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Chancen selbstbestimmten Lebens behinderter Menschen heute durch die Behindertenbewegung der 1970er und 1980er Jahre

Hausarbeit 2018 17 Seiten

Soziologie - Allgemeines und Grundlagen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Historischer Kontext

3. Die Entwicklung der Bewegung

4. Die Autonome Behindertenbewegung

5. Die Behindertenbewegung nach 1981
5.1 Ambulante Hilfsdienste und persönliche Assistenz
5.2 Beratung
5.3 Rechtliche Gleichstellung

6. Selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen heute
6.1 Das Bundes-Teilhabe-Gesetz als Grundlage selbstbestimmten Lebens
6.2 Wohnen
6.3 Arbeiten

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Überall war ein wachsendes Bewusstsein bei den Behinderten zu spüren, daßsie ihr Leben mehr als bisher selbstbestimmen wollen. Sie möchten ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und sich nicht immer nur von Hauptamtlichen und Behindertenfunktionären bestimmen lassen" (Wilfried Rudolff 2013: 15)

Seit den 1980er Jahren spielen Autonomie und Selbstbestimmung eine immer wichtigere Rolle in der Behindertenpädagogik. Menschen mit einer körperlichen, geistigen oder psychischen Beeinträchtigung soll die Entscheidungsfreiheit über ihre Lebensweise und ihre Lebenssituation gewährt und die Fremdbestimmung durch Fachkräfte und Familienangehörige eingeschränkt werden. (Barbara Fornefeld 2009: 183) Inklusion, Teilhabe und Selbstbestimmung sind weit verbreitete Themen in der Behindertenpädagogik, aber auch in öffentlichen Debatten. Fachkräfte, Angehörige und PolitikerInnen versuchen dies in vielen Bereichen des Lebens umzusetzen und Barrieren zu entfernen. Am 30.12.2016 trat das sogenannte Bundesteilhabegesetz in Kraft. Durch dieses Gesetz soll von Seiten der Politik die Teilhabe behinderter und beeinträchtigter Menschen in der Gesellschaft und ihre Selbstbestimmung, durch zum Beispiel besser Arbeits- und Wohnbedingungen, ermöglicht werden.

Noch vor einigen Jahren wurden behinderte Menschen in Sondereinrichtungen abgetrennt vom Rest der Gesellschaft untergebracht, wobei nicht an Inklusion und Integration behinderter Menschen gedacht wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die 1980er und 90er Jahre des letzten Jahrhunderts hatten behinderte und beeinträchtigte Menschen kein hohes Ansehen in der Gesellschaft. Sie wurden als Last gesehen, als hilfsbedürftig und bildungsunfähig. Durch das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten und dem Sterilisationsgesetz wurde die Rassenhygiene umgesetzt und lebensunwertes Leben, wie Menschen mit Behinderung bezeichnet wurden, in Lagern ermordet oder durch die Zwangssterilisation deren Fortpflanzung verwehrt. Das deutsche Versorgungssystem behinderter Menschen nach dem zweiten Weltkrieg ließkeine Selbstbestimmung oder eine Umsetzung des mutmaßlichen Willen der Betroffenen zu. Ihre Interessen wurden von Fachkräften nicht immer vertreten und ihr Wille nicht erhört beziehungsweise umgesetzt.

1980 gingen behinderte Menschen erstmals auf die Straßen, um für ihre Rechte einzustehen und Selbstbestimmung zu verwirklichen. Nach dem Vorbild der Independent-Living-Bewegung der USA aus den 1960er und 1970er Jahren machten sie durch provokante Mittel öffentlich auch sich aufmerksam und kämpften gegen Diskriminierung und Bevormundung. Die autonome Behindertenbewegung strebte die politische Selbstvertretung und Selbstbestimmung an, „um so von (geschlechtslosen) Objekten der „Wohltäter“ zu Subjekten ihrer Leben zu werden“ (Köbsell 2012: 17) Ziel war es, Fachkräfte und Familienangehörige darauf hinzuweisen, dass durch die Fremdbestimmung ihrerseits das Leben eingeschränkt werden und der Wille der Betroffenen nicht umgesetzt werden würde. Selbsthilfe und Selbstvertretung waren die größten Anliegen der Mitglieder der Bewegung. Durch die Abgrenzung von Nicht-Behinderten ermutigten sie auch andere Menschen mit Behinderung, sich vom Mitleid und der Bevormundung ihrer Mitmenschen zu befreien und für sich selbst und ihre Rechte einzustehen und sich für den Abbau von konstruierten, alltäglichen Barrieren, aber auch die Barrieren in den Köpfen der Menschen, einzusetzen. Ein langer Weg lag vor den AktivistInnen der Bewegung zum Erreichen ihrer Ziele. Nach und nach wurden ihre Forderungen erhört und teilweise umgesetzt.

