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Entwicklung als Triebschicksal. Die psychosexuelle Entwicklung des Kindes und ihre pädagogischen Konsequenzen nach Sigmund und Anna Freud

Seminararbeit 2000 25 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Sigmund und Anna Freuds theoretische Ansätze
2.1 Der psychische Apparat
2.1.1 Das Es
2.1.2 Das Ich
2.1.3 Das Über-Ich
2.2 Die psychosexuellen Entwicklungsstadien
2.2.1 Die Geburt: Der traumatische Anfang
2.2.2 Die orale Phase (1. Lebensjahr)
2.2.3 Die anale Phase (2.–3. Lebensjahr)
2.2.4 Die phallische Phase (3.–5. Lebensjahr)
2.2.5 Latenzzeit (6.–12. Lebensjahr)
2.2.6 Pubertät (ab dem 13. Lebensjahr )
2.2.7 Das Erwachsenenalter (ca. ab dem 18. Lebensjahr)

3 Die pädagogischen Konsequenzen

4 Fazit

5 Literatur

6 Abbildungen

1 Einleitung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sigmund Freud, geboren 1856 im mährischen Freiberg, gestorben 1939 im Exil in London, gilt als Urvater der Psychoanalyse. Nach seinem Studium der Medizin wählt er den Arztberuf mit dem Spezialgebiet Physiologie und arbeitet sechs Jahre lang bei Ernst Brücke. Dieser lehrt Freud, dass es im Organismus keine anderen Vorgänge als chemische und physikalisch erklärbare Reaktionen gebe. Auf dieser Grundlage – dem Wissen um die Abhängigkeit bestimmter Prozesse voneinander und die Erklärbarkeit dieser – baut Freud zunächst das Grundgerüst seiner Überlegungen zur menschlichen Psyche auf: die Psyche als „seelischer Apparat“. Auch seine folgende Arbeit als Neurologe an der Klinik in Wien beeinflussen seine Theorien. Seine Tochter Anna, geboren 1895 als sechstes und letztes Kind des nun als Privatdozent tätigen Sigmund Freuds, wird zur engsten Mitarbeiterin ihres Vaters. Sie besucht seine Vorlesungen, nimmt an den Sitzungen der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung teil und vertritt schließlich ihren Vater, als er, durch eine Krebserkrankung geschwächt, nicht mehr vortragen kann. Sie selbst arbeitet lange Zeit als Kinderanalytikerin, gibt Schriften heraus und verlegt die Abhandlungen ihres Vaters. Sie stirbt am 8. Oktober 1982 nach einem Schlaganfall.

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Die Interpretationen menschlichen Verhaltens, sowohl von Sigmund, als auch von Anna Freud, dringen im wahrsten Sinne in des Menschen Innerstes vor und halten ihm dieses vor Augen. Gerade deswegen können sie wohl als einige der umstrittensten Abhandlungen in den Diskussionen dieses Jahrhunderts über Bewusstsein und Mensch-Sein bezeichnet werden. „Entwicklung als Triebschicksal“ – der Titel der vorliegenden Seminararbeit benennt dabei das, was vielen Kritikern nun als die Eröffnung in dem Blick auf das menschliche Erleben und Entwickeln erscheint. So leidenschaftlich die Zustimmung, so jedoch auch die Ablehnung freud’scher Theorien. Die Erweiterung des Wissens macht vielen zu schaffen; die heliozentrische Theorie des Kopernikus legte dar, dass unsere Erde nicht der Mittelpunkt der Schöpfung ist, sondern nur einer von mehreren Planeten, die die Sonne umkreisen. Die Evolutionstheorie rückt uns an unseren richtigen biologischen Platz. Die Psychoanalyse nun lehrt, dass wir nicht einmal „Herr im eigenen Hause“ sind[1] - Entwicklung eben als „Trieb schicksal“.

