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Die Literaturgattung Dystopie am Beispiel der "Tribute von Panem" von Suzanne Collins

Facharbeit (Schule) 2017 20 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Literaturgattung Dystopie
2.1 Definition
2.2 Charakteristische Merkmale
2.3 Differenzierung Dystopie/Utopie
2.4 Fehlerhafte Genrezuordnungen
2.5 Funktion
2.6 Geschichte und Ausblick

3. Dystopische Elemente im Reality TV anhand der Beispieltrilogie „Die Tribute von Panem“

4. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Da die bisherigen Studien zur Definition der Dystopie meist sehr umfassend und zum Teil äußerst komplex sind, ist es das Ziel dieser Facharbeit, einen Überblick über die Literaturgattung zu geben sowie die neuzeitliche Nachfrage nach Dystopien sachlich zu begründen. Dabei werde ich mich der generellen Auffassung des Begriffes Dystopie widmen und das Genre definieren, um anschließend dessen Geschichte, Funktion und charakteristische Merkmale aufzuführen. Außerdem grenze ich häufig auftretende, fehlerhafte Genrezuweisungen von der dystopischen Literatur ab und stelle die Dystopie der literarisch verwandten Utopie gegenüber.

Im zweiten Teil der Arbeit widme ich mich der Rolle der Medien und der Darstellung der Hungerspiele in der dystopischen Trilogie „Die Tribute von Panem“ sowie dem Erfolg des heutigen Reality-TVs in Bezug auf die Romane von Collins. Hier erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem in den Werken anzufindenden Medienaspekt, wobei die in den Büchern geschilderte Reality-Show mit den realen Tendenzen aktueller Fernsehsendungen konfrontiert und verglichen wird.

2. Die Literaturgattung Dystopie

2.1 Definition

Die Dystopie wird gemeinhin als negative, fiktive und meistens literarische Zukunftsvision definiert. Der Begriff setzt sich aus der altgriechischen Vorsilbe dys- (übel, schlecht) und dem Nomen tópos (Ort) zusammen. Folglich entwirft das Literaturgenre das Bild eines schlechten Ortes. Gelegentlich werden überdies die Synonyme Mätopie, Kakotopie, Anti-Utopie oder negative Utopie verwendet, wobei diesen Bezeichnungen vereinzelt auch andere Attribute zugeschrieben werden, „die jeweils unterschiedliche Aspekte der Gattung hervorheben und zu unterschiedlichen Definitionen führen“ (Wiemers, 2012, S. 8). So werden Dystopie und Anti-Utopie zeitweilig insofern differenziert, als dass die anti-utopische Literatur den utopischen Grundgedanken anfechtet, während Erstere lediglich ein düsteres futuristisches Gesellschaftsbild entwirft. Teilweise werden der dystopischen Literatur auch Utopie-parodistische Elemente zugeschrieben, bedingt durch die unmöglich scheinende Realisierbarkeit einer vollständig utopischen Gesellschaft. So wird das Genre oftmals als provokant und wagemutig empfunden, was der Literaturkritiker Tom Moylan bestätigt: „[dystopias] explore and go to where others will not, might not, dare not go“ (Moylan, 2000, S. 4).

Weiterhin lässt sich das dystopische Genre in zwei Kategorien gliedern: Auf der einen Seite wird mit dem Terminus „utopian dystopia“ (ebd., 2000, S. xiii) auf eine Dystopie angespielt, welche bestenfalls in einer Neuorientierung des fiktiven Regimes resultiert, oder in der zumindest Widerstand gegen das repressive System geleistet wird. Zu dieser Kategorie zählt beispielsweise die „Die Tribute von Panem“-Trilogie (Collins, 2009-2011). Auf der anderen Seite registrieren und reflektieren die Unterdrückten in der „anti-utopian dystopia“ (Moylan, 2000, S. xiii) die Ungerechtigkeiten, auch wenn die vorherrschende Macht ohne Unterlass dagegenwirkt und der misstrauische Protagonist folglich in seinen rebellischen Unternehmungen scheitert. Unter diese Rubrik fällt George Orwells klassische Dystopie „1984“ (Orwell, 1949), welche mit der Gehirnwäsche des Hauptakteurs und somit der Umkehrung dessen Skepsis sowie der Infragestellung des vorherrschenden Systems endet.

