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Bester Freund des Menschen? Der Hund als Moderator des Zusammenhangs von Bindung und psychischer Gesundheit

Bachelorarbeit 2016 37 Seiten

Psychologie - Diagnostik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung / Abstract

Abstract

1. Theorie
1.1 Einführung
1.2 Bindungstheorie
1.3 Abgrenzung des Begriffs „Psychische Gesundheit“
1.4 Theoretische Fundierung
1.5 Empirische Evidenz: Zusammenhang Bindung und psychische Gesundheit
1.6 Erweiterung des Vulnerabilitäts-Stress-Models
1.7 Empirische Evidenz: Einfluss von Hunden auf die psychische Gesundheit
1.8 Forschungsfrage und Hypothesen

2. Methoden
2.1 Stichprobe
2.2 Design und Ablauf
2.3 Testmaterial
2.4 Statistische Verfahren
3. Resultate
3.1 Deskriptive Statistiken
3.2 Nonparametrische Tests
3.3 Varianzanalyse

4. Diskussion
4.1 Ziele und Ergebnisse
4.2 Beitrag zum aktuellen Forschungsstand
4.3 Grenzen der Arbeit
4.4 Ausblick

5. Literaturverzeichnis

6. Anhang
6.1 Instruktion und biometrischer Fragebogen
6.2 Relationship Scales Questionnaire (RSQ)
6.3. Der Hund als Selbstobjekt
6.4 General Health Questionnaire (GHQ-12)

Zusammenfassung / Abstract

Hintergrund und Hypothesen: Seit dem Aufkommen der Bindungstheorie von Bowlby (1973, 1975) und der somit möglichen Kategorisierung in verschiedene Bindungstypen hat es immer wieder Belege für einen Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit gegeben. Demnach weisen unsicher Gebundene einen schlechteren psychischen Gesundheitszustand als ihre sicher Gebundenen auf. Einen jüngeren Forschungszweig bildet die Untersuchung des Einflusses von Hunden auf psychische, physische und psychosoziale Marker menschlichen Verhaltens und Erlebens. Viele Studien weisen dem „besten Freund des Menschen“ einen positiv, protektiven Effekt zu. Auf Basis einer Erweiterung des Vulnerabilitäts-Stress-Modells (Schwarzer, 1997) unternimmt diese Arbeit den Versuch, die obigen Forschungsfragen miteinander zu verbinden und dem Hund eine Moderatorwirkung zwischen ungünstigen Bindungstypen und psychischer Gesundheit nachzuweisen, die als eine Art Pufferwirkung in psychischen und psychosozialen Belastungssituationen fungieren könnte. Ein solcher Moderatoreffekt sollte bei sicher gebundenen Personen nicht nötig sein, da sie bereits ohne Hund eine adäquate psychische Gesundheit aufweisen. Methode: Die Annahmen wurden an einer aus Interessengruppen zum Thema Hund eines sozialen Netzwerks gewonnenen Stichprobe (N =2422) als deskriptiv analytische Onlinestudie geprüft. Die Hundebesitzer füllten im geschlossenen Antwortformat Fragen zu ihren biografischen Daten und ihrem Hund, ihrem Bindungstyp (Relationship Scales Questionnaire), ihrer Einstellung zum Hund (Skalen Idealisierung und Selbstobjekt Hund aus dem Fragebogen Der Hund als Selbstobjekt) und ihrer mentalen Gesundheit (General Health Questionnaire) aus. Ergebnisse: Sicher Gebundene benötigen im Faktor Idealisierung keinen Hund, um eine gute psychische Gesundheit zu haben. Allerdings ist dies im Faktor Selbstobjekt nicht der Fall und psychisch Kranke weisen deskriptiv eine höhere psychische Gesundheit als psychisch Gesunde auf, was für eine Kompensationsreaktion spricht. Abweisend Gebundene profitieren ebenfalls signifikant von beiden Moderatorenfaktoren und psychisch Kranke weisen deskriptiv höhere Werte in der psychischen Gesundheit als bei psychisch Gesunden auf. Bei anderen ungünstigen Bindungstypen ergeben sich keine nennenswerten Unterschiede. Aufgrund der fehlenden Interaktion der Faktoren Bindung und den Moderatorfaktoren ist nicht anzunehmen, dass defizitäre Bindungstypen den Hund zur Angleichung ihrer psychischen Gesundheit benötigen. Diskussion: Obwohl diese Arbeit keinen eindeutigen statistischen Nachweis über die mögliche Moderatorwirkung des Hundes liefern konnte, ist es als eine gute gesellschaftliche Investition anzusehen, zukünftige Forschung mit diesem Thema zu beauftragen, um methodische Schwächen zu Gunsten des möglichen Effekts zu beseitigen.

