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Migration als Faktor sozialer Ungleichheit in der schulischen Bildung und die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit von Schülern und Schülerinnen

Die Bundesrepublik Deutschland und Schweden im Vergleich

Bachelorarbeit 2018 42 Seiten

Soziologie - Soziales System, Sozialstruktur, Klasse, Schichtung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Ungleichheit aus Sicht Pierre Bourdieus - Ursachen, Entstehung und Implementierung in der Gesellschaft
2.1 Allgemeine Definition sozialer Ungleichheit und historischer Uberblick
2.2 Soziale Ungleichheit nach Pierre Bourdieu
2.3 Ursachen und Entstehung sozialer Ungleichheit aus Sicht Bourdieus

3. Migration als Faktor sozialer Ungleichheit
3.1 Ursachen fur den Einfluss von Migration auf die soziale Ungleichheit im Bildungssystem
3.2 Auswirkungen des Faktors Migration auf die Bildungslaufbahn betroffener Kinder

4. Die Bildungssysteme und Gesellschaften beider Staaten im Uberblick
4.1 Aufbau und Funktionsweise des deutschen Bildungssystems
4.2 Das schwedische Bildungssystem im Uberblick

5. Vergleich zwischen der BRD und Schweden bezuglich der Zusammenhange zwischen Migration als Faktor sozialer Ungleichheit und Erfolgen bei Bildungstests (PISA)
5.1 Auspragung des Faktors Migration als soziale Ungleichheit in der BRD aus Sicht Bourdieus
5.1.1 Das okonomische Kapital von Migrantenfamilien in der BRD
5.1.2 Das kulturelle Kapital von Migranten in Deutschland
5.1.3 Das soziale Kapital von Migranten in der Bundesrepublik Deutschland
5.2 Auspragung des Faktors Migration als soziale Ungleichheit in Schweden aus Sicht Bourdieus
5.2.1 Das okonomische Kapital von Migranten in Schweden
5.2.2 Das kulturelle Kapital schwedischer Migranten
5.2.3 Das soziale Kapital von Migranten in Schweden
5.3 Zusammenfassung der Ergebnisse und Zwischenfazit
5.4 Das Abschneiden beider Staaten bei Bildungstests am Beispiel PISA
5.4.1 Das Abschneiden von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund bei den PISA-Studien in Deutschland
5.4.2 Das Abschneiden von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund bei den PISA-Studien in Schweden

6. Zusammenfassung der Befunde und Fazit

Literatur

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

„Gewisse Grundformen sozialer Ungleichheit finden sich in alien Gesellschaften: Machtige konnen ihren Willen gegenuber Ohnmachtigen durchsetzen, Wohlhabende le- ben angenehmer als Arme, Angesehene werden verehrt, Verachtete gemieden. [...]. In vielen hochentwickelten Gesellschaften wachsen die sozialen Ungleichheiten: [...]. Die Integration vieler Zuwanderer wird schwieriger. Arbeitslosen fehlt es an Geld, Selbst- achtung und Anerkennung. [...]“ (Bundeszentrale fur politische Bildung 2012: 1).

Mit diesen Worten leitet der Soziologe Stefan Hradil seinen Artikel zu sozialer Ungleichheit bei der Bundeszentrale fur politische Bildung ein. Er verdeutlicht damit, dass dieses gesell- schaftliche Phanomen heutzutage in allen entwickelten Staaten auftritt. Wie durch die Ausfuh- rungen Hradils deutlich wird, kann sich soziale Ungleichheit in Form vielfaltiger Faktoren au- fiern. Neben der gesellschaftlichen Schicht, dem Geschlecht oder Behinderungen, kann auch die Migration Ursache fur eine Ungleichbehandlung bestimmter Personengruppen sein. All diese Faktoren konnen naturlich auch Einfluss auf den Schulerfolg von Jugendlichen haben. Hierbei ist es moglich, dass Kinder aufgrund bestimmter Merkmale anders beurteilt werden als andere. Dies kann ihren weiteren Lebensweg sowohl positiv als auch negativ beeinflussen. Haufig werden diese Ungleichheiten im gesellschaftlichen Diskurs als ungerecht und negativ empfunden und es gibt immer wieder Debatten und politische Auseinandersetzungen daruber, wie man soziale Ungleichheiten abschaffen oder verringern kann. Andererseits verzichtet die Soziologie bei der Untersuchung von sozialer Ungleichheit auf eine Wertung und lasst die Frage nach der Gerechtigkeit offen (Bundeszentrale fur politische Bildung 2012: 2). Diese Dis- krepanz zwischen Wissenschaft und Gesellschaft zeigt bereits die hohe Brisanz und offentliche Wirkung dieses Phanomens. Zudem sind Diskussionen uber soziale Ungleichheiten zurzeit sehr aktuell. Vor allem die Migration als Faktor sozialer Ungleichheit gewinnt aufgrund der Flucht- lingsstrome der vergangenen Jahre immer mehr an gesellschaftlichem Interesse.

