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Okzitanisch im Vielsprachenland Frankreich

Die Situation der französischen Regionalsprachen unter Einfluss der Sprachenpolitik Frankreichs

Bachelorarbeit 2016 45 Seiten

Französisch - Pädagogik, Didaktik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Die Regionalsprachen Frankreichs
2.1. Geographische Sprachgliederung
2.2. Sprachenvielfalt Frankreichs

3. Die Sprachgesetzgebung und Sprachenpolitik im französischen Raum
3.1. Sprachpolitische Maßnahmen in der Vergangenheit bis in die Gegenwart
3.2. Die Europäische Charta der Regional-und Minderheitensprachen
3.3. Allgemeine Auswirkungen auf die französischen Regionalsprachen

4. Zur Situation des Okzitanischen
4.1. Der okzitanische Sprachraum
4.2. Sprachstruktur des Okzitanischen
4.3. Historische Charakterisierung
4.4. Der Status des Okzitanischen
4.5. Präsenz
4.5.1. Medien und Kultur
4.5.2. Musik und Literatur
4.5.3 Bildungswesen
4.5.4. Mündlicher und schriftlicher Gebrauch
4.6. Institutioneile und nicht-institutionelle Unterstützung

5. Fazit

6. Literatur

1. EINLEITUNG

Theoretisch heißt es in Artikel 2 der französischen Verfassung, dass Französisch die einzige Sprache der Republik sei.[1] Allerdings sieht die Realität anders aus. So könnte man Frankreich eher als ein Vielsprachenland bezeichnen, in dem man eine ausgeprägte Vielfalt an Minderheitensprachen und Dialekten vorfindet. Diese Kultur- und Sprachenlandschaft steht nunmehr einer Nation indivisible[2] gegenüber, welche auf ihre Einheit auch im Sinne von Einheitlichkeit beharrt. Auch in Bezug auf Sprachenpolitik und Gesetzgebung ist Frankreich traditionell so ausgerichtet, dass es dementsprechend keine Zuordnung der Bürger zu sprachlichen Gruppen oder Minderheiten kennt. So versuchte man bereits im 16. Jahrhundert mit der ersten Sprachgesetzgebung das Französische als Sprache rund um die Île-de-France national zu stärken und zu etablieren. Gleichzeitig schwächte man damit die bestehenden Regionalsprachen, welche ihr als Konkurrenz gegenüberstanden. Durch Gründung der Académie française im Jahr 1635 erfuhr diese gesetzliche Regelung institutionelle Unterstützung, indem sie dem Französischen die Qualität einer Flochsprache zuschrieb, die es zu pflegen und zu etablieren galt. Mit der Französischen Revolution und der Entstehung einer französischen Nation wurde die Sprache als Mittel zur Stärkung des Staates gesehen, welches jedem Bürger Teilhabe an politischer Willensbildung ermöglichen sollte. Andere Sprachen wie Latein, aber auch die regionalen Sprachen des Landes, wurden dabei als Hindernis gesehen. Legislative Maßnahmen und Absichten sollten demnach die Nation als Einheit schützen, indem die französische Sprache verfestigt wurde. Regionale Sprachen fielen diesen Bestimmungen zum Opfer. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts und ihres sukzessiven Verschwindens wurden erste Forderungen hinsichtlich der Wiederbelebung regionaler Sprachen laut. Inzwischen hatte sich die französische Sprache so verfestigt, dass keine Regionalsprache mehr als Konkurrent angesehen wurde. So wurden erste sprachenpolitische Maßnahmen, auch in Bezug auf regionale Sprachen ergriffen, mit dem Ziel ״[...] d'abord défendre la langue française, ensuite protéger les langues régionales. Man war nun bereit nicht mehr nur die französische Sprache zu schützen und zu verteidigen, sondern nahm dabei auch die regionalen Sprachen ins Visier.

