Lade Inhalt...

Identitätsbildung von Mädchen im Zeitalter sozialer Medien

Hausarbeit 2016 22 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Hinführung und Zielsetzung
1.2 Vorgehensweise und Anmerkungen

2. Selbstdarstellung und Schönheitsverständnis im Internet
2.1 Selbstdarstellungswunsch des Menschen
2.1.1 Natürliches Selbstdarstellungsbestreben
2.1.2 Selbstdarstellungswunsch in der Pubertät
2.1.3 Gründe für die Selbstdarstellung im Internet
2.2 Schönheitsverständnis im Medienkontext
2.2.1 weibliche Schönheitsideale im Allgemeinen
2.2.2 Darstellung von Schönheit im Internet
2.3 Identitätsbildung im Medienkontext
2.3.1 Einflüsse auf die Identitätsbildung
2.3.2 Identitätsbildung im Internet
2.4 Zusammenführung der Erkenntnisse

3. Bewertende Zusammenfassung
3.1 Stellenwert der Problematik
3.2 Aktuelle Beispiele zur Lösung der Problematik

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Instagram-Post von Essena O’Neill

Abbildung 2: „You look disgusting“ ohne Make-Up

Abbildung 3: „You look disgusting“ mit Make-Up

Abbildung 4: Blogilates, Kommentare zum Schönheitsideal

1. Einleitung

1.1 Hinführung und Zielsetzung

“Maybe I should cover up my blemishes so people will like my appearance. Maybe I should straighten and redye my hair so I’ll get more likes. Maybe I should stuff my bra so I appeal more sexualized. Maybe I should pay more attention to my clothes so they appeal to mass media. Maybe I should spend hours and dollars on perfection myself so you will like me.

[...] Our youth is obsessed with a 2D-world. It’s consuming us.” (O’Neill, 2015)

Essena O’Neill ist 15 Jahre alt, als sie anfängt Bilder von sich auf Plattformen wie Instagram oder Facebook zu verbreiten. Ihr Traum und Ziel ist es, als Model bekannt zu werden und Anerkennung für ihr Aussehen zu bekommen.

Im Oktober letzten Jahres beschließt die nun 19-jährige diesem Traum ein Ende zu bereiten. Zu dem Zeitpunkt hat sie über eine halbe Million Follower auf Instagram, verdient sich ihren Lebensunterhalt mit bezahlten Produktplatzierungen und Sponsorings und steht bei der größten Model-Agentur Australiens unter Vertrag (Horchert, 2015). Sie löscht den Großteil ihrer Bilder, ändert bei anderen die Bildbeschreibungen in Erklärungen darüber, was wirklich hinter diesen Fotos steckt (siehe Zitat und Abb. 1) und benennt ihren Account in “Social Media is not Real Life” um. Zudem lädt sie ein YouTube Video hoch, in dem sie erklärt, wie sehr sie sich von Likes und Abonnentenzahlen abhängig gemacht hat. Dieses ist mittlerweile nicht mehr online, es gibt allerdings einen „Mirror-Upload“ der über 1,5 Millionen Mal aufgerufen wurde (iKaryn, 2015).

An der Präsenz dieses Falls in den Medien und dem Interesse an Essena O’Neill erkennt man, dass die Thematik der Selbstdarstellung junger Frauen über soziale Netzwerke ein aktuelles und wichtiges Problem ist. Soziale Medien erhalten eine immer größere Bedeutung im Leben der heutigen Jugend. Sie setzen sich in dieser wichtigen Entwicklungsphase aktiv einem Druck aus, dem viele nicht standhalten können.

Aufgrund der Aktualität dieses Themas stellt sich also die Frage, in wieweit diese Selbstdarstellung im Internet gepaart mit dem existierenden Schönheitsdruck die Identitätsbildung von jugendlichen Mädchen beeinflussen kann.

Im Verlauf dieser Arbeit soll diese Frage beantwortet werden und der Stellenwert des Internets in der Entwicklung der Identität von jungen Frauen im 21. Jahrhundert diskutiert werden.

1.2 Vorgehensweise und Anmerkungen

In der folgenden Argumentation wird zunächst das natürliche Bedürfnis des Menschen nach Selbstdarstellung im allgemeinen und anschließenden die Besonderheiten dieses Phänomens in der Lebensphase der Pubertät analysiert. Dadurch soll eine Grundlage geschaffen werden, um im folgenden Abschnitt die Gründe für eine Selbstinszenierung über soziale Netzwerke zu betrachten. Es werden so zunächst die allgemeinen Motive der Jugendlichen für ihre Aktivitäten im Internet erklärt und analysiert.

