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Die Wirkung von einer kognitiven und einer affektiven Intervention in ökologisch-sozialen Dilemmata bei Grundschulkindern

Bachelorarbeit 2018 54 Seiten

Psychologie - Kognitive Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Theoretischer Hintergrund
2.1 Hardins Hirten als Parabel für ökologisch-soziale Dilemmata
2.2 Soziale Dilemmata
2.3 Ökologisch-soziale Dilemmata
2.4 Komplexe Systeme
2.5 Denkfehler im Umgang mit komplexen Systemen
2.6 Experimentelles Vorgehen bei ökologisch-sozialen Dilemmata
2.7 Einflussfaktoren auf das Verhalten in ökologisch-sozialen Dilemmata
2.7.1 Motive
2.7.2 Soziales Wissen
2.7.4 Ökologisches Wissen
2.7.5 Ein Rahmenmodell der Handlung in ökologisch-sozialen Dilemmata
2.8 Die Rolle von Emotionen
2.9 Hinführung zur Fragestellung und Hypothesen

3. Methode
3.1 Interventionsmaterial
3.1.1 Vortestung des Interventions-Materials
3.1.2 Ergebnisse der Vortestung des Interventions-Materials
3.2 Stichprobe
3.3 Ablauf
3.4 Auswertungsverfahren

4. Ergebnisse
4.1 Deskriptive Statistik
4.2 Ergebnisse von Hypothese 1
4.3 Ergebnisse von Hypothese 2
4.4 Ergebnisse von Hypothese 3
4.5 Explorative Datenanalyse

5. Diskussion

Literaturverzeichnis

Anhang A

Anhang B

Anhang C

Anhang D

Anhang E

Zusammenfassung:

Die vorliegende Arbeit untersucht die Wirksamkeit induzierter negativer Emotionen auf das Nachhaltigkeitsverhalten von Grundschulkindern in einem ökologisch-sozialen Dilemma. Hierzu spielten 62 Kinder im Alter von sechs bis neun Jahren eine kindgerechte Abwandlung des Fischereikonfliktspiels (Spada & Opwis, 1985) und hörten zwischen zwei Durchgängen des Spiels entweder einen Sachtext oder einen emotionalen Text, beide zu dem Thema Überfischung. Es wurde angenommen, dass der emotionale Text eine stärkere Verbesserung des nachhaltigen Fangverhaltens bewirkt als der Sachtext. Tatsächlich führte jedoch der Sachtext zu einer Verbesserung, wohingegen der emotionale Text keine signifikante Veränderung im Fangverhalten bewirkte. Verschiedene Gründe dafür werden diskutiert. Es ist einerseits möglich, dass die Grundschulkinder tatsächlich emotional stärker auf den Sachtext reagierten, aber auch, dass der Unterschied im Verbesserungsverhalten auf unterschiedliche Niveaus der Nachhaltigkeit in dem ersten Durchgang zurückzuführen ist. Weiterhin wurde gefunden, dass das Alter der Kinder positiv mit einer nachhaltigeren Bearbeitung korreliert. Es ist unklar, ob ältere Kinder bessere strategische Fähigkeiten oder einen stärker ausgeprägten Gerechtigkeitssinn haben.

Abstract:

This study examines the effect of induced negative emotions on the environmentally sustainable behavior of children in a commons dilemma situation. 62 children, aged six to nine years, played an age-appropriate version of the fishery-conflict-game (Spada & Opwis, 1985). In between two runs of it, they either heard an informative text about the global overfishing problem or a more emotional text in form of a story, broaching the same issue. It was hypothesized that hearing the emotional text would lead to a stronger enhancement of sustainable fishing than the informative text. However, the results showed that the informative text lead to an enhancement, unlike the emotional text which did not. Possible reasons are discussed, one of them concerning that the school children showed in fact a stronger emotional reaction to the informative text. Another possible reason might be the difference of the level of sustainability between the groups in the first run of the game. In addition, a positive correlation of age and a sustainable fishing behavior was found. It remains unclear though if older children are more capable of using strategies or have a more developed concept of equity.

