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Funktion, Intention und Pragmatik des Ausrufe- und des Fragezeichens

Hausarbeit (Hauptseminar) 2017 21 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Graphetik und Graphotaktik

3 Funktionen der Frageund Ausrufezeichens
3.1 Intention und epistemischer Modus
3.2 Illokution und Satzmodus

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

(1) Du hast schon gegessen.

(2) Du hast schon gegessen?

(3) Du hast schon gegessen!

(4) Du hast schon gegessen?!

Anhand dieser Beispiele kann man deutlich erkennen, wie wesentlich die Interpunktion für die Bedeutung eines Satzes ist. Während der „propositionale Gehalt“ (Meibauer 1987: 9), der Sachverhalt einer sprachlichen Äußerung, aber auch die syntaktische Form gleich sind, verändert sich die Bedeutung des Gesagten. Der formale Sachverhalt, dass der Gegenüber bereits gegessen hat, wird im ersten Beispiel ohne weiterführende Absichten deutlich. Das zweite Beispiel dagegen stellt die Satzart[1] Fragesatz bzw. Interrogativsatz dar und erwartet damit vom Gegenüber eine Antwort (mit Ausnahme der indirekten und rhetorischen Fragen), obwohl die Satzstellung auf einen Aussagesatz bzw. Deklarativsatz deutet. Typischerweise hat die Satzstellung eines Interrogativsatzes eigentlich eine Verberststellung zur Folge – in diesem Fall: „Hast du schon gegessen?“. Diese Fragestellung steht für die Unwissenheit des Sprechers[2]. Im Gegensatz dazu ist das oben genannte Beispiel (2) eher eine Rückversicherung über das geglaubte Wissen, nämlich, dass der Gegenüber bereits gegessen hat. Zwar wird auch in diesem Fall eine Antwort erwartet, aber der Sprecher glaubt die Antwort bereits zu kennen. Ganz sicher kennt der Aussagende die Antwort im dritten Beispiel, denn das Ausrufezeichen stellt die Aufforderung dar, dass der Hörer[3] aufhören soll zu essen, indem der Sprecher ihn mit Nachdruck daran erinnert, dass dieser bereits gegessen hat. Ein besonderer Fall zeigt sich im vierten Beispiel, indem ein Frageund Ausrufezeichen kombiniert werden. Es repräsentiert den Assertionsfragesatz (Echofragesatz), da es ein Verbzweitsatz ist, in dem kein Fragewort auftaucht und man mit „das stimmt“ oder „das ist wahr“ antworten kann, gleichzeitig aber „primär die kommunikative Funktion einer Entscheidungsfrage [hat]“ (Pasch, Renate et al. 2003: 215). Der Sprecher hat den Sachverhalt vermutlich gerade erst erfahren und drückt auf diese Weise seinen Unmut darüber aus, da er etwas anderes erwartet hat (da beide z. B. zum gemeinsamen Essen verabredet waren). Zwar kann der Gegenüber mit „ja“ oder „das ist wahr“ antworten, aber verlangt wird es nicht, eher könnte man den Satz als: „Warum hast du schon gegessen?“ interpretieren, da der Sprecher von der Tatsache überrascht ist und den Grund erfahren möchte.

Diese Einstellung vom Sprecher zum Sachverhalt der Aussage nennt man den „epistemischen Modus“[4] (IDS Mannheim 2004: epistemischer Modus), aus dem man die kommunikative Funktion ableiten kann. Die kommunikative Funktion ist eine „bestimmte Intention[.] gegenüber dem Hörer bezüglich des Inhalts der Äußerung“ (IDS Mannheim 2004: Illokution). Denn zumeist hat der Sprecher eine gewisse Absicht, die er mit seiner Äußerung erreichen möchte: „So haben Aufforderungsäußerungen, Wunschäußerungen, behauptende Mitteilungen und Frageäußerungen bestimmte kommunikative Funktionen“ (IDS Mannheim 2004: Illokution). Dies können konkrete Handlungen sein, bspw. soll der Hörer bei der Frage, ob er das Fenster zu machen könne, dieses tun. Bei Behauptungen oder Aussagen möchte er, dass das Gegenüber die Tatsache als wahr betrachtet: „Lisa ist heute früher gegangen“ (Vgl. IDS Mannheim 2004: Illokution).

