Lade Inhalt...

Merkmalsanalyse einer Diskussionsrunde auf ARTE in französischer Sprache

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 79 Seiten

Romanistik - Französisch - Linguistik

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS:

EINLEITUNG: Intention & Situationskommentar

MERKMALSANALYSE DER EINZELPHÄNOMENE
Einzelsprachliche Merkmale
Universale Merkmale des textuell-pragmatischen Bereichs
Universale Merkmale des syntaktischen Bereichs
Universale Merkmale des lexikalischen Bereichs
Phonetische Merkmale

Dialogtyp-bezogene sprachliche Analyse

Analyse der Gestik & Mimik
Gestik
Mimik

ZUSAMMENFASSUNG

TEXTANHANG
Französisch
Deutsch

ANHANG: Diskussionsteilnehmer
Portraits
Daniel Leconte
Jorge Semprún
Simone Veil
Daniel „Dany“ Cohn-Bendit
Vladimir Boukovsky
Gulag

Bibliographie

EINLEITUNG: Intention & Situationskommentar

Im Rahmen des Seminars Français Parlé, sprachwissenschaftliches Hauptseminar der Romanistik im Wintersemester 2001/2002, ging es um die Merkmals- und dialogtyp-bezogene sprachliche Analyse einiger französischsprachiger Transkriptionen. Mit Hilfe dazu passender Literatur, darunter Helmut Hennes und Helmut Rehbocks Einführung in die Gesprächsanalyse von 1995, soll im Folgenden der transkribierte Teil-Korpus de quoi j’me mêle! pour en finir avec le communisme (was uns auf den nägeln brennt! kommunismus – zeit der abrechnung) analysiert werden.

Am 16. Oktober 2001 stand das Sendeprogramm des deutsch-französischen Fernseh-Kulturkanals ARTE unter dem Motto Kommunismus – Zeit der Abrechnung. Den Auftakt bildete 20:45 Uhr eine Politdokumentation über Linksradikalismus in Frankreich, Marx Attaque. Von 21:40 Uhr bis 21:55 Uhr folgte eine erste Diskussionsrunde, die hier präsentierte. Im Anschluss daran konnte sich der Zuschauer eine zweite französische Dokumentation, Lenin, Vater des Totalitarismus anschauen, der der zweite Teil der ersten Diskussionsrunde auf den Fuß folgte.

In der hier untersuchten Diskussion, die mit einem Diktiergerät auf Deutsch (s. Anhang) und einem Videorecorder auf Französisch (s. Anhang) aufgezeichnet wurde, diskutieren vier Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Simone Veil (Mitglied der französischen Verfassungskommission), Dany Cohn-Bendit (Europaabgeordneter), Vladimir Boukovsky und Jorge Semprun (beide Schriftsteller) unter der Leitung von Daniel Leconte und unter Einbeziehung persönlicher Erfahrungen über das Thema Kommunismus. Wie der Name schon vermuten lässt, ist Vladimir Boukovsky kein Franzose. Wider Erwarten spricht er jedoch nicht Russisch, sondern Englisch. Dany Cohn-Bendit dagegen ist Deutscher und spricht auch Deutsch, wenngleich er perfekt Französisch sprechen können soll. Aus diesem Grund fallen jedenfalls beide aus der sprachlichen Analyse heraus und werden nur unter dem Aspekt Mimik / Gestik berücksichtigt. Die drei anderen Diskussionsteilnehmer sind Franzosen und sprechen ihre Muttersprache.

Was die Sitzordnung betrifft, so sitzen sich Jorge Semprun und Simone Veil, sowie Dany Cohn-Bendit und Vladimir Boukovsky gegenüber. Rechts bzw. links der beiden Erstgenannten hat Daniel Leconte Platz genommen. Ihm gegenüber befindet sich ein Fernsehbildschirm. Wo genau die Diskussionsrunde stattfand, ob z.B. in einem Sendestudio in Straßburg, ist leider unbekannt.

