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Die Wortstellung in der chinesisch-deutschen Übersetzung. Die Informationsstruktur und die Passivkonstruktionen

Eine Untersuchung anhand des Werks "Wanzhu“ ("Oberchaoten“) von Wang Shuo

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 36 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Chinesisch / China

Leseprobe

Inhalt:

Einleitung

1. Klärung von Begriffsfragen und Zusammenhängen
1.1. Zur Thema-Rhema-Gliederung
1.2. Zu den Passivstrukturen
1.3. Zusammenhang zwischen der FSP und den Passivstrukturen
1.4. Die Funktion der Passivkonstruktion als relevante Größe für die Übersetzung

2. Wortstellung und Thema-Rhema-Gliederung in der Übersetzung von „ Wanzhu

3. Passivsätze in Original und Übersetzung anhand des Werks „ Wanzhu
3.1. Chinesische Passivsätze mit deutschem passivischem Translat
3.2. Chinesische Aktivsätze mit deutschem passivischem Translat
3.3. Chinesische Passivsätze mit sonstigen deutschen Übersetzungen

4. Ergebnisse und Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

Einleitung

Diese Hausarbeit beschäftigt sich im weitesten Sinne mit Beobachtungen zur Transformation der Wortstellung in der Übersetzung mit besonderem Augenmerk auf die Passivkonstruktionen. Damit gehe ich auf die Grundfrage des Seminars ein, zu dem dies die Ausarbeitung ist: Kann man Regeln für das Übersetzen bestimmen oder unterliegt das Translat dem subjektiven Empfinden des Übersetzers (vgl. auch Kautz (1991:105))?

Ausgangspunkt für die Untersuchung ist dabei die innerhalb der Thema-Rhema-Forschung festgestellte Tatsache, dass sich durch die bei einer Passivtransformation vollziehende Veränderung der syntaktischen und semantischen Strukturen auch die Informationsstruktur eines Satzes verlagern kann. Aus

(1a) Der Ingenieur Meyer baute dieses Haus.

kann durch eine Passivtransformation beispielsweise werden:

(1b) Dieses Haus wurde von dem Ingenieur Meyer gebaut.

Ohne hier auf Fachbegriffe einzugehen, die ich im ersten Kapitel erläutere, sieht man, dass sich die lexikalischen Einheiten in ihrer Position verschoben haben: „Der Ingenieur Meyer steht in (1a) am Satzanfang, in (1b) am Satzende. Man sieht auch, dass die Segmente jetzt andere grammatische Funktionen im Satz einnehmen: „dieses Haus“ ist in (1a) Objekt, in (1b) Subjekt. Außerdem betont man die sprachlichen Einheiten in (1b) beim „innerlichen Vorlesen“ unter Umständen anders als in (1a). Wenn auf dieselben lexikalischen Einheiten eine andere Betonung gelegt wird, verlagert sich die Satzperspektive (Funktionale Satzperspektive, FSP, auch Thema-Rhema-Gliederung). Zu diesem Aspekt sei noch bemerkt, dass die Intonation zwar ein wichtiges Mittel ist, um Thema und Rhema zu bestimmen, dass in dieser Hausarbeit aber überwiegend auf andere unten aufgeführte Kriterien zurückgegriffen werden muss, da es sich bei den zu untersuchenden Werken um geschriebene Romane handelt.

Diese Informationsstruktur, die sich also durch grammatische Umformungen verändern kann, soll jedoch nach Auffassung verschiedener Autoren, die sich mit dem Thema Übersetzung ausschließlich oder nur am Rande beschäftigten, bei der Translation möglichst beibehalten werden[1].

Auf die Problematik der Thema-Rhema-Folge bei der Übersetzung, sowie auf passivische Strukturen und deren Funktion, die mit der FSP in enger Wechselwirkung stehen, soll in dieser Arbeit genauer eingegangen werden.

