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Umgang mit Migranten und Flüchtlingen in Memmingen. Koexistenz, Zusammenhalt und freiwillige Interaktion

Studienarbeit 2016 14 Seiten

Medien / Kommunikation - Interkulturelle Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Ausgangslage und Zielsetzung

2. Kohäsion
2.1 Multikollektivität
2.2 Interkulturalität

3. Konzeptskizze für Memmingen
3.1 Ziele des Konzepts
3.2 Kommunikation
3.2.1 Interventionsansatz „Kollaboration"
3.2.1 Interventionsansatz „Promotoren"
3.3 Multikollektivität
3.3.1 Abbau einschränkender Prozesse
3.3.2 Erhöhung der Kollektivmitgliedschaften
3.4 Ziele und Visionen
3.4.1 Abstimmungsprozess
3.4.2 Formalisierung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Ausgangslage und Zielsetzung

Die kreisfreie Stadt Memmingen in Schwaben ist eine Kleinstadt mit rund 43.000 Einwohnern im Stadtgebiet sowie einem verstädtertem Kerneinzugsbereich von weiteren 51.000 Personen[1]. Aktuell leben in Memmingen 6.805 ausländische Staatsangehörige aus 101 verschiedenen Staaten, was 15,97% der Wohnbevölkerung Memmingens entspricht[2]. Die Anzahl der Asylbewerber, welche in 60 dezentralen Unterkünften im Stadtgebiet untergebracht sind, betrug zum 31.12.2015 580 Personen[2].

Bereits 2014 hatten über 50% der in Kindertagesstätten untergebrachten Kinder im Stadtgebiet Memmingen einen Migrationshintergrund[3].

Ziel dieser Arbeit ist ein kohäsiv wirksames Konzept für den Umgang mit Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund in Memmingen zu skizzieren. Dazu sollen die theoretischen Hintergründe beleuchtet und dann im Praxistransfer auf die oben genannten Rahmenbedingungen angewendet werden.

2. Kohäsion

Als Kohäsion, abgeleitet von lat. cohaerere „zusammenhängend wird in dieser Arbeit der Zusammenhalt von koexistenten freiwillig interagierenden Gruppen bezeichnet (vgl. Bolten, 2011, S.2). Dieser Zusammenhalt von Vielfalt zeichnet sich idealweiser durch nachhaltige Reziprozitätsbeziehungen aus, welche ein Nebeneinander in ein Miteinander transformieren (vgl. ebenda).

Im Rahmen des Konstrukts der Kohäsion spielen theoretische Konstrukte eine tragende Rolle, welche nachfolgend dargestellt werden.

2.1 MultikoNektivität

Grundsätzlich wird mit dem Konstrukt der Multikollektivität die Mehrfachzugehörigkeit in Kollektive bezeichnet, welche menschliche Gruppen unter formaler und struktureller Hinsicht bezeichnen (vgl. Rathje, 2014, S.3). In einem modernen Kulturverständnis wird ein Individuum nicht mehr in einem einzigen Kollektiv verortet, sondern als Schnittstelle aus unterschiedlichen Gruppen gesehen. Diese Kollektive nehmen beispielsweise durch das Anbieten von Deutungsmustern und Handlungsschemata Einfluss auf das Individuum und werden wiederum durch dessen Erfahrungen beeinflusst. So steht das Individuum also in einer reziproken Beziehung zu seinen Kollektiven.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1: Multikollektivität, Quelle: Eigene Darstellung.

Der Einfluss des jeweiligen Kollektivs ist abhängig von der Intensität, mit der die wechselseitige Beziehung gelebt wird (Bolten, 2012a, S.5). Beispielsweise könnte der Einfluss des Kollektivs „Familie", bedingt durch eine intensivere reziproke Beziehung, größer sein als der des Kollektivs „Sportverein". Kollektive neigen durch ihre Zentrifugalkraft zur Fragmentierung (vgl. Rathje, 2014, S.5), was durch die Mehrfachmitgliedschaften der Individuen verhindert wird. Auf diese Weise sorgen die Beziehungen, der „Klebstoff" zwischen den koexistenten Kollektiven, dafür, dass Kohäsion entsteht.

