers

4. Fazit

5. Medien- und Literaturverzeichnis

6. Anhang

1.Einleitung

Der Titel des im Jahre 1948 unter der Regie von Max Ophüls erschienene Film Letter from an Unknown Woman suggeriert zunächst eine exemplarische Handlung: denn die Tatsache, dass die Adressantin des Briefes unbekannt ist und somit keinerlei Namen trägt, spricht ihr anfangs jegliche Form von Individualität ab. Zugleich ist ein Brief jedoch ein privates und äußerst persönliches Mittel der Kommunikation; ein Brief ist folglich als höchst individuelles Medium anzusehen und weist dementsprechend auf eine individualisierte Filmhandlung hin. Angesichts dieser Tatsachen stellt sich die Frage, wie und ob sich diese Tendenzen von Individualisierung und Exemplifizierung des Filmgeschehens vereinbaren lassen. Es ist daher die Aufgabe dieser Arbeit zu untersuchen, ob Max Ophüls‘ Film Letter from an Unknown Woman eine exemplarische oder eine individuelle Handlung erkennen lässt und inwiefern dies der Fall ist. Bei dieser Untersuchung soll zusätzlich die Bedeutung und Funktion der Korrespondenz innerhalb des Mediums Film besonders berücksichtigt werden und in die Analyse integriert werden.

Hierfür ist es notwendig, im Anschluss an diese Einleitung als ersten Punkt zunächst die Rolle des Briefes im und für den Film näher zu analysieren. Dabei geht es darum, welche Rolle und Funktion der bereits im Titel angekündigte Brief im weiteren Verlauf des Filmes erfüllt. Im Anschluss hierauf erfolgt dann in einem dritten Überpunkt die Betrachtung verschiedener Ebenen, um die Frage nach der Individualisierung – beziehungsweise der Exemplifizierung – aus verschiedenen Perspektiven betrachten zu können. Dabei thematisiert wird mit Lisas Ebene (3.1) nicht nur die der Protagonistin, sondern mit Stefans Ebene (3.2) auch die Sichtweise der männlichen Hauptfigur sowie die seines Dieners Johns (3.3), der im Film lediglich eine vermeintlich marginale Position einnimmt. Eine wichtige Rolle spielt selbstverständlich ebenfalls die Wahrnehmung des Zuschauers, weshalb auch auf diese Ebene der Wahrnehmung eingegangen wird (3.4). Mit Hilfe dieser verschiedenen Ebenen soll dann die Frage nach der Individualisierung oder Exemplifizierung der Filmhandlung erörtert werden, weswegen dieser dritte Überpunkt den Hauptbestandteil der Arbeit einnehmen wird. Daneben werden in einem vierten und letzten thematischen Punkt schließlich aber ebenso die zuvor gewonnenen Erkenntnisse in einem Fazit nochmals zusammenfassend dargestellt. In einem Medien- und Literaturverzeichnis findet sich des Weiteren eine Auflistung sämtlicher verwendeter Medien und Literatur. Ein Anhang, in dem ausgewählte Screenshots abgebildet sind, soll die Arbeit zudem ergänzen, illustrieren und letztendlich auch abschließen.

2. Die Rolle des Briefes im und für den Film

Der Brief, den Lisa Berndle, die ehemalige, aber von Stefan Brand vergessene (und deshalb für ihn unbekannte) Geliebte an den Konzertpianisten schreibt, erzählt in Form einer Analepse, wie die junge Lisa Stefan kennenlernte und sich schließlich in ihn verliebte. Diese Kennenlern- und Liebesgeschichte ist zugleich Lisas Lebensgeschichte und wird zusätzlich durch die Tatsache verstärkt, dass Lisa ihren Tod nicht nur zu Beginn des Schreibens bereits als möglich ankündigt, sondern nach Erhalt des Briefes durch Brand tatsächlich tot ist. Die Rolle des Schreibens ist somit eine zentrale und wesentliche: es enthält eine Geschichte und erzählt diese auch. Im Umkehrschluss bedeutet dies: ohne den Brief gäbe es keine erzählbare Handlung und somit auch keinen Film. Dessen Funktion kann mit Wulffs Worten daher folgendermaßen beschrieben werden: „Das filmische Erzählen selbst nutzt oft genug das Schreiben als Metapher für das Erzählen, substituiert den Erzähler durch den Schreiber […]“.[1] Dies trifft auf Ophüls Film Letter from an Unknown Woman insofern zu, da die Briefeschreiberin Lisa zur Erzählerin der Filmhandlung wird – einzelne Briefpassagen werden sogar unmittelbar durch ein Voice Over ihrer Stimme vorgetragen – und just diese, ihre Geschichte nimmt den Großteil und den wichtigsten Teil der Filmhandlung ein. Diese Kernhandlung wird lediglich durch einige kurze einleitende und abschließende Szenen ergänzt. Das Medium des Briefes eignet sich folglich dazu, mit Hilfe eines anderen Mediums (hier ist es das Medium Film) eine Geschichte zu erzählen und ohne das Schreiben gäbe es schlichtweg nichts zu erzählen. Anders ausgedrückt lässt sich sagen: „To create narrative art is, in a way, exactly what Lisa does. Her letter is such a creation.”[2]

