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Wer gewinnen will, klickt rechts? Eine empirische Untersuchung der räumlichen Aufmerksamkeit durch induzierte Annäherungs- und Vermeidungsmotivation

Projektarbeit 2017 50 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abstract

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Affekt und Motivation
2.2. Promotions- vs. Präventionsfokus
2.3. Räumliche Aufmerksamkeit
2.4. Persönlichkeit
2.5. Belohnungs- und Bestrafungssensitivität

3. Zielsetzung und Hypothesen

4. Methodisches Vorgehen
4.1. Material
4.1.1. Räumliche Aufmerksamkeit und Motivation: Das Spiel
4.1.2. Verwendete Fragebögen zur Belohnungs- und Bestrafungssensitivität
4.1.3. Verwendete Fragebögen zu Aspekten der Persönlichkeit
4.2. Stichprobe
4.3. Durchführung

5. Ergebnisse
5.1. Vorbereitung und Gütekriterien der Variablen
5.2. Überprüfung der H1 & H2:
5.3. Überprüfung der H3
5.4. Überprüfung der H4

6. Diskussion und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

8. Anhang

I. Instruktionen

II. Abbildung 4: Klick-Mediane der Bedingungen

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis

Abbildung 1: Hierarchical Model

Tabelle 1: Beispielitems des BFI (Lang et al., 2001)

Tabelle 2: Reliabilitäten der Skalen

Abbildung 2: Aggregierte Mediane der Klicks

Abbildung 3: Korrelationen zwischen Persönlichkeit und Exploration

Abbildung 4: Klick-Mediane der Bedingungen

Abstract

Bisherige Studien zeigen, dass Annäherungs- und Vermeidungsverhalten mit jeweils unterschiedlich lateralisierter, kortikaler Aktivität einhergehen. Zudem wurde postuliert, dass links- oder rechts-kortikale Aktivität mit einer stärkeren Ausrichtung der räumlichen Aufmerksamkeit zur gegenüberliegenden Seite einhergeht. Ziel der vorliegenden Studie ist daher die Überprüfung der Annahme, ob induzierte Annäherungs- und Vermeidungsmotivation zu einer stärkeren Aktivierung der linken beziehungsweise rechten Hemisphäre führt, die sich im Verhalten in einer stärkeren räumlichen Gewichtung der kontralateralen Seite äußert. Die Versuchsteilnehmer durchliefen jeweils drei Versuchsbedingungen eines programmierten Spiels, in welchem sie entweder Versuchspersonenstunden gewinnen oder verlieren konnten, sowie eine Kontrollbedingung, in der beides möglich war. Die angenommene Haupthypothese konnte nicht bestätigt werden. Allerdings konnte ein Pseudoneglect über alle Bedingungen bestätigt werden. Die Persönlichkeit ist indirekt mit dem Explorationsverhalten über Bestrafungs- und Belohnungssensitivität assoziiert: am stärksten sind Neurotizismus und Ängstlichkeit positiv mit Bestrafungssensitivität korreliert, welche wiederum mit dem horizontalen Explorationsverhalten über alle Bedingungen zusammenhängt. Neurotizismus, Gewissenhaftigkeit und Ängstlichkeit sind über Belohnungssensitivität mit der explorierten räumlichen Distanz assoziiert.

Previous studies have shown an association between approach- and avoidance-behavior and significantly specialized lateralized cortical activity. Moreover, further studies demonstrated a relation between left or right cortical activity and an increased spatial attention in the opposite direction. The primary aim of the following analysis is to test if the induced approach- or avoidance-motivation leads to a stronger activation of the right or left hemisphere, which could be postulated because of increased oppositional spatial attention. Participants played a self-programmed game, where they found themselves in three situations, in which they – as a test person – were able to win or lose time, or even both. The main hypothesis was not confirmed. However, an overall pseudoneglect was confirmed. Furthermore, it seems to be possible to associate the individual personality with the participant’s gaming behaviour; neuroticism and anxiety are mostly correspondent with sensitivity for punishment, which is then associated with the horizontal movement in all conditions. Neuroticism, conscientiousness and anxiety are linked to sensivity for reward, which in turn is associated with the covered distance.