Abstract

Background and hypotheses: Since Bowlby (1973, 1975) published his Attachment Theory and categorisation of attachment styles got possible, there has been much evidence for a correlation with mental health. With reference to the theory, insecurely attached people show lower rates of psychological wholesomeness than their securely attached relatives. A much more younger branch of research is the investigation of the influence of dogs on psychological, physiological and psycho-social markers of human behaviour and experience. Many studies prove, that the „best friend of the human being“ has a positive and protective effect on his owner or interactor. Due to a extansion of the Diathesis–Stress Model (Schwarzer, 1997) this bachelor thesis attempts to combine the hypotheses above and to demonstrate a moderating effect of a dog between unfavorable styles of attachment and psychical health, which can be regarded as a buffer action in psychic and psycho-social load situations. Such a moderating effect is not supposed to be necessary in securely attached people, because they possess an adequate psychic state anyway. Methods: These assumptions have been tested on a sample consisting of dog-interested groups in a social network (N =2422) in a descriptive-analytic online study. Dog owners completed fixed choice answers concerning their and their dog’s biographical characteristics, their attachment style (Relationship Scales Questionnaire), their attitude towards the dog (scales idealisation and self-object dog out of the questionnaire Self-Object Dog) and their mental health (General Health Questionnaire). Results: Securely attached dog owners do not need a dog to achieve a good psychic wellbeing in case of the factor idealisation. But this is not true when it comes to the factor self-object dog. Mentally ill people show higher rates descriptively of psychic health, which is an indicator for the existence of compensation of dog ownership. Repulsively attached persons reveal different rates of mental health as well. They are higher in psychically ill dog owners, which makes sense regarding the hypothesis of compensation. Other types of attachment show no significant difference in rates of mental health under the condition oft he moderating factors. Because of the missing interaction of attachment styles and the moderating factors we cannot assume, that loss-making styles of attachment need a dog to adjust their mental health to the level of securlely attached persons. Discussion: Although this thesis could not prove the moderating effect of a dog, this topic can be regarded as a promising social investment, when we assign future science with eliminating methodical problems in favour of a possible effect.

1. Theorie

1.1 Einführung

„In den Augen meines Hundes liegt mein ganzes Glück, all mein Inneres, Krankes, Wundes heilt er in seinem Blick“ (Kempner, 1964) – so beschrieb schon die deutsche Dichterin Friederike Kempner im 19. Jahrhundert die Beziehungen zwischen Hund und Mensch und deren heilende Wirkung auf dessen Besitzer. Einige Studien, wie z.B. Beck und Meyers (1996), konnten nachweisen, dass die Haustierhaltung einen positiven Einfluss auf den menschlichen Gesundheitszustand hat und somit einen protektiven Faktor darstellt. Doch hat der Hund immer einen positiven Einfluss auf den Menschen oder sind die Auswirkungen, insbesondere mit Hinblick auf die psychische Gesundheit, in Abhängigkeit der Hundebesitzer verschieden?

1.2 Bindungstheorie

Ein wichtiger Aspekt im Hinblick auf die psychische Gesundheit ist der Bindungstyp. Dabei sind die Auswirkungen von bestimmten Lernerfahrungen mit wichtigen Bezugspersonen für den individuellen Bindungsstil entscheidend, der für das Erleben und Verhalten in nahen Beziehungen kennzeichnend ist (Strauß & Schmidt, 1996). Schon Bowlby (1973,1975) fasste die Bindungstheorie in ein Arbeitsmodell über die Welt ein, das von jedem Individuum anders wahrgenommen wird und ging davon aus, dass Bindungserfahrungen in einem inneren Arbeitsmodell organisiert sind, welches zwei Dimensionen enthält: Das „ Bild vom Selbst “ sowie das „ Bild vom Anderen “ (Britsch, Grossmann, Grossmann & Köhler, 2002). Diese werden durch niedrige und hohe Ausprägungen in einer Kreuztabelle kombiniert, wobei vier mögliche Bindungsstile entstehen. Bartholomew und Horowitz (1991) definieren diese als sicher, anklammernd, abweisend als auch ängstlich vermeidend und lassen sich durch Erwartungen bzw. Verhaltensweisen im zwischenmenschlichen Bereich charakterisieren. Dieses Konzept ist ein typisches Modell in der Bindungsforschung.