Nach einem längeren Theorieteil, in dem ich versuche Grundbegriffe zu erklären und Zusammenhänge herzustellen, wende ich diese Theorie auf konkrete Textstellen des zu untersuchenden Werks an: Es handelt sich dabei um das Werk Wanzhu (1987) von Wang Shuo und seine Übersetzungen von Kautz (1997) und Hasselblatt (1993). Letztere dienten dazu, um zu vergleichen, welche Übersetzungsmöglichkeiten für bestimmte sprachliche Einheiten zur Verfügung stehen. Ziel war es auch, Tendenzen der Translatoren bei ihren Übersetzungsstrategien im Hinblick auf die Wortstellung und auf den Gebrauch des Passivs im Translat aufzuzeigen.

Es muss dabei beachtet werden, dass noch sehr viele andere Faktoren außer der Wortstellung bei einer Übersetzung eine Rolle spielen. Bei einzelnen Textpassagen muss vielfach berücksichtigt werden, ob es sich um richtige Translationen handelt, oder etwa nur um Adaptionen. Auf diese starken Abwandlungen eines Textabschnitts des ausgangssprachigen Textes (AS-Textes), beispielsweise auf Grund von sogenannten Kulturspezifika, konnte hier nicht eingegangen werden. Ebenso konnten bestimmte Stilmittel, wie beispielsweise die häufig auftretenden ironischen Textpassagen im Chinesischen und die Art, diese ins Deutsche zu übertragen, nicht berücksichtigt werden.

Ebenfalls eine Problematik dieser Hausarbeit stellten die vielen umgangssprachlichen und dialektalen Ausdrücke im Original und – teilweise versetzt – auch in den Übersetzungen dar, für die Wang Shuo ja gerade bekannt ist. Beispielsweise kann sich die Bestimmung von Einheiten nach ihrer Semantik (z.B. Agens und Patiens) als schwer erweisen, wenn es sich um eigentlich feste Redewendungen handelt, die man so ohne weiteres nicht auseinander nehmen kann.

Da sich die Theorie der Thema-Rhema-Gliederung und insbesondere die Eingrenzung der „Thema“-Definition als schwierig und umfangreich erwiesen hat, und nach Lutz (1981:47) auch nicht endgültig festgelegt ist, beziehe ich mich hier auf die Erkenntnisse der Prager Schule, die die Thema-Rhema-Gliederung „Funktionale Satzperspektive“ nennen, und zwar so, wie sie in Lutz (1981) aufgeführt sind.

Für die Klassifizierung von Passivstrukturen im Deutschen und Chinesischen lagen mir die Untersuchungen von Kautz (1991) und Lu Kangle (1990) vor.

Hilfreich für die Einschätzung der Übersetzungen waren auch die beiden Artikel von Wippermann (1996 und 1997)

1. Klärung von Begriffsfragen und Zusammenhängen

1.1. Zur Thema-Rhema-Gliederung

Wippermann (1996:34) kommt zu dem Schluss, dass die Wortstellung in der Übersetzung nicht nur von der Syntax, sondern auch von der Thema-Rhema-Gliederung bestimmt wird. Kautz (1991:180) macht die Wahl der Darstellungsperspektive (also aktivische und passivische Darstellungen, die im Unterschied zur syntaktischen Wortstellung ein semantischer Aspekt sind) in der Übersetzung ebenfalls überwiegend von der Thema-Rhema-Gliederung abhängig.

Was hat es also mit diesem linguistischen Faktor „Gliederung nach Thema und Rhema“ auf sich und wie lassen sich diese Interdependenzen erklären?

Sowohl Wippermann als auch Kautz betonen als wesentliche Eigenschaft der Thema-Rhema-Gliederung, dass es sich um ein „textgrammatisches, satzübergreifendes Prinzip“ (Wippermann 1996:34) bzw. um mit den „Erfordernissen des Textaufbaus“ (Kautz 1991:180) zusammenhängendes Prinzip handelt.