1. Einleitung

Während eines Basketballspiels tritt plötzlich eine als Gorilla verkleidete Person auf die Spielfläche und vollzieht einen ausladenden „Affentanz“. Erstaunlicherweise bleibt dies von den Zuschauern völlig unbemerkt. Wie kann jemandem etwas so Auffälliges bloß entgehen? Verantwortlich dafür ist die Aufgabe: „Zählen Sie die Pässe der weiß gekleideten Mannschaft“. Durch diese wird die Aufmerksamkeit der Zuschauer so stark auf die weiß gekleideten Basketballspieler gelenkt, dass den meisten Zuschauern der schwarze Gorilla gänzlich entgeht. Für dieses mittlerweile weltweitbekannte Experiment des Invisible Gorilla (1999) erhielten die beiden Professoren Daniel Simons und Christopher Chabris 2004 sogar den Ig-Nobelpreis[1] in der Sparte Psychologie. Das hierbei zu beobachtende Phänomen des Verblassens nicht aufgabenrelevanter Informationen in unserem Sichtfeld wird als Inattentional Blindness oder auch Perceptual Blindness bezeichnet, und ist auf die begrenzte Verarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns zurückzuführen (Cater, Chalmers, & Ledda, 2002; Mack & Rock, 1998; Simons & Chabris, 1999). Inzwischen gibt es unzählige Variationen des oben beschriebenen Experiments, die zum Teil auch eine andere Art Fehler der visuellen Aufmerksamkeit beschreiben. Beispielsweise sitzt in einem Video eine Person an einem Beratungsschalter und bedient die nichts ahnende Versuchsperson. Unter einem Vorwand verlässt die Beratungsperson ihren Platz und an ihrer Stelle erscheint eine andere Person. Ebenso gibt es eine Vielzahl leicht abgeänderter „unsichtbarer Gorilla“-Tasks, in deren Verlauf sich zusätzlich zum kostümierten Menschenaffen bspw. die Hintergrundfarbe des Videos ändert oder die komplette ballspielende Belegschaft nach und nach ausgetauscht wird. Bei dieser Art des Mangels an Aufmerksamkeit handelt es sich um Change Blindness (Jensen, Yao, Street, & Simons, 2011; Simons, 2000; Simons & Levin, 1997). Diese ist zwar eng mit der Inattentional Blindness verbunden, aber unterscheidet sich aufgrund der beinhalteten Gedächtnisleistung. Denn bevor eine Veränderung wahrgenommen werden kann, muss das zuvor gesehene Bild erst mit der neuen Information verglichen werden (Simons & Rensink, 2005). Auf diese Weise werden selbst Personen, die um eine gezielte Aufmerksamkeitsmanipulation wissen, immer wieder aufs Neue getäuscht.

Neben der Aufgabenrelevanz gibt es allerdings noch weitere Prozesse, die unsere räumliche Aufmerksamkeit steuern und darüber entscheiden, welchen Bereich wir kognitiv verarbeiten. Denken Sie beispielsweise an einen leeren Computerdesktop: Würden Sie Ihre Anwendungssymbole eher auf der rechten oder linken Seite anordnen? Wahrscheinlich gehören Sie zur Mehrheit der westlichen Bevölkerung, die ihre Anwendungen auf der linken Bildschirmseite ablegt. Dies passiert nicht zufällig! Zum einen gibt es eine kulturbedingte Verlagerung der Aufmerksamkeit nach links (denken Sie hier zum Beispiel an unsere Schreibweise von links nach rechts). Zum anderen spielen unterschiedliche kortikale Aktivitätsniveaus eine ebenso bedeutsame Rolle. Dabei arbeitet die rechte Hemisphäre unseres Gehirns bzgl. der visuell-räumlichen Aufmerksamkeit dominant[2], wodurch sich kontralateral die angesprochene Dominanz des linken Sichtfeldes ergibt (Heilman & Abell, 1980). Zusätzlich wird die Aufmerksamkeit durch Affekte und Motivation beeinflusst: demnach führt eine Annäherungsmotivation zu einem räumlichen Bias nach rechts und eine Vermeidungsmotivation entsprechend nach links (Amodio, Shah, Sigelman, Brazy, & Harmon-Jones, 2004; Cattaneo et al., 2014).

Eine stake Lateralisierung ergibt sich demnach nicht nur in der Wahrnehmung visueller Informationen, sondern auch bei der Affektverarbeitung eines Großteils der westlichen, rechtshändigen Bevölkerung (Tomarken, Davidson, & Henriques, 1990). Dabei ist die linke Hemisphäre in den meisten Fällen mit Annäherungsmotivation und -verhalten assoziiert und die rechte mit Vermeidung. Die Vermutung legt also nahe, dass eine stärkere linksseitige Aktivierung (bspw. durch hervorgerufene Annäherungsmotivation) ebenfalls mit einer erhöhten Aufmerksamkeit im rechten Augenfeld einhergeht.

