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Zwischen Macht und Ohnmacht. Lehrerfiguren in Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe"

Bachelorarbeit 2017 33 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Macht und Ohnmacht – Begriffsverständnis
2.1 Macht
2.2 Ohnmacht

3. Die Figur Inge Lohmark in Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe
3.1 Zwischen Sozialismus und Biologismus – Inge Lohmarks Weltsicht als Zeichen ihrer Überlegenheit?
3.1.1 Abkehr von sozialistischen Ideen
3.1.2 Biologismus – Biologie als Universallehre
3.2 Inge Lohmarks Machtbereich
3.2.1 Wissen = Macht? – Wissensvorsprung Inge Lohmarks
3.2.2 „Was sie sagte, wurde gemacht.“ – Lohmarks Autorität als Lehrerin
3.3 Grenzen der Macht Inge Lohmarks
3.3.1 Inge Lohmarks Privatleben
3.3.3 Grenzen der Macht Lohmarks gegenüber ihren Schülern
3.3.4 „Das wird Konsequenzen haben.“ – Lohmarks Entlassung
3.3.5 Grenzen der biologistischen Weltsicht und des Wissens Lohmarks
3.3.6 Entwicklungsfähigkeit Inge Lohmarks

4. Weitere Lehrerfiguren in Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe
4.1 Thiele
4.2 Bernburg
4.3 Schwanneke
4.4 Kattner

5. Schlussbetrachtung

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

„Die Schule ist die einzige moderne Kulturfrage, die ich ernst nehme und die mich gelegentlich aufregt.“[1] Obwohl dieses Zitat Hermann Hesses über 100 Jahre alt ist, scheint es aktueller denn je. Kaum ein Thema wird so intensiv diskutiert wie das der Bildung, kaum eine Institution so leidenschaftlich kritisiert wie die Schule. Dabei lässt sich auch für die Auseinandersetzung mit Bildung und Schule in der neueren deutschen Literatur eine längere Tradition erkennen. Bereits 1766 entsteht mit Christoph Martin Wielands Geschichte des Agathon der erste große Bildungsroman, 30 Jahre später erscheint Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre, der in der Folge oft als klassisches Vorbild des sich entwickelnden Genres gesehen wird.

Die Institution Schule dagegen rückt erst mit dem Aufkommen der Reformpädagogik um 1900 vermehrt in den Mittelpunkt literarischer Auseinandersetzung. Die entsprechenden epischen Formen, zu denen beispielsweise Rilkes Die Turnstunde (1902) oder Musils Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (1906) zu zählen sind, stellen die Schule als autoritäres System dar und werden unter der Bezeichnung Internats- bzw. Schulgeschichten zusammengefasst. Lehrerfiguren[2] zeichnen sich in diesen Erzählungen fast ausnahmslos durch Strenge, Autorität und eine fast uneingeschränkte Machtfülle ihren Schülern gegenüber aus.[3] Während die Rollen der Lehrer- und Schülerfiguren im Verlauf des 20. Jahrhunderts und zu Beginn des 21. Jahrhunderts ganz unterschiedlich charakterisiert werden und eine eindeutige Unterscheidung von Tätern und Opfern zunehmend unmöglich erscheint, bleiben die Themen Gewalt und Macht in vielen Schulgeschichten immanent.

Judith Schalanskys Roman Der Hals der Giraffe stellt sich durch seinen Bezug im Untertitel in die Tradition des Bildungsromans. Allerdings ist fraglich, ob der Text, der 2011 erschienen ist und drei Tage aus dem Leben einer 55-jährigen Biologie- und Sportlehrerin beschreibt, tatsächlich den klassischen Merkmalen des Genres entspricht.[4] Im Gegenteil wird er von einigen Rezensentinnen sogar als „umgekehrter Bildungsroman“[5] bezeichnet. Um eine Schulgeschichte, in der in mehrfacher Hinsicht das Thema Bildung aufgegriffen wird, handelt es sich dennoch. Die Zuschreibung Bildungsroman könnte sich demnach nicht nur auf das literarische Genre beziehen, sondern auch auf die Auseinandersetzung mit dem Thema Bildung und dem Bildungssystem hinweisen sowie die mögliche Intention der Autorin beschreiben, einen Beitrag zur Bildung der Leser zu leisten.[6] Wie in vielen anderen Schulgeschichten werden dabei auch die Machtverhältnisse in der Schule thematisiert. Während die meisten Erzählungen dieser Art eng an die Sicht der Schülerfiguren gebunden sind, wird in Der Hals der Giraffe allerdings die Perspektive der Lehrerin eingenommen.