Ziel der Arbeit ist es zunächst die einzelnen Regionalsprachen Frankreichs und ihre wichtigsten Charakteristika herauszuarbeiten, anschließend darzustellen, welche sprachpolitischen Maßnahmen im Hinblick auf diese Sprachen in der Vergangenheit bis heute sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene ergriffen wurden und was deren Folgen waren und sind. Schließlich sollen Maßnahmen und ihre Auswirkungen am Beispiel des Okzitanischen und dessen heutige Situation näher dargelegt werden. Zuletzt soll berücksichtigt werden, inwieweit diese Situation verallgemeinert und auf alle betroffenen Regionalsprachen projiziert werden kann, um die gegenwärtige Situation im Ganzen zu verdeutlichen.[3]

2. DIE REGIONALSPRACHEN FRANKREICHS

Die vorhandenen Minderheitensprachen und Dialekte sind überwiegend lokal begrenzt, weshalb man sie als langues regionales bezeichnet und sie gewissermaßen einzelnen Regionen zuordnet. Die Nationalsprache hat ihnen gegenüber überregionale Gültigkeit. Vor allem das Französische als Nationalsprache zeichnet sich diesbezüglich durch ein höheres Prestige aus und wird sowohl politisch als auch kulturell als einzig offizielle Sprache Frankreichs akzeptiert. Das Zählen und Klassifizieren der zahlreichen Dialekte und Idiome stellt sich demgegenüber als eher schwierig heraus. Zu den Regionalsprachen, welche sich im Großen und Ganzen auf die Grenzregionen des Hexagons verteilen zählen Baskisch, Bretonisch, Elsässisch, Flämisch, Katalanisch und Okzitanisch.[4]

2.1 GEOGRAPHISCHE SPRACH GLIE DE RUN G

״Der Zusammenhang zwischen Sprache und geographischem Raum wird gemeinhin als Sprachraum oder Sprachgebiet [...] bezeichnet, ein durch Sprachgrenzen definiertes Gebiet, das eine Sprache «enthält».“[5] Somit unterteilte Dante bereits Anfang des 14. Jahrhunderts die romanischen Sprachen in zwei größere sprachliche Territorien: Die langues d’oïl im Norden Frankreichs und die langues d’oc im Süden. Benannt wurden die beiden Sprachgebiete nach der Art wie man dort oui, also ja ausspricht. Der Norden stand hierbei unter germanischem Einfluss, angelehnt an das Altfranzösische (altfranzösisch 0/7 « oui), aus dem das heutige Standartfranzösisch entstanden ist, wohingegen der Süden weiterhin die Nähe zum Latein beibehielt (lateinisch hoc ~ oui)[6] Auch wenn die beiden Bezeichnungen langues d’oc und langues d’oïl bis heute noch bekannt sind, reicht eine sprachgeographische Zweiteilung Frankreichs nicht mehr aus. Zugeordnet werden die sieben offiziell anerkannte Sprachen zunächst ganzen Regionen, wie Bretonisch der Bretagne oder Korsisch Korsika, diese gehen allerdings auch über politisch-administrative Grenzen hinaus. So können die

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sprachräume auch regionale Grenzen überschreiten, wie das Okzitanische, welches mehrere Departments verschiedener Regionen umfasst. Zuordnen lassen sie sich auch Teilgebieten innerhalb Grenzregionen zu einem Nachbarland, wo die Sprache ebenfalls praktiziert wird, wie Flämisch an der Grenze zu Belgien oder Katalanisch und Baskisch an der Grenze zu Spanien.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ABBILDUNG 1: DIE REGIONALSPRACHEN FRANKREICH.[7]