Dieser mögliche Zusammenhang zwischen unterschiedlichen motivationalen Bedingungen und räumlicher Aufmerksamkeit wurde in der vorliegenden Studie untersucht. Im Vergleich zur vielfach untersuchten und nahezu ebenso oft bestätigten Theorie der Inattentional Blindness steckt die Erforschung des Einflusses von Affekt und Motivation auf die räumliche Aufmerksamkeit gewissermaßen noch in ihren Kinderschuhen. Insbesondere der geringe Variationsspielraum der Testverfahren, die bisher zur Erfassung der räumlichen Aufmerksamkeit angewendet wurden (überwiegend ist dies die eindimensionale Line-Bisection-Task), könnte sich dafür als hinderlich erwiesen haben. Die vorliegende Studie hat sich deshalb auch zum Ziel gesetzt, dieses Repertoire um ein zweidimensionales Testmedium zu erweitern. Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf der Frage, ob allein durch einen Test mit Spielcharakter eine derart intensive Annäherungs- bzw. Vermeidungsmotivation hergestellt werden kann, dass sich die dadurch hervorgerufene, unterschiedlich starke kortikale Aktivität messbar in den Ausprägungen der räumlichen Aufmerksamkeit widerspiegelt. Außerdem werden die Ergebnisse für etwaige Unterschiede hinsichtlich der Persönlichkeit sowie der Belohnungs- und Bestrafungssensitivität der Probanden untersucht, um mögliche Moderatoren der Annäherungs- und Vermeidungsmotivation ausfindig zu machen.

Im vorliegenden Bericht wird zunächst auf theoretische Grundlagen eingegangen: der Zusammenhang zwischen Affekt und motivationaler Richtung sowie deren Einfluss auf die Aufmerksamkeitslenkung werden erörtert, aber auch eine mögliche Rolle der Persönlichkeit und der Belohnungs- und Bestrafungssensitivität in dieser Hinsicht, werden innerhalb dessen umfassend beleuchtet. Die daraus resultierenden Hypothesen für die vorliegende Studie werden anschließend vorgestellt. Nach einer detaillierten Beschreibung des Aufbaus und der Durchführung des Experiments folgt die Auswertung der Ergebnisse, mit Hilfe derer schlussendlich die Hypothesen überprüft werden. Zum Abschluss werden die gewonnenen Erkenntnisse mit dem, im theoretischen Abschnitt erläuterten, bisherigen Wissensstand in Verbindung gebracht und unter praktischen Aspekten diskutiert.

2. Theoretische Grundlagen

In dieser Arbeit wird der Zusammenhang von Motivation und räumlicher Aufmerksamkeit beleuchtet. Daneben werden auch dispositionale Aspekte, wie die Persönlichkeit sowie Belohnungs- und Bestrafungssensitivität erhoben. Dafür ist eine umfassende Beleuchtung des theoretischen Hintergrundes notwendig, um die Forschungszielsetzung angemessen zu erarbeiten und die Ergebnisse auszuwerten. Die Begriffe Affekt, Motivation, räumliche Aufmerksamkeit und die eben genannten dispositionalen Aspekte werden nachfolgend vorgestellt.

2.1. Affekt und Motivation

Um die Funktionen räumlicher Aufmerksamkeit zu verstehen, ist es zunächst einmal wichtig, den Zusammenhang zwischen Affekt und Motivation genauer zu betrachten. Unter Affekt versteht Zajonc (1984) eine permanent erfasste, von der Kognition unabhängige Reizdimension. Die ununterbrochene Verarbeitung dieser Reize sieht der Autor in der ständig wechselnden Konzentration verschiedener Neurotransmitter sowie der allgemeinen neuronalen Aktivität begründet, die jederzeit und durch den feinsten inneren oder äußeren Stimulus eine Reaktion des Organismus hervorrufen kann (ebd.). Der zuletzt genannte Aspekt lässt sich ebenso auf Zajoncs Annahme der Unabhängigkeit des Affekts von der Kognition eines Menschen beziehen. Einige Verhaltensweisen entziehen sich im Moment ihres Auftretens zwar unserer kognitiven Kontrolle, sind uns aber dennoch bewusst, was der Theorie von Lazarus (1951) widerspricht, dass ein Affekt, der ohne vorherige kognitive Prozesse auftritt, lediglich unbewusst auftreten kann. Dass dem nicht so ist, begründet Zajonc (1984) unter anderem darin, dass durch die Gabe von chemischen Substanzen, die Konzentration an Neurotransmittern im menschlichen Gehirn so verändert werden kann, dass die Person bewusst einen emotionalen Zustand verspürt, ohne dass sie von der Gabe der Substanz gewusst haben muss, was an dieser Stelle als die fehlende kognitive Beteiligung gesehen werden kann (ebd.).

