Lade Inhalt...

Expressionistische Lyrik als Spiegel jüdischer Identität

Hausarbeit 2005 24 Seiten

Literaturwissenschaft - Moderne Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Geschichtlicher Kontext
2.1 Soziale und politische Hintergründe
2.2 Stellung des Judentums

3 Expressionismus
3.1 Expressionismus in der bildenden Kunst
3.2 Zivilisatorische Moderne
3.3 Ästhetische Moderne

4 Expressionistische Lyrik Jakob van Hoddis (1887-1942) Weltende
4.1 Die besondere Wirkung von „Weltende“
4.2 Apokalypse?
4.3 Reihungsstil
4.4 Groteske
4.5 Dissoziation

5 Jüdische expressionistische Lyrik
5.1 Jüdische Intellektuelle
5.2 Zionismus und Diaspora
5.3 Gegenbewegung zum Nationalsozialismus

6 Fazit

Literaturverzeichnis:

1 Einleitung

Wenn von Expressionismus die Rede ist wird damit zumeist die farbenfrohe Malerei, die sich im Gegensatz zum Impressionismus Anfang des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt hat, angesprochen. Der Expressionismus hat sich jedoch einerseits parallel zu der Kunstepoche, andererseits aus ihr heraus auch in Literatur, Musik und, was Schwerpunkt dieser Arbeit ist, in der Lyrik entwickelt. Unter anderem soll im Folgenden gezeigt werden, wie sich der Expressionismus im Kontext der Zeitgeschichte entwickelt hat. Insbesondere bei der expressionistischen Dichtkunst wird die Reflexion der sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Umstände deutlich. Hauptsächlich anhand des Gedichts „Weltende“ von Jakob van Hoddis werden schließlich die besonderen stilistischen und inhaltlichen Merkmale dieser Epoche in der Lyrik dargestellt.

Wie auch der eben genannte Jakob van Hoddis waren ungefähr die Hälfte dieser größtenteils deutschsprachigen Autoren Juden, was die Frage danach aufwirft, inwiefern die Besonderheiten jüdischer Identität und Kultur in ihrer Lyrik hervortreten. Es geht hier jedoch nicht darum spezifisch jüdische Merkmale innerhalb dieser Epoche aufzuzeigen, es geht eher darum zu zeigen warum sich Juden dieser Bewegung anschlossen und inwiefern expressionistische Themen mit jüdischen Erfahrungen vereinbar sind.

2 Geschichtlicher Kontext

Der Expressionismus als literarische Epoche erfuhr seine stärksten Ausprägungen ungefähr in der Zeitspanne von 1910 bis 1920[1]. Warum es gerade in dieser Zeit zu einer so einzigartigen und zugleich in ihrer Hauptphase so kurz andauernden Kulturbewegung kam und wie die Stellung des Judentums aussah, soll mit Blick auf die vorangegangene Geschichte im Folgenden erläutert werden.

2.1 Soziale und politische Hintergründe

Während des neunzehnten Jahrhunderts spielte vor allem die zunehmende Industrialisierung die wohl bedeutendste Rolle für die Veränderung innerhalb der Gesellschaft. Die zunehmende Industrielle Warenproduktion hatte zur Folge, dass Betriebe entstanden, die in ihrem Ausmaß an Größe, Wirtschaftlichkeit und Beschäftigtenzahl zuvor undenkbar gewesen wären. Diese Entwicklung bedrohte natürlich kleine private Betriebe und Handwerker, die damit nur zu einem kleinen Teil Schritthalten konnten. Parallel zu diesem wirtschaftlichen Wachstum bildete sich zwangsläufig auch ein radikalerer Kapitalismus heraus. Die Herrschaft des „anonymen Kapitals“ manifestierte sich in Großbanken und zahlreichen Kreditinstituten.

Im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts erfuhr die Bevölkerung außerdem einen gewaltigen Zuwachs. Dies veränderte das gesellschaftliche Leben grundlegend. Wohnten die Menschen zuvor vorwiegend in Familienverbänden und Dorfgemeinschaften in denen jeder jeden zumindest vom Sehen her kannte, so lebte um 1910 mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung in Gemeinden mit über 5000 Einwohnern. Auch aufgrund der Industrialisierung und der damit verbundenen Landflucht, wurde die Verstädterung somit immer weiter vorangetrieben. Die Stadt ist daher auch ein zentrales Thema der Lyrik des Expressionismus:

