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Bedeutung des Bundesteilhabegesetze für die Rehabilitation

Bachelorarbeit 2018 40 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fragestellung

3. Methodisches Vorgehen

4. Theoretischer Hintergrund
4.1. Die UN - Behindertenrechtkonvention
4.2. Inklusion
4.3. Behinderung
4.4. Das Rehabilitationssystem
4.5. Besonderheiten der Teilhabe bei psychischen Erkrankungen
4.6. Die ICF
4.7. Teilhabe - ein komplexer Begriff

5. Das Bundesteilhabegesetz
5.1. Rehabilitation - und Teilhaberecht
5.1.1. Neuer Behinderungsbegriff
5.1.2. Ermittlung des Rehabilitationsbedarfs
5.1.3. Unabhängige Teilhabeberatung
5.1.4. Instrumente zur Bedarfsermittlung in der Rehabilitation
5.1.5. Koordinierung der Leistungen
5.1.6. Teilhabeverfahren
5.1.7. Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben
5.1.8. Rolle der Bundesarbeitsgemeinschaft
5.2. Eingliederungsrecht
5.2.1. Leistungsberechtigter Personenkreis
5.2.2. Instrumente zur Bedarfsermittlung
5.2.3. Gesamtplankonferenz in der Eingliederungshilfe
5.2.4. Assistenzleistungen
5.2.5. Pflegeleistungen
5.2.6. Wunsch und Wahlrecht
5.2.7. Einkommen und Vermögen
5.3. Modellhafte Erprobung

6. Diskussion

7. Fazit

Abstract

Das neue Bundesteilhabegesetz (BTHG) ist eine der großen sozialpolitischen Reformen im Recht der Teilhabe für Menschen mit Behinderung in den letzten 15 Jahren. Das Gesetz schafft mehr Rehabilitationsmöglichkeiten und mehr Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderung. Menschen mit Behinderung, die auf Eingliederungshilfe und Assistenz angewiesen sind, müssen die für sie notwendigen Rehabilitationsmaßnahmen nicht mehr bei unterschiedlichen Leistungsträgern separat beantragen. Die frühzeitige Erkennung des Bedarfs an Rehabilitation wird verbessert und eine unabhängige Beratung hilft den Leistungsberechtigten, Entscheidungen bezüglich einer Maßnahme zu treffen. Kernpunkt des Gesetzes ist die Herauslösung der Eingliederungshilfe aus der Sozialhilfe, wodurch vor allem für Menschen mit psychischer Behinderung mehr Teilhabe und individuelle Selbstbestimmung ermöglicht wird. Die ersten Implikationen des Bundesteilhabegesetzes traten bereits 2017 in Kraft, die vollständige Umsetzung soll bis 2023 abgeschlossen sein. Der notwendige Umsetzungsprozess stellt alle Beteiligte vor eine große Herausforderung. Die nachfolgende Bachelorarbeit setzt sich auf der Grundlage des BTHG mit den wesentlichen Änderungen im Rehabilitationsund Teilhaberecht auseinander.

Abkürzungen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Jahrzehntelang waren Menschen mit Behinderungen in für sie vorgesehenen Orten abgesondert, wo sie leben, arbeiten und lernen können. Einerseits hatten sie dort einen geschützten und fürsorglichen Rahmen, andererseits waren sie in diesen Orten einer gesellschaftlicheren Ausgrenzung und Machtlosigkeit ausgeliefert. Es wird viel über inklusive Sozialpolitik gesprochen, die den behinderten Menschen einen Anspruch auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zuspricht. Damit sollten sie nicht mehr abgesondert, sondern mitten in der Gesellschaft leben, arbeiten und lernen können (Graumann, 2014). Graumann spricht „…von einem Paradigmenwechsel von einer Behindertenpolitik der Wohltätigkeit und Fürsorge zu einer Politik auf Grundlage von Freiheit und Menschlichkeit“ (Graumann, 2014, S. 8).