Offensichtlich verändern die Satzschlusszeichen den Inhalt und die Intention der Sätze. Auf welche Art und Weise dies geschieht und ob weitere Funktionen des Frageund Ausrufezeichens auftreten, wird im Folgenden untersucht.

2 Graphetik und Graphotaktik

Die äußere Form der Interpunktionszeichen sind bedeutungsvolle Hinweise auf die Funktionen, daher werden diese zunächst angeschaut. Dabei wird auf wichtige Begriffe des Leseprozesses eingegangen, diese umfassen bspw. das Scanning, Processing, Parsing sowie die Schreiberund Leserrolle. Anschließend werden im Speziellen die Funkionen des Frageund Ausrufezeichens beschrieben. Bei der Zuordnung der Interpunktionszeichen zu diesen Vorgängen werden die graphischen und graphotaktischen Merkmale genutzt, da diese auf Gesetzmäßigkeiten hinweisen. „Die Graphetik beschreibt die innere Form“ (Bredel 2011: 4, Hervorhebung im Original) und beschreiben „aus welchen Elementen ein Zeichen besteht und wie sie kombiniert sind“, während die „ Graphotaktik [...] die Position eines Interpunktionszeichens in der Zeile [beschreibt]“ (ebd., Hervorhebung im Original). Zusammen zeigen sie den Zusammenhang zwischen äußerer Form und deren Funktion an. Eine Funktion im Leseprozess ist das sogenannte scanning und meint, dass graphisch kodierte Einheiten auf einem Blick erfasst werden, wie beispielsweise Absätze in Texten oder Leerzeichen zwischen Wörtern (vgl. Bredel 2011: 24). Dies kann sowohl auf Wortals auch auf Textebene geschehen. So „markieren [das Divis und das Apostroph] Irregularitäten in oder an Wörtern“, während „Gedankenstrich und Auslassungspunkte Irregularitäten in oder an kartographisch erzeugten Textstrukturen“ markieren (Bredel 2011: 31). Diese Interpunktionszeichen helfen dem Leser demnach defekte Einheiten zu erkennen, fehlendes graphisches Material selbst zu vervollständigen (z. B.: „´s gut“ statt „es ist gut“) oder gegebenes zu verketten (z. B.: Klassenund Lehrerzimmer) (vgl. Bredel 2011: 48). Graphotaktisch gehören diese Scanhilfen zu den Fillern, die das graphetische Merkmal [+LEER] besitzen. Das bedeutet, dass Interpunktionszeichen dieser Art die Grundlinie nicht berühren, dementsprechend eine leere Grundlinie aufweisen. Als Filler werden sie bezeichnet, da sie allein einen segmentalen Raum[5] füllen können. Klitika hingegen benötigen hierzu ein Stützzeichen und besitzen Grundlinienkontakt. Sie weisen dementsprechend das graphetische Merkmal [¬Leer] auf (vgl. Bredel 2011: 20-23). Dazu gehören Doppelpunkt, Punkt, Komma, Semikolon, Klammern, Anführungszeichen sowie Frageund Ausrufezeichen. Ebendiese Interpunktionszeichen sind Prozesshilfen: sie unterstützen das processing, bei dem der Leser die Schriftzeichen zunächst zusammenfügen und verrechnen muss, um sprachliche Einheiten zu dekodieren (vgl. Bredel 2011: 24). Auch bei diesem Prozess agieren die Interpunktionszeichen auf unterschiedlichen Ebenen: Klammern und Anführungszeichen auf der Textebene, der Rest auf der Satzebene (vgl. Bredel 2011: 25). Das graphetische Merkmal Reduplikation weist auf ebendiese Ebene hin, in der sie wirken. Interpunktionszeichen mit dem Merkmal [+REDUP] sind „Interpunktionszeichen, in denen ein Basiselement mindestens zweimal auftritt“ (Bredel 2011: 16), wie beispielsweise beim Doppelpunkt und den Klammern. Bis auf die Ausnahme des Doppelpunktes, wirken diese auf der Textebene, während das Frageund Ausrufezeichen [¬REDUP] „den Domänen Wort und Satz zugewiesen [werden]“ (Bredel 2011: 25). Ein drittes graphetisches Merkmal ist die Vertikalität. Diese „unterscheidet ‚große’ von ‚kleinen Zeichen’. Solche die über die Mittellinie hinausweisen [+VERT], von solchen, die dies nicht tun [¬VERT]“ (Bredel 2011: 16). Die sogenannten kleinen Zeichen nehmen auf der kognitiven Seite Bezug auf den Prozess des Parsings, der Verrechnung von kleinen Einheiten zu Größeren, wie beispielsweise die Verrechnung von mehreren Buchstaben zu Wörtern[6]. Muss die gewohnte Parsingaktivität unterbrochen werden, weil z. B. die Zeile endet und ein Wort getrennt werden muss, zeigen dies Interpunktionszeichen mit dem Merkmal [¬VERT] an (vgl. Bredel 2011: 26-27). Die anderen über die Mittellinie hinausweisenden Interpunktionszeichen beziehen sich auf die kommunikative Seite, sie zeigen Veränderungen bezüglich der Schreiberund Leserrolle an. Im Normalfall (dem Default) sind die Rollen und die Austauschprozesse zwischen Schreiber und Leser eindeutig. Der Schreiber ist gleichermaßen Verfasser (enkodiert) und Wissender und gibt Informationen. Der Leser hingegen ist der Adressat. Er dekodiert und gilt als Nichtwissender. Wer Verfasser und Adressat ist, bezieht sich auf die interaktionale Dimension und ändert sich, wenn der im Text Angesprochene beispielsweise eine andere Figur aus dem Geschriebenen ist. Dies wird mit Anführungszeichen angezeigt. Muss der Leser Informationen selber hinzufügen, wie bei der Verwendung eines Apostrophs[7], handelt es sich um eine Abweichung auf der aktionalen Ebene. Die dritte Dimension – die epistemische – betrifft die Wissensverteilung und wird beispielsweise bei einer Frage verändert. Hierbei wird der Verfasser zum Nichtwissenden und der Leser zum Wissenden (vgl. zu diesem Abschnitt Bredel 2011: 29). Diese letzte Ebene betrifft im Besonderen das Frageund Ausrufezeichen. Beide ändern die Rollenverhältnisse von Leser und Verfasser.

