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Mikropolitik in Organisationen

Der mikropolitische Machtbegriff und Organisationsverständnis

Hausarbeit 2017 18 Seiten

Führung und Personal - Sonstiges

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Was bedeutet Mikropolitik?
2.1 Definitionen
2.2 Der Machtbegriff in der Mikropolitik
2.3 Alternative Machtbegriffe
2.3.1 „Bürokratiemodell“ nach Weber
2.3.2 Taylorismus und Scientific Management
2.3.3 Human-Relations-Bewegung

3. Mikropolitisches Organisationsverständnis

4. Abgrenzung zu anderen Organisationskonzepten

5. Fazit und Thesen

Literaturund Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Entscheidungen, die innerhalb von Organisationen getroffen werden, können für gewöhnlich als Resultat politischer Prozesse interpretiert werden. Machtspiele gehören dabei zum Alltag eines jeden größeren Unternehmens.[1] Fast jeder Mitarbeiter ist davon betroffen, sei es als Initiator, Mitwirkender oder Adressat. Die Organisationssoziologie widmet sich dabei als interdisziplinär angelegte soziologische Teildisziplin der Aufgabe, organisationale Strukturen und Prozesse zu beschreiben, zu erklären und zu gestalten. Der Fokus des Interesses liegt hierbei insbesondere auf der Erforschung von Strukturen, Zielen, Funktionen und Mitgliedern sowie auf dem Verhalten von Organisationen im Kontext von sozialer Arbeitsteilung, Kooperation und Herrschaft. Dagegen tritt das Interesse an der Erforschung des spezifischen Handelns von Individuen, die innerhalb einer bestimmten Organisation agieren (Organisationspsychologie), oder die Beschäftigung mit dem Aufbau und den Abläufen unter dem Gesichtspunkt der Zweckmäßigkeit und wirtschaftlichen Effizienz (Organisationslehre) eher in den Hintergrund.

Um die große Bandbreite der vorhandenen Organisationsformen (z. B. Unternehmen, Verbände, Parteien etc.) miteinander vergleichen zu können, haben sich verschiedene Organisationstheorien als Kern der Disziplin herausgebildet. Diese verfolgen wiederum den Zweck, das Entstehen, Bestehen und die Funktionsweise von Organisationen zu erklären. Hierfür steht dem Interessierten ein ganzes Füllhorn an Grundannahmen zur Verfügung, darunter unter anderem der Bürokratieansatz von Max Weber, der Taylorismus oder der Human-Relations-Ansatz.[2] Jeder der existierenden theoretischen Ansätze beleuchtet jedoch immer nur einen Teil der Wirklichkeit von Organisationen, die mitunter zu komplex sind, als dass es eine allumfassende, das heißt eine alles erklärende Theorie geben könnte.

Die nachfolgende Arbeit widmet sich der Frage, welches spezielle Organisationsverständnis sich über Mikropolitik ausdrückt. Dazu wird der Begriff zunächst erläutert und der damit in Verbindung stehende Machtbegriff beleuchtet. Im Anschluss daran wird der mikropolitische Ansatz zu anderen Organisationskonzepten in Relation gesetzt, bevor darauf aufbauend die Spannungsfelder, die zwischen der Mikropolitik und anderen Führungsansätzen bestehen, dargelegt und zu Thesen weiterentwickelt werden.

2. Was bedeutet Mikropolitik?

Der mikropolitische Ansatz geht, so jedenfalls die vorherrschende Meinung, auf den britischen Industrieund Organisationssoziologen Tom Burns (1913-2001) zurück, der diesen in die sozialwissenschaftliche Diskussion einführte.[3] Burns verstand politisches Verhalten als zentralen Impuls für soziale Veränderungen innerhalb von Organisationen. Im deutschsprachigen Raum wurden Begriff und Konzept im Wesentlichen von Horst Bosetzky[4] eingeführt sowie von Willi Küpper, Günter Ortmann[5] und Oswald Neuberger[6] weiterentwickelt, wobei Letztgenannter das mikropolitische Konzept (so wie er es verstand) in die deutschsprachige Führungsforschung einbrachte.[7]