Eine Besonderheit von Schrift ist es außerdem, dass sie dazu in der Lage ist, Ereignisse und Erinnerungen zu konservieren. Im Gegensatz zur mündlichen Kommunikation sind die vermittelten Informationen so dauerhaft zugänglich.[3] Gleichermaßen ist auch der Brief in Ophüls‘ Film dazu fähig, Vergangenes wieder ins Gedächtnis zu rufen – schließlich erinnert sich der Konzertpianist Stefan Brand nach der Lektüre des Schreibens wieder an seine frühere Geliebte Lisa Berndle. Die gesprochene Sprache konnte eine derartige Wirkung dagegen niemals erzielen: Immerhin führen Stefan und Lisa im Verlauf des Filmes mehrere Gespräche miteinander – an Lisa erinnern konnte sich Brand vor Erhalt des Schreibens und nach dieser rein mündlichen Kommunikation dennoch nicht. Des Weiteren hebt Wulff ein weiteres Herausstellungsmerkmal von schriftlichen Korrespondenzen hervor, nämlich das Erschaffen einer intimen Verständigungsebene:

Und das Briefeschreiben als Tätigkeit ist ein zutiefst privater Moment, ein Moment der Konzentration auf einen Abwesenden, ein Moment der Selbstbegegnung wie auch der Vergewisserung der Beziehung der Schreibenden zum Adressierten.[4]

In Letter from an Unknown Woman erschafft der Brief ebenfalls Nähe zwischen Lisa und Stefan und das obwohl Adressat (Stefan) und Adressant (Lisa) räumlich getrennt sind. Lisa verkörpert dabei sogar die radikalste Form der Abwesenheit des Adressanten, denn sie ist zum Zeitpunkt der Lektüre des Schreibens durch Brand, also beim Eintritt in die Kommunikationsebene mit ihr, bereits tot. Auf ihren (zumindest potentiell) nahenden Tod weist sie zu Beginn des Briefes in einem einleitenden Satz zudem auch direkt hin.

Doch Lisas Brief vermag es noch zusätzlich, eine ganz konkrete Veränderung bei Stefan zu bewirken: Denn nach der Lektüre gibt der Konzertpianist seine zuvor zur Schau gestellte passive Haltung auf und wird zum ersten Mal aktiv. Schließlich lehnte er es, bevor er das Schreiben erhalten und gelesen hat, zunächst strikt ab, sich mit Lisas Ehemann zu duellieren. Stattdessen hatte er bereits Pläne gefasst, die Stadt zu verlassen, um auf diese Weise dem ungeliebten Duell – dessen tödlicher Ausgang aufgrund des militärischen Hintergrunds des Gegners durchaus möglich ist – entkommen zu können. Nachdem Brand Lisas Brief gelesen hat, ändert dieser jedoch seinen Entschluss: am Ende des Filmes fährt eine Kutsche von seiner Wohnung weg, Stefan stellt sich nun also doch dem Duell.[5] Der Brief erreicht somit nicht nur, dass Stefan Brand sich wieder an seine einstmalige Geliebte erinnern kann, sondern auch, dass er selbst aus eigenem Antrieb aktiv wird und selbstständig die Initiative ergreift. Auf diese Weise stellt Lisas Schreiben Stefans Handlungsfähigkeit wiederher,[6] wertet gleichzeitig aber auch den männlichen Protagonisten deutlich auf. Aus einem passiv-inaktiven Verführer und Genussmenschen wird so ein Mann, der endlich dazu in der Lage ist, verantwortungsbewusst zu handeln und sich den Konsequenzen seines Handelns zu stellen. Etwas überspitzt lässt sich daher sagen: „Mit diesem Ende hat Ophüls aus Stefan, einem unverantwortlichen leichtsinnigen Lebemann einen Helden gemacht.“[7]

