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Die Wertewandeltheorie von Ronald Inglehart. Der Aufstieg populistischer Parteien in Europa

Hausarbeit 2018 15 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Die Welt im permanenten Wandel

2 Die Stille Revolution nach Ronald Inglehart
2.1 Der Wertewandel vom Materialismus zum Postmaterialismus

3 Gibt es eine Umkehr des Wertewandels?
3.1 Der ALLBUS Postmaterialismus-Index (nach Inglehart)
3.2 “The Silent Revolution in Reverse” (R. Inglehart und P. Norris)
3.3 Der aktuelle gesellschaftliche Wandel in Deutschland
3.3.1 Die Adaptiv - Pragmatischen
3.3.2 Die Expeditiven (Digitale Individualisten in Österreich, Digitale Kosmopoliten in der Schweiz)
3.4 Globalisierungsangst vs. Wertekonflikt

4 Fazit

z Zurück zu traditionellen Werten? Gibt es eine Umkehr der Wertewandeltheorie Ingleharts und hat diese zum Aufstieg populistischer Parteien beigetragen

1 Einleitung: Die Welt im permanenten Wandel

„Ein Gespenst geht um in Europa – ein Gespenst des Populismus“, so schreibt es der Politikwissenschaftler Ernst Hillebrand in seinem Buch „Rechtspopulismus in Europa ­– eine Gefahr für die Demokratie?“ (Hillebrand 2015: 7). Mit dem Brexit-Votum und der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten feierten Populisten im Jahr 2016 ihre ersten signifikanten Erfolge. Die Alternative für Deutschland (AfD), die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ), der Front National in Frankreich oder die PiS-Partei in Polen zeigen, dass rechtspopulistische Parteien in Europa nicht mehr nur auf dem Vormarsch sind: Spätestens seit den letzten Wahlen im Jahr 2017 konnten sich diese fest in den Parlamenten etablieren. Doch warum werden diese Parteien gewählt? In der Politikwissenschaft wird diese Frage sehr kontrovers diskutiert. Eine These, die sich dabei wie ein roter Faden durch die Debatten zieht, ist die Angst der Wähler vor einem Werteverlust.

In der Folge der Industrialisierung erlebte die westliche Welt ökonomische, technologische und kulturelle Veränderungen in rasender Geschwindigkeit. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden traditionelle Verhaltensmuster radikal aufgegeben und tradierte Werte verändert, beispielsweise während der „68er Bewegung“ oder im Zuge der Frauenbewegung Anfang der 70er Jahre. Das Selbstverständnis der Bürger entwickelte sich weiter, und so waren viele der Proteste primär politisch motiviert und zielten auf mehr Gleichberechtigung. Beobachtet man solche Werteveränderungen innerhalb einer Gesellschaft, spricht man von einem „Wertewandel“, ein Begriff, der vor allem durch Helmut Klages und Ronald Inglehart geprägt wurde. In seiner häufig zitierten „Theorie der stillen Revolution“ beschreibt Inglehart die steigenden Erwartungen an die Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sowie an die Steigerung der nichtmateriellen Lebensqualität, beobachtet also einen fortschreitenden Wandel weg von materialistischen hin zu postmaterialistischen Werten.

Sprechen Wähler rechtspopulistischer Parteien von einem Werteverlust, meinen sie jedoch vielmehr die Herabsetzung traditioneller Werte als veraltet sowie das als Bedrohung empfundene Eindringen liberaler Werte, eine Entwicklung, die sie beispielsweise durch kulturelle Vielfalt begünstigt sehen. Dies ist allerdings eine Perspektive, die nach der Theorie von Inglehart eigentlich längst überwunden sein müsste. Es stellt sich deshalb die Frage, ob es seit einigen Jahren einen regressiven Wertewandel in den Gesellschaften vieler Länder dieser Welt gibt und inwiefern ein solcher rechtspopulistischen Parteien zum Aufstieg verhilft bzw. verholfen hat.

In der folgenden Arbeit werden zunächst die zentralen Punkte der „Theorie der stillen Revolution“ von Ronald Inglehart als Grundlage für weitere Überlegungen umrissen. Anschließend wird untersucht, ob ein rückläufiger Trend hin zu traditionellen Wertbeimessungen zu beobachten ist. Dabei wird zunächst auf die Theorien europäischer Soziologen Bezug genommen, die einen solchen Trend feststellen und anschließend Ingleharts eigene Theorie der „Silent Revolution in Reverse“ herangezogen, die er im Jahr 2017 aufgrund des Erfolgs rechtspopulistischer Parteien veröffentlichte. Abschließend erfolgt ein Fazit.

2 Die Stille Revolution nach Ronald Inglehart

2.1 Der Wertewandel vom Materialismus zum Postmaterialismus

1970 formuliert der amerikanische Soziologe Ronald Inglehart die Theorie, dass sich die westliche Welt mit einem drastischen Wertewandel konfrontiert sieht, nämlich weg von materialistischen hin zu postmaterialistischen Werten. Diese Neuorientierung bezeichnet er als „Stille Revolution“, die er wie folgt beschreibt: „The values of Western publics have been shifting from an overwhelming emphasis on material well-being and physical security toward greater emphasis on the quality of life . . . Economic and physical security continue to be valued positively, but their relative priority is lower than in the past.” (Inglehart 1977: 3) Der Postmaterialist strebt also weniger nach materiellem Wohlergehen und physischer Sicherheit, als vielmehr nach einer verbesserten Lebensqualität durch Selbstverwirklichung und politische Partizipation (vgl. Inglehart 1977: 42 ff). Dies resultiert nicht zuletzt daraus, dass die materiellen Bedürfnisse der Bevölkerung, insbesondere die der jüngeren Generationen, durch den ökonomischen Wohlstand der westlichen Nationen weitgehend befriedigt werden können (vgl. Inglehart 1977: 3). Der Begriff „Stille Revolution“ impliziert dabei, dass es sich nicht um einen plötzlichen Zusammenbruch des alten Wertesystems handelt, sondern um einen schrittweisen Prozess, der sich über mehrere Generationen hinweg erstreckt, dennoch aber von grundlegender Bedeutung ist (vgl. Inglehart 1977: 83).

