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Bollywood - Einblicke in den populären indischen Film

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 26 Seiten

Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Kulturelle und religiöse Hintergründe und Einflüsse
1.1 Religion und Mythologie
1.2 Theater, Tanz, Musik und Malerei

2 Filmgeschichte
2.1 Von den Anfängen bis in die 20er Jahre
2.2 Vom ersten Tonfilm bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs
2.3 Von der Unabhängigkeit Indiens bis Ende der 60er –
Das Goldene Zeitalter
2.4 Die 70er und 80er Jahre
2.5 Indischer Film in den 90er Jahren

3 Typisch Bollywood – Was die Produkte aus Bombays Filmfabrik ausmacht
3.1 Masala- und Formula Film
3.2 Tanz und Musik
3.3 Die Figuren in den Filmen
3.3.1 Männliche Figuren
3.3.2 Weibliche Figuren und das Frauenbild

4 Der Hindifilm und die indische Gesellschaft
4.1 Das Starsystem
4.2 Tradition und Moderne

5 Schlussbemerkung

6 Literatur

0 Einleitung

Der Begriff Bollywood als Bezeichnung für das indische Kommerzkino tauchte zum ersten Mal in den 80er Jahren in dem indischen Filmmagazin Cineblitz auf (Alexowitz, 2003, S.18). Seitdem werden die populären Filme, die in Bombay (bzw. nach dessen Umbenennung in Mumbai) produziert wurden mit diesem Spitznamen, der eine Mischung aus den Wörtern B ombay und H ollywood darstellt, benannt – ob nun mit positiver oder negativer Konnotation. Im Jahre 2001 fand dieser Terminus mit seiner Eintragung in das Oxford English Dictionary letztlich die offizielle Anerkennung der englischen Sprachwelt (Ganti, 2004, S.2). Das Bollywood- oder auch Hindikino ist demzufolge ein Bestandteil der englischsprachigen und damit westlichen Kultur geworden.

In Indien selbst hat der Film und speziell der Mainstreamfilm aus Bombay eine lange Erfolgslaufbahn hinter sich. Nachdem das Medium vor mehr als 100 Jahren durch Vorführungen von Aufnahmen der Brüder Lumière auf dem Subkontinent eingeführt worden war, wurde es zum Massenmedium und zur beliebtesten Freizeitbeschäftigung der indischen Bevölkerung aller Klassen. Millionen von Zuschauern sehen täglich in den ca. 12.000 Abspielstätten die beliebten Filme. Indien produziert jährlich an die 800 Kinofilme, von denen 150 bis 200 von der Filmindustrie in Bombay hergestellt werden. Die Beliebtheit und Masse der Filme in allen Erdteilen macht den Hindifilm zum meistgesehenen Film der Welt (Alexowitz, 2003, S. 17).

Die vorliegende Arbeit wird sich näher mit dem Phänomen Bollywood beschäftigen.[1] Fragen nach den kulturellen und religiösen Hintergründen und der Filmgeschichte sowie nach den typischen Merkmalen und der Rolle dieser Filme in der indischen Gesellschaft sollen beantwortet werden.

1 Kulturelle und religiöse Hintergründe und Einflüsse

1.1 Religion und Mythologie

Schon allein wegen seiner territorialen Größe ist Indien ein Land, das von vielen Gegensätzen und Unterschieden geprägt ist, welche religiöser, ethnischer, linguistischer und regionaler Art sind. In Indien leben mehr als 1 Milliarde Menschen, es gibt mehr als 1.600 Sprachen bzw. Dialekte (davon 18 offizielle) und verschiedene Konfessionen (82 % Hindus, 12 % Moslems, 1 % Buddhisten, 1 % Sikhs, 0,5 % Jainas und 3,5 % andere, vor allem Christen, Baha'i, Parsen) (Wikipedia, 2005). Die indische Kultur ist geprägt vom Zauber der Geschichten. Die Bollywoodfilme sind in der Lage eine multikulturelle, kosmopolitische Atmosphäre zu erschaffen, in der die gravierenden Unterschiede überwunden werden (Alexowitz, 2003, S. 19-21). Sie beziehen sich auf die gemeinhin bekannten großen Epen der indischen Kultur und wurden vor allem durch die Theatertraditionen des Landes geprägt. Das Leben in Indien ist hauptsächlich durch die religiösen und musikalischen Traditionen geprägt. Eine kulturelle, sprachliche und politische Annäherung der Menschen in Indien wurde ermöglicht, da die Filme in der von einer Großzahl der Bevölkerung gesprochenen Sprache Hindi (ein Drittel) präsentiert werden und auch, weil in ihnen Gesang, Tanz und Musik als übergreifende Elemente verwendet werden. Außerdem trägt auch die Verbindung von Bildern und Symbolen aus traditionellen regionalen Kulturen mit modernen westlichen Themen und dem aktuellen Zeitgeschehen in Land und Gesellschaft zum einigenden Charakter des Kinos aus Bollywood bei (Alexowitz, 2003, S. 21-25).

