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Werbung als Film und ihre Wirkung

Analyse eines Coca-Cola-Werbespots aus den 1950er Jahren

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 26 Seiten

Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing, Social Media

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Analyse Coca-Cola-Werbespot
2.1 Zielpublikum und Schauplatz
2.2 Figuren
2.2.1 Gesangsverein
2.2.2 Barkeeper
2.2.3 Kassenwart
2.3 Figurencharakterisierung und Zeichen des Films
2.3.1 Auditive Zeichen
2.3.2 Visuelle Zeichen

3 Werbung als Film

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

6 Anhang

1 Einleitung

Werbung gehört inzwischen zu unserem Alltag, sie begegnet uns im Fernsehen, Radio, an Litfaßsäulen, im Internet und als Merchandisingprodukte sogar im eigenen Haushalt (bspw. bedruckte Tassen oder Kugelschreiber), sodass Werbung bzw. Marken als Teil der Kultur erlebt werden können. Sie kann sogar eigene Traditionen erfinden und diese weitergeben oder an vorhandene anknüpfen. Bekanntestes Beispiel an dieser Stelle ist der rote Weihnachtsmann aus der Coca-Cola -Werbung, zwar gab es zuvor bereits den Mythos eines Weihnachtsmannes und auch die Darstellung mit einem roten Mantel, üblich war diese jedoch nicht. Erst mit Verbreitung dieses Bildes aus dieser Werbung wurde der Weihnachtsmann als dicker, weißbärtiger, älterer Mann mit rotem Mantel bekannt und bis heute auf diese Art und Weise erhalten. Somit wurde ein Werbebild zum Teil des kollektiven Gedächtnisses, jeder Mensch aus diesem kulturellen Kontext kennt den roten Weihnachtsmann und meist ebenso das Gerücht, dass dieser von der Firma Coca-Cola erfunden wurde. Mit der Erweiterung um den Weihnachtstruck, der jedes Jahr in andere Städte fährt, hat die Marke eine eigene Geschichte und Tradition entwickelt, die eindeutig zu unserem Kulturkreis gehört und als Teil des kommunikativen Gedächtnisses Bestand hat. Das bedeutet, dass die Erinnerung an das Erlebnis (z.B. im Weihnachtstruck gesessen zu haben) mit der Marke verbunden wird und dieses auch später noch als Teil des Weihnachtsfestes erlebt und erzählt wird.

Werbung versucht die Masse zu treffen und spiegelt demnach nicht nur wider, was die Gesellschaft derzeit ausmacht (bzw. die Wünsche und Vorstellungen der Generation), sondern ist in der Lage Neues in diese zu etablieren, z. B. durch Sprache: „Sind wir nicht alle ein bisschen Bluna?“. In der Jugendkultur wurde dieser Slogan vor einigen Jahren bereitwillig übernommen und wird bis heute als rhetorische Frage bzw. als Antwort akzeptiert. Werbung wirkt damit auch manipulativ, sie vermittelt Werte und Normen, die gerade in Zeiten der sozialen Medien besondere Aufmerksamkeit erfordern. Unter anderem wird immer wieder deutlich, dass die Jugend wesentlich präsenter als das Alter ist, zudem sind fast ausschließlich bestimmte Schönheitsideale als die Norm zu finden. Der Zuschauer übernimmt diese meist ohne zu hinterfragen und möchte diesen Idealen entsprechen. Die Zugehörigkeit zu diesen Idealen findet der potentielle Kunde am leichtesten über den Kauf des Produkts, welches das Lebensgefühl, Ideal oder sogar die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe ausdrücken soll. Ein BMW etwa wird meist mit einer höheren sozialen Schicht und aufstrebenden Karrieremenschen in Verbindung gebracht, Bionade dagegen mit ernährungsund umweltbewussten, jungen, alternativen Menschen.