2.2. SPRACHENVIELFALT FRANKREICHS

Wie bereits im vorherigen Kapitel beschrieben, verteilen sich die sieben anerkannten Regionalsprachen Frankreichs auf die Grenzregionen innerhalb des Hexagons. Diese Sprachen sind allerdings nicht alle, wie das Französische, romanische Sprachen, sondern auch germanische und keltische Sprachvariationen. Das Baskische stellt zudem eine gesonderte, also nicht indoeuropäische Sprache dar. Genaue Angaben über die aktuellen Sprecherzahlen der einzelnen Regionalsprachen sind schwer zu treffen. In sprachwissenschaftlicher Literatur wird diesbezüglich darauf hingewiesen, dass Angaben über die Zahl der Sprecher oft wenig zuverlässig sind, da es an genauen Definitionen bezüglich Sprachkompetenzen mangelt. Cichon führt hierzu noch das Problem zwischen Sprachkenntnis und Aktivierung an, was bedeutet, dass einige ihre Kenntnisse nicht anwenden und bevorzugt Französisch sprechen. Außerdem differenziert er zwischen passiver und aktiver Kompetenz, da viele die Regionalsprache zwar verstehen, aber nicht selbst sprechen und noch weniger schreiben können und schließlich zwischen Primärsprechern und Sekundärsprechern, zwischen denjenigen, die die Sprache durch natürliche Sozialisation aus einer subjektiven Notwendigkeit erworben haben und denjenigen, die sich aufgrund persönlicher Wahl für den Erwerb der Sprache entschieden und diese in Schule, Universität oder Kursen erlernt haben.[8] Diesbezüglich weist Stein darauf hin, dass Angaben hinsichtlich der Sprecherzahl je nach Autor teilweise um mehr als das Dreifache schwanken.[9] Die folgenden Angaben dienen dennoch dazu sich ein grobes Bild hinsichtlich der sprachlichen Situation und der Verwendung der einzelnen Regionalsprachen zu machen. Angefangen im Westen, in der westlichen Hälfte der Bretagne, finden wir eine Sprache des Keltischen, nämlich das Bretonische. Die Sprache, welche von den Kelten nach Frankreich gebracht worden war, vermischte sich später mit dem Vulgärlatein, wodurch Wiederrum verschiedene Dialekte entstanden.

Zusammenfassend sprechen heute ca. 250.000 Personen, bei einer Bevölkerungszahl von ca. 1,5 Millionen Einwohnern, Bretonisch.[10] Im äußersten Norden, um Dunkerque herum, findet man mit Flämisch eine germanische Sprache. Diese ähnelt stark dem Niederländischen. Ihre Verwendung geht über die französische Nationalgrenze hinaus und wird ebenfalls im Westen Belgiens gesprochen. Die Sprache hat in Frankreich nur eine geringe geographische Ausdehnung, und wird somit nur von ca. 2% der Bevölkerung, sprich von ca. 30.000 Sprechern innerhalb dieses Sprachraums praktiziert.[11] Eine Regionalsprache derselben Sprachfamilie findet man weiter östlich im Eisass und in Teilen Lothringens an der Grenze zu Deutschland, nämlich Elsässisch. Sie gehört nach Okzitanisch und vor Bretonisch zu einer der Regionalsprachen Frankreich mit den meisten Sprechern. In den Departements Bas-Rhin und Flaut- Rhin ist die Sprache noch weit verbreitet, so kommunizieren etwa 900.000 von 1,7 Millionen Einwohnern in dieser Sprache.[12]

Auf dem französischen Festland finden wir im Süden die Regionalsprache mit der größten geographischen Ausdehnung, nämlich das Okzitanische. Als Synonym wird für diese romanische Sprache auch der Begriff la langue d’oc verwendet. Der okzitanische Sprachraum macht ca. V3 des französischen Territoriums aus und ist Wiederrum intern dialektal gegliedert. Insgesamt umfasst der okzitanische Sprachraum eine Sprecherzahl von etwa 2 Millionen der insgesamt ca. 14 Millionen Einwohnern.[13]

Eine weitere romanische Sprache stellt das Katalanische dar, dessen Verwendung innerhalb des südlichen Teils Frankreichs an der Grenze zu Spanien bzw. zu Nordkatalonien zu finden ist. Ihr Sprachgebiet ist das Departement Pyrénées- Orientales, wo es von ca. 189.000 Sprechern gesprochen wird.[14] Ebenso wie das Okzitanische und das Katalanische zählt auch das Korsische zu den romanischen Sprachen. Gesprochen wird die Sprache auf der Insel Korsika, wo sie insgesamt italienisch und, je nach Gebiet, toskanisch bzw. sardisch geprägt ist. Ihre Sprecherzahl umfasst ca. 160.000 Sprecher[15] von ca. 320.200 Bewohnern insgesamt.[16] Sie ist die Regionalsprache mit dem größten Anteil von Sprechern innerhalb einer Region.