Das Thema ist dabei das, über das etwas ausgesagt wird, das Rhema das, was darüber ausgesagt wird. Lutz (1981:44f) führt weiter zusammenfassend aus:

„Welche Elemente sind dafür geeignet, dass man etwas über sie aussagt – welche Elemente wählt man besonders gern dafür aus? Wir haben dabei festgestellt, dass es immer identifizierbare Elemente sein müssen und dass über ihre Wahl ein ganzes Bündel an sprachlichen und außersprachlichen Faktoren entscheidet: Kontext, Situation, Vorwissen, Sprecher- und Hörer-Einstellung, Satzanfang, Subjektfunktion […] Keine der Eigenschaften […] ist [aber] immer beim Thema vorhanden und demnach notwendig für die Thema-Definition […] Die Identifizierbarkeit wird allerdings gefördert […].“ (Lutz (1981:44f))

Lutz versucht hier die Definition für „Thema“ so weit wie möglich einzugrenzen. Als Faktoren für die Bestimmung des „Thema“, nennt sie den Kontext, da ein im vorangegangenen Satz bereits genannter Begriff, eine Person, ein Sachverhalt oder ein Gegenstand bereits bekannt sind, also identifizierbar. Das Rhema liefert neue Information für das Thema und wird unter Umständen im folgenden Satz zum Thema gemacht (diese Abfolge wird auch „einfache lineare Progression“ genannt). Durch das Wechselspiel von Thema und Rhema, Identifizierbarem und Neuem wird so der Textzusammenhang hergestellt.

Insbesondere in spontanen Dialogen, von denen ganz besonders der Roman „Wanzhu“ von Wang Shuo durchsetzt ist, kann das Thema aber auch aus der Situation, der Szene her bekannt und damit identifizierbar sein, ohne dass es im gegebenen Kontext explizit genannt wird.

Das von Lutz weiter genannte Kriterium „Satzanfang“ spielt dabei auf die psychologische Erkenntnis an, bei der Kommunikation das identifizierbare Element so früh wie möglich zu nennen, das Element mit der wichtigsten Information allerdings betont an das Ende des Satzes zu stellen. Wippermann formuliert es so:

„In der ‚Normalstellung’ erscheint das Thema in der Anfangsposition, das Rhema mit seinen neuen Informationen im hinteren Teil des Satzes. Dies entspricht der generellen Tendenz vieler Sprachen, dass ein Element desto weiter ans Satzende verschoben wird, je größer sein Informationswert ist.“ (Wippermann (1996:32))

Von dieser Serialisierung von Elementen mit niedrigem Informationswert zu Elementen mit hohem Informationswert kann jedoch abgewichen werden. In der deutschen Übersetzung von „ Wanzhu “, „Oberchaoten“ von Kautz (1997) kommt es nicht selten vor, dass ein höchstwahrscheinlich rhematisches Element an den Anfang des Satzes gestellt wird, die Reihenfolge von Thema und Rhema also vertauscht ist.

Dazu ist wichtig zu wissen, dass die unterschiedliche Reihenfolge der sprachlichen Elemente, die Intonation oder zusätzliche grammatische Konstruktionen, also kurz, die Festlegung von Thema und Rhema „Information über die Information“ (Lutz 1981:51) gibt, also Information darüber, was bereits als bekannt vorausgesetzt wird und was als wichtige neue Mitteilung betont werden soll. Außerdem ergibt sich, je nachdem, wie man die Elemente gewichtet, Information über die Reaktion des Sprechers auf den sprachlichen oder situativen Kontext, seine Einstellung zum mitgeteilten Sachverhalt und zum Gesprächspartner (Lutz 1981:6f).

Wippermann (1996) gibt in ihrer Untersuchung deutscher Übersetzungen aus dem Chinesischen zahlreiche Beispiele dafür, wie die Bedeutung einzelner Sätze mit Veränderung der Thema-Rhema-Gliederung variiert. In einem Translat kann damit sowohl die erzähltechnische Perspektive hinsichtlich objektiven oder subjektiven Erzählens verändert werden, oder es kann einfach sachlich nicht der Thema-Rhema-Gliederung des Ausgangssatzes entsprechen, da Dinge, die bekannt sein sollen, zu unbekannten, neuen gemacht werden (vergleiche die Beispiele „Es wird einen freien Kapitalfluss geben“ und „Der (in Hongkong) bereits existierende Kapitalfluss wird (auch zukünftig) frei sein“ S. 34/35)

Durch ein Abweichen von der „Normalstellung“ (erst das Thema, dann das Rhema) ist auch die „Information über die Information“ eine andere. Steht das Rhema am Anfang wird beispielsweise Emotionalität oder Emphase des Sprechers ausgedrückt, so Lutz:

„Einem Sprecher kann das Rhema so wichtig sein, dass er damit herausplatzt: „Ein Schuft bist du!“ – er hat nicht die Ruhe, zunächst das Thema auszudrücken. Für diese mit ‚Emphase’ bezeichneten Fälle gilt: Alles, was nicht am normalen Platz steht, fällt auf.“ (Lutz 1981:52)

Lutz (1981:52) weiter folgend kann die Veränderung der „Grundschicht“ aber auch dem Aufklären von Missverständnissen dienen, oder andererseits ihren Grund darin haben, dass dadurch der Kontextanschluss gut hergestellt wird, einen Subjektwechsel vermieden wird oder als anderes Stilmittel gelten.

Aus den oben geschilderten Zusammenhängen wird deutlich, warum es also wichtig ist, die Thema-Rhema-Gliederung zu beachten, wenn man bei Übersetzung ganz allgemein ein dem ausgangssprachigen Satz äquivalenten zielsprachigen Satz schaffen will. Lutz betont:

„Für die Übersetzungswissenschaft […] ist die Thema-Rhema-Theorie besonders wichtig, da die Thema-Rhema-Strukturierung wesentliche Informationen über die Sprechereinstellung liefert, die in die Zielsprache übertragen werden müssen.“ (Lutz 1981:9).

Hilfreich ist dabei die Erkenntnis, „dass [die] Tendenz zu einer von Sprecher und Hörer als ‚normal’ empfundenen Reihenfolge von Thema und Rhema universal ist, also für alle Sprachen der Welt gilt.“ (Lutz 1981:8). Jedoch besitzt jede Sprache unterschiedliche Mittel, z.B. grammatische Konstruktionen oder syntaktische Transformationen, um bestimmte Elemente zu thematisieren. Diese sind nicht übereinzelsprachig gültig, und so kann es sein, dass das ZS-Äquivalent in einer anderen Konstruktion erscheinen muss, um denselben Ausdruck wie der AS-Satz zu haben. Lutz (1981:59) führt dazu folgendes Beispiel an:

Dieses Buch hat er mir zu Weihnachten geschenkt. sei im Deutschen eine einfache Thematisierung des Objekts „dieses Buch“. In dem englischen Satz This book he gave me for Christmas.

Signalisiere diese Umstellung und Thematisierung aufgrund der festen Wortstellung im Englischen schon Emphase und bekomme damit einen anderen Ausdruck als der deutsche Satz, obwohl die Wortfolge äquivalent übernommen wurde. Um eine dem Deutschen entsprechende Ausdrucksweise zu finden, müsse man den Satz im Englischen anders (weniger emphatisch) konstruieren:

This is the book he gave me for Christmas.

Dieselbe Problematik kann sich auch bei Passivkonstruktionen ergeben. Ihre Wahl in der Übersetzung kann ebenfalls davon abhängen, ob damit einem ZS-Satz entsprochen wird, der die Thema-Rhema-Gliederung des AS-Satzes am besten widerspiegelt.

Oft scheint jedoch eine Übernahme der Abfolge der lexikalischen Elemente im ZS-Satz nicht zu diesen Problemen zu führen, wie Wippermann (1996) für deutsche Übersetzungen chinesischer Äquivalente an vielen Beispielen demonstriert. Wippermann (1996:37) weist aber auch darauf hin, dass unter Umständen die syntaktische Funktion der jeweiligen Bedeutungseinheit abgeändert werden müsse, um die Wortfolge im ZS-Satz zu erhalten.

1.2. Zu den Passivstrukturen

Sowohl Kautz als auch Lu Kangle sind bei ihren vergleichenden Studien der Passiverscheinungen im Deutschen und im Chinesischen der Ansicht, dass diese in den unterschiedlichen Sprachen sehr unterschiedlich realisiert werden:

„Aus der semasiologisch orientierten Betrachtung der sprachlichen Mittel des Deutschen und des Chinesischen zum Ausdruck der Darstellungsperspektive ist deutlich geworden: 1. dass beide Sprachen über sprachliche Mittel dafür verfügen, 2. dass diese Mittel unterschiedlich sind […]“ (Kautz (1991:101))

„Bei der Darstellung der Typologie der Passivkonstruktionen lassen sich große Unübereinstimmungen der Strukturen beider Sprachen aufweisen.“ (Lu Kangle 1990:59)

„Passiv“ heiße dabei vereinfacht, dass derselbe Sachverhalt aus einer anderen Perspektive, von einem anderen, dem „erleidenden“, Teilnehmer des Geschehens heraus beschrieben werde, so Kautz (1991:17).