Abschließend kurz, worum es in der Diskussion eigentlich geht: Wie bei einer Diskussion üblich, gibt es einen Diskussionsleiter, der in diesem Fall mit Notizen ausgestattet und somit vorbereitet ist. Zu Beginn lenkt Daniel Leconte die Aufmerksamkeit des Zuschauers von der soeben gesehenen Dokumentation auf die Diskussionsrunde und leitet sie mit seiner ersten Frage zur Begriffsbestimmung des Wortes Totalitarismus ein. Mit dem Ergebnis, dass nach Auffassung aller der Kommunismus totalitär war.

Daraufhin spricht Simone Veil über ihre Erfahrung mit den Deportierten, die mit ihr zusammen in Auschwitz-Birkenau waren. Da gab es z.B. das Tabu, das System zu kritisieren. Jorge Semprun, selbst Kommunist gewesen, hat 1958 erkannt, was es für einen großen Klassenunterschied, so das richtige Wort seiner Meinung nach, in der Sowjetunion gab.

Die zweite Frage, die Daniel Leconte stellt, beschäftigt sich damit, welchen Unterschied es zwischen Lenin und Stalin gab. Vladimir Boukovsky meint, es werde in den meisten kommunistischen Ländern heute akzeptiert, dass Stalin nur fortgeführt habe, was Lenin begonnen hätte. Im Gegensatz dazu aber sieht Jorge Semprun durchaus Unterschiede: Lenin sei ein Bruch gegenüber dem Marxismus und Stalin gegenüber Lenin gewesen. Dany Cohn-Bendit reagiert auf diese Aussage mit der Antwort, der Marxismus selbst hätte eine totalitäre Dimension.

An diesem Punkt schreitet Daniel Leconte ein und weist darauf hin, dass es zunächst um Lenin und Stalin ginge. Das führt zu der Frage nach den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, dies es auch in der Sowjetunion gab, aber entsprechend dem historischen Widerspruch, stand sie ja auf der Seite der Sieger, die über das Nazi-Deutschland zu urteilen hatten. Alsdann macht Simone Veil darauf aufmerksam, wie wichtig es sei, die historischen Fakten zu kennen, dass sie präzise definiert werden müssten und dafür zu sorgen sei, dass sie nicht vergessen würden.

Abschließend geht es um den Vergleich zwischen Nazitum und Kommunismus. Zur Sprache kommen dabei die rein rassistischen Gründe der Vernichtung von Zigeunern und Juden, der zwangsumgesiedelten und fast ausgelöschten Krimtataren, der Wolgadeutschen oder der Tschetschenier. Außerdem zitiert Daniel Leconte eine Aussage Hitlers aus dem Buch Das Ende der Illusion von François Furet, die zeigt, dass Hitler in den marxistischen Methoden den gesamten Nationalsozialismus fand. Er musste sie lediglich weiterentwickeln. Jorge Semprun reagiert darauf mit der Aussage, man könne sowohl mit einem Kommunisten als auch einem ehemaligen Kommunisten zu Abend essen, aber weder mit einem Nazi noch einem Ex-Nazi. Nachdem Dany Cohn-Bendit dazu anmerkt, dass der Hitler-Stalin-Pakt nur möglich war, weil beide eine Zeitlang glaubten, sich die Welt aufteilen zu können, zieht Daniel Leconte einen Schlussstrich unter die erste Gesprächsrunde und informiert den Zuschauer noch über die Möglichkeit, im Internet Fragen an die Experten zu richten oder weitere Informationen auf der Internetseite www.arte-tv.com zu finden.

MERKMALSANALYSE DER EINZELPHÄNOMENE

Bei einer Merkmalsanalyse sind verschiedene Aspekte zu beleuchten, was hier geschehen soll, indem erst Einzelphänomene, dann dialogtypische Merkmale und schließlich solche der Gestik und Mimik unter die Lupe genommen werden. Hierbei kommt es im ersten Fall nicht nur zu einer Unterteilung in einzel- und universalsprachliche Merkmale, sondern auch zu einer Untersuchung auf der textuellen, syntaktischen, lexikalischen sowie phonetischen Ebene.

