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Die Rezeption der Konstitutionslehren von Ernst Kretschmer und William Sheldon in der Sportwissenschaft

Bachelorarbeit 2016 34 Seiten

Sport - Sportgeschichte

Leseprobe

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

2. Konstitutionstypologische Konzepte

3. Konstitutionstypologischer Ansatz von Ernst Kretschmer
3.1 Biographie
3.2 Konstitutionslehre
3.3 Die Körperbautypen
3.3.1 Der leptosome Typ
3.3.2 Der athletische Typ
3.3.3 Der pyknische Typ
3.4 Temperament
3.5 Kritik

4. Konstitutionstypologischer Ansatz von William Sheldon
4.1 Biographie
4.2 Konstitutionslehre
4.3 Die Körperbautypen
4.3.1 Der endomorphe Typ
4.3.2 Der mesomorphe Typ
4.3.3 Der ektomorphe Typ
4.4 Temperament
4.5 Kritik

5. Rezeption in der Sportwissenschaft
5.1 Sporttypologien
5.1.1 Sporttypologie von Kohlrausch
5.1.2 Sporttypologie von Klaus und Noack
5.2 Sportmedizin
5.3 Sportanthropologie
5.4 Konstitutionstypen und Altersleistungen
5.5 Trainingslehre

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Tab. 1 Die Sporttypologie von Kohlrausch und Knoll/Arnold

1. Einleitung

Bei den diesjährigen olympischen Spielen in Rio standen sie wieder im Mittelpunkt. Die gesamte Welt schaute bewundernd den sportlichen Höchstleistungen der schlanken, fast grazilen Marathonläufer, der schweren, massigen Hammerwerfer, der durchtrainierten, starken Ruderer, der kleinen, muskulösen Turner und der großen, dünnen Hochspringer zu. Schon anhand der Körperform kann der aufmerksame sportaffine Beobachter die Sportart des Athleten vorab erkennen. Bis auf wenige Ausnahmen ähneln sich die Körperformen der Sportler in der jeweiligen Sportart sehr stark. Schon in der Antike versuchten Menschen die optimale körperliche Verfassung der spezifischen Sportart zu ergründen. Bei den Hellenen beschrieb Philostratus Flavius genau, wie ein Läufer, Ringer, Werfer usw. gebaut sein muss, um siegreich bei den olympischen Spielen zu sein. So sollten selektiv schon frühzeitig Talent und die körperlichen Voraussetzungen des Einzelnen gefördert und erkannt werden.

Der deutsche Psychiater Ernst Kretschmer und der amerikanische Mediziner William Sheldon entwickelten Konstitutionstypologien, welche die bedeutendsten und bekanntesten des 20. Jahrhundert sind. Diese klassifizieren Menschen durch Beobachtungen und Messungen in drei Körperbautypen. Kretschmer und Sheldon investierten tausende Stunden in das Auswerten von Photographien und Daten. Sie versuchten anhand der Körperform Korrelationen zwischen Körperbau und psychischen Eigenschaften herzustellen.

In dieser Arbeit soll dargelegt werden, wie die Konstitutionstypologien die Sportwissenschaft beeinflusst haben. Ziel der Arbeit ist es, einen Überblick über die Bereiche des Sportes zu erhalten, in denen sich Ideen und Einflüsse von Kretschmer und Sheldon zeigen. Sowohl die Sporttypen und ihre speziellen Charaktereigenschaften und Merkmale als auch die Sportanthropologie werden in den Fokus gerückt und genauer vorgestellt. Auf die Auswirkungen der Typologien auf die Eugenik und Rassenlehre gehe ich hier nicht ein[1]. Die Hauptmethode stellt dabei die Auswertung relevanter Literatur zum Thema dar. Im ersten Teil der Arbeit werden die Lehren von Kretschmer und Sheldon und die dazugehörige Kritik vorgestellt, bevor die Rezeption in der Sportwissenschaft thematisiert wird. Verschiedene vorherrschende Sporttypologien werden thematisiert und in Bezug zu den Konstitutionstypen gesetzt. Der Einfluss der Kretschmerschen Lehre auf die Sportmedizin sowie wie sich die verschiedenen Konstitutionstypen im Laufe des Alters auf die sportliche Leistung auswirken, werden behandelt. Des Weiteren wird Sheldons Typenforschung und seine Rezeption in der Trainingslehre, die erstaunlicherweise noch heute aktuell ist, thematisiert. Neben der Primärliteratur stütze ich mich dabei vor allem auf die Werke von Rolf Albonico und Christoph Raschka, welche einen hervorragenden ersten Überblick über Typologien verschaffen.