1. Einleitung

„Gehe ich bei Regen zu Fuß zum Einkaufen oder nehme ich das Auto? Kaufe ich die teure Wurst von regionalen Bauernhöfen oder das günstigere Produkt aus der Massentierhaltung? Sammele ich meinen Müll vom Picknick im Park wieder ein oder lasse ich ihn liegen?“ Vor der Entscheidungsfrage, ob man sich entgegen besseren Wissens umweltschädigend verhalten wird oder höhere Kosten jedweder Art zugunsten der Umwelt auf sich nimmt, stand mit Sicherheit schon jeder. Ein typisches Argument: „Alle anderen machen es doch auch.“ In diesem Satz schwingt zum einen die wahrgenommene Bedeutungslosigkeit eigener Handlung für das Erhalten der Umwelt mit, zum anderen gibt er Auskunft über die tiefsitzende menschliche Angst benachteiligt zu sein. Sich umweltschädigend zu verhalten, scheint für das Individuum vorteilhaft - ein ökologisch-soziales Dilemma. Auf globaler Ebene kann es weitreichende Folgen haben. Ein plakatives Beispiel ist der globale Fischfang: Obwohl schon in den 50er Jahren vor allzu kompetitiver Fischung gewarnt wurde (Gordon, 1954), waren schon 2005 67% der Fischbestände weltweit moderat bis stark überfischt – Tendenz steigend (Food and Agriculture Organization of the United Nations, 2006). 800 Millionen Menschen sind existentiell abhängig vom Fischfang (World Food Security, 2014). Wenn es irgendwann keine Speisefische mehr geben sollte, sind diejenigen am meisten betroffen, die genau das verursacht haben. Befunde aus der psychologischen Forschung scheinen die düstere Prognose zu bestätigen, dass Menschen im Umgang mit einer natürlichen Ressource zu egoistischem kurzfristigen Denken und Handeln neigen und diese auf kurz oder lang zerstören (Edney, 1979, Messick & Mc Clelland, 1983). Daher stellte sich die Frage „Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, damit Menschen langfristiger denken und sich prosozialer verhalten?“ Ernst und Spada (1993) kristallisierten als Haupteinflussfaktoren „soziales Wissen“, „ökologisches Wissen“, „persönliche Motive“ und „Handlungswissen“ heraus. An diesen Punkten kann angesetzt werden, um bessere Bedingungen zu schaffen. Doch wie gelingt es, die persönlichen Motive eines Menschen zu beeinflussen? Werbung für den Umweltschutz bedient sich oft emotional aufgeladener Bilder und Worte, die schockierend und angsteinflößend wirken (Greenpeace, 2018). Eine wirkungsvolle Strategie? Emotionale Prozesse finden aktuell noch wenig Raum in der Forschung zu ökologisch-sozialen Dilemmata, obwohl auch psychologische Forschung Befunde dazu liefert, dass sie entscheidend für die Handlungsauswahl sind (Lantermann, Döring-Seipel, Schima, 1992). Die vorliegende Arbeit befasst sich daher mit der Rolle von Emotionen bei der Bearbeitung ökologisch-sozialer Dilemmata. Zu diesem Zwecke wird die Wirkung zweier Interventionen verglichen, von denen die eine kognitiv und die andere affektiv ansprechend ist. Die Untersuchung wird an denen durchgeführt, für die umweltbewusstes Verhalten in Zukunft von größter Wichtigkeit ist – Kindern.

2. Theoretischer Hintergrund

Zu Anfang der Arbeit werden ökologisch-soziale Dilemmata als eine Spezialform sozialer Dilemmata definiert. In dem Zuge werden sie den komplexen Systemen (Dörner, 1989) zugeordnet und die grundlegenden Schwierigkeiten dargelegt, die bei der Bearbeitung ökologisch-sozialer Dilemmata auftreten. Anschließend wird erläutert, welche Einflussfaktoren es auf menschliches Handeln in ökologisch-sozialen Dilemmata in bisheriger Forschung thematisiert wurden. Abgeschlossen wird der Theorieteil mit einer Übersicht über die Bedeutung emotionaler Prozesse für menschliches Handeln und darauf aufbauenden Herleitung der Hypothesen.

