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Tabloid-Format. Ein Weg aus der Zeitungskrise?

Hausarbeit 2005 21 Seiten

Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Das Wort „Tabloid“

3. Zeitungsformate im Überblick
3.1 Das „Tabloid-Format“

4. Vom Broadsheet zum Tabloid
4.1 Das Tabloid-Format breitet sich aus
4.2 Tabloids in Deutschland
4.2.1 Boulevard Würzburg
4.2.2 20 Cent
4.2.3 Welt Kompakt
4.2.4 News
4.2.5 Direkt

5. Ausblick

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Ende der gedruckten Zeitung ist zwar nicht in Sicht, die Zeitungskrise wird sich aber in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen. Seit Beginn der Wirtschafts- und Werbeflaute im Jahr 2001 haben die Tageszeitungen mit einem Minus von 2,1 Milliarden Euro fast ein Drittel ihrer Netto-Werbeeinnahmen verloren.[1] Hinzu kommt die seit Jahren langsam und stetig abnehmende Zahl der Abonnementen und Zeitungskäufer, die den Zeitungen schwer zu schaffen machen. So waren die meisten Verlage zunächst ausschließlich mit Kostenbegrenzungen beschäftigt, um sich der neuen Situation anzupassen. Etliche Lokalausgaben wurden eingestellt und immer mehr Verlagsunternehmen haben sich zusammengeschlossen.[2]

Doch Besserung ist in Sicht. Prognosen zufolge werden bis im Jahr 2008 die Werbeeinnahem der deutschen Tageszeitungen gegenüber 2003 wieder um 16 Prozent steigen und sich somit auch die Investitionsspielräume wieder vergrößern.[3] Jetzt müssen die Verlage die richtigen Prioritäten setzen, um der Marke Zeitung zu neuem Glanz zu verhelfen und aus der Medienkrise zu kommen.

Tabloid könnte das Zauberwort heißen - ein neuer Trend zur kleinformatigen Tageszeitung, bei der Papierformat, Text und Kosten reduziert werden, während der Leseranteil und damit die Werbeeinnahmen zunehmen sollen. Seit der britische „Independent“ im Kompaktformat Auflagensteigerungen von bis zu 30 Prozent feierte[4], breiten sich die Tabloid-Zeitungen wie eine Seuche in ganz Europa aus. In Schweden sind bereits alle großen Blätter wie „Dagens Nyheter“ oder „Svenska Dagbladet“ aufs Kleinformat umgestiegen. In der Schweiz stellte der „Blick“ um und vor einem Jahr hat das Tabloid-Fieber auch Deutschland erfasst.[5] Mitte Mai 2004 brachte der Axel-Springer-Verlag „Welt Kompakt“ auf den Markt und seither kämpfen in Deutschland verschiedene Tabloid-Formate um die Gunst der Leser. Wie es derzeit aussieht, sind die kleinen Ableger der Großen Zeitungen mehr als Eintagsfliegen. Sie werden gefeiert als Rettung der traditionellen Tageszeitungen.

In der folgenden Seminararbeit soll herausgestellt werden, ob das Tabloid-Format ein sinnvoller Weg ist, um aus der Zeitungskrise herauszukommen oder ob es nur ein Trend ist, dem Verlagsmanager Millionen Euro opfern, um ihn in einigen Monaten wieder zu Grabe zu tragen.

2. Das Wort „tabloid“

Das Wort „tabloid“ kommt ursprünglich aus der Medizin: Die amerikanischen Apotheker Henry Wellcome und Silas Burroughs gründeten 1880 in London die „Burroughs Wellcome & Company“ und ließen vier Jahre später „Tabloid“ als Warenzeichen für gepresste Tabletten eintragen. So gab es damals zum Beispiel die Tablette „Tabloid Aspirin“.[6]

Der englische Journalist Alfred Harmsworth (1865 bis 1922) - seit seiner Erhebung in den Adelsstand im Jahre 1905 besser bekannt als Lord Northcliffe - war es dann, der das Wort „Tabloid“ erstmals mit der Zeitung in Zusammenhang brachte.[7] Harmsworth wollte eine erfolgreiche nationale Tageszeitung schaffen, die „erklären, aufklären und vereinfachen“ sollte, und das in jedem einzelnen Absatz. So schuf er eine neue Spezies im Journalismus: den Redakteur.[8] Redakteure sollten die oft langatmigen Stücke der Reporter in kompakte Nachrichtenstücke verwandeln. Gleichzeitig baute sich Harmsworth ein weltweites Netz von Korrespondenten auf, kaufte die neuesten Druckmaschinen, entwickelte ein Distributionssystem, das die landesweite Lieferung auf den Frühstückstisch garantieren sollte und lies die Zeitung auf besserem Papier drucken, um die Qualität von Fotografien, Illustrationen und Landkarten zu verbessern.