2. Konstitutionstypologische Konzepte

Der Begriff „Konstitution” hat im letzten Jahrhundert eine entscheidende Wandlung vollzogen. Bis in die dreißiger Jahre hinein verstand man unter Konstitution die Körperbeschaffenheit eines Menschen, also das Äußere, insbesondere die Proportionen der einzelnen Abschnitte des Körpers (Albonico, 1970, S. 13). Nachfolgende Definition aus dem Band „Anthropologie” des Fischer-Lexikon bietet eine modernere Perspektive:

„Unter Konstitution versteht man das gesamte Erscheinungs-, Funktions- und Leistungsgefüge eines Individuums in seiner Erbbedingheit und Umweltgeformtheit. Das Hauptgewicht liegt dabei auf relativ dauerhaften Zügen (während flüchtige Modifikationen, z.B. Tonusveränderungen im Laufes des Tages, im Allgemeinen außer Betracht bleiben) und auf den funktionell wichtigen Merkmalen, die die Reaktivität des Individuums beeinflussen. Es gibt so viele Konstitutionen wie Individuen. Die Konstitutionsforschung versucht diese Mannigfaltigkeit zu ordnen, und zwar auf zwei Wegen. Sie sucht Gruppen ähnlicher individueller Konstitutionen als Konstitutionstypen zusammenzufassen”. (Heberer/Kurth, 1959, S. 79-80)

Um etwa 3000 v. Chr. entstand die uns heute noch bekannte älteste Typologie der Akkader in Babylonien, die Einteilung der Menschen in eines der zwölf astrologischen Tierzeichen (Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische). Sie gingen von einer starken Korrelation zwischen den Tierzeichen und den physischen und psychischen Merkmalen eines Menschen aus. Eine große Bedeutung für viele nachfolgende französische, italienische und deutsche Konstitutionstypologien hatte die Temperamentslehre von Hippokrates von Kos (460-377 v. Chr.), einem griechischen Arzt und dem Begründer der medizinischen Konstitutionslehre, und seinen Schülern, die diese Lehre weiterentwickelten. Je nach Zusammensetzung der Körpersäfte, die sie als flüssige Form der vier Grundsubstanzen (Erde, Wasser, Luft und Feuer) der Welt sahen, wurden die Menschen einem Temperament zugeordnet (Ruttkowski, 1978, S.65). Ein großer, schmaler Choleriker hat ein Übergewicht an gelber Galle (Feuer), ein breiter, rundlicher Phlegmatiker ein Übergewicht an gelbem Schleim (Wasser). Blut (Luft) entspricht dem vollblütigen Sanguiniker und schwarze Galle (Erde) stimmt mit dem schwerblütigen Melancholiker überein (Albonico, 1970, S. 23).

„Vor allen Dingen sollte man die Art der Konstitution kennen, warum manche Personen schlank und andere fett sind; einige sind warmblütig andere kühler; einige feucht andere trockener; warum einige zur Verstopfung neigen andere weniger.” Dieses Zitat stammt von Aurelius Cornelius Celsus (Rom, um 25 v. Chr - um 50 n. Chr.), einem römischem Enzyklopädisten und einem der wichtigsten Medizinschriftsteller. Er vermutete, wahrscheinlich als erster, einen Zusammenhang zwischen physischer Konstitution und Anlage zu bestimmten Krankheiten. Wie bereits dargelegt, hatten die vier Temperamente der Antike einen großen Einfluss auf nachfolgende Lehren und auch auf Darstellungen anderer berühmter Künstler wie z.B. Dürer, Kant, Schleiermacher und Schopenhauer (Ruttkowski, 1978. S. 65).

Nachdem im Mittelalter die Forschung stagniert hatte, entstanden im 19. und Anfang des 20. Jahrhundert eine Vielzahl von Konstitutionsschulen (Raschka, 2006, S. 44). Zwei der bekanntesten und berühmtesten konstitutionstypologischen Ansätze[2] werden im Folgenden genauer vorgestellt: Zuerst die Konstitutionslehre des deutschen Psychiaters Ernst Kretschmer und anschließend die des US-amerikanischen Mediziners und Psychologen William Sheldon.

