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Der Umgang mit Zeit. "Um Mitternacht" von Johann Wolfgang von Goethe und Eduard Mörike im Vergleich

Essay 2018 8 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der Umgang mit und das Erlebnis von Zeit beschäftigt jeden Menschen. So spielt auch die Zeit in Goethes Spätwerk „Um Mitternacht“ eine besondere Rolle. Auch Eduard Mörike beschäftigt sich sechs Jahre später in einem gleichnamigen Gedicht mit der Mitternacht und dem Erlebnis von Zeit. Aufgrund der Tatsache, dass es sich bei beiden Werken um Mitternachtsgedichte handelt und das Zeiterlebnis eine besondere Rolle spielt, bietet sich ein Vergleich der beiden Gedichte an. Im Folgenden werden also zunächst beide Werke unter den eben genannten Aspekten analysiert und anschließend miteinander verglichen.

Goethes Mitternachtsgedicht ist laut seinem Tagebuch im Jahre 1818 entstanden und wurde 1822 zum Druck gebracht. Über das Gedicht schreibt der Autor: „Hier nun fühl ich unwiderstehlichen Trieb, ein Lebenslied einzuschalten, das mir seit seiner mitternächtigen unvorgesehenen Entstehung immer wert gewesen“.[1] Weiterhin sagt Goethe über „Um Mitternacht“, dass es „sein Verhältnis zu [ihm] nicht verloren [hat], es ist von [ihm] noch ein lebendiger Teil und lebt mit [ihm] fort“.[2] Diese Aussage Goethes ist nachzuvollziehen, wenn man sich den Inhalt des Gedichtes näher ansieht. Es handelt sich um ein biographisches Altersgedicht. Das lyrische Ich blickt in drei Etappen auf sein vergangenes Leben zurück, es liest sich wie ein verkürzter Lebenslauf. Diese drei Lebensetappen werden in drei Strophen mit jeweils fünf Versen präsentiert.

In der ersten Strophe erinnert sich das lyrische Ich daran, wie es als „kleiner Knabe“[3] (V. 2) um Mitternacht „zu Vaters Haus“ (V. 3) ging. Dies machte das lyrische Ich „nicht eben gerne“ (V. 1). Vermutlich fürchtet der Knabe sich vor der Dunkelheit oder ist zumindest beunruhigt. Dennoch findet er, dass die Sterne „doch alle gar zu schön [leuchteten]“ (V. 4). In dieser ersten Strophe wird bereits angedeutet, dass der Zeitpunkt der nächtlichen Wanderung des Knaben eine besondere Rolle spielt. In zwei Versen wird beschrieben, dass es Mitternacht ist (V. 1, V. 5).

In der zweiten Strophe tritt das lyrische Ich als junger Mann in Erscheinung, der nicht nur älter, sondern auch weiser zu sein scheint, was durch die Ausdrücke „ferner“ und „des Lebens Weite“ deutlich wird (V. 6). Das nun heranwachsende lyrische Ich „mußte zur Liebsten“ (V. 7), er „mußte, weil sie zog“ (V. 7). Dieser Vers bleibt ambivalent, jedoch ist auffällig, dass das lyrische Ich sich in der Dunkelheit nicht mehr zu fürchten scheint. War er als Knabe noch nicht gerne um Mitternacht unterwegs, so genießt er nun diese Zeit und empfindet ein tiefes Gefühl von Glück (V. 9: „Seligkeiten“). Die Ausdrücke „gehend, kommend“ (V. 9) lassen sogar vermuten, dass das lyrische Ich mittlerweile gerne um Mitternacht unterwegs ist. Es scheint, als ob es öfter um diese Zeit zu seiner Liebsten kommt und auch wieder geht. Auch erinnert sich das lyrische Ich erneut, wie schon als Knabe, an die Helligkeit der Sterne, die für ihn eine wichtige Rolle spielen. Auch diese scheinen nun heller zu leuchten als noch in der ersten Strophe (V. 8: „Gestirn und Nordschein“).

In der dritten und letzten Strophe scheint das lyrische Ich ein fortgeschrittenes Alter erreicht zu haben. Es ist der Position, aus dieser es nun erzählt, am nächsten (V. 11: „Bis dann zuletzt“). Der „volle[] Mond[]“ (V. 11) scheint „[h]elle“ (V. 11), was wiederrum eine Steigerung zu der Helligkeit der Sterne und des Gestirns und des Nordscheins in den vorherigen Strophen darstellt. Nicht nur der Himmel ist erhellt, auch „der Gedanke“ der lyrischen Ichs (V. 13) ist „willig, sinnig, schnelle“ (V. 13). Dies wird weiterhin durch die Tatsache unterstützt, dass die Grammatik des Gedichtes mit jeder Strophe klarer wird. Die erhellten Gedanken des lyrischen Ichs schlingen sich „ums Vergangene wie ums Künftige“ (V. 14). Auffällig ist, dass das lyrisch Ich sich nicht mit der Gegenwart beschäftigt, sondern sich seine Gedanken um die Vergangenheit und um die Zukunft drehen.