Der Brief kann aber nicht nur Stefan transformieren: er besitzt außerdem auch das Potential, ihn um sein Leben zu bringen. Denn wie bereits erwähnt begibt sich der Konzertpianist Brand nach der Lektüre des Schreibens zum Duell. Der Gegner ist hier mit Lisas Ehemann Stauffer ein treffsicherer, hochrangiger Militär, weswegen der Ausgang für Stefan durchaus tödlich sein könnte. Dementsprechend verändert der Brief nicht nur wesentlich die Filmhandlung (denn anders als zu Beginn des Filmes verkündet duelliert sich Stefan letztendlich doch). Es ist somit gleichermaßen eine Verbindung von Brief/Schrift und Tod/Sterben gegeben. Verstärkt wird dies noch einmal durch die Tatsache, dass das Schreiben von einer zum Zeitpunkt der Lektüre bereits Toten (nämlich von Lisa) stammt.

3. Die Betrachtung verschiedener Ebenen

3.1 Lisas Ebene

Lisas Wahrnehmung von sich selbst und ihrer Beziehung zu Stefan unterscheidet sich ganz grundlegend davon, wie sie aus der Perspektive von Brand selbst und der des Zuschauers gesehen wird. Lisa Berndle tendiert allgemein dazu, ihre eigene Person und Lebensgeschichte – und damit auch ihre Liebesbeziehung zum Konzertpianisten Brand, die für sie ein wesentlicher Lebensinhalt darstellt – zu individualisieren. Lisa ist sich so beispielsweise nicht der Tatsache bewusst (oder besser gesagt, sie verdrängt), dass sie in Stefans Leben nicht die einzige Frau, sondern lediglich eine Frau von vielen ist. Sie ist nicht dazu fähig, sich selbst und ihre Beziehung realistisch einzuschätzen und verklärt stattdessen die eigene Persönlichkeit sowie ihre Affäre mit Stefan stark. Dementsprechend sieht sich Lisa nicht wahrheitsgemäßals bloßes Glied in einer Kette von anscheinend niemals endenden Liebesgespielinnen des Pianisten, vielmehr empfindet sie das kurze Liebesabenteuer mit Stefan und auch ihre eigene Person als hochgradig individuell. Wilson fasst all dies folgendermaßen zusammen: „Lisa […] lacks any consciousness of herself as an element in a mere recurrence of an event that had overwhelmed her consciousness before.“[8]

Lisa Berndle ist sich sicher: ihre Begegnung mit Stefan Brand war nicht purer Zufall, sondern Schicksal.[9] Somit sind die beiden ihrer Ansicht nach füreinander bestimmt. Auch hier unterscheidet sich Lisas Wahrnehmung folglich signifikant von der Realität – anstatt sich als Geliebte für eine Nacht zu sehen, ist sie überzeugt davon, die vorausbestimmte Lebenspartnerin des erfolgreichen, von Frauen umschwärmten Pianisten zu sein. Daher ist Lisa etwa dazu bereit, ihre Ehe mit dem hochrangigen Militär Stauffer für eine Fortsetzung der Liebesbeziehung zu Brand aufs Spiel zu setzen. Denn die vom Schicksal eingerichtete Verbindung zu Stefan wiegt für sie deutlich mehr, als die eheliche Verbindung zu Stauffer, der sie liebt, für den Lisa selbst jedoch lediglich Zuneigung empfindet (und das in erster Linie, weil Stauffer sie – und vor allem ihren Sohn Stefan junior - versorgt). Auf diese Weise betont sie eben jenen Aspekt, der sie gegenüber Brands anderen Affären deutlich hervorhebt und individualisiert: nämlich die Tatsache, dass sie und der Pianist mit Stefan junior ein gemeinsames Kind haben. Sie ist daher darum bemüht, dieses Element, das ihre Individualität sichert, zu hegen und zu schützen, weswegen sie auch lange Zeit dazu gewillt war, die Versorgungsehe mit Stauffer einzugehen und aufrecht zu erhalten. Auffällig ist hierbei zudem, dass Lisa nur kurz nach dem Tode ihres Sohnes, also kurz nachdem mit ihm auch ihre eigene Individualität verschieden ist, selbst verstorben ist.