3. Konstitutionstypologischer Ansatz von Ernst Kretschmer

3.1 Biographie

Ernst Kretschmer wurde am 08.10.1888 in Wüstenrot bei Heilbronn als Sohn des Pfarrers Ernst Kretschmer geboren. In Tübingen studierte er von 1906 bis 1912 zuerst die Fächer Theologie und Philosophie und dann Medizin. Er promovierte 1914 und wurde noch im August 1914 zum Militärdienst einberufen, in dem er ab 1916 als ordinierender Arzt in einer Nervenheilanstalt tätig war und unter anderem traumatisierte Soldaten mit Suggestion, Strom und Dunkelzimmerisolation behandelte. Er vertrat die umstrittene Ansicht, ihre Symptome seien häufig „willens- und wunschbedingt” (Oehler-Klein/Roelcke, 2007, S. 389). In der Nervenheilanstalt verfasste er unter anderem seine Habilitationsschrift über den „Sensitiven Beziehungswahn” und weitere Arbeiten zu den Themen Wahn, Hirnverletzungen und Kriegsneurosen (Priwitzer 2007, S.19). Er habilitierte 1918 bei Robert Gaupp und war ab 1918 in der Universitätsnervenklinik in Tübingen als Oberarzt tätig. In diesen Jahren verfasste Kretschmer als außerordentlicher Professor der Psychiatrie in Tübingen seine bekanntesten Werke, u.a. veröffentlichte er 1921 sein erfolgreichstes Buch „Körperbau und Charakter”. 1929 wurde er für den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin nominiert. In den folgenden zwanzig Jahren war er als Ordinarius und Leiter der Universitätsnervenklinik in Marburg tätig, wo er sein Forschungsprogramm zur Typologie vorantrieb, bis er 1946 nach Tübingen zurückkehrte.

Seine Einstellung zum Nationalsozialismus ist nicht ganz eindeutig. Zwar galt er ab 1933 als „liberalistischer” Regimegegner, war 1942 mit der Gauleitung als Dekan in Konflikt und schrieb Gegengutachten bei Anträgen auf Sterilisierung (Matz, 2002 S. 19). Er unterzeichnete aber auch 1933 mit 900 anderen Hochschullehrern das Bekenntnis der Professoren an den deutschen Universitäten und Hochschulen zu Adolf Hitler und dem nationalsozialistischen Staat. Im Sammelband zur Erblehre und Rassenhygiene im völkischen Staat von Ernst Rüding strebte er nach einer „Hochzüchtung” der Bevölkerung durch Eheberatung und einer „konsequenten Ausmerzung” von „Erbkranken”. In seinem Buch „Geniale Menschen” behaarte er auf dieser Einstellung und schrieb im Vorwort: „Was im Wesentlichen entartet ist, das werden wir ruhig aus der Vererbung ausschalten können, sofern nicht die Natur selbst es schon tut“ (Kretschmer, 1942, S. 16). Ernst Kretschmer starb 1964 in Tübingen.

3.2 Konstitutionslehre

Der Teufel des gemeinen Volkes ist zumeist hager und hat einen dünnen Spitzbart am schmalen Kinn, während die Dickteufel einen Einschlag von gutmütiger Dummheit haben. Der Intrigant hat einen Buckel und hüstelt. Die alte Hexe zeigt ein dürres Vogelgesicht. Wo es heiter und saftig zugeht, da erscheint der dicke Ritter Falstaff, rotnasig und mit spiegelnder Glatze. Die Frau aus dem Volk mit dem gesunden Menschenverstand zeigt sich untersetzt, kugelrund und stemmt die Arme in die Hüften. Heilige erscheinen überschlank, langgliedrig, durchsichtig, blaß und gotisch. (Kretschmer, 1967, S,1)