2.1 Hardins Hirten als Parabel für ökologisch-soziale Dilemmata

Picture a pasture open to all. It is to be expected that each herdsman will try to keep as many cattle as possible on the commons. (…) As a rational being, each herdsman seeks to maximize his gain. (…) He asks, „What is the utility to me of adding one more animal to my herd?” This utility has one negative and one positive component. 1) The positive component is a function of the increment of one animal. (…) The positive utility is nearly +1. 2) The negative component is a function oft he additional overgrazing created by one more animal. Since, however, the effects of overgrazing are shared by all the herdsmen, the negative utility for any particular decision making herdsman is only a fraction of -1. (…) The rational herdsman concludes that the only sensible course for him to pursue is to add another animal to his herd. And another and another… But this is the conclusion reached by each and every rational herdsman sharing a commons. Therein is the tragedy. (…) Freedom in a commons brings ruin to all. (Hardin, 1968 S.1244)

Mit dieser Parabel beschrieb der Biologe Garret Hardin (1968) in seinem Essay „the tragedy of the commons“ ein ökologisch-soziales Dilemma und rückte das Thema damit erstmals ins öffentliche Bewusstsein. Das Verfolgen individueller Ziele unter Einbeziehung einer natürlichen Ressource führt zur Übernutzung und Zerstörung dieser, worunter schlussendlich alle Beteiligten leiden – das ist ein ökologisch-soziales Dilemma. Es ist eine Spezialform sozialer Dilemmata, die nun vorab definiert werden, um die typische Struktur der Dilemmata verständlich zu machen.

2.2 Soziale Dilemmata

Soziale Dilemmata zeichnen sich durch einen Interessenskonflikt zwischen einer einzelnen Person (oder kleinen Gruppierung) einer größeren Gruppe gegenüber aus (Dawes, 1975). Ein Einzelner kann einen Gewinn auf Kosten der Allgemeinheit erzielen, der er selber angehört (Dawes, 1975). Der potentielle Gewinn ist für das unkooperative Individuum meistens größer als sein potentieller Anteil an dem Verlust (Dawes, 1975), denn die Kosten werden auf das betreffende Kollektiv an Menschen verteilt (Dawes, 1975). Die unkooperative, also vorläufig individuell vorteilhafte, Wahl erscheint dem Individuum als die Beste. Sie ist dominant (Dawes, 1975). Wenn sie jedoch von jedem Beteiligten eingesetzt wird, resultiert dies in einem „deficient equilibrium“ (deutsch: mangelhaftes Gleichgewicht, Dawes, 1975), also ein Endergebnis mit dem alle unzufriedener sind als mit dem alternativen Kooperationsergebnis. Die kooperative Wahl ist also im Endeffekt für alle Beteiligten besser als egoistisch zu handeln. Je mehr Menschen sich kooperativ verhalten, desto größer ist auch der Gewinn aus der Kooperation und andersherum genauso: Wenn viele Menschen die unkooperative Wahl treffen, ist auch der Gewinn aus der Nicht-Kooperation kleiner (Dawes, 1975).

Aufgrund der Dominanz der egoistischen Strategie, geraten die Beteiligten also in ein wechselseitig destruktives Verhalten, das daraus resultiert, dass jeder seine eigenen Ziele verfolgt. Diese sogenanntesoziale Falle(Platt, 1973 S.643) entsteht, wenn das Erreichen einer zeitnahen und attraktiven Belohnung auf Kosten einer Gemeinschaft im Widerspruch zu den langfristigen Konsequenzen steht. Das Resultat hängt im Endeffekt nicht von der Handlung des Einzelnen, sondern von dem Verhalten der ganzen Gruppe ab. Diese Situation der Strategischen Interdependenz (Gross & Heinrich, 2010) führt dazu, dass die ideale Handlungsstrategie nicht rein kompetitiv ist. Man spricht von einer Situation mit gemischten Motiven (Ernst, 1997). Die Struktur eines sozialen Dilemmas ist von der Größe der betroffenen Population unabhängig (Dawes, 1975). Sie lassen sich in Wohngemeinschaften, Städten und auch auf globaler Ebene finden.