Dies führt dazu, dass Lisa sich und ihre Lebens- und Liebesgeschichte – auch durch ihren gemeinsamen Sohn mit Stefan – als deutlich individueller empfindet, als es tatsächlich der Fall ist. Sie ist nicht dazu in der Lage, die Beziehung zum Konzertpianisten neutral und nüchtern zu beurteilen, sondern sie schätzt diese teilweise völlig falsch ein. Hierbei spielen unter anderem Faktoren wie Fantasie und Begehren eine tragende Rolle: „Her perception of herself and her situation ist filtered through a complex structure of fantasy and desire […]“.[10] Lisa möchte als individuell angesehen werden und zwar (und eigentlich auch ausschließlich) von dem Mann, den sie schon seit Kindesbeinen an liebt: Stefan Brand. Um sich selbst zu individualisieren, greift sie zu einem besonderen Mittel: sie schreibt der Liebe ihres Lebens einen Brief, in dem sie ihre Lebensgeschichte schildert und beschreibt, wie sie sich in Stefan, den Adressaten, verliebte. Für die Wiedergabe dieser außergewöhnlichen Geschichte wählt Lisa dementsprechend mit dem Medium Brief eine ebenfalls sehr individuelle Form der Kommunikation. So möchte die ehemalige Geliebte Brands sicherstellen, dass sie und ihre Geschichte dem Konzertpianisten in Erinnerung bleiben werden: Eine solche Individualisierung Lisas durch die filmische Briefdarstellung ist dabei deshalb gegeben, weil Lisa selbst die Adressantin des Briefes ist. Sie kann sich und ihre Handlungen somit so darstellen und begründen, wie sie es möchte und sich damit auch individueller präsentieren, als es ein neutraler Zuschauer wahrgenommen hätte. Wilson äußert sich hierzu folgendermaßen: „At best, Lisa’s words are safely taken to define her own self-conception of the situations in which she acts. Further, it is just these concepts that the letter conveys to Brand.”[11]

Es ist dabei also fraglich, ob die Schilderungen durch Lisa im Brief der vollen Wahrheit entsprechen. Schließlich wird es ihr vor allem darum gegangen sein, sich gegenüber Stefan möglichst individuell darzustellen, um damit ein (Wieder-)Erinnern an ihre eigene Person bei ihm zu bewirken. Es kann daher also durchaus sein, dass die Wahrheit gegenüber des Ziels der individuellen Selbstdarstellung bei Lisa zur Nebensache wurde, als sie ihren Brief an Stefan verfasste. Zudem steht einer geschönten und romantisierten Sichtweise der (Liebes-)Geschichte nichts und vor allem niemand im Wege, da es keine ‚Zeugen‘ gibt. Denn da Stefan sich schlichtweg nicht mehr an die Liebesnacht mit Lisa – oder besser gesagt an Lisa im Allgemeinen – erinnert, gibt es somit auch keinen, der das, was der Brief erzählt, als falsch oder zumindest als nicht ganz wahrheitsgemäßentlarven könnte. Aus diesem Grunde ist nicht nur der Konzertpianist, sondern auch der Zuschauer darauf angewiesen, sich auf die Sichtweise von Lisa und auf ihre Glaubwürdigkeit als Erzählerin zu verlassen.