2.2 Charakteristische Merkmale

Es erweist sich als problematisch, anhand der inhaltlichen Gattungsbestimmung auf typisch dystopische Charakteristiken zu schließen. Da zahlreiche „inhaltliche Überschneidungen“ (Schweikart, 2012, S. 7) mit anderen Literaturgattungen wie Fantasy oder Science-Fiction vorliegen, werden Dystopien häufig diesen Gattungen zugeschrieben. Dennoch lassen sich Anhaltspunkte aufzeigen, die auf das untersuchte Genre verweisen. Zu den klassischen Dystopien, welche nachfolgend aufgezeigte Elemente aufweisen und das Genre repräsentieren und geformt haben, zählen u. a. die Werke „1984“ von George Orwell (1949), „Fahrenheit 451“ von Ray Bradbury (1953) oder Aldous Huxley’s „Schöne neue Welt“ (1932).

Das zentrale Merkmal dystopischer Universen ist die absolutistische Regierungsform. Meist liegt diese in Form eines futuristischen, kapitalistischen Feudalsystems, mitsamt einem Diktator als Staatsoberhaupt vor. Jener wird von den Bürgern fanatisch verehrt, es herrscht ein regelrechter Personenkult. Fernerhin konvergieren Dystopien gemeinhin in dem Punkt ihrer Vergangenheit: In den meisten Handlungen wurde die kontemporäre Welt von Kriegen, Krankheiten oder Naturkatastrophen zerstört. Hinzu kommt häufig eine düstere Vorgeschichte, welche von Revolutionen oder Aufständen berichtet, in denen jegliches kulturelles Erbe vernichtet und humane Werte beschnitten wurden. Seitdem ist von der parallel existierenden Gesellschaft wenig bekannt, weshalb sich die Menschen vor dieser fürchten, und „die Bewohner der Zonen außerhalb […] als Barbaren, Wilde oder Primitive [wahrnehmen]“ (Mikota, 2015, S. 61). Ein weiteres Kennzeichen des Genres ist die Ungleichheit in der Sozialstruktur der „scheinutopisch[en]“ (Teoman, 2012, S. 8) Gesellschaft. In der Regel ist diese partiell hochmodernisiert und der Lebensstil der Wohlhabenden von außerordentlichen technischen Innovationen geprägt. Die Unterschicht der Zweiklassen- oder Kastengesellschaft lebt hingegen in ärmlichen Verhältnissen. Ihr mangelt es an lebensnotwenigen Gütern, Bildung und medizinischer Versorgung. Zudem ist ihr jegliche Freiheit genommen. Sie wird vom Militär des totalitären Überwachungsstaates unterdrückt, führt ein „fremdbestimmtes Leben“ (Mikota, 2015, S. 59) und leidet unter zahlreichen weiteren Restriktionen. Dazu zählt unter anderem die Pflicht, in der Industrie zu arbeiten, um der elitären Oberschicht ein luxuriöses Leben zu sichern. Auf die Spitze getrieben wird die Version vom unmündigen Arbeitsvolk in dem Roman „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley (1932), in welchem eigens für bestimmte Aufgaben gezüchtete Menschen für das Gemeinwohl, aber primär für die Elite, in Handwerk und Industrie arbeiten.

Um von vornherein Kritik oder Gegenwehr auszuschließen, werden diese Individuen sowohl konditioniert als auch in ihren intellektuellen Fähigkeiten beschränkt. Sowohl die Oberschicht als auch die Arbeiter werden in dieser Dystopie nicht durch „Brot und Spiele“ (siehe Kap. 4) ruhiggestellt, sondern mithilfe einer euphorisierenden Droge („Soma“), die jegliches Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung mit dem System auslöscht.

Desweiteren bestimmt strenge Systemkonformität und Zensur das tägliche Leben einer dystopischen Gesellschaft, in welcher „nur das Kollektiv […] entscheidend [ist]“ (Teoman, 2012, S. 13). Jegliche Individualität wird als unbedeutend, schändlich oder als eine Auflehnung gegen das Regime verstanden. Dies soll auf Dauer Frieden und Sicherheit gewähren (vgl. Mikota, 2013). Hinzu kommt manipulative staatliche Propaganda, welche der Loyalitätssicherung und Zweifelsbeseitigung der Bürger dient. Dennoch wagen es skeptische, meist als Außenseiterfigur angelegte Protagonisten, die bestehenden Strukturen sowie die Stellvertreter des Systems zu hinterfragen. Zunächst verspüren diese oft den Zwang, „sich der Gesellschaftsstruktur unterzuordnen und ihr Leben von den Herrschenden bestimmen zu lassen“, da ein Verstoß gegen die Gesellschaftsordnung „das Ausgestoßenwerden aus der Gesellschaft“ sowie „den Verzicht auf ein friedliches und angenehmes Leben“ (Mikota, 2015, S. 62) bewirken würde. Katniss, die Protagonistin der „Panem“-Dystopie berichtet dementsprechend, dass sie lernte, ihre „Zunge zu hüten und eine gleichgültige Maske aufzusetzen, damit niemand […] [ihre] wahren Gedanken lesen [kann]“ (Collins, 2008, S. 11).