2.1 Definitionen

Mikropolitik ist, so Neuberger, „das Arsenal jener alltäglichen ‚kleinen’ (Mikro-)Techniken, mit denen Macht aufgebaut und eingesetzt wird, um den eigenen Handlungsspielraum zu erweitern und sich fremder Kontrolle zu entziehen.“[8] Der Ansatz verleiht der Kategorie Macht eine zentrale Bedeutung für das (Führungs-)Geschehen in Organisationen, die, laut Küpper und Ortmann, von „Politik durchwirkt sind“.[9] „Entscheidungen, das Aufstellen von Regeln, die Schaffung von Strukturen, die Verteilung von Aufgaben und das Geben von Anweisungen etc. sind politische Prozesse und die daran beteiligten Akteure Mikropolitiker.“[10] Dabei hebt Mikropolitik weder auf bestimmte organisationale Akteure noch auf einen bestimmten Typus organisationalen Handelns ab. Der Ansatz kennzeichnet stattdessen ein organisationstheoretisches Konstrukt, „welches das interessengeleitete Handeln je konkreter Akteure in je konkreten organisationalen oder organisationsbezogenen Handlungssituationen zum Ausgangspunkt nimmt. Dieses Konstrukt geht von der Basisannahme aus, dass jedes Handeln von Akteuren in, für oder mit Bezug auf Organisationen stets auch ein Handeln unter Beachtung und in Verfolgung eigener Interessen der Akteure ist, welche Wirkungen mit diesem Handeln auch immer verbunden sein mögen.“[11] In diesem Kontext werden „nicht nur offizielle unternehmenspolitische Entscheidungen, sondern auch alle Handlungen im Gefolge der Umsetzung der Unternehmenspolitik sowie alle Aktivitäten, die auf welche Weise auch immer dieser Politik widersprechen, als mikropolitisches Handeln interpretiert, d.h. als ein Handeln, das in dem je unterschiedlichen Deutungsrahmen, die Akteure in Bezug auf ihre organisationale Handlungssituation abbilden, dadurch Sinn macht, dass diese Akteure keine andere Handlungsalternative für die Verfolgung ihrer je eigenen Interessen in diesem Deutungsrahmen aktivieren können.“[12]

Horst Bosetzky definiert Mikropolitik als „die Bemühungen, die systemeigenen materiellen und menschlichen Ressourcen zur Erreichung persönlicher Ziele, insbesondere des Aufstiegs im System selbst und in anderen Systemen, zu verwenden sowie zur Sicherung und Verbesserung der eigenen Existenzbedingungen“.[13] Bosetzky führt Mikropolitik auf eine spezifische Verhaltensform als Folge einer gesellschaftlich geprägten Motivationsstruktur von Menschen zurück. Über diese Verhaltensformen gelangt er schließlich zum Persönlichkeitstyp des Mikropolitikers und zum Modell einer von Mikropolitik bestimmten Organisation, in der Mikropolitiker die handlungsbestimmenden Akteure darstellen.[14] Burns geht zwar seinerseits ebenfalls davon aus, dass Menschen innerhalb einer Organisation eigene Interessen verfolgen, nichtsdestotz separiert er Karriereund Machtinteressen der Organisationsmitglieder in Abhängigkeit von ihrem Belohnungssystem, ihren nicht gebundenen Mitteln (oder der Kapitalallokation), der Richtung der Aktivitäten anderer und dem sogenannten „Patronagesystem“ (Beförderungen, Neueinstellungen, Verteilung von Rechten und Privilegien).[15] [

Motive für mikropolitisches Handeln sind durch unterschiedliche Meinungen und Haltungen und die damit verbundenen Konflikte geprägt. Hierzu zählen u.a. Karrierestreben und persönliche Rivalitäten, die eigene Position innerhalb der Organisation oder auch fundamentale gesellschaftliche Interessenkonflikte und Antagonismen (Arbeitgeber vs. Arbeitnehmer, Ökologie vs. Ökonomie etc.).[16]

2.2 Der Machtbegriff in der Mikropolitik

Nach Max Weber ist Macht klassisch definiert als die „Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht.“[17] Auf die Mikropolitik bezogen, beschreibt Bosetzky den Machtbegriff als „die Bemühungen, die systemeigenen materiellen und menschlichen Ressourcen zur Erreichung persönlicher Ziele, insbesondere des Aufstiegs im System selbst und in anderen Systemen, zu verwenden sowie zur Sicherung und Verbesserung der eigenen Existenzbedingungen.“[18] Von Bedeutung ist die Machtfrage demnach vor allem dann, wenn es zu Situationen kommt, in denen weder die Macht des Kapitals noch die Zwänge der Umwelt es schaffen, einen Konsens herbeizuführen. Die Folgen sind politische Prozesse und Machtbeziehungen, welche sich aus offensiven und defensiven Komponenten zusammensetzen.[19]

