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Neue Wege der Kriegführung im Ersten Weltkrieg. Die Artillerie und ihr Beitrag zum Stellungskrieg

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 20 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kriegssituation ab 1916

3. Die Quellen

4. Die Kriegsmaschinen
4.1. Technische Innovationen
4.2. Feuerverfahren

5. Der deutsche Stellungsbau
5.1. Aufbau von Stellungen, Schutzengraben und Unterstanden
5.2. Der Verteidigungskampf

6. Schlussbetrachtungen

7. Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Den Strategen des "GroBen Krieges" fiel uber Jahre nichts besseres ein, als immer blutigere und absurdere Materialschlachten zu inszenieren, in denen unter Aufbietung der anvanciertesten For- men moderner Destruktionstechnik der frontale Durchbruch errungen und, als sich dies als illoso- risch erwies, der Gegner "weiBgeblutet" werden sollte."1

Die vorliegende Arbeit siedelt ihren Untersuchungsgegenstand in der Nahe eines Phanomens an, das auch heute noch das Bild vom Ersten Weltkrieg entscheidend pragt. Ein GroBteil des Kriegsverlaufes an der Westfront bildeten eine Vielzahl von mehrmonatigen Schlachten, die trotz intensivstem Material- und Menschen- einsatz auf beiden Seiten keine nennenswerten Veranderungen der Frontlinie brachten. Das einleitende Zitat beschreibt dieses Phanomen der Materialschlach­ten sehr treffend. Im modernen Krieg wurde der Soldat als "Angestellter des To- des" zum "FlieBbandarbeiter" an einem perfektionierten Arbeitsplatz.2 Er arbeitete an, mit und fur die Maschine gewordene Waffe. Besonders passend ist dieser Ver- gleich auf die Tatigkeit des Artilleristen, der den Tag unermudlich damit verbrach- te, seine Maschine mit Granaten zu futtern. Die Artillerie war mit das wichtigste Kriegsgerat in den Schlachten an der Westfront, weshalb sie hier einmal groBere Aufmerksamkeit verdient.3 Warum haben Kriegsgerate in bis dahin nie dagewese- ner Perfektion nicht zu einem zugigen Ende der Kampfhandlungen gefuhrt? Was hat den Stellungskrieg rund 48 Monate am Leben erhalten?4 Eine mogliche von vielen Antworten soll hier bei der Artillerie und dem deutschen Stellungsbau ge- sucht werden. Kurzum, was war 1916-1917 der Beitrag der Artillerie zum Stel- lungskrieg?

Zur Bearbeitung dieser Problemstellung wird kurz auf die allgemeine Kriegssitua- tion an der Westfront eingegangen. Vor diesem Hintergrund erfolgt anschlieBend eine ausfuhrliche Quellenkritik von Teilen der Reihe "Vorschriften fur den Stel­lungskrieg fur alle Waffen". Im vierten Kapitel werden ausgewahlte technische Neuerungen vorgestellt, die die Kampfweise maBgeblich beeinflusst haben. Das letzte Kapitel untersucht den Deutschen Stellungsbau. Die beiden Bande 1. und 8. der Dienstvorschrift befassen sich mit Anweisungen einerseits fur den Stellungsbau, andererseits mit taktischen Empfehlungen fur die Abwehrschlacht. Auszuge aus ihnen werden daraufhin analysiert, in welcher Weise auf die Bedrohung durch feindliches Artilleriefeuer eingegangen wird, wie sich die Verteidigung der deutschen Stellungen gestaltete und inwiefern das alles sich auf den Stellungskrieg auswirkte. Damit mochte diese Untersuchung nicht nur reine Operationsgeschichte betreiben indem sie taktische Probleme behandelt und erlautert, sondern vielmehr zur Behandlung eines grundsatzlichen Dilemmas des Ersten Weltkrieges beitragen.

