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Chinesisch-Römische Kontakte. Warenaustausch, Begegnungen und gegenseitige Darstellung

Bachelorarbeit 2016 43 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Altertum

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Quellen
2.1. Die griechisch-römischen Quellen
2.2. Die chinesischen Quellen
2.3. Der Archäologische Befund

3. Der Handel
3.1. Die Waren
3.2. Die Routen

4. Mythen und Seemannsgarn
4.1. Von blonden Äthiopiern
4.2. Von feuerspeienden Riesen

5. Sonstige Kontakte
5.1. Die Schlacht von Carrhae und die „Fischschuppen-Krieger“
5.2. Die Mission von Gan Ying
5.3. Die „Antun“-Gesandtschaft
5.4. Spätantike Kontakte

6. Was John Cusack und Jackie Chan verband

7. Quellenverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

9. Abbildungsverzeichnis

10. Abbildungen

1. Einleitung

Der Kommandeur der Wildgänse-Festung an der westlichen Grenze des Han-Reichs kann sich ein Lachen nicht verkneifen, als Huo An, der ehrenhafte Anführer der Schutztruppe vor ihm steht. Ihm und seinen Soldaten wird Goldschmuggel vorgeworfen, ein Missverständnis oder gar Intrige wie Huo An (der eine erstaunliche Ähnlichkeit mit dem Schauspieler Jackie Chan aufweist) versichert. Doch der Kommandeur will davon nichts hören. Als er seine Gefangenen gerade zur Strafarbeit schickt, erhält er Nachricht von einer Armee, die auf die Wildgänse-Festung hinmarschiert. Er ist sich sicher, dass es sich um einen der örtlichen Nomadenstämme handeln muss, doch Huo An, der ebenfalls mit dem Kommandeur zur Mauer geeilt ist, merkt an, dass die anrückenden Soldaten schwer gepanzert und bis an die Zähne bewaffnet sind. Zudem marschieren sie unter einem unbekannten Banner, ein goldener Adler auf roter Flagge, dazu völlig unbekannte Schriftzeichen: „ROMA“. Die Anwesenden können sich keinen Reim auf die Herkunft der Fremden machen, doch eine Konfrontation scheint unvermeidlich.

Diese Szene beschreibt das erste Aufeinandertreffen einer römischen Legion mit chinesischen Truppen in dem Film „Dragon Blade“[1]. Auch wenn die Geschichte laut Aussage des Filmteams auf wahren Ereignissen basiert, ist sie nach heutigem Stand der Forschung vollkommen fiktional. Dennoch ist sie faszinierend, denn sie beschreibt die römische Kultur aus der Sicht des Reichs der Mitte. Der Film zeigt, dass das Römische Reich nicht nur auf unseren westlichen Kulturkreis eine Faszination ausübt.

Umgekehrt ist ein Hang zur Sinophilie im westlichen Kulturkreis seit der Frühen Neuzeit erkennbar, als die Vordenker der Aufklärung sich mit den Übersetzungen der Werke Konfuzius‘ vertraut machten. Vielleicht kann man sogar schon in die Zeit Marco Polos zurückkehren, dessen Reisebericht ein mittelalterlicher Bestseller war und der dafür sorgte, dass chinesische Produkte auf den europäischen Märkten wieder heiß begehrt waren. Doch man kann sogar noch weiter in der Zeit zurückgehen und entdeckt, dass bereits in der Antike das andere Ende der Welt für fantasiereiche Spekulationen sorgte. Zu dieser Zeit war das geheimnisvolle Reich, das noch jenseits von Indien lag, vor allem für seine Seide bekannt. Daher wurde es zumeist als Seres, als Land der Seide bezeichnet.