Diese Zeilen sind die einleitenden Worte aus dem Werk „Körperbau und Charakter”, welches Ernst Kretschmer 1921 veröffentlichte. Sie machen nach Hoberman schon deutlich, dass es Kretschmer beabsichtigte, Alltagspsychologie in einen Zweig der Naturwissenschaften zu integrieren (Hoberman, 1992, p. 250). „Körperbau und Charakter“ machte, laut H.C. Rümke, Ordinarius der Psychiatrie in Amsterdam, Ernst Kretschmer “mit einem Schlage weltberühmt”. Es fand auch außerhalb der Fachgrenzen internationale Beachtung. Der Kunsthistoriker Sir Ernst Gombrich schrieb dazu, das Buch sei „the talk of the day” gewesen (Matz, 2002, S. 3). Das Hauptwerk Kretschmers beschreibt den Zusammenhang zwischen dem Körperbau eines Menschen und seinen charakterlichen Eigenschaften. Kretschmers Absicht war es, die von Kraepelin[3] beiden herausgearbeiteten psychischen Hauptgruppen psychiatrischer Erkrankungen mit den ihnen „korrespondierenden Körperbautypen” und deren Entsprechungen mit den „normal-psychologischen Temperamentstypen” nachzuweisen (Kretschmer 1967, S.1). Kretschmers Arbeit stützt sich auf die Forschungen von Kraepelin, der „zwei Gruppen der endogenen Psychose unterschied: Schizophrenie und manisch-depressives Irresein” (Albonico, 1970, S. 41). Kretschmer bemerkte, dass sich die zwei Gruppen auch bezüglich ihres Körperbaus unterschieden und entwickelte aus diesen Beobachtungen seine berühmte Typologie. Viele seiner schizophrenen Patienten waren schlank und groß, wohingegen viele rundliche-breitere Personen manisch-depressiv waren. Schon anhand der einleitenden Worte von „Körperbau und Charakter” wird der Zusammenhang seiner Tätigkeit als Leiter der Nervenklinik und seinen dort angestellten Beobachtungen deutlich. Dort wurde er auf den Zusammenhang zwischen Körperbautypen und Geisteskrankheiten aufmerksam (Ruttkowski, 1978, S. 69). Für Kretschmer „muss die Körperbauuntersuchung ein exaktes Teilstück der medizinischen Wissenschaft werden. Denn sie ist einer der Hauptschlüssel zum Konstitutionsproblem“. Die Beobachtungen am menschlichen Körper, d.h. „die systematische wörtliche Beschreibung und Aufzeichnung des ganzen äußeren Körpers” standen im Vordergrund. Kretschmer erklärte seine Methodik wie folgt: „Vor allem aber müssen wir wieder lernen, unsere Augen zu gebrauchen, einfach schlicht zu sehen und zu beobachten, ohne Mikroskop und Laboratorium” (Kretschmer, 1967, S. 2). Kretschmer entwickelte ein Konstitutionsschema, welches für jeden Patienten ausgefüllt wurde. Dieses war in sechs Punkte gegliedert: Gesicht und Schädel, Körperbau, Körperoberfläche, Drüsen und Eingeweide, Maße und Zeitpunkte. Die optische Beschreibung wurde bei Kretschmer der Messung vorangestellt (ebd., S. 2f). Kretschmer war sich der Mängel der wörtlichen Beschreibung bewusst, doch für ihn überwogen die Vorteile. Wichtige Merkmale wie Hautfarbe, Gefäßzustand oder Behaarungsdichte ließen sich kaum messen und der optische Eindruck lasse vieles prägnanter wirken. „Jedenfalls ist es ein grober Irrtum zu glauben, dass nur auf dem Weg von Maß und Zahl ‚allgemein-verbindliche‘ und ‚exakte Resultate‘ gewonnen werden könnten” (ebd., S. 26). Zusätzlich nutzte Kretschmer eine Reihe von Körperbauindizes. Er beschrieb allein 15 Indizes, die sich bei der Körperbaudiagnostik bewährt haben, wie bspw. die Indizes von Andrejew und Wertheimer (ebd., S. 48). Deutlich wird hier schon, dass Kretschmer sich stark bemüht, sein Werk auf anerkannte wissenschaftliche Standards zu gründen. Auch werden die Körperbautypen durch „psychologische Leistungsexperimente auf ihr Tempo, ihre Auffassungsweisen, [...] ihre Perseveration, ihre Motorik, Geschicklichkeit, ihre Affektivität usw. geprüft” (Jaspers, 1961, S. 538). Kretschmer bezog sich bei seinen Beobachtungen größtenteils auf Männer, da der weibliche Körperbau im Durchschnitt weniger prägnant ist. Insgesamt untersuchte Kretschmer rund 260 Personen, davon waren 175 Personen mit Schizophrenie und 85 Patienten mit einer manisch-depressiven Erkrankung.