In meiner Arbeit werde ich mich daher auf diesen Faktor beschranken und versuchen zu analy- sieren, welche Auswirkungen er auf die schulischen Erfolge betroffener Kinder hat. Untersu- chen werde ich dies in Form eines Vergleiches zweier Industriestaaten (Deutschland und Schweden), hinsichtlich der Leistungsfahigkeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund beider Staaten bei Bildungstests (PISA). Es soll also konkret darum gehen, herauszufinden, in welcher Weise sich Migration als Faktor sozialer Ungleichheit im Bildungssystem zeigt, wel- che Auswirkungen er auf die betroffenen Kinder hat und inwieweit er dadurch die Leistungs- fahigkeit der Jugendlichen eines Landes insgesamt beeinflusst.

Hierzu werde ich zunachst das Phanomen der sozialen Ungleichheit vorstellen und dessen Ur- sachen, Entstehung und Implementierung in der Gesellschaft aus der Sicht Pierre Bourdieus erlautern. Anschliefiend soil es konkret um den Faktor Migration als soziale Ungleichheit ge- hen. Hierbei mochte ich auf die Ursachen fur den Einfluss dieses Phanomens auf die Ungleich­heit eingehen und seine Folgen fur den schulischen Erfolg betroffener Kinder verdeutlichen. Es sollen hierbei die Unterschiede in den Bildungserfolgen von Jugendlichen mit und ohne Mig- rationshintergrund dargestellt werden. Anschliefiend zeige ich die Besonderheiten und Grund- strukturen der Bildungssysteme und Gesellschaften der BRD und Schwedens auf. Dies ist not- wendig, um nachfolgend aus diesen Erkenntnissen die moglicherweise bestehenden Unter­schiede bezuglich sozialer Ungleichheit erklaren zu konnen. Weiterhin werde ich die jeweiligen Auspragungen der Migration als soziale Ungleichheit sowie die Ergebnisse der beiden Staaten bei Bildungstests (PISA) erortern und versuchen, mit diesen Erkenntnissen Zusammenhange zwischen der sozialen Ungleichheit und Bildungstestergebnissen herzustellen. Hierbei soll es nicht um eine reine Analyse der PISA-Ergebnisse gehen. Ich werde die theoretischen Grundla- gen Pierre Bourdieus auf die gewonnenen Erkenntnisse anwenden, um so zu verdeutlichen, welcher Staat laut Bourdieu die grofiere soziale Ungleichheit aufweist, welche Ursachen dies hat und was dies fur Betroffene bedeutet. Abschliefiend werde ich versuchen, einen Ausblick zu geben, inwieweit soziale Ungleichheit und das Abschneiden bei Bildungstests miteinander verknupft sind und ob es moglicherweise Mafinahmen gibt, um eventuelle Probleme zu losen.

2. Soziale Ungleichheit aus Sicht Pierre Bourdieus - Ursachen, Entstehung und Implementierung in der Gesellschaft

Soziale Ungleichheit ist in vielen Staaten weit verbreitet. Hierunter wird im Allgemeinen eine ungleiche Verteilung von Lebenschancen verstanden. Die Ursachen und Kennzeichen dieses Phanomens sind im Verlauf der Geschichte und zwischen verschiedenen Gesellschaftssystemen unterschiedlich ausgepragt (Burzan 2011: 7). Im folgenden Kapitel soll es zunachst um eine allgemeine Darstellung sozialer Ungleichheit gehen, bevor ich anschliefiend den Blickwinkel Pierre Bourdieus zu diesem Thema naher erlautern und auf seine Hauptaspekte dazu eingehen werde.

2.1 Allgemeine Definition sozialer Ungleichheit und historischer Uberblick

Soziale Ungleichheit:

„[...] ist allgemein jede Art verschiedener Moglichkeiten der Teilhabe an Gesellschaft (der Verfugung uber gesellschaftliche Ressourcen). Ublicherweise wird aber vorwie- gend dann von s.U. gesprochen, wenn es sich um Ungleichheiten handelt, die jeweils grofiere Personengruppen betreffen und die als relativ dauerhaft gelten konnen. “ (Krause 2011: 709).