Das Deutsche besitze dabei, Kautz (1991:21) weiter folgend, die morphologische Form des Verbs, Genus Verbi, als wichtigstes Mittel zum Ausdruck der nach Kautz so benannten „Darstellungsperspektive“.

Wichtig sei aber auch die Unterteilung der Satzglieder in die semantischen Einheiten Agens (Urheber oder Ursache), Patiens (Betroffener oder Bewirktes), Aktion (meist das Verb) und andere, und vor allem die Zuordnungen dieser nach semantischen Kategorien eingeordneten Satzglieder zu den Einheiten der syntaktischen Ebene (Subjekt, Prädikat, Objekt) (Kautz 1991:14). Kurz gesagt sei der Satz „agensbezogen“, meist gleichbedeutend mit Aktiv, wenn die Diathese Agens = Subjekt bestehe, „nichtagensbezogen“, meist gleichbedeutend mit Passiv, wenn die Diathese Patiens = Subjekt bestehe.

Bei der Untersuchung des chinesischen Satzes nach Aktiv oder Passiv sei die Feststellung der Diathesen der entscheidende Punkt, falls der typische Passivpartikel 被 bei oder eine andere entsprechende Präposition fehle, was sogar sehr häufig der Fall sei (vgl Lu Kangle 1990:48f). Die Diathesen werden im Chinesischen wiederum „weitgehend durch die unterschiedliche Position der Mitspieler im Satz in Verbindung mit ihrer denotativen Bedeutung und der syntaktisch-semantischen Valenz der prädikativen Verben sowie unter Einbeziehung des weiteren Kontexts“ (Kautz 1991:101) deutlich, seien also zusätzlich von anderen grammatischen Faktoren abhängig.

Kautz kommt zu der für die Übersetzung wichtigen Ansicht, dass die „Darstellungsperspektive“ im Deutschen und im Chinesischen unterschiedlich angewendet werde. „[H]insichtlich der Pragmatik der ‚passivischen Sicht’ [bestehen] zwischen beiden Sprachen beträchtliche Unterschiede […].“, so Kautz (1991:101). Dies führe dann zu dem unterschiedlichen quantitativen Verhältnis zwischen dem Gebrauch der Passivstrukturen in beiden Sprachen. „Für die chinesische Sprache ist ein relatives Überwiegen der agensbezogenen Darstellungsweisen zu konstatieren.“, so Kautz (1991:101) weiter. Der habilitierte Übersetzer kritisiert daraufhin, dass bei der deutsch-chinesischen Übersetzung oft die Darstellungsperspektive des Originals übernommen werde, was zur Verletzung der Normen der Zielsprache führe. Er rät von einem automatischen Übernehmen der Darstellungsperspektive des Originals ab und formuliert sehr allgemein, dass man vielmehr die zur Wahl einer passivischen Darstellungsweise im AS-Text führende Sichtweise und die im ZS-Text bei der wörtlichen Übersetzung ausgelöste Wirkung beachten solle (vgl. Kautz 1991:103f).

Lu Kangle vertritt eine gemäßigtere Sicht:

„Insgesamt sind durch Vergleich beider Sprachen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede bei der Verwendung von Passivkonstruktionen zu verzeichnen. Die Passivkonstruktionen des Deutschen haben Funktionen, die im Chinesischen von Passivkonstruktionen und subjektlosen Sätzen zusammen vertreten werden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die deutschen Passivkonstruktionen beim Vergleich mit den chinesischen Übersetzungen in der Regel zahlenmäßig überlegen sind. Dies liegt daran, dass neben den Passivkonstruktionen andere Satzformen im Chinesischen die gleiche Funktion erfüllen können.“ (Lu Kangle 1990:118)

Diese Sicht des Autors ist einleuchtend. Er zeigt in seiner Untersuchung differenziert auf, welche Äquivalenzbeziehungen auch zwischen deutschen Passivsätzen und chinesischen Aktivsätzen bestehen können. Für deutsche Passivsätze kann es auch andere chinesische aktivische Äquivalente geben außer den subjektlosen Sätzen (vgl. auch Kapitel 1.4.), wie Lu Kangle durch den Begriff „andere Satzformen“ andeutet.