3.3 Die Körperbautypen

Kretschmer unterschied anhand der gewonnen Daten zwischen drei verschiedenen Körperbautypen: Dem leptosomen Typ, dem athletischen Typ und dem pyknischen Typ. Eine weitere Kategorie bezeichnete Kretschmer als “dysplastische Spezialtypen”. Unter diesen Spezialtypen sind kleine, sehr unähnliche Gruppen mit meist nur wenigen Fällen zusammengefasst. Zu dieser Gruppe gehören z.B. Menschen mit hormonbedingten Wuchsstörungen, Proportionsverschiebungen, Ausbildung von unter- oder überstarken Organen oder Abweichungen vom Alters- und Geschlechtstyp (Schneewind, 1982, S. 117). Im Folgenden werden allerdings nur die drei ursprünglichen Körperbautypen vorgestellt.

3.3.1 Der leptosome Typ

Der leptopsome Typ (vom griechischen leptós = schmal) hat als prägnantes Merkmal ein „geringes Dickenwachstum bei durchschnittlich unvermindertem Längenwachstum.” (Kretschmer, 1967, S.24). Folgendes Erscheinungsbild ergibt sich bei einem extremen Leptosomen (siehe Abb. 2): Er ist mager, schmal, aufgeschlossen, hat saft- und blutarme Haut, schmale Schultern, eine magere Muskulatur, dünnen, fettlosen Bauch, dünne Arme, lange Hände und einen langen, flachen, schmalen Brustkorb. Der leptosome Typ kann aber durchaus auch zäh und sehnig sein, breitere Schultern oder einen kleinen, schlaffen Bauch haben, sodass die Gefahr besteht, ihn mit einem atypischen Athletiker zu verwechseln. Schon als Kinder sind Leptosome schwächlich und zart, wachsen allerdings in der Pubertät recht schnell; sie zeigen zudem bis ins Mannes- und Greisenalter keinen Muskel- und Fettansatz. Die Gesichtsbildung setzt oft erst ab dem 18. Lebensjahr ein und kann sich durch die fortwährende Abmagerung noch bis ins hohe Alter ausprägen. Ein wichtiges biologisches Merkmal ist das vorzeitige Altern. Die Frauen sind oft kleinwüchsig, sonst haben sie den gleichen Habitus wie die Männer. Die Durchschnittsgröße der leptosomen Frauen beträgt eine sehr niedrige 153,8 cm, die der Männer durchschnittliche 168,4 cm. Das Durchschnittsgewicht bei den Männern liegt bei 50,5 kg, das der Frauen bei 44,4 kg. Ein Großteil der Leptosomen, die sehnig-schlank und hager sind, zeichnet sich durch eine gute allgemeine Vitalität und Eignung zu gewissen sportlichen Leistungen aus (Kretschmer, 1967, S. 24-27).

3.3.2 Der athletische Typ

„Der männliche, athletische Typ ist gekennzeichnet durch die starke Entwicklung des Skelets, der Muskulatur, dann auch der Haut“ (Kretschmer, 1967, S. 27). Der Athletiker besitzt besonders breite Schultern, einen stattlichen Brustkorb, einen straffen Bauch und eine schmale Taille. Der Kopf ist derb und hoch und wird auf freiem Hals aufrecht getragen (siehe Abb. 3). Die Haut hat einen straffen, elastischen Turgor (Spannungszustand) und ist besonders im Gesicht dick und derb. Die Umrisslinien des Körpers werden von der hypertrophischen Muskulatur beherrscht. Im Gegensatz zum übrigen Körperbau ist der Unterkörper verhältnismäßig schlank. Die Entwicklung des Körperbaus in den verschiedenen Lebensaltern ist nicht sehr bemerkenswert. Beim weiblichen Athletiker ist die Fettentwicklung im Gegensatz zum männlichen Typ nicht gehemmt, ansonsten sind die Charakteristika des Körperbaus größtenteils ähnlich. Kretschmer beschreibt, dass der weibliche Körperbau „den Eindruck des Abnornem” mache, da dieser im Unterschied zum männlichen Körper, der dem künstlerischen Schönheitsideal recht nahe kommt, das weibliche Schönheitsideal stark überschreitet. Die Körpergröße ist überdurchschnittlich, bei Männern beträgt sie 170 cm, über 180 cm sind nicht selten, bei Frauen beträgt sie 163,1 cm. Das Durchschnittsgewicht der Männer ist 62,9 kg, das der Frauen beträgt 61,7 kg (Kretschmer, 1967, S. 27-31).