Auch die chinesische Faszination für Rom, begann nicht erst mit Daniel Lees Film. Antike chinesische Quellen wie das Hou-Han-Shu, die Chronik der westlichen Regionen, erwähnen ein Reich namens Da-Qin [2], was als „Großes China“ übersetzt werden kann.[3] Die Moderne Forschung vermutet, dass es sich bei Seres um das nördliche China handelt, während Da-Qin wohl das Römische Reich meint.

Die Übersetzung der in den chinesischen Quellen erwähnten Namen bleibt jedoch bis heute ein großer Streitpunkt. An unterschiedlichen Stellen werden verschiedene Reiche genannt, die im Westen liegen sollen, doch die Angaben über ihre genaue Position und Entfernung sind oft nur vage. Gleichzeitig sind die griechisch-römischen Quellen auch von Verwechslungen und Fehlkalkulationen geprägt. So berichten die römischen Quellen häufig von 2 verschiedenen Reichen, die jedoch beide deckungsgleich sein können. Neben dem bereits erwähnten Seres, wird auch Thinae, beziehungsweise Sinae erwähnt, welches nur per Schiff erreicht werden könne.

Mit diesen Streitfragen beschäftigen sich die historische Forschung und die Sinologie nun bereits seit dem 19. Jahrhundert. Einer der ersten, der sich sowohl mit den griechisch-römischen als auch chinesischen Quellen auseinandersetzte war der schottische Orientexperte Sir Henry Yule dessen Werk Cathay and the Way Thither von 1866 bis heute als umfassende Zusammenstellung zahlloser Schriftquellen zum kulturellen Austausch auf der Seidenstraße genutzt werden kann. 1885 erschien mit Friedrich Hirths China and the Roman Orient ein weiteres Werk, welches bis heute Gültigkeit besitzt. Auch der amerikanische Antiquar Wilfred H. Schoff beschäftigte sich Anfang des 20. Jahrhunderts ausgiebig mit dem Handel zwischen Rom und China. In den 40ern kam durch die Forschung des Sinologen Homer H. Dubs die Theorie auf, römische Soldaten könnten nach der Schlacht von Carrhae bis nach China gelangt sein. Und in den 50ern und 70ern erschienen immer wieder Doktorarbeiten, wie Samuel Liebermans Contact between Rome and China und wissenschaftliche Aufsätze, wie John Thorleys The Silk Trade between China and the Roman Empire, die sich mit dem Handel und Kontakt zwischen China und Rom beschäftigten.

Im Jahr 1996 erschien D.D. Leslies und K.H.J. Gardiners umfassendes Werk The Roman Empire in Chinese Sources, welches in erster Linie Yules und Hirths Arbeit ergänzen und korrigieren sollte, ein Vorhaben was auch teilweise auf Kritik stieß, wie zum Beispiel durch Edward G. Pulleyblank. Der neuste Stand der Forschung wird durch John E. Hills neue kommentierte Übersetzung des Hou-Han-Shu und Raoul McLaughlins Monographie Rome and the Distant East komplettiert. Auffallend an dieser Aufzählung ist der starke Einfluss des englischen Sprachraums. Es haben sich zwar auch vereinzelt französische, deutsche, japanische und chinesische Forscher mit dem Thema befasst, dennoch scheint die Erforschung der antiken Seidenstraße vor allem das Interessensgebiet amerikanischer und britischer Sinologen gewesen zu sein, weshalb eine Überrepräsentation englischer Fachliteratur in dieser Arbeit unvermeidlich ist.

Was alle diese Autoren gemeinsam haben ist der Wunsch mögliche Kontakte zwischen den mächtigen Reichen an beiden Enden der Seidenstraße aufzudecken. Was verband Römer und Chinesen? Setzten römische Gesandte, Händler oder Soldaten jemals Fuß auf chinesischen Boden, oder drangen Chinesen je ins Gebiet der Römer vor? Und welches Bild hatten diese Völker vom jeweils anderen? Diesen Fragen soll in dieser Arbeit nachgegangen werden. Dabei wird der Handel auf der Seidenstraße beleuchtet, die Quellen nach möglichen Aufeinandertreffen durchsucht und die gegenseitige Darstellung analysiert. Doch zunächst sollten wir einen Blick auf die Quellenlage werfen.