Werbung wird auf unterschiedliche Art und Weise rezipiert, man unterscheidet die rezeptive und die selektive Aufnahme der Informationen. Im Alltag wird häufiger die rezeptive Wahrnehmung erlebt, Werbung wird unreflektiert und unbewusst aufgenommen, während die selektive, bewusste Zuwendung weniger oft vorkommt. Um selektiv wahrgenommen zu werden und damit ins Bewusstsein der Zuschauer zu gelangen (insbesondere wenn es sich um Markeneinführungen handelt), müssen Produktwerbungen einfallsreich, einprägsam und unterhaltsam sein, um sich beim bestehenden Überangebot der Waren durchzusetzen. Oftmals wird geschockt, überspitzt oder skandalisiert, um den gewünschten Effekt der bewussten Aufnahme zu erreichen. Damit der potentielle Kunde aber zum realen Kunden wird, ist mehr nötig, als aufzufallen. Werbung muss einen gewissen Zusatznutzen für das beworbene Produkt erfassen und vermitteln, der den Zuschauer vom Kauf überzeugt bzw. von anderen Waren mit demselben realen Nutzen abhebt. Ein Zusatznutzen wäre ein hervorgerufenes Lebensgefühl oder eine bestimmte Emotion, die mit dem Produkt ausgelöst werden soll. Die Realisierung dessen wird im Folgenden anhand einer Werbung aus den 1950er Jahren der erfolgreichen Marke „Coca Cola“ aufgezeigt.

2 Analyse Coca-Cola-Werbespot

Um den Werbefilm der weltweit bekannten Marke zu analysieren, muss zunächst die Vorgehensweise erläutert werden. Da es sich bei Werbespots um kurze Filme handelt (daher auch „Werbefilm“), wird die Methode der Filmund Dramenanalyse angewendet. Diese beinhalten die Untersuchung von visuellen und auditiven Mitteln. Dazu gehören unter anderem sprachliche Mittel, Kameraführung, Figurenkonzeption und die filmische Inszenierung. Diese können in ein sogenanntes „Filmprotokoll“ (siehe Anhang) zusammengebracht werden und erleichtern dadurch die Untersuchung der stilistischen Mittel. Hinzugezogen werden muss ebenso eine inhaltliche Analyse wie die Kommunikationsabsicht der Werbenden, mögliche Rezipienten bzw. das Zielpublikum. Zuletzt ist auch der subjektive Anteil zu betrachten, da sich der Zuschauer stets in einem historischen und individuellen Kontext befindet.

