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Inwieweit brachte das Schulwesen in den 1920er Jahren in Deutschland neue Chancen mit sich und wo lagen dessen Grenzen?

Hausarbeit 2018 14 Seiten

Pädagogik - Geschichte der Päd.

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Schulformen

Frauen im höheren Schulwesen

Soziale Unterstützungsleistungen und Chancenverteilung

Fazit

Einleitung

„Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem die Kinder lesen.“[1]. Ein Zitat nach Augustinus von Hippo, welches auch heute nach einer Studie von Sebastian Braun, die sich mit dem Bezug zwischen sozialem Aufstieg und dem sozialen Status der Familie beschäftigt,[2] plausibel erscheint. Im Durchschnitt würden 60 Prozent der für den sozialen Status einer Person relevanten Faktoren wie Lebensumstände, gesellschaftliche Netzwerke sowie Begabungen vom Elternhaus weitergegeben werden. Nach Ergebnissen der Studie wäre der Einfluss des sozialen Status noch nach 4 Generationen messbar und somit könne ein niedriger Status der Vorfahren einen sozialen Aufstieg behindern. Sogar der OECD-Vergleich zeigt in seinem Bildungsbericht 2014, dass die Mehrheit der Deutschen (58 Prozent) denselben Bildungsstand ihrer Eltern hätten.[3] Die Politik reagiert auf diese Umstände mit Reformideen, die den Bildungsaufstieg zugänglicher machen sollen: Frühere Förderung, besseren Zugang zu Bildungsangeboten sowie ein späterer Übergang von der Grundschule auf eine weiterführende Schule. Diese Forderungen sind jedoch angesichts fehlender finanzieller Zuschüsse und dem Lehrermangel nur schwer zu realisieren.[4] Dabei sorgt nicht nur der Trend der anhaltenden Chancenungleichheit in der deutschen Bildungslandschaft für Aufsehen. Das weibliche Geschlecht übernimmt die Führung in der höheren Bildung Deutschlands. Unter den Absolventen der allgemeinbildenden Schulen im Jahre 2012 erlangten 52,3 Prozent Frauen die Fachhochschulreife und 54,7 Prozent Frauen die allgemeine Hochschulreife.[5] Angesichts meines erziehungswissenschaftlichen Studiums und der Thematik des Seminars kam mir die Frage auf, inwiefern das Schulsystem im Deutschland der 1920er Jahre aufgebaut war, inwiefern es den sozialen Aufstieg für sozial Benachteiligte sowie Frauen zu der Zeit unterstützen konnte und welche Probleme oder Grenzen sich letztendlich aufzeigten. Für die Bearbeitung der Fragestellung möchte ich in dieser Arbeit für ein allgemeines Verständnis des Schulsystems die gängigsten Schulformen erläutern, die neuen Bildungschancen für Frauen aufzeigen aber auch die Gründe erklären, warum trotz neuer Hilfeleistungen der Bildungsaufstieg für viele Kinder nicht möglich war.

Schulformen

Nachdem Deutschland 1918 den ersten Weltkrieg verlor und das Kaiserreich zusammenbrach wurde der Staat zur Republik. Die Parteien der so genannten „Weimarer Koalition“ forderten eine Umstrukturierung des Schulsystems und wollten damit neue Ansätze für die Demokratisierung von Staat und Gesellschaft aufzeigen. Entgegen dem demokratischen Ansatz, dass jeder Mensch gleiche Bildungsmöglichkeiten und Unterstützung in der Entfaltung seiner Persönlichkeit haben sollte, bestimmte der soziale Rang des Kindes immer noch seinen Bildungsweg. Vor allem im europäischen Raum wurde durch die zunehmende Demokratisierung der Ruf nach ständelosen Schulformen laut um auch den sozial und wirtschaftlich niedrig positionierten Gesellschaftsgruppen tiefergreifende Bildung zu ermöglichen.[6]

