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Leben und Wirken der Brüder Grimm

Seminararbeit 2015 19 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Einblicke in das Leben der Brüder Grimm
2.1. Einstellung zu materiellem Wohlstand
2.2. Gesellschaftliches Leben und Verhältnis zum anderen Geschlecht
2.3. Verhältnis der Brüder zueinander
2.4. Krankheit
2.5. Politische Einstellung

3. Wissenschaftliches Wirken
3.1. Erste Veröffentlichungen im Publikationsgeschäft
3.2. Der Weg zu ihren Kinder- und Hausmärchen
3.3. Jacob Grimms Deutsche Grammatik
3.4. Das Deutsche Wörterbuch

4. Einfluss durch ihr Wirken auf Sprachwissenschaft

5. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Im Hauptseminar „Die Geschichte der deutschen Sprachwissenschaft“ lag der Fokus auf der Entwicklung der Sprachforschung – ausgehend von den Anfängen in der Antike bis hin zu den heutigen Tendenzen in der modernen Forschung. Einer besonderen Betrachtung unterlagen dabei Sprachforscher wie Ferdinand de Saussure, Noam Chomsky oder John L. Austin aufgrund wegweisender Entdeckungen auf ihren jeweiligen Gebieten und den Einfluss, den sie dadurch auf die folgenden Generationen der Sprachforschung nahmen.

In der Herausbildung der neueren Sprachwissenschaft wurde viel Zeit auf das Schaffen der noch heute im deutschen Sprachraum einer breiten Öffentlichkeit außerordentlich bekannten Brüder Grimm verwendet. Dieses Interesse an Jacob und Wilhelm Grimm wird nicht nur durch deren hohe Menge an Veröffentlichungen gerechtfertigt, sondern insbesondere an der Breite der Themengebiete und der Qualität ihrer Publikationen. So sind beispielsweise Schlagwörter wie das Deutsche Wörterbuch oder die Deutsche Grammatik unzertrennlich mit dem Namen Grimm verbunden - ohne deren bis heute einzigartige Märchen- und Sagensammlung erwähnt zu haben. Das Interesse an diesem Brüderpaar hat auch in unserer Zeit nicht abgenommen: So erschien im Grimm-Jahr 2013 – anlässlich des 200. Geburtstages der ersten Auflage ihres Märchenbandes – in Zusammenarbeit des Brockhaus-Verlags und des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst ein umfassendes Werk mit dem mehr als passendem Titel: „Die Brüder Grimm. Pioniere deutscher Sprachkultur des 21. Jahrhunderts“ (Artikel im Wiesbadener Kurier).

Im Rahmen dieser Arbeit soll ein Blick hinter die Kulissen des Lebens dieser zwei renommierten Wissenschaftler geworfen werden. Dies mag auf den ersten Blick etwas außergewöhnliche erscheinen. Jedoch die Einflüsse beachtend, die das Privatleben auf das Forschen hat, ein Blickwinkel der mit Recht eingenommen werden kann und lohnenswert erscheint. Das Ausmaß dieses Einflusses wird durch eine Studie unterstrichen über die im Juni 2014 ein Artikel in der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ erschien – der Titel „Privatleben verursacht oft mehr Stress als der Job“ (Artikel in Die Welt). Diese Überschrift allein erzeugt großes Interesse einen Blick auf das Leben und die Charakterzüge der Brüder Grimm zu werfen.

Im Folgenden erfolgt daher nicht eine lückenlose Aneinanderreihung der wichtigsten Veröffentlichungen und Entdeckungen der beiden Brüder, sondern es werden ausgewählte Einblicke, Besonderheiten und Hintergründe ihres Lebens geschildert und der Versuch gemacht dies auf ihr Wirken als Forscher und ihre Werke zu reflektieren.