Pessoa postulierte (2009) das Phänomen der affektiven Signifikanz von Reizen. Demnach sind Reize dann von essentieller Bedeutung für den Menschen, wenn sie bedrohlich oder belohnend hinsichtlich dessen Ziele oder Verluste sind. In seinem Artikel postuliert Pessoa (ebd.) außerdem, dass sich derart valente Reize auch auf die Wahrnehmung und die exekutiven Funktionen eines Menschen auswirken können. Emotionale Stimuli beeinflussen die sensorische Repräsentation im visuellen Kortex, in welchem auch Wahrnehmungsprozesse stattfinden. Zudem führt eine starke sensorische Repräsentation emotionaler Inhalte zu einem priorisierten Aufmerksamkeitsfokus (beispielsweise hinsichtlich der räumlichen Aufmerksamkeitsprozesse). Pessoa (ebd.) geht davon aus, dass sich auch die Motivation, beispielsweise durch eine Bedrohung des Individuums, auf dessen Wahrnehmung und exekutive Funktionen auswirkt. Die Beeinflussung exekutiver Funktionen durch die Motivation kann in zwei Kernkomponenten unterteilt werden: Zum einen können durch eine erwartete Belohnung exekutive Funktionen verstärkt werden. Hier kann beispielsweise Motivation zu einer (Neu)-Orientierung von Aufmerksamkeit führen (vgl. Engelmann & Pessoa 2007; Pessoa 2009). Zum anderen kann Motivation eine Neuverteilung von Ressourcen, die exekutiven Funktionen zugänglich sind, bedingen. Diese Erkenntnisse machen deutlich, dass Affekte und Motivation eng miteinander interagieren und dass ein Affekt die Motivation eines Menschen in bedeutendem Ausmaß zu beeinflussen vermag.

Doch was genau bedeutet Motivation? Hierzu gibt es viele Annahmen und Definitionen. Eine der fundamentalsten Theorien, die sich mit Motivation und Verhalten beschäftigt, ist die Annäherungs-Vermeidungs-Annahme. Hierbei wird Motivation als elementare Ebene der Verhaltensregulation beschrieben, die sich schlussendlich in Annäherungs- und Vermeidungshandlungen äußert (vgl. Elliot, 2006). Eine Annäherung zu positiven Stimuli (Approach) und eine Entfernung von negativen Stimuli (Avoidance) können selbst bei „einfachsten“ Lebewesen, wie Bakterien und anderen Einzellern, beobachtet werden (Schneirla, 1959; Schur & Ritvo, 1970). Eine Erklärung dafür könnte die Tatsache sein, dass ein Organismus, welcher Art auch immer, auf Dauer nur überleben kann, wenn er sich fortpflanzen und Nahrung beschaffen kann (vgl. Schneirla, 1959). Für dieses Verhalten bedarf es einer entsprechenden Annäherungsmotivation. Ebenso wichtig ist es jedoch, sich von gefährlichen Situationen, Fressfeinden oder giftigen Stoffen fernzuhalten, was wiederum nur durch Vermeidungsverhalten gewährleistet werden kann. Es ist also durchaus gerechtfertigt anzunehmen, dass aus Annäherungs- und Vermeidungsmotivation evolutionsrelevante „Entscheidungen“ hervorgehen können (Tooby & Cosmides, 1990). Somit stellen sie die motivationale Basis allen Lebens dar.

Annäherungsmotivation zeigt sich im Verhalten in Richtung eines positiven (manifesten oder latenten) Objekts, Ereignisses oder einer Möglichkeit, während sich Vermeidungsmotivation als Verhalten weg von negativen Stimuli äußert. Dabei kann diese Bewegung nicht nur physisch, sondern auch psychisch stattfinden: Gedankliche Manifestationen spielen also eine ebenso bedeutsame Rolle. Hierbei meint Annäherung sowohl das Erreichen, als auch der Wille zum Beibehalten von Positivem. Ebenso kann sich Vermeidungsverhalten neben der aktiven Vermeidung auch im Loskommen von negativen Reizen und Situationen zeigen (Elliot, 2006; Herzberg, 1966). Es kann also sowohl positive als auch negative Verstärkung eine Rolle spielen. Auch aus diesem Grund kann Verhalten nicht immer eindeutig einer der beiden motivationalen Richtungen zugeordnet werden. Daneben können Annäherung und Vermeidung einerseits als Energetisierung von Verhalten, andererseits auch als direktives Handeln durch bestimmte Reize betrachtet werden. Somit umfasst das Konstrukt zwei Aspekte: die Energetisierung und die Handlungsrichtung (James, 1890) , wobei Approach meistens verstärkend und Avoidance oftmals hemmend wirkt.