Zusammengefasst besitzen alle Interpunktionszeichen insgesamt drei graphetische Merkmale. Die Ausrufeund Fragezeichen besitzen beide dieselben und aus diesem Grund ähnliche bzw. gleiche Funktionen: „Je weniger Merkmalsabweichungen Interpunktionszeichen untereinander aufweisen, desto enger sollte auch ihre funktionale Verwandtschaft sein“ (Bredel 2011: 17). Das erste Merkmal der Reduplikation [¬REDUP] weist darauf hin, dass die Zeichen auf der Satzebene agieren und dort als Prozesshilfe, der „Verarbeitung sprachlich kodierter Einheiten“ (Bredel 2011: 25), fungieren, worauf das Merkmal des Grundlinienkontakts [¬LEER] deutet. Gleichzeitig weist es ihnen das graphotaktische Merkmal Klitika zu. Da Frageund Ausrufezeichen auch über die Mittellinie ragen ([+VERT]), gehören sie demnach zu den großen Klitika (vgl. Bredel 2011:16). Diese „können mit den meisten anderen Interpunktionszeichen zusammen, aber auch miteinander in einem segmentalen Raum stehen“ (Bredel 2011: 22). Daher ist es möglich, dass Frageund Ausrufezeichen kombiniert auftreten, wie eingangs im vierten Beispiel dargestellt wurde. Zudem verändern die Zeichen mit diesem Merkmal die Schreiberund Leserrollen, im Speziellen auf der epistemischen Dimension, der Verteilung des Wissens. Die Möglichkeit kommunikative Zeichen kombinieren zu können, ist aufgrund ihrer Funktion der Rollenwechsel von großem Vorteil, da die Rollenwechsel auf verschiedenen Ebenen stattfinden können (interaktionale, aktionale oder epistemische Dimension) und angezeigt werden müssen. Beispielsweise bei der wörtlichen Rede, in der sich die interaktionalen Rollenverhältnisse (Verfasser und Adressat vom Geschriebenen oder Gesprochenen) ändern und dies durch Anführungszeichen angezeigt werden muss, gleichzeitig jedoch die epistemische Rollenkonstellation durch ein Frageoder Ausrufezeichen geändert wird: „Wo musst du denn hin?“.

