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Das Geburtstrauma und seine Folgen für die Mutter-Kind-Bindung

Untersuchungen von Frühinterventionsprogrammen zur Stärkung der Mutter-Kind-Bindung nach einem für die Mutter erlebtem Geburtstrauma

Bachelorarbeit 2018 44 Seiten

Pädagogik - Kindergarten, Vorschule, frühkindl. Erziehung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Bindung zwischen Mutter und Kind
2.1 Die Bindungstheorie
2.2 DiefremdeSituation und ihre Bindungstypen
2.3 Sensitivitat und ihr Einfluss auf die Mutter-Kind-Interaktion
2.4 Fursorgeverhalten
2.5 Das Bindungshormon „Oxytocin"
2.6 Bindung durch Bonding
2.7 Zusammenfassung

3. Das Geburtstrauma
3.1 Das Geburtstrauma und seine moglichen Ursachen
3.2 Folgen und mogliche Remission einer traumatischen Geburtfur Mutter/Kind

4. Fruhinterventionsprogramme
4.1 Fruhinterventionsprogramm SAFE ®
4.2 Fruhinterventionsprogramm „Pro Kind"
4.3 Fruhinterventionsprogramm STEEP™
4.4 Fruhinterventionsprogramme im Vergleich

5. Vorstellung des neuen Fruhinterventionsprogramm VAA „VonAnfangAn"
5.1 Pranatal
5.2 Perinatal
5.3 Postnatal

5. Fazit

6. Quellen

1. Einleitung

Die Schwangerschaft ist im Leben einer Frau vielleicht die auBergewohnlichste Zeit ihres Lebens: Sie hat sich dafur geoffnet, in ihrem Korper einem „fremden“ Wesen einen Platz zu uberlassen, damit dieses sich zu einem neuen menschlichen Korper entwickeln kann. Fur die Psyche und die Physis der werdenden Mutter bringt dies bedeutende neue Erfahrungen, Erlebnisse und Anforderungen mit sich. Es geht nicht mehr nur um „sich selbst“, es geht nicht nur um die Frau, die jetzt Mutter wird, es geht um ein weiteres „Selbst“, das von nun an in das eigene Leben fur eine voraus- sichtlich lange Zeit mit einbezogen werden muss. Ab Schwangerschaftsbeginn hat die werdende Mutter alles neu zu uberdenken. Hinzu kommt die Rolle des werden­den Vaters. Die Beziehung der Mutter zu dem Vater des Kindes erhalt jetzt eine an- dere Ausrichtung: Mutter und Vater haben sich der neuen Situation anzupassen. Ein weiteres Lebewesen gehort nun mit dazu und bedarf der sorgsamen Berucksichti- gung. Der neue Kontext bei einem normalen Verlauf der Schwangerschaft ist, wie oben angedeutet, bereits mit enormen Umwalzungen im Leben einer werdenden Mutter verbunden. Was aber passiert, wenn die Normalitat verloren geht, wenn un- erwartete Diagnosen und Ereignisse den normalen Verlauf der Schwangerschaft und der Geburt gefahrden?

Das von mir gewahlte Thema “Das Geburtstrauma und seine Folgen fur die Mutter- Kind-Bindung“ bezieht sich vorrangig auf den Vorgang der Geburt und die Auswir- kungen auf die Mutter-Kind-Bindung. Deshalb beschaftigt sich diese Arbeit in erster Linie mit den fruhzeitigen Unterstutzungsmethoden fur die Mutter nach der Geburt und geht nur vereinzelt auf praventive vorgeburtliche MaBnahmen ein.

Die Arbeit geht nur sehr eingeschrankt auf die moglichen Ursachen eines Ge- burtstraumas ein sowie auf die moglichen Beseitigungsstrategien dieser Ursachen. Denn meiner Meinung nach entsteht ein Geburtstrauma, in vielen Fallen, nicht erst mit der alleinigen Geburt, sondern ist bereits ein Ausdruck von Erwartungen der werdenden Mutter sich selbst gegenuber.