Grundschule und Volksschule

Seit dem Reichsgrundschulgesetz (1920) bestand in Deutschland für alle Kinder mit dem Beginn ihrer Schullaufbahn die Pflicht zum Besuch einer öffentlichen Schule.[7] Den Grundbaustein des Schulwesens bildete die Volksschule, in welcher die Grundschule eingebettet war. Das Durchlaufen der Grundschule dauerte 4 Jahre. Die Grundschule besaß keine eigene Schulleitung, auch keine speziell für sie ausgebildeten Lehrer die einen Fokus auf Grundschuldidaktik gehabt hätten.[8] Die Volksschule betrug (inklusive Grundschule) 8 Jahre bis zum Abschluss. Die meisten Volksschulabgänger standen nach der Schule in Beschäftigungsverhältnissen oder selbstständig in der Landwirtschaft, waren als un- oder angelernte Arbeiter in der Industrie oder in Handel, Handwerk oder Dienstleistungsgewerbe.[9] Im großen Teil blieben Mädchen nach dem Abschluss unbeschäftigt oder führten in Haus- und Landwirtschaft mithelfende Tätigkeiten aus.[10] Ein Teil der Volksschullehrer bemühte sich um die Durchsetzung der Reformpädagogik. „Die Schule wird […] nicht mehr als eine Anstalt der Zucht, unbedingten Gehorsams, unerbittlicher Lehrerautorität und des instruierenden Unterrichts, sondern […] als ein eigenes "Reich der Kinder" verstanden […].“[11] Anhand dieses neuen pädagogischen Konzepts sollten den Kindern neue Entwicklungsmöglichkeiten sowie eine Glättung der sozial-ständischen Spannungen geboten werden.[12] Die Erfolge des Volksschulbesuches unterschieden sich stark. In einer Untersuchung wurde 1926 in Preußen festgestellt, dass lediglich die Hälfte aller Volksschulkinder nach 8 Jahren Schulbesuch das Volksschulziel erreicht hätten. Zudem seien Schüler, die gesundheitliche Probleme haben, dem Unterricht unter seinen Bedingungen nicht hinreichend folgen können und denen die Unterstützung durch das Elternhaus fehlt, durch die Schule regelmäßig überfordert gewesen.[13] Die Wirtschaft übte scharfe Kritik an den neuen pädagogischen Ansätzen. „Arbeit als Spiel, der Werkmeister als Freund und Vertrauter - ist im Lehr- und Arbeitsverhältnis nicht möglich.“[14]

Mittelschule oder Volksschuloberstufe

Die Gestaltung der mittleren, über das Volksschulziel hinausgehenden, aber nicht zum Abitur führenden Schulen erfolgte in den einzelnen Bundesländern sehr unterschiedlich. In Preußen war die Bezeichnung „Mittelschule“ geläufig während in anderen Teilen der Republik der Begriff der „gehobenen Volksschulklassen bzw. Volksschuloberstufe“ verbreitet war. Primär war das Schulziel die Mittlere Reife mit dem Zugang zu qualifizierten Tätigkeiten im Handwerk, im Kunstgewerbe, im Handel, in der Industrie, in Land- und Forstwirtschaft und im öffentlichen Dienst. Sekundär unterrichteten die Schulen nach den Lehrplänen höherer Lehranstalten und dienten diesen als Zubringerschule.[15] Die neunten und zehnten Klassen der Volksschuloberstufe boten Unterricht in Französisch, Maschinenschreiben, Stenographie oder auch Esperanto an, und setzten an den entsprechenden Schulen ab der sechsten Klasse besonders den wahlfrei angebotenen Englischunterricht fort. Flächendeckend zeigten Statistiken bei Mädchen einen durchschnittlich besseren Schulerfolg als bei Jungen. Die besten Ergebnisse erzielten die sozial günstiger gestellten Kinder von Akademikern und Volksschullehrern, die schlechtesten solche von Eltern ohne festen Arbeitsverhältnissen.[16] Wie auch die Grundschule folgte die Volksschuloberstufe dem Konzept einer schlicht gehaltenen, "volkstümlichen" Bildung. Diese wurde damit oft eher als "Lebensschule", nicht wie die höhere Schule als "Wissenschaftsschule" bezeichnet. Sie bereitete somit auf das baldige und, insbesondere für die Mädchen, auf das meist völlige Ende einer systematischen Schullaufbahn hin.[17] Nach der am Ende der Grundschulzeit getroffenen Auslese für den höheren und mittleren Schulbesuch waren die Volksschuloberklassen um schulleistungsstärkere und sozial begünstigte Schulkinder vermindert. Hauptsächlich betraf das ausgebaute städtische Schulsysteme, wo bereits ein erheblicher Teil der Grundschulkinder in die Aufnahmeklasse einer mittleren oder einer höheren Schule überging.[18] Die reformpädagogische Kehrtwende gegen das Schulkonzept des reinen Auswendiglernens vergrößerte mit der Verringerung lernstoffbezogener Bildungsziele die Distanz zur höheren Schule. Eine patriotisch ausgerichtete Erziehung, die auf Familien- und Berufsvorbereitung fokussiert war, sei wesentlicher als das Auswendiglernen etwa von Gedichten und rohem Unterrichtsstoff.[19] Aufgrund unterschiedlichster Verhältnisse und Schulträger konnten Lerninhalte sowie das Ziel einer Mittelschule entweder nur wenig über dem der Volksschule liegen oder aber dem einer höheren Schule nahekommen. Insgesamt gingen reichsweit nur etwa 2 Prozent der Grundschüler auf die Mittelschule über.[20]