3 Funktionen der Frageund Ausrufezeichens

Ausrufeund Fragezeichen gehören aufgrund des Merkmals [+VERT] zu den kommunikativen Zeichen und besitzen daher v. a. kommunikative Funktionen. Dennoch zeichnet das Merkmal [¬REDUP] beide ebenso als Satzzeichen aus. Diese doppelte Eingrenzung führt zur Problematik darüber, unter welchen Bedingungen Frageund Ausrufezeichen gesetzt werden (vgl. Bredel 2011: 49). Die eingangs aufgeführten Beispiele zeigen, dass sich durch das Setzen der Interpunktionszeichen die Bedeutung der Sätze ändert, also die Interpunktionszeichen über die Semantik des Satzes entscheiden. Bis zur Reform 1996 jedoch wurde „[d]as Auftreten von Frageund Ausrufezeichen […] an das Auftreten von syntaktisch definierenden Satzarten geknüpft“ (Bredel 2011: 50). Dementsprechend ändern nicht die Interpunktionszeichen die Satzart, sondern die syntaktische Kategorie der Satzart bestimmte, ob ein Frageoder Ausrufezeichen gesetzt wird. Es hieß, dass das Fragezeichen nach einem „direkten Fragesatz“ und das Ausrufezeichen „nach direkten Aufforderungsbzw. Befehlssätzen und nach Wunschsätzen“ (Duden 1991²º: 29, 24) steht. Bei Frageund Aufforderungssätzen (Interrogativund Imperativsätzen) sowie Wunschsätzen (Optativsätze) handelt es sich um Satzarten, die über „formale Merkmale wie Stellung des finiten Verbs, Verbmodus, Vorkommen von Frageausdrücken, Akzent und Intonation, Selektion bestimmter Ausdrücke etc. definiert werden“ (Meibauer 1987: 3). Jedoch treten das Frageund Ausrufezeichen auch auf, wenn es sich um eine andere Satzart handelt als ein Interrogativoder Imperativsatz, wie es bei den beiden in der Einleitung genannten Beispielen (2) und (3) der Fall ist. Es handelt sich dabei formal um einen Aussagesatz bzw. Deklarativsatz, der jeweils mit einem Frageoder Ausrufezeichen beendet wird. Daraus wird deutlich, dass die Satzart allein bzw. die syntaktischen Kategorien nicht über das Setzen der jeweiligen Interpunktionszeichen bestimmen. Es heißt nun im Amtlichen Regelwerk §70: „Mit dem Fragezeichen kennzeichnet man den Ganzsatz als Frage“ (Amtliches Regelwerk 2010: Regeln und Wörterverzeichnis) und §69: „Mit dem Ausrufezeichen gibt man dem Inhalt des Ganzsatzes einen besonderen Nachdruck, wie etwa bei nachdrücklichen Behauptungen, Aufforderungen, Grüßen, Wünschen oder Ausrufen“ (Amtliches Regelwerk 2010: Regeln und Wörterverzeichnis). Die Bedingungen sind in diesem Zusammenhang unabhängig von den jeweiligen Satzarten, da sie nach beliebigen Ganzsätzen gesetzt werden können. Es stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen dann Frageund Ausrufezeichen gesetzt werden, wenn die syntaktische Form nicht ausschlaggebend ist. Der §70 deutet bereits darauf hin, indem er beschreibt, dass man den Ganzsatz als Frage kennzeichnen kann. Es ist folglich die Bedeutung, die der Sprecher oder Schreiber der Aussage gibt. Sie entscheidet, ob ein Fragezeichen gesetzt wird. Beim Ausrufezeichen ist der Nachdruck das bestimmende Element und damit ist auch in diesem Fall die Bedeutung bzw. die kommunikative Funktion ausschlaggebend.