Die vorliegende Arbeit greift diese für Schulgeschichten ungewöhnliche Perspektivierung auf, indem sie die Machtverhältnisse durch eine Analyse der Lehrerfiguren herausarbeitet. Dazu werden im folgenden Kapitel erst verschiedene Machtkonzeptionen skizziert und eine Arbeitsdefinition der Begriffe Macht und Ohnmacht entwickelt. Im dritten Kapitel folgt eine Analyse der Hauptfigur des Romans Der Hals der Giraffe, Inge Lohmark, deren Fokus entsprechend auf dem Untersuchungsschwerpunkt liegt. Anschließend werden im vierten Kapitel weitere Lehrerfiguren des Textes charakterisiert, sodass im fünften Kapitel ein Vergleich der Figuren vorgenommen und ein entsprechendes Fazit gezogen werden kann.

2. Macht und Ohnmacht – Begriffsverständnis

Obwohl weitverbreitet in der Alltagssprache, zählt der Begriff der Macht zu den umstrittensten Begriffen im wissenschaftlichen Diskurs. In der Psychologie, der Philosophie, vor allem aber in der Soziologie und der Politikwissenschaft wurden zahlreiche Versuche unternommen, den Machtbegriff zu definieren oder ein in sich geschlossenes Machtkonzept zu entwickeln. Laut Kersting sei die Schwierigkeit einer genauen Begriffsbestimmung gerade dadurch zu erklären, dass der Machtbegriff zum kategorialen Grundbestand des Verständigungssystems gehöre.[7] Die semantische Mehrdeutigkeit[8] und die Nähe zu verwandten Begriffen wie „Einfluss“, „Kraft“, „Stärke“, „Autorität“, „Herrschaft“ und „Gewalt“ erschweren eine klare Begriffsdefinition,[9] sodass Morriss in Anlehnung an Robert Dahl formuliert:

„The meaning of the word ‘power’ seems like a will-o’-the-wisp: it tends to dissolve entirely whenever we look at it closely. We are sure that we meant something by the word, and have a vague idea what it is: but this understanding tends to fade away upon examination, until ‘power’ seems nothing more than ‘a giant glob of oily ambiguity’.”[10]

Um die vague idea in ein nachvollziehbares Begriffsverständnis umzuwandeln, soll die semantische Ambiguität ausgehend von der klassischen soziologischen Definition von Weber herausgearbeitet und in ein eindeutigeres Begriffsverständnis überführt werden.

2.1 Macht

In Max Webers vielzitierter Definition wird Macht als „jede Chance [definiert], innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.“[11] Bemerkenswert an dieser klassischen soziologischen Definition sind drei Aspekte: Zum einen betont Weber, dass sich Macht nur innerhalb einer sozialen Beziehung konstatiert, also von einer Person bzw. einer Personengruppe (Subjekt) auf eine andere (Objekt) ausgeübt wird. Zum anderen, so hebt Imbusch hervor, werde nicht spezifiziert, worauf die Chance der Willensdurchsetzung basiert.[12] Dadurch könnten „alle erdenklichen Qualitäten eines Menschen und verschiedenartige Konstellationen ihn in diese Lage versetzen.“[13] Außerdem betont Weber, dass die Willensdurchsetzung auch explizit gegen den Willen des Objektes vollzogen werden kann und grenzt den Machtbegriff so von der Herrschaft ab, weil diese immer ein minimales Einverständnis des Beherrschten voraussetze.[14] Da Macht ein Einverständnis nach dieser Definition nicht voraussetzt, kann sie gegebenenfalls auch durch Gewalt ausgeführt werden.[15]

Während die auf der Grundlage von Webers Definition entwickelten Machtkonzeptionen die Brechung des Willens des Machtunterworfenen als notwendige Bedingung sehen, entwickelt Niklas Luhmann ein Konzept, bei dem sich Macht durch die Möglichkeit der Verhängung negativer Sanktionen gegen das Objekt konstituiert.[16] So werde das Problem umgangen, den Willen des Machtunterworfenen feststellen zu müssen.[17] Von Macht könnte damit auch dann gesprochen werden, wenn unklar bleibt, inwiefern der Wille des Machthabers mit dem des Unterworfenen übereinstimmt.