2. Die Quellen

2.1. Die griechisch-römischen Quellen

Entgegen des Titels soll sich das Kapitel nicht ausschließlich mit den griechisch-römischen Quellen befassen, sie sind allerdings das Hauptaugenmerk. Ziel ist es herauszufinden ob es sich bei den in den Quellen genannten Reichen tatsächlich um das antike China handeln kann.

Es lassen sich bereits vor der klassischen Geschichtsschreibung Hinweise auf Kontakte zwischen dem chinesischen Volk und den Mittelmeerkulturen finden. So berichtet der alttestamentarische Prophet Jesaja über die Wiederherstellung Zions, dass dessen Weiden und Quellen Völker aus aller Welt anlocken werden. „Seht her: Sie kommen von fern, die einen von Norden und Westen, andere aus dem Land der Siniter.“[4] Diese Siniter sind laut Yule durchaus als Chinesen zu identifizieren, da sie in Kontrast zu den Völkern aus dem Norden und Westen gestellt werden, daher im Süden und Osten zu verorten sind.[5] Interessant ist hierbei das Alter der Quelle, welches generell im 8. bis 7. Jahrhundert vor Christus vermutet wird, auf Grund der Nennung des Assyrischen Reichs. Sollte es sich bei den Sinitern tatsächlich um Chinesen halten, kann der Name „China“ nicht wie lange vermutet, auf die Qin-Dynastie zurückgeführt werden, da diese erst im 3. Jahrhundert vor Christus an Bedeutung gewann. Yule schlussfolgerte daraus, dass der Ursprung des westlichen Namens für das Reich der Mitte in dem Sanskrit-Wort Cina („Fremde“) zu finden ist. Der Begriff sei durch mehrere Sprachen gewandert, bis er sich schließlich als Siniter im Alten Testament wiederfindet.[6] Natürlich ist die Verbindung zwischen Sinitern, Cina und China immer noch zu vage um eine Kenntnis von Chinesen zu belegen.

Abseits der Nennung eines Reiches, welches im Osten liegt, erfahren wir jedoch nicht mehr über die Siniter. Auch die die ersten griechischen Quellen sind wenig präzise. Ctesias Indica aus dem 5. Jahrhundert wäre die chronologisch frühste Quelle aus dem griechischen Raum, welche ein Reich namens Seres erwähnt, der Text gilt jedoch als Fälschung.[7] Ebenfalls aus dem 5. Jh. v. Chr. stammen erste Erwähnungen eines Produktes, welches als Seide gedeutet werden kann, in einem der Werke Pherecrates‘, Samuel Lieberman geht allerdings davon aus, dass es sich um einen anderen Stoff handeln muss.[8]

Die ersten sicheren Quellen stammen alle aus dem 1. Jh. v. Chr. Es handelt sich um Strabons Geographie, welche erwähnt, dass das Reich der Baktrier an Seres grenze,[9] sowie einige Erwähnungen in der Dichtung der augusteischen Zeit, in erster Linie in Vergils Georgica und Horaz‘ Oden. Erster preist „das zarte Gespinst von dem Laubabkämme der Serer“[10], verweist also eindeutig auf einen Zusammenhang zwischen Seres und Seide, letzterer warnt vor Baktriern und Serern als potentiellen Feinden Roms.[11] Doch auch zu diesem Zeitpunkt sind die Beschreibungen noch vage und wenig aufschlussreich. Ein Herauskämmen eines Stoffes aus Laub, wie von Vergil beschrieben, erinnert eher an Baumwolle, da Seide ein tierisches Produkt ist.