In dieser Hinsicht sorgte im Jahr 2001 das SGB IX alt für Rehabilitation und Teilhabe für einen Paradigmenwechsel: Fürsorge und Versorgung wurden durch das Konzept der Teilhabe für Eigenverantwortung und Selbstbestimmung ersetzt. Den nächsten Meilenstein in dieser Entwicklung setzte die UN- Behindertenrechtskonvention. Als Leitlinie dieser Konvention, die 2009 in Deutschland in Kraft getreten ist, etablierten sich die Begriffe „Inklusion“ und „Teilhabe“ (Rehabilitation, 2017).

Alle Staaten, die die Konvention unterschrieben haben, verpflichten sich, Menschen mit Behinderung eine Teilhabe am politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen sowie kulturellen Leben zu ermöglichen (Morfeld, Koch-Gromus, 2016).

Schubert, Schian und Viehmeier (2016) betonen, dass für eine gleichberechtigte und wirksame Teilhabe umfassende Unterstützungen in Form von Rehabilitation von großer Bedeutung sind. Diese Unterstützungsleistungen in Form von Leitungen zur Teilhabe für Menschen mit Behinderung und von Behinderung bedrohte Menschen spiegeln sich schon im §4 SGB IX alt für Rehabilitation und Teilhabe wieder.

Für psychisch erkrankte Menschen, bei denen die Krankheitsverläufe unterschiedlich sind und bei denen die Behinderung dank Rehabilitation im besten Falle verschwinden kann, sind die Leistungen zur Teilhabe undenkbar, unabhängig davon, ob die Symptome weg sind oder nicht. Dank dem Paradigmenwechsel und der Recovery-Bewegung steht die Bekämpfung oder Vermeidung von Symptomen um jeden Preis nicht mehr im Vordergrund. Mithilfe rehabilitativer Maßnahmen soll den Menschen mit Behinderung die Möglichkeit gegeben werden, trotz psychischen Beeinträchtigungen ein selbstbestimmtes Leben führen zu können (Konrad, 2017).

Auf den ersten Blick scheint die Rehabilitation behinderter Menschen, ihre Selbstbestimmung und ihre Teilhabe am gesellschaftlichen Leben im deutschen Rechtssystem gut geregelt zu sein. Im internationalen Vergleich gilt das deutsche Rehabilitationssystem als hoch entwickelt. Auf den zweiten Blick lassen sich aber in dem langwierigen Entwicklungsprozess der Rehabilitation die wechselnden gesellschaftlichen Vorstellungen und Anliegen der Menschen mit Behinderung erkennen. Diverse Entscheidungen der Vergangenheit sind noch heute mit ihrer Wirkung als Voroder Nachteil des gegliederten Rehabilitationssystems zu sehen. Die Vielfalt der Akteure aus der medizinischen, beruflichen und sozialen Rehabilitation sowie Selbsthilfeinstitutionen und Behindertenverbänden sorgen permanent für fachliche Dispute und damit für eine sozialpolitische Weiterentwicklung des Rehabilitationssystems (Schliehe, 2009).

Die Reformen des Rehabilitationsund Teilhaberechts im Jahr 2001 durch das SGB IX alt sowie die UN-BRK von 2009 haben die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen geschaffen. Diese Vorgaben stehen mit der nächsten Reform „Bundesteilhabegesetz“ auf dem Prüfstand und sollen weiterentwickelt werden. Zu dem dringenden Handlungsbedarf für die Entwicklung eines neuen „Stärkungsgesetzes“ zählt Schütte (2017) insbesondere die unverbindliche Koordinierung der Leistungen, unklare Zuständigkeit der Rehabilitationsträger sowie beschränkte Teilhabe am Arbeitsleben in den Werkstätten für behinderte Menschen. Außerdem fand die soziale Teilhabe bislang wenig Beachtung in dem Rehabilitationsrecht, was zu enormen Ausgaben des überörtlichen Sozialhilfeträgers geführt hat.