2. Einblicke in das Leben der Brüder Grimm

2.1. Einstellung zu materiellem Wohlstand

Der erste zu behandelnde Punkt beschreibt die wirtschaftliche Ausgangslage der beiden und die Wichtigkeit, die sie materiellem Wohlstand zuschrieben.

Jacob und Wilhelm waren die beiden ältesten Söhne von Philipp Wilhelm Grimm. Dieser stammte aus einer Familie, die seit mehreren Generationen einen stetigen sozialen Aufstieg vollzogen hatte. So führte die väterliche Linie von einem Gastwirt hin zu überaus angesehenen Theologen und Beamten. Der Vater tat alles um das gesellschaftliche Niveau, das seine Familie erreicht hatte, zu halten. Er absolvierte ein Rechtsstudium und fand Anstellungen als Advokat am Hofgericht und als Stadt- und Landschreiber.[1]

1791, als Jacob sechs Jahre alt war, wurde der Vater Amtmann im hessischen Steinau. Das Gehalt fiel obgleich der verantwortlichen Stellung eher bescheiden aus und der Lebensstandard der Familie Grimm war nicht überdurchschnittlich hoch. Beleg hierfür ist, dass der Vater 1794 in einem Brief – vergeblich – darum bat man möge ihm eine Wiese samt dem anliegenden Acker zum Anbau von Lebensmitteln zuteilen.[2] Das Leben der Familie in den frühen Kinderjahren von Jacob und Wilhelm Grimm kann daher wohl nicht als luxuriös beschrieben werden, sie waren jedoch keinem Mangel ausgesetzt und durch die sich abzeichnende aussichtsreiche Laufbahn des Vaters sah es so aus, als müssten sie sich zukünftig um finanzielle Probleme keine Sorgen machen.

Jedoch kam alles anders als erwartet: 1796 muss die junge Familie einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen, denn der Vater stirbt im Alter von 44 Jahren und hinterlässt eine Witwe und sechs Kinder. Dies belastete enorm auf emotionaler Ebene, jedoch war einhergehend der soziale Abstieg der Familie eine zusätzliche große Bürde, die getragen werden musste. Sie waren nun nahezu mittellos. Nach zähem Ringen konnte eine Pension erlangt werden, die aber lediglich einem Sechstel des vorherigen Einkommens entsprach.[3] Diese Familie, die Jacob im Alter von lediglich elf Jahren nach außen hin zu vertreten hatte, war nun unbedingt auf Unterstützung von Familienangehörigen angewiesen.

Diese tragischen Erlebnisse der Kindheit haben unausweichlich Folgen auf den Charakter der Brüder. Die nur unzureichende Versorgung durch den Staat macht insbesondere Jakob sensibel und stärkt ihr Rechtsgefühl im Hinblick auf Ungleichbehandlung Schwächerer. Nicht umsonst zählt Heinrich von Kleists Michael Kohlhaas – eine Geschichte eines unbedingten Rechthabers – zu den Lieblingserzählungen der Brüder Grimm.[4] Keinesfalls aber ergaben sich die Brüder ihrem Schicksal. Die noble Gesinnung der Brüder wird durch folgendes Zitat aus Jacobs Selbstbiographie unterstrichen:

„Es war uns, aller Verheißungen ungeachtet, nie gelungen, die geringste Unterstützung zu erlangen, obgleich die Mutter Witwe eines Amtmanns war und fünf Söhne für den Staat großzog; die fettesten Stipendien wurden daneben an meinen Schulkameraden von der Malsburg ausgeteilt, der zu dem vornehmen hessischen Adel gehörte und einmal der reichste Grundbesitzer des Landes werden sollte. Doch hat es mich nie geschmerzt; vielmehr habe ich oft hernach das Glück und auch die Freiheit mäßiger Vermögensumstände empfunden. Dürftigkeit spornt zu Fleiß und Arbeit an, bewahrt vor mancher Zerstreuung und flößt einen nicht unedlen Stolz ein, den das Bewusstsein des Selbstverdienstes, gegenüber dem, was andern Stand und Reichtum gewähren, aufrecht erhält.“[5]