Als gelernte Kinderkrankenschwester sowie zukunftige Kindheitspadagogin mochte ich dort ansetzen, wo ich glaube, mich sinnvoll einbringen zu konnen - beim Thema „Geburt“ und ihren pra- und postnatalen Unterstutzungsmoglichkeiten von Mutter und Kind, damit sich eine sichere Bindung aufbauen kann. Mich beschaftigt das Thema dieser Arbeit sehr, da ich als gelernte Kinderkrankenschwester bereits Frauen durch meine Arbeit auf einer Entbindungsstation erlebt habe, die ihre gerade uber- standene Geburt als sehr traumatisch empfunden haben und deutliche Schwierigkei- ten aufwiesen, ihr Neugeborenes anzunehmen und zu lieben, so wie die Gesellschaft es von einer gerade entbundenen Frau oftmals erwartet. Die Frage, der mich dabei oft begleitet hat, ist: „Hat diese erste Erfahrung zwischen Mutter und Kind Auswir- kung auf ihre Bindung zu einander und konnte eine traumatisch erlebte Geburt auf- grund von einem komplizierten Schwangerschaftsverlauf bereits ein Grund fur eine zukunftig unsichere Bindung vom Kind zur Mutter sein?"

Beeintrachtigende und lebensgefahrdende Faktoren rund um die Schwangerschaft und Geburt konnen Ausloser einer traumatisch empfundenen Geburt darstellen. Die Bedrohlichkeit einer solchen Situation beschreibt Creasy in folgendem Zitat:

„Komplizierte Schwangerschafts- und Geburtsverlaufe zahlen zu den bedeutendsten Risikofaktoren fur die Gesundheit der Mutter undihres Kindes.“ (zit. 1994, In: Wurmser, 2007, S. 135)

In Deutschland ist die Zahl der Risikoschwangerschaften in den letzten 30 Jahren stetig gestiegen. Zwei von drei Schwangerschaften werden als Risikoschwanger­schaften eingestuft (Vgl. Deutscher Bundestag, 2016, S. 2ff.).

Ist die Bewaltigung des Traumas nicht moglich, konnte dies Auswirkungen auf die Mutter-Kind-Beziehung haben. Eine beeintrachtigende Folge ware ein emotionaler Ruckzug der Mutter vom Kind (Vgl. Brazelton/ Cramer, 1994, S. 28f.).

Schwangerschafts- und Geburtskomplikationen bringen somit erhebliche Anforde- rungen an die Mutter sowie ihr Kind mit. Dies konnte demnach Auswirkungen auf die Bindung zwischen Mutter und Kind haben.

Die kommende Arbeit wird sich ausschlieBlich auf die Sicht der Mutter beschranken und mogliche Wege zu ihrer Unterstutzung nach einer traumatischen Geburt und auf die moglich resultierenden Folgen hinweisen, die sich fur die Bindung zwischen Mutter und Kind ergeben konnen.

Die tragende Bedeutung der Bindung zwischen Mutter und Kind wird anhand der Bindungstheorie erlautert. Danach wird auf das Trauma der Geburt und ihre mogli- chen Folgen eingegangen. Die postpartale Depression wird nur kurz erwahnt, da dies den Rahmen meiner Bachelor-Arbeit sprengen wurde.

Drei etablierte Fruhinterventionsprogramme werden vorgestellt und ein kurzer Ver- gleich der Programme, mit den von mir fur wichtig empfundenen Kriterien, darge- stellt.

AnschlieBend mochte ich ein von mir erstelltes mogliches Fruhinterventionspro- gramm vorstellen, welches ich als eine sinnvolle MaBnahme fur werdende Mutter und ihre Babys empfinde. Resultierend aus den Vergleichen der Fruhinterventions­programme leitet sich mein Fazit ab.

Die Mutter wird von mir als Bindungsperson dargestellt. Ich mochte jedoch betonen, dass die Bindungsperson auch eine andere sein kann und nicht ausschlieBlich die Mutter sein soll. Auf die verschiedenen Traumata-Typen, die in der Psychotherapie nach Leonore Terr unterschieden werden, gehe ich nicht detailliert ein, da es eben- falls den Rahmen meiner Bachelor- Arbeit sprengen wurde.