Dieses Unterfangen ist interessant und herausfordernd, denn Florence Walter hat zwar die Transkription Korrektur gelesen, aber offene Stellen sind dennoch geblieben. Dazu kommt, dass manche Merkmale subjektiv eingestuft werden müssen, wenn kein Diskussionspartner zur Verfügung steht.

Alle Merkmalsmarkierungen wurden nach bestem Wissen und Gewissen vorgenommen, und es ist erstaunlich, wenn korrekt, wie schnell Daniel Leconte spricht und damit Satzbrüche gut kaschiert. Das zeugt aber auch von einer gewissen Professionalität, die dieser medialen Diskussionsrunde nicht abgesprochen werden kann. Selbstverständlich ist das auch der Grund, warum einige potentielle Merkmale nicht vorkommen, doch darauf bezieht sich die Zusammenfassung.

Einzelsprachliche Merkmale

Die erste angestrebte Merkmalsanalyse, die der einzelsprachlichen Merkmale, umfasst, wie der Name schon sagt, Merkmale, die der französischen Sprache eigen sind. Dazu gehören z.B. die verschiedenen Fragetypen: die Est-ce que Frage, die Inversionsfrage, die Intonationsfrage und die Wortfrage. Obwohl sicher nicht üblich, soll ihre Analyse auf einen späteren Zeitpunkt verschoben werden, da sie für den Dialogtyp eine weitaus größere Rolle spielen und für dieses Kapitel noch neun andere Merkmale in Betracht kommen, die nur hier eingetaktet werden können. Daher an dieser Stelle zum on vs. nous !

Hier ist zunächst einmal die Spreu vom Weizen zu trennen, da es Beispiele für on gibt, die dem deutschen man entsprechen, also eine generelle Bedeutung tragen (Z.: 10; 12; 16; 65; 77-79; 81; 93; 109; 131; 145; 155; 193; 202; 212; 214; 222), aber auch Beispiele, wo ein nous in Frage käme (Z.: 2; 7; 9; 18; 20; 26; 45; 46; 52; 105; 139; 177; 233). Dies passiert sehr häufig in der gesprochenen Sprache, d.h. in einem authentischen Dialog sogar in durchschnittlich fünf von sechs Fällen. Man nimmt an, dass das Pronomen on mit dieser Funktion zunächst der Verbesserung des Stils diente, was schließlich dazu führte, dass es an die Stelle von nous trat.[1]

Bei den hier passenden on lässt sich ein Muster erkennen, insofern als es sich in den Z. 2; 7; 9; 18; 20; 26; 105; 139; 177; 233 auf die Gemeinschaft der zusammengekommenen Diskussionsteilnehmer bezieht, die ein bestimmtes Vorhaben umsetzen wollen und sich daher an inhaltliche Richtlinien, wie z.B. den Ausgangspunkt der Begriffsbestimmung des Wortes Totalitarismus, oder den Programmablauf halten müssen. Dagegen beschreibt Simone Veil in den Z. 45; 46; 52 die Stimmung im Konzentrationslager von Auschwitz-Birkenau und welche Haltung sie selbst bzw. Mitgefangene zu anderen Mitgefangenen einnehmen mussten, doch auch das ist legitim, solange es nur den Sprecher selbst mit einbezieht!