Das Baskische, im Süden Frankreichs, genauer im Süden des okzitanischen Sprachgebietes, ebenfalls an der Grenze zu Spanien, ist eine gesonderte Sprache, da sie als sehr alte Sprache zu den nichtindoeuropäischen Sprachen gehört. Die Sprecherzahl in Frankreich umfasst ca. 67.000, demgegenüber praktizieren in Spanien ca. 775.000 die baskische Sprache.[17]

3. DIE SPRACHGESETZGEBUNG UND SPRACHENPOLITIK IM

FRANZÖSISCHEN RAUM

Betrachtet man den Fall Frankreich hinsichtlich seiner Sprachenpolitik respektive seines politischen Umgangs mit der Mehrsprachigkeit innerhalb der Republik, muss man sich wie bereits in der Einleitung erwähnt Artikel 2 der Französischen Verfassung aus dem Jahr 1992 vor Augen halten: ״La langue de la République est le français.“[18] [19] Somit wird klar, dass Frankreich nicht nur auf seine Einheit als Nation und auf seine Einheitlichkeit besteht, sondern auch auf seine Einsprachigkeit. Wichtig ist in diesem Hinblick auch die Maxime der égalité. Diese wird als Negation jeglicher Diversität angesehen. Gemeinschaften oder Gruppen, die sich durch besondere Eigenheiten unterscheiden, kann es auf französischem Territorium ebenso wenig geben wie Minderheiten. Diese Grundsätze bilden den 1 Q

Ausgangspunkt vieler politischer Entscheidungen.

3.1. SPRACHPOLITISCHE MAßNAHMEN IN DER VERGANGENHEIT BIS IN

DIE GEGENWART

Die französische Sprachenpolitik zeichnet sich durch ihre lange Tradition aus, die sich bis ins 16. Jahrhundert zurückführen lässt. Mit der Ordonnance de Vitters- Cotterêts lässt sich 1539 durch François I die erste Verordnung in Bezug auf die französische Sprache nennen. Der Gebrauch mehrerer Sprachen auf

französischem Gebiet, nämlich Latein, Französisch und die Regionalsprachen,

stellte sich immer mehr als Problem heraus. Zur Stärkung der politischen

Kontrolle, von Verwaltung und Justiz, ebenso wie zur Vermeidung von

sprachlichen Missverständnissen entschied man die französische Sprache als

alleinige Justiz- und Urkundensprache einzuführen, welche somit in vielen

juristischen Schriftstücken Latein ablöste:

Et pour ce que telles choses sont souvent advenues sur l'intelligence des mots latins contenus esdits arrests, nous voulons d'oresnavant que tous, arrests, ensemble toutes autres procédures, soient de nos cours souveraines et autres subalternes et inférieures, soient de registres, enquestes, contrats, commissions, sentences testaments, et autres quelconques, actes et exploicts de justice, ou qui en dépendent, soient prononcés, enregistrés et délivrés aux parties en langage maternel françois et non autrement.[20] [21]

Die Problematik um die Mehrsprachigkeit wurde schließlich während der Französischen Revolution nochmals aufgegriffen. So brachte beispielsweise Abbé Grégoire den Stein erneut ins Rollen, indem er Ergebnisse zu einer Umfrage hinsichtlich der sprachlichen Situation Frankreichs veröffentlichte. Viele Franzosen würden demnach ausschließlich patois oder Regionalsprachen sprechen und sich im Gegensatz dazu nicht auf Französisch unterhalten können und seien ebenso wenig dazu fähig, die Sprache zu lesen oder in der Sprache zu schreiben. Somit forderte er im Namen der Einheit der neuen französischen Gesellschaft den Kampf gegen alle nicht französischen Sprachen und gab Anlass die Sprachpolitik

Frankreichs neu zu überdenken.