Aus dieser Definition wird ersichtlich, dass dieses Phanomen mit einer Einteilung von Personen in bestimmte Gruppen einhergeht. Die Aufteilung erfolgt aufgrund spezifischer Merkmale der Betroffenen. Hierdurch entstehen unterschiedliche Chancen der jeweiligen Gruppenmitglieder, aktiv an der Gesellschaft mitzuwirken. Sie erhalten dadurch auch differenzierte Moglichkeiten z.B. bezuglich des Einkommens, des Einnehmens von Machtpositionen oder des Bildungser- folges, ihr Leben zu gestalten. Es zeigt sich also, dass soziale Ungleichheit ein gesellschaftlich konstruiertes Phanomen ist, welches immer subjektiv von der Zusammensetzung und Ausge- staltung des jeweiligen Staates abhangt. Ebenso zeigt soziale Ungleichheit immer mehrere Di- mensionen, welche von der entsprechenden Gesellschaft dazu genutzt werden, eine Gruppen- einteilung vorzunehmen (z.B. Geschlecht, Migration, soziale Herkunft) (Burzan 2011: 7). Historisch betrachtet erlebte das Denken uber soziale Ungleichheit im Laufe der Zeit einen Wandel. Wahrend der Antike bis ins Mittelalter galt sie als gottgegeben und naturlich. Man ging davon aus, dass die Menschen nicht gleich sind und somit auch verschiedene Privilegien und Pflichten haben sollten. Dadurch wurde in dieser Zeit die soziale Ungleichheit legitimiert und galt als selbstverstandlich. Erst in der Moderne begann ein Umdenken. Nach wie vor galten bestimmte Merkmale von Personen und Personengruppen als Grundlage fur unterschiedliche Lebenschancen, allerdings wurden diese nicht mehr als Legitimation sozialer Ungleichheit her- angezogen. Erst mit diesem Wandel im Denken der Menschen kamen auch die Fragen nach den Ursachen und Mechanismen sozialer Ungleichheit auf (Burzan 2011: 8). Dies eroffnete ein breites Forschungsfeld zu diesem Thema, welches ich nun kurz darstellen mochte, um eine Verortung Pierre Bourdieus innerhalb der Ungleichheitsforschung zu ermoglichen. Zu den klas- sischen Theorien von Ungleichheit zahlen Klassenmodelle, wie das von Karl Marx, welcher von einer Gruppeneinteilung hinsichtlich okonomischer Aspekte ausgeht. Dem gegenuber ste- hen die Schichtmodelle (Theodor Geiger), welche verschiedene Aspekte zur sozialen Lage, Le- benschancen und Lebensbedingungen der Personen in den Vordergrund stellen (Burzan 2011: 64-66). In neueren Arbeiten zu diesem Themenfeld finden sich haufig Begriffe wie Lebensstil und Milieu, welche von der Individualisierung und Ausdifferenzierung von Lebensweisen aus- gehen. Sie versuchen, die nicht mehr ausreichenden Muster klassischer Ansatze zu uberwinden und verknupfen objektive Bedingungen (naturliche Umwelteinflusse) und subjektive Hand- lungsweisen miteinander. Dadurch ermoglichen sie es, die vielfaltigen Aspekte der Ungleich- heit in einer Gesellschaft differenzierter zu betrachten (Burzan 2011: 123 f.). Eine Verknupfung der weiterentwickelten Klassenansatze mit neueren Theorien zu Lebensstilen stellt das Konzept von Pierre Bourdieu dar (Burzan 2011: 125). Auf seine Annahmen und Uberlegungen zu sozi­aler Ungleichheit werde ich im folgenden Abschnitt naher eingehen.