Ein anderes Merkmal ist die für das Mündliche typische Negation ohne ne. Sie tritt so oft auf, dass schon fast die Regel die Ausnahme ist. Daniel Leconte, der an manchen Stellen sehr schnell spricht, ist mit dieser Eigenschaft der richtige Kandidat für eine Auslassung des ne, denn gerade wenn man schnell spricht, schafft man gern, schon um sich nicht zu verhaspeln, das überflüssige Element ab (u.a. Z. 2). Davon wird die Verneinung schließlich noch lange nicht unkenntlich. Es ist leicht nachzuvollziehen, dass die audiovisuellen Medien mit ne negieren sollten, weil sie ein breitgefächertes Publikum ansprechen, doch diese Diskussionsrunde ist aufgrund ihres Charakters etwas abseits davon anzusiedeln.[2]

Im vorliegenden Teil-Korpus gibt es zehn Negationen ohne ne. Da dieses Merkmal auch für bestimmte Wortverbindungen typisch ist, nimmt es dort fast den Status einer expression fixe ein. Damit gemeint sind c’est pas (Z.: 24; 39; 57; 208) bzw. est pas (Z. 160) sowie il y a pas (Z. 83). Interessant an dem Beispiel in den Z. 46 und 47 ist, dass Simone Veil erst das ne ausspricht, dann die Verneinung unterbricht und schließlich ohne ne, aber diesmal mit pas fortfährt. Tut sie das, weil das für die gesprochene Sprache typischer ist? Möglich wäre es, denn sonst hätte sie einfach nur weitersprechen müssen! Jorge Semprún fügt noch zwei Vertreter hinzu: „… sinon on voit pas les différences…“ (Z. 193); „… on peut pas dîner avec un nazi…“ (Z. 214). Das ne wegzulassen, ist grammatikalisch nicht korrekt, aber es klingt. Das Ohr hat sich bereits daran gewöhnt und wartet gar nicht erst darauf, wobei die Ursache in den letzten beiden Fällen das davor stehende on sein könnte, das sich genau wie ce und il an die dritte Person Singular wendet.

Als nächstes folgen drei Merkmale, die mit den Zeitformen der Verben zusammenhängen: Zum Ersten ist das die Behauptung, dass das Passé Simple in der gesprochenen Sprache nicht verwendet würde, weil es für die Schriftsprache reserviert sei.[3] Dem ist tatsächlich zuzustimmen, da einzig und allein im Zweifelsfall von Z. 192, wo wahrscheinlich etwas falsch verstanden worden ist, ein Passé Simple auftaucht. Zum Zweiten betrifft das den Einsatz sogenannter formes surcomposées. Mit diesen der Schriftsprache fast völlig fremden und selbst in der gesprochenen Sprache nicht häufigen Formen wird die Vorzeitigkeit ausgedrückt.[4] Leider ist hierzu keine Aussage möglich, denn unter einem Subjonctif Passé (Z. 130), einem Futur Antérieur (Z. 145), mindestens 17 Passé Composé und drei verwechselbar ähnlichen Passivkonstruktionen (Z.: 81; 148; 184f.) findet sich keine solche forme surcomposée. Vielleicht spielt auch hier die Professionalität der Sprecher eine Rolle, die entweder eine andere Konstruktion verwenden oder die Sätze umstellen.

Durchaus verfügbar hingegen ist das Merkmal Futur Composé statt Futur Simple. Allerdings heißt es, dass das futur composé in der gesprochenen Sprache oftmals etwas weiter weg Liegendes bezeichne.[5] Das trifft hier nun gerade nicht zu, denn Daniel Lecontes drei futur composé beziehen sich allesamt auf ein Geschehen in der nahen Zukunft, nämlich den Programmablauf (Z.: 2; 7; 18). Das eine futur simple (Z. 26), im Vergleich dazu, ist äquivalent zu den drei futur composé, weshalb unklar ist, warum Daniel Leconte hier nicht auch das futur composé einsetzt. Sei es der Spontaneität geschuldet!