Einen anderen Fokus legt Michel Foucault in seiner Analytik der Macht: Für ihn gibt es keine machtfreien Räume, vielmehr seien sämtliche soziale Beziehungen von Macht geformt.[18] Theorien, die den Zusammenhang von Macht und Wissen negieren, kritisiert er und formuliert: „Eher ist wohl anzumerken, [...] daß es keine Machtbeziehungen gibt, ohne daß sich ein entsprechendes Wissensfeld konstituiert, und kein Wissen, daß nicht gleichzeitig Machtbeziehungen voraussetzt und konstituiert.“[19]

Die vorliegende Arbeit hat nicht den Anspruch, ein einheitliches Machtkonzept auszuarbeiten und folgt damit den Ausführungen Balls, der die Diskussionen um das Begriffsverständnis nicht nur als ungelöst, sondern gar unlösbar ansieht.[20] Um dennoch eine Arbeitsdefinition des Machtbegriffes zu erhalten, die alle Dimensionen der vorgestellten Machtkonzepte abdeckt, soll Macht sowohl als power over als auch als power to verstanden werden.[21] Im ersten Fall liegt Macht dann vor, wenn der eigene Wille in einer sozialen Beziehung, also einem anderen Menschen gegenüber durchgesetzt wird. Dabei soll angenommen werden, dass es unerheblich ist, ob dieser Wille explizit gegen den Willen des machtunterworfenen Objektes oder durch die, gegebenenfalls nur implizite, Androhung negativer Sanktionen durchgesetzt wird. Der zweite Fall bezeichnet dagegen die Fähigkeit eines Subjektes, etwas zu tun oder zu erreichen, was es sonst nicht hätte tun können.[22]

2.2 Ohnmacht

Der Begriff der Ohnmacht scheint im Gegensatz zum Machtbegriff weniger umstritten. Im Bedeutungswörterbuch Duden sind nur zwei Bedeutungsmöglichkeiten eingetragen: „vorübergehende Bewusstlosigkeit“[23] und „Schwäche, Machtlosigkeit, Unfähigkeit zu handeln“[24]. Da eine physische Ohnmacht in Der Hals der Giraffe keinerlei Bedeutung spielt, wird in der vorliegenden Arbeit unter Ohnmacht entsprechend der zweiten Begriffsbedeutung grundsätzlich das Gegenteil von Macht verstanden. Explizit sind damit also einerseits die Machtlosigkeit gegenüber anderen Personen und somit die fehlende Möglichkeit, den eigenen Willen gegenüber diesen durchzusetzen, sowie andererseits die Unfähigkeit zu eigentlich intendiertem, also wiederum dem eigenen Willen entsprechenden Handeln, gemeint.

Entlang der Dimensionen Macht und Ohnmacht sollen in den folgenden beiden Kapiteln zuerst die Hauptfigur des Romans Der Hals der Giraffe, Inge Lohmark, sowie daran anschließend weitere Lehrerfiguren charakterisiert werden, um so einen Vergleich zu ermöglichen. Dabei wurde entsprechend der Untersuchungsperspektive ein aspektgeleitetes Vorgehen gewählt.

3. Die Figur Inge Lohmark in Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe

Bevor mit der Analyse der Figuren begonnen werden kann, sollen kurz einige narrative Elemente skizziert werden, die Auswirkungen auf die Figurencharakterisierung haben.

Insbesondere der narrative Modus, unter den nach Martínez/Scheffel „diejenigen Momente des Erzählens, die den Grad an Mittelbarkeit und die Perspektivierung des Erzählten betreffen“[25], fallen, scheint in diesem Zusammenhang von Bedeutung zu sein. An folgendem Beispiel aus Der Hals der Giraffe soll dieser daher exemplarisch untersucht werden:

Auf der Hohen Straße kam ihr eine Frau entgegen. Älter als sie. Kugeliger Bauch. Wächsernes Gesicht. (...) Nur nicht darauf eingehen. Keine Miene. Schreiadlerblick. Und wenn sie beide die letzten Menschen auf der Erde wären, würde Lohmark sie nicht grüßen. Was ging sie fremdes Elend an?[26]

Lässt sich der Anfang des Zitats für sich genommen noch als Erzählerbericht klassifizieren, scheinen die darauffolgenden Sätze eher der Innensicht der Figur zu entsprechen. Da es hier aber keine wörtliche Rede vorliegt und die Figurenrede nicht im Konjunktiv steht, kann es sich hierbei nur um erlebte Rede aus der Sicht Inge Lohmarks handeln.[27] Dem Leser wird dadurch eine geringe Distanz zur Figur und ihren Gefühlen suggeriert. Dies wird auch durch die Fokalisierung verstärkt. Nicht nur die Gedanken und Gefühle werden in erlebter Rede wiedergegeben, sondern auch die äußere Handlung entspricht der Wahrnehmung und dem Wissen der Figur. Es handelt sich hier also um einen klassischen Fall von interner Fokalisierung.[28] Das Erzählte entspricht somit vollkommen der subjektiven Wahrnehmung Lohmarks, der neutrale Erzähler tritt in den Hintergrund. Gleichzeitig, so weist Lorenz hin, werde im Text – außer in der wörtlichen Rede – vollständig auf das Pronomen „Ich“ verzichtet. Dies lasse sich als narrative Markierung des Ich-Verlusts der Hauptfigur deuten.[29]