2. Fragestellung

Mit dem neuen „Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen“ des BTHG sind hohe Erwartungen verbunden. Nach der Verabschiedung zu Beginn letztes Jahres befinden sich alle beteiligten Akteure mitten in einem fachlichen und politischen Prozess, dessen Ergebnisse noch nicht vorherzusagen sind. In den rehabilitativen Teilen des BTHG (Teil 1 und Teil 2) sind zentrale Begriffe wie Behinderung, Teilhabe und Rehabilitation enthalten. Behinderung ist der Grund, um Leistungen von Rehabilitationsträgern zu erhalten, Teilhabe ist als Ziel dieser Leistungen festgelegt und Rehabilitation ist der zentrale Weg, um das Ziel zu erreichen. Der Begriff Teilhabe soll durch das BTHG noch mal bekräftigt werden, denn das Ziel des BTHG (§ 1 SGB IX) ist, Menschen mit Beeinträchtigungen eine volle und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu ermöglichen. Wie bereits erwähnt, kann so eine Teilhabe nur über Rehabilitationsmaßnahmen, die auf einer gesetzlichen Grundlage basieren, erfolgen. Das Rehabilitationsgesetzt SGB IX ist reformiert und wird seit Anfang 2017 auf unterschiedlichen Ebenen schrittweise umgebaut. Es stellt sich von daher die Frage: Welche Implikationen hat das BTHG für die Rehabilitation und somit auf die Teilhabe der Menschen mit Behinderungen?

3. Methodisches Vorgehen

Die orientierende Literaturrecherche fokussiert überwiegend sich auf Werke, die seit dem Jahr 2009 veröffentlicht wurden, weil seit diesem Jahr die Behindertenrechtkonvention in Deutschland gilt und dementsprechend zahlreiche Publikationen und Bücher zu diesem Thema geschrieben wurden. Als Endzeitpunkt der Recherche wurde 2017 gewählt, um die Aktualität zu gewährleisten. Gesucht wurde nach den Begriffen BTHG, Rehabilitation, Inklusion, UN-BRK und Teilhabe. Die Begriffe wurden in verschiedensten Weise miteinander kombiniert und die Suche in bestimmten Abständen während der Recherchezeit erneut durchgeführt, um neue Literaturquellen miteinzubeziehen. Gesucht wurde über die Bibliothek der FHdD, über die Bibliothek der Jona Facheinrichtung für medizinische Rehabilitation, sowie über Online-Dienste der Bethel-Bibliotheken. Außerdem wurden über die Datenbank subito einige Artikel als PDF-Dateien und Bücher über Fernbibliotheken bezogen worden. Ergänzend wurde die Suche über Google medpilot und über Google selbst ausgeführt.

Der Aufbau der Bachelorarbeit ist folgendermaßen gegliedert: In Kapitel 3 werden als theoretischer Hintergrund Begriffe wie UN-BRK, Inklusion, ICF, Rehabilitation sowie Teilhabe erläutert. Diese Begriffe finden hier ihre Beachtung, weil sie einen historischen Hintergrund für das Bundesteilhabegesetz darstellen und auch im Kontext des Gesetzes zu finden sind. Daraufhin folgt die Fragestellung dieser Bachelorarbeit. Das Kapitel 5 beschäftigt sich mit den neuen Implementierungen im Allgemeinen Teil des BTHG und umfasst insgesamt acht Unterkapitel. Die Thematik der Implementierungen wird im Kapitel 5 weiterverfolgt, in sieben Unterkapiteln werden die neuen Regelungen in der Eingliederungshilfe beleuchtet. Das nächste Kapitel stellt eine Diskussion zur den oben genannten Implementierungen dar. Hier werden die bedeutendsten Aspekte nochmals aus der Sicht unterschiedlicher Autoren näher betrachtet. Das letzte Kapitel 7 schließt als Fazit diese Arbeit ab.