Dieser außergewöhnliche Charakterzug die Liebe zum Forschungsgebiet weit über diejenige zu materiellem Wohlstand zu stellen, zeigte sich insbesondere in ihrer ersten langfristigen Anstellung in der Bibliothek in Kassel. Gemeinsam verdienten sie dort 900 Taler im Monat. Laut Hans Georg Schede – Autor einer Grimm-Biographie – waren „900 Taler […] mehr, als gerade zum Überleben notwendig ist. Wer gewohnt ist, sich einzuschränken, kommt damit aus. Jacob und Wilhelm Grimm sind dazu bereit.“[6]

Zusammenfassend kann an dieser Stelle mit Hinterlegung der genannten Fakten und Zitate festgestellt werden, dass die Brüder Grimm aus bescheidenen Verhältnissen kommend, nie ihr Hauptaugenmerk darauf gerichtet hatten ein Leben im materiellem Luxus zu führen, sondern sich aus Liebe zur Sprache diesem Gebiet mit außerordentlicher Leidenschaft und Zeitaufwand zuwandten.

2.2. Gesellschaftliches Leben und Verhältnis zum anderen Geschlecht

Um 1800 lag das durchschnittliche Heiratsalter bei Männern bei etwa 30 Jahren.[7] Es war kein Zufall, dass Wilhelm erst mit 39 Jahren den Bund der Ehe einging und Jacob zeitlebens unverheiratet blieb. Als ihre Schwester Lotte heiratete, war keine Frau mehr in ihrem Haushalt vorhanden. So mussten sie sich in dieser neu entstandenen Männerwohngemeinschaft nun auch selbst um unangenehme Hausarbeiten kümmern. Wie Jacob an Savigny schrieb, waren lästige Pflichten „z.B. das Zusammensuchen und Aufschreiben der Wäsche“.[8] Erst aus dieser Situation heraus beschäftigten sich die beiden mit dem Gedanken an eine Ehe. Es war nun der als geselliger beschriebene Wilhelm, der von beiden heiratete. Seine Frau wurde 1825 die langjährige Nachbarin Henriette Dorothea Wild.[9] Auch wenn die Ehe der beiden bis zuletzt als glücklich beschrieben wird, teilte Wilhelms Ehefrau scheinbar die Scheu vor intimen Beziehungen, die auch charakteristisch für die beiden Sprachwissenschaftler war. So schrieb sie beispielsweise an Lotte, Schwester der beiden, in einem ihrer Briefe: „Dass mir dein Bruder in Gedanken eine Hand gibt, ist mir lieber, als wenn er mir sie in natura gäbe, denn du weißt, da bin ich kein Freund von.“[10]

Das etwas seltsame, bis dahin weitgehende Fehlen intimer Beziehungen zu Frauen, war nicht nur ihrem Freundeskreis bekannt, sondern schien sich auch schon zu ihren Lebzeiten herumgesprochen zu haben. So schrieb 1853 Alexander Victor Zechmeister ein Lustspiel, das sich genau dieser Situation aus dem Leben der Brüder Grimm widmete. Der Titel: „Einer muss heiraten“.[11]