Sigmund Freud hat einmal behauptet:

„Ein Erzieher kann nur sein, wer sich in das kindliche Seelenleben einfühlen kann, und wir Erwachsenen verstehen die Kinder nicht, weil wir unsere eigene Kindheit nicht verstehen.“[2]

Mit dem Blick auf diesen Ausspruch gerichtet stellt die vorliegende Arbeit im ersten Abschnitt den psychischen Apparat vor. Desweiteren werden die psychosexuellen Entwicklungsstadien, die jeder Mensch im Laufe seines Erwachsen-Werdens durchläuft, und die Entwicklung des psychischen Apparates darin beschrieben. Die Wichtigkeit, die Freud diesen Phasen und der Entwicklung der psychischen Instanzen hinsichtlich der daraus resultierenden Persönlichkeit zumisst, wird erläutert. Anschließend wird das Erzieherverhalten, das aus den freud’schen Theorien folgend für eine gelungene Persönlichkeitsentwicklung folgen kann, vorgestellt.

Um eine möglichst authentische Darstellung zu erlangen, wird Bezug genommen auf Sigmund und Anna Freuds Schriften, zum Beispiel auf die Harvardvorlesungen oder den „Abriß der Psychoanalyse“. Desweiteren ist es sinnvoll, sich auch mit moderner Literatur, die auf Freuds Theorien aufbaut, zu befassen. Barbara Rendtorffs Arbeitstexte für Erzieherinnen, Lehrerinnen und Mütter, die im Frühjar 1997 an der Frankfurter Frauenschule vorgetragen und diskutiert wurden, sollen einen Einblick in aktuelle Erziehungsfragen geben. So entsteht ein möglichst umfassender Überblick mit Einsicht in sowohl freud’scher als auch (darauf aufbauend) moderner Theorie und Auffassung.

2 Sigmund und Anna Freuds theoretische Ansätze

2.1 Der psychische Apparat

Freuds Beitrag zum Verständnis der Psyche des Menschen baut auf Fragen auf wie „Warum ‚wissen‘ wir mehr, als uns ‚bewusst‘ ist?“, „Warum haben wir Ängste und Phobien?“ oder „Warum kommen unter Hypnose vergessene Erinnerungen wieder hervor?“

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Schon frühere Denker gingen von der Annahme eines Unbewussten aus, aber Sigmund Freud ist der erste Mensch, der behauptet, er könne dessen Wirkung auf bewusste Prozesse nachweisen. So beginnt er bei dem anzusetzen, was seiner Meinung nach bekannt sei:

Das, „was wir unsere Psyche (Seelenleben) nennen, ist uns zweierlei bekannt, erstens das körperliche Organ und Schauplatz desselben, das Gehirn (Nervensystem), andererseits unsere Bewusstseinsakte.“[3] Alles dazwischen, davon geht Freud aus, sei uns unbekannt. Um jedoch die Lücke zwischen den beiden Endpunkten Gehirn und Bewusstseinsakt zu füllen, entwickelt er, ähnlich einem Mikroskop, das auch aus verschiedenen, miteinander arbeitenden Teilen verbunden ist, den psychischen Apparat. Die Kenntnis über die individuelle Entwicklung des menschlichen Wesens hilft bei der Entwicklung des folgenden Konzepts:

2.1.1 Das Es

Die älteste der psychischen Instanzen ist das Es. Dieser Teil ist der wichtigste des psychischen Apparates, und an ihm hat die Forschungsarbeit der Psychoanalyse angesetzt. Das Es umfasst die instinkthaften, unbewussten Energien und Triebe, Ererbtes und seit der Geburt Mitgebrachtes, das keine Vernunft oder Verbote kennt, sondern ausschließlich nach Erfüllung strebt. Es handelt demnach nach dem Lustprinzip. Es scheint von der Umwelt entzogen und nur auf die Triebhaftigkeit ausgerichtet; Anna Freud fügt dem jedoch hinzu, dass die Eltern ihren Einfluss durchaus geltend machen können. Durch die Abhängigkeit von den Eltern in den frühen Monaten ist das Kind nicht selbst in der Lage, die Triebe zu befriedigen: „Die Eltern können ihm Befriedigung geben oder vorenthalten.“[4] Man könne demnach sagen, dass die Eltern eine Verbindung zum Es haben und es indirekt beeinflussen. Freud nimmt (wenn auch, wie er bekennt, nach einigem Zögern und Schwanken) zwei Grundtriebe an: den Eros und den Destrkutionstrieb.[5] Letzterer wird auch als Todestrieb oder Thanatos bezeichnet, denn sein letztes Ziel scheint, alles Lebende in einen anorganischen Zustand zurückzuführen. Im Gegensatz dazu ist das Ziel des Eros, auch Liebestrieb genannt, Bindungen und Einheiten zu erzeugen. Die Energie dieses Triebs wird auch als Libido bezeichnet. Der anfänglich verfügbare Betrag dieser Energie wird in der Instanz gespeichert, die ich als nächste vorgestellt wird. Es sei vorher noch erklärt, dass ein Kennzeichen der Triebe ihre enorme Beweglichkeit ist. Die Energie der Libido kann von einem Ziel, dessen Befriedigung nicht erreicht wird, auf beliebige andere verschoben werden; sie kann sich an die unterschiedlichsten Objekte heften.

2.1.2 Das Ich

Mit dem Es in enger Verbindung steht das Ich. Unter dem Einfluss der realen Außenwelt erfährt ein Teil des Es eine besondere Entwicklung: nämlich der Teil, der in der Rindenschicht mit den Organen zur Reizaufnahme und den Einrichtungen im Gehirn zum Reizschutz angesiedelt ist, und zwischen Es und Außenwelt als Vermittler fungiert. Dieser Teil ist das Ich, welches in seiner Erkenntnisfähigkeit gewöhnlich im Dienste des Es steht, jedoch durch die Beobachtung der umgebenden Welt und durch seine Funktion als Vermittler zwischen Es und eben dieser Außenwelt nach dem Realitätsprinzip arbeitet. So weiss zum Beispiel das Ich, dass in einer Dose Nahrung ist, während das Es einfach nur den Hunger schickt, der gestillt werden will. Das Ich kann dabei Mittel und Zweck gegeneinander abwägen. Es könne, so Freud, Erfahrungen im Gehirn speichern, überstarke Reize durch Flucht vermeiden, mäßigen Reizen durch Anpassung begegnen und lernen, aktiv die Umwelt in zweckmäßiger Weise zu verändern.[6] Nach Anna Freud ist das Ich der vernünftige Teil der Persönlichkeit.[7]

Die Energie, die von dem Es aufgewendet wird, um seine Triebansprüche durchzusetzen, wird von dem Ich entweder durch Befriedigung durchgelassen, oder sie staut sich in einem Spannungszustand an. Die Erhöhung dieses Spannungszustandes wird als Unlust, die Herabsetzung als Lust empfunden. Das Streben des Ichs besteht demnach darin, den Spannungszustand möglichst gering zu halten, denn ständige Abwehr gegenüber einer Vielzahl von unbewussten Elementen führt zur Erschöpfung des Ichs. Der Gefahr des Überwältigtwerdens von Triebwünschen begegnet das Ich, indem es emotionale Barrieren als automatische Kontrolle einrichtet, die sogenannten Abwehrmechanismen. Während das Ich teilweise bewusst agiert, bleiben die Abwehrmechanismen und einige andere Aspekte unbewusst. Ein wichtiger Weg, auf dem sich unterdrückte Gedanken, Wünsche und Triebe Ersatzbefriedigung suchen, sind Träume und Wachfantasien. Im Schlaf findet das Ich eine Möglichkeit, sich von der Außenwelt, von dem Realitätsprinzip zu lösen – dort scheinen die Fantasien lebendige Wirklichkeit zu sein.