Die Einflüsse der indischen Mythologie sind auf die zwei großen, Jahrtausende alten Epen – das Mahabharata und das Ramayana – zurückzuführen. Im Hinduismus[2] gibt es unzählige Götter und Halbgötter, die allerdings mit typisch menschlichen Eigenschaften ausgestattet sind. „Sie sind eifersüchtig und verliebt, streiten, spielen, kämpfen, kennen Rachsucht und Versöhnung.“ (Wenner, 2002, S. 23) Die Menschen in Indien wachsen mit den Geschichten aus den beiden Epen auf. Im Mahabharata werden Geschichten von Göttern, Helden, und Heiligen erzählt. Diese beinhalten den ständigen Kampf von Gut gegen Böse. In diesem Epos geht es vor allem um menschliche Dramatik, tiefen Pathos, tragische Begegnungen und das Bewusstsein unentrinnbaren Schicksals. Einzelne Nebenhandlungen, die von Liebe, Hass und Intrigen gekennzeichnet sind, erweitern das Mahabharata um weitere Dimensionen. Auch im Ramayana wird der Konflikt zwischen Gut und Böse im Kampf der Götter gegen die Dämonen dargestellt. Es geht darin vor allem um Ideale wie Ehre, Mut und Loyalität (Alexowitz, 2003, S. 27-28). Beide Epen sind also Kompendien der Abenteuer- und Leidensgeschichten von Göttern und Menschen, welche mit moralischen und philosophischen Überlegungen und Darlegungen durchsetzt sind. Historisch dienten diese zur individuellen und gesellschaftlichen Orientierung und Aufrechterhaltung bzw. Konservierung der hochdifferenzierten indischen Gesellschaft (Uhl/Kumar, 2004, S. 30). In den Filmen werden Geschichten und Themen aus den beiden Nationalepen immer wieder verarbeitet. Sie sind moralische Lehrstücke (Uhl/Kumar, 2004, S. 20). Meist sind sich auch die Zuschauer der kommenden Handlung bewusst, da diese oftmals den bekannten Erzählungen entspricht. Auch das obligatorische Happy End lässt dem Handlungsverlauf der Filme nur beschränkte inhaltliche Entwicklungsmöglichkeiten. Relevanz hat vor allem die Präsentation des Handlungsablaufes (Wenner, 2002, S. 25).

Die Bollywoodfilme werden außerdem vom Grundprinzip des Dharmas beeinflusst. Dharma ist die wichtigste Kategorie der indischen Religionen und Morallehren. Es ist die Grundlage und Norm des Verhaltens der Menschen in der Hindi-Gesellschaft (Freitag u.a., 1997). Unter Dharma wird `Gesetz des Lebens` verstanden. In dem Wort wird eine Vielfalt von Begriffen vereinigt: Pflicht, Ordnung, Recht, Gesetz (der Menschen und des Universums), Brauch, Ethik, Gerechtigkeit, Tugend, Verdienst, religiöse oder moralische Regeln, Beschaffenheit einer Sache, wesentliche Eigenschaften, charakteristischer Zug, entscheidendes Element. Für den Menschen bedeutet Dharma Selbsterkenntnis, Vollkommenheit im äusseren sowie im inneren Leben und somit die Verwirklichung des Göttlichen. Die Wahrheit des Dharmas gilt im Allgemeinen für alle Menschen, unabhängig von deren Religion, Glauben oder Kaste (Albohair, 17.05.2004, S. 1). Es ist auch eine heilige Pflicht oder eine Verhaltensnorm, die von jedem Individuum abhängig von und entsprechend seines sozialen Ranges, seiner Altersstufe oder seiner Verwandtschaftsbeziehungen erwartet wird. Deshalb müssen beispielsweise die Söhne den heiligen Pflichten von Söhnen oder Mütter den heiligen Pflichten von Müttern folgen. Dies stellt sich in den Filmen in der stereotypen Darstellung der unterschiedlichen sozialen Rollen dar. Familien sind in den Hindi-Filmen von besonderer Bedeutung, auch im Zusammenhang mit dem Prinzip des Dharmas: „Every film ultimately evolves (devolves) into family relations being established, mended, soldered, or avenged via the performance of dharma.“ (Nayar, 2003, S 10).