Es wird deutlich, in welch engem Zusammenhang Macht und Mikropolitik zueinander stehen.[20] Aufgrund der „organisationalen Innenpolitik“ führen die verschiedenen Akteure, die sich innerhalb einer bestimmten Organisation befinden, politische Auseinandersetzungen um Positionen, Besitzstände, Problemdefinitionen, Lösungen und Sanktionen.[21] Jeder der involvierten Akteure ist demnach bestrebt, seinen eigenen Spielraum zu schützen und möglichst zu erweitern und trachtet gleichzeitig danach, die Spielräume relevanter Gegenspieler einzuengen und deren Abhängigkeiten zu erhöhen.[22] In der Zuspitzung mündet diese Konstellation in eine „Monopolisierungstendenz“, in der die Handelnden zunmindest kurzfristig versuchen, eine unersetzbare Position einzunehmen, um anderen ihre Bedingungen oktroyieren zu können.[23] Diese spezifische Verhaltensdisposition von Individuen ist wiederum die Konsequenz einer durch Sozialisierungsprozesse geprägten Motivationsstruktur, die unweigerlich dazu führt, dass der (innerorganisatorische) Persönlichkeitstyp des Mikropolitikers entsteht.[24]

[...]


[1] Petra Dick, 1993: Mikropolitik in Organisationen, Hochschule St. Gallen, abrufbar unter: http://www.hampp-verlag.de/Archiv/4_93_Dick.pdf (letzter Zugriff am 21. Juni 2017).

[2] Für einen Überblick siehe u.a.: Giuseppe Bonazzi, 2008: Geschichte des organisatorischen Denkens, VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.

[3] Tom Burns, 1962: Micropolitics: Mechanism of Institutional Change, in: Administrative Science Quarterly, 6, 257-281.

[4] Horst Bosetzky, 1977: Machiavellismus, Machtkumulation und Mikropolitik, in: Zeitschrift für Organisation, 46, S. 121-125.

[5] Willi Küpper/Günther Ortmann, 1992: Mikropolitik: Rationalität, Macht und Spiele in Organisationen, Westdeutscher Verlag: Opladen.

[6] Oswald Neuberger, 1995: Mikropolitik. Der alltägliche Aufbau und Einsatz von Macht in Organisationen, Ferdinand Enke Verlag: Stuttgart.

[7] Ingo Winkler, 2004: Aktuelle theoretische Ansätze der Führungsforschung, Schriften zur Organisationswissenschaft, Nr. 2, TU Chemnitz, S. 35ff. Online abrufbar unter: https://www.econbiz.de/archiv1/2009/99283_lehr_%20ansaetze_fuehrungsforschung.pdf (letzter Zugriff am 21. Mai 2017).

[8] Oswald Neuberger, 1995a: Führen und Geführt werden, Ferdinand Enke Verlag: Stuttgart, S. 261.

[9] Willi Küpper/Günther Ortmann, 1992: S. 9.

[10] Ingo Winkler, 2004: S. 35.

[11] Ebd.

[12] Willi Küpper/Anke Felsch, 2000: Organisation, Macht und Ökonomie. Mikropolitik und die Konstitution organisationaler Handlungssysteme, Westdeutscher Verlag: Wiesbaden, S. 149.

[13] So zitiert in: Günther Ortmann, 1988: Macht, Spiel, Konsens, in: Willi Küpper (Hrsg.), 1988: Mikropolitik, Westdeutscher Verlag: Opladen, S. 18.

[14] Ebd., S. 19.

[15] Ebd., S. 18.

[16] Georg Schreyögg, 2003: Organisation: Grundlagen moderner Organisationsgestaltung. Mit Fallstudien, 4. Auflage, Gabler-Verlag: Wiesbaden, S. 437.

[17] Max Weber, 1972: Wirtschaft und Gesellschaft, Mohr Siebeck Verlag: Tübingen, S. 28.

[18] Horst Bosetzky, 1972: Die instrumentelle Funktion der Beförderung, Verwaltungsarchiv, 63, 372-384, hier: S. 382.

[19] Willi Küpper/Günther Ortmann, 1992: S. 19.