1.3 Abgrenzung des Begriffs „Psychische Gesundheit“

Die WHO hat den Begriff psychische Krankheit als Zustand des Wohlbefindens, in dem das Individuum seine Fähigkeiten ausschöpft, deren Lebensbelastungen bewältigen kann, produktiv arbeitet und im Stande ist seiner Gemeinschaft etwas beitragen zu können, definiert (Roschker, 2013). Psychische Erkrankungen bezeichnet die WHO als Beeinträchtigung mentaler Gesundheit und Belastungen, sowie eindeutig feststellbare psychische Symptome wie Schizophrenie und Depression. (Neuner, 2012). In einer Studie über Allgemeinarztpraxispatienten wurden die häufigsten psychischen Erkrankungen festgestellt, darunter am meisten vertreten waren akute depressive Episoden (8,6 %), generalisierte Angsterkrankungen (8,5 %), Neurasthenie (7,5 %) und Alkoholabhängigkeit (6,3 %) (Achberger, Benkert, Helmchen, Herr & Linden, 1996).

Integrative Modelle sind beispielsweise zur Beschreibung von psychischen Störungen dank des heute vorliegenden Störungswissens zur Ätiologie, Patho- und Salutogenese, gut geeignet.

1.4 Theoretische Fundierung

Ein bekanntes integratives Modell ist das Vulnerabilitäts-Stress-Modell (Zubin & Spring, 1977). Laut des Vulnerabilitäts-Stress-Modells sind jedem Menschen sogenannte Vulnerabilitäten (wörtl. „Verletzlichkeiten“), meist biologischer, d.h. erblicher oder anatomischer Art, angeboren. Vulnerabilitäten können sich aber auch in entwicklungsbedingten Faktoren, wie z.B. dem über die Kindheit und Jugend heranwachsenden Bindungsstils manifestieren. Treffen auf diese Vulnerabilitäten ungünstige soziale, ökologische, ökonomische und/oder psychologische Einflüsse, so kann ein gewisser Schwellenwert überschritten werden, der zu psychischen Symptomen und sogar Erkrankungen führen kann. Je mehr Vulnerabilitäten ein Mensch mit sich bringt, desto eher wird er unter einwirkendem Stress Einbußen in seiner psychischen Gesundheit erfahren (Petermann, Maercker, Lutz & Stangier, 2011). Dies verleiht dem Modell einen dynamischen Kern (Forstmeier & Maercker, 2008).

