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Entwicklungsethnologie und postdevolopment

Seminararbeit 2010 27 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Entwicklungsethnologie within development

1. Geschichtlicher Abriss der Entwicklungshilfe
a) Entwicklungshilfe – ein Kind der Nachkriegszeit
b) Neuere Strategien
c) Die Rolle der Weltbank
d) Neueste Trends

2. Die Rolle der Ethnologie
a) Die Entdeckung des kulturellen Faktors
b) Ethnologen in staatlicher und internationaler Entwicklungshilfe
C. Der Diskurs der Entwicklung und postdevelopment

1. Analyse des Entwicklungsdiskurses
a) Schlüsselbegriffe
b) Wie „Entwicklung“ funktioniert
c) Assimilation neuer Elemente
d) Entpolitisierung

2. Postdevelopment
a) Das Ende von „Entwicklung“
b) Alternativen zu „Entwicklung“
c) Was ist „das Lokale“?

3. Die konzeptuelle Debatte
a) Kritik
b) Reaktionen auf die Kritik

4. Fünfzehn Jahre später: ist postdevelopment Realität?
a) Ecuador, Bolivien
b) Mumbai Alliance
c) Red Enlazando Alternativas
D. Der praktische Beitrag der Ethnologie in einer postdevelopment era

1. „Antidevelopment“
a) Räume im öffentlichen Diskurs schaffen
b) Unterstützung lokaler Aktivitäten gegen Interventionen

2. Hilfreiche Konzepte zur inhaltlichen Arbeit
a) Etnodesarrollo und indigenes Wissen
b) Action Research
E. Schlussbetrachtung
F. Literaturverzeichnis 25

A. Einleitung

Als Paradebeispiel für ethnologische Arbeitsfelder ist uns Entwicklungshilfe[1] allen wohl bekannt. Ganz problemlos ist das allerdings nur auf den ersten Blick: Fachintern existiert eine Unterscheidung in Entwicklungsethnologie (Anthropology within Development), also die Beteiligung an konkreten Projekten im Rahmen einer Anstellung oder eines Forschungs- oder Gutachterauftrags bei staatlichen Entwicklungshilfeinstitutionen oder Nichtregierungs-organisationen (NRO), und Ethnologie der Entwicklung (Anthropology of Development), die lokale soziokulturelle Effekte und Rezeptionen von Entwicklungshilfe untersucht sowie deren Prämissen, Hintergründe, Diskurse, Politiken und Praktiken analysiert, hinterfragt, kritisiert. Ein zentrales Werk, das diese Thematik behandelt, ist Encountering Development. The making and unmaking of the Third World von Arturo Escobar (1995). Nach einer Analyse des Entwicklungsdiskurses, wie er von Politikern und Institutionen geführt wurde und wird, fordert Escobar „the rejection of the entire paradigm altogether“[2] und formuliert die Vorstellung einer postdevelopment era [3] – eine polemische, jedoch argumentativ fundierte Haltung, die jeden Ethnologen, der für, in, mit „Entwicklung“ arbeitet oder arbeiten will, ins Denken und ins Wanken bringen kann.

Absicht dieses Textes ist es, zunächst einen kurzen historischen Abriss der Entwicklungshilfe, ihrer aktuellen Tendenzen und Strategien, und der Rolle der Ethnologie im Rahmen dieser „klassischen“ Entwicklungshilfe zu liefern. Danach soll der Ansatz des postdevelopment anhand seiner Hauptvertreter und Kritiker diskutiert werden.

Fragen, die sich aus der Beschäftigung mit diesem Ansatz im Hinblick auf die angewandte Ethnologie ergeben können, sind folgende:

Ist „nach Escobar“ eine Tätigkeit in der klassischen Entwicklungshilfe überhaupt noch vertretbar? Oder doch…? Sind die Verhältnisse grundlegend anders ?

Und wenn dies alles nicht zutrifft: Welchen Beitrag kann die Ethnologie in einer postdevelopment era leisten? Welchen leistet sie? Welche Konzepte könnten dazu von Nutzen sein? Welche konkreten Tätigkeiten sind vorstellbar?

Der regionale Fokus dieser Arbeit liegt, aus Gründen der persönlichen Verbundenheit und der guten Verfügbarkeit einschlägiger Literaturbeispiele, auf Lateinamerika.

B. Entwicklungsethnologie within development

1. Geschichtlicher Abriss der Entwicklungshilfe

a) Entwicklungshilfe – ein Kind der Nachkriegszeit

Als US-Präsident Harry Truman 1949 sein Amt antrat, waren die internationalen Institutionen, die bald eine tragende Rolle in der Entwicklungshilfe spielen sollten (Internationaler Währungsfonds - IWF, International Bank for Reconstruction and Development – Weltbank, UNO und UNICEF) gerade aus der Taufe gehoben[4].