Im Laufe der Erzählung ergeben sich immer wieder widersprüchliche Darstellungen, sodass Zweifel an der Zuverlässigkeit des Erzählens aufkommen.[30] Diese Widersprüche lassen sich jedoch auf die starke interne Fokalisierung und die enge Bindung des Erzählens an die Gedanken und Gefühle der Figur Inge Lohmark zurückführen und damit teilweise auflösen. Während das Erzählte normalerweise objektiv nur entweder wahr oder falsch sein kann, können sich die Gedanken, Einstellungen und Wahrnehmung einer Figur ja durchaus verändern und somit scheinbar oder tatsächlich widersprüchlich sein. Dabei lässt sich nicht eindeutig überprüfen, inwiefern das Erzählte die Realität der erzählten Welt wiedergibt, es kann aber davon ausgegangen werden, dass die Gedanken und die Wahrnehmung der Figur Inge Lohmark zuverlässig erzählt werden.[31]

Wie gezeigt werden konnte, ist die Erzählperspektive in Der Hals der Giraffe durch interne Fokalisierung und erlebte Rede stark mit der subjektiven Wahrnehmung Inge Lohmarks verknüpft. Insbesondere das Fehlen einer objektiven Erzählinstanz muss daher also bei der Analyse berücksichtigt werden.

3.1 Zwischen Sozialismus und Biologismus – Inge Lohmarks Weltsicht als Zeichen ihrer Überlegenheit?

3.1.1 Abkehr von sozialistischen Ideen

Wenn Inge Lohmark, teils melancholisch, an die DDR-Zeiten zurückdenkt, etwa, wenn sie sich an Siegerehrungen durch die Bürgermeisterin, den Lehrertag oder den Palast der Republik erinnert,[32] lässt sich dies auch als die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten interpretieren. Dabei war ihr Verhältnis zur Staatsmacht durchaus zwiespältig: Als ihr ehemaliger Lebensgefährte in die Bundesrepublik flüchtet, befasst auch sie sich mit dem Gedanken, die DDR zu verlassen. Allerdings entscheidet sie sich am Ende dagegen und arbeitet danach sogar als Informantin für die Staatssicherheit.[33]

Dennoch scheint sie sich – im Gegensatz zu ihrem Kollegen Thiele – von den sozialistischen bzw. kommunistischen Ideen mittlerweile abgewandt zu haben:

„Ach Thiele, wir haben uns doch gegenseitig in die Tasche gelogen. Geleugnet, dass es solche und solche Menschen gibt. Gute und schlechte, faule und fleißige. (...) Aber dass der Sozialismus siegt, das ist eben doch nicht so sicher wie das Fallgesetz.“[34]

Insbesondere die im Sozialismus propagierte Vorstellung, die Anlagen eines Menschen durch Erziehung verändern zu können, lehnt Lohmark nun ab. Stattdessen wird die Unterteilung von Menschen in „solche und solche“ durch Antithetik und Parallelismus verstärkt. An die Stelle sozialistischer Überzeugungen sind nach dem Ende der DDR aber keineswegs demokratische Werte getreten. Vielmehr hält sie Ideologien für austauschbar und lehnt sie dementsprechend ab: „Es war doch alles die gleiche Chose. Man nehme demokratisch und frei und ersetze es durch sozialistisch.“[35]

3.1.2 Biologismus – Biologie als Ersatz-Ideologie

Im Gegensatz dazu ist die Biologie für Lohmark universell gültig und nicht austauschbar:

Aber die Biologie, die war Tatsache. Und der Biologieunterricht Tatsachenbericht. Hier wurde Wissen vermittelt, das gesichert war und durch keine Umstellung auf ein anderes politisches System hinfällig wurde. Die Welt ließ sich allein aus sich heraus beschreiben und erklären. Und die Gesetze, der (sic!) sie unterworfen war, hatten uneingeschränkte Gültigkeit.[36]