Am Morgen des 4. Mai 1896 war es dann soweit: Das erste Exemplar der „ Daily Mail“ kam aus der Druckpresse.[9] Die Zeitung war so erfolgreich, dass am Erscheinungstag gleich 397.215 Exemplare verkauft wurden. Drei Jahre später überschritt die Auflage die Millionengrenze, 1920 war die Zweimillionenmarke erreicht.[10]

Angespornt durch den Erfolg brachte Harmsworth im Jahre 1903 den „Daily Mirror“ auf den Markt, die erste Tageszeitung für die Frau. Der „Daily Mirror“ erschien in einem kleineren Format, das Harmsworth „Tabloid“ nannte[11] und als „the daily time saver“ bezeichnete.[12] Somit war der „Daily Mirror“ die erste Zeitung, die im Tabloid-Format erschien.[13]

3. Zeitungsformate im Überblick

Mit zwei Zeitungsjährgängen von 1609 - dem „Aviso“ aus Wolfenbüttel und der Straßburger „Relation“ - gilt Deutschland als Ursprungsland der Zeitung.[14] Das Erscheinungsbild der frühen Zeitungen war von einfacher Machart. Die „Relation“ hatte einen Umfang von vier Seiten, der „Aviso“ acht. Beide Zeitungen erschienen im Quartformat. Das Quartformat ist eine veraltete Format-Bezeichnung für einen zweimal gefalzten Papierbogen, der dadurch vier Blätter oder acht Seiten erhält. Der Begriff ist jedoch als Größenbezeichnung nicht exakt, er gibt nur das Teilungsverhältnis an, wobei das endgültige Format letztendlich von der Größe des verwendeten Papierbogens abhängig war.[15]

Der Leipziger Drucker und Buchhändler Timotheus Ritzsch brachte dann im Jahr 1650 die erste Tageszeitung der Welt mit dem Titel „Einkommende Zeitungen“ heraus. Jede Ausgabe hatte vier Seiten im Format von zirka 13,5 mal 17 Zentimetern.[16] Als die Blätter wuchsen, gab es höchsten Protest. Doch die Vergrößerung sei „aus dem Wunsch entstanden, das Geld und die Zeit der Lesenden in größeren Anspruch zu nehmen“, sagte König Friedrich Wilhelm III. anno 1836.[17]

Heute entsprechen Zeitungsformate grundsätzlich keinen DIN-Normen und beschreiben die Größe (Breite x Höhe) einer Zeitung, wenn sie nicht aufgeschlagen ist. Die wichtigsten Zeitungsformate in Deutschland sind das Rheinische Format mit 5 – 6 Grundspalten, das Halbe Rheinische Format mit 4 Grundspalten, das Berliner Format mit 5 Grundspalten und das Norddeutsche Format auch Nordisches Format genannt.[18] Im Allgemeinen lassen sich folgende Formate unterscheiden:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Zeitungsformate

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Zeitungsformat

3.1 Das „Tabloid-Format“

Je nach Land und Verlag variiert die Größe des Tabloid-Formats etwas. Im Schnitt umfasst es etwa 23 mal 32 Zentimeter. Tabloid steht aber schon lange nicht mehr nur für ein Format, sondern für eine Art, wie bestimmte Zeitungen ihre Nachrichten auswählen und präsentieren. So kam es, dass das Tabloid-Format im Laufe der Zeit einen schlechten Ruf bekommen hat. Sogar Lexika definieren das Tabloid übereinstimmend mit einem negativen Ton als „Boulevardpresse im Zeitschriftenformat“.[19]

In Großbritannien gilt das Tabloid-Format deshalb traditionell als Format der Revolverblätter[20] wie „Sun“ „Daily Mirror“ oder „Daily Star“. Kritiker werfen diesen Blättern vor, nur auf Sensationen und Emotionen auszusein, komplizierte Sachverhalte viel zu vereinfacht darzustellen und immer wieder Lügen zu verbreiten. Seriöse Information hingegen waren in den Broadsheet-Zeitungen wie der Londoner „Times“ oder dem „Independent“ zu finden.

Seit Anfang der 90er Jahre taucht dann der Begriff „Tabloidization“ vermehrt auf. Das Wort an sich nimmt hauptsächlich auf zwei Vorgänge Bezug: die Annäherung der seriösen Presse an die Boulevardpresse, und die allgemeine Orientierung am Tabloid-Medium Nummer 1, dem Fernsehen.[21]

4. Vom Broadsheet zum Tabloid

Alles fing in Großbritannien an. Die renommierte links-liberale englische Tageszeitung „The Independent“ hatte seit 1989 kontinuierlich an Lesern verloren. Am 30. September 2003 schließlich war die Auflage des „Independent“ im Keller. Von der Ende der 80er Jahre erreichten Auflage von 400.000 wurden täglich gerade noch 200.000 Exemplare verkauft.[22] Um sich vom wirtschaftlichen Ruin abzuwenden, musste eine Lösung her.