Inwieweit ihre Anliegen erfüllt und ihre Ziele umgesetzt wurden, wird im Folgenden erläutert. Diese Arbeit wird sich mit den Auswirkungen der Behindertenbewegung auf die Chancen selbstbestimmten Lebens behinderter Menschen in der heutigen Zeit auseinandersetzen. Dafür werden zuerst der historische Kontext und schließlich die Ereignisse der 1970er und 1980er Jahre genau beschrieben, um ausreichend Wissen über die autonome Behindertenbewegung zu erlangen. Anschließend werden die verschiedenen Institutionen und Errungenschaften, die sich durch die Bewegung ergeben haben, vorgestellt. Danach wird die Situation behinderter Menschen heute in verschiedenen Bereichen des Lebens und deren Chancen der Selbstbestimmung beleuchtet, wonach ein Fazit über die Erkenntnisse die Arbeit abschließen wird. Nachdem sich die Situation behinderter Menschen bezüglich ihrer Selbstbestimmung in den letzten Jahren rapide verändert hat und noch keine aktuelle Fachliteratur dazu vorliegt, bezieht sich die Arbeit hierbei vor allem auf Internetressourcen.

2. Historischer Kontext

"Als behindert gilt ein Mensch, der entweder aufgrund angeborener Missbildung bzw. Beschädigung oder durch Verletzung oder Krankheit (...) eine angemessene Tätigkeit nicht ausüben kann. Er ist mehr oder minder leistungsgestört (lebensuntüchtig)." (Elsbeth Bösl 2010, zitiert in: Bundesministerium 1958) Diese Definition des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 1958 macht deutlich, dass Behinderung vor allem als eine Einschränkung in der Leistungsfähigkeit und der Produktivität der Betroffenen gesehen wurde. Behinderte Menschen stellten ein soziales Problem dar. Ihr Leben wurde als kaum lebenswert und von Leid geprägt angesehen. Durch Rehabilitationseinrichtungen wollte die Politik beeinträchtigten Menschen die Möglichkeit geben, wieder eine produktive Arbeit aufzunehmen, um ein erfülltes Leben zu führen. (Elsbeth Bösl 2010) Die Zeit nach dem Krieg und der damalige Umgang mit behinderten Menschen war der Ursprung für die Entwicklung der folgenden Jahre und Jahrzehnte. 300 000 Menschen mit einer chronischen oder psychischen Krankheit wurden durch das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten, welches durch die 1920 erschienene Schrift des Strafrechtlers Karl Binding und des Psychiaters Alfred Hoche 'Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens' legalisiert wurde, ermordet und 400 000 behinderte oder beeinträchtigte Menschen wurden zwangssterilisiert, um die Fortpflanzung unwerten Lebens zu stoppen. (Birgit Gärtner o.J.) Für "Zivilbeschädigte" (Köbsell 2012: 7) gab es kaum Versorgung, also für die Menschen, deren Beeinträchtigungen auf den Krieg und dessen Folgen zurückzuführen waren. Da die Kriegsgeschädigten ihre Beeinträchtigungen oder ihre Behinderung durch eine hohe Aufopferungsbereitschaft während des Krieges erlangt haben, war ihr Ansehen in der Öffentlichkeit höher und sie wurden sozialpolitisch im Gegensatz zu den Zivilgeschädigten unterstützt. Die Kriegsopferverbände waren nach den Gewerkschaften politisch am meisten und in fast allen Bereichen selbstbestimmt und selbstorganisiert vertreten. Das Bundesversorgungsgesetz von 1950 und das drei Jahre später folgende Schwerbeschädigtenrecht vertrat die Rechte aller Kriegsgeschädigten in ihrer Arbeitsunfähigkeit oder ihrer eingeschränkten Leistungsfähigkeit auf dem Arbeitsmarkt. (Wilfried Rudolff 2013: 2) Erst 1955 gründete sich die Organisation 'Sozialhilfe für Querschnitts- und Kindergelähmte', die sich um die beeinträchtigten Menschen kümmerte, denen bis dato keine öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt wurde. In den folgenden Jahren kam es zu einigen Elternvereinigungen, wie der 1958 gegründeten 'Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind' oder dem 'Verband Deutscher Vereine zur Förderung spastisch gelähmter Kinder', um behinderte Kinder ausreichend zu fördern und deren Familien zu entlasten. Schon von den Nationalsozialisten wurden Kinder mit einer Behinderung als bildungsunfähig bezeichnet, was sich in den Jahren nach dem Krieg weiter durchsetzte. Deshalb entstand das System der Sonderschulen, um die Regelschulen von den störenden Faktoren zu befreien und die nichtbehinderten Kinder nicht in ihrer Förderung einzuschränken. (Wilfried Rudolff 2013: 6) Der flächendeckende Ausbau von Sondereinrichtungen verbesserte die Versorgung und Förderung der Kinder ungemein, allerdings war ein selbstbestimmtes Leben nicht möglich und die Teilhabe an der Gesellschaft durch die Exklusion der Einrichtungen von Regeleinrichtungen eingeschränkt. Fachpersonal versuchte in den festen Strukturen der Sondereinrichtungen die Interessen der Betroffenen zu vertreten, wobei deren mutmaßlicher Wille meist nicht berücksichtigt wurde. (Köbsell 2012: 7–9) „Allgegenwärtige architektonische Barrieren, unzugängliche öffentliche Verkehrsmittel, fehlender geeigneter Wohnraum und fehlende ambulante Hilfen“ (Köbsell 2012: 9) machten eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unmöglich. Wenn die Pflege in derartigen Einrichtungen nicht gewünscht war, fiel die Versorgung eines beeinträchtigten Menschen allein auf dessen Familie. (Köbsell 2012: 7–9) In den 70er und 80er Jahren wurde Behinderung besonders stark durch die Gesellschaft konstruiert. Vor allem durch die Medizin mit ihre Diagnosen und Prognosen wurden die Beeinträchtigungen behinderter Menschen auf ihr Leiden reduziert. Allerdings war die Abgrenzung nicht auf die körperliche oder geistige Einschränkung zurückzuführen, sondern auf politisch und gesellschaftlich konstruierte Barrieren. Behinderte galten als unmündig und auf die Hilfen von Professionellen angewiesen, wobei ihre Selbstbestimmung ganz außer Acht gelassen wurde. (Köbsell 2012: 10)

