Lade Inhalt...

Analyse von Alexandra Chreitehs Erstlingswerk "Always Coca-Cola"

Hausarbeit 2016 23 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Arabistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Thematik
2.1 Balance zwischen Tradition und Moderne
2.2 Weiblichkeit
2.2.1 Reinheit
2.2.2 Schönheit
2.2.3 Verhaltensregeln
2.3 Sexualität
2.4 Identität

3. Stilistische Analyse
3.1 Äußere Aufmachung
3.2 Struktur
3.3 Sprache
3.4 Wortwahl

4. Einordnung
4.1 Kontext
4.2 ChickLit

5. Biografische Bezüge

6. Die deutsche Übersetzung

7. Resonanz
7.1 Im Westen
7.2 In der arabischen Welt

8. Fazit

9. Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Der Roman Always Coca-Cola von Alexandra Chreiteh erschien im Jahr 2009 in Beirut. 2012 wurde er von Michelle Hartman ins Englische und 2014 von Christine Battermann ins Deutsche übersetzt. Der Name des Buchs setzt sich aus den Markennamen always, ein Damenhygieneprodukt, und Coca-Cola, dem Erfrischungsgetränk, zusammen und war außerdem eine Zeit lang der Werbeslogan von letztgenanntem. Die Geschichte handelt vom Leben dreier Freundinnen im modernen Beirut. Die Erzählerin Abir Ward (zu Deutsch: ,,Duft der Rose") entstammt einer traditionellen libanesischen Familie und ist Studentin an der LAU (Lebanese American University). Die Rumänin Jana hat sich vor ein paar Monaten von ihrem Mann getrennt, arbeitet als Model für Coca-Cola und hat eine Beziehung mit einem Manager des Unternehmens. Jasmin ist eine Mitstudentin Abirs, hat eine deutsche Mutter und liebt das Boxen. Die Handlung beginnt damit, dass Jana ungewollt von ihrem Freund schwanger wird. Dieser möchte jedoch kein Kind und stellt Jana vor die Wahl, abzutreiben oder von ihm verlassen zu werden. Daraufhin fahren die Freundinnen zu einem Frauenarzt, der Jana eröffnet, dass eine Abtreibung nicht mehr möglich ist Abir absolviert unterdessen ein Praktikum bei Coca-Cola, welches ihr Jana verschafft hat. Als sie wegen eines Notfalls von Janas Ex-Freund in die Firma gerufen wird, wird sie von ihm vergewaltigt. Daraufhin macht sich Abir große Sorgen um ihre verlorene Jungfräulichkeit und hat panische Angst vor einer Schwangerschaft. Zu ihrer großen Erleichterung stellt sich aber heraus, dass sie nicht schwanger ist. Ihre Freundin Jana hat sich indessen dazu entschlossen, in ihre Heimat Rumänien zurückzukehren.

Die Autorin Alexandra Chreiteh, ein Kind russisch-libanesischer Eltem, wurde 1987 in Beirut geboren. Dort studierte sie an der LAU Englische Literatur. Das Buch Always Coca-Cola ist ihr Erstlingswerk, das sie bereits im Alter von l9 Jahren verfasst hat. Gegenwärtig ist sie Doktorandin an der Yale University in den Vereinigten Staaten.

In der vorliegenden Arbeit wird zunächst darauf eingegangen, welche Themen der Text aufgreift und wie er diese präsentiert. Anschließend soll die Stilistik des Textes analysiert werden. Des Weiteren soll erörtert werden, welchem Genre das Buch zugeordnet werden kann. Kurz soll auch auf biografische Bezüge in der Erzählung eingegangen werden. Darüber hinaus wird dargestellt, welche Schwierigkeiten Battermann bei der Übersetzung des Texts antraf, um im Anschluss zu erläutern, wie sie diese gelöst hat. Abschließend wird geschildert, wie der Roman nach seiner Erscheinung aufgenommen wurde.