Abbildung 1: Hierarchical Model

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Hierarchical Model of Approach-Avoidance Motivation

(Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Elliot, 2006)

Innerhalb des Hierarchical Model of Approach-Avoidance Motivation (Elliot, 2006) werden die Konstrukte Ziel, Zielkomplex, Motiv und Temperament in den Motivationsprozess miteinbezogen. Abbildung 1 zeigt eine Darstellung dieses Modells, das auf der Grundlage der oben genannten Veröffentlichung Andrew J. Elliots von den Autoren angefertigt wurde und die nachfolgend beschriebenen Zusammenhänge deutlich machen soll. In Elliots Modell stellen Motive die affektbasierte Tendenz eines Individuums dar, sich zu domänenspezifischen positiven oder negativen Reizen zu orientieren. Darüber existiert aber auch eine allgemeine, domänenübergreifende neurobiologische Empfindlichkeit des Individuums gegenüber valenten Reizen, die im Modell als Temperament bezeichnet werden. Dies geht mit Corwins (1921) Annahme konform, dass jeder Reiz eine behaviorale Prädisposition in eine bestimmte Richtung auslöst. Das Ziel stellt die innere Repräsentation eines zukünftigen Objektes oder Zustandes dar, das bzw. der entweder erreicht oder vermieden werden soll. Damit steht das Ziel meist am Ende eines Motivationsprozesses. In diesem Modell werden sowohl Motive als auch Temperament als Auslöser für Approach- und Avoidanceverhalten gesehen. Sie liegen einem jeweils übergeordneten Ziel zugrunde. Das konkrete Vorgehen, wie Wünsche erreicht oder mit Sorgen umgegangen werden soll, liefern dann die Ziele selbst. Die Auswahl bestimmter Ziele wird aber wiederum von Motiven und Temperament beeinflusst. Über alldem steht der Zielkomplex, der bei der Annahme eines Ziels gebildet wird und so lange im Gedächtnis verbleibt, bis das Motivationsinteresse erreicht, verändert oder aufgegeben wird. Damit ist der Zielkomplex kontextspezifisch und regulatorisch.

2.2. Promotions- vs. Präventionsfokus

Mit der Annäherungs- und Vermeidungsmotivation assoziiert ist auch die „ Regulatory Focus Theory “, in der von zwei getrennten, motivationalen Systemen ausgegangen wird. Diese spielen eine zentrale Bedeutung bei der Verhaltensorganisation und -mobilisierung hinsichtlich der Verwirklichung von individuellen Bedürfnissen und Wünschen. Zum einen gibt es den Präventionsfokus („prevention-focus“), bei welchem das Individuum eher Vermeidungsstrategien zur Zielerreichung nutzt. Hierbei geht es um sogenannte Soll-Ziele, also Verpflichtungen, die das Individuum einhalten sollte, sowie Verantwortlichkeiten, denen es unterliegt. Ein Beispiel dieser Vermeidungsstrategie stellt ein Student dar, der sich verpflichtet fühlt, seine Klausuren zu bestehen und demzufolge lernt, um einen unangenehmen Zustand (das Durchfallen) zu vermeiden. Zum anderen gibt es den Promotionsfokus („promotion-focus“), welcher mit Annäherungstendenzen assoziiert ist. Hierbei geht es um das Erreichen von Idealzielen, wie Hoffnungen oder Wünschen des Einzelnen. Wenn sich der Student beispielsweise nicht mit dem bloßen Bestehen seiner Klausuren zufriedengibt, sondern mindestens eine Zwei erreichen möchte, dann könnte er verstärkt auf seine Wunschnote hinarbeiten. Er nutzt Annäherungsstrategien, die zu seinem Idealzustand führen können. Es kann davon ausgegangen werden, dass es individuelle Unterschiede bzgl. Promotions- und Präventionsorientierung je nach Persönlichkeit gibt, sodass sich einige Menschen eher Sollziele und andere Menschen eher Idealziele setzen (Amodio et al., 2004).

Eine Reihe von Studien geben Hinweise auf ein Zusammenspiel zwischen motivationaler Richtung (Annäherung vs. Vermeidung) und dem Regulationsfokus (Promotion vs. Prävention) (Higgins, Roney, Crowe, & Hymes, 1994; Shah, Higgins, & Friedman, 1998). Durch den Regulationsfokus werden individuelle Ideal- und Soll-Ziele identifiziert, die dann durch Annäherungs- und Vermeidungsstrategien umgesetzt werden. Die Selbstregulation dient zunächst der Zielidentifikation, während die motivationale Orientierung das Verhalten hin zum Ziel leitet und somit als Mittel zum Zweck gesehen werden kann. Dabei sind die motivationale Orientierung und Selbstregulation zwar zwei getrennte, jedoch miteinander interagierende Systeme. Es sollte demzufolge einen Zusammenhang zwischen individuellen Unterschieden in der Selbstregulation und der spezifischen Präferenz von Annäherungs- oder Vermeidungsstrategien geben. Annäherung und Vermeidung stellen nach diesen Annahmen allerdings nicht nur die Verhaltensstrategien zur Zielerreichung, also das Mittel, dar, sondern eben auch die zuvor beschriebene zugrundeliegende motivationale Orientierung des Individuums, die sich auf die Strategien auswirkt.