1.2 Theater, Tanz, Musik und Malerei

Weitere Einflüsse auf das Medium sind auf einige der wichtigsten Elemente der fünftausendjährigen Kultur des Landes zurückzuführen: Theater, Tanz, Musik und Malerei. Die Grundlagen der visuellen Kultur des heutigen Indiens sind in der Entwicklung der urbanen Lebensweise des 19. Jahrhunderts auffindbar. In dieser Zeit der Verstädterung fanden vor allem die verschiedenen Theatertraditionen Eingang in den Film. Dabei handelt es sich um das Sanskrittheater, das Volkstheater und das Parsentheater (Uhl/Kumar, 2004, S. 27-28). Von primärer Bedeutung für alle diese Darstellungsformen und deren Struktur ist das Heilige Buch der Dramaturgie, welches zwischen 200 v.Chr. und 200 n.Chr. entstanden sein soll. Es enthält die ästhetische Lehre von den Gemütsstimmungen. Das Drama sollte eine Unterhaltungsform sein, die allen Menschen zugänglich ist und in dem die verschiedenen Emotionen dargestellt werden. Durch die Präsentation unterschiedlicher Situationen sollte allen Menschen Mut, Unterhaltung, Glück und Rat geboten werden. Es beinhaltet auch die Regel des Happy Ends, was bedeutet, dass in einem Drama alle Konflikte harmonisch gelöst werden sollen und dieses nicht mit der Niederlage oder dem Tod eines Helden enden soll – der Held triumphiert über alle Widrigkeiten. Zu den grundlegenden Elementen eines Dramas gehören die Rasas, welche Handlung und Inhalt eines Stückes beherrschen und einfühlsam und kunstvoll menschliche Gefühle reflektieren (Alexowitz, 2003, S. 36). In einer perfekten Vorstellung muss eine ganze Skala von Gefühlen evoziert werden. Die wichtigsten 9 Rasas sind: Liebe, Komik, Traurigkeit, Heldentum, Schrecken, Ekel, Wut, Wundersames und Friedvolles (Wenner, 2002, S. 25). Somit sind die Rasas das Schlüsselkonzept der klassischen indischen Ästhetik, welche das Zentrum der Drama-Erzählstruktur bilden. Da es sich bei der Rasa-Theorie um einen gattungsübergreifenden Ansatz handelt und immer verschiedene Rasas in die Handlungsstränge eingeflochten werden, können Hindifilme auch nicht exakt nach Genres klassifiziert werden, wie das bei den Produkten aus Hollywood der Fall ist (Alexowitz, 2003, S. 37).

Mit der Entstehung des Sanskrittheaters etwa um 100 v.Chr. begann die indische Theatertradition. Aus dem Fundus von Mythologie und Religion wurden aufwendige nichtrealistische Tanzdramen erarbeitet und aufgeführt, die sehr auf das Element des Spektakels ausgerichtet waren. Das Sanskrittheater gehört zu den reichsten, elaboriertesten und elitärsten Ausdrucksformen der Inder (Uhl/Kumar, 2004, S. 28). In Konkurrenz zu diesem Theater entwickelte sich das Volkstheater, welches eine populärere Variante der klassischen Tradition darstellt. Dieses Theater bediente sich auch des Tanzes und des Gesanges sowie realistischerer Darsteller, um breitenwirksam zu unterhalten. Es löste letztlich das Sanskrittheater ab (Alexowitz, 2003, S. 37-38). Im 19. Jahrhundert entstand dann das Parsentheater, welches von eingewanderten Persen begründet wurde, und erreichte große Popularität. Die Aufführungen bestanden aus Gesang, Musik, Humor, schneidigen Dialogen, spektakulären Einlagen und beeindruckender Bühnentechnik (Uhl/Kumar, 2004, S. 28-29). Der schematische Aufbau von Romanzen, die vom Parsentheater aufgeführt wurden, entspricht dem heutiger Bollywoodfilme: „Ein Paar verliebt sich, Hindernisse und Missverständnisse tauchen auf, am Ende erfolgt in letzter Minute das kategorische Happy End.“ (Alexowitz, 2003, S. 38-39). Auch die Figuren und deren Darstellung haben Eingang in das Kino gefunden. Holzschnitthafte und stereotype Charaktere werden eingesetzt, mittels `Overacting` werden Gemütszustände übersteigert durch überschießende Gestik und Mimik dargestellt (Uhl/Kumar, 2004, S. 29). Charakteristisch für das Parsentheater ist, dass „Localized narratives drawn from the epics would be combined with music and mise-en-scènes that reflected both the traditional (the bucolic, the pastoral) as well as the modern (the urban street).” (Mishra, 2002, S. 8). Weiterhin waren Produktionen “marked by great verve and experimentation, enthusiasm for the form, and generally creative eclecticism” (Mishra, 2002, S. 8). Als das Kino Indien erreichte, waren es anfangs vor allem die Manager der Parsentheater, welche die ersten Filmfirmen gründeten, um ihren Erfolg auf der Bühne mit dem auf der Leinwand auszubauen. Dieses Theater lieferte dem Film auch reiche Quellen an „a ready made repertoire of narratives, themes, and dialogues“ und zusätzlich bediente sich dieses neue Medium an „the manner in which Parsi theater creatively combined its borrowings“ (Mishra, 2002, S. 8-9).