3. Die Entwicklung der Bewegung

In den 1960er Jahren, die von einem allgemeinen Wertewandel in der ganzen Gesellschaft beeinflusst wurden, wurden erstmals behinderte Menschen als Teil der Gesellschaft gesehen, allerdings war deren Inklusion und Integration noch ein weit entferntes Ziel. (Elsbeth Bösl 2010) Die 1970er Jahre waren geprägt von einer gesellschaftlichen Aufbruchstimmung durch zum Beispiel die Studenten- und Frauenbewegungen. Auch junge, vor allem körperlich Beeinträchtigte versuchten sich aus den festen Strukturen der Sondereinrichtungen und der starken Behütung der Eltern zu befreien und Freiheiten zu erlangen. Durch das Gründen eigener Gruppierungen, wie den 'Club 68' und den später entstandenen 'Clubs Behinderter und ihrer Freunde e.V.' (Cebeef), gestalteten behinderte und nichtbehinderte Jugendliche zusammen ihre Freizeit, um Vorurteile und gesellschaftlich konstruierte, soziale Barrieren abzubauen. Im Vordergrund stand dabei aber nicht das politisches Wirken, sondern eine Bewusstseinsänderung und eine Steigerung des Selbstwertgefühls der Betroffenen. (Rudolff 2013: 14) Erste aktive Aktionen wurden 1974 durch Gusti Steiner und dem nichtbehinderten Ernst Klee durchgeführt. Im Rahmen von Hochschulkursen beleuchteten sie mit den TeilnehmerInnen die Probleme behinderter Menschen und machten durch Provokationen, wie dem Blockieren der Straßenbahn oder dem Verleihen der 'Goldenen Krücke' an die „größte Niete der Behindertenarbeit“ (Köbsell 2012: 11), auf diese in der Öffentlichkeit aufmerksam. 1978 wurden durch Franz Christoph und Horst Frehe die sogenannten 'Krüppelgruppen' ins Leben gerufen, um den Nichtbehinderten auf provokante Art und Weise ihre Rolle als Ausgrenzende deutlich zu machen. Die Bezeichnung als Krüppel sollte dabei jegliche Beschönigungen auslöschen. Um ihr Selbstbewusstsein auszudrücken und keine weiteren Machtunterschiede in Kauf nehmen zu müssen, wurden Nichtbehinderte von deren Analysen und dem folgenden Widerstand ausgeschlossen. Während die anfangs einberufenen 'Clubs Behinderter und ihrer Freunde e.V.' eine Bewusstseinsänderung der Gesellschaft und die gemeinsame Freizeitgestaltung von Behinderten und Nicht-Behinderten zum Ziel hatten, gingen die nun einberufenen Krüppelgruppen politisch vor, um ihre Anliegen und Forderungen umzusetzen. Vor allem Menschen, die in der Behindertenhilfe tätig waren, fühlten sich provoziert ohne dabei den Hintergrund der auffordernden Aktionen zu begreifen. Andererseits wurden die behinderten AktivistInnen aufgefordert eigene Wertmaßstäbe zu entwickeln und durchzusetzen, um so die Anerkennung der Gesellschaft zu erlangen.