4. Theoretischer Hintergrund

4.1. Die UN - Behindertenrechtskonvention

Im März 2009 ist in Deutschland das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderung“ der UN-BRK in Kraft getreten. Dieses Abkommen ist der erste universelle Völkerrechtsvertrag, der auf die Situation behinderter Menschen zugeschnitten ist. Es würdigt die Behinderung als Teil des menschlichen Lebens und überwindet damit das defizitorientierte Verständnis. Mit diesem Werk verpflichten sich die Staaten, die Selbstbestimmung der behinderten Menschen, ihre Inklusion und somit ihre Teilhabe im gesellschaftlichem Leben zu fördern (Kahl,2016). Laut Artikel 1 der UN-BRK sind diejenigen Personen behindert, „...die langfristig körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der Gesellschaft hindern können“ (UN-BRK, 2009). Der Artikel 26 der UN-BRK gibt die verbindlichen Grundlagen im Hinblick auf die Rehabilitation von psychisch Kranken vor. Im jetzigen Rehabilitationssystem müssen alle erforderlichen Veränderungen eingegangen werden, damit Menschen mit Behinderungen die notwenigen Maßnahmen erhalten können, um an allen Aspekten des Lebens teilhaben zu können. Nicht der Mensch mit seiner Erkrankung, sondern das Hilfesystem soll sich an den Menschen so anpassen, damit er die Möglichkeit hat, seine Selbstbestimmung und Unabhängigkeit zu stärken. Diese Orientierung beinhaltet eine neue Haltung des Rehabilitationssystems (Kahl, 2015). Die Rechte der Menschen mit Behinderung sind in dem Abkommen einzeln aufgelistet und geben somit zentrale Leitlinien für die Behindertenpolitik vor. Diese Konvention erklärt keine Sonderrechte für Menschen mit Behinderung, sondern konkretisiert die allgemeinen Menschenrechte aus der Perspektive der behinderten Menschen. Es wurden auch keine neuen Ziele formuliert, vielmehr sollte die Umsetzung der gegebenen Gesetze, sprich SGB IX alt, intensiviert und der Paradigmenwechsel beschleunigt werden (Fink, 2011).

Kahl (2016) argumentiert, dass damit eine konkrete Utopie der Inklusion und Teilhabe von Menschen mit Behinderung und somit auch von psychisch erkrankten Menschen erstellt worden sei. Wenn man allerdings den gesellschaftlichen Umgang mit psychisch erkranken Menschen betrachtet, so erkennt man in Bezug auf das Abkommen nicht wirklich das „Vor“ und das „Danach“. Die Realität und die Lebensumstände dieser Menschen haben sich nicht unbedingt verändert. Auch Fink (2011) meint, dass der Paradigmenwechsel noch nicht vollzogen sei, aber auch nicht mehr unumkehrbar ist.

4.2. Inklusion

Der Begriff Inklusion hat einen lateinischen Wortursprung (inclusio) und bedeutet so viel wie „Einschließung“. Dieser Begriff und die dahinterstehende Theorie lässt sich schon seit längerem in sozialwissenschaftlichen, sonderpädagogischen und sozialpolitischen Diskussionen finden (Wansing, 2012; zitiert nach Kahl, 2016). Die UN-BRK hat diesem Begriff einen neuen Schwung und eine neue Qualität verliehen. Es wurde erst lange diskutiert, ob der Begriff Integration nicht das Gleiche wie Inklusion bedeute. Mittlerweile ist aber geklärt, dass diese beiden Begrifflichkeiten unterschiedlicher Natur sind (Fink, 2011). Integration ist eine aktive Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in die Gesellschaft. Die Menschen werden in die Gesellschaftsstruktur hineingeholt, weil sie vorher nicht die Möglichkeiten hatten, an entsprechenden Angeboten teilzunehmen. Diese Gesellschaftsstruktur existiert bereits und die Menschen mit Beeinträchtigungen können nur dann aufgenommen werden, wenn sie sich an die gesellschaftlichen Bedingungen anpassen. Dieser Integrationsbegriff weist gewisse Probleme auf; so muss z. B. ein psychisch erkrankter Mensch mit all seinen Beeinträchtigungen versuchen, sich an die gesellschaftlichen Prozesse anzupassen, um dazuzugehören. Es wird nicht beachtet, dass gerade aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen Menschen mit Behinderungen außen vor bleiben, weil sie nicht mithalten können und dementsprechend von dem System ausgegrenzt werden (Wunder,2010; zitiert nach Kahl, 2016).