Die erste verlässliche Beschreibung der Serer und der von ihnen hergestellten Seide findet sich in Plinius‘ Naturgeschichte aus dem 1. Jh. n. Chr. Er beschreibt das Land Seres als hinter einer Bergkette namens Tabis (der Himalaya?) liegend (siehe Abbildung 1). Die Serer seien vor allem für ihre feine Wolle bekannt, welche sie aus den Bäumen herauskämmten. Das Verwerten des aus den Bäumen gewonnen Stoffes beschreibt Plinius als aufwendig, was wohl die hohen Kosten des Imports erklären soll. Weiter führt er an, die Serer seien gutartig, doch lebten sie zurückgezogen und bevorzugten es keinen Kontakt zur Außenwelt zu pflegen. Dennoch seien sie offen für den Warenaustausch.[12]

Plinius‘, sowie auch Vergils Beschreibung der Gewinnung des von den Serern exportierten Stoffes lässt auf Baumwolle schließen, dennoch waren Seidengewänder ein Luxusgut, welches im Mittelmeerraum um Christi Geburt bereits von den Eliten genutzt wurde. Man kann also schlussfolgern, dass die Methode mit der Seide gewonnen wurde weder den Römern noch Griechen bekannt war, weswegen sie vielleicht mit der Baumwollherstellung verwechselt werden konnte. Die Beschreibung als gutartig, doch zurückgezogen kann eventuell auf das stereotype konfuzianische China angewendet werden.[13] Plinius beschreibt auch eine Gesandtschaft von der Insel Taprobane, welche die Forschung als Sri Lanka identifiziert, die zur Zeit der Herrschaft des Claudius in Rom eingetroffen sei. Diese Gesandten versuchten den Römern die Geografie ihrer Heimat nahe zu bringen, wobei sie sich zwischen den Küsten Indiens und Seres verorteten.[14]

Sollte es sich bei Taprobane tatsächlich um Sri Lanka handeln, wäre dies ein weiteres Indiz dafür, dass Seres tatsächlich das Han-Reich darstellt. Dagegen spricht allerdings, dass die Serer im selben Kapitel auch als flachsblond und blauäugig beschrieben werden. Darüber hinaus sprächen sie keinerlei eigene Sprache untereinander.[15] Lieberman schlägt vor den Begriff der Serer nicht nur für ethnische Chinesen, sondern auch für deren Vasallen zu benutzen, ähnlich wie Syrer in den chinesischen Quellen schlichtweg als Römer bezeichnet werden. Er vermutet, es könnte sich bei den Blonden Serern um die Saken handeln, ein indoeuropäisches Volk, das zu diesem Zeitpunkt wohl unter die Herrschaft der Han geraten war.[16]

Ein weiterer detaillierter Bericht über die Reiche im fernen Osten ist das Periplus Maris Erythraei, welches ebenfalls aus dem 1. Jh. n. Chr. stammt. Der unbekannte Verfasser stammte wohl aus Ägypten und beschrieb die Handelsrouten nach Arabien, Indien, Sri Lanka und Indochina. Besonders interessant ist hierbei, dass er die meisten dieser Orte sogar selbst besucht hatte. Leider gehörte Seres selbst nicht zu seinen Reisezielen, daher sind auch hier wieder lediglich Informationen aus zweiter Hand zu finden. Der Autor beschreibt eine Stadt namens Thina, die Ausgangspunkt des Seidenhandels Richtung Baktrien war. Es sei äußerst schwierig nach Thina zu gelangen und nur wenige kämen von dort.[17] Jedes Jahr erscheint das Volk der Sêsatai, die als klein und mit flachen Gesichtern beschrieben werden, mit grünen Matten voller weißen Stoffes vor den Toren der Stadt. Sie feiern anschließend ein mehrtägiges Fest und ziehen dann wieder von dannen. Die Einwohner Thinas verarbeiten danach den weißen Stoff zu Kugeln, die nach Indien transportiert werden.[18]