„Auch die Anwesenheit einer Gruppe von (...) 25 geistig und körperlich Schwerbehinderten stellt einen zur Minderung des Reisepreises berechtigten Mangel dar. Es ist nicht zu verkennen, daßeine Gruppe von Schwerbehinderten bei empfindsamen Menschen eine Beeinträchtigung des Urlaubsgenusses darstellen kann. (...) So wünschenswert die Integration von Schwerbehinderten in das normale tägliche Leben ist, kann sie durch einen Reiseveranstalter gegenüber seinen anderen Kunden nicht erzwungen werden. Daßes Leid auf der Welt gibt, ist nicht zu ändern; aber es kann der Klägerin nicht verwehrt werden, wenn sie es jedenfalls während des Urlaubs nicht sehen will. “ (Köbsell 2012: 13–14)

Dieses Urteil vom 25.02.1980 in Frankfurt führte zu einigen Protesten und Demonstrationen mit zahlreichen Anhängern, welche das Selbstbewusstsein der Betroffenen weiter stärkten und den gemeinsamen Kampf für Selbstbestimmung und Teilhabe und gegen Diskriminierung und Ausschluss zur Folge hatten. (Köbsell 2012: 9–14)

4. Die autonome Behindertenbewegung

Ende der 1970er Jahre gab es also verschiedenste Gruppierungen, die sich gegen die Ausgrenzung und für die Rechte behinderter Menschen stark machten, von einer Bewegung war allerdings noch nicht die Rede. Erst die Proteste gegen das Frankfurter Urteil werden heute als die ersten Schritte der Behindertenbewegung gesehen. Erstmals waren AktivistInnen der Gruppierungen durch ihre Demonstrationen öffentlich präsent und sogar in der Tagesschau des ARD zu sehen. Als Beginn der autonomen Behindertenbewegung wird aber das 1981 ausgerufene 'Jahr der Behinderten' der UNO gesehen. (Swantje Köbsell 2009) Weil die TeilnehmerInnen der Proteste befürchteten, dass die Veranstaltungen, die im Rahmen des Jahres der Behinderung stattfanden, nicht zu einer Verbesserung der Teilhabe an der Gesellschaft und der Selbstbestimmung beitragen würden, wurden sie aktiv, um ihre eigenen Anliegen umzusetzen. (Köbsell 2012: 14) Deshalb „besetzten einige der behinderten Demonstrant/innen die Bühne“ (Köbsell 2012: 14) der Eröffnungsveranstaltung am 24. Januar in der Dortmunder Westfalenhalle und störten die Rede des damaligen Bundespräsidenten Karl Carsten, der wie erwartet nicht die Selbstbestimmung und die Selbstvertretung behinderter Menschen ansprach, sondern im Gegenteil die Nächstenliebe und die Hilfsbereitschaft der Gesellschaft und der Politik in Bezug auf die Behindertenhilfe lobte. (Köbsell 2012: 15) Dennoch hat die Bühnenbesetzung nicht die gewünschte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit gegenüber den Aktivistinnen und Aktivisten der Behindertenbewegung und ihren Forderungen geweckt, weshalb weitere Aktionen im Rahmen des UNO-Jahres der Behinderung notwendig waren, um weiter ihre Anliegen zu publizieren. Das wichtigste Ziel war es, als vollwertige BürgerInnen der Bundesrepublik Deutschland mit denselben Rechten anerkannt zu werden. Es wurde eine Nationale Kommission aus ca. 700 Experten zum Thema Behindertenpolitik einberufen, um über das bestehende Behindertenwesen zu beratschlagen und Vorschläge zusammenzutragen, wie das bisherige System ergänzt und ausgebaut werden könnte. Da aber keine VertreterInnen der Betroffenen vor Ort waren, stieg die Wut der AktivistInnen der Behindertenbewegung. Sie wollten ihre eigenen Normen entwickeln und in die Gesellschaft einbringen und verwirklichen.