Das nächste Kapitel beschäftigt sich mit dem Phänomen des weiblichen Schönheitsideals und dessen Ausprägung im Internet, sowie der Art und Weise, wie Schönheit in sozialen Netzwerken dargestellt wird. Zur Veranschaulichung wird an dieser Stelle das eingangs erwähnte Fallbeispiel von Essena O’Neill diskutiert. Auch die Frage, warum sich gerade Mädchen stark an Vorbildern und Schönheitsidealen orientieren, wird hier beantwortet.

Um im Folgenden festzustellen, ob diese Art und Weise, Schönheit und erstrebenswerten Lebensstil über soziale Netzwerke zu kommunizieren einen Einfluss auf die Entwicklung von Jugendlichen hat, wird betrachtet, welche Einflussgrößen es für die Identitätsbildung in der Pubertät überhaupt gibt. Aus diesen Erkenntnissen wird dann die Bedeutung des Internets für diese Entwicklungsphase abgeleitet.

Nach der Zusammenführung aller gewonnen Erkenntnisse erfolgt eine bewertende Zusammenfassung, um die Relevanz der Thematik einordnen zu können. Der letzte Abschnitt dieser Arbeit widmet sich positiven Beispielen, mit der Problematik der Darstellung von Schönheit und Identität im Internet umzugehen. Sie dienen als Anreiz, mehr präventive Arbeit zur Erzeugung eines Bewusstseins für dieses Thema und zu mehr Offenheit in Bezug auf kommunizierte Schönheit zu erreichen.

Beim Lesen der folgenden Argumentationen ist zu beachten, dass in dieser Arbeit vordergründlich auf die Einflüsse auf weibliche Jugendliche eingegangen wird. Bei Jungen lassen sich zwar ähnliche Tendenzen zur Selbstdarstellung über soziale Medien feststellen, jedoch sind diese bisher weniger erforscht und weisen in ihren Ausprägungen Unterschiede zum anderen Geschlecht auf. Auch die Einflüsse anderer Medien, wie Printmedien oder dem Fernsehen sollen in dieser Arbeit nicht thematisiert werden.

2. Selbstdarstellung und Schönheitsverständnis im Internet

2.1 Selbstdarstellungswunsch des Menschen

2.1.1 Natürliches Selbstdarstellungsbestreben

Um das Bestreben des Menschen zu verstehen, sich selbst zu inszenieren und die Meinungen anderer aktiv zu steuern, ist es hilfreich, einen Blick auf die Etymologie des Begriffs „Person“ zu werfen. So findet sich dessen Ursprung im lateinischen Wort „persona“, was im antiken Theater die Maske bezeichnete, die der Schauspieler zur Unterstützung der Darstellung seiner Rolle trug (Asendorpf und Neyer, 2012, S. 215). Auch Begriffe wie Charakter oder Rolle, die oft mit dem Menschen und seiner Persönlichkeit in Verbindung gebracht werden, werden mit dem Bedeutungsbereich des Theaters assoziiert. Schon die Herkunft dieser Worte lässt demnach darauf schließen, dass der Mensch stets bestrebt ist, seine eigene Identität nach außen zu tragen und zu inszenieren. Er stellt sich so dar, wie er glaubt zu sein und wie er von anderen wahrgenommen werden möchte.

Der Mensch ist allerdings in den Rollen, die er für sich als sozial interagierendes Individuum (Homo sociologicus) einnehmen muss, inkonsistent (Dahrendorf, 2007, S.28 f). Je nachdem, in welchem gesellschaftlichen Umfeld er sich befindet, muss er anders auf Mitmenschen eingehen, andere Werte und Normen respektieren und sein Verhalten demnach der jeweiligen, einzunehmenden sozialen Rolle anpassen. Das führt dazu, dass es ihm in vielen Situationen schwerfällt, sein Selbstkonzept in Übereinstimmung mit den Erwartungen, die durch sein Umfeld an ihn gestellt werden, zu bringen (Dahrendorf, 2008, S.29 ff.). Aus diesem Dilemma heraus, ergibt sich das Bestreben, das Selbstkonzept durch andere bestätigen zu lassen und den Eindruck anderer von der eigenen Person aktiv zu steuern (Leary und Kowalski, 1990, 34 ff.).

So ist ein Grund für das Selbstdarstellungsbestreben des Menschen der sogenannte Konsistenzaspekt der Selbstdarstellung. Das Individuum erhofft sich, durch Andere in seinem Verständnis von sich selbst bestätigt zu werden und so eine innere Konsistenzerhöhung zu erzielen (Asendorpf und Neyer, 2012, S.216). Die eigene Inszenierung ist hier also im Wesentlichen der Versuch das Selbst- und das Fremdbild aneinander anzunähern.