Das Bild von Jacob und Wilhelm Grimm soll hier jedoch nicht zu unnahbaren, von der Gesellschaft vollständig isolierten Sonderlingen verzerrt werden. Doch auch wenn die beiden Freundschaften pflegten und gelegentlich gesellschaftlichen Feiern beiwohnten, waren sie dafür bekannt Zeit alleine zu verbringen. In ihrer Jugend- und Studentenzeit haben beide ein außerordentlich starkes Lektüre- und Lesebedürfnis. So stammt folgende Aussage von Jacob, die der Beschreibung seiner Freizeit dient: „Wenn ich dann auf meiner Stube sitze u. gerade nichts zu thun habe, so verreise ich auch in Gedanken, u. da stöhrt mich mich dann immer das Geschrei holzfahrender Bauern u. das Gebell der Hunde.“[12] Wilhelm teilt diese Leidenschaft, ist jedoch nicht so fokussiert wie Jacob und geht unter anderem in der freien Zeit auch mit Freunden spazieren. Dies kann der Ältere nicht so recht verstehen und erklärt: „Ich gehe in der Literatur spazieren.“[13] Dieses Verhalten der beiden – insbesondere das von Jacob – ist aber auch mit einem damaligen gesellschaftlichem Phänomen eng verknüpft und teilweise zu erklären: Der Leserevolution des 18. Jahrhunderts.[14]

Diese Verknüpfung von Begebenheiten aus dem Leben der Brüder Grimm lässt es zu einige Wesenszüge der beiden zu deuten. Die bedingungslose Liebe zu Büchern und Literatur im Allgemeinen gepaart mit der im Vergleich zum durchschnittlichen Bürger geringeren Zeit, die in Gesellschaft verbracht wurde, konnte so zu ihrem persönlichem Studium aufgewendet werden und erklärt neben den außerordentlichen Fähigkeiten, die sie hatten, den Umfang ihres Lebenswerks.

2.3. Verhältnis der Brüder zueinander

Nachdem die leichte Aversion der Brüder zum gesellschaftlichen Leben analysiert wurde, wird in diesem Abschnitt das Verhältnis, das die beiden Brüder zueinander hatten, betrachtet.

Durch den relativ geringen Altersunterschied von nur 13 Monaten spielten die beiden zusammen in ihrer Kindheit, gingen Hand in Hand zur Schule, studierten, arbeiteten und forschten gemeinsam und lebten nahezu ununterbrochen unter einem Dach. In der Rede auf seinen verstorbenen Bruder Wilhelm ließ Jacob diese starke Bande anklingen, indem er davon sprach, dass „dieser edle, die Menschheit festigende und bestätigende Hintergrund seine größte Kraft hat zwischen Geschwistern, stärkere sogar als zwischen Eltern und Kindern.“[15] Dies begründete er mit dem nahezu poetischem Satz: „Eltern und Kinder leben nur ein halbes Leben miteinander, Geschwister ein ganzes“.[16]

Dieses innige Verhältnis wurde vor allem durch die Liebe zu Büchern gestärkt. Diese ist auch ein entscheidender Grund der beiden eine so enge Gemeinschaft zu bilden. Dies wird deutlich, wenn man die Briefe liest, die sich die beiden schrieben, als Jacob während seiner Studienzeit mit Savigny in Paris war. Folgender Ausschnitt stammt aus einem Brief Jacobs aus dieser Zeit:

„Ich denke wenn wir auf diese Art fortfahren so werden wir uns einmal hübsche Werke sammeln, es versteht sich, daß wir in Zukunft etwas mehr dran wenden können u. immer zusammen vereinigt, denn lieber Wilhelm wir wollen uns einmal nie trennen […]. Wir sind nun diese Gemeinschaft so gewohnt, daß mich schon das vereinzeln zum Tod betrüben könnte. – Doch damit das nicht zu rührend wird, will ich dir nun sagen, daß wir uns recht um Aukzionskataloge bemühen wollen, denn ohne das ist es unmöglich mit wenigem etwas zu leisten.“[17]

Aus dieser viel zitierten Stelle geht hervor, dass die Gemeinschaft der Brüder eng mit dem beabsichtigten Projekt einer Büchersammlung zusammenhing. Dass Wilhelm dieselben Gefühle hegte und sehr eng mit seinem älteren Bruder verbunden war ist ersichtlich, wenn man sich einen zwei Monate später datierten Brief von ihm ansieht: „Sonst, lieber Jacob, was du schreibst vom Zusammenbleiben, ist alles recht und schön und hat mich gerührt. Das ist immer mein Wunsch gewesen, denn ich fühle, dass mich niemand so lieb hat als du, und ich liebe dich gewiss ebenso herzlich.“[18]

Dieser gemeinsame Antrieb und das herrschende Zusammengehörigkeitsgefühl waren für die geleistete Forschungsarbeit mit Sicherheit eine zusätzliche Motivation.