Chefredakteur Simon Kelner hatte eine Idee: Er brachte den Independent zusätzlich zur klassischen „Broadsheet-Ausgabe“ im Großraum London noch im kleineren „Tabloid-Format“ heraus, das bis zu diesem Zeitpunkt den Boulevardblättern vorbehalten war. Die Tabloid-Ausgabe hatten den selben Inhalt wie die Broadsheet-Ausgabe, sollte aber das Bedürfnis der Leser nach einer handlichen Zeitung befriedigen, die in öffentlichen Verkehrsmitteln wie Bussen, Zügen oder U-Bahnen zu lesen ist, ohne ständig seinen Sitznachbarn anrempeln zu müssen.[23]

Analysten waren äußerst skeptisch, und die Konkurrenz sprach mitleidig von einer Verzweiflungstat.[24] Doch kaum war die Kompaktausgabe auf dem Mark, entschieden sich zwei von drei Käufern in London für den kleineren Independent im Tabloid-Format. Der Erfolg war groß, mehr als 40.000 Exemplare konnte der Verlag mit seiner Aktion zusätzlich pro Tag absetzen.[25] Und so wurde die „Tabloid-Version“ des „Independent“ nach dem Erfolg in London auch in weiteren Regionen Großbritanniens eingeführt. Der kleine „Independent“ war so erfolgreich, dass der Verlag im Mai 2004 die Broadsheet-Ausgabe einstellte und seither nur noch das Kleinformat des „Independent“ anbietet.[26] Auch, weil der Druck zweier unterschiedlicher Formate auf Dauer viel zu teuer gewesen wäre.

[...]


[1] Vgl. http://www.prognos-mediareports.com, Zugriff am 15.02.2005

[2] Vgl. Röper, Horst: Bewegung im Zeitungsmarkt 2004. In: Media Perspektiven, 6/2004, Seite 268.

[3] Vgl. http://www.prognos-mediareports.com, Zugriff am 15.02.2005

[4] Vgl. Jakobs, Hans-Jürgen: Englands Sonne. In: Süddeutsche Zeitung vom 30.09.2004, Medien S. 19.

[5] Vgl. Stahr, Volker S.: Kurz und billig, Tabloids als Zauberwort gebeutelter Pressehäuser. In: Neue Zürcher Zeitung vom 19.11.2004

[6] Vgl. http://www.glaxosmithkline.de/gskinternational/intfirmengeschichte.php, Zugriff am 15.02.2005

[7] Vgl. Örnebring, Henrik/ Jönsson Anna Maria: Tabloid Journalism and the Public Sphere. In: Journalism Studies 5 2004, Nr. 3, S. 283.

[8] Vgl. Chipp, David: Momente der Entscheidung. Informationen fürs Volk. In: Die Zeit, Nr. 45 vom 30.10.2003

[9] Vgl. http://www.absoluteastronomy.com/encyclopedia/D/Da/Daily_Mail.htm, Zugriff am 23.03.2005

[10] Vgl. Chipp 2003, a.a.O., Nr. 45 vom 30.10.2003

[11] Vgl. http://www.spartacus.schoolnet.co.uk/BUharmsworth.htm, Zugriff am 15.02.2005

[12] Vgl. Örnebring, Henrik/ Jönsson Anna Maria 2004, a.a.O., S. 283

[13] Vgl. http://www.wan-press.org/article2822.html, Zugriff am 15.02.2005

[14] Vgl. Wilke, Jürgen: Pressegeschichte. In Noelle-Neumann, Elisabeth/ Schulz, Winfried/ Wilke, Jürgen (Hg.): Fischerlexikon Publizistik/ Massenkommunikation. Frankfurt am Main 2002, S. 463.

[15] Vgl. http://virtuelleschuledeutsch.at/dachs_gutenberg/q.html#Quart, Zugriff am 03.04.2005

[16] http://www.papyrus-germany.com/deutsch/wissen/geschi2.htm, Zugriff am 03.04.2005

[17] Vgl. Seitz, Josef: LdH – lies die Hälfte!. In: Focus, H. 24 vom 07.06.2004, S. 182.

[18] Vgl. Walenski, Wolfgang: Der Rollenoffsetdruck. Fellbach 1995, S. 83.

[19] Vgl. http://www.wissen.de, Zugriff am 23.03.2005

[20] Vgl. Thalheimer, Christian: Halbe Portionen, leicht verdaulich. In: BJVreport 5/2004, S. 46-47.

[21] Vgl. Örnebring, Henrik/ Jönsson, Anna Maria 2004, a.a.O., S. 283.

[22] Vgl. Honigstein, Raphael: Eine kleine Idee. In: Süddeutsche Zeitung vom 08.12.03, Medien S. 19.

[23] Vgl. Schader, Peer: Zwergenaufstand. In: die tageszeitung vom 07.05.2004, S. 17.

[24] Vgl. Jungclaussen, John F.: Halbe Portion. In: Die Zeit vom 23.09.2004, S. 35.

[25] Vgl. Krönig, Jürgen: Vom Broadsheet zum Tabloid. In: epd medien Nr. 99 vom 17.12.2003, S. 3.

[26] Vgl. Jungclaussen 2004, a.a.O., S. 19

Details

Seiten
21
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638403603
Dateigröße
581 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v42295
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,0
Schlagworte
Tabloid-Format Zeitungskrise Medienlehre Presse

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