In seiner Amtsantrittsrede formulierte Truman die sogenannte Truman-Doktrin, die die Idee der Verbesserung der Lebensbedingungen in armen Ländern durch externe Hilfe erstmals öffentlich formuliert: „Greater production is the key to prosperity and peace. And the key to greater production is a wider and more vigorous application of modern scientific and technical knowledge”[5]. Die Bedeutung von wirtschaftlichem Wachstum und dem Gebrauch moderner Technologie im Konzept der Entwicklungshilfe ist aus dieser Rede also bereits klar ersichtlich. Die Formulierung peace-loving peoples lässt erahnen, dass es sich bei diesem Projekt nicht (nur) um Hilfe für Bedürftige, sondern um eine Strategie handelte, nach Ende des zweiten Weltkrieges den Einfluss der USA weiter zu stärken, indem strategisch wichtigen und freundlich gesonnenen Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika finanzielle und technologische Hilfe gewährt wurde[6]. Zudem trug die Entwicklungspolitik zur Konsolidierung der Vormachtstellung der USA auf dem Weltmarkt bei, da sie Exportmärkte eröffnete und den Zugang zu billigen Rohstoffen und günstigen Investitionsmöglichkeiten im Ausland erleichterte – Faktoren, die zur Entstehungszeit der ersten multinationalen Unternehmen von großer Bedeutung waren[7].

Die wissenschaftliche Fundierung der Entwicklungspolitik lieferte die sich gleichzeitig formierende Entwicklungsökonomie, die Kapital (das aus Mangel an einheimischen Ersparnissen durch externe Kredite und Investitionen beschafft werden sollte), Industrialisierung (ebenfalls nur durch Hilfe aus den „entwickelten“ Ländern möglich), größere Arbeitsteilung und intensivierten Handel sowie Entwicklungsplanung als Erfordernisse für wirtschaftliches Wachstum in Entwicklungsländern betrachtete[8].

b) Neuere Strategien

Zu Beginn der 70er Jahre zeichnete sich bereits ab, dass Modernisierung und Wachstum allein nicht zu größerem Wohlstand führten, sondern zu einer gravierenden Ungleichverteilung des Einkommens und zur Zunahme von Armut und Arbeitslosigkeit[9]. Die Kredite, die armen Ländern gewährt wurden, wandelten sich in eine immer größere Schuldenlast: Um eine Rückzahlung der Schulden zu ermöglichen, „(…) mature creditors would have had to accept imports from debtors at a scale they never did, thus worsening the debt problem“[10].

Auf dem Gebiet der Landwirtschaft war die Anfangszeit geprägt durch die Idee der green revolution – die Umgestaltung der Landwirtschaft durch Rationalisierung, Technisierung, Gebrauch chemischer Hilfsmittel und Vergrößerung der Anbauflächen (Landreformen) sowie durch staatliche Förderung ausgewählter Feldfrüchte (Subventionierung und Protektionismus)[11]. Folgen für die Mehrheit der Landbevölkerung waren Verdrängung aus den bisherigen Anbaugebieten, Landverlust und Zwang zur Lohnarbeit[12].

Als Reaktion darauf präsentierte Weltbank-Chef Robert McNamara 1973 den Ansatz des Integrated Rural Development (IRD): Kleinbauern, Pächter und Landlose sollten durch Maßnahmen der Modernisierung und Rationalisierung gezielt gefördert und in die nationalen Ökonomien eingebunden werden. Die Erfolge blieben mäßig[13].

Ein weiteres zentrales Konzept der Entwicklungspolitik wurde 1987 von der UN – World Commision on Environment and Development unter Vorsitz des damaligen norwegischen Ministerpräsidenten Gro Harlem Bruntland geprägt: das der nachhaltigen Entwicklung, das wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz als voneinander abhängige und miteinander zu vereinende Ziele betrachtet[14].