2.3 Ökologisch-soziale Dilemmata

Auf globaler Ebene ist ein klassisches Beispiel für ein soziales Dilemma die Übernutzung von natürlichen Ressourcen. Dazu zählt jedes öffentliche Gut, das von jedem Menschen gleichermaßen genutzt werden kann, unabhängig davon wie viel oder wenig der Einzelne zum Erhalt des Gutes beiträgt (Olson, 1965). Solch ein Dilemma wird auch Gemeingutdilemma, Ressourcendilemma oder ökologisch-soziales Dilemma genannt (Ernst, 1997). Kennzeichnend für ökologisch-sozialen Dilemmata ist es, dass sich die Ressource in einem begrenzten Umfang selbst regenerieren kann (Ernst, 1997), wie es bei vielen in der Umwelt vorkommenden Ressourcen von Natur aus der Fall ist. Es kann sich dabei um Fischfang und Wald-und Wiesennutzung handeln – aber auch die Luft zum Atmen und Trinkwasser zählen zu diesen Ressourcen. Einzelne können aus der Nutzung einen individuellen und kurzfristigen Gewinn ziehen, doch die Schädigung oder Zerstörung durch die Übernutzung trifft auf lange Sicht alle Beteiligten.

Auch hier greift also die soziale Falle. Platt (1973) spricht in so einem Fall auch von einerKollektiv-Falle, da eine solche Situation erst zum Dilemma wird, wenn die Ressource von so vielen Menschen genutzt wird, dass sie in ihrer Regeneration bedroht ist. Zu derKollektiv-Fallekommt noch ein weiterer Aspekt: dieZeitfalle(Messick & Mc Clelland, 1983). Die negativen Folgen einer individuellen Handlung entstehen, im Gegensatz zu den Gewinnen, zeitverzögert. Die Verzögerung ist problematisch, weil in der Zukunft liegende Ereignisse subjektiv als „ferner, unwichtiger und mitunter unwichtiger erscheinen“ (Ernst, 1997,S. 23), auch wenn dies nicht der Fall ist. DieZeitfalletritt auch unabhängig von der sozialen Falle auf. Auch ohne sozialen Druck schafften es Versuchspersonen in einem simulierten Dilemma zum Großteil (66%) nicht, eine Ressource langfristig zu erhalten (Messick & Mc Clelland, 1983).

In der Realität ist dieses starre Verhältnis aus Gewinn und Verlustanteilen nicht zwingend gegeben. Anders als in einem Experiment handelt jeder Mensch aus einer anderen sozialen Ausgangsposition heraus, was dazu führt, dass manche Menschen sich leichter vor den Folgen des Klimawandels schützen können (Ernst, 1997). Zudem liegen manche dieser Folgen so weit in der Zukunft, dass die Auslöser diese gar nicht mehr erleben werden (Ernst, 1997). Auch geographisch gesehen sind einige Regionen von den Folgen der Umweltverschmutzung mehr betroffen als andere, obwohl sie diese unter Umständen gar nicht hervorgerufen haben (Ernst, 1997). Dieses Phänomen bezeichnet man alslokale Falle(Vlek & Keren, 1992).

2.4 Komplexe Systeme

Warum sind ökologisch-soziale Dilemmata so schwer zu bewältigen? Ernst (1997) zieht zur Beantwortung dieser Frage ein Modell von Dörner (1989, 1993) heran und ordnet damit ökologisch-soziale Dilemmata den „komplexen Handlungssituationen“ zu. Diese Situationen werden von Dörner definiert als komplex, dynamisch und intransparent. Komplex ist ein System dann, wenn es über mehrere Variablen verfügt, die voneinander wechselseitig abhängig sind. Veränderungen in einer Variablen beeinflussen in nicht-linearer Weise auch andere Variablen. Unter Dynamik versteht er, dass das System sich ohne menschliches Zutun weiterentwickelt, also stets in Bewegung ist und eine verlässliche Voraussage, die alle Faktoren beinhaltet, erschwert. Intransparenz bedeutet, dass einige Merkmale, die wichtige Auswirkungen auf das System haben, nicht in Ihrer Gänze von Menschen verstanden werden können, meist aus dem einfachen Grund, dass die Auswirkungen einiger Veränderungen lange Zeit nicht sichtbar sind. Manche Prozesse verlaufen dafür zu schleichend.