Ein weiteres Merkmal ist die Verwendung des Subjonctif bei bestimmten Ausdrücken. Darunter fallen Verben des Wollens sowie unpersönliche Wendungen, die eine Notwendigkeit ausdrücken.[6] Für das hiesige Teil-Korpus ergibt sich daraus folgende Aufstellung:

„Z. 15-16: j e n e crois pas qu'on puiss e; Z. 20: J e voudrais qu' on s e mette d'accord; Z. 129-133: J e voudrais dire un mot sur les les crimes contr e l 'humanité euh sur l e plan d'histoire extrêm e men t important d e euh savoir quels sont les f- / aien t été les faits d e les préciser, de les de les d'empêcher qu'on le s oublie et d e faire en sorte qu'ils soient tou t à fait analysés et qu e le s historiens fassent un un travail considérabl e.; Z. 136-138: mais qu'i l fallait essayer d e fair e pou r un peupl e, pou r une nation, pour euh euh l'humanité un un espace dans lequel il soit possibl e d e vivr e.; Z. 158-159: jusqu'à c e qu e l e fai t qu e c e soit“.

Das wohl bemerkenswerteste Beispiel in dieser Reihe steht auf der Z. 139, wo Daniel Leconte zu Simone Veil sagt: „Simone Vei l, on / j e voulais qu' on prend / on termine...“ Springt er doch tatsächlich von einem Indikativ über einen Satzbruch in den Subjonctif ! Immerhin sollte er wissen, dass der hier auch anzuwenden ist.

Unter den einzelsprachlichen Merkmalen gibt es zudem Allomorphien. So wird z.B. aus dem Personalpronomen [ty] [t] und aus [il] [i]. Grund dafür ist eine weniger ermüdende Aussprache.[7] Im Text hier wird 16-mal aus [il] [i] - Z.: 49; 52; 83; 93-94; 97; 103-104; 111; 113; 119; 136; 149; 152; 155; 193. Dabei ist zu beobachten, dass es sich in elf zu zwei Fällen um ily a bzw. ily avait und in eins zu eins Fällen um ilfallait bzw. ilfaut handelt. Eine Besonderheit der beiden involvierten Verben? Nicht unbedingt, aber vielleicht bezeichnend. Nur in einem Fall, nämlich in Z. 93 sagt Jorge Semprún: „ il il faut“. Also doch nicht bezeichnend für die Verben? Nun, deshalb jedenfalls nicht weniger, denn einmal ist keinmal.

Des Weiteren soll es vorkommen, dass qui zu qu’ verkürzt wird. Anhand des vorliegenden Textes kann dies aus Mangel an Beispielen nicht bestätigt werden. Alle qui werden auch als solche gesprochen. Dagegen kann etwas zu der Behauptung gesagt wer-

den, aus cela würde fast immer ça.[8] Genauer gesagt gibt es kein einziges cela im Text, dafür aber zehn ça – Z.: 2; 32; 37; 39; 52; 107; 149; 161; 201; 212. Vier davon entfallen jeweils auf Daniel Leconte und Simone Veil und die letzten beiden auf Jorge Semprún, so dass sich da auch keiner der drei Französisch-Muttersprachler ausnimmt.

An vorletzter Stelle dieses Kapitels stehen die Liaisons. Sie zerfallen in drei Kategorien - 1. Pflicht, 2. Verboten und 3. Fakultativ:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Für das Verständnis dieser Tabelle ist anzumerken, dass zum einen bspw. die Angabe Z. 21-22 dafür steht, dass das Merkmal in aufeinanderfolgenden Zeilen auftritt, also zwei oder mehrmals, und dass zum anderen bspw. die Angabe Z. 65f. bedeutet, dass sich das Merkmal über die entsprechenden Zeilen erstreckt. Der Rest erklärt sich von selbst, d.h. bei welcher Voraussetzung (s. Merkmal) welche Reaktion (s. Liaison: Pflicht, Verboten, Fakultativ) ausgelöst wird und wo diese im Text steht (s. Zeilenangaben).