Höheres Schulwesen

Auf der Grundschule bauten neben der Mittelschule verschiedene Formen der höheren Schule auf. In den meisten Ländern waren diese höheren Schulen entweder das humanistische Gymnasium mit der Hinwendung zu den alten Sprachen und der Antike, das neusprachliche Realgymnasium mit relativ breitem Zugang zur westlichen Kultur, die lateinlose Oberrealschule mit der Betonung von Mathematik und Naturwissenschaft sowie seit Mitte der 1920er Jahre die Deutsche Oberschule mit besonderer Betonung auf der deutschen Kultur und dem erstmaligen Auftreten des Unterrichtsfachs Geschichte in der schriftlichen Abiturprüfung. Diese vier Schultypen waren im Hochschulzugang grundsätzlich gleichwertig und gleichberechtigt.[21] Die Unterrichtsdurchführung war durch mehr als bloße Stoffvermittlung definiert. Gemäß dem reformpädagogischen Grundgedanken bemühten sich Lehrer um die Persönlichkeitsentfaltung sowie um die Mündigkeit[22] ihrer Schüler.[23] Frauen im höheren Schulwesen

[...]


[1] vgl. Hörmann, Georg; Körner, Wilhelm (Hg.) (2008): Einführung in die Erziehungsberatung. Stuttgart: Kohlhammer (Sozialpädagogik), S.208.

[2] vgl. Braun, Sebastian Till; Stuhler, Jan: The Transmission of Inequality Across Multiple Generations. Testing Recent Theories with Evidence from Germany. Hg. v. The Economic Journal, zuletzt geprüft am 05.03.2018.

[3] vgl. OECD (2014): Bildungsbericht 2014 für Deutschland. Hg. v. OECD, zuletzt geprüft am 05.03.2018.

[4] vgl. Lisa Becker (2013): Bildung nach sozialen Schichten. Hg. v. Frankfurter Allgemeine Zeitung, zuletzt geprüft am 05.03.2018

[5] vgl. Statistisches Bundesamt (2014): Auf dem Weg zur Gleichstellung? Bildung, Arbeit und Soziales - Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Hg. v. Statistisches Bundesamt, S. 9, zuletzt geprüft am 05.03.2018.

[6] vgl. Edelstein, Benjamin; Veith, Hermann (2017): Schulgeschichte bis 1945: Von Preußen bis zum Dritten Reich. Hg. v. bpb, zuletzt geprüft am 05.03.2018.

[7] vgl. Konrad, Franz-Michael. Geschichte der Schule: Von der Antike bis zur Gegenwart. Beck'sche Reihe C.H. Beck Wissen Bd. 2406. München: Verlag C.H. Beck, 2015, S. 87.

[8] vgl. Geißler, Gert. Schulgeschichte in Deutschland: Von den Anfängen bis in die Gegenwart. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Frankfurt am Main: Lang, 2013, S. 380.

[9] vgl. Ebd., S. 460.

[10] vgl. Ebd., S. 395.

[11] Ebd., S. 381.

[12] vgl. Ebd.

[13] vgl. Ebd., S. 391-392.

[14] vgl. Ebd., S. 395-396.

[15] vgl. Ebd., S.394.

[16] vgl. Ebd., S.392.

[17] vgl. Ebd., S. 384.

[18] vgl. Ebd.

[19] vgl. Ebd., S.385.

[20] vgl. Ebd., S. 395.

[21] vgl. Ebd., S. 401.

[22] Bei der Erziehung zur „Mündigkeit“ bzw. „Selbständigkeit“ als Leitziel soll ein Zögling soll zur selbständigen Bewältigung der Anforderungen seines Lebens hingeführt werden. (Stangl, 2018)

[23] vgl. Ebd., S. 402.

Details

Seiten
14
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668667907
ISBN (Buch)
9783668667914
Dateigröße
537 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417336
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2,3
Schlagworte
inwieweit schulwesen jahren deutschland chancen grenzen

Autor

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