3.3.1 Der pyknische Typ

Der pyknische Typ (vom griechischen pyknos = dick) ist „auf der Höhe seiner Ausbildung im mittleren Lebensalter gekennzeichnet durch die starke Umfangsentwicklung der Eingeweidehöhlen (Anm. d. Verf.: Kopf, Brust und Bauch) zwischen den Schultern sitzend; ein stattlicher Fettbauch wächst aus dem unten sich verbreiternden tiefen, gewölbten Brustkorb heraus.” (Kretschmer, 1967, S. 32-33). Ausgeprägte Fälle werden durch ein grobes Erscheinungsbild bestimmt, die mittelgroße Figur ist gedrungen und ein weiches breites Gesicht sitzt auf einem kurzen massiven Hals (siehe Abb. 4). Die Gliedmaßen dagegen sind weich, rundlich und haben wenig Muskelrelief. Die Hände sind mehr kurz und breit. Ein besonders hervorstechendes und bezeichnendes pyknisches Merkmal ist die Brust-Schulter-Hals-Proportion. Die mäßige Schulterbreite steht im Kontrast zum großen Brustumfang (36,9 cm: 94,5 cm). Die Pykniker neigen wie eingangs schon beschrieben zum Fettansatz, welcher sich hauptsächlich am Bauch bemerkbar macht. Die Muskeln sind mittelkräftig und von weicher Konsistenz. Die typische pyknische Form kristallisiert sich erst zwischen dem 30. und 40. Lebensjahr heraus. Der Fettbauch bleibt meist bis ins Greisenalter bestehen, fällt aber bis zu einem gewissen Grad ein. Der Körperbau bei den Frauen modifiziert sich ein wenig gemäß den Geschlechtscharakteristika. In der Jugend kommt es vor, dass der weibliche Typ dem leptosomen Typ ähnlich sieht, weil der Fettansatz kaum ausgeprägt ist. Bei den Frauen konzentriert sich dieser Ansatz aber stärker auf Brust und Hüften. Die Durchschnittsgröße der Pykniker beträgt 167,8 cm bei den Männern und 156,5 cm bei den Frauen. Das Durchschnittsgewicht beträgt 68 kg bzw. 56,3 kg.

3.4 Temperament

Die Untersuchungen Kretschmers ergaben, dass die Leptosomem, Athletiker und Dysplastiker eine größere Tendenz zur Schizophrenie haben; die Pykniker hingegen tendieren mehr zu einer manisch-depressiven Erkrankung (zirkuläres Irresein). Dieses Ergebnis war für Kretschmer „überraschend und von großer biologischer Wichtigkeit” (Kretschmer, 1967, S. 38). Von Westphal untermauerte 1931 diesen Zusammenhang mit einer großangelegten Untersuchung mit einem Stichprobenumfang von 8099 Fällen. Den drei Konstitutionstypen wies Kretschmer jeweils spezifische Temperaments- und Charaktertypen zu.

Unter Temperament versteht Kretschmer relativ umweltstabile Persönlichkeitsmerkmale, wohingegen Charakter solche Merkmale bezeichnet, die vergleichsweise formbar sind, also einem gewissen Umwelteinfluss unterliegen (Rammsayer Weber, 2010, S. 186). Auf Grundlage der drei Konstitutionstypen, leptosom, athletisch und pyknisch und dem Zusammenhang der Erkrankungen der Schizophrenie und des Manisch-Depressiven ordnete Kretschmer diesen drei Temperamente zu. Das Temperament der Leptosomen, die den Hang zur Schizophrenie aufweisen, nennt Kretschmer schizothym. Das der Pykniker, die die Tendenz des Manisch-Depressiven haben, bezeichnet er als zyklothym. Das Temperament der Athletiker wird viskös genannt.

Die zykloiden Temperamente der Pykniker sind durch eine „diathetische Proportion” der Stimmung charakterisiert, d.h. es lassen sich sowohl heitere als auch traurige Stimmungslagen vorfinden. Die Bandbreite der Gefühle schwankt von gesellig, freundlich, heiter, humoristisch bis still, ruhig und weich. Zykloide Menschen sind ihrer Umwelt gegenüber zugänglich, offen und gesellig. Sonderformen der Zyklothyme sind der „flott-hypomanische Typ”, der „still-vergnügte Typ” und der „schwerblütige Typ” (Kretschmer, 1967, S. 175-189).