2.3 Differenzierung Dystopie/Utopie

Die Differenzierung der gesellschaftskritischen Literaturgattungen Dystopie und Utopie ist äußerst kompliziert. Bis heute hat sich die Wissenschaft noch nicht auf eine einheitliche Definition beider Termini geeinigt, weshalb sich diese in einer permanenten, unauflöslichen Spannungskonstellation befinden. Anders als oft angenommen, stehen die Textarten nicht in einem „explizite[m] Gegensatzverhältnis“, sondern basieren aufeinander (Kessler, 2000, S. 195).

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird die in Thomas Morus‘ (1516) gleichnamigen „staatstheoretische[m] Werk“ (Rach, 2016) erstmals erörterte Utopie entgegen ihrer literaturwissenschaftlichen Definition durchweg als Fachterminus für ein positives, idealisiertes Staatsgebilde der Zukunft verwendet. Allerdings bezieht sich die Bezeichnung, wie ihr Name bereits impliziert (altgriechische Urbegriffe ou- für nicht und tópos für Ort), lediglich auf ein fiktives, häufig futuristisches Gesellschaftskonzept, einen Nicht-Ort. Ein positiver „Entwurf einer egalitären Gesellschaft“ (ebd., 2016) wird wiederum fachspezifisch als Gut-Ort (eu- für gut und tópos für Ort), beziehungsweise als Eutopie bezeichnet, während dessen Gegenteil, eine negative Gesellschaftsordnung, Dystopie genannt wird. Dementsprechend dient die Utopie in wissenschaftlichen Beiträgen einzig und allein als Hyperonym für eutopische und dystopische Literatur.

2.4 Fehlerhafte Genrezuordnungen

Des Öfteren werden literarische Werke dem dystopischen Genre zugeordnet, wobei sie die dafür erforderlichen Kriterien keinesfalls, oder nur in geringem Maße erfüllen (siehe Kap. 2.2). Meist liegt eine maßgebliche Verwechslung mit der Literaturgattung der Postapokalypse vor, zumal zahlreiche postapokalyptische Publikationen dystopische Elemente, und Dystopien häufig eine für Postapokalypsen typische Vorgeschichte aufweisen, welche die Vernichtung einer Zivilisation thematisiert. Genauer betrachtet lassen sich jedoch einige fundamentale Unterschiede herausstellen. Der relevanteste Antagonismus zwischen den thematisch verwandten Genres ist zunächst die Gesellschaftsordnung. In klassischen Dystopien verfügt der repressive Staat über das Individuum. Freiheitsbeschränkung, Überwachung, Konformität und Diktatur sind Leitbilder des dystopischen Konstrukts. Im Mittelpunkt postapokalyptischer Werke steht dementgegen die Destruktion der Erde, es herrschen anarchische und archaische Verhältnisse und jegliche gesetzesschaffende, staatliche Systeme existieren nicht mehr: Angesichts dessen geht „die wahre Gefahr für die […] [Protagonisten/Bevölkerung] […] von den anderen Überlebenden aus“ (Klingenmaier, 2016). Somit ist jedes verbliebene Individuum für sich selbst verantwortlich und autonom in seinem Aktionsradius.

Auch im Punkt des Handlungskerns grenzen sich die Gattungen voneinander ab. Während sich Postapokalypsen hauptsächlich mit dem menschlichen Überlebensdrang in einer „barbarisch gewordenen Welt“ (ebd., 2016) und der Vision eines Neuanfangs befassen, legt die Dystopie ihr Augenmerk auf autoritäre Staatsgebilde, radikale Machtergreifung und die dafür charakteristische Unterdrückung von Einzelpersonen. Nichtdestotrotz können Dystopien postapokalyptische Wurzeln haben. So ist es zweifellos denkbar, dass die postapokalyptische Gesellschaft unter den herrschenden Extremzuständen eine dystopische Sozialstruktur hervorbringt, sobald aufkommende utopische Visionen anlässlich des Sehnens nach Struktur und Ordnung „mithilfe totalitärer Zwänge in die Praxis umgesetzt werden“ (Rach, 2016).