Den krönenden Abschluss bildet das Schwa, von dem es eine Vielzahl Vertreter gibt. Dem Klang nach, ähnelt es einem schwachen e, aber es wird bevorzugt weggelassen (e caduc). Das verkürzt die Sprechweise und macht sie expressiver. Für die Handhabung der Tilgung, unter anderem im Auslaut eines groupe rhythmique (u.a. Z. 32), gelten verschiedene Regeln. Innerhalb einer groupe rhythmique kann sie vor einem Vokal; zwischen Konsonanten, wenn eine günstige Umordnung der Silbenstruktur möglich ist (Z.: 3; 110; 130; 181); abwechselnd, wenn mehrere Schwas aufeinanderfolgen oder in Futurformen und Konditionalformen (Z. 2) erfolgen.[9] Andere e caduc, die für eine wie auch immer geartete Zuordnungsschwierigkeit sorgen, stecken in diesen Zeilen: 6; 20; 47; 51-52; 55; 58; 62; 65; 71; 78; 111; 129; 139; 141; 142; 154-155; 158-159; 161; 177-178; 180; 184; 189; 192; 196; 199; 204-205; 210; 229; 231. Doch auch hier lassen sich Muster erkennen:

„d e: 6; 51-52; 78; 158; 229; j e: 20; 47; 71; 78; 129; 139; 161; 177; 189; c e: 55; 111; 141; 159; 180; 192; -ism e: 58; 65; 142; 154-155; 196; 199; 204-205; 210; 231; qu e: 62; (184); l e: 178“.

Universale Merkmale des textuell-pragmatischen Bereichs

Vor einem halben Jahr kam im Rahmen einer Hausarbeit die Frage auf, was ein Text sei. Mit der vereinfachten Antwort, dass selbst ein STOP-Schild oder Handschlag Texte sind, wird klar, dass die vorliegende Transkription erst recht einer ist. Nicht nur, weil er sich mindestens einem Thema inhaltlich widmet, nein, er weist auch entsprechende textuelle Merkmale auf. Das schließt alle Arten von Gliederungssignalen ein, d.h. Wörter, die für einen textuellen Zusammenhang in den Sätzen sorgen.

Zunächst zu den Erzählsignalen: Wie jeder weiß, muss man sich beim Erzählen einer Handlungsabfolge erinnern, die es passieren lässt, dass Sprecher Signale setzen. Zu derartigen metalinguistischen Signalen zählen: et, puis, alors, et puis und et puis alors.[10] Im vorliegenden Text gibt es zwei davon: et und et puis. Da es insgesamt 46 et sind, wurden die hiesige Zeichensetzung und ihre Stellung im Satz zugrunde gelegt. Da waren’s nur noch 14!

Charakteristisch sind die zwei et in den Z. 47 und 49. Simone Veil berichtet über ihre Zeit im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau und die Beziehung zu den anderen Deportierten, von denen sie sagt, dass manche aus einem System kamen, das es nicht zuließ, bestimmte Grenzen zu überwinden, und dieses Gefühl hatte sie noch hinterher in einem Sanatorium für Deportierte und auch da war ein totalitärer Terror zu spüren. Damit nennt sie drei durch das Wörtchen und verbundene Fakten. Gerade für die gesprochene Sprache gilt, dass dieses Wörtchen mit drei Buchstaben omnipräsent ist, aber man hat eben nicht die Zeit, über wohlgeformte Sätze nachzusinnen.

Typisch sind auch die Z. 145 und 146. Daniel Leconte erwähnt den Vergleich zwischen Nazitum und Kommunismus und sagt: „Rien d e bon pour / à s e faire en en Russie tant qu'on n' aura pas fait c e geste, et lui / pour lui euh l e comparatif es t évident.“ (Z. 144-147) Wie durch das Komma angedeutet, entsteht hier ein neuer Teilsatz, der mit dem vorangehenden verknüpft wird. Selbst in der direkten Rede Hitlers (Z. 180-187) steckt ein solches Erzählsignal (Z. 186): „J e n'ai eu qu'à m'en emparer et à les développer, et j e m e suis ainsi procuré u n instrument dont nous avions besoin.“ (Z. 185-187). Erst musste er das tun, dann das und schließlich hatte er das und das - ein ganz klassisches Beispiel für eine Aufzählung und daher auch mit et gekoppelt. Weitere et - Z.: 9; 12; 78; 115; 117; 131; 161; 201-202.