2.2 Interkulturalität

Zunächst beschreibt der Begriff der Kultur Räume, welche von ihren Anhängern durch Handeln erschaffen und permanent angepasst und verändert werden (vgl. Bolten, 2012a, S.43). Diese Räume können durch vier Reziprozitätsbeziehungen beschrieben werden (vgl. ebenda, S.24):

- Soziale Reziprozität; das Geben und Nehmen in sozialen Interaktionen.
- Umweltreziprozität; das Geben und Nehmen von Ressourcen.
- Imaginative Reziprozität; das Geben und Nehmen von Sinnkonstruktionen
- Selbstreziprozität; cultura animi, das Kultivieren des Geistes.

Während nur der enge Kulturbegriff meist auf die imaginative und die Selbstreziprozität abzielt (vgl. Fuchs, 2008, S.201 ff.), umfasst der weite Kulturbegriff, welcher im Rahmen dieser Hausarbeit verwendet wird, alle vier Reziprozitätsdynamiken.

Interkulturalität beschreibt nun Zustände bzw. Prozesse, welche entstehen, wenn zwei oder mehrere dieser Kulturen miteinander in Wechselwirkung treten. Hierbei werden kaum vorhersehbare Dynamiken freigesetzt. Da in solchen Momenten Orientierungslosigkeit herrscht und sich keine Normalität einstellt, werden Aushandlungsprozesse losgetreten um im interkulturellen Raum etwas „Drittes", neues, entstehen zu lassen was als Pufferzone und zur Senkung der Anspannung der Beteiligten führen soll.

Um von Synergieeffekten zu profitieren und von einem Nebeneinander in ein Miteinander überzugehen (vgl. Bolten, 2011, S.6 ff.) können gemeinsame Ziele einen entscheidenden Antrieb und damit die Handlungsgrundlage bilden. Weiterhin können gemeinsame Ziele, als verbindendes Element im interkulturellen Raum dienen und Interaktionen dort verbessern. Diese Überlegungen sollen im Rahmen des Konzepts mit beachtet werden.

3. Konzeptskizze für Memmingen

Zunächst erscheint es sinnvoll, Ziele zu beschreiben, welche mit der Umsetzung des Konzepts erreicht werden sollen. Dies hilft einerseits bei der späteren Evaluation und andererseits bei der Auswahl des Instrumentariums bzw. der umzusetzenden Maßnahmen.

3.1 Ziele

Die Umsetzung des Konzepts dient im wesentlichen dazu,

- ...im Stadtgebiet Memmingen ein weltoffenes, fremdenfreundliches Klima zu unterstützen.
- ... die Bereitschaft der Migranten und Flüchtlinge zur Integration und zur Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen zu erhöhen.
- ... Kommunikationsprozesse zwischen den verschiedenen Kulturen zu verstärken und fördern.
- ... Integrationsprozesse anzustoßen.

3.2 Kommunikation

Um den interkulturellen Dialog zu initiieren, ist Kommunikation notwendig. Diese Kommunikation lässt sich mit Anreizen zum gemeinsamen Handeln fördern (vgl. Bolton, 2011, S.9 ff.).

Hierzu erscheinen Schnittstellen als geeignet, welche für Mitglieder aus allen relevanten Gruppen zugänglich und erreichbar sind.

3.2.1 Interventionsansatz „Kollaboration“

Aus meinem beruflichen Umfeld als Berater und Entwickler von Kassensystemen sehe ich als einen möglichen Ansatzpunkt hierzu beispielsweise das von der Diakonie betriebene Sozialkaufhaus „ K-DW"[4]

Dieses wendet sich verstärkt an Flüchtlinge und Migranten und ist meist erste Anlaufstelle nach Bezug der Unterkunft. Eingesammelte Sachspenden können dort für einen symbolischen Betrag erworben oder gegen Vorlage einer Berechtigungskarte gratis mitgenommen werden.