1.5 Empirische Evidenz: Zusammenhang Bindung und psychische Gesundheit

In der aktuellen Forschung weisen viele Befunde darauf hin, dass der Bindungstyp und die damit verbundenen Verhaltensweisen einen signifikanten Einfluss auf die psychische Gesundheit haben. Die eklatante Bedeutung der Entwicklung internaler Arbeitsmodelle in der Kindheit und Jugend, die einen entscheidenden Beitrag zur Herausbildung des Bindungstyps (Bowbly, 1973,1975) und somit der späteren (adulten) psychischen Gesundheit leisten, lässt sich an der Arbeit von Richter-Appelt, Brinkmann und Schützmann (2006) nachvollziehen. Die Autoren erfassten die Wertvorstellungen, Erziehungsmethoden und Bestrafungsmechanismen der Eltern ihrer mittlerweile erwachsenen Probanden als Indikatoren für die daraus entstandene Bindung. Mit den genannten Prädiktoren ließen sich per logistischer Regression 71,4% aller Versuchspersonen in die Kategorien „ psychisch klinisch auffällig “ und „ psychisch klinisch unauffällig “ klassifizieren. Demnach stellt die elterlich Bindung als Grundstein aller später entstehenden Beziehungen und des Bindungstyps an sich einen entscheidenden Prädiktor zur Voraussage psychischer Symptombelastung im Erwachsenenalter dar (Richter-Appelt et al., 2006). Aber auch praktisch angewandte Befunde im zwischenmenschlichen Bereich lassen die Bedeutung von Bindung für die psychische Gesundheit deutlich werden. Beispielsweise kamen Neumann & Tress (2005) in ihren Studien zum Zusammenhang von Partnerschaftsqualität und psychischer Gesundheit zu dem Schluss, dass studentische Paare verglichen mit Paaren, von denen mindestens eine Person Patient in einer psychosomatischen Klinik ist/war, eine subjektiv erfülltere Partnerschaft sowie deutlich weniger Angst, Eifersucht und Altruismus zeigen. Insbesondere chronisch anhaltende Angst und gesteigerte Eifersucht als Kennzeichen problematischer Bindungsmuster gelten als Indikatoren psychischer Störungen, einschließlich psychosomatischer Beschwerden (Neumann & Tress, 2005). Äquivalent hierzu lässt sich zeigen, dass insbesondere Personen mit klinisch relevanten Auffälligkeiten nicht nur eine niedrigere Lebensqualität und –zufriedenheit aufweisen, sondern auch erhöhte Bindungsangst und Bindungsvermeidungstendenzen auftreten. Sicher gebundene Paare sind also im Vergleich zu unsicher gebundenen eher in der Lage, sich in der Beziehung anzupassen und dyadisch zu agieren (Alves, Janeiro, Narciso, Canavarro, Dattilio & Pereira, 2015), welches einen protektiven Faktor vor psychischen Erkrankungen darstellt. Daraus lässt sich ableiten, dass gerade unsicher gebundene Menschen, die Auffälligkeiten im interaktiven Miteinander zeigen, weniger oder gar nicht von relationalen Ressourcen wie Partnerschaften profitieren können und somit eher zum Auftreten klinisch relevanter Symptome neigen.

1.6 Erweiterung des Vulnerabilitäts-Stress-Models

Durch das angesprochene Vulnerabilitäts-Stress-Modell (siehe Kapitel 1.3) zeigt sich, dass eine derart eindimensionale Arbeitshypothese zu simpel erscheint, wenn sie schützende Faktoren außer Acht lässt (Cranach, 2008). Eine Erweiterung des Vulnerabilitäts-Stress-Modells hat Schwarzer (1997) vorgeschlagen, indem der Ressourcenaspekt mit einbezogen wird. Dabei ist ein Neuauftritt von psychischen Störungen oder die Anzahl von Neuerkrankungen innerhalb einer Personengruppe eines bestimmten Zeitraums (Inzidenz) von zusätzlichen psychosozialen Kompetenzen und förderlichen Umweltbedingungen abhängig.

Die psychosozialen Kompetenzen werden differenziert betrachtet. So wird angenommen, dass soziale Ressourcen in Krisenzeiten eine primäre Rolle spielen, währenddessen psychische Ressourcen als stets verfügbare Mittel der Bewältigung von Stressoren angesehen werden (auch in stressfreien Alltagsituationen). Daraus ist zu schließen, dass psychische Effekte zeitige Haupteffekte und soziale Ressourcen als Puffereffekte darstellen (Hobfoll & Walfisch, 1984).

Ein wichtiger Einfluss der sozialen Ressource ist in der Qualität der sozialen Beziehung zu finden, insbesondere emotionale Nähe, Intimität, Zusammenhalt und Konfliktfreiheit in zwischenmenschlichen (ehelichen, sowie familiären) Beziehungen scheinen erfolgreichen Einfluss auf Bewältigungssituationen zu nehmen (Sarason, Sarason, & Pierce, 1990 und Rook, 1984).

Aber nicht nur in zwischenmenschlichen Beziehungen ist der Mechanismus des Puffereffekts von sozialen Ressourcen zu beobachten. So fanden Nimer und Lundahl (2007) heraus, dass die Anwesenheit eines Tieres in allen Altersgruppen sich positiv auf Autismus-Spektrum-Störungen, auf das emotionale Wohlbefinden, Verhaltensprobleme sowie körperliche Problemen auswirkte.