2.2 Soziale Ungleichheit nach Pierre Bourdieu

Der franzosische Soziologe Pierre Bourdieu stellte Ende der 1960er Jahre in seinem Werk „Die feinen Unterschiede“ seine Theorie des sozialen Raumes vor (Diezinger; Mayr-Kleffel 1999: 115). Sozialer Raum beschreibt hierbei ein mehrdimensionales und voneinander abhangiges Macht- und Handlungsgefuge der sozialen Welt. Diesem liegen differenzierte Prinzipien der Verteilung und Unterscheidung zu Grunde (Kraemer 2011: 553). Bourdieus Theorie stellt eine neue Interpretation alterer Klassenmodelle, verknupft mit Lebensstiltheorien, dar. Grundlegend fur seine Theorie ist, dass sowohl die verschiedenen Lebensstile, Vorlieben und Interessen, als auch das unterschiedliche Vorhandensein knapper Ressourcen (Macht, Bildung, Einkommen etc.) Einfluss auf die Zuordnung von Personen zu bestimmten Gruppen haben. Zudem wird die Stellung einer Person in der Gesellschaft davon beeinflusst, auf welche Weise und wofur be- stimmte Ressourcen genutzt werden. Bourdieu verknupft somit okonomische Ressourcen mit kulturellen Fahigkeiten und sozialen Beziehungen und postuliert, dass sich daraus in verschie­denen Gruppen unterschiedliche Lebensstile entwickeln. Aufgrund des verschiedenen Vorhan- denseins dieser Aspekte in diversen Gruppen entsteht somit, laut Bourdieu, soziale Ungleich­heit und es wird Personen durch die Praxis ihrer Lebensfuhrung ermoglicht, ihren Platz im sozialen Raum einzunehmen (Diezinger; Mayr-Kleffel 1999: 115 f.).

2.3 Ursachen und Entstehung sozialer Ungleichheit aus Sicht Bourdieus

Pierre Bourdieu beschreibt verschiedene Aspekte als ursachlich fur soziale Ungleichheit, be- nennt sie allerdings alle mit dem Begriff Kapital. Dieser Begriff vereint die gesamte angesam- melte Arbeit des Kapitalinhabers in sich. Hierzu zahlt sowohl die selbst geleistete Arbeit, als auch solche, welche einem Individuum von anderen Personen ubertragen wurden (z.B. Erb- schaften). Grundsatzlich gilt fur alle Kapitalarten, dass sie hergestellt werden mussen und so- wohl gewonnen als auch verloren gehen konnen. Zudem spielt beim Erwerb von Kapital auch der zeitliche Aspekt eine wichtige Rolle (z.B. Wie viel Zeit investiere ich, um ein bestimmtes Kapital zu erlangen?). Die aktuelle Lage einer Person entsteht also aus ihrer sozialen Herkunft und ihrer sozialen Entwicklung im Verlauf der Zeit (Diezinger; Mayr-Keffel 1999: 117). Bour­dieu beschreibt in seinem Werk drei Ursachen/Kapitalarten der sozialen Ungleichheit, welche sich alle nochmals untergliedern lassen. Zunachst gibt es das okonomische Kapital, welches in objektivierter (Geld) und institutionalisierter (Erbrecht, Eigentumsrechte) Weise vorkommt. Dieses ist in Form von Geld einfach in andere Kapitalarten transferierbar, allerdings besteht die Gefahr, dass es in Krisen auch schnell verloren gehen kann (Diezinger; Mayr-Keffel 1999:117).

Des Weiteren beschreibt der Autor das kulturelle Kapital. Dieses ist entweder inkorporiert (Wissen, Kompetenzen), objektiviert (Bucher, Kulturguter) oder institutionalisiert (Titel, Zer- tifikate). Hierbei ist festzustellen, dass inkorporiertes kulturelles Kapital nicht von anderen Per- sonen erworben werden kann. Man muss es sich selbst aneignen. Anschliefiend muss man es in institutionalisiertes kulturelles Kapital umwandeln, um es in Form eines Zertifikates, beispiels- weise zum Erhalt eines Arbeitsplatzes nutzen zu konnen. Die dritte Kapitalart ist das soziale Kapital, welches sich durch Beziehungen zu anderen Personen, der Bildung von Netzwerken und Unterstutzungsleistungen zeigt. Auch hierbei wird zwischen objektiviertem (Verwandt- schaft, Berufsverbande) und institutionalisiertem (Vereine, Parteien) Kapital unterschieden. Der Anteil dieser Kapitalform wird besonders deutlich, wenn die anderen Arten nahezu iden- tisch bei verschiedenen Personen vorliegen, aber dennoch unterschiedliche Erfolge vorhanden sind (Bourdieu 1983: 185-195).