2.5 Denkfehler im Umgang mit komplexen Systemen

Auf derartige Komplexität ist das menschliche Gehirn nicht ausgelegt. Seine Kapazitäten sind begrenzt, weshalb es die Realität nie komplett erfassen kann. Es muss die Komplexität reduzieren, indem es eingehende Informationen nach ihrer Wichtigkeit sortiert und selektiert. „Diese „Ökonomie des Psychischen“ erzwingt die Integration aller Informationen zu einem relativ einfach strukturierten, in sich geschlossenen und möglichst widerspruchsfreien Bild der Umwelt.“ (Dierkes & Fietkau, 1988, S.19). Bei diesem Prozess gehen einige Informationen verloren und die finale Version ist nur begrenztes Abbild der Realität (Lorenz, 1973). Dies führt zu Denkfehlern im Umgang mit komplexen Systemen, die im Folgenden nach Dörner (1989, 1993) skizziert werden.

Oft werden Nebeneffekte einer Handlung auf andere Systemvariablen übersehen. Dies entspringt der menschlichen Tendenz zu linearem Denken und reduktiver Hypothesenbildung die bewirkt, dass Menschen sich auf ein einzelnes Ziel konzentrieren und vieles darum ignorieren, weil es als nicht zielführend eingestuft wird. Des Weiteren werden aktuelle Probleme in ihrer Bewältigung zukünftigen Problemen vorgezogen (Zeitfalle). Die aktuelle Zielsetzung wird also überbewertet. Diese Zeitverzögerung zwischen einer Handlung und ihren Konsequenzen sorgt zudem für eine Tendenz zur Missachtung der Konsequenzen. Anders herum erfolgt zudem keine Kontrolle der Effektivität einer Handlung, die schon weit zurückliegt.

2.6 Experimentelles Vorgehen bei ökologisch-sozialen Dilemmata

Forschung über ökologisch-soziale Dilemmata findet häufig im Labor statt und kann die Dilemmata nicht exakt so abbilden, wie sie in der Realität vorkommen. Für ein besseres Verständnis des folgenden Theorieteils werden an dieser Stelle die wichtigsten Voraussetzungen für die experimentelle Umsetzung skizziert und beispielhaft das bewährte Fischereikonfliktspiel von Spada und Opwis (1985) abgebildet. Experimente, die ökologisch-sozialen Dilemmata strukturell treffend abbilden, müssen bestimmte Charakteristika erfüllen. Es wird stets eine begrenzt regenerative Ressource dargestellt, auf die mehrere Spieler gleichermaßen Zugriff haben und die für alle sichtbar ist. Aus dieser Ressource, meistens abstrakt dargestellt durch Steine, Nüsse (Edney, 1979) oder Punkte (Ernst, 1997), dürfen die Spieler sich rundenweise bedienen, wobei sie sich nach jeder Runde, in Abhängigkeit zum Endstand der Vorrunde, regeneriert. Wichtig ist, dass es reale Anreize gibt, am Ende des Spiels möglichst viel von der Ressource zu haben, damit die Struktur der Dominanz von kooperativem und unkooperativem Verhalten einer realen Situation entspricht (Ernst, 1997). Diese Grundstruktur beibehaltend können einzelne Variablen des Experiments modifiziert werden, damit ihre singuläre Bedeutung für menschliches Handeln untersucht werden kann.

Das „Fischereikonfliktspiel“ von Spada und Opwis (1985) ist eine gern eingesetzte Methode. Die Teilnehmer sollen sich darin in die Lage von Fischern versetzen und es wird ihnen als Ziel die Maximierung des eigenen Fischfangs angegeben. Mehrere Personen spielen das Spiel über eine, ihnen unbekannte Anzahl an Runden. Zu Beginn jeder Runde gibt der Versuchsleiter Auskunft über den aktuellen Fischbestand. Die Teilnehmer bestimmen ihre Fangquote indem sie in jeder Runde den gewünschten prozentualen Anteil (zwischen 0% und 25%) aufschreiben und präsentieren. Die Erträge aus dem Fang können später in Geld eingetauscht werden. Nach jeder Runde regeneriert sich der Fischbestand nach den Spielern unbekannten Regeln. Die Fangquoten pro Runde werden allen Spielern gegenüber öffentlich gemacht. Kommunikation ist verboten.