1.7 Empirische Evidenz: Einfluss von Hunden auf die psychische Gesundheit

Ein prominentes Beispiel für die Bedeutung von Tieren hinsichtlich psychischer Gesundheit ist z.B. der Einsatz von Therapiebegleithunden in psychiatrischen, psychosomatischen oder gerontopsychiatrischen Einrichtungen. Der positive Einfluss der Anwesenheit oder des Besitzes eines Hundes auf das somatische und mentale Wohlbefinden ist in der Forschung hinreichend belegt. Die folgenden Studien weisen eindeutig auf eine große Bandbreite positiver Effekte von Mensch-Tier-Interaktionen hin:

In einer sehr großen und zudem repräsentativen Längsschnittstudie wurden Probanden zu zwei Messzeitpunkten zwecks ihres Gesundheitszustandes befragt. Dabei kam heraus, dass Studienteilnehmer, die ein Heimtier besaßen, höhere Gesundheitswerte aufzeigte und wesentlich weniger Arztbesuche (<15%) nachweisen konnten. Dabei wurden andere Variablen, die mit dem allgemeinen Gesundheitsstand in aller Regel korrelieren, wie z.B. Alter, Geschlecht, Einkommen, etc. berücksichtigt (Headey & Grabka, 2007).

Es wurden nicht nur allgemeine Publikationen veröffentlicht, sondern auch in verschiedenen Alterskohorten. So fanden z.B. Friedman, Katcher, Thomas, Lynch und Messent (1983) heraus, wie sich Kinder im Vorschulalter bei Gedächtnisaufgaben in Gegenwart von Hunden, Plüschtierhunden oder Menschen Hilfe gesucht haben. Kinder, die die Anwesenheit des Hundes wahrgenommen haben, konnten die Aufgabe mit der wenigsten Hilfestellung meistern, wohingegen die Anwesenheit des Menschen zu komplementären Ergebnissen führte. Durch dieses Ergebnis kann man auf ein höheres Selbstvertrauen der Kinder schließen, wenn ein Hund disponibel ist.

Auch in Studien mit erwachsenen Versuchsteilnehmern wurden signifikante Ergebnisse erzielt. So wurde in verschiedenen Versuchsbedingungen versucht Hilfe oder die Telefonnummer eines Fremden zu erhalten. Hundebesitzer erhielten tatsächlich mehr Hilfestellung und öfters die Telefonnummer, als Probanden ohne Hund. Die Autoren Gueguen und Cicotti (2008) schließen aus diesen Ergebnissen, dass mehr Hilfeverhalten und Vertrauen zu erwarten ist, wenn ein Hund den Fragenden begleitet. Letztendlich zeigt dieses Experiment einen deutlichen Vorteil im sozialen Miteinander von zwischenmenschlichen Beziehungen.

Darüber hinaus haben auch ältere Menschen erfolgreich an Hundestudien teilgenommen. So wurden in mehreren Pflegeheimen Senioren mit einer sechswöchigen Interaktion in Anwesenheit eines Hundes, sowie in der Kontrollgruppe in Abwesenheit eines Hundes, aufmerksam beobachtet. Bei Senioren mit einer hundegestützten Intervention konnte eine reduzierte Wahrnehmung der Einsamkeit festgestellt werden (Banks & Banks, 2002).

1.8 Forschungsfrage und Hypothesen

Auf Basis der dargestellten Erkenntnisse lässt sich also feststellen, dass einerseits ein Zusammenhang zwischen Bindung und psychischer Gesundheit und andererseits ein Zusammenhang zwischen eines Hundes / Anwesenheit eines Hundes und psychischer Gesundheit besteht.

In dieser Arbeit versucht der Autor beide Zusammenhänge zu der folgenden Fragestellung zu integrieren: Kann der Hund als Moderatorvariable den Zusammenhang zwischen Bindung und psychischer Gesundheit in seiner Stärke und / oder Richtung beeinflussen? Insbesondere legt der Autor das Augenmerk auf die Beantwortung der folgenden Hypothesen:

1 Sicher gebundene Personen benötigen keinen Hund zur Kompensation ihres Bindungsverhaltens und weisen daher auch ohne Moderator eine normale / hohe psychische Gesundheit auf.