Die UN-BRK hat sich bewusst für den Begriff Inklusion entschieden. Hier steht der Mensch mit seinen Einschränkungen im Mittelpunkt und ist mit seinen Wünschen und Bedürfnissen ein Maßstab für jegliche Unterstützung, die seine Selbstbestimmung und seine individuellen Ressourcen fördert. Im Gegensatz zur Integration geht es bei dem Begriff Inklusion darum, dass nicht die betroffene Person sich den Gegebenheiten der Gesellschaft anpassen muss, sondern dass die Umwelt so organisiert werden soll, dass jeder Einzelne die Möglichkeit hat, an dem gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Der Leitgedanke der UN-BRK ist, dass Menschen mit ihren individuellen Einschränkungen nicht in ein System geholt werden müssen. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass alle Personen, unabhängig von der Einschränkung, von Anfang an ein Teil der Gesellschaft sind (Wunder, 2010; zitiert nach Kahl, 2016). In der Behindertenrechtskonvention geht es also nicht um die Integration von denjenigen, die ausgegrenzt sind, sondern darum, dass alle Menschen von ihrer Geburt an uneingeschränkt an allen Aktivitäten teilhaben können. Ein gemeinsames Leben mit und ohne Behinderung muss möglich sein. Dem Begriff gemäß müssen Menschen mit Behinderung und psychischen Erkrankungen nicht integriert werden. Sie sind mit allen ihren Rechten und Pflichten von ihrer Geburt an in der Gesellschaft dabei und bleiben es lebenslang (Fink, 2011).

Inklusion bedeutet Zugang von erkranken Menschen zu allen gesellschaftlichen Systemen wie Wirtschaft, Religion, Recht, Bildung, Kunst, Sport, Politik u.v.m. In der Realität haben die erkranken Menschen bisher wenig Möglichkeiten, sich an den genannten Systemen zu beteiligen. Die gesellschaftlichen Barrieren erschweren den Zugang und lassen die betroffenen Menschen ausgegrenzt. Diese gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft kann nur über Politik und die Gesellschaft selbst angegangen werden, um die bestehenden Barrieren abzubauen und den Betroffenen eine Chance auf Teilhabe zu ermöglichen (Kahl, 2016).

Brück (2016, S. 41) schreibt, wie positiv der antonyme Begriff „exklusiv“ in unserer Gesellschaft besetzt ist. Der Begriff steigert den Wert von Dienstleistungen, Produkten oder Veranstaltungen und wird als etwas Gehobenes, als etwas, das nicht für alle zugänglich ist, wahrgenommen. Die allgemeine Teilhabe ist dementsprechend ausgeschlossen, sonst verliert das Exklusive seinen Wert. Von daher “führt das Streben nach dem Exklusiven zur Exklusion und nicht zur Inklusion“. Eine „exklusive“ Wohngegend ist nur dann „exklusiv“, wenn z. B. bestimmte soziale Schichten keinen Zugang zur Gegend haben. Bei der Arbeit mit chronisch psychisch kranken Menschen, die in erhöhtem Maße „exkludiert“ sind, bemüht man sich vor allem nach einem Miteinander auf Augenhöhe. Den Menschen fehlt es mitunter an allem, sie sind weit weg vom „Exklusiven“ und ihre Teilhabe beschränkt sich oft auf zeitlich begrenzte Veranstaltungen, wie z. B. einen Kaffeehausbesuch oder die gemeinsame Weihnachtsfeier.