2.1 Zielpublikum und Schauplatz

Zur Zeit der Veröffentlichung war die Marke bereits etabliert und hatte ein bestimmtes Zielpublikum erreicht (bzw. eine Gruppe von Menschen, die das Produkt regelmäßig kauft). Der Werbespot hatte daher vermutlich die Absicht diese weiterhin anzusprechen oder zu erweitern. Aus den Figuren und dem Schauplatz des Werbefilms, lässt sich das Zielpublikum unproblematisch ablesen. Beim Ort handelt es sich um eine Kneipe bzw. Bar, in die sechs Männer mittleren Alters kommen. Wie sich herausstellen wird, handelt es sich bei den Männern um einen Gesangsverein, der seine Bestellung singt und ein in der beschaulich wirkenden Kneipe stehendes Klavier bespielt. Im Gegensatz zu heutigen Werbefilmen von Coca-Cola werden weder Jugendliche noch Familien als Publikum erfasst, sondern lediglich gutbürgerliche (vermutlich gut verdienende) Männer. Dies mag daran liegen, dass sich die Firma 1911 dazu verpflichtet hat, das Marketing nicht an Kinder zu richten, da sie von der US-Regierung verklagt wurde.[1] Zudem wurden Männer angesprochen, die in den 1950er Jahren noch allein das Einkommen verdienten und damit am besten als Zielpublikum geeignet waren, da sie meist auch über dieses Einkommen verfügten. Die Art der Besetzung und der Ort sind daher besonders sinnvoll, um das gewollte Publikum zu erreichen. Die Atmosphäre einer Bar, die man mit Freunden oder eben mit dem eigenen Verein betritt, löst freudige Erregung und Zufriedenheit aus. Es stellt keine unrealistische Situation dar, mit der sich ein der mittleren oder oberen Schicht angehörender Mann oder Junggeselle identifizieren kann. Dieses hervorgerufene Gefühl sowie Gemeinschaftlichkeit wird durch die Werbung mit dem Produkt verbunden, sodass potentielle Käufer das Produkt nicht nur als Erfrischung oder Durstlöscher wahrnehmen, sondern stets mit diesem Lebensgefühl in Verbindung bringen. Der Gedanke eine Coca-Cola zu bestellen wird mit großer Wahrscheinlichkeit in den Köpfen der angesprochenen Zielgruppe sein, sobald diese eine ähnliche Situation in ihrem Leben erlebt. Sei es der Besuch einer Bar oder ein Zusammentreffen mit Freunden. Das Gemeinschaftsgefühl wird durch den Gesangsverein im Besonderen ausgedrückt, denn gemeinsam zu musizieren bzw. zu singen, bewirkt stets ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl. Darüber hinaus ist im Chor zu singen in den fünfziger Jahren durchaus ein angesehenes und beliebtes Hobby, sodass auch Ehefrauen oder andere Menschen außerhalb des Zielpublikums, die sich aber möglicherweise im Umfeld der angesprochenen Zielgruppe befinden, die Werbung akzeptieren. Daher singt der Männerchor in der zehnten Sequenz: „Ob du singst im Männerchore, ob mit Damenchor gemischt“, um auch Frauen mit der Werbung auf diese Art und Weise anzusprechen, ohne eine weibliche Figur erscheinen zu lassen. Auf diese rezipierende Gruppe hat die Werbung eine ganz andere Wirkung. Die Bar „Zum goldenen Löwen“ besitzt auf den ersten Blick einen einfachen und ordentlichen Charakter, die die mittlere Schicht vermutlich besuchen würde, jedoch scheint es dort gesittet, wenn nicht sogar gehobener vonstattenzugehen. Dies assoziiert der Zuschauer durch die gute Kleidung der Männer, dem Klavier, dem Eigennamen (Gold suggeriert einen hohen Standard und Luxus, der Löwe Stärke und Anmut) sowie die Bestellung nicht alkoholischer Getränke. Es herrscht eine gelassene, freudige Stimmung. Der Werbefilm löst damit ein Paradoxon aus, da eine Kneipe typischerweise das Gegenteil symbolisiert: Kontrollverlust, Trunkenheit, Aggression, Verzweiflung oder Sittenlosigkeit. Auf diese Art und Weise werden beide Gruppen gleichermaßen angesprochen und verbinden letztendlich Positives mit dem Schauplatz „Bar“, die vorrangig angesprochene Zielgruppe erlebt bereits bei der ersten Sequenz (Einstellung) eine positive Resonanz, das auf persönlicher Erfahrung beruht. Die Realität wird im Werbespot gespiegelt, denn vermutlich waren die meisten Männer im dargestellten Alter bereits in einer Bar oder Kneipe und verbinden mit ihr Spaß und Gelassenheit. Dies ist allerdings der miteinzubeziehende subjektive Anteil der Werbung, da nicht jeder Mann dieselben positiven Emotionen damit verbindet. Dieser Prozess in der Rezeption wird auch als „Introjektion“ bezeichnet: „Man lässt sich im Akt der Rezeption derart illusionieren, dass man das, was im Film geschieht [...] auf sich selbst bezieht und so erlebt, als geschehe es […] in der eigenen psychischen Welt“.[2] Die andere Zuschauergruppe, die keine oder keine positiven Assoziationen haben und das Geschehen nicht auf sich selbst beziehen, erschaffen neue Assoziationen durch den Werbefilm. Sie identifizieren sich auf andere Art und Weise, durch „Substitution“: es stellt eine kurzzeitige „soziale Desorientierung, nämlich die partielle Verdrängung der Personen und Werte der außerfiktionalen, also außerfilmischen Wirklichkeit durch die Figuren und Objekte des Films“[3] dar. Daher funktioniert das Paradox der gesitteten und friedlichen Bar, da alte Werte aus der realen Welt durch neue fiktionale ersetzt werden. Dies ist das Ziel der Werbenden, den Raum und ein positives Lebensgefühl für ihr Produkt zu schaffen, mit der sich eine möglichst breite Masse identifizieren kann. Coca-Cola wird letztendlich mit mehreren Attributen versehen: zum einen die Unbeschwertheit, Freude und ein intensives Gemeinschaftsgefühl und zum anderen Sittsamkeit und Friedlichkeit.