Tatsächlich erklärt Inge Lohmark sich die Probleme und Situationen, mit denen sie konfrontiert wird, fast ausschließlich durch Übertragung biologischer Begriffe, Konzepte und Theorien auf die jeweiligen Lebensbereiche. So bezeichnet sie sich selbst als „K-Strategin“[37], weil sie nur ein Kind hat, und sieht ihre Schüler nicht als Individuen, sondern als Organismen, deren Art, Gattung, Ordnung und Klasse sie bestimmen kann.[38] Ihre Schülerin Ellen bezeichnet sie als „Opfertier“[39] und hilft ihr aus Prinzip nicht, da dies die natürliche Selektion nur verfälschen würde.[40] Damit vertritt sie eine biologistische Weltsicht. Unter Biologismus ist nämlich „ die Übertragung biologischer Prinzipien und Erklärungsmodelle auf nicht-biologische Phänomene“[41] zu verstehen. Dabei übertrage Lohmark, wie Lorenz darlegt, insbesondere Darwins Evolutionstheorie und das damit verbundene Konzept der Auslese sowie Rasse- und Zuchtgedanken auf die soziale bzw. politische Ebene und vertrete somit sozialdarwinistische Überzeugungen.[42]

Besonders die vermeintlich „uneingeschränkte Gültigkeit“[43] und die daraus resultierende Widerspruchsfreiheit der Biologie lassen sich als Gründe dafür ausmachen, dass Inge Lohmark eine solche Weltsicht vertritt. Sie verspricht dabei auch Orientierung in einer als unsicher empfundenen Umwelt,[44] insbesondere dadurch, dass sie eine klare Rollenverteilung zulässt und diese als sinnhaft erscheinen lässt: „In der Natur hatte alles seinen Platz, und wenn vielleicht auch nicht jedes Lebewesen, so doch zumindest jede Art ihre Bestimmung: fressen und gefressen werden. Es war wunderbar.“[45] Die Sinnfrage, die Lohmark bereits seit ihrer Kindheit beschäftigt,[46] scheint so gelöst zu werden. Zudem entbindet die Moralfreiheit der Biologie Lohmark vermeintlich davon,[47] sich mit ihrer eigenen moralischen Schuld auseinanderzusetzen.[48] Der Biologismus diene Lohmark letztlich als „stabiles Konstrukt“, um eine Distanz zu Problemen und eigenen Gefühlen zu erschaffen, so Lorenz.[49]

Ihre biologistische Weltsicht macht Lohmark also, zumindest aus ihrer Sicht, überlegen: Im Gegensatz zu sozialistischen und demokratischen Weltanschauungen bietet sie scheinbar widerspruchsfreie Erklärungen für jedes Problem, erlaubt eine klare Rollenzuteilung und suggeriert Sinnhaftigkeit, während moralische Überlegungen ausgeklammert und eigene Gefühle auf Distanz gehalten werden können.

3.2 Inge Lohmarks Machtbereich

3.2.1 Wissen = Macht? – Wissensvorsprung Inge Lohmarks

In Der Hals der Giraffe werden unterschiedliche Quellen von Macht beschrieben. Am deutlichsten werden Wissen bzw. ein Wissensvorsprung anderen gegenüber als Macht bezeichnet. So findet Inge Lohmark es beruhigend, dass sie ihre Schüler aufwachsen sieht, während diese ihr Altern kaum bemerken.[50] So kann sie die Entwicklung der Schüler mitverfolgen und gegebenenfalls entsprechend reagieren, wogegen dies für die Schüler demnach nicht möglich ist. „Und dieses Wissen machte sie mächtig.“[51], so resümiert sie. Das skizzierte Machtverständnis entspricht also am ehesten der Annahme Foucaults, dass Wissen und Macht eng miteinander verknüpft sind. Dabei handelt es sich um eine Form von power over, da der Wissensvorsprung relational auf eine andere Person bezogen ist.

Besonders gegenüber ihren Schülern wird dieser Wissensvorsprung immer wieder aufgegriffen und betont, etwa, wenn diese die Aufgaben eines unangekündigten Tests nicht beantworten können: „Hatten sie alles gehabt. Das war nun wirklich einfach.“[52] Zudem ist Lohmark davon überzeugt, dass ihre Schüler niemals in der Lage sein werden, komplexe Zusammenhänge wie den Entwicklungsprozess der Erde über Milliarden von Jahren hinweg, wirklich zu begreifen und impliziert, dass sie selbst dazu durchaus in der Lage sei.[53] Ihre Schüler aber „wussten nichts.“[54] Die Hyperbel betont dabei Lohmarks Auffassung, dass ihre Schüler nur sehr wenig wissen und begreifen können.