Doch was hat das alles mit räumlicher Aufmerksamkeit zu tun? Der Zusammenhang von Motivation (vor allem Annäherung und Vermeidung) und räumlicher Aufmerksamkeit besteht in der Aktivität des präfrontalen Kortex, welche im nächsten Kapitel dieser Arbeit erläutert wird.

2.3. Räumliche Aufmerksamkeit

Beim Menschen kann die Entscheidung für Annäherung- oder Vermeidungsstrategien, mittels einer Magnetresonanztomographie (MRT), als eine asymmetrische Aktivierung des Präfrontalkortex (PFC) beobachtet werden (Amodio et al., 2004; Harmon-Jones, 2003, 2006; Nash, Mcgregor, & Inzlicht, 2010). Dabei zeigt sich im linken PFC während einer Annäherungsmotivation eine deutlich stärkere Aktivierung als im rechten PFC. Bei einem angestrebten Vermeidungsverhalten verhält es sich vice versa (Amodio et al., 2004). Da der PFC neben der affektiven Bewertung eines Reizes und der entsprechenden Ausrichtung der Motivation auch für die Verteilung der räumlichen Aufmerksamkeit zuständig ist, liegt die Vermutung nahe, dass es zwischen diesen Aspekten einen Zusammenhang geben muss.

Um dieser Vermutung nachzugehen, haben Amodio et al. (2004) 19 Versuchspersonen unter der Differenzierung jeweils beider Regulationsfokusse (s. Kapitel 2.2) hinsichtlich ihrer kortikalen Aktivität untersucht. Ebenfalls mit dieser Thematik befasst haben sich Cattaneo et al. (2014), mit ihrer Studie zum Einfluss von induzierten Emotionen auf das Verhalten der Versuchspersonen in der Line-Bisection-Task (vgl. bspw. (Halligan & Marshall, 1998). In beiden Studien konnte der angenommene Zusammenhang zwischen motivationaler Richtung und räumlicher Aufmerksamkeit bestätigt werden. Die affektive Signifikanz von Reizen wirkt sich also durch Emotion und Motivation auf die Wahrnehmung und exekutive Funktionen aus.

Doch warum gibt es bei der Aufmerksamkeitsregulation überhaupt eine räumliche Tendenz? Warum kann der Mensch nicht sein gesamtes Sichtfeld mit gleich hoher Aufmerksamkeit wahrnehmen? Anderson (1996) und Levy (1977) begründen die Notwendigkeit der Selektion der Aufmerksamkeit mit der bloßen Menge des sensorischen Inputs.

Die meisten Aufgaben sind im menschlichem Vorderhirn, so wie bei allen Wirbeltieren, kontralateral verteilt (Nieuwenhuys, ten Donkelaar, & Nicholson, 1998). Insbesondere betrifft dies die Seiten des Großhirns und des Thalamus (ebd.). Das bedeutet, dass motorische- sowie einige Wahrnehmungsfunktionen der einen Körperhälfte von der jeweils entgegensetzten Hemisphäre initiiert, ausgeführt und verarbeitet werden. Zum größten Teil trifft dies auch auf die visuelle Wahrnehmung zu. Dementsprechend werden eingehende Informationen des rechten Auges überwiegend im linken Teil des Gehirns verarbeitet und umgekehrt. Wie bereits in der Einleitung erwähnt, ist die rechte Hirnhälfte hinsichtlich der visuospatialen Aufmerksamkeit jedoch leicht dominant (Heilman & Abell, 1980). Infolgedessen werden Informationen aus dem linken Sichtfeld (zwar zu unterschiedlich großen Teilen, aber dennoch) in beiden Hemisphären repräsentiert, wodurch sie meist automatisch salienter wirken als die meisten Informationen des rechten Auges. Im Ergebnis kommt es dadurch zu einer tendenziellen Vernachlässigung des rechten Sichtfeldes (right visuospatial neglect) sowie zu einem Aufmerksamkeitsbias nach links, wodurch eine leichte Verzerrung nach links bzw. eine Bevorzugung der linken Seite stattfindet (Heilman & Abell, 1980). Diese Form der Aufmerksamkeitsverzerrung wird auch als Pseudoneglect bezeichnet, da sie sich ähnlich einem sehr schwach ausgeprägten visuellen Neglect verhält (Toba, Cavanagh, & Bartolomeo, 2011). Bei einem Neglect vernachlässigt die betroffene Person fast vollständig die ihrer geschädigten Hirnhälfte gegenüberliegenden Seite ihres Körpers und des Raumes mit sämtlichen Gegenständen, in dem sie sich befindet (Bowers & Heilman, 1980).