Damit die Sachspenden mit den Wünschen der Migranten und Flüchtlinge harmonieren, könnten die Anfragelisten über Sachspenden in Kooperation entwickelt werden. Dieses gemeinsame Ziel eignet sich zu dauerhafter Zusammenarbeit, denn es ist davon auszugehen, dass neu hinzugestoßene Menschen, wechselnde Jahreszeiten oder sonstige Einflüsse die Liste der Dinge, welche benötigt oder beliebt sind, ständig verändern.

Um Synergieeffekte zu ermöglichen und Aushandlungsprozesse zu fördern (vgl. Bolten, 2012a, S.117), sollten möglichst unscharfe Anforderungen an die Treffen zwischen Diakoniemitgliedern und Migranten/Flüchtlingen gestellt werden. Die somit nötigen Aushandlungsprozesse umfassen dann unter anderem:

- wer ist Teilnehmer/Vertreter der Interessen auf Flüchtlings- bzw. Migrantenseite? Welche Sachspenden wären wünschenswert, etc.? Dies fördert wiederum den interkulturellen Dialog und Abstimmungen innerhalb dieser Gruppen.
- Formalitäten wie z.B. Anzahl der Personen, Uhrzeiten, Terminintervalle, etc.
- Ausgang und Zielsetzung der Treffen. Diese Selbststeuerung erlaubt das Finden neuer Lösungen wie z.B. einen Bügel- oder Schneiderdienst, falls die Sachspenden keine volle Versorgung gewährleisten, o.ä.

Die so generierte Lösung lässt einen Mehrwert für alle Seiten erkennen und hat das Potenzial Normalität herzustellen.

Dieses Beispiel für eine Kollaboration steht stellvertretend für mehrere potenzielle Ansatzpunkte, welche aus Platzgründen nicht alle im Rahmen dieser Arbeit diskutiert werden können, wie beispielsweise:

- Entwicklung und Pflege einer gemeinsamen Bücherwand in der Bibliothek, in welcher im Turnus eine der 101 Nationen der in Memmingen lebenden Menschen vorgestellt wird.
- Herstellung und Präsentation eigener Lebensmittel in Bäckereien, Gastronomiebetrieben, Metzgereien, etc.

Auf der Suche nach Kollaborationspunkten sollte sichergestellt werden, dass Aushandlungsprozesse den interkulturellen Dialog fördern, gemeinsame Ziele existieren, Unterschiedlichkeit im Rahmen des Miteinander erwünscht ist und als Bereicherung gesehen wird.

3.2.2 Interventionsansatz „Promotoren“

Um den interkulturellen Dialog zu beleben und nicht verebben zu lassen, sind rege Impulsgeber eine „grundlegende Gelingensbedingung“ (Bolten, 2011, S.10). Diese sogenannten Promotoren halten Kommunikationsprozesse aktiv und zeichnen sich als Knotenpunkte einer hohen Anzahl von Interaktion aus.

Dadurch halten Sie den Austausch zwischen den Kollektiven, denen sie angehören, am Leben, was als Voraussetzung für die Entstehung von Normalität gesehen werden kann. Um zu verhindern, dass die Kommunikationsdichte nachlässt und um

[...]


[1] https://www.memmingen.de/97.html [letzter Zugriff: 06.08.2016]

[2] http://tinyurl.com/auslaenderamt-memmingen [letzter Zugriff: 03.08.2016]

[3] http://www.focus.de/regional/fuerth/migration-ein-viertel-der-kinder-in-bayerns-kitas-mit-migrationshintergrundid4504794.html [letzter Zugriff: 19.08.2016]

[4] http://www.diakonie-memmingen.de/k-dw-kaufhaus/ [letzter Zugriff: 12.08.2016|

Details

Seiten
14
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668701564
ISBN (Buch)
9783668701571
Dateigröße
874 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v419472
Institution / Hochschule
Donau-Universität Krems - Universität für Weiterbildung
Note
1,5
Schlagworte
interkulturelle Kompetenz Kohäsion

Autor

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Titel: Umgang mit Migranten und Flüchtlingen in Memmingen. Koexistenz, Zusammenhalt und freiwillige Interaktion