Auch wenn die Beschreibung etwas kryptisch wirkt, kann man in den Sêsatai, eine Gruppe erkennen, deren Physis eher mit Ostasiaten übereinstimmt. Der weiße Stoff aus den Matten könnte rohe Seide sein, die von den Bewohnern Thinas für den Transport weiterverarbeitet wird. Zudem weist der Name „ Thina “ eine unübersehbare Ähnlichkeit mit dem heutigen Begriff „China“ auf. Da die Seefahrer über Indien nach Südchina kamen, ist nicht auszuschließen, dass sie einen indischen Begriff für das chinesische Reich verwendeten, welcher, wie bereits von Yule vermutet von dem Sanskrit-Wort Cina abgeleitet sein könnte. Unter antiken Geschichtsschreibern erhielt das Periplus leider kaum Aufmerksamkeit. Raoul McLaughlin vermutet eine gewisse Voreingenommenheit der Bildungseliten gegenüber einfachen Händlern.[19]

Die chronologisch nächste Nennung Seres stammt von Florus, der schreibt Augustus Siege seien so groß gewesen, dass zahlreiche Völker Gesandtschaften mit Geschenken schickten, „sogar die Serer.“[20] Da er jedoch weiter schreibt, sie hätten dieselbe Hautfarbe wie die mit ihnen gereisten Inder, muss man seinen Bericht anzweifeln. Eine weitere ausführliche Beschreibung Ostasiens findet sich in Claudius Ptolemäus Geografie. Seine Angaben basieren auf den Berichten von Marinos von Tyros, welcher wiederum die Aussagen eines Händlers niederschrieb. Mit Hilfe dieser Angaben versuchte Ptolemäus die Größe und Beschaffenheit Asiens zu ermitteln (siehe Abbildung 2). Er ignorierte dabei allerdings die Tatsache, dass Indien eine Halbinsel ist, wodurch alle Länder östlich von Indien nach Norden verzerrt wurden.[21]

Dennoch ist Ptolemäus‘ Werk eine der wichtigsten Quellen über die römischen Kenntnisse von China. So beschreibt er mehrere chinesische Städte, unter anderem Sera Metropolis [22] im Norden und Thinae [23] im Süden. Er ordnet allerdings beide Städte noch verschiedenen Reichen zu, den nördlichen Serern und Sinae im Süden. Da sie über verschiedene Handelsrouten erreichbar waren und die Kultur Ostturkestans sich schon in der Antike stark von Südchina unterschied, ist dies auch nicht weiter verwunderlich. Ein Chinese hätte, basierend auf Berichten von Händlern, Gallien und Ägypten wohl auch nicht als Teile desselben Reiches erkannt.

Ende des 2. Jh. n. Chr. vermutet Pausanias das Land Seres auf einer Insel im Roten Meer. Er führt weiter an, dass das Rote Meer kein Meer sei, sondern ein Fluss namens Ser, in dessen Delta Seres liege, ähnlich wie Ägypten im Nildelta liegt. Zudem handle es sich bei den Serern um Äthiopier.[24] Auch Heliodor vermutet die Serer dort in der Nähe, denn er schreibt „die Gesandten der Serer […] brachten zwei Kleider aus spinnwebfeinem, einheimischen Stoff“ für den König Äthiopiens.[25] Dies muss jedoch nicht bedeuten, dass die Serer tatsächlich afrikanischen Ursprungs sind. Eher wahrscheinlich ist, dass die griechisch-römische Welt eine Landverbindung zwischen dem Horn von Afrika und Südostasien vermutete. Dies wird durch Vergil bestätigt, der den Ursprung des Nils in Indien sah.[26]

Weitere Autoren erwähnen Seres über die Jahrhunderte in ihren Werken, doch meist stützen sie sich erkennbar auf Plinius und Ptolemäus sowie Ammianus Marcellinus, der auch die Große Mauer beschrieb.[27] Erst in der Spätantike erhalten wir von Prokop neue Informationen, denn er berichtet von einem Seidenraupeneier-Diebstahl, während der Herrschaft Justinians.[28] Zu diesem Zeitpunkt haben die Römer also bereits genaues Wissen über die Herkunft der Seide und die Möglichkeit Missionare (und als solche getarnte Schmuggler) nach China zu entsenden.