Die schizoiden Temperamente der Leptosomen werden durch ihre „psychästhetische Proportion” gekennzeichnet. Das heißt die Temperamentsmerkmale schwanken „zwischen den Polen reizbar und stumpf” (ebd., S. 193). Um sie zu verstehen, müsse man wissen, dass die meisten Schizoiden „überempfindlich und kühl zugleich sind” (ebd., S. 193). Ihre Persönlichkeiten haben eine große Bandbreite von unterschiedlichen Charakterzügen, die von ungesellig, still, ernsthaft, schüchtern, empfindlich bis hin zu lenksam, brav oder stumpf reichen können. Das psychische Tempo ist oft sprunghaft, einseitig, nüchtern und theoretisch. Die Einstellung zu ihrer Umwelt ist zurückhaltend, verschlossen und wenig gesellig. Sonderformen ihres Temperaments sind z.B. der „kalte Despotentyp”, der „jähzornig-stumpfe Typ” oder der „empfindsame-affektlahme Typ” (ebd., S. 192-211).

Das visköse Temperament der Athletiker, welches Kretschmer erst später hinzufügte, zeichnet sich durch eine „große Tenazität” (Zähflüssigkeit) auf der einen, auf der anderen Seite durch eine explosive Reizbarkeit aus (ebd., S. 253). Der Athletiker hat eine geringe Reizempfindlichkeit, was viele phlegmatische Naturen zur Folge hat. Oft sind sie gleichmütig, unempfindlich, gelassen und ruhig. In ihrer Psychomotorik erscheinen sie in den meisten Fällen langsam und bedächtig. Die Sprache ist wortkarg, die Phantasie begrenzt und das Temperament stabil. Der Humor fehlt den Athletikern oft und gegenüber ihrer Umwelt verhalten sie sich passiv, ungewandt und gesellig (ebd., S. 249-257).

3.5 Kritik

Karl Jaspers[4] war einer der prominentesten Kritiker Kretschmers. Schon 1923, kurz nach Erscheinen des Werkes „Körperbau und Charakter”, kritisierte Jaspers vor allem die Methodik und Unwissenschaftlichkeit Kretschmers. Kretschmer habe den Konstitutionstyp überwiegend nur durch bloße Betrachtung und an psychisch kranken Menschen gewonnen, um dann auf die Allgemeinbevölkerung zu schließen. Seine Typologie vernachlässige auch den Entwicklungs- und Altersprozess, so neige der menschliche Körper im hohen Alter zu einer Ausbildung eines pyknischen Körperbaus. Ein systematischer Theorieteil fehle in den einzelnen Kapiteln und zentrale Begriffe wie Temperament, Charakter und Konstitution würden erst post hoc erläutert. Kretschmer Schreibstil sei eher erzählend als wissenschaftlich. Auch inhaltlich konnten die Zusammenhänge des Körperbaus mit den „manisch-depressiven” und schizophrenen Erkrankungen nicht nachgewiesen werden (Boerner, 2015, S. 140). Kretschmer gibt an, dass die Zahl der Leptosomen und Athletiker zusammen 40-60% und die der Pykniker 20% betragen, also insgesamt 60-80% reine Typen vorkommen. Studien, die diese Ergebnisse überprüften, weichen aber stark von diesen hohen Zahlen ab. So fand z.B. Arnold nur 21,11% reine Typen, davon 7,75% Leptopsomen, 8,27% Athletiker und 5,28% Pykniker (Arnold, 1931, S. 111).

Erstaunlich ist es, dass trotz der vielen fundamentalen Kritiken, Kretschmers Arbeit oft zitiert und auch in der heutigen Temperamentsforschung vielfach noch auf Kretschmer verwiesen wird. In der heutigen, modernen Psychotherapie aber spielt Kretschmer und seine Thematik laut Boerner „allenfalls noch eine historische Rolle” (ebd., S. 140-141).