Eine andere Erklärung ist die Erhöhung des wahrgenommenen Selbstwertes. Dahinter steht der Versuch ein niedriges Selbstwertgefühl durch eine positive Selbstdarstellung auszugleichen (Jones und Pittman, 1982, zitiert nach Asendorpf und Neyer, 2012, S. 216). Das Individuum verfolgt das Ziel, andere dazu zu bringen, ihm zu schmeicheln und dadurch seinen Selbstwert zu erhöhen.

Eine ähnliche Unterscheidung von Motiven für die Selbstdarstellung nimmt der Sozialpsychologe Robert M. Arkin (1982, zitiert nach Asendorpf und Neyer, 2012, S.216) vor. In seinen Forschungen unterscheidet er zwischen dem akquisitiven Selbstdarsteller, der durch sein Verhalten eine positive Bewertung durch das soziale Umfeld erreichen möchte (Motiv: “Hoffnung auf Erfolg”) und dem protektiven Selbstdarsteller, der hingegen versucht, möglichst wenig Angriffsfläche für negative soziale Bewertung zu erzeugen (Motiv: “Furcht vor Misserfolg”) (Arkin, 1982, zitiert nach Asendorpf und Neyer, 2012, S.216).

Ausgelöst durch diese Motive, ergibt sich das natürlich Bestreben des Menschen zur Selbstdarstellung und Meinungssteuerung.

2.1.2 Selbstdarstellungswunsch in der Pubertät

Jugendliche beginnen, vor allem auf Grund der physischen Veränderungen im Verlauf der Pubertät, sich immer mehr mit ihrem eigenen Körper, ihrer Identität und ihrem seelischen Zustand zu beschäftigen und diesen differenzierter wahrzunehmen und zu analysieren (Bischof-Köhler, 2011, S.405).

Auch die Meinung anderer Menschen über sie und damit einhergehend ihre Wirkung auf das soziale Umfeld, gewinnt zunehmend an Bedeutung (Pinquart und Silbereisen, 2000, zitiert nach Oerter, 2006, S.179). Die kritische Auseinandersetzung mit der Identität und der Persönlichkeit führt zu einer ersten Differenzierung zwischen dem Real- und dem Idealbild der eigenen Person (Pinquart und Silbereisen, 2000, zitiert nach Oerter, 2006, S.179). Es entsteht durch dieses Bewusstsein für den Ist-Zustand des Selbst und den angestrebten Ideal-Zustand ein neues Selbstkonzept der eigenen Persönlichkeit und eine Motivation, diese nach außen zu kommunizieren (Pinquart und Silbereisen, 2000, zitiert nach Oerter, 2006, S.179).

Zusätzlich beginnt der Jugendliche die Authentizität seiner Persönlichkeit und seiner Handlungen zu hinterfragen. Er lernt, den Unterschied zwischen wahrem, dem eigenen Charakter und der Persönlichkeit entsprechendem und vorgetäuschtem, nicht authentischem Verhalten zu erkennen.

Aus diesen Entwicklungen heraus bildet sich in der Pubertät der Wunsch, die gewonnenen Erkenntnisse über die Identität und das Selbstkonzept an eine Peergruppe (Gruppe Gleichaltriger oder Gleichartiger) zu kommunizieren (Oerter, 2006, S.186). Diese Peergruppe agiert als eine Art Publikum, welches die Selbstdarstellung des Jugendlichen bewertet und ihm das Gefühl gibt, im Mittelpunkt zu stehen (Oerter, 2006, S.186).

2.1.3 Gründe für die Selbstdarstellung im Internet

Das Internet bietet jungen Mädchen durch die sozialen Medien eine Vielzahl neuer Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Sei es das Schreiben eines Blogs, das Drehen von YouTube-Videos, das Hochladen von Bildern auf Instagram oder ganz einfach die Darstellung der eigenen Person bei Facebook.

Schon Mitte der Fünfzigerjahre verwiesen die Soziologen Davis Riesman, Nathan Glazer und Reuel Denney (1956, S.48 ff.) auf den Wandel vom innengeleiteten zum außengeleiteten Ich. Der Mensch bewegt sich demnach immer mehr davon weg, nach eigenen Werten und Normen zu handeln, sondern orientiert sich viel mehr am Verhalten der “breiten Masse” und an selbst gewählten Vorbildern.