Außer dem Argument, dass andere Konstruktionen im Chinesischen dieselbe Funktion wie deutsche Passivsätze übernehmen, führt Lu Kangle (1990:174) seine Vermutung aus, dass das Überwiegen der chinesischen Aktivformen in den chinesischen Sprachkonventionen mit kulturellen Hintergründen zu tun habe. Lu Kangle betont die unterschiedliche „Lebensanschauung der Menschen unterschiedlicher Nationen“ (Lu Kangle 1990:174), und seine Argumentation gipfelt schließlich in konfuzianischen Fragen und der philosophischen Auffassung, dass im Westen die Subjektivität und im Osten die Objektivität in den Mittelpunkt gestellt werde.

Dazu ist zu sagen, dass in China ebenso wie im Westen bereits mit Subjektivität in der modernen Literatur experimentiert wurde.

Kautz bestätigt dies und sieht die Gründe für die unterschiedliche Pragmatik der „Darstellungsperspektive“ im Deutschen und Chinesischen eher „linguistischer“ als „philosophischer“:

„Aus dem Vorherrschen der agensbezogenen oder der nichtagensbezogenen Darstellungsweisen in verschiedenen Sprachen […] lassen sich selbstverständlich auch keine Rückschlüsse auf die Entwickeltheit einer Sprache oder gar auf Denkvermögen, Verhaltensweisen, Lebensanschauungen usw. der Angehörigen einer Sprachgemeinschaft ziehen, wie es in von idealistischen Philosophien beeinflussten sprachwissenschaftlichen Arbeiten zum Teil noch bis in unsere Tage getan wird.“ (Kautz: 1991:17)

„Das Überwiegen der agensbezogenen Darstellungsweisen im Chinesischen im Vergleich zum Deutschen ist […] nicht durch eine andere „Weltsicht“ der Chinesen bedingt, sondern durch die Unterschiede im Bau der beiden Sprachen, d.h. durch die unterschiedlichen Realisierungsmöglichkeiten von Agensbezogenheit und Nichtagensbezogenheit […]“ (Kautz 1991:101)

Kautz (1991:180) führt als Beispiele an, dass der Vollzugscharakter des Perfektpartizips der passivischen deutschen Verbform – als eine Funktion des Passivs – im Chinesischen ohnehin nicht im Verb ausdrückbar sei, sondern nur in den chinesischen Verb-Begleitern, die genauso im agensbezogenen Satz stehen könnten.

Außerdem spricht Kautz die „fehlenden flexionsmorphologischen Differenzierungsmöglichkeiten im Chinesischen“ (Kautz 1991:180) an, die für die „im Vergleich zum Deutschen relativ fixe Satzgliedstellung“ (Kautz 1991:180) und damit für die Bevorzugung eines aktivischen Satzes in der normalen Reihenfolge Agens – Aktion – Patiens verantwortlich seien. Im folgenden Text soll noch darauf eingegangen werden, ob die chinesische Satzgliedstellung im Vergleich zum Deutschen tatsächlich fixer ist.

1.3. Zusammenhang zwischen der FSP und den Passivstrukturen

Wie in 1.1. bereits angedeutet, wirken Satzperspektive und Passivkonstruktionen insofern zusammen, als dass die grammatische Konstruktion dazu benutzt wird, um bestimmte Elemente des Satzes zu thematisieren bzw. zu rhematisieren und so gedankliche Verbindungen innerhalb eines Textes harmonischer oder stilistisch gut darzustellen. Oder anders ausgedrückt: Die Veränderung der Perspektive, aus der das Geschehen dargestellt wird, geht meist einher mit einer Gewichtung nach anderen Satzelementen.