Kronauer (2014) betont, dass in einer kapitalistischen Gesellschaft die soziale Zugehörigkeit und die Teilhabe über Arbeit, über persönliche und soziale Bürgerrechte sowie über soziale Beziehungen entschieden wird. Arbeitstätigkeit bringt nicht nur Einkommen, sondern vermittelt das Gefühl gebraucht zu werden, anerkannt zu sein. Es handelt sich um eine gewisse Form der gesellschaftlichen Wechselseitigkeit; beide Parteien haben etwas voneinander. Persönliche und soziale Rechte garantieren den Bürgerstatus, wodurch die gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht wird. Alle Angehörigen der Gesellschaft haben Zugang zu Institutionen und Leistungen, die über Lebenschancen für Gesundheit, Bildung und Wohnung entscheiden. Soziale Beziehung ist eine Form der Zugehörigkeit, die auf Wechselseitigkeit von Unterstützung und Loyalität basiert. Alle drei Dimensionen leisten auf bestimmte Weise ihren Beitrag zur Inklusion. Sie ergänzen einander, lassen sich aber nicht durch einander ersetzen. Soziale Bürgerrechte können z. B. keine Erwerbstätigkeit garantieren, und wer eine Erwerbsarbeit hat, verfügt nicht automatisch über einen entsprechenden kulturellen Lebensstandard. Politiker setzen bei der Inklusion Prioritäten hinsichtlich Bildung und Erwerbsarbeit, was äußerst problematisch für die leistungsschwächeren Menschen mit Behinderung ist. In einer Marktgesellschaft mit scharfer Konkurrenz haben diese Menschen es schwer, mitzuhalten und werden dadurch noch mehr „exkludiert“ als „inkludiert“. Um die Forderung nach Inklusion im Sinne von UN-BRK weiter voranzutreiben, müssen selbst die Institutionen, in denen Inklusion stattfinden soll, überprüft werden. Es muss geklärt werden, inwieweit der Sozialstaat, das Bildungssystem und der Arbeitsmarkt den Bedürfnissen der Menschen mit Behinderung entspricht und inwieweit die Institutionen zur allgemeinen Inklusion und somit zur Teilhabe beitragen.

4.3. Behinderung

Im SGB IX alt wurde die Behinderung erstmalig für alle Sozialleistungsträger einheitlich definiert (Frieboes, Zaudig und Nosper, 2005). Laut Definition sind Menschen „… behindert, wenn ihre k ö rperliche Funktion, geistige F ä higkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit l ä nger als 6 Monate von dem f ü r das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeintr ä chtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Behinderung zu erwarten ist “ (§2 Abs.1 SGB IX, 2015).

Diese Begriffsbestimmung stammt teilweise aus der ICF, die im folgenden Kapitel näher beschrieben wird. Nach ICF liegt eine Behinderung vor, wenn die menschlichen Funktionen durch gesundheitliche Störung zusammen mit persönlichen und gesellschaftlichen Kontextfaktoren so beeinträchtigt sind, dass die Partizipation - also die Teilhabe - nicht möglich erscheint. Somit wird das soziale Verhältnis zwischen behindertem Menschen und der Umwelt berücksichtigt, die Voraussetzung einer Gesundheitsstörung wird aber in dieser Gesetzgebung nicht angesprochen. Also ist die Behinderung nach SGB IX alt im Wesentlichen eine gesundheitsbedingte Teilhabestörung (Frieboes, at.al. 2005).

4.4. Das Rehabilitationssystem

Der frühere Oberbegriff „Rehabilitation“ blieb im SGB IX alt nur für die medizinische Rehabilitation geltend, während die Leistungen für berufliche und soziale Rehabilitationen in Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben und Leistungen zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft umbenannt wurden (Frieboes et al., 2005).

Das SGB IX alt stellte Menschen mit Behinderungen eine Menge von Rehabilitationsleistungen zur Verfügung. Damit sollte die Selbstbestimmung und die Teilhabe der Betroffenen gefördert werden. Behinderte und von der Behinderung bedrohte Menschen können Leistungen von den Rehabilitationsträger erhalten, um „ihre Selbstbestimmung und gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft zu fördern, Benachteiligungen zu vermeiden oder ihnen entgegenzuwirken“ (§ 1 SGB IX alt). Bei genauerer Betrachtung des Rehabilitationssystems wird allerdings nicht klar, inwieweit die Teilhabe erkrankter Menschen gefördert werden kann. Vor allem in Bezug auf Aktivitäten und soziale Eingliederung in eigenem Wohnort hält sich die Selbstbestimmung der betroffenen Menschen in Grenzen. Die Rehabilitationsleistungen setzten meistens den Schwerpunkt auf medizinische und berufliche Rehabilitation (Kahl, 2015). Mühlum und Gödecker-Geenen (2003; zitiert nach Kahl, 2015) schreiben, dass die soziale Rehabilitation nur als Restleistung existiert und nur dann von den überörtlichen Träger der Sozialhilfe übernommen wird, wenn die medizinische oder berufliche Rehabilitation nicht indiziert ist. Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Betroffenen nur im Falle einer positiven Prognose bezüglich der Wiederherstellung ihrer Arbeitsfähigkeit Rehabilitation erfahren - nach dem Motto: „Wir übernehmen, wenn es sich lohnt“. Für psychisch erkrankte Menschen erweist sich diese Orientierung als schwierig, denn die Einschränkungen, die mit einer psychischen Erkrankung einhergehen können, lassen sich nicht nur auf den Arbeitsbereich beschränken.