2. Thematik

2.1 Balance zwischen Tradition und Moderne

Der Libanon liegt zwar in der arabischen Welt, jedoch ist das Land stark westlich geprägt. Westliche Einflüsse wie etwa die europäische Café-Kultur oder amerikanische Handelsmarken haben sich dort längst integriert. Die bürgerliche Mittelklasse prosperiert und macht aus Beirut eine Weltstadt mit zwei Gesichtern: eine verwestlichte arabische Stadt. Diese Spannung zwischen Tradition und Moderne, mit der sich junge libanesische Frauen aus der Mittelklasse konfrontiert sehen, vermittelt Chreiteh in ihrem Roman sehr deutlich.

Schon auf den ersten Seiten des Buchs spürt der Leser diese Spannung. In einer prologähnlichen Geschichte erzählt Abir, dass ihre Mutter während ihrer Schwangerschaft nur einmal Schwangerschaftsgelüste hatte, und zwar nach Coca-Cola. Doch Abirs Vater verbot ihr strikt diese zu trinken, da er die Marke in Verbindung mit der Politik Amerikas brachte, und die lehnte er ab. Das Verbot rief jedoch genau den Makel hervor, vor dem ihr Vater sie eigentlich schützen wollte: Abir trägt ein Muttermal in Form einer Coca-Cola-Flasche zwischen den Schulterblättern.[1] Die Marke Coca-Cola als das Konsumprodukt der Moderne ist ein ständig wiederkehrendes Motiv im Buch und dringt bis in die intimsten Bereiche von Abir vor: beim morgendlichen Blick in den Spiegel z.B. sieht sie hinter sich eine Reklametafel, auf der eine überdimensionale Coca-Cola Flasche abgebildet ist.[2] Selbst während ihrer Vergewaltigung blickt sie über die Schulter ihres Peinigers auf ein Werbeplakat des Unternehmens.[3] Doch auch andere globale Markennamen sind allgegenwärtig, z.B. Starbucks oder Always. Die Globalisierung ist also deutlich zu spüren und wird dabei indirekt kritisiert. Schließlich ist es das Praktikum bei der Coca-Cola Company, welches zu Abirs Vergewaltigung führt. Die Marke ist also das, was ihre Probleme auslöst. Aber auch an anderer Stelle wird ein westliches Produkt verteufelt: Als Jasmin Abir Tampons anbietet, kommt es Abir so vor, als ob sie ihr eine Schachtel Zigaretten vor die Nase halte[4] und sie so zu einer Sünde verführen wolle. Teilweise stellt die Autorin die Verwestlichung des Libanon auch durch eine gewisse Komik dar: Als Jana in den Libanon kam, träumte sie von der Wüste, verschleierten Bauchtänzerinnen und Palästen mit Seidenkissen – doch zu ihrer Enttäuschung wohnt sie jetzt stattdessen in einer kleinen Wohnung in der Hamra-Straße über einem Starbucks-Café.[5]

Neben der westlichen Kommerzialisierung, die in einem arabischen Land wie dem Libanon befremdlich wirkt, zeichnet sich ein weiterer deutlicher Kontrast ab: Die Protagonistin Abir Ward, das brave muslimische Mädchen, das es nicht einmal wagt, einen Tampon zu verwenden aus Angst davor, er könne ihr die Jungfräulichkeit rauben[6], ist hin- und hergerissen zwischen der Lebensweise ihrer eigenen, traditionellen Familie und dem westlichen Lebensstil ihrer Freundinnen Jana und Jasmin. Obwohl Janas Freizügigkeit oder Jasmins Eigensinnigkeit eine ständige Provokation für Abir sind, ist sie auch heimlich ein bisschen neidisch auf die beiden. Dies wird beispielsweise deutlich, als Jasmin den Wunsch äußert, sich ein Motorrad zu kaufen: „Und ich wünschte insgeheim, mich das auch zu trauen.“[7] Immer wieder stößt der Leser im Laufe der Geschichte auf die Unterschiede zwischen den Freundinnen. Was für Jana und Jasmin normal zu sein scheint, empfindet Abir oft als unangenehm oder peinlich, wie z.B. einen Schwangerschaftstest zu kaufen.[8] Der Kontrast zwischen traditionell muslimischen und westlich-feministischen Ansichten ist in Abirs Fall auch gleichzeitig der eines beengten, fremdbestimmten und eines freiheitlichen, selbstbestimmten Lebens. Während es für Jana als Ausländerin beispielsweise kein Problem ist, ein uneheliches Kind zu bekommen, fürchtet sich Abir als „waschechte Libanesin“[9] nach dem Verlust ihrer Jungfräulichkeit sogar vor einem Ehrenmord.