2.4. Krankheit

Ein Punkt, der das Leben und wissenschaftliche Schaffen insbesondere von Wilhelm Grimm beeinflusst hat war sein kränklicher Zustand, der ihn lange Jahre seines Lebens einschränkte. Dieser soll im Folgenden näher geschildert werden.

Aus heutiger Sicht ist nicht mehr rekonstruierbar an welcher Krankheit er genau litt. Auch die behandelnden Ärzte schienen nicht so recht zu wissen, wie man Wilhelm davon heilen könnte.[19] Über die Schwere und Ausmaße der Krankheit geben die folgenden Aussagen aus seiner Selbstbiographie wohl am besten Aufschluss:

„Meine Kränklichkeit hatte nach dem Tod der Mutter (1808) immer zugenommen; zu dem beengtem Atem, der mir das Ersteigen weniger Stufen zu einer großen Last machte, und den fortwährenden stechenden Schmerzen in der Brust gesellte sich noch eine Herzkrankheit. Der Schmerz, den ich mit nichts vergleichen konnte als dem Gefühl, es fahre von Zeit zu Zeit ein glühender Pfeil durch das Herz, war mit beständiger Beängstigung verbunden. […] Viele Nächte habe ich schlaflos, aufrecht sitzend, ohne mich zu bewegen, zugebracht und auf das Grauen des Tages gewartet, das mir immer einigen Trost zu bringen schien. […] Dass ich bei diesen Leiden noch ein halbes Jahr fortleben könnte, schien mir oft ganz unmöglich.“[20]

Diese seine Worte unterstreichen deutlich, dass es sich um ein schwereres Leiden handelte mit dem er zu leben hatte. Die heute abenteuerlich erscheinenden Behandlungsmethoden zeigten lange keine Wirkung. Letztendlich kann er eine Stabilisierung seines Zustandes erfahren, eine vollkommene Genesung konnte jedoch nie erreicht werden.[21]

So blieb er zeitlebens für Krankheiten anfällig. 1931 in Göttingen hatte er mit einer schweren Lungenentzündung zu kämpfen, die beinahe den Tod nach sich gezogen hätte. Er hustete Blut, wurde von Wahnvorstellungen gequält und glaubte den Verstand zu verlieren. Diese Situationen machten insbesondere Jacob deutlich wie sehr er an seinem Bruder hing und wie wichtig dieser für sein Leben war.[22]

Umso beachtenswerter ist unter diesem Umstand die hohe Anzahl an Publikationen und werken, an denen Wilhelm beteiligt war. Dass Jacob aber mehr Arbeiten vorzuweisen hatte ist unter anderem auch der erwähnten Tatsache geschuldet.

2.5. Politische Einstellung

Als abschließender Punkt zur Charakterisierung der Brüder Grimm soll deren politische Einstellung dienen, die durch ihre Zugehörigkeit zu den berühmten Göttinger Sieben am besten herausgestellt werden kann.