Ein Pluspunkt der experimentellen Umsetzung, ist die Möglichkeit einzelne Variablen verändern zu können und somit ihren Effekt isoliert betrachten zu können (Ernst, 1997). Der soziale Anteil am Dilemma kann auch in einer Simulation gut dargestellt werden, weil die Teilnehmer oft tatsächlich gegen Menschen spielen (Ernst, 1997). Es werden dafür jedoch Einbußen in der ökologischen Validität in Kauf genommen. Es ist offensichtlich, dass es sich um keine reale Ressource handelt und daher die Aspekte derZeitfalleund derlokalen Fallewegfallen (Ernst, 1997). Auch die unterschiedlichen sozialen Voraussetzungen sowie andere Aspekte des Alltags werden nicht abgebildet. Dazu zählen unter anderem Gruppenzugehörigkeiten, Gewohnheiten und Verpflichtungen (Ernst, 1997). Zudem ist ungewiss, ob die vom Versuchsleiter ausgewählten Anreize den realen Anreizen entsprechen (Ernst, 1997).

2.7 Einflussfaktoren auf das Verhalten in ökologisch-sozialen Dilemmata

Die folgenden Abschnitte befassen sich mit den Einflussfaktoren auf das Verhalten von Menschen in ökologisch-sozialen Dilemmata. Dabei ist zu beachten, dass es sich dabei zumeist um experimentell operationalisierte Dilemmata handelt. Jeder Mensch verfolgt ein bestimmtes Ziel in dem Dilemma. Seine Motivation, dieses Ziel zu erreichen bestimmt seine Handlungsauswahl. Doch in einem ökologisch-sozialen Dilemma, hängt das Erreichen des Ziels nicht nur von ihm selbst, sondern von der ganzen Gruppe ab. Dieser Umstand findet auch in Handlungstheorien Platz. Im Wert x Erwartungsansatz (Atkinson, 1964), einer einflussreichen Handlungstheorie, wird die Handlung als ein Produkt aus dem subjektiven Wert des Endergebnisses und der eingeschätzten Wahrscheinlichkeit, dass das Ergebnis auch tatsächlich eintreffen wird, beschrieben. In ökologisch-sozialen Dilemmata wirken soziale und ökologische Faktoren auf die Wahrscheinlichkeit jedes Menschen ein, sein individuelles Ziel zu erreichen. Daher hängt das Handeln in Dilemmata von drei Hauptkomponenten ab: Den Zielen eines Menschen, seinem sozialen Wissen und seinem ökologischen Wissen (Ernst, 1997). Auf diese drei Komponenten wird nun genauer eingegangen. Abschließend werden sie in einem Modell von Ernst (1997) zusammengefasst.

2.7.1 Motive

Es erscheint simpel und logisch, die Motive eines jeden Menschen kategorisch als eigennützig zu klassifizieren, doch es gibt durchaus personenspezifische Unterschiede in der Motivstruktur. Interessant für die Bildung von personenspezifischen Motiven in Ressourcendilemmata ist die soziale Wertorientierung. Von ihrer Ausprägung hängt die individuelle Bewertung des Gesamtausganges des Dilemmas ab (Messick & McClintock, 1968). Es lassen sich vier relevante Orientierungen unterscheiden.

1. Individualismus: Die Motivation seinen eigenen Gewinn zu maximieren.
2. Kompetition: Die Motivation mehr Gewinn zu machen als andere.
3. Kooperation: Die Motivation den gemeinschaftlichen Gewinn zu maximieren.
4. Altruismus: Die Motivation den Gewinn anderer zu maximieren.

(McClintock, 1972). Die ersten beiden zählen zu den egoistischen, die letzten beiden zu den prosozialen Motiven. Wie Individuen zu ihren Motiven kommen, hängt von einer Vielzahl an Variablen aus der Vergangenheit des Menschen, genetischen Dispositionen und situationsspezifischen Merkmalen ab.

Die Befunde, bezogen auf ökologisch-soziale Dilemmata zeigen, dass Menschen mit einer prosozialen Wertorientierung ein signifikant kooperativeres Ernteverhalten zeigen als egoistisch motivierte Spieler (Parks, 1994, Roch & Samuelson 1997). Hierbei ist interessant, dass jeder Akteur seine Strategie für die schlaueste hält (Van Lange & Liebrand, 1991). Abhängig von den individuellen Werten und Zielen ergibt sich für den einen die rationalste Lösung als individualistisch rationale Strategie und für den anderen als kollektivistisch rationale Strategie (Pruitt und Kimmel, 1977).