Die Protagonistin Abir Ward steht im übertragenen Sinn wohl für den Libanon der Nachkriegszeit. Genau wie Abir befindet sich das Land in einem Konflikt zwischen Tradition und Moderne. Einerseits wollen die Menschen ihre Traditionen beibehalten, beispielsweise Abirs Vater, der nostalgisch von seinen Jugendjahren schwärmt und sich darüber ärgert, dass ein libanesischer Klassiker von einer freizügigen jungen Sängerin neu aufgenommen wird.[10] Andererseits werden viele Libanesen auch von allem Westlichen, wie etwa Schönheitsvorstellungen, angezogen, so z.B. Abirs Cousine Hala, die ihre Haare blondiert und grüne Kontaktlinsen trägt, um möglichst europäisch auszusehen.[11] Der Libanon steht gegenwärtig also vor der Herausforderung, die richtige Balance zwischen zwei augenscheinlichen Gegensätzen zu finden.

2.2 Weiblichkeit

2.2.1 Reinheit

Die größte Rolle im Buch spielt jedoch eindeutig das Thema der Weiblichkeit. Laut Abir ist es die ,,wichtigste Eigenschaft"[12] einer Frau. Doch was genau bedeutet Weiblichkeit für sie? Im Buch werden eine ganze Reihe von Klischees über das weibliche Geschlecht erwähnt, die Abir jedoch keineswegs als solche betrachtet. Sie hat eine ganz klare Vorstellung davon, was von ihr als Frau erwartet wird und welche Attribute sie besitzen sollte. Ihre Definition von Weiblichkeit stützt sich hauptsächlich auf zwei Eigenschaften: Schönheit und Reinheit. Beides sei für eine Frau unverzichtbar. Die Wichtigkeit der Reinheit offenbart sich dem Leser bereits auf der ersten Buchseite. Dort wird erzählt, wie Abirs Vater inmitten des libanesischen Bürgerkriegs teures reines Trinkwasser für seine schwangere Frau besorgt, in dem Glauben, dass sich die Reinheit des Wassers auf die des Kinds übertrage.[13] Das Thema Reinheit ist ein zentrales Thema des Buchs und wird immer wieder aufgegriffen. Besonders auffällig ist dabei, wie oft über Menstruation oder Urinieren gesprochen wird.[14] Gemäß Abir ist ,,das Blut der Periode [...] der Grund für meine Unreinheit. Es ist unsauberes Blut, das der Körper einmal im Monat abstößt. Das ist eine unbestreitbare, über alle Zweifel erhabene Tatsache!"[15] Ihre Meinung entspricht dem in der arabischen Welt bzw. im Islam weitverbreiteten Glauben, die Menstruation als Ausdruck der weiblichen Sexualität sei etwas Unreines, wovon man sich fernhalten soll.[16] Deshalb überrascht es, dass Chreiteh im Hocharabischen so offen über diese Dinge schreibt. Im Text heißt es z.B.: ,,(...) bis das Blut aus mir quillt wie Coca-Cola aus einer Flasche, die man vor dem Öffnen geschüttelt hat!"[17] Dazu sagte sie in einem Interview:

We, as Lebanese women, and I think as women in general, have to hide these things [such as periods and urination], we have to be ashamed of these things. The reality is that we deal with these things on a daily basis, and we need to explore them. I wanted to deal with the female body in a way that was explored not through someone else's gaze. [...] And remember: talking about periods in fus7a [Hocharabisch] is not insulting, because periods are not insulting![18]

Außerdem will sie mit ihrem Buch Kritik ausüben, da Frauen im sozialen und literarischen Raum ihrer Meinung nach nur als erotischer Körper angesehen werden. Sie werden sexualisiert und verherrlicht. Eine Verherrlichung des weiblichen Körpers sei jedoch schädlich.[19]