c) Die Rolle der Weltbank

1969 verpflichteten sich ein Großteil der Industrieländer im Rahmen eines UN-Ziels dazu, 0,7 % ihres Bruttosozialprodukts für öffentliche Entwicklungshilfe auszugeben[15] – ein Ziel, das bis heute nur von den wenigsten eingehalten wird[16]. Die Lenkung der Finanzströme in der Entwicklungshilfe unterliegt zum größten Teil der Weltbank und dem IWF, die sich auf diesem Wege zu den „most powerful external force(s) in economic policy-making“[17] entwickelt haben – Kredite für Länder der „Dritten Welt“ werden davon abhängig gemacht, dass diese innenpolitische Maßnahmen nach Anweisung der Kreditinstitute durchführen[18] ; darunter fallen vor allem Öffnung für den Weltmarkt (market friendly development) und Privatisierung, wobei „vorübergehende“ fallende Lebensstandards als notwendige Opfer betrachtet werden[19] (Opfer, die man natürlich nicht selbst bringt). All das wird von vielen Ländern und Beobachtern interpretiert als „western determination to impose capitalist development practices upon Third World countries“[20]. Widerstand gegen die Politik der Weltbank wurde auf lokaler Ebene, aber auch durch stimmkräftige internationale Kampagnen (Seattle, Barcelona, Genua) geleistet.

d) Neueste Trends

Auf dem Gebiet der Entwicklungsinstitutionen werden internationale Organisationen (UN, Weltbank, EU) immer wichtiger, was die Rolle bilateraler Hilfsprojekte schmälert und die ökonomischen Interessen der einzelnen Staaten schwerer durchsetzbar macht[21]. Akteure, die zunehmend an Bedeutung gewinnen, sind eine Vielzahl von NRO sowie die Privatwirtschaft im Rahmen von Entwicklungspartnerschaften mit der Wirtschaft, wie sie beispielsweise das BMZ betreibt (PPP – Public Private Partnership)[22]. Eine Bündelung der verschiedenen Kräfte wird zunehmend schwieriger und zugleich wichtiger[23]. Offizielle Schwerpunkte der deutschen Entwicklungspolitik sind daher unter anderem die Förderung der Kooperation, die Verbesserung der Einbindung von „Entwicklungsländern“ in internationale Strukturen (z.B. WTO) sowie die Förderung von Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten in diesen Ländern[24]. Die im Jahr 2000 bei einem UN-Gipfeltreffen formulierte Millenniumserklärung strebt dieHalbierung extremer Armut bis zum Jahr 2015 an[25]. Um sich diesem allzu hochgesteckten Ziel zu nähern, beschlossen die Regierungschefs der G7-Länder 1999 eine neue Strategie[26]: Ländern, die aufgrund bestimmter Voraussetzungen als HIPCs (Highly Indebted Poor Countries) anerkannt werden, wird ein Schuldenerlass gewährt –allerdings nur nach Vorlage eines PRSPs (Poverty Reduction Strategy Paper), in dem von den nationalen Regierungen unter Beteiligung der Zivilgesellschaft Strategien zur Armutsbekämpfung formuliert werden[27].

Erklärtes „Millenniumsentwicklungsziel“ ist auch der Umweltschutz[28] ; der Begriff der nachhaltigen Entwicklung ist weiterhin von zentraler Bedeutung. Die Weltbank spricht in ihrem World Development Report 2010 von „energizing development without compromising the climate“und betont die Notwendigkeit der Verbreitung von „climate-smart technology“: „The wold must ensure that technological advances find their ways rapidly to countries that have least ability to adopt them but the most need“[29].

2. Die Rolle der Ethnologie

a) Die Entdeckung des kulturellen Faktors

Entwicklungshilfe war von Beginn eine von Ökonomen und Ingenieuren dominierte Disziplin. Die Erkenntnis, dass Fragen der kulturellen Kompatibilität ausschlaggebend für den Erfolg von Projekten sein können, brach sich erst langsam Bahn. Der Ethnologe Conrad Kottak evaluierte im Auftrag der Weltbank 68 Projekte der 60er und 70er Jahre zur ländlichen Entwicklung im Hinblick auf die Auswirkung soziokultureller Faktoren auf den Projektausgang[30] und kam zu dem Ergebnis, dass erstens wirtschaftlicher Erfolg mit einer negativen Entwicklung der Lebensqualität einhergehen kann und zweitens beide Formen von Erfolg von soziokulturellen Faktoren abhängig sind. Zu den größten Fehlern auf diesem Gebiet zählt Kottak Überinnovation (das Anstreben allzu heftigen und raschen Wandels)[31] ; soziokulturelle Inkompatibilität (z.B. das Sesshaftmachen von Nomaden)[32] ; zu geringe Differenzierung (gleiches Projektdesign in verschiedenen Situationen)[33] und die Nichtbeachtung von bereits bestehenden Organisationen und Autoritätswegen. Kottak schlägt die Partizipation der jeweiligen Gruppe und die Verwendung von „Modellen der Dritten Welt für die Entwicklung der Dritten Welt“ als Verbesserungen vor[34].