2. Bindung zwischen Mutter und Kind

„Bindung bezeichnet das biologisch begrundete, Zeit und Ort uberdauernde emotionale Band zwischen zwei Personen, insbe- sondere zwischen Eltern und Kindern. Bindung [engl. Attach­ment] betrifft hauptsachlich den Schutz und die Sicherheit des abhangigen Kleinkindes in der Beziehung zur Bezugsperson.“

(Bowlby, 1975, Munchen. S. 118)

In diesem Abschnitt wird die Bindungstheorie erlautert.

Die Bindungstheorie macht die Wichtigkeit menschlicher Beziehungen deutlich. Liebevolle Beziehungen zu Bezugspersonen sind ein Grundbedurfnis und im Grund- recht verankert. In Art. 9 Abs. 1 der UN- Kinderrechtskonvention findet sich folgen- des wieder:

„[...] dafi ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt wird, es sei denn, [...], dass diese Trennung zum Wohl des Kindes notwendig ist. “ (Art. 9 Abs. 1 CRC, Zit. n.: Maybach, 2004, S. 15)

Um dieses Grundrecht zu gewahrleisten ist es unerlasslich Eltern und Fachkrafte daruber zu informieren und zu schulen (Vgl. Maybach, 2004, S. 15).

2.1 Die Bindungstheorie

Der britische Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby erforschte auf empiri- scher Ebene die Bindungstheorie in den 40er und 50er Jahren. Die Wurzeln der Bin­dungstheorie liegen in der evolutionaren Weltansicht nach Charles Darwin. Neuge- borene sind genetisch programmiert, enge Bindungen zu starkeren und weiseren alte- ren Menschen einzugehen, um dauerhaft versorgt zu werden (Vgl. Grossmann/ Grossmann, 2003, S. 7), da sie Schutz und Zuneigung von einer ihnen vertrauten Person benotigen (Vgl. Tenorth/Tippelt, 2012, S. 118). John Bowlby erreichte be- sondere Popularitat durch seinen Bericht, den er fur die Weltgesundheitsorganisation erfasste. Dort berichtete er uber die negativen Folgen, durch langere Trennungen der Mutter vom Kleinkind (Vgl. Endres M., 2010, S. 8).

Ein weiterer zentraler Bestandteil seiner Bindungstheorie sind die psychopathogene- tischen Traumaerfahrungen in der Entstehung von Bindungsstorungen. Er weiBt in Langschnittstudien nach, dass eine sichere Bindungsentwicklung, trotz traumatischer Erlebnisse, ein Schutzfaktor fur eine gesunde psychische Entwicklung ist (Vgl. Brisch/ Hellbrugge, 2003, S. 8).

Das Bindungsverhalten ist individuell verschieden und ist abhangig von der Bin- dungsperson gegenuber dem Kind. Es wird unterschieden zwischen sicherer Bin- dung, unsicher-ambivalenter Bindung, unsicher-vermeidender Bindung und der hochunsicheren Bindung (Vgl. Brisch/Hellbrugge, 2003, S. 118).

Eine genauere Erlauterung der Bindungstypen nach Mary Ainsworth werde ich in dem Unterpunkt 2.2 erlautern.

Dieser kanadischen Psychologin gelang die praktische Umsetzung der empirisch un- tersuchten Bindungstheorie von John Bowlby durch Feldbeobachtungen in Uganda, als sie in den 50er Jahren zu seinem Team stieB (Vgl. Keller, 2008, S. 110). Sie ent- wickelte eine Standardisierung ihrer Beobachtungen mittels des Fremden-Situations- Tests (FST), um die Bindungsqualitat zu einer Bezugsperson bestimmen zu konnen (Vgl. Gloger- Tippelt, 2008, S. 82). Grundlage ihrer Forschung ist die Aktivierung des Bindungssystems. Das Bindungssystem wird aktiviert, indem ein Individuum sich von einer Gefahr bedroht fuhlt, es diese Gefahr von selber nicht beheben kann und Schutz bei der Bindungsperson sucht (Vgl. Braun/ Helmke, 2008, S. 282). Castello geht davon aus, dass sich dies in der Evolution als ein positives Merkmal der menschlichen Entwicklung erwiesen hat (Vgl. Castello, 2011, S. 41)

2.2 Die fremde Situation und ihre Bindungstypen

Ainsworth und Witting erforschten in einer Langsschnittstudie die Bindung der Kin­der an ihre Mutter im Verlauf der ersten Lebensjahre (Vgl.,1969, S. 112).