2.2 Figuren

Der Schauplatz und die Figurenkonzeption erweisen sich als besonders günstig in diesem Fall und wichtig für den Zweck der Werbung. In der Dramentheorie werden der sogenannte „Typus“ und der „Charakter“ unterschieden: „Als Typus wird eine Figur ohne individuelle Prägung bezeichnet, eine Figur, die bspw. für einen Stand, eine Berufsgruppe oder eine Altersstufe steht, reduziert auf deren charakteristische Eigenschaften“,[4]Charakter meint demgegenüber die individuell gezeichnete, komplexe und entsprechend widersprüchliche Figur“.[5] Selbst in diesem 39 Sekunden dauernden Werbespot kann man beide Figurenkonzeptionen entdecken. Bis auf den Kassenwart sind alle Vereinsmitglieder „um eine einzige Idee oder Qualität herum konstruiert [...], [können] deshalb in einem einzigen Satz zusammengefasst werden [...] und [sind] demzufolge vom Leser […] leicht [wiederzuerkennen]“[6] wie E.M. Forster sogenannte „flat characters“ in Anlehnung an den Typus beschreibt. Ihre Eigenschaften ändern sich nicht innerhalb des Werbespots, sie bleiben statisch, eindimensional und geschlossen.[7] Das bedeutet, dass sich die Figuren nicht entwickeln, nur wenige Merkmale besitzen und laut Pfister „für den Rezipienten vollständig definierte[.] Figuren“[8] sind.

2.2.1 Gesangsverein

Die Männer stellen den bereits beschriebenen gesellschaftlichen Stand dar und geben dadurch Raum sich mit ihnen zu identifizieren. Lediglich einer der fünf Vereinsmitglieder scheint deutlicher in Erscheinung zu treten, indem er in der zehnten Sequenz (siehe Filmprotokoll) einen Teil des gemeinsam gesungenen Liedes alleine singt und zudem stets im Vordergrund der Gruppe steht. Dieser Mann bedient den Stereotypen des Zielpublikums und wirkt in jeder Sequenz besonders zufrieden und freudig. Die anderen Männer des Vereins sind ihm nachempfundene Scheinindividuen, die aber dieselben Merkmale besitzen. Insgesamt erscheint die Gruppe in fünf von elf Sequenzen, der im Vordergrund stehende Mann noch einmal mehr in der letzten Sequenz, da die Kamera sein Gesicht aufnimmt. Dies ist auch das einzige mal, dass die Einstellungsgröße der Kamera auf „Groß“ wechselt (siehe Einstellungsprofil im Anhang). In der Figurenkonstellation kann man ihn trotz seiner Ausprägung als „flat character“, als Protagonisten bzw. Hauptfigur/Helden bezeichnen (im Folgenden wird er „Protagonist 1“ genannt).[9] Er repräsentiert den Wunsch nach Coca-Cola und gibt damit (zusammen mit den anderen Figuren des Vereins) Anstoß zur Handlung des Werbefilms. Dieser erfüllt letztlich nach Etienne Souriau eine der sechs möglichen Handlungsfunktionen (Situationsfunktionen) eines Films, nämlich die der „zielgerichteten Kraft“ (la force orientée): „das in der Regel durch eine Figur verkörperte, auf ein Ziel gerichtete Begehren oder leidenschaftliche Streben einer (Haupt-)Figur“.[10] In diesem Fall ist das Begehren eine Flasche Coca-Cola.

2.2.2 Barkeeper

Der Barkeeper spielt dabei eine untergeordnete Rolle, auch diese Figur ist ein Typus bzw. flat character. Er bedient einen Stereotypen, der kaum Entwicklungschancen und Merkmale bietet. Seine Rolle bleibt statisch und unauffällig, er geht lediglich seiner Arbeit nach: er spült Gläser in der ersten Sequenz, beim Wegfahren der Kamera ist er vollständig zu sehen, als die Gäste eintreten. In der dritten und fünften Sequenz holt er Colaflaschen hervor und öffnet diese. Zu sehen ist er dabei allerdings nicht, man sieht ihn im Hintergrund in der achten Sequenz, als die Männer dem Kassenwart entgegen singen. Er hat währenddessen keine besondere oder überraschende Gestik oder Mimik, scheint demnach an dem singenden Männerverein in seiner Bar nichts Ungewöhnliches zu finden und erscheint von elf Sequenzen nur zweimal erkennbar. In der Figurenkonstellation schwankt seine Figur dadurch zwischen dem „Figuranten“, eine „mehr oder weniger stumme Nebenfigur[.] (zum Beispiel Bedienstete)“[11] und der „Hilfsfigur“, diese erfüllen „in erster Linie eine bestimmte Handlungsfunktion“.[12] In diesem Fall ist dies die Übergabe der Colaflaschen, dem Begehren der Protagonisten.