Fakt ist zusammenfassend, dass Affekte eine elementare motivationale Orientierung bzgl. Annäherung und Vermeidung auslösen. Diese grundlegende Orientierung zeigt sich vor allem im PFC in einer Lateralisierung der Aktivität. Daher gibt es Grund zu der Annahme, dass die Annäherungs- und Vermeidungsmotivation eines Menschen über die asymmetrische Aktivierung des PFC auch die Ausrichtung der räumlichen Aufmerksamkeit beeinflusst.

2.4. Persönlichkeit

In dieser Arbeit wird neben dem oben Beschriebenen auch die Persönlichkeit als möglicher Moderator des Zusammenhangs von Motivation und räumlicher Aufmerksamkeit in Betracht gezogen, denn Persönlichkeitseigenschaften können bis zu einem gewissen Grad als Prädiktoren des Verhaltens verstanden werden. Als Basis dafür wird das Konzept der Persönlichkeit, insbesondere die „Big Five“ (Allport, 1937; Allport & Odbert, 1936; Costa & McCrae, 1997), vorgestellt.

Der Begriff Persönlichkeit ist mitunter ein vielfach diskutierter und vor allem in seiner Bedeutung kontextabhängiger Begriff. Innerhalb der Definition von Eysenck & Eysenck (1987)[3] bezieht sich Persönlichkeit beispielsweise nicht nur auf psychische, sondern auch physische Merkmale. Diese Arbeit behandelt Persönlichkeit jedoch ausschließlich als zeitlich relativ stabile und überdauernde psychische Eigenschaften, die ein konsistentes Muster des Fühlens, Denkens und Verhaltens eines Menschen etablieren (Pervin, Cervone, & John, 2005). Innerhalb dessen kann Persönlichkeit als Prädiktor des Erlebens und Verhaltens verstanden werden, denn es handelt sich dabei nach Cattell (1945) um ausdrücklich nicht-situative, also konsistente, Bedingungen des Verhaltens, die in der Person selbst liegen; damit reagieren Menschen mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften in verschiedenen Situationen auf eine ganz bestimmte Art und Weise (Caprara & Cervone, 2000). Fiedler bietet eine Definition, in der dabei auch die soziale Interdependenz zum Ausdruck kommt, an der sich innerhalb dieser Arbeit orientiert werden soll:

Persönlichkeit bzw. Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen sind der Ausdruck der für ihn charakteristischen Verhaltensweisen und Interaktionsmuster, mit denen er gesellschaftlich-kulturellen Anforderungen und Erwartungen zu entsprechen und seine zwischenmenschlichen Beziehungen auf der Suche nach einer persönlichen Identität mit Sinn zu füllen versucht. (Fiedler, 2012, p. 2)

Als Arbeitsgrundlage dient hier die Eigenschaftstheorie, die davon ausgeht, dass sich die Persönlichkeit eines Menschen durch die Ausprägung bestimmter Eigenschaften (traits) quantifizieren lässt. Allport beschreibt diese als Konstrukte der Neuropsyche, die wahrgenommene Umweltreize funktional äquivalent machen und so zu sinnvollen und konsistenten (äquivalenten) Verhaltensweisen in Ausdruck und Leistung führen (Allport, 1937; Angleitner & Riemann, 2009). Beispielsweise wird die (Reiz-)Situationswahrnehmung einer Person durch diese Eigenschaften beeinflusst, sodass Menschen mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften in risikohaften Situationen anders verhalten (oder diese sogar aufsuchen), als Menschen, die diese Eigenschaften nicht besitzen.