Insgesamt betrachtet sind die Erkenntnisse der Römer und Griechen über Seres oft sehr ungenau und widersprüchlich, daher sollte man davon ausgehen, dass der Name zunächst ein Sammelbegriff für die Völker Zentral- und Ostasiens war, die am Seidenhandel beteiligt waren. Erst als nach und nach mehr Informationen die Gelehrten des Mittelmeerraums erreichten, wurde der Begriff tatsächlich auf China angewandt. Das südliche Sinae ist wohl auch nicht unbedingt nur China, es schließt wahrscheinlich Indochina mit ein. Der chinesische Begriff Da-Qin ist leider ähnlich zweideutig.

2.2. Die chinesischen Quellen

Die Quellen von chinesischer Seite sind leider weniger zahlreich als die griechisch-römischen, basieren meist auf dem gleichen Ursprungstext und sind zudem etwas offener für Interpretation. Auf Grund mangelnder Altchinesisch-Kenntnisse des Autors wird sich diese Arbeit auf die akribischen Übersetzungen verschiedener Sinologen stützen. Das Problem das sich hierbei ergibt, liegt darin, dass sich die Übersetzer uneinig über die Bedeutung von vielen Eigennamen sind.

Die relevanten Texte, auf deren Inhalt in den folgenden Kapiteln genauer eingegangen werden soll, sind fast alle Chroniken der herrschenden Dynastien, wobei die Chroniken des Han-Reichs wegen der zur ihrer Herrschaftszeit stattfindenden „goldenen Zeit“ des Seidenhandels, die bedeutendsten sind. Laut Friedrich Hirth sind diese Texte meistens in drei Teile geteilt: das ti-chi (die Kaiserannalen), das chih (statistische Erhebungen) und das (lieh -) chuan (bio- und ethnografische Notizen).[29] Für die Erforschung der chinesischen Kenntnisse über Rom sind demnach die letzteren Teile am wichtigsten. Die ersten Chroniken, die sich mit dem Westen befassen stammen aus dem 1. Jh. v. Chr., sie nennen aber das römische Reich noch nicht. Es wird allerdings Lijian [30] erwähnt, welches von Leslie und Gardiner als Syrien beziehungsweise als Seleukiden-Reich identifiziert wird.[31] Sie stützen sich hierbei auf die Aussage, dass Lijian tausende Li [32] westlich von An-hsi [33] liegt. Edwin Pulleyblank hält diesen Schluss jedoch für voreilig, da die Beschreibung Lijians viel zu vage ist.[34]

Die erste Erwähnung Da-Qins findet sich in der Chronik der westlichen Regionen, dem Hou-Han-Shu.[35] Dieses Werk wurde über mehrere Hundert Jahre verfasst. Es begann als Han-Shu im 1. Jh. n. Chr. und wurde erst im 5. Jh. n. Chr., zur Zeit der (Liu-)Song Dynastie[36], als Hou-Han-Shu fertiggestellt. Auffällig ist, dass der Bericht über Da-Qin erst in den späteren Versionen der Chronik erscheint. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass sich der Bericht bereits in früheren Versionen befand, die nicht erhalten sind.