3.1 Intention und epistemischer Modus

Als kommunikative Funktion wird ebenso die Intention eines Satzes bezeichnet: „Sprecher verfolgen mit einer Äußerung bestimmte Intentionen gegenüber dem Hörer bezüglich des Inhalts der Äußerung. Diese Intention bezeichnet man als die kommunikative Funktion der Äußerung“ (IDS Mannheim 2004: Illokution, Hervorhebung im Original). Diese Intention kann eine tatsächliche Verhaltensänderung beim Hörer beinhalten bzw. als „Realisierung des beschriebenen Sachverhalts“ vom Gegenüber verstanden werden (Eva Breindl 2012: Illokution und kommunikative Funktion). Dies kann auf unterschiedliche Art und Weise realisiert werden:

(5) Geh weg!

(6) Hoffentlich gehst du jetzt endlich!

(7) Gehst du jetzt endlich?

(8) Es ist kalt.

Die Absicht in den Beispielen (5), (6) und (7) ist leicht zu erkennen: der Sprecher möchte, dass der Hörer geht. Es handelt sich um eine Aufforderungsintention (vgl. Breindl: 2012: Illokution und kommunikative Funktion). Verwirklicht wurde dies zunächst mit dem Imperativ (fünftes Beispiel), der die Absicht deutlich hervorhebt. Bei dieser Form der Äußerung wird die Intention des Sprechers durch den „Verbmodus Imperativ [...] grammatikalisiert und damit Bestandteil der grammatisch determinierten Bedeutung“ (Breindl 2012: Illokution und kommunikative Funktion). Der Imperativ ist der einzige Modus und damit ein syntaktisches Merkmal, das auf die kommunikative Funktion schließen lässt. Im Gegensatz dazu ist die Aufforderungsintention im sechsten Beispiel indirekt und durch die syntaktische Kategorie der Satzart allein nicht festzustellen: „Der Hörer kann sie erschließen, da nur er den Wunsch des Sprechers realisieren kann“ (ebd.) und sollte nicht mit dem epistemischen Modus der Hoffnung verwechselt werden. Auch im Beispiel (7) wird dies deutlich, trotz der Satzstellung und dem Auftauchen des Fragezeichens, welches auf einen Interrogativsatz schließen lässt, handelt es sich um eine Aufforderung. Im achten Beispiel ist die Aufforderungsintention gleichermaßen indirekt, da der Hörer nur aus der Verbalisierung der Tatsache, also der Äußerung an sich, den Schluss zieht, etwas an der Tatsache zu ändern (beispielsweise die Heizung aufzudrehen). In den folgenden Beispielen geht es um weitere Intentionen, die zwar nicht die tatsächliche Realisierung der Sachverhalte verlangen, dafür aber eine andere Art der Verhaltensänderung:

(9) Hast du schon gegessen?

(10) Sie hat geschummelt!

(11) Hoffentlich scheint die Sonne.