Wie oben bereits erwahnt, stellt der soziale Raum einen zentralen Bestandteil Bourdieus Theo- rie dar. Dieses Handlungsgefuge entsteht durch die Auftragung des okonomischen und kultu- rellen Kapitals, verknupft mit dem entsprechenden Kapitalvolumen in einem Koordinatensys- tem. Hierbei wird das Kapitalvolumen (oben= viel Kapital, unten= wenig Kapital) auf der ver- tikalen Achse und die Kapitalarten (rechts= viel okonomisches Kapital, links= viel kulturelles Kapital) auf der horizontalen Achse aufgetragen (siehe Abb. 1 im Anhang). Anhand dieses Ko- ordinatensystems nimmt Bourdieu eine Klasseneinteilung1 in Bourgeoisie, Kleinburgertum und Arbeiterklasse vor. Aufgrund der unterschiedlichen Kapitalzusammensetzungen,- volumen und- arten ergeben sich fur die verschiedenen Klassen differenzierte Moglichkeiten, ihr Kapital zu steigern oder positiv zu verandern. Dies verstarkt die Ungleichheit zwischen den Gruppen. Des Weiteren etablieren sich in den unterschiedlichen Klassen aufgrund ihrer differenzierten Handlungsspielraume auch verschiedene Lebensstile, in Abhangigkeit des entsprechenden Ka- pitals. Hierdurch wird die Ungleichheitsstruktur weiter gefestigt. Die Ableitung der unter- schiedlichen Lebensstile fuhrt Bourdieu allerdings nicht aufgrund der Lage im sozialen Raum durch, sondern anhand des Habitusbegriffes (Diezinger; Mayr-Keffel 1999: 119-121). Dieser, fur Bourdieu sehr zentrale Begriff, kann mit Gewohnheit oder Haltung ubersetzt werden. Er beschreibt: „das Insgesamt der ->Einstellungen, Verhaltensweisen und -> Gewohnheiten, die eine Person charakterisieren.“ (Reinhold et. al. 2000: 249). In Bezug auf den Habitus zeigt sich, dass die Erfahrungen von Personen mit den vorhandenen Ressourcen der Herkunftsfamilie die

Erwartungen, Ziele und die Einschatzung der eigenen Lage im sozialen Raum stark beeinflus- sen. Kinder ubernehmen somit laut Bourdieu die Gewohnheiten/Haltungen ihrer Eltern. Somit beschreibt der Habitus also auch eine Art der Anpassung von Personen an vorgefundene Ver- haltnisse in ihrem Leben. Da er den Akteuren nicht bewusst ist, ist er auch schwer abzulegen und zu verandern. Dies fuhrt zur Bestatigung der eigenen Position im sozialen Raum und zur Nutzung gewohnter Handlungsstrategien. Hierdurch ist es den Betroffenen schwer moglich, selbst bei veranderten Ressourcen, bestimmte Handlungsoptionen zu erkennen und sich dem- entsprechend zu verhalten. Aufgrund dieser fehlenden Wahrnehmung bestimmter Moglichkei- ten sind Ubergange zwischen den verschiedenen Klassen laut Bourdieu erschwert. Somit fuhren die unterschiedlichen Habituus dazu, dass die bestehenden Unterschiede erhalten bleiben, was wiederum bedeutet, dass die Gruppenmitglieder unbewusst selbst die soziale Ungleichheit re- produzieren (Diezinger; Mayr-Keffel 1999: 121-123).

3. Migration als Faktor sozialer Ungleichheit

Migration kann synonym mit dem Begriff Wanderungen verwendet werden. Dieser kann wie folgt definiert werden: „Wanderungen, [werden] in den Sozialwissenschaften als horizontale, raumliche, geographische Mobilitat von der vertikalen → sozialen Mobilitat unterschieden [...]“ (Reinhold et. al. 2000: 717). Konkret soll es in meiner Arbeit um die dauerhafte Verlage- rung des Lebensmittelpunktes von Personen aus ihrem Heimatland in einen anderen Staat (Deutschland und Schweden) gehen. Auch die Nachkommen solcher Menschen werde ich der Gruppe der Migranten zuordnen (Migranten zweiter Generation). Im folgenden Kapitel mochte ich darstellen, welche Grunde es gibt, dass eine Person, welche ein Leben in einem neuen Land beginnt, aufgrund dieser Tatsache, eine ungleiche Behandlung in der Bildung erfahrt. Des Wei- teren soll verdeutlicht werden, welche Auswirkungen diese Prozesse auf die betroffenen Per- sonen haben konnen.