2.2.2 Schönheit

Wozu sie führen kann, zeigt Chreiteh ebenfalls in Always Coca Cola. Die Frauen im Buch geben sich große Mühe dem Bild der Gesellschaft von Weiblichkeit gerecht zu werden, das ihnen z.B. von Musikvideos, Zeitschriften oder Werbeplakaten vorgegeben wird. Abir achtet ständig auf ihr Äußeres. Jeden Tag steht sie morgens in Unterwäsche vor dem Spiegel auf der Suche nach Makeln an ihrem Körper. Im Hintergrund sieht sie dabei eine Reklame von Coca- Cola, auf dem ihre Freundin Jana im Bikini abgebildet ist.[20] Jana und Abirs Cousine Hala sind bezüglich ihres Aussehens noch versessener als Abir und regelrecht dem Schönheitswahn verfallen. Wer schön sein will, muss leiden - nach diesem Motto tun die beiden alles, um möglichst perfekt auszusehen. Sie lassen sich z.B. im Schönheitssalon Haare entfernen oder die Augenbrauen zupfen.[21] Welche Torturen die Frauen für ihre Schönheit auf sich nehmen, lässt den Leser mit dem Kopf schütteln. Es wird beispielsweise sehr ausführlich geschildert, wie Janas Schamhaare auf schmerzhafte Weise entfernt werden.[22] Dass Chreiteh den Schönheitswahn der jungen Frauen anprangert, merkt der Leser am ironischen Unterton von Sätzen wie diesem: ,,Und nach ein paar Sonnenstunden hat auch ihre Haut ihre natürliche Bräune wieder, egal wie viel Bleichcreme ihre Besitzerin draufschmiert.“[23] Somit kritisiert Chreiteh nicht nur den Schönheitswahn, der ihrer Meinung nach durch die Verherrlichung des weiblichen Körpers in Literatur und Gesellschaft verursacht wird, sondern auch die blinde ldealisierung westlicher Schönheitsvorstellungen im Libanon.

Eine Frau muss also stets toll aussehen, wenn sie das Haus verlässt. Paradoxerweise muss sie ihre Schönheit jedoch auch vor anderen verbergen: Bevor Abirs männliche Verwandte in der Wohnung ihrer Großmutter eintreffen, warten sie bis die Frauen ihre Kopftücher anlegen, um ihre Reize zu verbergen. Indem sie das Anlegen der Kopftücher mit dem von Kriegshelmen vergleicht, übt die Autorin abermals versteckt Kritik.[24]

2.2.3 Verhaltensregeln

Doch ihr Aussehen ist nicht das Einzige, worauf eine Frau achten muss. Die Protagonistin wird darüber hinaus mit diversen Ge- und Verboten konfrontiert. Eins der wichtigsten Gebote für Frauen ist die Heirat. Sie ist obligatorisch. Wer nicht heiraten will, dessen sexuelle Identität muss zweifellos gestört sein.[25]

Was die Verbote betrifft, so dürfen Frauen beispielsweise nicht auf die Straße spucken[26] oder Motorrad fahren[27]. Auch Kickboxen sollte eine Frau nicht, denn ,,dieser Sport raubt einer jungen Frau doch alle Weiblichkeit. [...] Eine junge Frau ist nicht geschaffen für Gewalt und körperlichen Kampf. Das ist total gegen ihre Natur."[28]

Trotzdem geht Jasmin regelmäßig zum Kickboxtraining. Sie weigert sich also, den gesellschaftlichen Erwartungen an sie als Frau zu entsprechen. Damit ist Abir überhaupt nicht einverstanden, da sie Abweichungen von ihren eigenen Vorstellungen von Weiblichkeit vorerst nicht akzeptieren kann. So sagt sie über ihre Freundin, die sich weder schminkt noch ihre kurzen Haare stylt:

[lhr Teint] ist das Schönste an ihr, den Rest könnte man fast hässlich nennen. Sie legt nämlich gar keinen Wert auf ihr ,Ausgangsmaterial'. (...) Dabei sieht Jasmins Körper eigentlich nicht mal aus wie ein Frauenkörper, im Gegenteil: Sie hat breite Schultern, ihre Brust ist flach wie ein Brett, die Oberschenkel sind dünn und sehnig, und an ihren Armen zeichnen sich die Muskeln ab. An ihrem Körper ist überhaupt nichts Weibliches.[29]

Deshalb versucht Abir Jasmin zu überreden, mehr Wert auf ihre weibliche Wirkung zulegen, jedoch ohne Erfolg. Folglich ist die Gesellschaft der Meinung, dass etwas mit ihr nicht stimmen kann: Sie gilt nicht als richtige Frau. In der Universität kursieren deshalb Gerüchte darüber, dass sie ,,Lesbisch" oder ein,,Mannweib"[30] sei. Dass Weiblichkeit trotz allem auch für Jasmin eine Rolle spielt, zeigt sich als sie Abir verrät, dass sie ihre Brüste, die durch das Boxen geschrumpft seien, vermisse und dass sie sich wünsche, sie würden wieder so groß wie früher werden.[31] Demzufolge ist Weiblichkeit für Jasmin auch wichtig, sie definiert sie nur anders als Abir. Die Tatsache, dass Abir sich nach ihrer Vergewaltigung von Jasmin überreden lässt, mit ihr zum Kickboxtraining zu gehen[32], kann wohl als eine Art Zugeständnis an Jasmins nicht so eng gefasste Definition betrachtet werden. Außerdem zeigt es noch etwas anderes. Abir traut sich etwas zu tun, was ihrer Meinung nach der Natur der Frau widerspricht. Etwas, das in Bezug auf Frauen nicht gesellschaftlich akzeptiert wird. Es kann als eine Art von kleiner Rebellion angesehen werden, mit der Alexandra Chreiteh ihre Kritik an der Repression gegenüber Frauen bzw. den libanesischen Strukturen des Patriarchats ausdrücken will.

2.3 Sexualität

Es drängt sich die Frage auf, warum Chreiteh so viel Kritik an der Stellung der Frau in der libanesischen Gesellschaft übt. Obwohl der Libanon stark durch seine religiöse Vielfalt geprägt ist, bilden die Muslime mit rund 54% der Bevölkerung die größte Religionsgemeinschaft des Landes.[33] Im Islam hat die Dämonisierung des Weiblichen eine lange Tradition. Sie dient der Aufrechterhaltung der getrennten Lebensbereiche. Die Frau wird von der öffentlichen Sphäre ausgeschlossen und ist an einen Sittencodex gebunden. Dies hat zwei Gründe. Zum einen verkörpert die Frau die Ehre des Mannes, zum anderen geht von ihr eine potenzielle Gefahr aus. Diese Gefahr rührt aus der ihr nachgesagten Verführungskunst, die als machtvolle und Unheil bringende Kraft angesehen wird.[34] Auch dieses Thema behandelt Chreiteh in ihrem Roman. Dort soll die Sexualität der Frau ebenfalls aus der Öffentlichkeit verbannt werden. Freizügigkeit wird als Provokation angesehen. Deswegen wird Janas nackter Körper auf einem Werbeplakat über Nacht mit schwarzer Farbe bemalt, so dass es aussieht, als trüge sie eine Abaya.[35]

Außerdem ist Abir stets peinlich berührt, wenn sie mit Sexualität, etwa einem knutschenden Paar im Starbucks[36], konfrontiert wird.