Sie entwickelte ein standardisiertes Untersuchungsverfahren zur Messung der Bin- dungsqualitat zu ihren Bezugspersonen1. Das Untersuchungsverfahren basiert auf der Grundlage einer Wartesituation, die sich in acht dreiminutigen Episoden ereignet. Durch einen Wechsel der An- und Abwesenheit der Bezugsperson soll das Bin- dungs- und Explorationsverhaltenssystem der Kinder im Alter von 12-24 Monaten aktiviert werden. Die Kinder werden in einer ihnen fremden Situation (einem unbe- kannten Raum mit Spielzeug) von ihren Muttern unauffallig alleingelassen. Die Mut­ter verlassen den Raum, nachdem eine fremde Person den Raum betreten hat und die Mutter ein kurzes Gesprach mit ihr fuhrte. Das Bindungssystem der Kinder wird hierbei aktiviert indem es Unvertrautheit und Fremdheit erlebt (Vgl. Castello, 2011, S. 43).

Ainsworth und Wittig beschrieben den Grund fur ihr Konzept der Fremden Situation wie folgt:

„ Wir wollten insbesondere drei Aspekte seines Verhaltens in der Fremden Situation beobachten: (a) wie das Baby seine Mutter als sichere Basis nutzte, um die Welt zu erkunden; (b) seine jeweilige Reaktion, wenn seine Mutter das Zimmer verliefi und wenn sie zuruckkehrte; (c) seine Reaktion auf eine fremde Person(1969, S.112)

Die Kinder zeigten bei der Ruckkehr zu den Muttern unterschiedliche Verhaltens- weisen wie „Nahe suchend“, „Kontakt haltend“, „Widerstand gegen Korperkontakt“ oder ahnliches Vermeidungsverhalten. Die unterschiedlichen Reaktionen der Kinder lassen Schlusse auf drei Klassifikationen der Bindungsqualitat ziehen. Durch Maine und Salomon (1986) wurde spater noch eine vierte Klassifikation (Typ D) hinzuge- fugt (Vgl. Castello, 2011, S. 44f.)

Tabelle: „Die Klassifikationen der Bindungsqualitat“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Abb. 1: Vgl. Castello, 2011, S. 44)

Der Entwicklungspsychologe Gottfried Spangler hat 1993 nachweisen konnen, dass bei allen 4 Bindungstypen, also auch beim sicheren Bindungstyp, in der Fremden Si­tuation, ein erhohter Cortisol-Spiegel nachweisbar ist, welches ein Hinweis auf phy- siologischen Stress fur das Kind sein kann. (Vgl. Grossmann/ Grossmann, 2011, S. 307). Untersuchungen haben zeigen konnen, dass die kindliche Stress-Reaktivitat in Anwesenheit von ihren Muttern, die eine sichere Bindung zu ihrem Kind hatten, deutlich reduziert war (Vgl. Ahnert, 2008, S. 74).

Dadurch wird deutlich, dass das Gefuhl, von der Bezugsperson als sicherer Basis verlassen zu werden, unabhangig von der Art des Bindungstyps einen Einfluss auf die Physiologie des Kindes hat.

2.3 Sensitivitat und ihr Einfluss auf die Mutter-Kind-Interaktion

Die erste emotionale Erfahrung macht ein Kind mit seiner Mutter. Bereits nach we- nigen Minuten des geboren seins geben Sauglinge bereits eindeutige Signale durch ihr Verhalten, wie z.B. durch Schreien oder Quengeln, einen Hinweis uber ihren emotionalen Zustand (Vgl. Castello, 2011, S. 41). Durch eine sofortige Reaktion der Mutter, wie das Stillen oder Futtern, erkennt das Kind, dass es seine Umwelt fur sich positiv verandern kann, indem es Signale an seine Bezugsperson sendet. Diese Signale losen bei der Mutter eine meist intuitive Reaktion aus: Sie erkennt worin das Bedurfnis ihres Kindes liegt und agiert zumeist intuitiv adaquat darauf (Vgl. Castel­lo, 2011, S. 41f.).