3.1 Ursachen fur den Einfluss von Migration auf die soziale Ungleichheit im Bildungs- system

Einen wichtigen Aspekt fur die ungleiche Behandlung von Migrantenkindern in der Bildung stellt die Diskriminierung2 dar. Dieses gesellschaftliche Phanomen lasst sich in zwei Arten untergliedem. Zum einen stellt die direkte Diskriminierung eine Ursache fur die Ungleichbe- handlung auslandischer Schuler und Schulerinnen dar. Diese Form geht zumeist von Einzelper- sonen aus und die resultierenden Nachteile fur die betroffene Person sind von der diskriminie- renden Person beabsichtigt und geplant. Ein Beispiel fur diesen Diskriminierungstyp ware die bewusste Schlechterbewertung von Kindern mit auslandischer Herkunft, ohne dass dafur ob- jektive Grande vorliegen wurden. Eine andere Art der sozialen Ungleichbehandlung ist die in- stitutionelle Diskriminierung. Hierbei handelt es sich um eine ungleiche, nachteilige Behand- lung von Personen oder Personengruppen durch Handlungen, Vorgehensweisen oder Organi- sationsstrukturen zentraler gesellschaftlicher Institutionen (z.B. Schule als Bildungseinrich- tung). Hauptaspekt der institutionellen Diskriminierung ist, dass hierbei keine Einzelperson dis- kriminierende Handlungen beabsichtigt durchfuhrt, sondern die Ungleichbehandlung aus be- stimmten Handlungslogiken, Organisationsstrukturen, Lehrpraktiken oder Verfahrensvor- schriften entsteht. Die Benachteiligung geht also von den Institutionen aus und erfolgt meist von den diskriminierenden Personen unwissentlich. Man kann also feststellen, dass die Benach- teiligung bei dieser Diskriminierungsform letztendlich aus der Summe von Mafinahmen und Vorschriften in einem bestimmten Bereich (z.B. Bildung) resultiert, ohne dass die dort handeln- den Akteure eine Schlechterstellung bestimmter Personen bewusst wollen (vgl. Fereidooni 2011: 23-25). Ein weiterer Aspekt, welcher als Ursache fur soziale Ungleichheiten aufgrund von Migration gesehen werden kann, ist die Tatsache, dass in Bildungssystemen haufig eine Gleichbehandlung der Schuler und Schulerinnen praktiziert wird, obwohl unterschiedliche Vo- raussetzungen der Kinder gegeben sind. Ein Beispiel hierfur ist die Vorgabe der Sprache des Aufnahmelandes als Bildungssprache. Kindern mit Migrationshintergrund entsteht hierdurch ein Nachteil, da sie ihre muttersprachlichen Fahigkeiten nicht nutzen konnen und erst eine neue Sprache erlernen mussen, ehe sie aktiv am Unterrichtsgeschehen teilnehmen konnen (vgl. Fer- reidooni 2011: 26). Neben diesen Faktoren spielt naturlich auch die individuelle Leistungsfa- higkeit eine Rolle. Hierbei ist denkbar, dass Kinder mit Migrationshintergrund aufgrund trau- matischer Erlebnisse oder fehlender schulischer Bildung in ihren Heimatlandern hinter dem Leistungsniveau von Nicht-Migrantenkindern zuruckbleiben und dies die soziale Ungleichheit zwischen beiden Gruppen bedingt.

Insgesamt ist allerdings festzustellen, dass die Hauptursachen, welche Migration als Faktor so- zialer Ungleichheit wirken lassen, auf institutioneller Seite liegen und von den betroffenen Per- sonen nur geringfugig verandert und beeinflusst werden konnen.

3.2 Auswirkungen des Faktors Migration auf die Bildungslaufbahn betroffener Kinder

In den vergangenen Jahren zeigten Leistungsvergleichsuntersuchungen wie PISA (Programme for International Student Assessment) oder IGLU (Internationale Grundschul-Lese-Untersu- chung) haufig, dass Migrantenkinder hierbei deutlich schlechter abschnitten als Einheimische. Dies ist hauptsachlich auf die Funktionsweise von Bildungssystemen und deren Rahmenbedin- gungen und Routinen zuruckzufuhren (siehe Kapitel 3.1 dieser Arbeit). Beispielhaft fur dieses Phanomen ist es, dass Kinder auslandischer Eltern uberdurchschnittlich haufig auf Forderschu- len verwiesen werden und seltener Gymnasialempfehlung erhalten als Nicht-Migrantenkinder. Ursachen fur dieses Vorgehen sind allerdings nicht bei den Betroffenen zu suchen. Vielmehr sind die mangelnde Sprachvermittlungsfahigkeit der Schulen, negative ethisch-kulturelle Zu- schreibungen von Lehrpersonen und der Erhaltungswunsch bestehender schulischer Kapazita- ten (Vermeidung von Schulschliebungen) dafur verantwortlich. Man kann also davon ausge- hen, dass die betroffenen Kinder auf diese Schulform verwiesen werden, um den Wunschen der Mehrheitsgesellschaft nachzukommen. In diesem Zusammenhang kommt auch die Unter- schichtungstheorie zum tragen. Hierbei geht es darum, dass Platze in den unteren Bildungska- tegorien an Migranten vergeben werden, um somit einheimischen Kindern und Jugendlichen bessere Aufstiegsmoglichkeiten einzuraumen (Ferreidooni 2011: 25-26).