Tanz und Musik sind nicht nur Hauptbestandteile des Kinos aus Bollywood, sondern auch der indischen Kultur. Beide sind untrennbar mit dem Drama verbunden. Vor allem der Tanz wird als heilige Handlung betrachtet. Nach dem indischen Glauben ist der Tanz älter als die Erde, da der kosmische Tänzer Shiva selbst von Anbeginn an da war. Der Tanz steht für die Energie, die alles erschafft, verwandelt und belebt. Historisch war das Tanzen vor allem den Devadasis, den Dienerinnen der Götter, vorbehalten, welche dafür ausgebildet waren, ein asketisches Leben führten und nur in Tempeln tanzten, denen sie geweiht worden waren. Als die Religion an Bedeutung verlor und die tanzenden Mädchen zum Spielzeug der reichen Maharajas und der britischen Kolonialherren wurden, veränderte sich ihre Rolle in der Gesellschaft und die einst hoch angesehenen Tempeltänzerinnen gerieten in den Ruf von Prostituierten. Der Tanz wurde verweltlicht (Destination Asien, 04.01.2005). Bis in die 70er und 80er Jahre spielten `gefallene Frauen´ die erotischen Tanzparts in den Bollywoodfilmen und der Tanz an sich hatte einen relativ niedrigen Status. Im Laufe der Zeit hat die Filmindustrie, welche sich des Tanzes als elementarem Bestandteil der Hindifilme bedient, um beispielsweise die Emotionalität zu verstärken, dem Tanz zu neuem Ruhm und Ansehen verholfen (Alexowitz, 2003, S. 83-84). Mittlerweile sind die Tanzeinlagen aus den Filmen nicht mehr wegzudenken.[3] Dazu gehört natürlich auch die Musik, ohne die ein Film nicht machbar ist. Auch sie hat eine bedeutende Rolle in der Kultur Indiens – in religiösen und alltäglichen Kontexten. Festliche Ereignisse sind immer mit Musik verbunden. Die Kinomusik selbst hat ihre Wurzeln in der volkstümlichen Unterhaltungsmusik. Bei der Hintergrundmusik bedient man sich der abendländischen Kultur und setzt oft Orchestermusik ein (Uhl, Kumar, 2004, S. 30).

[...]


[1] An dieser Stelle ist ein klarer Trennungsstrich zwischen den Produkten aus Bombay und anderen regionalen indischen Filmen und auch den künstlerischen Arbeiten der indischen Filmwelt zu ziehen, welche nicht in diese Abhandlung einbezogen sind.

[2] Der Hinduismus kann nur schwer als einheitlicher Glaube angesehen werden, er kennt eine Vielzahl von Ausdrucksformen und bevorzugten Gottheiten je nach Region und sozialem Status der Gläubigen. Gemeinsam ist diesen Ausdrucksformen aber der Glaube an eine ewige Ordnung, in die sich auch der Mensch durch gewissenhafte Erfüllung der unterschiedlichen Pflichten, die ihm seine eigene Kaste vorschreibt, zu fügen hat, sowie die Lehre vom Karma und von der Wiedergeburt (Betz, 1997).

[3] Filme ohne Gesangs- und Tanzeinlagen gehören größtenteils dem „parallel cinema“, einer eher künstlerischen Ausprägung des indischen Kinos an.

Details

Seiten
26
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783638399876
ISBN (Buch)
9783656203629
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41795
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg – Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften
Note
2
Schlagworte
Bollywood Einblicke Film

Autor

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Titel: Bollywood - Einblicke in den populären indischen Film