Dies macht sie sich zunutze, indem sie das vermeintlich unterlegene Wissen der Schüler in der Klasse vorführt und so ihre eigene Macht demonstriert. Als beispielsweise eine Schülerin versucht, das Unterrichtsthema mit ihrem Vorwissen aus einem anderen Bereich zu verknüpfen, bringt Lohmark sie zum Schweigen, indem sie sie erniedrigt:

Nicht nur dumm, sondern auch vorlaut. [...] „Nicht jeder Gedanke verdient es, artikuliert zu werden.“ Jetzt umdrehen. „Tabea, sollten Sie auf dem Gymnasium bleiben wollen, prüfen Sie bitte in Zukunft, ob Sie wirklich etwas Substanzielles zum Unterricht beizutragen haben.“ Mitten ins Gesicht. [...] Immerhin war die jetzt mundtot.[55]

Die Formulierung „Mitten ins Gesicht.“ lässt sich dabei als Metapher deuten, durch die Lohmarks Kommunikation mit der Stärke eines physischen Angriffs gleichgesetzt wird. Eigenständiges Denken wird so sanktioniert.

Gleichzeitig lässt sie es nicht zu, dass ihre Schüler persönliches Wissen über sie sammeln können: „Das Wetter war das gefährlichste. Vom Wetter war es nur ein Katzensprung zur persönlichen Befindlichkeit. Aber von ihr sollten sie nichts erfahren.“[56] Die scheinbare Harmlosigkeit des Themas wird hierbei rhetorisch durch die umgangssprachliche Wendung „nur ein Katzensprung“ verstärkt, während der erste und der letzte Satz des Zitats dazu durch das Adjektiv „gefährlich“ und die Hyperbel „nichts erfahren“ in starkem Kontrast stehen. Auch anderen Figuren gegenüber versucht sie, ihren Wissensvorsprung nicht dadurch zu gefährden, dass sie Persönliches preisgibt. So sind die Gespräche mit ihrem Nachbarn Hans vor allem dadurch gekennzeichnet, dass er ihr etwas aus seinem Leben erzählt, während sie vorwiegend zuhört.[57] Beim Gespräch mit Schwanneke sieht sie die wenigen Informationen, die diese über ihr Privatleben besitzt, als intendierten Angriff an.[58] Zurückführen lässt sich Lohmarks Einstellung wahrscheinlich auf ihre Erfahrungen in der DDR, in der sie selbst Teil eines Systems war, das den Wissensvorsprung über einzelne Personen gnadenlos ausnutzte.[59]

Dem Foucault’schen Machtverständnis entsprechend sieht Inge Lohmark überlegenes Wissen also als eine wichtige Machtquelle an. Ihren Schülern gegenüber betont sie ihren Wissensvorsprung und versucht gleichzeitig, persönliche Informationen nicht an andere Figuren weiterzugeben.

3.2.2 „Was sie sagte, wurde gemacht.“ – Lohmarks Autorität als Lehrerin

Eine weitere Machtquelle ist nach Auffassung Lohmarks die Autorität der Lehrerin, wobei Lehrer zwar grundsätzlich „Machthaber“[60] seien, diese qua Amt übertragene Macht aber durch das eigene Verhalten gestützt werden müsse.[61] Während ihrer Ausbildung zur Lehrerin und bei ihren ersten Unterrichtsversuchen merkt sie, dass insbesondere Strenge und Härte notwendig seien, um „den Spieß [umzudrehen]“[62] und die Macht von den Schülern zurückzugewinnen.[63] Dabei wird der Erkenntnisprozess durch den Kolumnentitel Atavismus, der als „Rückfall hinter einen bereits erreichten Entwicklungsstand“[64] verstanden werden kann, mit einem naturwissenschaftlichen Terminus in Verbindung gebracht und das lineare Lesen durch eine entsprechende Abbildung unterbrochen.[65]

[...]


[1] Hermann Hesse an Karl Isenberg, 25.11.1904. In: Ursula und Volker Michels (Hg.): Gesammelte Briefe, Bd. 1, Frankfurt am Main, 1973, S. 130.

[2] Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen, wird in der vorliegenden Arbeit im Plural entweder die männliche oder weibliche Form benutzt, die jeweils andere aber stets gleichermaßen mitgemeint. Sollten nur Menschen eines bestimmten Geschlechts gemeint sein, wird darauf explizit hingewiesen.

[3] Vgl. Glasenapp, Gabriele von: Gewalt in der Schule und ihre Darstellung in der Kinder- und Jugendliteratur. Ein Überblick. In: Thomas Zabka (Hg.): Schule in der neueren Kinder- und Jugendliteratur. Baltmannsweiler, 2008, S. 96; vgl. Mikota, Jana: Lehrer als Täter – Schüler als Opfer, oder doch umgekehrt? Schule in der Gegenwartsliteratur. In: Der Deutschunterricht 1, 2014, S. 72.