2.1.3 Das Über-Ich

Das Ich ist nicht nur in dem Streben nach Lust und Anforderungen der Realität „eingesperrt“, sondern muss auch beachten, ob das Mögliche von den internalisierten moralischen Normen erlaubt wird. Diese Instanz, die manche auch mit „inneres Gewissen“ bezeichnen, heisst Über-Ich. Auch ihm muss das Ich Rechnung tragen: „eine Handlung des Ichs ist dann korrekt, wenn sie gleichzeitig den Anforderungen des Es, des Über- Ichs und der Realität genügt.“[8] Der Elterneinfluss spielt bei der Entwicklung des Über-Ichs eine entscheidende Rolle, sowie der durch sie weitergetragene Einfluss von Rassen- und Volkstradition oder der Einfluss des sozialen Umfelds. Auch spätere Erzieher oder Vorbilder wirken bei der Entwicklung des Über-Ichs mit, zum Beispiel Personen der Öffentlichkeit oder „verehrte Ideale“.2 Auch das Ich-Ideal, das sich jeder Einzelne zulegt, ist in dem Über-Ich festgelegt. Das Ich-Ideal ist die Vorstellung, die jeder hat, wie er oder sie gerne sein möchte. Wie auch das Ich ist das Über-Ich teilweise bewusst, so dass sich rational ausgesprochene Regeln mit tieferliegenden Geboten und Verboten auseinander setzen müssen. Das Über-Ich handelt demnach nach dem Moralitätsprinzip. Wieso hat Anna Freud nun das Ich als den vernünftigen Teil des Persönlichkeit bezeichnet (siehe Anm. 7)? Sie erklärt: Als Erbe der Liebesbeziehungen zu den Eltern (deren Werte und Normen das Kind internalisiert), die von den Strebungen des Es gespeist wurden, werde das Über-Ich in Wirklichkeit aus Es-Material aufgebaut und im Innern der Persönlichkeit mit der Energie der Es-Strebungen – zumindest mit der sexuellen Energie – besetzt. Somit stehe es dem Es wesentlich näher als das Ich, was „in vielerlei Hinsicht paradox zu sein scheint.“[9]

Wie schon erwähnt, kann ein Teil der psychischen Instanzen bewusst, teilweise bewusst oder unbewusst sein, was im folgenden erläutert wird.

Wahrnehmungen, Gefühle, Denkvorgänge und Willensakte lassen sich als von uns wahrnehmbare psychische Phänomene beschreiben. Nach Freud bilden sie jedoch keine „lückenlosen, in sich abgeschlossene Reihen“.[10] Der Begriff des Unbewussten schleicht sich in die Lücken ein, ist jedoch schwierig zu festigen:

„Alle Wissenschaften ruhen auf Beobachtungen und Erfahrungen, die unser psychischer Apparat vermittelt. Da aber unsere Wissenschaft diesen Apparat selbst zum Objekt hat, findet hier die Analogie ein Ende.“[11]

[...]


[1] Nach Charles BRENNER:Grundzüge der Psychoanalyse, Verlag Fischer, Frankfurt am Main, 1994, S. 217-219

[2] Sigmund FREUD: Das Interesse an der Psychoanalyse, Erstveröffentlichung 1913 in „Scientia“, Bd. 14, Heft 31, S. 240- 250

[3] Sigmund FREUD: Abriss der Psychoanalyse, Verlag Fischer, Frankfurt am Main, 71999, S. 41

[4] Anna FREUD: Zur Psychoanalyse der Kindheit, Die Harvardvorlesungen, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1993, S. 27

[5] Sigmund FREUD: Abriss der Psychoanalyse, S. 45

[6] Ebenda, S. 42

[7] Anna FREUD: Die Harvardvorlesungen, S. 92

[8] Sigmund FREUD: Abriss der Psychoanalyse, S. 42

[9] Anna FREUD: Die Harvardvorlesungen, S. 92

[10] Sigmund FREUD: Abriss der Psychoanalyse, S. 53

[11] Ebenda, S. 54

Details

Seiten
25
Jahr
2000
ISBN (eBook)
9783638400473
ISBN (Buch)
9783638655019
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41873
Institution / Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Note
sehr gut
Schlagworte
Entwicklung Triebschicksal Kindes Konsequenzen Sigmund Anna Freud

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