2.2.3 Kassenwart

Im Gegensatz dazu weist der Kassenwart eine gegensätzliche Konzeption auf. Dieser ist in den Sequenzen zwei und vier mit im Vordergrund zu sehen und scheint zunächst keine weiteren, besonderen Merkmale als die anderen zu besitzen. Dies ändert sich jedoch in der sechsten Sequenz, in der er sich plötzlich wegdreht, während alle an der Bar Richtung Barkeeper schauen und ihre Coca-Cola trinken. In der nächsten Sequenz wird deutlich, was er vorhat: er möchte zum Klavier. Dies ist eine unerwartete und damit überraschende Handlung, nach E.M. Forster ist er demzufolge ein „round character“[13] bzw. als Gegenspieler zum Typus ein Charakter: „die individuell gezeichnete, komplexe und entsprechend widersprüchliche Figur“.[14] Mit der überraschenden Wendung in der siebten Sequenz, weist der vorerst statisch wirkende Mann eine nach Forster dynamische Entwicklung auf, ist mehrdimensional und offen (eine nicht definierte, mehrdeutige Figur).[15] Er bekommt wesentlich mehr und wenig stereotype Merkmale zugewiesen als die Männer aus dem Gesangsverein und ist die einzige Figur, die einen Namen bekommt, die zudem noch seine Tätigkeit beschreibt: der Kassenwart. Weiterhin spielt er Klavier und dirigiert den Chor, von den Männern weiß man nur, dass diese singen. „Eine mehrdimensional konzipierte Figur [wird] durch einen komplexeren Satz von Merkmalen definiert, die auf den verschiedenen Ebenen liegen und zum Beispiel […] ihr zwischenmenschliches Verhalten unterschiedlichen Figuren gegenüber, ihre Reaktionen auf unterschiedliche Situationen […] betreffen können“.[16] Im Besonderen erkennt man den Unterschied in seinem Verhalten, während die Männer am Tresen stehen und sich dem Barkeeper bzw. den Colaflaschen zuwenden, dreht er sich um und geht ans Klavier. Er übernimmt die Führung und bringt durch seine Melodie den Gesangsverein dazu, sich zu ihm zu wenden und erneut zu singen. Seine Reaktion ist also dem der Männer gegensätzlich. Er bringt seine Freude über das „gewünschte Gut“ (le bien souhaité)[17] durch sein Handeln zum Ausdruck, indem er musiziert und distanziert sich damit zunächst von den anderen. Es entsteht der Eindruck, als würde er zwischenmenschlich „den Ton angeben“, denn an dieser Stelle beginnt er den Chor zu dirigieren und diese wenden sich mit der Colaflasche in der Hand zu ihm. In den beiden Sequenzen des Kassenwarts, in denen er allein am Klavier in der Nahaufnahme zu sehen ist, ist die Colaflasche nur schwer zu erkennen, da er diese auf das Klavier gestellt hat. Anscheinend war er nicht so sehr auf das gewünschte Gut aus wie die anderen, die freudestrahlend ihre Flaschen auf Brusthöhe halten. Es stellt sich also die Frage, ob er damit als „Antagonist“, die „potentielle zweite Hauptperson, der Gegenspieler des Helden“[18], gilt. Er könnte jedoch ebenfalls eine „Episodenfigur“ sein, „die nur in einzelnen Episoden einer Handlung eine Rolle spielen“.[19] Dafür spricht, dass er, nachdem er als round character auftritt, nur in den Klaviersequenzen und allein zu sehen ist.