2 Unsicher gebundene Personen benötigen den Hund zur Kompensation ihres Bindungsverhaltens und weisen mit dem Moderator eine ähnlich hohe psychische Gesundheit auf wie sicher gebundene Personen.

2. Methoden

2.1 Stichprobe

Die Onlinestichprobe (N =2422) bestand aus Facebook-Nutzern, die in dort bestehenden Hundegruppen (wie z.B. „Mopsliebende“ oder „Labrador Liebhaber in Deutschland“) akquiriert wurden. Es wurden nur Probanden berücksichtigt, die den Fragenbogen komplett ausgefüllt haben und keine Missing Data vorwiesen. Nach erfolgter Auswertung des Rohdatensatzes flossen 763 Hundebesitzer/innen in die Analyse ein, davon waren 725 der Teilnehmer Frauen und 38 Männer in einer Alterspanne von 15 bis 80 Jahren. Der Fragebogen wurde ausschließlich online beantwortet.

2.2 Design und Ablauf

Die deskriptiv analytische Onlinestudie wurde zur Gewährleistung der Objektivität der Ergebnisse mit dem Titel: „Macht mein Hund mich glücklich?“ deklariert.

Um möglichst umfassende Informationen vom Probanden zu erhalten, wurden die soziodemografischen Daten zunächst in einem selbst erstellten biometrischen Fragebogen erfasst. Anschließend wurde für eine denkbar klare und aussagekräftige Diagnostik des Bindungsstils, die unabhängige Variable mit der psychometrischen Überprüfung einer deutschsprachigen Version des Relationship Scales Questionnaire (RSQ) (Griffin & Bartholomew, 1994) operationalisiert. Anschließend bestand ein wichtiger Bestandteil der Untersuchung darin, Informationen der Moderatorvariable bezüglich der Interaktion von Mensch und Hund zu erfahren, die durch den in einer Diplomarbeit entwickelten Fragebogen „ Der Hund als Selbstobjekt “ (Hartmann, 2008) erfasst wurden. Am Ende des Fragebogens wurde die psychische Gesundheit als abhängige Variable durch den General Health Questionnaire (GHQ-12) (Achberger et al., 1996) gemessen. Alle Probanden wurden standardisiert instruiert und für die Beantwortung aller Fragen wurden 15 Minuten veranschlagt.

2.3 Testmaterial

Der RSQ (Griffin & Bartholomew, 1994) wurde konstruiert, um den Ausprägungsgrad jedes der prototypischen Bindungsmuster des vierkategorialen Modells (sicher, anklammernd, abweisend und ängstlich-vermeidend) durch einen Skalenwert zu erfassen, welches über die Addition von mehreren Einzelitems berechnet wird. Da für die deutsche Übersetzung keine befriedigenden Resultate der Reliabilitätsanalyse erzielt wurden, wurden nach der Anwendung des Scree-Kriteriums vier Faktoren mit dem Varimax-Verfahren rotiert. Diese ließen sich als Angst vor Trennung, Angst vor Nähe, Fehlendes Vertrauen und Wunsch nach Unabhängigkeit definieren und klären insgesamt 45,4% der Gesamtvarianz auf. Durch itemanalytische Verfahren (vgl. Lienert & Raatz, 1994) entstanden vier Skalen, welche gleichlautende Bezeichnungen enthielten. Die Testung umfasst 30 Items, die durch das Ankreuzen eines bestimmten Kästchens auf einer fünfstufigen Ratingskala der Grad der Zustimmung zu jedem Item anzugeben war (nicht zutreffend – sehr zutreffend). Darüber hinaus enthält der RSQ die Items der Adult Attachement Scale (Collins & Read, 1990). Die Reliabilität befindet sich im Bereich des akzeptablen bis guten Wertes mit einem Cronbach’s Alpha = .72 bis .81 (Bassler, 2001). Die Validität kann aufgrund der inhaltlichen Nähe zu verwandten Konstrukten, wie z.B. in der Adult Attachement Scale (Collins et al., 1990), als gut bewertet werden.