In Abwandlung der ersten Beispiele, ist das Neunte ein typischer Interrogativsatz mit Verberststellung, der die kommunikative Funktion einer Frage erfüllt. Denn es beinhaltet eine Antwortintention, bei dem der Sprecher dem Gegenüber zu einer Antwort bewegen möchte. (vgl. Breindl 2012: Illokution und kommunikative Funktion). Das zehnte Beispiel hat die Absicht den Hörer vom Gesagten zu überzeugen und besitzt dementsprechend eine Überzeugungsintention, wohingegen das elfte Beispiel die Wunschintention enthält, welcher vom epistemischen Modus Hoffnung abgeleitet wurde. Der Hörer kann diesen Wunsch lediglich zur Kenntnis nehmen, da er den Sachverhalt nicht realisieren kann (vgl. ebd.). Der Sprecher beabsichtigt in diesen Fällen eine Veränderung der geistigen Haltung bzw. die Übertragung von Wissen, wie es im neunten Beispiel der Fall ist. Ausgedrückt wird dieser durch den Interrogativsatz und dem Fragezeichen, da in diesem Fall auch die kommunikative Funktion mit der syntaktischen Kategorie der Satzart übereinstimmt,

In den Beispielen (1) - (4) ändert sich die Intention oder der epistemische Modus des Sprechers mit den Interpunktionszeichen. Im ersten Beispiel klingt es nach einer formalen Aussage darüber, dass das Gegenüber bereits gegessen hat. Es liegt scheinbar keine Einstellung vom Sprecher zur Tatsache (epistemischer Modus) und damit auch keine Intention (kommunikative Funktion) vor. Lediglich der Modalpartikel schon weist auf eine Einstellung des Sprechers hin: „Die Sprechereinstellung kann aber auch explizit gemacht bzw. präzisiert werden, und zwar z. B. mit Hilfe […] einer Modalpartikel“ (Rolf 1987: 203) und stellt fest, „um was für eine epistemische Einstellung es sich beim Sprecher genau handelt“ (Rolf 1987: 199, Hervorhebung im Original). Denn Rolf stellt die These auf, dass im Allgemeinen der Deklarativmodus die epistemische Einstellung Wissen realisiert: „die Bedeutung des Deklarativmodus […] besteht [darin] […], daß [sic!] der Sprecher weiß oder davon überzeugt ist, jedenfalls eine epistemische Einstellung dieser Art einnimmt, daß [sic!] der von ihm thematisierte Sachverhalt besteht (oder nicht besteht)“ (Rolf 1987: 191, Hervorhebung im Original). Dabei funktionieren u. a. Modalpartikel als Ausdrücke der Verstärkung oder Abschwächung der ausgedrückten Einstellung (vgl. ebd.). Rolf spricht vom Deklarativ modus[8] und nicht vom Deklarativsatz und betrachtet die Verbzweitstellung (ferner die fallende Satzintonation) als Kennzeichnung dessen. (vgl. Rolf 1987: 190). Zwar gilt diese Erscheinung als „für Deklarativsätze charakteristisch“, (ebd.) dennoch können auch Interrogativsätze eine Verbzweitstellung und demnach den Deklarativmodus aufweisen, wie das Beispiel (2) zeigt. Bredel bezeichnet diesen Fall als: „Aussagesatz mit Fragezeichen“ (Bredel 2011: 50). Rolf erklärt dieses Phänomen damit, dass der Sprecher zumindest einen Teil von dem weiß, wonach er fragt. So kann man den zweiten Beispielsatz auf unterschiedliche Weise interpretieren, aber in beiden Fällen glaubt der Sprecher zu wissen oder ist der Überzeugung zu wissen. Zum einen kann der Satz als Nachfrage des Sprechers fungieren, der davon ausgeht, dass das Gegenüber schon gegessen hat, aber nicht sicher ist. Der Sprecher glaubt zu wissen. Zum anderen kann es ein Assertionsfragesatz sein, wie es in diesem Fall möglich wäre: „Ich habe bei Lea Suppe gegessen.“ – „Was? Du hast schon gegessen?“. Hierbei weiß der Sprecher, dass das Gegenüber gegessen hat, zumindest im Augenblick der Fragestellung. Die Umkehrung des vorherigen Nicht-Wissens zum Wissen und die Überraschung über die Tatsache wird durch die Wiederholung der Aussage artikuliert. Die Wirkung bzw. die Einstellung vom Sprecher ist in beiden Interpretationen eine andere als das Wissen an sich über die Tatsache, wie im ersten Beispiel. Sie beinhalten beide als eine Frageäußerung eine Antwortintention, aber eher noch in der ersten Interpretation, da der Sprecher nicht genau um die Wahrheit weiß. Er erwartet ein „Ja“ oder „Nein“ und es kommt damit der Entscheidungsfrage gleich. Im zweiten Fall kann der Hörer auch antworten, aber die Intention des Sprechers liegt eher in der Kenntnisnahme des Anderen über seine emotionale Einstellung, sein Missfallen darüber. Deklarativsätze, die mit einem Fragezeichen abschließen, kennzeichnen demnach noch weitere epistemischen Modi als den des Wissens.