b) Ethnologen in staatlicher und internationaler Entwicklungshilfe

Entwicklungsethnologie konsolidierte sich als Teilbereich der angewandten Ethnologie in den USA Mitte der siebziger Jahre, was mit der eben erwähnten Entdeckung des kulturellen Faktors in den Diskursen und Praktiken der Entwicklungsinstitutionen und der vermehrten Entstehung von NRO einherging. 1977 wurde in New York das Institute for Development Anthropology gegründet. Einhergehend mit dieser “Institutionalisierung” der Entwicklungs-ethnologie kam es innerhalb des Fachs zu der bereits erwähnten Polarisierung der Perspektiven, die zur Aufteilung in die Lager der Entwicklungsethnologie (Anthropology within Develoment) und der Ethnologie der Entwicklung (Anthropology of Development) führte[35] – ein Prozess, der einige Jahre später in Deutschland nach der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Entwicklungsethnologie (AGEE) 1984 sehr ähnlich stattfand. Während aber zu dieser Zeit nur vereinzelt Ethnologen in deutschen Entwicklungsinstitutionen angestellt waren[36], nahm z.B. bei der Weltbank nach der Einstellung des ersten Ethnologen 1974, Michael Cernea, die Zahl „hausinterner“ Ethno- und Soziologen sowie die externer Berater rasch zu[37].

Ob diese Entwicklung (auch bei anderen Institutionen) begrüßenswert ist oder nicht, ist umstritten: Angesichts der häufig verheerenden Auswirkungen von durch die Weltbank finanzierten Projekten (Umsiedlungen, Landlosigkeit, Abhängigkeit von cash crops …) und der Zweifel am tatsächlichen Interesse der Bank am Wohlbefinden der betroffenen Menschen[38] gibt es eine Vielzahl von Autoren, die annehmen, dass „la implicación de los antropólogos (…) les obliga implícitamente a asumir la realpolitik y el discurso (…) de la agencia“ und konstatieren, der tatsächliche Beitrag der Ethnologen sei „poco más que reciclar o maquillar los viejos discursos de la modernización y el desarrollismo“[39].

Jonathan Fox unterteilt die bei der Weltbank angestellten Ethnologen grob in drei Gruppen: eine völlig angepasste, die die Menschen vom Nutzen der Projekte zu überzeugen versucht; zweitens diejenigen, die ihre Prinzipien verteidigen, wenn es möglich ist, aber dabei inkonsistent bleiben; und drittens die sehr kleine Gruppe derjenigen, die ihren Prinzipien treu bleiben und Nischen in der Institution nutzen, um partizipative und innovative Projekte voranzubringen, jedoch „so tiny, by Bank standards, that they don´t threaten the rest of what the Bank does“[40].

[...]


[1] Ich werde in dieser Arbeit durchgehend von “Entwicklungshilfe” sprechen, obwohl “Entwicklungszusammenarbeit” politischer korrekter wäre. Gründe: Ich konnte nicht herausfinden, wann Entwicklungshilfe zu Entwicklungszusammenarbeit wurde;“ Hilfe“ betrachte ich nicht als negativen Begriff;

außerdem ändert ein neuer Begriff nichts an fortbestehenden Mängeln in der Praxis.

[2] Escobar 1995: 215

[3] ---: 212 ff.

[4] Arnold 1996: 189

[5] Escobar 1995: 3

[6] Arnold 1996: 116

[7] Escobar 1995: 32 f.

[8] --- : 74 f.

[9] Escobar 1995 : 80

[10] --- : 82

[11] --- : 127 f.

[12] --- :129

[13] --- : 162 f.

[14] --- :192

[15] Arnold 1996: 115

[16] Renger 2003: 27

[17] Escobar 1995:164

[18] Arnold 1996: 69; 74

[19] Escobar 1995: 57 f.

[20] Arnold 1996: 119

[21] Renger 2003: 24

[22] ---: 32

[23] ---: 25 f.

[24] Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung 2010 a.

[25] --- : 2010 b.

[26] Wollenzien 2004: 155

[27] --- : 159

[28] BMZ 2010 b.

[29] World Bank 2010: 311

[30] Kottak 2000 (1990): 103

[31] --- : 104 f.

[32] --- : 109 f

[33] ---: 112 f

[34] --- : 115

[35] Viola 2000: 26 f

[36] Schöhnhuth/Bliss 2004 : 9

[37] Cernea 1995: 341

[38] Viola 2000: 26 f

[39] --- : 28

[40] Fox 2005: 309

Details

Seiten
27
Jahr
2010
ISBN (eBook)
9783668666696
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417475
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Schlagworte
Entwicklungshilfe Postdevelopment

Autor

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