Der Fragebogen „Der Hund als Selbstobjekt“ (Hartmann, 2008) umfasst 5 Skalen, die sich als Selbstobjekt Hund, Idealisierung des Hundes, Erziehung des Hundes, Belastung durch den Hund und Hund als Brücke zu anderen Menschen definieren und klären eine Gesamtvarianz von 51,51 % auf. Aus den Skalen ergeben sich 45 Items, die durch eine bipolare vierstufige Likertskala, die symmetrisch in vier Möglichkeiten (Zustimmung, eher Zustimmung, eher Ablehnung oder Ablehnung), konkretisiert sind. Um Reihenstellungseffekte zu verhindern, wurden die Items rotiert. Aus ökonomischen Gründen wurden in dieser Arbeit zwei Faktoren (Selbstobjekt Hund, Idealisierung des Hundes) zur Untersuchung der Moderatorvariablen aufgenommen. Der Faktor Selbstobjekt Hund weist mit einem Cronbach’s Alpha = .93 exzellente Werte auf. Auch der Faktor Idealisierung des Hundes ist mit akzeptablen Werten (Cronbach’s Alpha = .72) als reliabel anzusehen.

Der GHQ-12 (Achberger et al., 1996) ist ein Fragebogen, der die Selbstbeurteilung des psychischen Befindens der letzten Wochen beschreiben soll. Nach Goldberg und Williams (1991) ist das Ziel des GHQ-12 eine kurze und leichte Durchführung, Aufweisung einer hohen Akzeptanz für die Befragten und zudem eine Objektivität, die auf keiner subjektiven Fremdbeurteilung beruht. Die 12 Items beinhalten eine Antwortskala, die vierstufig ist und kann positiv oder negativ formuliert werden. Bei positiv formulierten Fragen lauten die Antwortmöglichkeiten: Besser als üblich, so wie üblich, schlechter als üblich und viel schlechter als üblich. Die Antwortmöglichkeiten der negativ formulierten Fragen lauten: Gar nicht, nicht mehr als üblich, mehr als üblich und viel mehr als üblich. Dabei war zu beachten, dass positiv formulierte Items einen höheren Wert aufwiesen, wenn sie mit schlechter bzw. viel schlechter als üblich beantwortet wurden. Gegensätzlich dazu wurde bei negativ formulierten Fragen die Erhöhung des Gesamtscores erzielt, wenn sie mit mehr bzw. viel mehr als üblich deklariert wurden. Die interne Konsistenz anhand des Alpha Koeffizenten von Cronbach ist zwischen .82 und .90 als gut zu bezeichnen (Banks, Clegg, Jackson, Kemp, Stafford & Wall, 1980).

Gute valide Ergebnisse konnten Goldberg, Gater, Sartorius, Ustun, Piccinelli, Gureje und Rutter (1997) in ihrer Studie mit der Erprobung der GHQ -Versionen in deutscher Übersetzung zeigen. Die Validierung erfolgte mittels des parallel eingesetzten „ Composite International Interview “ (CIDI) nach ICD-10 und DSM-IV. Die Sensitivität des GHQ-12 betrug in Bezug auf die ICD-10- Diagnosen 83,5 % und die Spezifität 75,1 %. Diesbezüglich konnten keine signifikanten Unterschiede aufgrund der Übersetzung aus dem Englischen festgestellt werden.

2.4 Statistische Verfahren

Zunächst wurden die Bindungstypen nach einen bestimmten Schema klassifiziert. Ein sicherer Bindungsstil wurde zugeteilt, wenn die Skala Angst vor Trennung einen Wert kleiner gleich 2.88 und die Skala wenig Angst vor Nähe einen Wert kleiner gleich 2.75 aufwiesen. Lagen hohe Werte auf diesen beiden Skalen vor (größer 2.88 und größer 2.75), so teilte man die Person dem ängstlich-vermeidenden Muster zu. Bestanden auf der Skala Angst vor Trennung größere Werte als 2.88 und kleiner gleiche Werte als 2.75 auf der Skala Angst vor Nähe so entsprach dies einem anklammernden Typus. Der abweisende Prototyp wurde identifiziert, sobald wenig Angst vor Trennung in Form von Werten kleiner gleich 2.88, in Verbindung mit hoher Angst vor Nähe, in Form von Werten größer 2.75, bestand (Bassler, 2001).