Nicht nur im Sozialen kann sich die Motivstruktur der Spieler unterscheiden, sondern auch in Bezug auf den ökologischen Aspekt. Dieser Konflikt existiert zwischen kurzfristiger Rationalität und langfristiger Rationalität (Stern, 1976). Menschen, die langfristig denken, zeigen ein kooperativeres Ernteverhalten (Kelley & Grzelak, 1972, Stern 1976). Auch in der Realität handeln langfristig orientierte Menschen umweltbewusster und setzen sich mehr für den Umweltschutz ein (Fietkau & Hüttner,1979). Menschen, denen das langfristige Bestehen einer Ressource wichtig ist, zeichnen sich zudem durch eine hohe Ausprägung von Umweltwerten aus. Hohe Umweltwerte bewirken, dass Menschen sich selbst in einer kompetitiven Situation zugunsten der Ressource zurücknehmen (Sussman, Lavallee, Gifford, 2016). Die soziale Motivausprägung und die ökologische Motivausprägung sind nicht unabhängig voneinander. Umweltaktive Menschen handeln auch prosozialer in sozialen Dilemmata, selbst wenn gar kein ökologischer Aspekt vorhanden ist, fanden Kaiser und Byrka (2011). Eine starke und aktive Umwelteinstellung korreliert also mit den prosozialen Motiven.

Verschiedene Menschen bringen also verschiedene, teilweise gemischte Ziele mit in das Spiel. Doch um diese zu erreichen, müssen sie, unter anderem, auch die Erwartungen über das Handeln der Mitspieler mit in ihre Handlungsplanung einbeziehen. Im nächsten Abschnitt wird näher beleuchtet, wie dieser Prozess vor sich geht.

2.7.2 Soziales Wissen

Die Erwartungen gegenüber anderen Menschen speisen sich aus demsozialen Wissenüber sie. Mithilfe dessen ist es jedem Teilnehmer und jeder Teilnehmerin eines Dilemmas möglich, die Mitspieler bezüglich ihrer Motive und Absichten einzuschätzen (Ernst, 1997). Eine große Rolle hierbei spielt das Vertrauen anderen gegenüber. Jemandem vertrauen bedeutet sich zu einem gewissen Punkt auf jemanden verlassen zu können und Prognosen über dessen zukünftige Handlungen treffen zu können (Golembiewski & McConkie, 1976). Dies führt dazu, dass das wahrgenommene Risiko einer gewagten Handlung sinkt, weil ein reziprokes Entgegenkommen des Gegenübers erwartet wird (Brann & Foddy, 1987). In Bezug auf die Dilemmata führt geringes Vertrauen zu unkooperativem Ernteverhalten und hohes Vertrauen eher zu Kooperation (Edney, 1979).

Doch wie entsteht Vertrauen zu einer fremden Person? Allgemein gesagt ist Vertrauen eine „Funktion aus gemachten Erfahrungen“ (Boyle & Bonacich, 1970). Golembiewski & McConkie (1976) beschrieben die Bildung von Vertrauen (und Misstrauen) als einen spiralförmigen Prozess. Anfänglich geringe gegenseitige Kooperation führt zu stärkerem Vertrauen, dies wiederum zu mehr gegenseitiger Kooperation und schließlich noch mehr Vertrauen. Eine wohlwollende Reaktion auf kooperatives Verhalten ist jedoch wahrscheinlicher als die Initiation desselbigen (Brann & Foddy, 1987). Es gibt aber durchaus Spieler, die von Anfang an höher kooperieren als es logisch erklärbar ist. Rotter (1971) erklärt dies mit „generalisiertem Vertrauen“, welches aus generalisierten Erwartungen über das typische Verhalten anderer entsteht. Eine Studie von Messick, Wilke, Brewer, Kramer und Zemke (1983) bestätigt, dass es individuelle Unterschiede in der Vertrauensausprägung gibt. Ohne ihr Wissen wurden Teilnehmer und Teilnehmerinnen anhand einiger Aussagen in „low trusters“ und „high trusters“ kategorisiert, bevor sie ein Ressourcendilemma bearbeiteten. Das Fangverhalten der Personen entsprach der Einteilung, „low trusters“ entnahmen der Ressource mehr als „high trusters“. Wie sehr das eigene Ernteverhalten in ökologisch-sozialen Dilemmata von dem Verhalten der Mitspieler abhängt, zeigen eine Vielzahl von Studien (Schroeder, 1983, Kollock, 1998) Besonders interessant sind die Ergebnisse von Spada und Ernst (1992). In einem Durchgang des Fischereikonfliktspiels gab es einen instruierten Teilnehmer, der immer das ökologisch ideale Ernteverhalten zeigte (Modellverhalten). Dies beeinflusste nicht nur die Fangquoten der anderen Spieler auf positive Art, sondern auch ihre „Zielstruktur orientierte sich stärker an der Gleichverteilung des Gewinns.“ (Spada & Ernst, 1992 S. 92). Das Verhalten eines Menschen beeinflusst also mittelbar (indirekt) die Motive der anderen Menschen, durch den Aufbau von Vertrauen und der damit einhergehenden Zuschreibung bestimmter Handlungsabsichten.