Der Text beinhaltet eine kurze Beschreibung Da-Qins, welches auch Lijian [37] genannt wird, seiner Lage sowie eine Verortung der Hauptstadt und Regierungsform. Es wird von einem König berichtet, dem 36 Generäle als Berater zur Seite stehen. Allerdings scheint es sich bei Da-Qin nicht um eine Erbmonarchie zu handeln, da der Würdigste zum König gewählt wird und diesen Posten verlässt, wenn er nicht mehr als geeignet erscheint. Ansonsten seien die Bürger Da-Qins wie die Bewohner des Reichs der Mitte nur sehr viel größer. Besonderes Interesse zeigen die Autoren des Hou-Han-Shu auch an den Produkten Da-Qins, die ausführlich aufgelistet werden, wobei Edelmetalle, Elfenbein, Korallen, Bernstein, Glas und auch Seide hervorgehoben werden.[38]

In etwa derselben Zeitspanne entstand auch das Hou-Han-Chi, ein Text der größtenteils deckungsgleich mit dem Hou-Han-Shu ist, da beide auf dem Han-Shu basieren. Die beiden Chroniken unterscheiden sich jedoch in einigen Details. So vermutet das Hou-Han-Chi das Reich Da-Qin südlich von An-hsi [39], während das Hou-Han-Shu es westlich des Partherreichs verortet.

Eine weitere ausführliche Beschreibung Da-Qins findet sich im Wei-Lüeh, der im 3. Jh. n. Chr. entstandenen Chronik des Wei-Reiches, einer der drei Nachfolgerstaaten des untergegangenen Han-Reichs. Viele der Passagen des Wei-Lüeh sind direkt aus dem Hou-Han-Shu übernommen, so stimmen etwa die geografischen Angaben über die Lage Da-Qins überein. Es bietet jedoch einige neue Details, die in den älteren Texten nicht enthalten sind und korrigiert Fehler vorheriger Autoren. So soll sich das Reich weiter westlich befinden als zuvor angenommen, an dem Ort, an dem die Sonne untergeht.[40]

Aus dem 4. Jh. n. Chr. stammen die fünf Sogdischen Briefe, die eine weitere elementare Quelle darstellen. Bei ihnen handelt es sich zwar nicht um chinesische Texte, doch einige von ihnen geben Einblick in den Handel auf der Seidenstraße und beweisen, dass chinesische Waren den römischen Markt erreicht haben.[41] Vermutlich ebenfalls aus diesem Zeitraum ist das Nan-Fang Ts’ao-Mu-Chuang, welches verschiedene Tribute aus Da-Qin beschreibt.[42] Es könnte sich bei diesem Text jedoch um eine Fälschung aus der Song-Dynastie handeln.

Die meisten Texte aus der Jin-Dynastie sind nur noch fragmentarisch erhalten. Stellen die Da-Qin erwähnten sind zum größten Teil verloren. Eine der wenigen verbliebenen Quellen aus dieser Zeit ist das Chin-Shu, welches sich, wie die meisten Chroniken zuvor auf das Hou-Han-Shu stützt. Doch ähnlich wie im Wei-Lüeh gibt es neue Passagen, zum Beispiel über den Seehandel nach Westen.[43] Nach dem Fall der Jin, war China zerteilt in viele kleine Reiche, die meisten fertigten ihre eigenen Chroniken an. Einige dieser Texte erwähnen Da-Qin, so zum Beispiel das Wei-Shu aus dem 6. Jh. n. Chr[44] und Liang-Shu aus dem 7. Jh. n. Chr.[45]

Die letzten ausführlichen Berichte über Da-Qin, welches inzwischen auch als Fu-lin [46] bezeichnet wird, stammen aus der Tang-Dysnatie, also dem 7. bis 10. Jh. n. Chr. Unter diesen Chroniken ist das Tung-Tien, die am besten erhaltene. Auch hier finden sich einige neue Informationen über die Produkte und Nutztiere Da-Qins.[47]

[...]


[1] Daniel Lee, Dragon Blade, Splendid Film, China/Hong Kong 2015.

[2] Häufig auch als Ta-Ch’in romanisiert.

[3] John E. Hill, Through the Jade Gate to Rome, A Study of the Silk Routes during the Later Han Dynasty 1st to 2nd Centuries CE, Charleston 2009, S.23.