So wurde man sich vor allem zur Zeit der französischen Revolution der sprachlichen Uneinheitlichkeit bewusst, was zudem die Werte liberté, égalité, fraternité in Frage stellte. Von nun an wurde gesellschaftliche Gleichheit mit sprachlicher gleichgesetzt. Nur durch sprachliche Gleichheit konnten die Bürger an der politischen Willensbildung teilhaben, die Nation eins sein und alle Bürger politischen Diskursen folgen. Folge war die sprachliche Uniformierung. Um das Französische als einzige Staatssprache zu etablieren, mussten die

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Regionalsprachen bekämpft werden. Diese Absicht setzte sich allerdings zunächst schwer durch. Dennoch verbreitete sich das Französische automatisch immer mehr von selbst und trat über den Militärdienst und revolutionäre Clubs und Komitees immer mehr in das Alltagsleben der Bürger ein.[22] [23] Erst mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht 1881 konnte sich das Französische ungebremst gegen die Regionalsprachen Frankreichs behaupten. So wurde an allen französischen Schulen Französisch unterrichtet. Die Ansicht setzte sich durch, dass Französisch dem sozialen Aufstieg diene,

prestigeprächtiger und sozial rentabel sei[24], so galt sie als einzig zu verwendende Sprache. Im Gegenzug wurde der Gebrauch von patois oder Regionalsprachen in der Schule unterbunden und disziplinarisch bestraft.[25] Bisher überlebten ״[d]ie Regionalsprachen, darunter vor allem das Okzitanische, und die Dialekte des Nordens, die noch lebendig waren, [...] bis zur Einführung der allgemeinen Schulpflicht recht gut [...]“[26], schließlich näherten sie sich ab Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr dem Standartfranzösischen an. So nahm die Zahl der praktischen Sprecher regionaler Sprachen zu Beginn des 20. Jahrhunderts immer weiter ab und das Französische dringt mehr und mehr in bedeutende gesellschaftliche Bereichen ein, wie in Justiz, Verwaltung, Militär, Schule, Wissenschaft, Industrie, Medien etc.. Durch die Landflucht vor allem junger Menschen wurden die Regionalsprachen hautsächlich älteren Bewohnern ländlicher Regionen zugewiesen und gerieten immer mehr in Verruf als defizitäres Französisch oder Nichtsprachen.[27] [28] Französisch hatte sich nun in der gesamten Nation etabliert.

Erst im Jahr 1951 wurde mit der Loi Deixonne eine weitere legislative Maßnahme ins Leben gerufen, diesmal zum Vorteil der Regionalsprachen. Durch das Gesetz wurde die Existenz der Regionalsprachen als ״langues et dialectes locaux offiziell erkannt und somit dem Baskischen, Bretonischen, Katalanischen und Okzitanischen der Status als Regionalsprachen zugeschrieben und eine rechtliche Grundlage geschaffen, diese fakultativ an staatlichen Schulen zu unterrichten. Auch wurde die Möglichkeit gewährt eine freiwillige Abiturprüfung in der Regionalsprache zu absolvieren, die die Gesamtnote verbessern kann. Zwanzig Jahre später fielen schließlich auch Elsässisch, Flämisch und Korsisch mit unter das Gesetz.[29]