Am 19. Dezember 1981 ereignete sich in Dortmund das angekündigte 'Krüppeltribunal' unter dem Motto „jedem Krüppel seinen Knüppel“ (Birgit Gärtner o.J.) als Höhepunkt der Proteste gegen die inhaltsleeren Veranstaltungen, die im Rahmen des UNO-Jahres der Behinderten stattfanden. Als Vorbild wird das Russell-Tribunal vom 2. Mai 1967 von Lord Bertrand Russell bezüglich des Vietnam-Krieges gesehen. Vor allem die Menschenrechtsverletzungen behinderter Menschen in den verschiedensten Lebens- und Alltagssituationen wurden angeprangert. In folgenden Bereichen sollte die Lebensqualität der Betroffenen überdacht und verbessert werden:

1. „Heimsituation
2. Behördenwillkür
3. Fahrdienst
4. Erwerbslosigkeit und Werkstätten für Behinderte
5. Rehabilitationszentren
6. Medien
7. Behinderte Frauen
8. Pharmaindustrie
9. Psychiatrie (zitiert nach Markus Brück)" (Birgit Gärtner o.J.)

Diese Forderungen wurden aufgrund von Sparmaßnahmen nicht umgesetzt. Allerdings wurde durch die Aktion das Selbstbewusstsein der beteiligten Gruppierungen der Behindertenbewegung gestärkt. (Birgit Gärtner o.J.) „Dieses Jahr wurde von der UNO bekannterweise zum Jahr der Behinderten erkoren. Was in Kreisen von Behinderten-Selbsthilfeorganisationen befürchtet wurde, ist voll und ganz eingetroffen. Die Mentalität der Spenden-, Mitleids- und Almosenpolitik nimmt ungeheure Dimensionen an. So, dass z.B. Bundesrat Hürlimann´s grösste [!] Aktivität sich darauf beschränkt, vor Pressefotografen Geistigbehinderte [!] abzuküssen (Eröffnungsfest usw.). (...) Es ist zwar heute so, dass mehr denn je vesprochen [!] wird und dafür aber nichts gemacht wird. “ (Paul Ottiger 1981: 20) An diesem Zitat aus der Zeitschrift Puls: Monatsheft der Gruppen IMPULS + Ce Be aus dem Jahr 1982 wird die negative Einstellung gegenüber dem Jahr der Behinderten deutlich. Ebenfalls wird klar, dass sich die Befürchtungen der Behinderten, dadurch nur als Objekte von Mitleid dargestellt zu werden, um die Wohltäter zu rühmen, bestätigt haben.

5. Die Behindertenbewegung nach 1981

Nachdem Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen in verschiedensten Zusammenschlüssen oder Gruppierungen für ihre Rechte und für ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben gekämpft hatten, entwickelten sich diese Bewegungen nach 1981 in verschiedene Richtungen. (Köbsell 2012: 57) Einige Gruppen wandelten sich zu institutionalisierten Organisationen, die sich die Verbesserung der Lebensbedingungen behinderter Menschen und die damit verbundene Selbstbestimmung zur Aufgabe gemacht haben. Andere, vor allem Einzelpersonen, versuchten ihre Anliegen durch politisches Engagement umzusetzen. (Köbsell 2012: 17) Folgend werden drei Bereiche und deren Entwicklung nach der Hochphase der Behindertenbewegung vorgestellt. Vor allem die Entwicklung der Chancen selbstbestimmten Lebens stehen hierbei im Vordergrund.