2.7.4 Ökologisches Wissen

Dasökologische Wissen, worauf sich hier bezogen wird, ist nicht das allgemeine Wissen eines Menschen über ökologische Vorgänge, sondern betrifft in den Dilemmata ausschließlich die vorliegende Ressource. Das ökologische Wissen setzt sich zusammen aus dem Wissen über den aktuellen Bestand der Ressource und der Regenerationsrate (Spada & Opwis, 1985). Nur mithilfe dieser beiden Fakten können die Teilnehmer und Teilnehmerinnen die optimale Fangquote überhaupt bestimmen. Das ökologische Wissen ist elementar für den Erhalt einer Ressource. Eine Vielzahl an Studien hat gezeigt, Unwissen über Bestand und Regenerationsrate einer Ressource dazu führt, dass sie in einer Situation, in der auch sozialer Wettbewerb herrscht, schnell erschöpft wird (Roch & Samuelson, 1997 ; Cass & Edney, 1978 ; Hine & Gifford, 1996).

2.7.5 Ein Rahmenmodell der Handlung in ökologisch-sozialen Dilemmata

In einem Modell von Ernst und Spada (1993) wurden dieMotive, dassoziale Wissenund dasökologische Wissenin Beziehung gesetzt, um zu erläutern wovon menschliches Handeln in ökologisch-sozialen Dilemmata abhängt. In Abbildung 1 ist es zu sehen. Zusätzlich zu den drei bereits genannten Komponenten wurde noch eine weitere Komponente dasHandlungswissenhinzugefügt. Das Handlungswissen wird definiert als „das Wissen, welches sich auf die Handlungsmöglichkeiten einer Person in einem Konflikt bezieht“ (Ernst, 1997 S.35). Darunter fallen interindividuelle Handlungsschemata und Strategien, die von Menschen generalisiert in überfordernden Situationen genutzt werden (Ernst, 1997). Es steht in dem Modell als moderierender Faktor zwischen demökologischen Wissenund demsozialen Wissenund denMotiven, die schlussendlich die Handlungsauswahl bestimmen. Die ideale Strategie wird demnach unter Einbezug dieser drei Wissenseinheiten gebildet. Des Weiteren beziehen Spada und Ernst (1993 aus 1997) Lern- und Beobachtungsprozesse in ihr Modell mit ein. Damit wird deutlich, dass die subjektive Bewertung der Ergebnisse eigener oder fremder Handlungen die drei bereits benannten Wissenskomponenten durch Rückkopplungen beeinflusst.

Nicht enthalten in dem Modell sind emotionale Prozesse. Dies wird damit erklärt, dass sie bereits in Form „bewerteter Wissenselemente im Entscheidungsprozess“ (Ernst, 1997 S.36) vorlägen.

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Details

Seiten
54
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668687196
ISBN (Buch)
9783668687202
Dateigröße
825 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v419914
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
2,1
Schlagworte
Ökologisch-soziale Dilemmata Überfischung Klimawandel Experiment Fischerei-Konflikt Spiel Grundschulkinder

Autor

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