„Dicht wie Löcher eines Siebes stehn/ Fenster beieinander, drängend fassen/ Häuser sich so dicht an, dass die Straßen/ Grau geschwollen wie Gewürge sehn.“[2]

In der Stadt zeigte sich auch am deutlichsten die Neuordnung der Gesellschaft. Im Zuge der im Vorangegangenen aufgezeigten Entwicklungen verloren Adels- und Ständegesellschaft an Bedeutung und wichen einer sozialen Mobilität, in der sich ein jeder seiner momentanen sozialen Stellung nicht sicher sein konnte. Infolge der Ausdehnung der Verwaltungsapparate von Staat und Industrie entstand ein neuer Mittelstand aus Angestellten, der sich eher von der Arbeiterklasse distanzieren wollte und sich dem Bürgertum zuwandte. Die gesellschaftliche Schicht von Arbeitern und Angestellten machten um die Jahrhundertwende mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus.

Gesellschaftliches Leitbild war jedoch nicht, wie man annehmen könnte, der einflussreiche Großbürger, sondern eher der Offizier in Reserve. Man darf in diesem Zusammenhang nicht außer Acht lassen, dass der letzte deutsche Kaiser, Willhelm der Zweite, nach Einführung einiger sozialer Sicherungssysteme Ende des neunzehnten Jahrhunderts[3], sich um die Jahrhundertwende schnell wieder seiner imperialistischen Außenpolitik zuwandte. Seine Außenpolitik, die Deutschland schließlich während der Hochzeit des Expressionismus mit in den ersten Weltkrieg verwickelte, täuschte über innenpolitische Missstände hinweg und wurde von einem Großteil der Deutschen unterstützt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet wird auch deutlich, warum, während einer Zeit der Modernisierung und Technisierung und der Abschaffung veralteter gesellschaftlicher Schemata, die deutsche Außenpolitik nur selten in Frage gestellt wurde und die Verehrung des deutschen Heeres für viele selbstverständlich war. So ist es auch kaum verwunderlich dass viele, auch jüdische Expressionisten[4] trotz antibürgerlicher und antipreußischer Haltung freiwillig in den Krieg zogen, der sie dann schnell eines besseren belehren sollte.

2.2 Stellung des Judentums

Leidtragende der innerhalb einiger weniger Jahrzehnte vollzogenen vielseitigen Veränderungen der Gesellschaft und der daraus folgenden innenpolitischen Spannungen in Deutschland waren nicht zuletzt die Juden. Sie wurden vom eher nationalistisch orientierten Bürgertum für die negativen Auswirkungen der sozialen Veränderungen verantwortlich gemacht.

Die Geschichte der Verfolgung der Juden beginnt natürlich schon weit vor dem neunzehnten Jahrhundert und es würde im Rahmen dieser Arbeit zu weit führen und der Sache nicht gerecht werden, sie auch nur in Umrissen wiederzugeben. Es soll aber an dieser Stelle festgehalten werden, dass sich etwas an der Motivation der Judenverfolgung um die Jahrhundertwende geändert hatte. Wurden die Juden in ihrer Vergangenheit überwiegend aufgrund ihres Glauben bzw. ihrer Religion verfolgt, so wurden sie im 19. Jahrhundert auch aus wirtschaftlich und sozial motivierten Gründen verfolgt. Nachdem die Juden zumindest offiziell den andersgläubigen Bürgern Deutschlands gleichgestellt waren[5], entwickelt sich ihr Einfluss besonders in der Wirtschaft. Da ihnen als Nichtchristen schon früher das Zinsnehmen gestattet war, waren einige zu einem überdurchschnittlichen Reichtum gekommen, der ihnen zwar wirtschaftlich Macht einbrachte, aber auch den Neid vieler Mitbürger auf sie projizierte.[6] Die Juden waren außerdem nicht den preußischen, den ständischen und wirtschaftlichen Traditionen und Werten verhaftet, an denen die meisten anderen Deutschen noch festhielten, da sie zuvor zum Großteil davon ausgeschlossen waren[7]. Viele nichtjüdische Deutsche machten ihre jüdischen Mitbürger aufgrund ihrer Rolle als wirtschaftliche Konkurrenten schließlich für eigene geschäftliche Niederlagen und gesellschaftlichen Abstieg verantwortlich. Diese Einzelfälle jüdischer Überlegenheit im geschäftlichen Sinn wurden nach und nach auf das jüdische Volk im Allgemeinen übertragen.