Bei der Erklärung des Phänomens der Werteverschiebung bezieht sich der Soziologe zum einen auf die Mangelhypothese und zum anderen auf die Sozialisationshypothese. Erstere geht davon aus, dass Menschen den größten subjektiven Wert den Dingen zusprechen, die schwer zu realisieren und somit knapp sind. Ein sozioökonomisches Umfeld, das von Armut und Mangel geprägt ist, begünstigt also materialistische Werte, während, wie oben beschrieben, ein Umfeld, das sich durch Wohlstand und Sicherheit auszeichnet, postmaterialistische Prioritäten fördert. Die Sozialisationshypothese erläutert, dass grundlegende Wertvorstellungen sich aus den Bedingungen ableiten, die während der Jugendzeit eines Menschen, also während der ersten Jahre seiner Sozialisation bestimmend sind (vgl. Inglehart: 1989: 92). Inglehart hat deshalb mit der zunehmenden Bedeutung der Nachkriegsgenerationen auch eine Zunahme der Postmaterialisten erwartet, da diese jüngeren Altersgruppen von Anfang an in einer ökonomisch und politisch stabilen Gesellschaft aufgewachsen sind und sich somit nicht nach der Einlösung materialistischer Wertvorstellungen haben sehnen müssen (vgl. Inglehart 1977: 23).

Die durch den Wertewandel entstehende Kluft zwischen Materialisten und Postmaterialisten manifestiert sich letztendlich in generell unterschiedlichen Weltanschauungen: „The respective value types display distinctive and coherent worldviews across such diverse fields as attitudes toward innovation, one’s work, one’s sense of geographical identity and one’s political preferences.” (Inglehart 1977: 62) So ordnet sich die Vielzahl der Postmaterialisten eher dem linken liberalen politischen Lager zu und neigt demnach auch dazu, den politischen Wandel im Gegensatz zu den Materialisten als etwas Positives zu betrachten (vgl. Inglehart 1977: 62 f).

3 Gibt es eine Umkehr des Wertewandels?

3.1 Der ALLBUS Postmaterialismus-Index (nach Inglehart)

Obwohl man Ingleharts Wertewandeltheorie in der Politikwissenschaft sehr kontrovers diskutiert, wird der These einer wachsenden individuellen Selbstverwirklichung und dem Streben nach einer gesteigerten Lebensqualität bis heute nicht widersprochen. Die ALLBUS-Studien, die den Inglehart-Index seit 1980 erheben, bieten eine Datenbasis zum Wertewandel in Deutschland über die letzten drei Jahrzehnte. Die Ergebnisse unterstützen eindeutig die These einer Verschiebung der Werteprioritäten nach Ingleharts Theorie. Der Index umfasst jeweils zwei materialistische Wertvorstellungen („Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung“ und „Kampf gegen steigende Preise“) und zwei postmaterialistische Wertausrichtungen („Schutz des Rechtes auf freie Meinungsäußerung“ und „Mehr Einfluss der Bürger auf die Entscheidungen der Regierung“), aus denen Befragte jeweils ihre erste und zweite Priorität auswählen (vgl. ALLBUS 2014).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Anteile reiner Materialisten und Postmaterialisten und deren Mischtypen in Deutschland zwischen 1980 und 2014 in Prozent; Quelle: ALLBUS 2014

Die obige Grafik zeigt, wie sich für Westdeutschland das Verhältnis der Prioritäten von noch 69 Prozent Materialisten und 30 Prozent Postmaterialisten im Jahr 1980 zu nur noch 38 Prozent Materialisten und 62 Prozent Postmaterialisten im Jahr 2014 verschoben hat, wobei die jeweiligen Mischtypen den jeweiligen Grundausrichtungen zugeschlagen sind. Allerdings finden sich auch Ausschläge zugunsten materialistischer Werte in wirtschaftlich angespannten Zeiten: Diese treten in Westdeutschland Anfang 1980 sowie in den späten 1990er und mittleren 2000er Jahren auf. In Ostdeutschland beobachtet man diese Schwankungen in den gesamten 1990er Jahren, also unmittelbar nach der Wende, einer Zeit der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit im Osten, sowie insbesondere im Jahr 2008, dem Zeitpunkt der Finanzkrise (vgl. Scheurer 2016). Hieraus lässt sich bereits die Vermutung ableiten, dass ökonomische, politische und kulturelle Schwankungen, die ein Gefühl der Unsicherheit in der Bevölkerung auslösen, eine plötzliche Rückbesinnung auf materielle Werte mit sich bringen.

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Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668668973
ISBN (Buch)
9783668668980
Dateigröße
961 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417449
Institution / Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,7
Schlagworte
Inglehart Wertewandel Wertewandeltheorie Populismus Rechtspopulismus Trump Ronald Inglehart The Silent Revolution The Silent Revolution in Reverse

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Titel: Die Wertewandeltheorie von Ronald Inglehart. Der Aufstieg populistischer Parteien in Europa