Außerdem kann in der Z. 59 ein et puis entdeckt werden. Daniel Leconte nennt Auszüge aus dem Leben Jorge Semprúns, der als Kommunist dem Antifaschismus anhing, sich am Krieg in Spanien beteiligte, dann am Widerstand in Frankreich teilnahm, und der dann einen Film produzierte und Bücher schrieb - wiederum eine Aufzählung verschiedener zeitlich aufeinander folgender Ereignisse, die in diesem Fall durch das dann ergänzt wird.

Daneben gibt es an zweiter und dritter Stelle die Eröffnungs- bzw. Schlusssignale. Wie der Name auch hier schon verrät, stehen sie am Anfang oder Ende eines Satzes, entweder anzeigend, dass der Sprecher die Sprecherrolle übernimmt oder dass er bereit ist, sie wieder abzugeben. In diesen Bereich fallen Signale wie: ah, bon, mais, oui, et, alors bzw. non, hein, quoi und ou.[11] Warum nicht den Fall von hinten aufrollen? Es gibt nur ein einziges Schlusssignal, in einer eineindeutigen Position: „J e rappelle qu e vou s étiez à Auschwitz, hein ?“. (Z. 36 & 38) Theoretisch könnte Simone Veil jetzt hier antworten, aber Daniel Leconte schiebt erst noch eine Frage dazwischen, die aber nichts an den Tatsachen ändert.

Um die Eröffnungssignale ist es besser bestellt. In der Transkription findet sich z.B. ein ah, aber aufgrund einer möglichen Fehlinterpretation bzw. seiner Stellung und des Kontextes, ist davon auszugehen, dass es sich um keinen Vertreter dieser Kategorie handelt. Dafür findet sich in derselben Zeile ein passendes Eröffnungssignal, denn Jorge Semprún äußert sich zu François Furets Buch und meint: „ Bon euh, pour moi i l y a...“ (Z. 193). Zuerst das Eröffnungssignal, dann das Verzögerungssignal! Offensichtlich hat Jorge Semprún seinen vorhergehenden Satz so artikuliert, dass er einen Punkt rechtfertigt und damit das bon nur für eine Eröffnung, die Eröffnung seiner persönlichen Meinung, stehen kann. Der Fall des oui vier Zeilen davor liegt genauso klar auf der Hand, denn das ist der Punkt, an dem Jorge Semprún auf das Zitat und die Frage von Daniel Leconte eingeht, noch dazu mit einem doppelten oui - möglicherweise ein Ausdruck dafür, wie sehr er sich an das Buch erinnert.

Auch bei den Beispielen zum Eröffnungssignal mais muss die Zeichensetzung für Klärung sorgen, wobei die Z. 98; 121; 233 die eindeutigsten Signale aussenden. In Verbindung mit einem typischen Abtönungspartikel reagiert Daniel Leconte auf eine Aussage Jorge Semprúns wie folgt: „Mais quand même tou t est là.“ (Z. 98) Es handelt sich um die Eröffnung seiner Feststellung, dass im Bruch zwischen Lenin und dem Marxismus sowie zwischen Stalin und Lenin alles enthalten ist. Das nächste mais in Eröffnungsposition äußert Jorge Semprún nach seiner Aussage über die Verbrechen gegen die Menschlichkeit: „...qu e Yalta d'une certaine façon a concrétisé. Mais il y a / objectivement il y a (des) crimes contr e l 'humanité.“ (Z. 119-121). Er beendet seinen Diskurs, indem er sein Fazit mit dem Wörtchen mais eröffnet, durch drei Wörter entsprechender Betonung ergänzt und sich dann korrigiert, um noch ein Wort dazwischenzuschieben. Seine Mimik und Gestik geben es ebenfalls her, hier von einer Eröffnung zu sprechen.