In Anlehnung an den Deklarativmodus weist Rolf dem Interrogativmodus auch einen eigenen epistemischen Modus zu, da dieser „so etwas wie ,Nicht-Wissen‘ zum Ausdruck bringt“ (Rolf 1987: 191) wie im Beispiel (9) zu sehen ist. Der Sprecher weiß in diesem Fall tatsächlich nicht (und glaubt auch nicht zu wissen), ob der Hörer gegessen hat und möchte eine Antwort auf seine Frage. Es handelt sich also um eine Antwortintention in Bezug auf den epistemischen Modus des Nicht-Wissens. Der Unterschied des Entscheidungsfragesatzes, wie es in diesem Beispiel der Fall ist, zum Assertionsfragesatz liegt in der als wahr vorausgesetzten Proposition.

[...]


[1] Anmerkung: Die Satzart als eine syntaktische Kategorie wird durch Kriterien unterschieden wie die Stellung des finiten Verbs oder hinweisende Wörter wie Fragewörter bei Interrogativsätzen. Um eine Verwechslung mit dem Inhalt bzw. der Funktion zu vermeiden, werden lateinische Namen benutzt (z. B. Interrogativsatz statt Fragesatz (vgl. Meibauer 1987: 1).

[2] Sprecher wird im Folgenden ebenso für Schreiber stehen

[3] Hörer wird ebenso für Leser stehen

[4] Im Weiteren wird diese auch Sprechereinstellung genannt

[5] Segmentaler Raum: „kleinste Einheit des Schreibraums“ (Bredel 2011: 19) bspw. ein Buchstabe

[6] Es werden drei Parsingaktivitäten unterschieden: das lexikalische (Verrechnung von Buchstaben zu Wörtern), das syntaktische (Wortfolge zu Sätzen/Phrasen) und das textuelle (Satzfolgen zum Text) (vgl. Bredel: 26).

[7] Der Leser muss fehlende Buchstaben rekonstruieren: „mach´s gut“statt „mach es gut“

[8] Der Satzmodus ist eine semantische Kategorie und unterscheidet sich vom Begriff der Satzart durch einen Form-Funktions-Zusammenhang (vgl. Meibauer 2008²: 82), genauer: „Während Satztypen [Satzarten] durch formale Merkmale wie Stellung des finiten Verbs, Verbmodus, Vorkommen von Frageausdrücken, Akzent und Intonation […] definiert werden, kommt, wenn man von Satzmodi spricht, ein Weiteres hinzu, nämlich die Ebene der semantischen Repräsentation“ (Meibauer 1987: 3).

Details

Seiten
21
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668694903
ISBN (Buch)
9783668694910
Dateigröße
576 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v423974
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
1,0
Schlagworte
Semantik Pragmatik Interpunktion Fragezeichen Ausrufezeichen Intention

Autor

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Titel: Funktion, Intention und Pragmatik des Ausrufe- und des Fragezeichens