Obwohl der Filmtitel (und hierbei insbesondere das Adjektiv ‚unknown‘) zunächst eine Exemplifizierung der Filmhandlung suggeriert, erfolgt durch die filmische Briefdarstellung tatsächlich eine Individualisierung Lisas. Diese Individualisierung erfolgt dabei jedoch ganz klar aus der Sichtweise der weiblichen Protagonistin selbst und verfügt über keine Allgemeingültigkeit. Dies ist besonders der Tatsache geschuldet, dass es wie erwähnt niemanden gibt, der die Liebesgeschichte zwischen Lisa und Stefan aus seiner eigenen, zweiten Perspektive schildern könnte. Zudem ermöglicht der Film Letter from an Unknown Woman aber auch deshalb eine Selbst-Individualisierung der Protagonistin Lisa Berndle, weil sie zugleich die Verfasserin des Briefes ist. Dies ist dabei von besonderer Bedeutung, da die Visualisierung des Briefinhaltes – selbstverständlich ebenfalls mit Lisa als Schreiberin und daher unmittelbar aus ihrer Perspektive - den Großteil der Filmhandlung einnimmt.[12] Aus diesem Grund bietet das Medium Brief in diesem Fall eine optimale Möglichkeit der individuellen Selbstdarstellung und Selbstinszenierung und wird hierfür von Lisa auch konsequent und wohl ganz bewusst eingesetzt.

3.2 Stefans Ebene

Während Lisa also Stefan und nur Stefan begehrt und er dementsprechend für sie hochgradig individualisiert ist, ist dies für den Pianisten nicht der Fall. Lisa ist aus seiner Perspektive nicht individualisiert, sondern exemplarisch, da sie im Leben von Brand nur eine Frau von vielen ist, die er zudem nicht einmal voneinander zu unterscheiden vermag. Im Gegensatz zu ihr verlangt es ihn des Weiteren nicht ausschließlich und ausdrücklich nach Lisa – ganz im Gegenteil begehrt er, ähnlich wie Papageno in der Zauberflöte, fast jedes weibliche Wesen.[13] Allerdings kann Lisa vor Erhalt des Briefes für Stefan kaum individualisiert werden, da sie dies schlichtweg nicht zulässt. Denn während den Gesprächen mit dem von ihr innig geliebten Konzertpianisten beteiligt sie sich kaum an der Konversation und gibt dementsprechend wenig über sich selbst preis. Beispielsweise läuft ihre allererste Begegnung mit Brand an der Eingangstüre des Wohnkomplexes, in dem sie beide zu diesem Zeitpunkt noch leben, von ihrer Seite aus komplett wortlos ab. Ähnlich verläuft das erste Treffen mit Stefan nach ihrer Rückkehr aus Linz. Als Stefan sich vorstellen möchte, unterbricht Lisa ihn einfach mit der Erklärung, dass sie ihn bereits kennen würde. Die darauf entstehende Stille nutzt sie dabei jedoch nicht, um sich selbst vorzustellen. Und nicht einmal von ihrem gemeinsamen Kind erzählt sie Brand, obwohl dies die Möglichkeit zur Individualisierung der eigenen Person schlechthin wäre und sie ihm so garantiert im Gedächtnis bleiben würde.

Lisa ist folglich vor allem deshalb für Stefan lange nicht individuell, weil sie die Chancen für eine derartige Selbstdarstellung schlichtweg nicht nutzt. Es scheint fast so, als wolle sie auch gar nicht individualisiert werden, denn sie stellt sich nicht einmal vor und nennt Brand nicht einmal ihren Namen, ist aber dennoch – paradoxerweise - enttäuscht, dass dieser sich nicht mehr an sie erinnert und dass sie für ihn namenslos ist. Und selbst in ihrem Brief macht sie keine konkreten Angaben zu ihrer Person, auch hier nennt sie nicht ihren Namen und unterschreibt den Brief nicht. Eigentlich untypisch für das Medium Brief, liefert das Schreiben in diesem Fall also keine „deskriptive[n] Hinweise“.[14] Dies hat zur Folge, dass Lisa für Stefan zunächst nicht individualisiert wird. Erst Brands Diener John ist wirklich und nachhaltig dazu fähig, Lisa durch einen erneut schriftlichen Akt (er schreibt ihren Namen auf ein Blatt Papier) für Stefan zu individualisieren. Der Film macht deutlich, dass just dieser Schreibvorgang Erinnerungen beim Konzertpianisten wachruft: als er das Haus verlässt, sieht er an der Wohnungstür eine gespensterartige Erscheinung der jungen Lisa. Diese erscheint ihm dabei exakt so, wie beim ersten Aufeinandertreffen der beiden an eben diesem Hauseingang.[15]