In der zweiten Hälfte des Neunzehnten Jahrhundert entwickelte sich neben der sozial, wirtschaftlich, und religiös motivierten Verurteilung der Juden auch die rassische. Parallel zur europäischen Kolonialisierung Afrikas und Asiens, wurden die ersten rassistischen Theorien, in denen auch der Begriff des „Antisemitismus“ etabliert wurde, aufgezeichnet. Der französische Graf Gobineau (1816-1882) beispielsweise schrieb seinen Text mit dem aussagekräftigem Titel: „Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen“, in dem bereits die vermeintliche Überlegenheit der weißen, insbesondere arischen Rasse in einer, den Anschein von Wissenschaftlichkeit erweckenden, Sprache dargestellt wird. Weitere Ideologische Grundlagen für den Antisemitismus bildeten unter anderem die Schriften von Eugen Dühring, „Die Judenfrage als Frage von Rassenschändlichkeit für Existenz, Sitte und Kultur der Völker“ und Housten Stewart Chamberlain, der die Thesen Gobineaus aufgriff und später wesentliche Parallelen zu Hitlers Ansichten aufweist:

„Der Jude in der modernen Welt müsse als `fremdes Element´ betrachtet und als `Schädling´ von jedem Einfluß ferngehalten werden. Chamberlains gelehrigster Schüler war wohl Adolf Hitler.“[8]

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Stellung der Juden im wilhelminischen Deutschland um die Jahrhundertwende von Antisemitismus sowie damit einhergehender sozialer, wirtschaftlicher und religiöser Verurteilung, gefährdet wird. Diese besondere Verhältnis sowie das Zeitgeschehen schlagen sich, wie ich an späterer Stelle noch genauer zeigen werde, auch in der Lyrik des Expressionismus wieder.

3 Expressionismus

Der Begriff Expressionismus stammt vom lateinischen Wort „expressio“, Ausdruck ab und wird deshalb im wörtlichen Sinne mit Ausdruckskunst oder Kunst des gesteigerten Ausdrucks übersetzt. Anhand schriftlicher Aufzeichnungen ist sein Gebrauch seit 1911 belegt. Man kann also sagen, dass der Begriff keine nachträgliche Erfindung ist um diese Kulturbewegung zu bezeichnen, sondern schon zu Beginn der Epoche etabliert wurde.[9]

3.1 Expressionismus in der bildenden Kunst

Der Expressionismus als Stil trat das erste Mal Anfang des neunzehnten Jahrhunderts vor allem im Zusammenhang mit der Kunst bzw. Malerei auf. In der 1905 von den vier Architekturstudenten der Technischen Universität Dresden[10] gegründeten "Brücke"[11] fand die Bewegung ihre erste bedeutende Künstlervereinigung. Ihre Mitglieder orientierten sich zunächst am Kubismus und am französischen Fauvismus der so genannten Fauves oder „jungen Wilden“. Sie versuchten einen neuen ausdrucksstarken Kunststil in Abgrenzung zum Naturalismus und Impressionismus zu kreieren. Ernst Ludwig Kirchner formuliert ihr Programm, das die anfängliche Schaffensfreude und den Widerstand gegen Bürgertum und deren überholte Werte verdeutlicht:

"Mit dem Glauben an Entwicklung, an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden rufen wir alle Jugend zusammen, und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt."[12]

[...]


[1] Vgl.: Stark/Anz 1982.

[2] Wolfenstein Alfred: Städter. In: Vietta 1985, S.46

[3] Willhelm II führte beispielsweise Gesetze zur Kranken-, Renten- und Arbeitsversicherung ein

[4] Die jüdische Sonderstellung in Bezug auf das deutsche Heer und den Einsatz im Krieg wird an spätere Stelle noch genauer erläutert.

[5] Vgl.: Ellbogen/Sterling 1988, S. 235 ff.

[6] Goerlitz, S.146

[7] Ellbogen 1988, S. 194

[8] ebd.: S. 258

[9] Anz 2002, S.2

[10] Zu den Gründungsmitgliedern zählen Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt.

[11] Die Website des Brücke-Museums Berlin gibt einen guten Überblick über Geschichte und Mitglieder der Vereinigung. http://www.bruecke-museum.de/bruecke.htm.

[12] Stark/Anz 1982, S. 18.

Details

Seiten
24
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638400008
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41811
Institution / Hochschule
Universität Lüneburg
Schlagworte
Expressionistische Lyrik Spiegel Identität

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Expressionistische Lyrik als Spiegel jüdischer Identität