Aufgegriffen wurde das Gesetz nochmals 1975 in der Loi Bas-Lauriol, welche die Verwendung des Französischen vor allem in der Werbung vorschreibt, um somit die Sprache gegenüber dem Englischen zu bestärken. Schließlich wurde das Gesetz 1994 durch die Loi Toubon weiter ausgebaut und durch die Loi Deixonne bestärkt.[30] Es zielte zum einen auf die Kontrolle des öffentlichen Sprachgebrauchs ab, um somit ״[...] das verstärkte Eindringen von Anglizismen in den französischen Wortschaft einzudämmen“[31], zum anderen bezog man sich in diesem Kontext auch auf die Regionalsprachen: ״Les dispositions de la présente loi s'appliquent sans préjudice de la législation et de la réglementation relatives aux langues régionales de France et ne s'opposent pas à leur usage.“[32] Schließlich fanden sich die bildungssprachlichen Gesetze der Vergangenheit mit einigen formellen Änderungen im Code de l’éducation vom 15. Juni 2000 wieder und die Loi Deixonne wurde somit abgelöst.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die genannten sprachpolitischen Maßnahmen stellen die Kernstücke der Sprachenpolitik Frankreichs auf nationaler Ebene dar. Auch Gesetze wie die Loi Defterre 1981, welche die Dezentralisierung und die Regionalisierung Frankreichs festschrieb, hatten indirekt Auswirkungen hinsichtlich der Aufwertung der Regionalsprachen. Sie kennzeichnen das Ende der offiziellen Negierung der Regionalsprachen und der Entpatoisierung. Auch die Verankerung der regionalen Sprachen 2008 in der französischen Verfassung, welche teilweise das Ergebnis der Debatte Frankreichs hinsichtlich der Ratifizierung der Europäischen Charta der Regional-und Minderheitensprachen darstellt, zeugt davon. Dort heißt es von nun an: ״Les langues régionales appartiennent au patrimoine de la France.“[36]

[...]


[1] vgl. La Constitution Française [1958] : Artide 2. Online unter: http://www.conseil- constitutionnel.fr/conseil-constitutionnel/francais/la-constitution/la-constitution-du-4-octobre- 1958/texte-integral-de-la-constitution-du-4-octobre-1958-en-vigueur.5074.html#titrel [Stand: 01.2015; letzter Zugriff: 03.05.2016].

[2] vgl. ebd.

[3] O.A. [2016): La politique des iangues régionaies et minoritaires. Online unter : http://www.axl.cefan.ulaval.ca/europe/france-3politik_minorites.htm [Stand: 10.04.2016; letzter Zugriff: 14.06.2016].

[4] vgl. Geckler, Horst; Dietrich, Wolf [2012]: Einführung in die französische Sprachwissenschaft. Ein Lehr- und Arbeitsbuch. Berlin: Erich Schmidt Verlag, s. 15.

[5] Tacke, Felix [2015]: Sprache und Raum in der Romania. Fallstudien zu Belgien, Frankreich, der Schweiz und Spanien. Beihefte zur Zeitschrift für romanische Phiioiogie. Bonn: De Gruyter Mouton, s.l.

[6] vgl. Wirrer, Jan [2000]: Minderheiten- und Regionaisprachen in Europa. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag, s. 256.

[7] Vgl. Sauzay, Brigitte [o.A.J: Regionalsprachen, Regionalkulturen, Regionalismus. Online unter: http://www.deuframat.de/index.php?eID=tx_cms_showpic&file=fileadmin%2F_migrated%2Fpics%2F 04-01-05_langues- france.jpg&md5=89cf091dbdc79abd5fd6ed8d061bl067a77241a8&parameters%5B0%5D=YTo0Ontz OjU6IndpZHRoIjtzOjQ6IjgwMG0iO3M6NjoiaGVpZ2h0IjtzOjQ6IjYw&parameters%5Bl%5D=MG0iO3M 6NzoiYm9keVRhZyI7czoOMToiPGJvZHkgc3R5bGU9ImlhcmdpbjowOyBi&parameters%5B2%5D=YW NrZ3JvdW5kOiNmZmY7Ij4iO3M6NDoid3JhcCI7czozNzoiPGEgaHJlZj0iamF2&parameters%5B3%5D=Y XNjcmlwdDpjbG9zZSgpOyI%2BIHwgPC9hPiI7fQ%3D%3D [Stand: O.A.; letzter Zugriff: 18.06.2016].