4. Konstitutionstypologischer Ansatz von William Sheldon

4.1 Biographie

William Herbert Sheldon wurde am 19. November 1898 in Warwick (Rhode Island) geboren und war ein US-amerikanischer Mediziner und Psychologe. Nach Abschluss der High-School 1915 und nach Beendigung seines Einsatzes als Leutnant im 1. Weltkrieg in Europa, besuchte er 1919 Freud und Kretschmer. Sein Psychologiestudium beendete er 1925 mit einer Dissertation zu „Morphologic Types and Mental Ability“. Er unterrichtete an der Universität von Chicago. 1933 schloss er sein Medizinstudium an der hiesigen Universität ab. Im Anschluss verbrachte Sheldon, unterstützt durch ein Forschungsstipendium, zwei Jahre in Europa, wo er wiederum Freund, Kretschmer, Jung und Adler traf, welche Sheldons Auffassungen zu Körperbau und Charakter wesentlich beeinflusst haben (Boerner, 2015, S. 148). Zurück in den USA arbeitete er in den 30ern und 40ern Jahren mit Hooton, einem bekannten Harvard-Professor für Anthropologie, und dem Psychiater Smith S. Stevens zusammen. Sheldon bekam 1938 die Leitung der „Youth Guidence Clinic” übertragen, wo er unter anderem Forschungsprojekte zu Körperbau und Temperament delinquenter Jugendlicher durchführte. Von 1947 bis 1959 war er Direktor am „Constitutional Laboratory” der Medizinischen Fakultät der Columbia Universität in New York. Mitte der 50er Jahre zog sich Sheldon aus der Öffentlichkeit zurück und starb 1977 zurückgezogen in einem Haus in Cambridge (ebd., S. 149).

4.2 Konstitutionslehre

1940 und 1942 erschienen zwei von Sheldons bekanntesten Bücher, „The Varieties of Human Physique (An Introduction to Constitutional Psychology)” und „Varieties of Temperament (A Psychology of Constitutional Differences)”. Mit diesen Büchern beeinflusste Sheldon besonders die Forschungen in den USA zu Körperbau und Temperament entscheidend; aus ihnen entstanden u.a. international akzeptierte anthropometrische Verfahren (siehe Kapitel 5.4), z.B. die Somatotypisierung nach Heath und Carter 1967 (Boerner, 2015, S. 147). Sheldon wurde in seinen Untersuchungen stark von Kretschmer beeinflusst. Er ging allerdings fundierter und mit größerer methodischer Strenge vor. In seiner Einleitung nimmt er Bezug zu Kretschmers Forschungen: „The difficulty lies simply in the fact that Kretschmer’s conception of polar types implies a trimodality of distribution which is untrue to life. There are not three kinds of people - there is a continous distribution of people, and of physiques” (Sheldon, 1940. p. 25). Er verglich Kretschmers Theorie mit dem Vergleich der Erschaffung einer menschlichen Typologie aus drei Typen und dem Versuch eine Sprache aus drei Adjektiven zu bilden (ebd., p. 25). Im Unterschied zu Kretschmer, welcher psychisch kranke Menschen als Studienmaterial benutzte, untersuchte Sheldon ca. 4000 männliche Studenten im Alter von 16-20 Jahren nach einer Methode, die er Somatotyping nannte. Nach einem standardisierten Verfahren wurde aus drei verschiedenen Perspektiven (frontal, seitlich, von hinten) die Versuchspersonen nackt fotografiert. Um einen Somatotyp zu bestimmen sind nach Sheldon zwei Schritte ausreichend. Zuerst wird anhand der Fotos die individuell vorherrschende Körperbaukomponente erarbeitet. Im zweiten Schritt wird das Verfahren mit dem somatrometrischen Prinzip abgeschlossen. Durch 19 Indizes wird anhand von vorliegenden Tabellen der endgültige Somatotyp bestimmt (Boerner, 2015, S. 150). Unter diesen tausenden Fotos suchte Sheldon die signifikantesten Typen, die innerhalb ihrer eigenen Kategorie extrem charakteristisch waren, sich aber von den anderen Typen am wenigsten ähnelten. Sheldons Beobachtungen ergaben genau drei Extremvarianten des Körperbaus (Brown/Herrenstein, 1984, S. 647).

[...]


[1] Ausführlich behandelt dieses Thema Matz (2000).

[2] Ausführliche Informationen zu konstitutionstypologischen Theorien finden sich bei Albonico (2006), Rutttkowski (1978) und Boerner (2008).

[3] Der deutsche Psychiater Emil Kraepelin (1856-1926) gilt als Begründer der modernen Klassifikationssysteme in der Psychiatrie.

[4] Karl Jasper (1883 - 1969 war ein deutscher Psychiater und Philosoph, der grundlegend zur wissenschaftlichen Entwicklung der Psychiatrie beigetragen hat. Die ausführliche Kritik Jaspers an Kretschmer findet sich in Jasper (1948) S. 541-549 wieder.

Details

Seiten
34
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668691728
ISBN (Buch)
9783668691735
Dateigröße
579 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v421706
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2.0
Schlagworte
ernst kretschmer sportgeschichte Konstitutionslehren William Sheldon

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Titel: Die Rezeption der Konstitutionslehren von Ernst Kretschmer und William Sheldon in der Sportwissenschaft