Im Text sind die ausgewahlten Quellenausschnitte abgedruckt. Dabei hat sich der Verfasser erlaubt, diese aus Platzgrunden nach Relevanz fur das Thema zu kurzen. Aufgrund des begrenzten Rahmens ist nur eine exemplarische Bearbeitung der Quellentexte moglich. Wichtigere Literatur fur diese Arbeit sind von Hans Lin- nenkohl5, der detailliert die Entwicklung der Feuerwaffen und deren strategischen Probleme beschreibt; das Handbuch deutscher Militargeschichte; eine Untersu­chung der deutschen Landkriegtaktik von Ralf Raths6, der noch am ehesten auf die ansonsten in der Literatur relativ wenig beachteten Vorschriften fur den Stel­lungskrieg eingeht; und der Bericht von John Keegan7 uber die Somme-Schlacht.

2. Kriegssituation an der Westfront ab 1915

Der Erste8 9 Weltkrieg war in Europa nicht nur der erste langere Krieg seit geraumer Zeit, sondern er unterschied sich zu den fruheren Feldzugen sowohl in der Kriegs- fuhrung, als auch der Austragungsweise der Schlachten vollkommen. Er war ein industrialisierter Krieg geworden, in dem nicht nur "industriell produzierte Waffen eingesetzt wurden, sondern [...] auch das Verhalten der Soldaten von dem Um- gang mit den Waffen statt von der Herrschaft der Offiziere bestimmt wurde."10 Nachdem der deutsche VorstoB in Frankreich stecken geblieben war und hinter die Marne zuruckgetrieben werden konnte, begann allmahlich der Stellungskrieg und mit ihm die Maschinisierung des Kampfes. Als die Munitionskrise um die Jahres- wende 1914/15 endlich uberwunden war, wurde der Weg frei in die Spirale von Zerstorungskraft und Widerstandsfahigkeit.

Der Kriegsschauplatz war annahernd der gleiche wie 1870/71, aber die aufmar- schierenden Truppen hatten sich vervielfacht. Es bot sich nicht genugend Raum fur umgreifende Operationen, die der Bewegungskrieg benotigte. Es gab wenige und kaum geeignete Angriffsflachen. Die Landschaft behinderte jeden effektiven VorstoB nach etwaigem Durchbrechen der Stellungen.11 Die deutsche Seite war in die Defensive gezwungen und zur schnellen Umstellung ihrer Kampfweise ange- halten, die noch auf dem letzten Exerzierreglements von 190612 basierte. Ergebnis waren die neuen Dienstvorschriften, die ab Juni 1916 erlassen und bis 1918 stetig erganzt wurden.

Auf beiden Seiten der Front bildeten sich kilometerlange Grabensysteme, die vor feindlichen Geschossen schutzen sollten. Die Alliierten waren in der Uberzahl, da- her fiel ihnen die Angreiferrolle zu. Trotz gewaltiger Feuerkraft der Artillerie konnten nur selten kleine Einbruche in und kaum Durchbruche durch die deut- schen Stellung gelingen. Es galt der Grundsatz, Abwehr erfolgreicher als Angriff. So konnten deutsche Stellungen unter Hindenburg/Ludendorff bis zu sechsfacher Ubermacht standhalten, wobei die zahlenmaBig geringeren deutschen Verluste je- doch umso schwerer wogen, als die Reserve an Soldaten weitaus geringer war. Der deutsche Angriff wahrend dieser Kriegsphase auf Verdun im Februar 1916 und kurz darauf der alliierte Angriff an der Somme im Juni selben Jahres, sowie in Flandern im Juli 1917 markieren zweifelhafte Hohepunkte im Stellungskrieg. Bis Ende 1917 tobten die Materialschlachten, als die deutsche Fuhrung ab Januar 1918 den SpieB umzudrehen versuchte und zur Vorbereitung der Fruhjahrsoffensiven fur die Soldaten im Rahmen der "Vorschriften fur den Stellungskrieg fur alle Waffen" den Teil 14. "Der Angriff im Stellungskrieg" herausgab.