Besonders wesentliche Persönlichkeitsmerkmale finden laut dem psycholexikalischen Ansatz (Baumgarten, 1933; Klages, 1926) Spiegelung in der Sprache, womit eine Analyse der Sprache zur Identifikation der wesentlichen Kerndimensionen führen muss (John, Angleitner, & Ostendorf, 1988). Durch Faktorenanalysen können diese Begriffe übergeordneten Dimensionen zugeordnet und somit nutzbar gemacht werden. Das Fünf-Faktoren-Modell nach Costa & McCrae, auch „Big Five“ genannt, bietet breit konzipierte Cluster von mitunter speziellen Persönlichkeitsmerkmalen, also ein hierarchisches Modell, an: Neurotizismus (N Neuro-ticism), Extraversion (E Extraversion), Offenheit für Erfahrungen (O Openness to Experience), Verträglichkeit (A Agreeableness) sowie Gewissenhaftigkeit (C Conscientiouness) (Costa & McCrae, 1997). Diese einschlägigen Eigenschaften konnten in zahlreichen Untersuchungen immer wieder nachgewiesen werden (bspw. Fiske, 1949; Goldberg, 1990; Paunonen, 2003; Tupes & Christal, 1992), sodass sie als Grundlage dieser Arbeit verwendet werden sollen. Ähnlich dem Drei-Faktoren-Modell nach Eysenck tendieren in den „Big Five“ Personen mit bspw. hohen Neurotizismus-Ausprägungen eher zu Ängstlichkeit und Nervosität, sodass es ihnen schwerer fällt, ihr Verhalten in Stresssituationen angemessen zu regulieren. Personen mit hohen Extraversionsausprägungen sind eher gesellig, aktiv und wenig zurückhaltend. Hohe Werte im Faktor Offenheit für neue Erfahrungen indizieren Wissbegierde, Interesse für Kultur und für Neues. Hohe Verträglichkeitsausprägungen umfassen Altruismus, Wohlwollen sowie Harmoniestreben, wohingegen Zuverlässigkeit, Ausdauer und Ordnung für hohe Gewissenhaftigkeitsausprägungen steht (Costa & McCrae, 1997). Jede dieser fünf Dimensionen bzw. Faktoren wird in sechs Facetten untergliedert, wobei sich wiederum jede Facette aus acht spezifischen Items zum Erleben und Verhalten zusammensetzt (enthalten im von Costa & McCrae entwickelte NEO-PI-R (Costa & McCrae, 1997; Ostendorf & Angleitner, 2004)).

Es gibt allerdings auch empirische Befunde, die die „Big-Five“-Dimensionen nicht vollständig belegen (bspw. Gurven et al., 2013; Paunonen & Ashton, 2013). Neuere Studien des psycholexikalischen Ansatzes zeigen bspw. sechs Dimensionen innerhalb des HEXACO (Ashton et al., 2004), sodass weiterhin ungeklärt bleibt, wie viele Grunddimensionen zur Persönlichkeitsbeschreibung benötigt werden. Digman spricht sich dafür aus, aus den Fünf Faktoren nochmals zwei übergeordnete Dimensionen zu strukturieren (Digman, 1997), wonach sich im Konsens mit hoher Wahrscheinlichkeit die Gültigkeit der zwei grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen Extraversion und Neurotizismus annehmen lässt.

[...]


[1] Diese, auch „Anti-Nobelpreis“ genannte Auszeichnung, ehrt satirisch wissenschaftliche Leistungen: „ The Ig Nobel Prizes honor achievements that first make people laugh, and then make them think. The prizes are intended to celebrate the unusual, honor the imaginative - and spur people's interest in science, medicine, and technology.“ (“Improbable Research,” n.d.)

[2] Während alle Informationen aus dem linken Sichtfeld ausschließlich in der rechten Hirnhälfte verarbeitet werden, werden Informationen aus dem rechten Sichtfeld zwar ausgeprägter links, aber auch rechts verarbeitet. (vgl. Duecker et al., 2013)

[3] „[...] die mehr oder weniger stabile und dauerhafte Organisation des Charakters, Temperaments, Intellekts und Körperbaus eines Menschen, die seine einzigartige Anpassung an die Umwelt bestimmt. Der Charakter eines Menschen bezeichnet das mehr oder weniger stabile dauerhafte System seines konativen Verhaltens (des Willens); sein Temperament das mehr oder weniger stabile und dauerhafte System seines affektiven Verhaltens (der Emotion oder des Gefühls); sein Intellekt das mehr oder weniger stabile und dauerhafte System seines kognitiven Verhaltens (der Intelligenz); sein Körperbau das mehr oder weniger stabile und dauerhafte System seiner physischen Gestalt und neuroendokrinen (hormonalen) Ausstattung.“ (Eysenck & Eysenck, 1987, p. 10)

Details

Seiten
50
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668670747
ISBN (Buch)
9783668670754
Dateigröße
1.4 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v418135
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Psychologie
Note
1,0
Schlagworte
empirisch räumlich räumliche aufmerksamkeit spatial attention approach avoidance annäherungsmotivation vermeidungsmotivation motivation gewinnen klicken experiment promotion prevention affekt affect belohnung bestrafung sensitivity personality persönlichkeit

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