Das dritte Beispiel im Bunde steckt im Schluss. Daniel Leconte kündigt an, wie es im Programm weitergeht, eröffnet jedoch dem Zuschauer insbesondere, dass aber zuerst ein Programmhinweis folgen würde. Weitere Beispiele für mais – Z.: 15; 34; 39; 51; 94. Des Weiteren gibt es das Eröffnungssignal alors. In Z. 18 wird es von Daniel Leconte verwendet, um Simone Veil zunächst zu bremsen und erst einmal die anderen Gesprächspartner nacheinander zur Begriffsbestimmung des Wortes Totalitarismus zu befragen. Das nächste Beispiel verläuft fast parallel dazu, denn wiederum wendet sich Daniel Leconte an Simone Veil (Z. 30). Er lässt ihr die Sprecherrolle wieder zukommen und gibt ihr dafür die Frage nach dem Verständnis des kommunistischen Regimes als totalitärer Natur mit auf den Weg.

Das dritte alors kommt aus dem Munde von Simone Veil als sie anhebt, über Auschwitz-Birkenau zu sprechen. Sie schickt die Bejahung und Richtigkeit einer Frage Daniel Lecontes voraus und beginnt anschließend mit: „ Alors, à Bergenbelsen c'était assez différent...“ (Z. 39). Es folgen weitere 15 Zeilen, womit auch hier das Eröffnungssignal außer Frage steht. Ähnlich eindeutig sind die Beispiele mit et in Eröffnungsposition. In diesem Rahmen strebt Daniel Leconte unter anderem einen längeren Dialog mit Jorge Semprún an, zu dessen Zweck er die Z. 58-63 ins Rennen schickt. In den ersten fünf Worten dieser sechs Zeilen stehen drei et sowie drei Wiederholungen, die alle betont werden. Wer wollte also an dieser Stelle die offensichtliche Eröffnung anzweifeln? Die anderen Beispiele (Z.: 19; 67; 69; 222) leiten zumeist kurze Sätze oder Fragen ein.

Die nächste Sparte bildet die Kategorie der Korrektursignale. Sie zeigen an, dass der Sprecher an seiner Äußerung eine Korrektur vornimmt bzw. helfen, die Korrektur durchzuführen. Oftmals kommt es aber auch vor, im vorliegenden Text 30-mal, dass ein unangekündigter Bruch vollzogen wird.[12] Vor diesen coupes directes sans signe aber zu dem einzigen Korrektursignal enfin in Z. 79! Daniel Leconte äußert seine zweite Frage und dreht sich zweimal um ein und dasselbe Verb, ja korrigiert sogar mit einem coupe directe nach: „...et j e crois on l'incrimine rarement, enfin on a pendant longtemps / par incriminer Lénine, l e film, il...“ (Z. 78-79).

[...]


[1] vgl.: Böhmer, Heiner. WS 2001/2002. A caractéristiques universelles – (B 13) l’accord du participe passé…. Dresden: 27.11.2001, VII 12-13 / 16.

[2] vgl.: Heiner Böhmer A – (B 13) 27.11.2001, VII 13/16.

[3] Ebd.

[4] vgl.: Heiner Böhmer A – (B 13) 27.11.2001, VII 14/16.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] vgl.: Heiner Böhmer A – (B 13) 27.11.2001, VII 15/16.

[8] vgl.: Heiner Böhmer A – (B 13) 27.11.2001, VII 15/16.

[9] vgl.: Böhmer, Heiner. WS 2001/2002. Zum Thema e caduc und liaison. Dresden: 04.12.2001,
X 3-4 / 4.

[10] vgl.: Heiner Böhmer A – (B 13) 27.11.2001, VII 2/16.

[11] vgl.: Heiner Böhmer A – (B 13) 27.11.2001, VII 3/16.

[12] vgl.: Heiner Böhmer A – (B 13) 27.11.2001, VII 3-4 / 16.

Details

Seiten
79
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638126205
ISBN (Buch)
9783638696746
Dateigröße
942 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v4227
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Romanistik
Note
1,0
Schlagworte
Corpus Merkmalsanalyse gesprochenes Französisch

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Merkmalsanalyse einer Diskussionsrunde auf ARTE in französischer Sprache