Der Knabe der ersten Strophe erlebt die Mitternacht trotz der Schönheit der Sterne noch „mit leiser Fremdheit“[4], der junge Mann hingegen erlebt die Mitternacht anders, er beschreibt das Nordlicht, das „dämonisch wie die Leidenschaft“[5] erscheint. In der letzten Strophe, wenn das lyrisches Ich ein fortgeschrittenes Alter erreicht hat, scheint der volle helle Mond. Mit der Zeit und mit dem Alter hat sich das lyrische Ich weiterentwickelt, es ist weiser geworden, es findet sich in der Welt besser zurecht. Besonders auffällig an Goethes Stil in diesem Gedicht ist, dass das Vergangene noch stets sehr lebendig in der Erinnerung des lyrischen Ichs wirkt. So kann es das Fremdheitsgefühl des Kindes und die Liebe und Sehnsucht des Mannes nach der Liebsten noch sehr genau beschreiben, obwohl diese Gefühle schon viele Jahre zurückliegen.

Eduard Mörikes Gedicht, das ebenfalls den Titel „Um Mitternacht“ trägt, ist um 1827 entstanden und wurde im Jahre 1828 veröffentlicht. Mörikes Gedicht ist in zwei Strophen mit jeweils acht Versen unterteilt. Auffällig ist, dass in Mörikes Werk kein lyrisches Ich auftritt, es fehlt „ein reflektierende[s] Ich[]: Alles bleibt im Bild, das seine rätselhafte Verschlossenheit gegen jeden Deutungsversuch bewahrt und doch ein Verstehen ohne Verstehen erlaubt“.[6] Anstelle eines lyrischen Ichs nimmt die Nacht die Rolle des Betrachters und gleichzeitig des Betrachteten ein.[7] Im ersten Vers des Gedichtes wird die Nacht personifiziert, indem sie „gelassen […] ans Land […] stieg“ (V. 1)[8]. Weiterhin „lehnt“ sie „träumend an der Berge Wand“ (V. 2). Hier findet eine interessante Wendung mit Blick auf die Zeit statt. Der erste Vers des Gedichtes ist im Präteritum geschrieben, während der zweite Vers und auch die nachfolgenden Verse allesamt im Präsens geschrieben sind. Durch diesen Wechsel im Tempus scheint es, als würde Mörike nicht nur den Zeitpunkt um Mitternacht, sondern eine längere Zeitspanne beschreiben, nämlich den Beginn der Nacht, bis zu ihrem Höhepunkt um Mitternacht. Die Nacht wird weiterhin personifiziert, „ihr Auge sieht die goldene Waage nun“ (V. 3).

Durch die ersten vier Verse wird die Nacht als ruhig und „gelassen“ (V. 1) dargestellt. Diese Stille wird mit dem nächsten Vers durchbrochen, denn „kecker rauschen die Quellen hervor“ (V. 5). Die Quellen bilden somit einen Gegenpol zur Nacht. Sie „rauschen“ (V. 5) nicht nur, sondern „singen“ (V. 8) auch und werden somit, genau wie die Nacht, personifiziert. Die Quellen singen der Nacht „ins Ohr“ (V. 9) und berichten vom „heute gewesenen Tage“ (V. 10). Die Quellen fließen nicht nur in der Nacht, sondern auch am Tage und können der Nacht also von den Geschehnissen des Tages, also von der vergangenen Zeit berichten. Die Nacht bekommt Information über die Zeit, die sie nicht mitbekommen hat. Die Quellen werden als aktiv und laut (V. 5: „kecker“, „rauschen“) beschrieben, sie stehen für den Tag. Die Nacht wird als Gegenpol zum Tag beschrieben, sie ist ausgeglichen (V. 3: „goldne Waage“) und still (V. 4: „ruhn“).

In der zweiten Strophe des Gedichtes wird allerdings klar, dass die Nacht nicht an den Geschehnissen der vergangenen Zeit interessiert ist. Die Informationen der Quellen über den Tag werden als „uralt alte[s] Schlummerlied“ (V. 9) bezeichnet. Die Nacht „achtet’s nicht, sie ist es müd“ (V. 10). Daraus lässt sich deuten, dass die einzig wichtige Zeit in Mörikes Gedicht die Mitternacht, also im Gedicht die Gegenwart ist. Die Vergangenheit ist für die Nacht nicht bedeutsam, sie genießt das hier und jetzt. Dies wird im folgenden Vers noch deutlicher. Der Nacht „klingt des Himmels Bläue süßer noch“ (V. 11). Das immer wiederkehrende Singen der Quellen ist die Nacht satt, doch kann sie sich nicht an der Bläue des Himmels sattsehen. Sie genießt den Anblick des blauen Himmels der Mitternacht mehr. Hier wird noch einmal die Ausgeglichenheit der Nacht betont (V. 12: „gleichgeschwungnes Joch“).