In Zeiten der grenzenlosen Vernetzung über soziale Medien nimmt dieser Gedanke neue Dimensionen an. Es ist uns möglich, sofort eine Reaktion und im Spezielleren auch eine Bestätigung unserer Gefühle, Gedanken oder Erlebnisse durch das soziale Umfeld zu erhalten (Turkle, 2011, S. 302). Der Mensch begibt sich immer mehr in eine Abhängigkeit zu dieser Bestätigung und sucht bewusst Selbstdarstellungsmöglichkeiten über das Internet (Turkle, 2011, S.302).

Der Begriff der “proteischen Persönlichkeit” (inspiriert vom griechischen Gott Proteus, der der durch Gestaltwandlung den Fragen der Menschen zu entgehen versuchte) beschreibt die gesellschaftliche Entwicklung zu einer inkonsistenteren Persönlichkeit. Dabei geben Menschen vor, jemand anderes zu sein, oder zumindest besser zu sein, als sie es eigentlich sind (Lifton, 1999, S.1 f.). Diese Formulierung lässt sich auch auf den vernetzten Menschen des 21. Jahrhunderts, die sogenannte “Generation Y”, beziehen (Rifkin, 2000, zitiert nach Mai und Rettig, 2011, S. 375) Dies verdeutlicht, dass den Menschen durch die Möglichkeiten der Selbstdarstellung im Internet immer weniger ein spezifischer Charakter zuzuordnen ist. Viel mehr verkörpert der Mensch mit “protheischer Persönlichkeit” verschiedenste Rollen und beeinflusst so die Wirkung auf das soziale und vor allem das digitale Umfeld (Rifkin, 2000, zitiert nach Mai und Retting, 2011, S. 375 f.).

Bei der Selbstdarstellung über das Internet wird die Darstellung der eigenen Person möglichst nah an das persönliche Ideal-Selbst angenähert (Wang, 2012, S.305).

Diese Erkenntnisse und die Tatsache, dass mit Hilfe des Internets eine größere Peergruppe zur Kommunikation der Identität zur Verfügung steht (siehe 2.1.2), bilden die Gründe jugendlicher Mädchen für die Selbstdarstellung über dieses Medium (Wang, 2012, S.305).

2.2 Schönheitsverständnis im Medienkontext

2.2.1 weibliche Schönheitsideale im Allgemeinen

Frauen definieren sich, im Vergleich zu Männern, schon immer mehr über ihr Äußeres. Bereits als junge Mädchen werden sie darin bestärkt, ihren Selbstwert und ihre Identität über die eigene Attraktivität und Schönheit zu definieren (Orbach, 2016, S.39). Dabei kommt es oft dazu, dass sich Mädchen und Frauen eher so betrachten, als wären sie ein Objekt, um besser kritische Urteile über den eigenen Körper fällen zu können (Berger, 1972, zitiert nach Orbach, 2016, S.39). Sie begeben sich dabei in eine Beobachter-Position um sich selbst von einer außenstehenden Perspektive zu beurteilen.

Eine Begründung für die starke Ausprägung dieses Phänomens bei Mädchen ist der anerzogene Körperscham. Dadurch, dass Mädchen eher zu „Genierlichkeit und Zurückhaltung“ erzogen werden (Estor, 2004, zitiert nach Mundlos, 2011, S.22 f.) und sie vorwiegend durch subtile Beschämungstechniken auf Missverhalten hingewiesen werden (im Gegensatz dazu wird Missverhalten bei Jungen eher direkt thematisiert), entwickeln sie ein unscharfes Selbstbild und ein Gefühl der Unzulänglichkeit (Estor, 2004, zitiert nach Mundlos, 2011, S.24). Durch die subtilen Beschämungsmethoden der Eltern wird zusätzlich ein Trennungsgefühl ausgelöst (Mundlos, 2011, S25). Während Jungen in der Lage sind, daraus Vorteile für die eigene Selbstverantwortung und Ablösung vom Elternhaus zu ziehen, führt es bei Mädchen zu Verlustängsten (Mundlos, 2011, S.25). Dieses Dilemma liegt darin begründet, dass Mädchen durch ihre geschlechtsspezifische Erziehung stärker auf interpersonelle Aspekte fixiert sind und über ein ausgeprägteres Beziehungs- und Liebesbedürfnis verfügen (Mundlos, 2011, S.25).

[...]

Details

Seiten
22
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668670624
ISBN (Buch)
9783668670631
Dateigröße
744 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417843
Institution / Hochschule
Fachhochschule Westküste Heide
Note
1,0
Schlagworte
Identitätsbildung Social Media Influencer Jugendliche Selbstdarstellung Pubertät Schönheitsideale Internet Online Instagram YouTube

Teilen

Zurück

Titel: Identitätsbildung von Mädchen im Zeitalter sozialer Medien