Darüber hinaus werden die Gesellschaftsvisionen der gesonderten Subgattungen des futuristischen Genres Science-Fiction (dt. „Wissenschaftsfiktion“) als schlichte Dystopien missverstanden. Als aussagekräftiges Beispiel dafür gilt der Film „Blade Runner“ (1982). Zwar verfügt der in den 80er Jahren entstandene Kult-Film über Grundzüge einer „aus dem Gleichgewicht geratene[n], [dystopischen] Gesellschaft“ (Unterholzner, 2013), fungiert jedoch genau genommen als Musterbeispiel für den Sci-Fi Zweig Cyberpunk. Die Werke dieses Genres konzentrieren sich auf hochentwickelte, innovative Technologien und deren Konsequenzen auf die fiktive „Informationsgesellschaft“ (Janzen, 2012). Für gewöhnlich werden Aspekte wie künstliche Intelligenz, starke soziale Missstände bedingt durch den technischen Fortschritt oder das Integrieren von zur Überwachung dienenden Implantaten in den menschlichen Organismus, sogenannter Cyberware, thematisiert. Dasselbe gilt für die Subgattung Biopunk, in welcher das Augenmerk auf eskalierte Genmanipulation und Klonen gelegt ist. Ein populäres Exempel dafür ist die mehrteilige Computerspielverfilmung „Resident Evil“ (2002-2017).

Dem ist hinzuzufügen, dass nahezu alle dystopischen Science Fiction-Werke der Soft Science Fiction entsprechen, in welche sich das Sci-Fi-Genre nuancieren lässt. Im Gegensatz zu der logisch aufgebauten Hard Science-Fiction, die sich an naturwissenschaftlichen Fakten orientiert und sich hauptsächlich der technischen Entwicklung und weniger fiktiven Charakteren oder der Gesellschaft widmet, entwirft diese ein Konstrukt, das sich mit den für Dystopien typischen, geisteswissenschaftlichen sowie gesellschaftlichen Themen auseinander setzt.

2.5 Funktion

In erster Linie verfügen dystopische Lektüren in ihrer Rolle als „mahnende Literatur“ (Mikota, 2015, S. 49) über die Funktion, die Auswirkungen eines „unseen and unexamined social system on the everyday lives of everyday people“ (Moylan, 2000, S. 13) zu veranschaulichen. Dabei muss das Fiktive von zunächst wahrscheinlichen Zukunftsannahmen, dem vom US-amerikanischen Literaturwissenschaftler Irving Howe ausformulierten „sense of the probable“ (Howe, 1962, o. S.) abweichen, darf dabei jedoch nicht seine Plausibilität verlieren. Insofern kritisieren Dystopien „das realweltliche […] Gesellschaftssystem […] und [stellen] seine Mängel und Probleme in der fiktiven Gesellschaft satirisch überhöht dar […]“ (Wiemers, 2012, S. 6). Sie weisen die aktuelle Generation nachdrücklich darauf hin, sich auf ein negatives Extrem hin zu entwickeln, das unter allen Umständen abgewendet werden muss. Somit werden negative Gesellschaftstendenzen aufgezeigt und vor möglichen Konsequenzen dieser (Un-)Kultur gewarnt. Ein opportunes Beispiel dafür ist die „Ugly“-Trilogie des US-Amerikaners Scott Westerfeld (2007-2008), welche den Schönheitswahn und das exzessive Streben nach Popularität des 21. Jahrhunderts anprangert: In einer futuristischen Stadt wird jeder Bürger an seinem 16. Geburtstag einer plastischen Schönheitsoperation unterzogen, in welcher er zu einem gesellschaftlich angesehenen „Pretty“ (dt. „Hübschen“) umoperiert wird. In dem Fortsetzungsroman „Extras“ (2010) erhalten die Einwohner jene Anerkennung, indem sie auf einer weltweiten Popularitätsskala einen besonders hohen Rang innehaben. Ebenso hochaktuell ist der dargestellte Sachverhalt in der medienkritischen Dystopie „Die Tribute von Panem“ (2009-2011). Diese setzt ihren Fokus auf eine menschenverachtende Realityshow im futuristischen Amerika.

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Details

Seiten
20
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668694224
ISBN (Buch)
9783668694231
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v423854
Note
1
Schlagworte
Dystopie Utopie Hunger Games Tribute von Panem Adoleszenzliteratur Facharbeit Suzanne Collins Jugendliteratur Medien Zukunftsvisionen
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Titel: Die Literaturgattung Dystopie am Beispiel der "Tribute von Panem" von Suzanne Collins