3. Die Quellen

Uber die Quellen als solche ist in der Fachliteratur noch nicht viel geschrieben worden. Informationen uber dieselben mussen also an vielen Stellen allein aus den Quellen selbst gewonnen werden. Bei den vorliegenden Quellen handelt es sich um Dienstvorschriften. Die Quellen sind Teil der Reihe "Vorschriften fur den Stel­lungskrieg fur alle Waffen". Der "Teil 1. Stellungsbau"13 liegt als Ausdruck einer Digitalisierung eines Originals vor, die von der Universitat Hannover im Internet veroffentlicht wurde. Das Heft "Teil 8. Grundsatze zur Fuhrung der Abwehr- schlacht"14 liegt im Original vor.15 Bei den Schriftstucken handelt es sich im Origi­nal um kleine gebundene Hefte, die auch in eine Hemdtasche passen. Sie bieten zu dem jeweiligen Titelthema Anweisungen zum handeln und denken im bestimmten Kampfsituationen des Stellungskrieges an der Westfront. Der Inhalt ist pragnant in 18+151 Paragraphen auf neunzig Seiten ("Stellungsbau") und 113 Paragraphen auf hundert Seiten ("Abwehrschlacht") aufbereitet.

Die Vorschriftenreihe wurde begonnen im April 1916 und bis Januar 1918 auf 15 Teile erganzt. Bereits vorhandene Ausgaben wurden in diesem Zeitraum mehrmals revidiert, abgeandert und den neuen Erfahrungen angepasst, beziehungsweise beim Auftreten neuer Waffenarten mit weiteren Anweisungen vervollstandigt. Fruhere gleichnamige Ausgaben wurden durch aktuellere aufgehoben.16 Erstmals wurden hiermit die Kampfaufgaben aller Waffen in einer Vorschrift verbindlich zusammengefasst.17 Die vorliegenden Quellen sind fur den betrachteten Zeitraum Primarquellen. Der Teil 1. "Stellungsbau" wurde am 20. Juni 1916 erstmals ausgegeben. Das war exakt einen Monat bevor die "neue" Abwehrtaktik sich in der Schlacht an der Somme beweisen konnte, die in Grundzugen ja schon 1915 vorhanden war.18 Teil 8. "Abwehrschlacht" wurde erstmals am 1. Dezember 1916 ausgegeben. Die bearbeiteten Ausgaben sind vom 20. Juni 1916 ("Stellungsbau") und vom 1. September 1917 ("Abwehrschlacht"). Somit sind sie zeitgenossische Quellen.

Die Einteilung in Tradition und Uberrest ist hierbei nicht so eindeutig zu bewerk- stelligen. Die Dienstvorschriften sind anlasslich eines bestimmten aktuellen Pro­blems verfasst worden. Ein Dokument fur die Nachwelt zu schaffen war sicher nicht die Ansicht der Verfasser, weil die Dienstvorschriften keine historischen Be- gebenheiten festhalten und der Inhalt lediglich Gebrauchscharakter hat. Inwiefern sie zur spateren Verwendung gedacht waren, lasst sich nicht feststellen. Wahr- scheinlich sollten die Anweisungen auch in spateren Friedenszeiten in der Trup- penausbildung Anwendung finden. Die letzten Konsequenzen aus den neuen Ein- satzgrundsatzen wurden dabei erst fast dreiBig Jahre spater gezogen.19 Insgesamt ist eher die Beurteilung als Uberrest anzusetzen, eine absolute Aussage kann dazu jedoch nicht erfolgen. Gedruckt wurden die Schriften in der Reichsdruckerei in Berlin und von da aus vermutlich an die Front geschickt.

Fur die Erarbeitung und Zusammenstellung der Vorschriften zeichnen die 2. bzw. 3. Oberste Heeresleitung in Zusammenarbeit mit dem Kriegsministerium verant- wortlich.20 Auf dem Deckblatt des "Stellungsbau" steht "herausgegeben vom Kriegsministerium". Auf der letzten Seite schlieBt die Vorschrift mit "Berlin, den 20. Juni 1916. Kriegsministerium. I. V.: von Wandel.". Wahrscheinlich hat Wandel in Vertretung des damaligen Kriegsministers Wild von Hohenborn gehandelt.21 Das Heft "Abwehrschlacht" wurde vom Chef des Generalstabes der Feldheeres herausgegeben.