Ahnert weist darauf hin, dass eine sichere Mutter-Kind-Bindung dann entstehen kann, wenn die Mutter an den Erfahrungen des Kindes teilnimmt, positive Emotio- nen verstarkt und negative Emotionen reduziert. Die Mutter sollte kontinuierlich eine Antwort auf die Signale ihres Kindes geben, da sie die Fahigkeit besitzt Storungen, ihres Kindes unmittelbar zu erkennen und zu beseitigen (Vgl., 2008, S. 74).

Diese Sensitivitat (Feinfuhligkeit) ist die Voraussetzung fur eine gelingende Interak- tion zwischen Mutter und Kind, damit sich aus dieser Erfahrung eine sichere Bin- dung entwickeln kann. Mary Ainsworth spricht von vier wichtigen Komponenten, die die Fahigkeit der Feinfuhligkeit ausmachen:

1. Die Signale des Kindes wahrnehmen
2. Die richtige Interpretation der Signale des Kindes
3. Eine angemessene Antwort, die zu seinem Entwicklungsprozess passt.
4. Eine prompte Reaktion innerhalb der Frustrationszeit des Kindes.

(Vgl. Castello, 2011, S. 42)

Gianino und Tronick (1988) gehen davon aus, dass die meisten Mutter automatisch die Fahigkeit einer positiven Interaktion zu ihrem Kind besitzen. Diese jedoch kon- nen in unterschiedlichen Phasen allerdings unterbrochen werden. Sie konnten bei- spielsweise nachweisen, dass Sauglinge bei Muttern, die unter depressiven Phasen litten, bereits mit zwei bis drei Monaten unterschiedliche Interaktionserfahrungen haben. Dies wurde deutlich durch die Mimik, vokale und den motorischen Aktivita- ten bei der sogenannten „Still-face‘a Situation (Vgl. Castello, 2011, S. 43).

Neugeborene und Babys haben ein sensibles Gespur fur die emotionale Lage ihrer Mutter, die sich dann auf sie selbst ubertragt und die Bindung zwischen Mutter und Kind nachteilig beeinflussen kann, soweit die mutterliche Emotion negativ ist (Vgl. Teichrib, 2011, S. 4).

2.4 Fursorgeverhalten

Das Fursorgeverhalten der Mutter gegenuber dem Kind in den ersten Lebensjahren ist von erheblicher Bedeutung, um fur eine seelische Gesundheit und Charakterent- wicklung sorgen zu konnen. Es ist wichtig, dass Mutter und Kind eine gegenseitig innige und konstante Beziehung zueinander aufbauen konnen (Vgl. Bowlby, 2010, S. 118). Alltagliche Zuwendungen der Mutter, wie die Innigkeit beim Stillen oder das abendliche Zubettbringen, zeigen dem Kind bereits, wertvoll und wichtig zu sein. Sie sind die Grundlage einer physiologischen gesunden Entwicklung (Vgl. Kirschke/ Hormann, 2014, S. 6).

Bowlby geht ebenso davon aus, dass jede langere Abweichung von einer einzigen Mutter-Kind-Beziehung zu einer Deprivation2 fuhren kann. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn das Kind einen langeren Krankenhausaufenthalt absolvieren muss: Da das Personal haufig wechselt, ist die Betreuung des Kindes auf verschiede- ne Personen verteilt, und die gewohnte Zuwendung fehlt. Die Unterbrechung der mutterlichen Fursorge kann unterschiedliche Folgen auf die Entwicklung des Kindes haben (Vgl., 2010, S. 172f.).

Es wird unterschieden zwischen der partiellen Deprivation, die durch die mangelnde Befriedigung der Interaktion zwischen Mutter und Kind gekennzeichnet ist, und der totalen Deprivation, der den kompletten Entzug der Mutter meint (Vgl. Bowlby, 2010, S. 11f.).

2.5 Das Bindungshormon „Oxytocin“

Oxytocin ist ein Hormon, welches unteranderem unmittelbar wahrend des Geburts- vorganges in hohen Dosen ausgeschuttet wird. Es bewirkt einen Milcheinschuss in der Brustdruse und ist als Bindungshormon bekannt. Oxytocin reguliert bei stillenden Muttern die Stressempfindlichkeit und sorgt fur eine ausgewogene Mutter-Kind- Interaktion. Postnatal hilft es eine liebevolle Bereitschaft fur die Nachwuchsbetreu- ung zu entwickeln (Vgl. Ahnert, 2008, S. 64f.).