Für eine Individualisierung Lisas spricht zudem die Tatsache, dass Stefan sie nie gänzlich vergisst. Dies zeigt sich zum Beispiel, als Lisa von Linz zurück nach Wien zieht. Als Stefan sie hier in der Nähe seiner Wohnung stehen sieht, spricht er von seinem Gefühl, dass er sie schon einmal gesehen hat.[16] Und auch als Stefan viele Jahre später in der Oper auf seine ehemalige Geliebte trifft, ist er sichtlich verwirrt, denn er weiß, dass er Lisa irgendwo bereits begegnet ist. Diese Begebenheiten zeigen, dass Stefan Lisa nie vollständig vergisst, denn sein Gefühl, sie zu kennen, beziehungsweise sie schon einmal gesehen zu haben, machen deutlich, dass er sich zumindest noch dunkel an sie erinnern kann. Dies suggeriert aber vor allem auch, dass Lisa für den Konzertpianisten eben doch besonders ist und dass er gewisse Gefühle für sie hegt, die nie komplett verschwunden sind (auch wenn diese Gefühle natürlich nie so stark waren wie bei Lisa selbst).[17] Auch Rowland ist der Ansicht, dass Lisa nie gänzlich aus Brands Erinnerungen entschwindet, auch wenn sie dies auf die Gleichgültigkeit Lisas für den Pianisten zurückführt: „In the story, the pianist receives theletter, reads it, and remembers the woman only in a few hazy flashes – she simplydidn’t mean anything to him.“[18] Dass Stefan seine einstige Geliebte überhaupt vergisst, ist zudem nicht einer mangelnden Individualisierung Lisas aus seiner Sichtweise geschuldet. Vielmehr hat der Konzertpianist ganz klar allgemein gravierende Probleme damit, sich an Ereignisse zu erinnern, weswegen diese von ihm oft einfach vergessen werden.[19]

So bleiben auch weitere Versuche, die Lisa unternimmt, um sich selbst dauerhaft einen Platz in Brands Erinnerungen zu verschaffen, ohne Erfolg. Um just dieses Ziel zu erreichen und um sich selbst für ihren Geliebten zu individualisieren, schenkt sie ihm beispielsweise weiße Rosen. Diese erfüllten jedoch nicht ihre Funktion, denn von wem die Blumen stammen, daran kann sich Stefan, wie er offen zugibt, nicht erinnern – und somit ebenso wenig an Lisa selbst.[20] Die Schuld am Scheitern dieser Individualisierung muss dabei aber nicht bei der weiblichen Protagonistin selbst gesucht werden und impliziert ebenso wenig ein mangelndes Individualitätspotential ihrerseits. Stattdessen ist auch Yang der Ansicht, dass der Grund hierfür viel eher Stefans Amnesie ist, wobei das Vergessen der Herkunft des floralen Präsente nochmals verdeutlicht, wie akut diese im Falle des Pianisten ist.[21] Aus der Sicht von Stefan lässt sich deshalb nicht sagen, dass Lisa nicht individuell wäre oder ihm nicht individuell erscheinen würde – er ist schlichtweg aufgrund seiner krankhaften Vergesslichkeit nicht dazu in der Lage, sich an die Individualität seiner einstigen Geliebten zu erinnern.

Wie bereits in Rowlands obigem, kurzem Zitat erkennbar wurde, wird Lisa jedoch für Stefan in erster Linie durch die filmische Briefdarstellung individuell. Erkennen lässt sich dies bereits an seiner ersten, unmittelbaren Reaktion auf den fatalen Inhalt des Schreibens. Nachdem der erste, einleitende Satz – die Todesankündigung Lisas – zur Erzeugung eines möglichst dramatischen Effekts lange und ohne ein Voice Over eingeblendet wird, sodass der Zuschauer praktisch dazu gezwungen wird, diesen ersten Satz des Briefes zu lesen,[22] wirkt auch Stefan selbst sichtlich geschockt. Das Entsetzen über den Briefinhalt steht im deutlich ins Gesicht geschrieben und wird noch zusätzlich durch die nun einsetzende, dramatische Musik verstärkt. Die Aufmerksamkeit Brands ist nun endgültig geweckt und er widmet sich von nun an der konzentrierten und gebannten Lektüre des Briefes. Daher dreht Stefan auch die Lampe auf, um besser lesen zu können.[23] Er vertieft sich fortan derart in die Lektüre des erhaltenen Schreibens, dass er später kaum registriert, dass John ihm ein Tablett mit einem Getränk bringt. Hieran wird durch die filmische Darstellung deutlich, welch einen großen Effekt Lisas Brief auf Stefan hat und dass er ein solches Schreiben noch nie in seinem Leben erhalten hat. Dementsprechend kann nicht geleugnet werden, dass exakt dieser Brief dafür sorgt, dass Lisa aus Brands Perspektive individualisiert wird.