5.1 Ambulante Hilfsdienste und persönliche Assistenz

Da es bis dato keine Hilfssysteme außerhalb der Sondereinrichtungen gab, wurde 1978 in München die 'Vereinigung Integrationsförderung', kurz VIF, eine der ersten ambulanten Hilfen in Deutschland, gegründet. Anfangs wurden diese Dienste vor allem durch Zivildienstleistende erbracht, was sich jedoch 1990 durch die Verkürzung der Zivilzeit, schlagartig änderte. Von da an führten bezahlte Kräfte die ambulanten Pflegedienste durch, wodurch sich die Möglichkeit der Mitbestimmung für die Betroffenen vergrößerte, da sie selbst bestimmen konnten, von wem die Dienstleistung erbracht wird. Allerdings mussten sie dieses Assistenzkonzept selbst organisieren, das heißt die Arbeitskräfte mussten bestimmt, die Verträge abgeschlossen und die Abrechnungen selbst geschrieben werden. Das 'Forum selbstbestimmter Assistenz' bot in diesem Fall Beratung und Austausch. Für alle, die diese persönliche Assistenz nicht selbst organisieren wollten, wurde 1990 eine Assistenzgenossenschaft ins Leben gerufen, um die selbstbestimmte Organisation der persönlichen Assistenz zu fördern und zu unterstützen. (Köbsell 2012: 18-20)

Ziel der Bewegung war es Sondereinrichtungen abzuschaffen, um in ambulanten Assistenzdiensten das nötige Maßan Hilfe zu erlangen, ohne dabei die Selbstbestimmung einzuschränken oder vom gesellschaftlichen Leben exkludiert zu werden. Durch gemeindenahe Angebote sollten die Bedürfnisse der Betroffenen ambulant, das heißt in ihrem eigenen Zuhause, erfüllt werden. Durch assistierte Dienstleistungen sollten sie in allen Bereichen des alltäglichen Lebens, die sie selbst nicht ohne Unterstützung bewerkstelligen können, Hilfe erlangen und ihren eigenen und freien Willen umsetzen können. Vor allem der Wohnort, der Arbeitsplatz und die Mobilität stehen hierbei im Vordergrund. Durch die persönliche Assistenz und ambulante Dienstleistungen können Betroffene selbst bestimmen, in welchem Maße und von wem sie Hilfe annehmen. (Osbahr 2003: 129–130)

5.2 Beratung

Neben dem Ausbau der ambulanten Dienste, war auch eine Einrichtung von Beratungsstellen notwendig, um die Behinderten über ihre Rechte bezüglich eines selbstbestimmten Lebens aufzuklären. Nach dem Vorbild der USA und deren Independent-Living-Bewegung sollten auch in Deutschland Beratungsstellen für behinderte Menschen eingerichtet werden, die von Betroffenen, die bereits Erfahrungen mit Rechtsstreitigkeiten in Bezug auf die Selbstvertretung haben, durchgeführt werden sollten. (Köbsell 2012: 21–23) So eröffnete 1986 das erste 'Selbstbestimmt Leben'-Zentrum für selbstbestimmtes Leben (ZsL) in Bremen, woraufhin auch in anderen Städten Deutschlands derartige Beratungsstellen eingerichtet wurden. Ziel war es behinderte Menschen zu beraten und ihnen ihre Rechte darzulegen, um ihre Selbstbestimmung zu fördern und ihnen ein Leben in einer eigenen Wohnung anstatt in einem Wohnheim oder einer anderen Sondereinrichtung zu ermöglichen. 1990 schlossen sich die bundesweiten Selbstbestimmt-Leben-Initiativen zur 'Interessenvertretung selbstbestimmt Leben in Deutschland'-ISL e.V. zusammen, wobei eine klare Definition der Selbstbestimmung behinderter Menschen ausgearbeitet wurde, um in der Gesellschaft und auch in der Politik neue Denkweisen zu schaffen. Durch die Beratung, die ausschließlich durch Behinderte selbst erfolgte, wird ein wichtiger Grundstein für die Selbstbestimmung und die eigene Organisation von Dienstleistungen gelegt. (Miles-Paul 1992: 118–120)

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Details

Seiten
17
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668719255
ISBN (Buch)
9783668719262
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v423490
Institution / Hochschule
Evangelische Hochschule Ludwigsburg (ehem. Evangelische Fachhochschule Reutlingen-Ludwigsburg; Standort Ludwigsburg)
Note
1,7
Schlagworte
chancen lebens menschen behindertenbewegung jahre
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Titel: Chancen selbstbestimmten Lebens behinderter Menschen heute durch die Behindertenbewegung der 1970er und 1980er Jahre