Die beschriebenen Mechanismen haben weitreichende Folgen fur auslandische Schuler und Schulerinnen. Aufgrund der fehlenden Gymnasialempfehlung und der geringeren intellektuel- len Ausbildung an Forderschulen, erhalten sie minderwertigere Bildungszertifikate als Nicht- Migranten, welche eher hohere Schulformen besuchen. Dies fuhrt anschliefiend zu schlechteren Berufsaussichten und zu einer Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt. Somit wird durch die Diskriminierungsprozesse von Migrantenkindern deren gesamtes Leben bereits in der Schule ungleich und sogar nachteilig beeinflusst. Betrachtet man diese Befunde aus dem Blickwinkel Pierre Bourdieus, so zeigt sich, dass hierdurch primar das kulturelle Kapital betroffener Kinder herabgesetzt wird. Konkret ist davon das institutionalisierte kulturelle Kapital betroffen, da die ausgestellten Bildungszertifikate von Forderschulen gesellschaftlich als weniger wertvoll er- achtet werden als solche von hoheren Schulformen. Das verminderte kulturelle Kapital hat an­schliefiend Auswirkungen auf das okonomische Kapital in beiden Formen. Zunachst wird das institutionalisierte okonomische Kapital nachteilig beeinflusst, da aufgrund der schlechteren Bildungsabschlusse die Aussichten auf Berufe und Arbeitsverhaltnisse mit hoherem Ansehen und Bezahlung weniger erfolgsversprechend sind. Hieraus resultiert dann auch ein verringertes objektiviertes okonomisches Kapital, da solche Berufe anschliefiend auch weniger finanzielles Einkommen ermoglichen. Auch die Menge an sozialem Kapital ist moglicherweise nachteilig beeinflusst, da die Beziehungen und Kontakte aufgrund der verschlechterten Gesamtsituation vermutlich weniger ausgepragt sind, als bei einer besseren Position im sozialen Raum. Die be- troffenen Schuler und Schulerinnen haben also aufgrund der Benachteiligungen in der Schule insgesamt verminderte Teilhabechancen in der Gesellschaft (siehe Kapitel 2.3 dieser Arbeit). Dies betrifft auch einheimische Kinder, welche Forderschulen oder andere niedrigere Schulfor- men besuchen. Da Migranten allerdings haufiger solche Schulen besuchen, ist es denkbar das der Effekt auf sie hoher ist als bei Nicht-Migranten.

Im Verlauf meiner Arbeit mochte ich analysieren, in welcher Auspragung die beschriebenen Prozesse und Vorgange in der BRD und Schweden vorhanden sind und somit herausfinden, in wie weit soziale Ungleichheit aufgrund von Migration in diesen Staaten ausgepragt ist und wel­che Unterschiede zwischen beiden Landern bestehen.

4. Die Bildungssysteme und Gesellschaften beider Staaten im Uberblick

In diesem Abschnitt meiner Arbeit soll es darum gehen, die Unterschiede beider Bildungssys­teme darzustellen, um daraus mogliche Ursachen fur eventuelle Verschiedenheiten bezuglich der Migration als Faktor sozialer Ungleichheit und der Leistungsfahigkeit bei Bildungstests, abzuleiten.

4.1 Aufbau und Funktionsweise des deutschen Bildungssystems

Das deutsche Schulsystem blickt auf eine lange Entstehungsgeschichte zuruck. Bereits im 9. Jahrhundert etablierten sich Klosterschulen in kirchlicher Tragerschaft. Im Verlauf der Zeit ka- men private und kommunale Schulen hinzu, sodass sich ab dem 19. Jahrhundert ein dreiglied- riges Schulsystem, bestehend aus Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien entwickelte, wel­ches mit geringfugigen Veranderungen noch heute in dieser Form besteht. Die Organisation und Regulierung des Bildungssystems ging zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den Kirchen mehr und mehr auf den Staat uber. Eine allgemeine Schulpflicht besteht seit 1918 (Dobert 2017: 158-160).