[4] So argumentiert Heyne beispielsweise, dass bereits das Alter der Hauptfigur, aber auch die fehlende Konfrontation mit wechselnden äußerlichen Bedingungen sowie das Fehlen einer inneren Entwicklung die durch den Untertitel erzeugten Erwartungen enttäuschten (vgl. Heyne, Elisabeth: „Nichts ging über Radialsymmetrie“. Zu einer bioästhetischen Poetik der Symmetrie zwischen Text und Bild in Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe. In: Textpraxis. Digitales Journal für Philologie 9, 2014, S. 4).

[5] Lovenberg, Felicitas von: Im Tierreich trifft man sich nicht zum Kaffeetrinken. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 09.09.2011, URL: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/judith-schalansky-der-hals-der-giraffe-im-tierreich-trifft-man-sich-nicht-zum-kaffeetrinken-11135465.html
?printPagedArticle=true#pageIndex_0, zuletzt abgerufen am: 28.10.2017.

[6] Vgl. Heyne: „Nichts ging über Radialsymmetrie“, 2014, S. 4; vgl. Stobbe, Urte: Nach der Natur. Biologismen in Figurengestaltung und Erzählverfahren bei Jenny Erpenbeck (Heimsuchung) und Judith Schalansky (Der Hals der Giraffe). In: KulturPoetik 16, 2016, S. 106; vgl. Lemke, Anja: Bildung als formatio vitae. Zum Verhältnis von Leben und Form in Judith Schalanskys Der Hals der Giraffe. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 41 (2), 2016, S. 397.

[7] Vgl. Kersting, Wolfgang: Drei Theorien der Macht. In: Analyse & Kritik 13, 1991, S. 134.

[8] So zählt Imbusch sechs unterschiedliche Bedeutungsvarianten des Begriffes, die durch Komposita noch ergänzt werden (vgl. Imbusch, Peter: Macht und Herrschaft in der wissenschaftlichen Kontroverse. In: Ders. (Hg.): Macht und Herrschaft. Sozialwissenschaftliche Theorien und Konzeptionen. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Wiesbaden, 2012, S. 10).

[9] Vgl. Imbusch: Macht und Herrschaft in der wissenschaftlichen Kontroverse, 2012, S. 9.

[10] Morriss, Peter: Power. A Philosophical Analysis, 1987, S. 1. Morriss zitiert hier im letzten Halbsatz aus Dahl, Robert: A Rejoinder. In: American Political Science Review 51, 1957, S. 1056.

[11] Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 3. Auflage. Tübingen, 1948, S. 28.

[12] Vgl. Imbusch, Peter: Macht – Autorität – Herrschaft. In: Johannes Kopp / Anja Steinbach (Hg.): Grundbegriffe der Soziologie, 11. Auflage. Wiesbaden, 2016, S. 208.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Weber: Wirtschaft und Gesellschaft, 1948, S. 29.

[15] Vgl. Göhler, Gerhard: Macht der Öffentlichkeit – Öffentlichkeit der Macht. Baden-Baden, 1995, S. 8.

[16] Vgl. Brodocz, André: Mächtige Kommunikation. Zum Machtbegriff von Niklas Luhmann. In: Peter Imbusch: Macht und Herrschaft. Wiesbaden, 2012,, S. 248, 252.

[17] Vgl. ebd., S. 253.

[18] Vgl. Kneer, Georg: Die Analytik der Macht bei Michel Foucault. In: Peter Imbusch: Macht und Herrschaft. Sozialwissenschaftliche Theorien und Konzeptionen. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Wiesbaden, 2012, S. 268.

[19] Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/Main, 1977, S. 39.

[20] Vgl. Ball, Terence: Power. In: Robert E. Goodin/Philip Pettit (Hg.): A companion to contemporary political philosophy, Oxford, 1993, S. 554.

[21] Vgl. Pitkin, Hanna F.: Wittgenstein and Justice. On the Significance of Ludwig Wittgenstein for Social and Political Thought. Berkley u. a., 1972, S. 276f.

[22] Vgl. ebd.; vgl. Imbusch: Macht und Herrschaft in der wissenschaftlichen Kontroverse, 2012, S. 11.

[23] Art. Ohnmacht. In: Dudenredaktion (Hg.): Duden. Das Bedeutungswörterbuch. 4., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Mannheim, 2010, S. 693.

[24] Ebd.

[25] Martínez, Matías/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 9., erweiterte und aktualisierte Auflage. München, 1999, S. 49.