Am Ende des Gedichtes jedoch „behalten die Quellen das Wort“ (V. 13). Die Nacht kann sich dem Erzählen der Quellen zwar für einige „flüchtgen Stunden“ (V. 12) entziehen, jedoch „singen die [Quellen] im Schlafe noch fort“ (V. 14). In Mörikes Gedicht spielt das Erlebnis der Gegenwart eine besondere Rolle. Obwohl die Nacht jedes Mal das gleiche sieht und hört, genießt sie die wenigen Stunden immerzu, bis der neue Tag anbricht. Was in der Vergangenheit passiert ist, ist nicht von Bedeutung. Die Nacht verliert sich in dem Augenblick der Mitternacht und gibt sich der Gegenwart vollständig hin.[9] Allerdings kommt die Vergangenheit zurück, wenn die Stille der Nacht dem Tage weichen muss.

Da das Gedicht kein lyrisches Ich bietet und die Nacht personifiziert wird, kann die Nacht auf einer allgemeineren Bedeutungsebene das menschliche Empfinden symbolisieren. In diesem Fall ist es dem Menschen möglich, sich in der Stille und der Ausgewogenheit der Zeit um Mitternacht der Vergangenheit zu entziehen. Die Quellen symbolisieren die Vergangenheit, da sie von der vergangenen Zeit singen. Sie singen zwar Tag und Nacht fort, aber es ist möglich, sich dieser zu entziehen. Allerdings geht auch diese Zeit zu Ende und ein neuer Tag bricht an, die Vergangenheit kann nicht ignoriert werden und ein neuer Tag beginnt. Die Quellen singen immer weiter von der Vergangenheit, es ist also nicht möglich, sich dieser zu entziehen. Allerdings ist es möglich, sich dieser für eine kurze Zeit zu entziehen und in den Hintergrund rücken zu lassen, nämlich um Mitternacht.

Vergleicht man nun die eben analysierten Gedichte fällt zuerst einmal auf, dass beide Autoren das Bild der Mitternacht nutzen. Dies geschieht allerdings auf eine sehr unterschiedliche Weise. Goethe schaut auf den Lebensverlauf des lyrischen Ichs zurück. Dies geschieht in einer sehr persönlichen Weise, das lyrische Ich ist für den Leser greifbar und kann sich vorstellen, wie dieses im fortgeschrittenen Alter auf sein Leben zurückblickt und dabei die Momente um Mitternacht Revue passieren lässt. Dies lässt sich mit den Worten Goethes zur Einleitung des Gedichtes unterstützen:

[...]


[1] Johann Wolfgang von Goethe: „Um Mitternacht“. In: Ders.: Werke. Kommentare und Register. 14 Bde. Hg. v. Erich Trunz. 11., durchgeh. Aufl. München 1978. Bd 1: Gedichte und Epen. S. 693.

[2] Ebenda.

[3] Johann Wolfgang von Goethe: „Um Mitternacht“. In: Ders.: Werke. Kommentare und Register. 14 Bde. Hg. v. Erich Trunz. 11., durchgeh. Aufl. München 1978. Bd 1: Gedichte und Epen. S. 372. Nach dieser Ausgabe wird künftig direkt im Text zitiert.

[4] Johann Wolfgang von Goethe: „Um Mitternacht“. In: Ders.: Werke. Kommentare und Register. 14 Bde. Hg. v. Erich Trunz. 11., durchgeh. Aufl. München 1978. Bd 1: Gedichte und Epen. S. 694.

[5] Ebenda.

[6] Heydebrand: „Zeit“, S. 5.

[7] Vgl. Haart Nibbrig, u.a..: Verlorene Unmittelbarkeit. Zeiterfahrung und Zeitgestaltung bei Eduard Mörike. Bonn 1973. S. 66.

[8] Eduard Mörike: „Um Mitternacht“. In: Ders.: Sämtliche Werke. Hg. v. Hans Jancik. Wien 1963. S. 212. Nach dieser Ausgabe wird künftig direkt im Text zitiert.

[9] Vgl. Heydebrand: „Zeit“, S. 53f.

Details

Seiten
8
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668688933
Dateigröße
409 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v421025
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Germanistik Literaturwissenschaft Goethe Lyrik Mitternacht
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