Menschen, deren Teilhabe am Arbeitsleben wenig Aussicht hat, werden nicht mehr in Hinblick auf die Inklusion gefördert und bleiben somit neben der ohnehin vorhandenen Ausgrenzung mit wenig Selbstbestimmung und Gleichberechtigung am Rande der Gesellschaft.

Kahl (2015) betont, dass auch die Komplexität des Rehabilitationssystems sich als problematisch erwiesen habe. Durch die Trennung von medizinischer, beruflicher und sozialer Rehabilitation sind die Rechtsgrundlagen unübersichtlich, sodass die Betroffenen sich ohne professionelle Unterstützung kaum zurechtfinden. Dies führt zu weiterem mangelnden Zugang zu den Rehabilitationsleistungen sowie zu weiterer Einschränkung der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.

Bereits das SGB IX alt forderte Rehabilitationsträger auf, die lang andauernden Konflikte bezüglich der Zuständigkeit sowie Doppelbegutachtungen zu Lasten der Leistungsberechtigten zu vermeiden und ein System „wie aus einer Hand“ zu schaffen. Die im Gesetz enthaltenen Bestimmungen zur Koordination und Kooperation der Leistungen sind von den Kostenträgern nur teilweise oder gar nicht umgesetzt worden (Fuchs, 2017).

Die individuellen Einschränkungen von Menschen mit Behinderung sind für den Anspruch auf Rehabilitationsleistungen ausschlaggebend. Die gesellschaftlichen Bedingungen hingegen werden im SGB IX alt nicht berücksichtigt (Kahl, 2015). Im Jahr 2010 betonte die BAR, dass die Grunderkrankung und die damit verbundenen Funktionsstörungen jedes Einzelnen entscheidend für die Festlegung der Rehabilitationsmaßnahme seien. Weiterhin stehen somit die Defizite bzw. die Diagnose im Vordergrund, ohne dass das bio-psycho-soziale Modell der ICF mit den Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft und Individuum berücksichtigt wird (BAR, 2010). Kastl (2014; zitiert nach Kahl, 2015). weist darauf hin, dass auch psychische Phänomene der Betroffenen, wie etwa Angst, Depression oder Beeinträchtigungen, diese durch die Medikamenteneinnahme daran hindern, die verfügbaren Teilhabeangebote in der Umgebung zu nutzen. Eine Einladung zum Stadtteilfest wird z. B. die Probleme eines Menschen mit Panikattacken in der Öffentlichkeit nicht lösen. Umso mehr besteht die Notwendigkeit, individuelle Unterstützungen bezüglich der Anliegen des psychisch erkranken Menschen zu organisieren, um seine Teilhabe zu optimieren (Kahl, 2015).

Rehabilitative Prozesse können nur dann gelingen, wenn die Lebenswelt des Betroffenen in die Teilhabeplanung miteinbezogen wird. Außerdem richtet sich die Rehabilitation nicht auf die Symptommilderung, sondern vielmehr auf den Umgang mit den funktionellen Einschränkungen sowie die soziale Perspektive (Jäckel, Hoffmann und Weig, 2010).

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Details

Seiten
40
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668679221
ISBN (Buch)
9783668679238
Dateigröße
683 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417974
Institution / Hochschule
Fachhochschule der Diakonie GmbH
Note
2.0
Schlagworte
Teilhabe Inklusion ICF

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