Zur geschichtlichen Einordnung: Als 1837 Wilhelm der IV, König von Hannover, stirbt wird Ernst August sein Nachfolger. Dieser Anti-Liberale Herrscher weigert sich die bestehende Verfassung anzuerkennen und hob diese noch am 1.November desselben Jahres auf. Dies sorgte im ganzen Land für Bestürzung, wurde aber vor allem an der Göttinger Universität – an der die Brüder Grimm zu dieser Zeit lehrten – mit besonderer Betroffenheit aufgenommen. So wurde unter der Leitung Friedrich Christoph Dahlmanns, der maßgeblich an der Verfassung mitgewirkt hatte, Widerstand an diesem Entschluss geübt und Einspruch in Form der als später bekannt gewordenen „Protestation“ eingelegt. Dieser Brief wurde jedoch nur von sieben Professoren – den späteren berühmten Göttinger Sieben - der Universität unterzeichnet und an die vorgesetzte Behörde, das Hohe Königliche Universitäts-Kuratorium, gesendet. Unter bis heute ungeklärten Umständen gelangte dieser Brief an die Öffentlichkeit und sorgte so letztendlich für die Entlassung der sieben Professoren. Jacob Grimm musste neben zwei anderen Professoren sogar das Land verlassen, da ihm eine besondere Schwere der Schuld angelastet wurde.[23]

Diese Fakten werden jedoch besonders interessant, wenn man auf die Motive und Hintergründe eingeht, die die Grimms dazu veranlassten an diesem Protest teilzuhaben, da sie nicht unwesentliche Rückschlüsse auf deren Charakter und Einstellung zulassen.

Der ausschlaggebende Punkt war nicht, dass sie große Freunde der 1833 entstandenen liberaleren Verfassung waren. Wilhelm selbst sagte er hege „keine Zärtlichkeit“ für das Staatsgrundgesetz, „es wird wol, wenn man es näher betrachtet, so sein wie alle moderne gestzgebung.“ Der „materielle Inhalt des Grundgesetzes“[24] hat bei dem Protest also keine Rolle gespielt.

[...]


[1] Steffen Martus: Die Brüder Grimm. Berlin 2009, S.16.

[2] Ludwig Emil Grimm: Erinnerungen aus meinem Leben. Hrsg. und ergänzt von Adolf Stoll. Leipzig 1913, S.15ff.

[3] Martus, Die Brüder Grimm, S.33f.

[4] Jacob u. Wilhelm Grimm: Briefe der Brüder Grimm an Paul Wigand. Veröffentlicht und erläutert von Edmund Stengel. Marburg 1910, S.93

[5] Jacob u. Wilhelm Grimm: Die Brüder Grimm in ihren Selbstbiographien. Hrsg. von Manfred Kluge. München 1985, S.19

[6] Hans-Georg Schede. Die Brüder Grimm. München 2004, S.84

[7] John Knodel: Demographic transitions in German villages. In: The Decline of Fertility in Europe. Hrsg. von Ansley. J. Coale u. Susan Cotts Watkins. Princeton 1986, S.352

[8] Schede, Die Brüder Grimm, S.100

[9] Schede, Die Brüder Grimm, S.101

[10] Schede, Die Brüder Grimm, S.102

[11] Schede, Die Brüder Grimm, S.100

[12] Grimm, Briefe an Paul Wigand, S.6

[13] Grimm, Briefe an Paul Wigand, S.7

[14] Hermann Grimm: Beiträge zur deutschen Culturgeschichte. Berlin 1897, S.227

[15] Schede, Die Brüder Grimm, S.8

[16] ebd.

[17] Jacob u. Wilhelm Grimm: Briefwechsel. Hrsg. von Heinz Röleke. Stuttgart 2001.

[18] Schede, Die Brüder Grimm, S.28

[19] Schede, Die Brüder Grimm, S.44

[20] Grimm, Selbstbiographien, S.64

[21] Schede, Die Brüder Grimm, S.45

[22] Martus, Die Brüder Grimm, S.372

[23] Martus, Die Brüder Grimm, S.382

[24] Jacob u. Wilhelm Grimm: Unbekannte Briefe der Brüder Grimm. Hrsg. von Wilhelm Schoof. Bonn 1960, S.195

Details

Seiten
19
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668675957
ISBN (Buch)
9783668675964
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418689
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Institut für Deutsche Philologie
Note
3,0
Schlagworte
leben wirken brüder grimm
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