2.3 Figurencharakterisierung und Zeichen des Films

Bei allen Figuren findet eine Charakterisierung statt, die nicht nur durch die Figur selbst realisiert wird. Unterschieden werden kann zwischen „figural“ und „auktorial“. Figural bedeutet, „dass einzelne Figuren Träger der […] charakterisierenden Informationen sind“[20] und auktorial ist „eine den Figuren übergeordnete Instanz, die die narrative und konzeptuelle Ordnung der Geschichte garantiert“.[21] Im Fall der Coca-Cola-Werbung kommt tatsächlich ein Erzähler vor, dessen Stimme aus dem Off erscheint. Dieser übernimmt einen wichtigen Teil der Charakterisierung. Pfister zählt währenddessen noch „u. a. die Namensgebung und die […] Figurenkonstellation und Konfiguration“[22] (Held/Protagonist, Antagonist, Hilfsfigur etc.) hinzu, ergo das Verhältnis oder der Kontrast zu anderen Figuren. Der Kassenwart wird in diesem Fall als Einziger auf diese Weise charakterisiert, da nur er vom Erzähler einen Namen bekommt und als Kontrast zu den anderen Männern aus dem Gesangsverein steht. Lediglich in der ersten Sequenz gibt der Erzähler etwas zu den Männern preis und zwar, dass es sich um Mitglieder eines Gesangsvereins handelt. Diese durch „Fremdkommentar“ „explizite“[23] Figurencharakterisierung ist trotzdem eine Form der figuralen Charakterisierung und keine auktoriale, da ebenso „die Erzählerstimme aus dem Off an eine Figur – eine Erzählfigur – gebunden ist“.[24] In Filmanalysen können diese sprachlichen Mittel aber durch andere Charakterisierungen überschrieben werden: „Die verbalen Aussagen einer Figur (explizit/diskursiv) können durch die Art und Weise, wie die Figur sich präsentiert, durch ihre Mimik und Gestik in Frage gestellt werden (implizit/präsentativ)“.[25] Dies ist bei der Analyse der Werbefilme von besonderer Bedeutung, da „beim Film (u. a. aufgrund der Möglichkeit der Großaufnahme […]) die impliziten, präsentativen Formen der Figurencharakerisierung“[26] dominieren. Die Großaufnahme kommt im Werbespot lediglich einmal vor und zwar in der letzten Sequenz beim Protagonisten 1, als dieser und die anderen Mitglieder des Vereins die Colaflaschen absetzen. Die anderen Sequenzen, in denen Figuren zu sehen sind, sind alle in der Nahaufnahme aufgenommen worden, sodass auch deren Mimik und Gestik gut erkannt werden können. Die explizite und implizite Figurencharakterisierung stimmen durchaus überein, die Mimik und Gestik aller Figuren stehen zu keinem kontroversen Verhältnis zum Gesagten bzw. Gesungenen. Die Freude über den Erhalt des Getränks ist in der Mimik deutlich zu erkennen und auch die Geste des Singens und Prostens stimmt mit dem überein, was sie besingen („Coca-Cola das erfrischt“). Figuren können demnach „visuell“ und „auditiv“ beschrieben werden, dazu zählen das optische Erscheinungsbild bzw. wie die Figur im Bild dargestellt wird sowie die Stimme, sprachliche Verhaltensmuster und Dialekte, aber auch Musik.[27] Die letzte Unterscheidung liegt in den „mimetischen“ und „diegetischen“ Mitteln, die zum einen „die Charakterisierung einer Figur durch ihre Physiognomie und [...] Kostüm, durch Mimik, Gestik und Proxemik (die Bewegung im Raum), überhaupt ihr äußeres Verhalten, aber auch […] durch bestimmte Requisiten und Schauplätze“[28] bedeuten und zum anderen „Kamerahandlungen und Montage [die durch] Selektion und Kombination [diese mimetischen Mittel] hervorheben […]. Hierzu gehören vor allem Einstellungsgröße und Einstellungsperspektive“.[29] Im weiteren Verlauf werden diese Mittel analysiert.

[...]


[1] Coca-Cola Company: http://www.cocacola-deutschland.de/medianewsroom/pressemitteilungen/cocacola-veroffentlichtupdate-2012-zumnachhaltigkeitsbericht [Abrufdatum: 03.04.2017].

[2] Beil, Kühnel, Neuhaus: Studienhandbuch Filmanalyse. Paderborn 2016. S. 265.

[3] Ebd.

[4] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S.251. [Hervorhebung Im Original]

[5] Ebd. [Hervorhebung im Original]

[6] Ebd.

[7] Vgl. Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 252.

[8] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 253.

[9] Vgl. Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 257.

[10] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S.259.

[11] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 257.

[12] Ebd.

[13] Vgl.Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 251.

[14] Ebd.

[15] Vgl. Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 252-253.

[16] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 252.

[17] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 259.

[18] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 257.

[19] Ebd.

[20] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 254.

[21] Ebd.

[22] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 255.

[23] Ebd. explizit: Charakterisierung mit sprachlichen Mitteln

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S.255.

[27] Vgl. ebd.

[28] Beil, Kühnel, Neuhaus 2016. S. 256.

[29] Ebd.

Details

Seiten
26
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668695078
ISBN (Buch)
9783668695085
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v423975
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,0
Schlagworte
Werbung Coca Cola Werbeanalyse

Autor

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Titel: Werbung als Film und ihre Wirkung