[20] Crozier und Friedberg haben zur zentralen Bedeutung von Machtbeziehungen in Organisationen u.a. folgendes ausgeführt: „Gestützt auf die ‚natürlichen‘ Ungewissheiten der zu lösenden Probleme, stellt sich jede Struktur kollektiven Handelns als Machtsystem dar. Sie ist ein Machtphänomen, das als solches zugleich Auswirkung und Ausübung von Macht beinhaltet. Als menschliches Konstrukt ordnet, regularisiert, ‚zähmt‘ und schafft sie Macht, um den Menschen ihre Zusammenarbeit in kollektiven Vorhaben zu ermöglichen. Jede ernst zu nehmende Analyse kollektiven Handelns muss also Macht in das Zentrum ihrer Überlegungen stellen, denn kollektives Handeln ist im Grunde nichts anderes als tagtägliche Politik. Macht ist ihr 'Rohstoff´.“ Michel Crozier/Erhard Friedberg: Macht und Organisation. Die Zwänge kollektiven Handelns, Athenäum-Verlag: Königstein/Ts., S. 14.

[21] Ausführlich hierzu: Peter Heinrich/Jochen Schulz zur Wiesch (Hrsg.), 1998: Wörterbuch der Mikropolitik. Festschrift für Horst Bosetzky, Leske & Budrich: Leverkusen; Willi Küpper/Günther Ortmann, 1992: S. 18.

[22] Zu den „Machtquellen“ zählen zuvorderst: 1. Expertenwissen (Der Besitz einer nur schwer ersetzbaren funktionalen Fähigkeit, also von Kenntnissen, die für die Organisation von entscheidender Bedeutung sind); 2. Umweltbeziehungen (Jede Organisation braucht als Input Material und Personen aus ihrer Umwelt und muss ihren Output wieder in dieser platzieren. Deshalb kommt der Kontrolle dieser Umweltbeziehungen durch Vermittler und Übersetzer der z. T. unterschiedlichen Handlungslogiken eine zentrale Machtposition in der Organisation zu); 3. Kontrolle von Informationsund Kommunikationskanälen (Eine angemessene Aufgabenerledigung ist ohne die richtigen Informationen kaum zu gewährleisten. Die Weitergabe wichtiger Informationen ist vor allem ein zentrales Machtmittel von „Untergebenen“); 4. Benutzung organisatorischer Regeln (Diese Quelle kann als Antwort der

Organisationsleitung auf das durch die drei anderen Machtquellen gestellte Problem angesehen werden. Im Prinzip sollen die Organisationsregeln die Ungewissheitsquellen ausschalten, aber das gelingt ihnen nie vollständig und damit schaffen sie neue Ungewissheitszonen). Birgit Blättel-Mink, 2014: Grundlagen der Industrieund Organisationssoziologie: Mikropolitik, Präsentation; Goethe Universität Frankfurt a. M., online abrufbar unter: http://www.fb03.uni-frankfurt.de/49209192/Mikropolitik.pdf (letzter Zugriff am 20. Juni 2017).

[23] Das sogenannte „Spiel“ spielt bei den Vertretern des mikropolitischen Ansatzes eine bedeutsame Rolle: Darunter wird gemeinhin ein sozialer Interaktionsmechanismus, der indirekt zwischen den relativ autonomen Akteuren abläuft und sich in oft widersprüchlichen und divergierenden Verhaltensweisen ausdrückt. Das Spiel ist ein Instrument kollektiven Handelns, das von den Menschen „erfunden“ wurde, ganz gleich, ob diese Erfindung bewusst oder unbewusst getätigt wurde. Der Sinn und die Aufgabe dieses Instruments besteht darin, jegliche Zusammenarbeit dahingehend zu regeln, dass Abhängigkeitsund Machtverhältnisse klar strukturiert werden. Das ist wichtig, da nach der Theorie Friedbergs und Croziers in jeder Art der Zusammenarbeit und Interaktion auch Machtverhältnisse entstehen. Das Spiel macht es einfacher, diese zu verstehen und sich ihnen zu fügen – oder auch nicht. Das impliziert, dass dem einzelnen Akteur trotz einiger fester Regeln, die er vorfindet, eigene Freiräume offen bleiben. Erhard Friedberg, 1992: Zur Politologie von Organisationen, in: Willi Küpper/Günther Ortmann (Hrsg.), Mikropolitik, Westdeutscher Verlag: Opladen, S. 39-53, hier: S. 42.

[24] Horst Bosetzky, 1991: Managementrolle: Mikropolitiker, in: Wolfgang H. Staehle (Hrsg.), Handbuch Management. Die 24 Rollen der Führungskraft. Gabler-Verlag: Wiesbaden, 286–300.

Details

Seiten
18
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668683464
ISBN (Buch)
9783668683471
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v419705
Institution / Hochschule
AKAD University, ehem. AKAD Fachhochschule Stuttgart
Note
1,0
Schlagworte
Personalmanagement Organisationslehre Führungsansätze

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