In diesem Aspekt sind sich Lutz (1981), Kautz (1991) und Lu Kangle (1990) einig. Lutz schreibt:

„Wir haben gesehen, dass Thema und Rhema durch die Wortstellung und die Intonation signalisiert werden. In vielen Fällen werden aber auch besondere grammatische Konstruktionen eingesetzt, um eine bestimmte Thema-Rhema-Struktur zu erzeugen oder um entweder das Thema oder das Rhema besonders hervorzuheben.

Das heißt, dass zwischen der Thema-Rhema-Struktur und der „grammatischen Ebene“ enge Beziehungen bestehen […].“ (Lutz 1981:67)

Lutz (1981:68) führt dazu ein Beispiel aus dem Englischen an. In dieser Sprache sei es aufgrund der festen Wortstellung weniger leicht möglich, von der Reihenfolge Subjekt – Verb – Objekt abzuweichen. Solle deshalb ein Patiens, das meistens als Objekt hinter dem Verb erscheint, an den Satzanfang gestellt und so thematisiert werden, werde im Englischen sehr oft eine Passivtransformation angewendet, in der das Patiens zum Subjekt wird, um so die gewohnte syntaktische Satzteilfolge und die Verbindung des Subjekts mit dem Thema wieder herzustellen, wie in dem Satz:

„I have been given the advice.“ (Lutz 1981:68)

Soll im Deutschen oder Chinesischen ein Objekt betont und an den Satzanfang gestellt werden, so ist dies allerdings auch ohne Passivtransformation möglich (vergleiche folgende “Passiv-freie”, aber “umgestellte” Beispiele: “Dieses Haus baute der Ingenieur Meyer.” oder “Waiyu ta xue de hen kuai. “, “Ta waiyu xue de hen kuai. “ ).

Auch Kautz ist sich des Gebrauchs des Passivs für eine harmonische Thema-Rhema-Gliederung bewusst:

„Wenn in einem nichagensbezogenen Satz das Agens genannt wird (in Form einer präpositionalen Gruppe), unterscheidet sich dieser Satz von einem agensbezogenen Satz nicht in seiner semantischen Bedeutung, möglicherweise aber in seinem kommunikativen Akzent, d.h. in seiner Thema-Rhema-Gliederung […]“ (Kautz 1991:19)

An einem Beispiel von Kautz sieht man, wie sich ein Einzelsatz dank der Passivkonstruktion besonders gut in die Gesamtdarstellung des Sachverhalts einfügt:

„Er sang besonders gern vor Frauenvereinen, denn er hungerte nach Anerkennung und genoss den Applaus. Applaudiert aber wurde stets am meisten von den Damen.“ (Kautz 1991:23)

Durch die Passivtransformation im letzteren Satz gelangt die Präpositionalkonstruktion „von den Damen“ an das Ende des Satzes in den Rhema-Bereich. Bei einem normalen Aktiv-Satz würde diese lexikalische Einheit als Subjekt am Satzanfang stehen, und, was stilistisch weniger gut wäre und etwas monoton erscheinen würde: Das Verb „applaudieren“ würde ein zweites Mal in die Satzendposition gelangen.

Kautz (1991:180) betont in seiner Untersuchung der Passivstrukturen, dass die Thema-Rhema-Gliederung das Phänomen ist, nach dem sich die Wahl der „Darstellungsperspektive“ richte. Bei der Wahl von Aktiv oder Passiv im ZS-Text komme man primär den „Erfordernissen des Textaufbaus“ entgegen.

Lu Kangle schließlich hat sich ebenfalls, allerdings ausführlicher mit dieser wichtigen Wechselwirkung von Passiv und Thema-Rhema-Gliederung befasst:

[...]


[1] Siehe Wippermann (1996:36 und 1997:87) und Lutz (1981:9)

Details

Seiten
36
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783668666214
ISBN (Buch)
9783668666221
Dateigröße
761 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v417249
Institution / Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main – Institut für Orientalische und Ostasiatische Philologien
Note
1,0
Schlagworte
Übersetzung Wang Shuo Sinologie Chinesisch

Autor

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Titel: Die Wortstellung  in der chinesisch-deutschen Übersetzung. Die Informationsstruktur und die Passivkonstruktionen