Die Autorin widmet sich darüber hinaus dem Jungfrauenwahn in der arabischen Welt. Die Jungfräulichkeit vor der Ehe hat bis heute einen hohen Stellenwert im Islam. Diese wird im Koran zwar nicht ausdrücklich verlangt, aber durch die Pflicht der Keuschheit vor der Ehe indirekt gefordert. Auch in mehreren Hadithen soll Muhammad die Jungfräulichkeit gelobt haben.[37] In Always Coca-Cola wird sie als unverzichtbare Eigenschaft bezeichnet. Auch in diesem Kontext taucht die Marke Coca-Cola wieder auf. Ein Mitschüler Abirs vergleicht Frauen mit Colaflaschen: auch diese kann man nur einmal öffnen.[38] Die enorme Wichtigkeit der Jungfräulichkeit für die Protagonistin offenbart sich dem Leser nach ihrer Vergewaltigung. Sie wundert sich darüber, dass sie keine Veränderung fühlt, weil sie vorher davon ausgegangen war, dass sich durch die Entjungferung ihr ganzes Leben verändere. Außerdem beschreibt sie die Jungfräulichkeit als ,,das reinste an meiner Existenz, sogar der Grund meiner ganzen Existenz"[39]. Es ist erstaunlich, wie viele Sorgen sie sich um deren Verlust macht, anstatt darüber nachzudenken, was ihr widerfahren ist. Sie kommt sogar auf die ldee, sich das Hymen operativ wiederherstellen zu lassen, was ihr Jasmin jedoch wieder ausredet.[40] Diese Operation ist in der arabischen Welt weitverbreitet und wird von Frauen oft heimlich vor der Hochzeit vorgenommen. Dies zeigt, welch großer Druck auf arabischen Frauen lastet, ihre Jungfräulichkeit zu bewahren. Denn wer dies nicht tut, hat mit verheerenden Konsequenzen zu rechnen. Chreitehs Roman thematisiert sogar kurz den Ehrenmord, als sich Abir nach ihrer Vergewaltigung vorstellt, wie ihr Bruder sie erschießt.[41]

Überdies spricht die Autorin noch ein ganz anderes Thema an: die Transgression. Neben Jasmin gibt es noch eine weitere Figur im Buch, die sich seiner Geschlechterrolle widersetzt. Walid, Jasmins Nachbar, kleidet sich wie eine Frau, schminkt sich und ist offensichtlich operiert. Seine feminine Erscheinung beunruhigt Abir so sehr, dass sie es vermeidet zu Jasmins Wohnung zu gehen.[42] Chreiteh will damit zum Ausdruck bringen, dass das Überschreiten von Grenzen der Geschlechterrollen nicht gesellschaftlich akzeptiert wird.

[...]


[1] Chreiteh und Battermann 2014, 7–9.

[2] Ebd., 54f.

[3] Ebd., 105.

[4] Ebd., 40.

[5] Ebd., 17.

[6] Chreiteh und Battermann 2014, 40.

[7] Ebd., 62.

[8] Ebd., 112f.

[9] Ebd., 108.

[10] Ebd., 63.

[11] Ebd., 95.

[12] Chreiteh und Battermann 2014, 28.

[13] Ebd., 7-9.

[14] Ebd., 36.

[15] Ebd., 107.

[16] Ateş 2009, 37.

[17] Chreiteh und Battermann 2014, 116.

[18] Daum 2015.

[19] Ebd.

[20] Chreiteh und Battermann 2014, 55f.

[21] Ebd., 93f.

[22] Ebd., 97-99.

[23] Ebd., 95.

[24] Ebd., 78f.

[25] Chreiteh und Battermann 2014, 72.

[26] Ebd., 11.

[27] Ebd., 16.

[28] Ebd., 28.

[29] Ebd., 28f.

[30] Ebd., 30.

[31] Ebd., 126f.

[32] Ebd., 123f.

[33] CIA o.J.

[34] Pollok 1984, 83-89.

[35] Chreiteh und Battermann 2014, 84f.

[36] Ebd., 35f.

[37] Ateş 2009, 95f.

[38] Chreiteh und Battermann 2014, 88.

[39] Ebd., 106f.

[40] Chreiteh und Battermann 2014, 139.

[41] Ebd., 108.

[42] Ebd., 31f.

Details

Seiten
23
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668678477
ISBN (Buch)
9783668678484
Dateigröße
604 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418778
Institution / Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
1,3
Schlagworte
Always Coca-Cola Alexandra Chreiteh Libanon Literatur Feminismus Chick-Lit

Teilen

Zurück

Titel: Analyse von Alexandra Chreitehs Erstlingswerk "Always Coca-Cola"