[...]


1 Latzel, Klaus: Die Soldaten des industrialisierten Krieges, in: Spilker, Rolf/Ulrich, Bernd (Hgg.): Der Tod als Maschinist - der industrialisierte Krieg 1914-1918, Bramsche 1998, S. 126.

2 Vgl. Spilker, Rolf/Ulrich, Bernd: Zur Ausstellung, in: Ebd. , S. 10.

3 Epkenhans, Michael: Kriegswaffen - Strategie, Einsatz, Wirkung, in: Ebd. , S. 72.

4 Vgl. Geyer, Michael: Eine Kriegsgeschichte, die vom Tod spricht, in: Mittelweg 36 - Zeitschrift des Hamburger Instituts fur Sozialforschung 4 (1995), S. 68.

5 Linnenkohl, Hans: Vom Einzelschuss zur Feuerwalze - Der Wettlauf zwischen Technik und Taktik im Ersten Weltkrieg, Koblenz 1990.

6 Raths, Ralf: Vom Massensturm zur Stofitrupptaktik - die deutsche Landkriegtaktik im Spiegel von Dienstvorschriften und Publizistik 1906 bis 1918 (Einzelschriften zur Militargeschichte, 44), Freiburg i.Br./Berlin/Wien 2009.

7 Keegan, John: Das Antlitz des Krieges - Die Schlachten von Azincourt 1415, Waterloo 1815 und an der Somme 1916, Frankfurt 220 07.

8 Schmidt-Richberg, Wiegand: Die Regierungszeit Wilhelms II., in: Militargeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Deutsche Militargeschichte in sechs Banden - 1648-1939 (Bd. 3), Munchen 1983, S. 152-154.

9 Borgert, Heinz-Ludger: Grundzuge der Landkriegfuhrung von Schlieffen bis Guderian, in: Militargeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Deutsche Militargeschichte in sechs Banden - 1648-1939 (Bd. 6), Munchen 1983, S. 509-511.

10 Geyer, Michael: Deutsche Rustungspolitik 1860-1960, Frankfurt a. M. 1984, S. 100.

11 Keegan 2007, S. 249.

12 Dieses Reglement lieB die Soldaten um jeden Preis vorsturmen, auch ohne ausreichende Artillerieunterstutzung.

13 Kriegsministerium (Hg.): Stellungsbau (Vorschriften fur den Stellungskrieg fur alle Waffen,

Bd. 1), Berlin 1916. Hier verwendet das Online-Digitalisat vom 25.08.2015: http://www.lwg.uni-hannover.de/wiki/Stellungsbau_1916

14 Chef d. Generalstabes d. Feldheeres (Hg.): Grundsatze fur die Fuhrung der Abwehrschlacht im Stellungskriege (Vorschriften fur den Stellungskrieg fur alle Waffen, Bd. 8), Berlin 1917.

15 Im folgenden werden die beiden Quellen aus praktischen Grunden mit "Stellungsbau" und "Abwehrschlacht" betitelt.

16 Stellungsbau 1916, S. 1. Abwehrschlacht 1917, S. 1.

17 Borgert 1983, S. 512.

18 Raths 2009, S. 169.

19 Geyer 1984, S. 101.

20 Ebd., S. 101.

21 Matuschka, Edgar Graf von: Organisationsgeschichte des Heeres 1890-1918, in: Militargeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Deutsche Militargeschichte in sechs Banden - 1648-1939 (Bd. 3), Munchen 1983, S. 220.

Details

Seiten
20
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668717398
ISBN (Buch)
9783668717404
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v423723
Institution / Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald
Note
1,0
Schlagworte
Materialschlacht Stellungskrieg Weltkrieg Schützengraben Artillerie

Autor

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