Ähnlich sieht es auch Wilson: „[…] it is through the mediation of Lisa’s letter that Brand is awakened to Lisa and to the significance of her love.“[24] Es ist folglich der Brief, durch den der Konzertpianist erkennt, dass Lisa ihn geliebt hat und dass sie die Liebe seines Lebens hätte sein können; Lisas Individualisierung ist somit eng mit der filmischen Briefdarstellung verknüpft. Das Schreiben seiner einstigen Liebesgespielin lässt Stefan somit nicht nur erkennen, dass sie die ideale, perfekte Frau für ihn gewesen wäre, sondern gleichzeitig auch, dass er sie nun unwiderruflich verloren hat.[25] Auf diese Weise werden die unmittelbaren Folgen des Briefes für Stefans Leben besonders deutlich: ohne das Schreiben hätte sich dieser nicht einmal an Lisa erinnert, sie hätte bestenfalls einen exemplarischen, namens- und gesichtslosen Platz in der endlosen Reihe von Brands Eroberungen eingenommen. Durch die filmische Briefdarstellung wird sie dagegen hochgradig individualisiert und für und durch Stefan sogar zu einer Traumfrau stilisiert.

3.3 Die Ebene von Stefans Diener John

John ist der Diener von Stefan Brand, sein Erinnerungsvermögen bezüglich Lisa Berndle unterscheidet sich aber enorm von dem seines Arbeitgebers: ohne jemals direkt mit Lisa gesprochen zu haben (denn dies ist nicht möglich, da John stumm ist), erinnert der Diener sich immer an Lisa und weißim Gegensatz zu Brand auch, wie sie aussieht und heißt. Allein diese Tatsache zeigt bereits, dass die einstige Geliebte des Konzertpianisten für ihn individuell ist. Besonders an der Filmfigur John ist aber nicht nur, dass Lisa für ihn stark individuell ist – er sorgt zudem ebenfalls dafür, dass sie dies auch für andere Figuren im Film wird. Vor allem ist hierbei Johns Arbeitgeber und Lisas Liebe ihres Lebens Stefan zu nennen. Ähnlich wie diese durch ihren Brief versucht hat, sich gegenüber Stefan zu individualisieren, greift auch John zu der Macht der Schrift, um eben diesen Effekt zu erzielen. Denn nach Stefans Lektüre des Briefes schreibt der Diener ihren Namen – Lisa Berndle – auf ein Blatt Papier.[26] Durch diesen schriftlichen Akt erreicht John, dass Stefan sich wieder an sie erinnert. Anhand dieser Aktion wird außerdem deutlich, dass die Besonderheit von Schrift unter anderem darin besteht, dass sie über das Potential verfügt, Erinnerungen zu wecken. Die bloße Lektüre des Briefes dagegen war hierfür nicht ausreichend, denn Stefan musste unmittelbar mit und vor seinen eigenen Augen sehen, wie Schrift entsteht, um Erinnerungen an Lisa Berndle wieder lebendig werden zu lassen. Indem John ihren Namen aufgeschrieben hat, hat er somit maßgeblich dazu beigetragen, dass Stefan wieder dazu in der Lage ist, sich ihren Namen, ihr Gesicht und ebenso ihre gemeinsam verbrachte Zeit erneut ins Gedächtnis rufen zu können – er hat sie auf diese Weise folglich endgültig für seinen Arbeitgeber individualisiert.

[...]


[1] Hans J. Wulff: Scriptura cinematographica. Das Feld der Beziehungen zwischen Schrift, Schreiben und Film – eine texttheoretische Etüde. In: Scriptura cinematographica. Texttheorie der Schrift in audiovisuellen

Medien. Hg. von Hans-Edwin Friedrich und Ders. Trier 2013, S. 16.