Die Kenntnisse uber das Bindungshormon Oxytocin unterstutzen auch Bowlbys An- nahme, dass Bindung bereits genetisch bedingt ist. Der Oxytocin-Spiegel steigt unter anderem durch die Stimulierung der Sinne durch Beruhrung, Streichelbewegungen und Warme. Oxytocin ist deshalb auch als Kuschelhormon bekannt, da es durch Hautkontakt ausgeschuttet wird (Vgl. Uvnas- Moberg, 2013, S. 13f.).

Studien haben belegt, dass Oxytocin im Angstzentrum des Gehirns wirkt und Angst- gefuhle verringert (Vgl. Hurlemann, 2014). Nach einer Entbindung, speziell in der Zeit des Wochenbetts3, kann dies fur eine Frau sehr hilfreich sein. Im Wochenbett beginnt zum ersten Mal die reale Auseinandersetzung mit ihrem Neugeborenen. Brazelton und Cramer sagen dazu:

,,Im Augenblick der Geburt haben es alle Eltern mit drei Babys zu tun. Das imaginare Kind ihrer Traume und Phantasien und der unsichtbare, aber reale Fotus, dessen individuelle Rhyth- men und dessen Personlichkeit sich in den vergangenen Mona- ten immer deutlicher zu erkennen gegeben haben, verschmelzen nun mit dem wirklichen, neugeborenen Baby, das die Eltern se- hen, horen und endlich in die Arme schliefien konnen. Die Bin- dung an ein Neugeborenes beruht auf vorhergegangenen Be- ziehungen zu einem imaginaren Kind(1994, S. 13)

Das Bindungshormon Oxytocin spielt bei der Findung der neuen Rolle einer Mutter und bei dem Kennenlernen ihres wirklichen Neugeborenen eine groBe Rolle.

2.6 Bindung durch Bonding

Ainsworth ging davon aus, dass das Band (bond) zwischen Mutter und Kind unmit- telbar nach der Geburt, durch das sogenannte Bonding4, dem engen Korperkontakt- zwischen Mutter und Kind, entsteht. Laut Ainsworth kann dieses Band auch noch in den folgenden Tagen nach der Geburt durch engen Korperkontakt nachgeholt werden oder auch durch eine andere Bezugsperson, wie dem Vater geschehen. Forscher nahmen lange Zeit an, dass Bindung sich nicht entwickeln kann, wenn Mutter und Kind nicht unmittelbar nach der Geburt die Gelegenheit haben, in einen engen Kor- perkontakt zu gehen, wie dies unter anderem bei einer Fruhgeburt der Fall sein kann, da Mutter und Kind dann unmittelbar nach der Geburt zwecks lebenserhaltender MaBnahmen voneinander getrennt werden mussen (Vgl. Grossmann/Grossmann, 2011, S. 310).

Grossmann und Grossmann haben in einer deutschen Vergleichsstudie Ainsworths Theorie nachweisen konnen. Sie bestatigten, dass auch Mutter, die keinen unmittel- baren Korperkontakt zu ihrem Neugeborenen nach der Geburt hatten, eine Bindung zu ihrem Kind aufbauen konnen, indem sie in den folgenden Tagen den engen Kor- perkontakt nachholten (Vgl. Grossmann/ Grossmann, 2011, S. 310).

2.7 Zusammenfassung

Die kindliche Bindung ist ein aussagekraftiges Pradikat und unverzichtbar fur die Entwicklung des Kindes. Besonders die fruhe Interaktion mit der Fursorgeperson hat einen hohen Einfluss auf die kognitive als auch seelische Entwicklung des Kindes. Laut Beck besteht die Gefahr einer nicht ausreichenden Resilienz-Entwicklung5 des Kindes, bei einer nicht befriedigenden Interaktion zwischen Mutter und Kind.

Deshalb pladieren Stokowy und Sahhar fur eine rechtzeitige Einschatzung der El- tern-Kind-Interaktion, um mit einer passenden InterventionsmaBnahme agieren zu konnen (Vgl. 2012, S. 19f.).