Ob der Proband im Sinne des GHQ-12 als psychisch gesund oder nicht gesund eingestuft werden konnte, bestimmte sich auf Basis der Codierung der vierstufigen Likert-Skala in Form des Musters 0-1-2-3. Ergaben die aufsummierten Antworten der Items einen Wert größer als eins, so wurden die Probanden der Gruppe „ psychisch krank “ zugeordnet. Erzielten sie einen Wert kleiner zwei, so waren sie als „ psychisch gesund “ einzustufen. Dabei wurden die Items entweder positiv (besser als üblich, so wie üblich, schlechter als üblich sowie viel schlechter als üblich) oder negativ (gar nicht, nicht mehr als üblich, mehr als üblich und viel mehr als üblich) formuliert.

Vor Testung der eigentlichen Moderatorhypothese erfolgten zwei univariate Analyses of Variances (ANOVAs) zur Überprüfung, ob sich die Bindungstypen jeweils in Verbindung mit den unterschiedlich hohen Ausprägungen im Selbstobjekt Hund und den unterschiedlich hohen Ausprägungen der Idealisierung des Hundes hinsichtlich der psychischen Gesundheit unterscheiden. Da leider beide Tests die Überprüfung auf Varianzhomogenität nach Levene nicht bestanden, entschied man sich für eine erneute Durchführung mittels acht Mann-Whitney-U-Tests für unabhängige Stichproben (jeweils vier Bindungstypen in Verbindung mit den zwei Moderatorfaktoren Selbstobjekt Hund und Idealisierung des Hundes). Zur Überprüfung, der in Punkt 1.6 beschriebenen Puffereffekte des Vulnerabilitäts-Stress-Models, sind zweifaktorielle Vairanzanalysen mit den Faktoren Bindungsstil und Selbstobjekt Hund bzw. Idealisierung des Hundes und psychischer Gesundheit als abhängige Variabel geplant gewesen.

Da die Voraussetzungen der Varianzhomogenität nicht erfüllt worden sind, ist unter Berücksichtigung von Simulationsstudien, wie z.B. von Sullivan und D’Agostino (2003), eine Rangformation der psychischen Gesundheit durchgeführt worden.

3. Resultate

3.1 Deskriptive Statistiken

Bei Probanden mit sicherem Bindungsstil können höhere Mittelwerte im GHQ unter den Faktoren Selbstobjekt Hund und Idealisierung des Hundes bei den psychisch Gesunden festgestellt werden, was für einen schlechteren psychischen Zustand spricht, als bei den psychisch Kra nken. Im ängstlich-vermeidenden Bindungsstil wurden im Vergleich mit den übrigen Bindungsstilen die höchsten Mittelwerte unter Einfluss der beiden Faktoren gemessen. Ebenfalls höhere Werte des Mittelwertes wurden bei anklammerndem und abweisendem Bindungsstil im Vergleich mit dem sicheren Bindungsstil erfasst, wobei der Unterschied kleiner ausfällt als zwischen sicherem und ängstlich-vermeidendem Bindungsstil (siehe Tabelle 1).

Tabelle 1

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Unterschiede der psychischen Gesundheit in Abhängigkeit der Faktoren Selbstobjekt Hund und Idealisierung des Hundes zwischen psychisch Gesunden und Kranken innerhalb eines Bindungsstils können kaum festgestellt werden, da der Unterschied meistens nicht größer als eine Standardabweichung ist (z.B. sicherer Bindungsstil psychisch gesund: M = 10.35; psychisch krank: M = 9.17). Eine Ausnahme jedoch kann in dem Bindungstyp Abweisend gemacht werden. Hier zeigen psychisch gesunde Probanden höhere Werte (z.B. M = 13.17), also eine schlechtere psychische Gesundheit, unter dem Einflusses des Selbstobjekts Hund und der Idealisierung des Hundes als psychisch kranke Probanden (z.B. M = 11.07), auch wenn die Differenzen ebenfalls nicht eine Standardabweichung überschreiten (siehe Tabelle 1). Dies spricht für eine Kompensationswirkung des Hundes hinsichtlich des defizitären Bindungsstils.

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Details

Seiten
37
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668680203
ISBN (Buch)
9783668680210
Dateigröße
3.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v419372
Institution / Hochschule
Universität Osnabrück
Note
2,0
Schlagworte
bester freund menschen hund moderator zusammenhangs bindung gesundheit

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