[2] Lester H. Hunt: The Paradox of the Unknown Lover. A Reading of Letter from an Unknown Woman. In: Journal of Aesthetics and Art Criticism 64 (2006) H. 1, S. 62.

[3] Vgl.: Hans J. Wulff: Scriptura cinematographica. Das Feld der Beziehungen zwischen Schrift, Schreiben und Film – eine texttheoretische Etüde. In: Scriptura cinematographica. Texttheorie der Schrift in audiovisuellen Medien. Hg. von Hans-Edwin Friedrich und Ders. Trier 2013, S. 5.

[4] Ebd., S. 9.

[5] Vgl.: Lester H. Hunt: The Paradox of the Unknown Lover. A Reading of Letter from an Unknown Woman. In: Journal of Aesthetics and Art Criticism 64 (2006) H. 1, S. 62.

[6] Vgl.: Clara Rowland: Deliveries of Absence. Epistolary Structures in Classical Cinema. In: The Writer on Film. Screening Literary Authorship. Hg. von Judith Buchanan. New York 2013, S. 200.

[7] Yi Zhang: Der Film als neues Medium und besondere Formen der Rezeption. Zwei Verfilmungen von Stefan Zweigs Erzählung “Brief einer Unbekannten“. In: Literaturstraße. Chinesisch-deutsches Jahrbuch für Sprache, Literatur und Kultur 8 (2007) S. 237.

[8] George Wilson: Max Ophuls‘ Letter from an Unknown Woman. In: MLN 98 (1983) H. 5, S. 1122.

[9] Vgl.: Ebd.

[10] Ebd.

[11] Ebd., S. 1139.

[12] Vgl.: Robin Wood: Personal Views. Exploration in Film. Detroit 2006, S. 158.

[13] Vgl.: Ebd., S. 159.

[14] Hans J. Wulff: Scriptura cinematographica. Das Feld der Beziehungen zwischen Schrift, Schreiben und Film – eine texttheoretische Etüde. In: Scriptura cinematographica. Texttheorie der Schrift in audiovisuellen Medien. Hg. von Hans-Edwin Friedrich und Ders. Trier 2013, S. 11.

[15] Vgl.: Screenshot 1 im Anhang.

[16] Vgl.: Lester H. Hunt: The Paradox of the Unknown Lover. A Reading of Letter from an Unknown Woman. In: Journal of Aesthetics and Art Criticism 64 (2006) H. 1, S. 59.

[17] Vgl.: George Wilson: Max Ophuls‘ Letter from an Unknown Woman. In: MLN 98 (1983) H. 5, S. 1125.

[18] Clara Rowland: Deliveries of Absence. Epistolary Structures in Classical Cinema. In: The Writer on Film. Screening Literary Authorship. Hg. von Judith Buchanan. New York 2013, S. 198.

[19] Vgl.: Lester H. Hunt: The Paradox of the Unknown Lover. A Reading of Letter from an Unknown Woman. In: Journal of Aesthetics and Art Criticism 64 (2006) H. 1, S. 61-62.

[20] Vgl.: Jin Yang: “Mein zu Dir hinflüchtender Schmerz“. Zum Motiv des Liebesbriefes in Stefan Zweigs Novelle “Brief einer Unbekannten“. In: Aktualität und Beliebtheit. Neue Forschung und Rezeption von Stefan Zweig im internationalen Blickwinkel. Hg. von Zhang Yi und Mark H. Gelber. Würzburg 2015, S. 151.

[21] Vgl.: Ebd.

[22] Vgl.: Screenshot 2 im Anhang.

[23] Vgl.: Screenshot 3 im Anhang.

[24] George Wilson: Max Ophuls‘ Letter from an Unknown Woman. In: MLN 98 (1983) H. 5, S. 1128.

[25] Ebd., S. 1139.

[26] Vgl.: Screenshot 4 im Anhang.

Details

Seiten
29
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668719675
ISBN (Buch)
9783668719682
Dateigröße
708 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424279
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,0
Schlagworte
ophüls‘ film letter unknown woman exemplarische handlungsdarstellung

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