[26] Schalansky, Judith: Der Hals der Giraffe. Bildungsroman. 2. Auflage. 2012, Berlin, S. 61. Im Folgenden wird in den Fußnoten für diesen Text die Sigle HdG verwendet.

[27] Vgl. Martínez/Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie, 1999, S. 55. Die erlebte Rede stellt laut Martínez/Scheffel eine Mischform aus direkter und indirekter Rede dar, steht üblicherweise in der dritten Person Indikativ Imperfekt und ermöglicht einen nahtlosen Übergang zwischen Erzählerbericht und Figurenrede (vgl. ebd.). Alle genannten Merkmale liegen hier vor.

[28] Vgl. ebd., S. 67f.

[29] Vgl. Lorenz, Matthias N.: Das fühlende Tier. Natur versus Kultur in Judith Schalanskys Rückbildungsroman Der Hals der Giraffe. In: Sven Kramer/Martin Schierbaum (Hg.): Neue Naturverhältnisse in der Gegenwartsliteratur ? Berlin, 2015, S. 272.

[30] So wird einerseits erzählt, dass sich Lohmark nie langweile (vgl. HdG, S. 37), andererseits wird an anderer Stelle erwähnt, dass sie sich sogar einen Unfall herbeisehne, um aus der täglichen Routine herauszukommen (vgl. HdG, S. 177). Auch Lohmarks Einstellung zu ihrem Nachbarn Hans wird einerseits als ablehnend, andererseits als bewundernd dargestellt (vgl. HdG, S. 79f., 176).

[31] Da davon auszugehen ist, dass das Erzählte mit Gedanken und Wahrnehmung der Figur Inge Lohmark identisch ist, wird die Trennung zwischen personalem Erzähler und Lohmark im Folgenden sprachlich nicht mehr gekennzeichnet.

[32] Vgl. HdG, S. 76, 102, 125.

[33] Vgl. HdG, S. 41f., 92.

[34] HdG, S. 144.

[35] HdG, S. 150.

[36] HdG, S. 49.

[37] HdG, ebd.

[38] Vgl. HdG, S. 19-21.

[39] HdG, S. 71.

[40] Vgl. HdG, S. 96.

[41] Art. Biologismus. In: Martin Gessmann (Hg.): Philosophisches Wörterbuch. 23., vollständig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart, 2009, S. 101.

[42] Lorenz: Das fühlende Tier, 2015, S. 263.

[43] HdG, S. 49.

[44] Inge Lohmarks Wahrnehmung der Umwelt als unsicher wird durch den im Text wiederholt auftretenden Chiasmus „Nichts war sicher. Sicher war nichts.“ (vgl. HdG, S. 74, 204) betont.

[45] HdG, S. 8.

[46] Vgl. HdG, S. 182

[47] Vgl. HdG, S. 79.

[48] Als Konsequenz verdrängt sie lange Zeit beispielsweise ihre Schuld am Fortgehen ihrer Tochter und im Zusammenhang mit der heimlichen Abtreibung (vgl. HdG, S. 164f.) sowie die Auseinandersetzung mit ihren Tätigkeiten für die Staatssicherheit.

[49] Vgl. Lorenz: Das fühlende Tier, 2015, S. 272.

[50] Vgl. HdG, S. 18.

[51] Ebd.

[52] HdG, S. 108; vgl. HdG, S. 108.

[53] Vgl. HdG, S. 182f.

[54] HdG, S. 183.

[55] HdG, S. 134f.

[56] HdG, S. 23f.

[57] Vgl. HdG, S. 78-81.

[58] Vgl. HdG, S. 162.

[59] Vgl. auch Lorenz: Das fühlende Tier, 2015, S. 269.

[60] HdG, S. 13.

[61] Vgl. HdG, S. 202.

[62] Ebd.

[63] Vgl. HdG, S. 199, 202.

[64] Art. Atavismus. In: Martin Gessmann (Hg.): Philosophisches Wörterbuch. 23., vollständig neu bearbeitete Auflage, Stuttgart, 2009, S. 62.

[65] Vgl. HdG, S. 200f.

Details

Seiten
33
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668692701
ISBN (Buch)
9783668692718
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v423859
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Note
1,0
Schlagworte
Hals der Giraffe Macht Ohnmacht Inge Lohmark Lohmark Sozialismus Biologismus Wissen Autorität Lehrer Lehrerin Privatleben Schüler Entlassung Entwicklungsfähigkeit Thiele Bernburg Schwanneke Kattner

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Titel: Zwischen Macht und Ohnmacht. Lehrerfiguren in Judith Schalanskys "Der Hals der Giraffe"