[4] Jes. 49, 12. Eventuell gleichzusetzen mit den in Gen. 10,17 erwähnten Sinitern.

[5] Henry Yule, Cathay and the Way Thither, A Collection of Medieval Notices of China, Vol. I, Nendeln/Liechtenstein 1967, S. 10.

[6] Yule; Cathay Vol. I, S. 3.

[7] Donald D. Leslie/Kenneth H.J. Gardiner, The Roman Empire in Chinese Sources, Rom 1996, S. 121.

[8] Samuel Lieberman, Contact between Rome and China, Ann Arbor/London 1980, S.1 – 2.

[9] Strab. 11,11,1.

[10] Verg. georg. 2,121.

[11] Hor. c. 3,29,27.

[12] Plin. nat. 6,20.

[13] Wobei das Han-Reich natürlich ähnlich kriegerisch Vorging wie das Römische Reich.

[14] Plin. nat. 6,24. Allerdings wäre die serische Küste hier eher Indochina. Das Gebiet lag allerdings im Einflussbereich der Han.

[15] Ebd.

[16] Lieberman, Contact between Rome and China, S. 120.

[17] Vergleich: Plinius‘ Beschreibung der zurückgezogenen Serer.

[18] Peripl. m. r. 64 – 65.

[19] Raoul McLaughlin, Rome and the Distant East, Trade Routes to the Ancient Lands of Arabia, India and China, London 2010, S. 10.

[20] Flor. 2,34,62.

[21] McLaughlin, Rome and the Distant East, S. 14.

[22] Ptol. geogr. 6,16,8.

[23] Ptol. geogr. 7,3,6.

[24] Paus. 6,26,8 – 9.

[25] Heliodor, Aithiopika, 10,25.

[26] Verg. georg. 4,292 – 293.

[27] Amm. 23,6,64.

[28] Prok. BG. 4,17.

[29] Friedrich Hirth, China and the Roman Orient: Researches into their Ancient and Mediaeval Relations as Represtented in Old Chinese Records, Leipzig/München 1885, S. 33.

[30] Auch als Li-kan romanisiert.

[31] Shih-Chi 123 a, in Leslie/Gardiner, Rome in Chinese Sources, S. 34.

[32] Traditionelles chinesisches Längenmaß, entspricht circa 450 – 650 Meter.

[33] An-hsi wurde durch andere Quellen eindeutig als das Partherreich identifiziert.

[34] Edwin G. Pulleyblank, The Roman Empire as known to Han China, in: Journal of the American Oriental Society Vol. 119, No.1 (1999), S.75.

[35] Hou-Han-Shu, Section 11 – The Kingdom of Da Qin, in Hill, Through the Jade Gate, S. 23.

[36] Hirth, China and Rome, S. 3.

[37] Man kann vermuten, dass Lijian hier den östlichen Teil des Römischen Reiches meint.

[38] Hou-Han-Shu, Section 12 – The Products of Da Qin, in Hill, S. 25 – 27.

[39] Hou-Han-Chi 15 d, in Leslie/Gardiner, Rome in Chinese Sources, S. 59.

[40] Wei-Lüeh b - c, in Leslie/Gardiner, S. 67.

[41] McLaughlin, S. 20.

[42] Nan-Fang Ts’ao-Mu-Chuang, in Leslie/Gardiner, S. 88.

[43] Chin-Shu 97, in Leslie/Gardiner, S. 81.

[44] Wei-Shu 102, in Leslie/Gardiner, S. 101.

[45] Liang-Shu 54, in Leslie/Gardiner, S. 100.

[46] Wird in der Regel als Byzantinisches Reich gedeutet.

[47] Tung-Tien 193 a, in Leslie/Gardiner, S. 109.

Details

Seiten
43
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668698437
ISBN (Buch)
9783668698444
Dateigröße
6.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424262
Institution / Hochschule
Universität Mannheim – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Römisches Reich Han-China Handel Diplomatie Ausstausch Kultur

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