Die Qualitat der einfuhlsamen Mutter-Kind-Interaktion ist fur das Kind ein nach- weisbarer Schutzfaktor (Vgl. Papousek, De Chuquisengo, 2003, S. 137).

Die Neurobiologie stellt die Hypothese auf, dass die fruhen emotionalen Erfahrungen durch die Mutter-Kind-Interaktion in die physiologische Reifung des Gehirns ein- greifen. Hierbei ist hauptsachlich das limbische System betroffen, welches fur die Regulierung der Emotionen verantwortlich ist (Vgl. Braun/ Helmke, S. 288f.).

Um eine sichere Bindung zwischen Mutter und Kind aufzubauen, ist es von Bedeu- tung, dass eine gegenseitige Bedurfnisbefriedigung erfolgt. Dies kann durch die Feinfuhligkeit der Mutter und damit der Entwicklung des intuitiven Mutter-Instinktes geschehen.

3. Das Geburtstrauma

Das Thema des Geburtstraumas wird bis heute aus meiner Sicht zu wenig themati- siert. In unsere Gesellschaft geht man weiter davon aus, dass sobald man den Ge- burtsvorgang uberstanden und einen gesunden Saugling auf die Welt gebracht hat, die Mutter sich vor Gluck nur noch dankbar schatzen darf. Jedoch ist dies oftmals nicht der Fall ist. Nicht selten, sind Frauen mit der gerade erlebten Geburt vollig uberfordert. Damit beginnt auch schon der Kreis von Selbstzweifeln: kann ich uber- haupt eine gute Mutter sein?

Doch langsam findet anscheinend eine Sensibilisierung unserer Gesellschaft fur die­ses Thema statt: Immer haufiger offnen sich Mutter und berichten von Geburten, die sie noch nicht verarbeitet haben.

Die erlebte Geburt erhalt wachsendes Interesse in unserer Gesellschaft, was man dar- an erkennt, dass die Medien vermehrt davon berichten. In der popularwissenschaftli- chen Zeitung Eltern ist in diesem Januar ein Artikel mit dem Titel: „Geburtstrauma- das hatte ich mir anders vorgestellt“ erschienen. Hier berichten drei Frauen von ih- rer Geburt und ihren Folgen. Susanne beschreibt ihr Erlebnis:

[...]


1 Wenn ich von der Bezugsperson spreche, spreche ich hauptsachlich von der Mutter.

2 „Still- face“ bezeichnet die Situation, bei der die Mutter fur eine kurze Zeit in ihrer Mimik erstarrt.

3 Deprivation: „Entzug, Entbehrung von bedurfnisbefriedigenden Objekten oder Reizen und ihre psy- chische und physische Folgeerscheinung.“ (Tenorth, 2012, S.144)

4 Wochenbett beschreibt die Zeit von der Entbindung bis 6 Wochen post-partum. (Vgl. Knorr/Knorr-Gartner/Beller/Lauritzen, 1989, S.284).

5 In Fachkreisen wird von Bonding als ein Konzept, des engen Korperkontaktes zwischen Bezugsper­son und Kind, nach der Geburt, meint. Klaus und Kennel haben 1976 diesen Begriff bekannt gemacht. Sie beobachteten fruhgeborene Sauglinge, die nach ihrer Entlassung, zu Hause nicht ausreichend ge- diehen. Sie nahmen an, dass der Grund fur dessen nicht gedeihen die mangelnde Zuwendungsbereit- schaft ihrer Mutter war. Den Grund dafur vermuteten sie in dem Geburtsverlauf durch eine direkte Trennung nach der Geburt welche einen erheblichen Einfluss auf die Entstehung der emotionalen Bindung zum Kind hatte (Vgl. Ahnert, 2008, S. 63f.).

6 Resilienz leitet sich von dem engl. Wort resiliency ab und bedeutet Widerstandfahigkeit (Vgl. Fingerele, 2013, S. 141).

Details

Seiten
44
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668676404
ISBN (Buch)
9783668676411
Dateigröße
734 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416995
Institution / Hochschule
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Note
2,0
Schlagworte
geburtstrauma folgen mutter-kind-bindung untersuchungen frühinterventionsprogrammen stärkung mutter Geburt Bindung
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Titel: Das Geburtstrauma und seine Folgen für die Mutter-Kind-Bindung