Hauptziele des Bildungssystems sind vor allem die individuelle Regulationsfahigkeit (Fahig- keit das eigene Verhalten, die Biographie und das Leben in der Gesellschaft selbst zu bestim- men und zu gestalten), die gesellschaftliche Teilhabe sowie die Ermoglichung von Chancen- gleichheit. Das deutsche Grundgesetz schreibt eine Vermeidung von systematischer Benachtei- ligung aufgrund von Geschlecht, ethnischer Zugehorigkeit oder sozialer Herkunft vor. Diese relativ geringen Vorgaben fur das Bildungssystem seitens des Grundgesetztes sind mit der foderalen Struktur Deutschlands zu erklaren. Im deutschen Schulsystem ubernehmen die ein- zelnen Bundeslander weitestgehend die Regulation, Verwaltung und Organisation von Bil- dungseinrichtungen. Auch die Finanzierung liegt uberwiegend bei den Landern und Kommu- nen, teilweise wird der Bund allerdings unterstutzend tatig. Allen Bundeslandern ist hierbei gemein, dass nach dem Fachlehrerprinzip unterrichtet wird. Dies bedeutet, dass fur jedes Un- terrichtsfach speziell ausgebildete Lehrpersonen eingesetzt werden (Dobert 2017: 163-168). Die Schulpflicht im deutschen Schulsystem beginnt mit dem 7. Lebensjahr und umfasst meist 12 Jahre, mindestens jedoch neun Jahre. Des Weiteren zeigt sich, dass in Deutschland uberwie­gend das Prinzip des Vormittagsunterrichts praktiziert wird, jedoch auch Ganztagsschulen im- mer mehr an Zuspruch gewinnen. Eine Versetzung in die nachsthohere Klassenstufe erfolgt nur bei entsprechenden Leistungen. Sind diese nicht gegeben, muss die aktuelle Klasse wiederholt werden und die Dauer bis zum Erwerb moglicher Bildungszertifikate kann sich somit verlan- gern. Prinzipiell kann das deutsche Bildungssystem in vier Bereiche unterteilt werden. Der erste (Primarstufe) beinhaltet die Grundschulen, welche in den meisten Bundeslandern vier Klassen- stufen umfassen. Anschliefiend folgt die Sekundarstufe eins, welche landerspezifisch zwischen zwei bis funf verschiedene Schulformen enthalten kann. Diese umfasst die Klassenstufen funf bis sieben. Es zeigt sich also, dass sich die in der Vergangenheit vorherrschende, Aufteilung in Haupt- Realschulen und Gymnasien geringfugig verandert hat. Als letzten Zweig der allge- meinbildenden Schulen ist die Sekundarstufe zwei zu betrachten, welche ab der 7. Klasse be­ginnt und mittlerweile in fast allen Bundeslandern nach der 12. Klasse (G8) endet. Anschlie- fiend an diese schulischen Bereiche konnen noch die Hochschulebenen und die Formen der Erwachsenenweiterbildung zum Bildungssystem gezahlt werden, auf welche ich allerdings nicht naher eingehen werde. Es ist also festzustellen, dass im allgemeinbildenden Bereich des deutschen Schulsystems drei Abschlusse/Bildungszertifikate (Hauptschulabschluss, mittlere Reife, Abitur) moglich sind, welche je nach gewahlter Schulform erworben werden konnen. Anhand dieser Zertifikate unterscheiden sich Personen bereits fruh in ihrem Leben hinsichtlich ihrer Kapitalverfugbarkeiten, was als soziale Ungleichheit nach Bourdieu zu verstehen ist (siehe Kapitel 2.3 dieser Arbeit). Des Weiteren besteht die Moglichkeit des Besuches von Son- derschulen entsprechend des Forderbedarfs von Kindern, wobei heutzutage eine inklusive Vor- gehensweise bevorzugt wird (siehe Abb. 2 im Anhang) (Dobert 2017: 169-173). Bezuglich der Integration von Migranten zeigen sich im deutschen Schulsystem folgende Befunde: Ziel ist es hierbei, mit Hilfe von Sprach- und Integrationskursen eine schnelle Aufnahme von auslandi- schen Mitburgern in die Gesellschaft zu ermoglichen.

[...]


1 Unter Klasse versteht man: „allgemein eine Sozialkategorie, die durch bestimmte okonomi- sche Merkmale definiert ist [...].“ (Reinhold et. al. 2000: 329)

2 Diskriminierung bedeutet: „soziale Ungleichbehandlung bzw. Benachteiligung anderer Men­schen durch Verhaltensweisen und Einstellungen. [...].“ (Reinhold et. al. 2000: 120).

Details

Seiten
42
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668677906
ISBN (Buch)
9783668677913
Dateigröße
736 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418856
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,7
Schlagworte
Bourdieu Migration soziale Ungleichheit PISA Schulbildung

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Titel: Migration als Faktor sozialer Ungleichheit in der schulischen Bildung und die Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit von Schülern und Schülerinnen