4

[8] vgl. Cichon, Peter [1999): Einführung in die okzitanische Sprache. Bonn: Romanistischer Verlag, s. 19­20.

[9] vgl. Stein, Achim [2010] : Einführung in die französische Sprachwissenschaft. Stuttgart, Weimar : J.B. Metzler, s. 157.

[10] vgl. Boudras-Chapon, Valentin [2008] : La réalité des langues régionales en France. Online unter : http://ripostelaique.com/La-realite-des-langues-regionales.html [Stand: 14.10.2008; letzter Zugriff: 07.05.2008].

[11] vgl. Le Comité consultatif pour la promotion des langues régionales et de la pluralité linguistique interne [2013]: Redéfinir une politique publique en faveur des langues régionales et de la pluralité linguistique interne. Online unter : http://www.ladocumentationfrancaise.fr/var/storage/rapports- publics/134000439.pdf [Stand: 07.2013, letzter Zugriff : 06.05.2016].

[12] vgl. Adoumié, Vincent etai. [2013]: La Géographie de la France. Paris : Hachette supérieur, s. 13.

[13] vgl. ebd.

[14] vgl. Geckler; Wolf, 2012, s. 34.

[15] vgl. ebd.

[16] vgl. Bretel, Antonin [2016]: 320 200 habitants en Corse en janvier 2013. Online unter : http://www.insee.fr/fr/themes/document.asp?reg_id=6&ref_id=23790 [Stand: 01.2016; letzter Zugriff: 18.06.2016].

[17] vgl. ebd.

[18] La Constitution Française, 1958.

[19] vgl. Tacke, 2015, s. 243.

[20] Ordonnance de Villers-Cottêrets [1539): Artide 110. Online unter:

https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do?dateTexte=20110726&cidTexte=LEGITEXT000006070 939 [Stand: 26.7.2011; letzter Zugriff: 09.05.2016].

[21] vgl. Kremnitz, Georg [1981): Das Okzitanische. Sprachgeschichte und Soziologie. Tübingen: Niemyer, s. 31.

[22] vgl. Geckler; Dietrich, 2012, s. 246.

[23] vgl. Gugenberger, Eva; Blumberg, Mechthild [2003]: Vielsprachiges Europa. Zur Situation der regionalen Sprachen von der Iberischen Halbinsel bis zum Kaukasus. Frankfurt am Main, New York: p. Lang, s. 31.

[24] vgl. Kremnitz, 1981, s. 31.

[25] vgl. Gugenberger; Blumberg, 2003, s. 32.

[26] Geckler; Dietrich, 2012, s. 247.

[27] vgl. Gugenberger; Blumberg, 2003, s. 32.

[28] Loi n°51-46 [1951]: Article 1. Online unter: https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do?cidTexte=JORFTEXT000000886638 [Stand: 22.06.2000; letzter Zugriff: 09.05.2016].

[29] vgl. Gugenberger; Blumberg, 2003, s. 32.

[30] vgl. Tacke, 2015, s. 244.

[31] Gugenberger; Blumberg, 2003, s. 29.

[32] Loi n°94-665 [1994]: Article 21. Online unter: https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do?cidTexte=LEGITEXT000005616341 [Stand: 19.03.2014; letzter Zugriff: 10.05.2016].

[33] Loi n°75-620 [1975]: Artide 12. Online unter:

https://www.legifrance.gouv.fr/affichTexte.do?cidTexte=JORFTEXT000000334174 [Stand: 22.06.2000; letzter Zugriff: 10.05.2016].

[34] Loi n°51-46,1951, Article 1, 2.

[35] Code de l’éducation [2000): Artide 312-10, 312-11.Online unter: https://www.legifrance.gouv.fr/affichCode.do?cidTexte=LEGITEXT000006071191 [Stand: 01.05.2016; letzter Zugriff: 10.05.2016].

[36] La Constitution Française, 1958, Article 75-1.

Details

Seiten
45
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668700581
ISBN (Buch)
9783668700598
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v424251
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
1
Schlagworte
Französisch Regionalsprachen Okzitanisch

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