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Entwicklung des synthetischen Lesens im Fremdsprachenunterricht der Sekundarstufe I

Ausarbeitung 2018 15 Seiten

Didaktik - Allgemeine Didaktik, Erziehungsziele, Methoden

Leseprobe

Eine erfolgreiche Entwicklung des stillen Lesens im Fremdsprachenunterricht der Sekundarstufe

Es besteht heute wohl kein Zweifel daran, dass das Lesen als eine entscheidende Form der Informationsgewinnung sowie des Wissenserwerbs eine zentrale Zielkompetenz im Fremdsprachenunterricht darstellt. Als eine Schwerpunktaufgabe weisen die meisten Fremdsprachenlehrpläne Herausbildung einer synthetischen Lesehaltung aus. Was ist darunter zu verstehen, und in welchem Verhältnis steht diese Aufgabe zu den lebenspraktischen Leseanforderungen?

Ein „Anfänger“ liest die ersten fremdsprachigen Texte analytisch und übersetzend. Zwischen der Rezeption der Graphemkomplexe und dem Inhaltsverstehen besteht eine mehr oder weniger große Zeitdifferenz. Diese ist darauf zurückzuführen, dass die einzelnen Sprachzeichen wegen des Fehlens entsprechender Automatismen bewusst analysiert und übersetzt werden müssen, um zum Verständnis zu gelangen. Dieses mittelbare Verstehen ist sehr zeitaufwendig und verhindert oder erschwert zumindest die fließende Sinnentnahme, weil die Aufmerksamkeit der Die Leserinnen oder Leserin oder des Die Leserinnen oder Lesers zu einem großen Teil für die analytisch-übersetzende Wort-für-Wort-Decodierung beansprucht wird. Das das Lesen vorantreibende Motiv, nämlich das Bedürfnis nach neuen und interessanten inhaltlichen Informationen, kann kaum zur Wirkung gelangen.

Deshalb macht es sich notwendig, an der Ausbildung einer rationelleren Form des Lesens zu arbeiten. Eine solche ist das synthetische Lesen, das durch ein unmittelbares Verstehen gekennzeichnet ist: Die Zeichen werden ganzheitlich erfasst, und die Verstehensprozesse verlaufen synchron. Im Unterschied zum analytischen und übersetzenden Lesen entfallen die Zwischenglieder – das bewusste Zuordnen zu grammatischen Kategorien, das Feststellen deren Funktion und das Übersetzen des Analysierten. Ein solches Lesen schließt natürlich analytische und übersetzende Phasen nicht völlig aus, allein sie beschränken sich auf sehr wenige Textstellen.

Welche Fähigkeiten setzt nun das synthetische Lesen voraus? Im Wesentlichen handelt es sich dabei um folgende:

- die Fähigkeit des differenzierten Perzipierens und Apperzipierens von Graphemen und Graphemfolgen; das ist gewissermaßen die Grundvoraussetzung,
- die Fähigkeit des schnellen Assimilierens und Assoziierens der Graphemfolgen mit ihren Bedeutungen auf der Grundlage des gegebenen sprachlichen und außersprachlichen Kontextes; das sind
- die Fähigkeit, möglichst umfangreiche Ganzheiten (Syntagmen, Sätze, Gedankenabschnitte) komplex zu erfassen
- die Fähigkeit, ohne bewusste lautliche Umsetzung und ohne starke innere Phonation zum Textverständnis zu gelangen
- die Fähigkeit, vermöge einer auf die Redundanz der aufgenommenen Zeichen und Inhalte gegründeten Fortsetzungserwartung sprachliche und sachliche Informationen in der fremden Sprache zu ergänzen
- die Fähigkeit, logische Zusammenhänge und den logischen Aufbau von Texten zu erkennen
- die Fähigkeit, unbekanntes Wortmaterial ohne Hilfsmittel zu erschließen
- die Fähigkeit, unbekanntes Wortmaterial mit Hilfsmitteln rationell zu erschließen.

Die Ausbildung des synthetischen Lesens ist allerdings anspruchsvoll. Es ist in der allgemeinbildenden Schule nur in Ansätzen, als eine entsprechende Grundhaltung erreichbar. Die synthetische Lesehaltung muss systematisch, von Beginn des Fremdsprachenunterrichts an entwickelt werden. Dazu bedarf es bestimmter Vorgehensweisen bei der Arbeit mit Lesetexten sowie einer Vielzahl spezieller Leseübungen.

Die Lesearten im Fremdsprachenunterricht

Orientierendes Lesen

Zur kommunikativen Zwecksetzung:

Beim orientierenden Lesen versuchen die Leserinnen und Leser, einen ersten Überblick über den Text zu gewinnen.

Zwei Fragen können zum orientierenden Lesen führen:

- Enthält der Text bestimmte benötigte Informationen?
- Welche Schwerpunkte behandelt der Text? Welche Problematik wird abgehandelt und welchen Wert haben diese Informationen für die Die Leserinnen oder Leserin oder den Die Leserinnen oder Leser?

Stellt sich heraus, dass die Informationen für die Die Leserinnen oder Leserinnen oder Die Leserinnen oder Leser unwichtig sind, werden sie es mit dem orientierenden Lesen bewenden lassen. Demzufolge ist dieser Leseart in der Lesepraxis eine Eigenständigkeit zuzusprechen.

Beim orientierenden Lesen lassen sich die Leserinnen und Leser von Überschriften, Hervorhebungen, vom äußeren Aufbau des Textes leiten. Es beruht auf einem komplexen Erfassen bestimmter Ganzheiten. Vor allem wird versucht, Schlüsselwörter, Schlüsselwortgruppen und Schlüsselsätze zu erfassen. Hierin äußert sich auch der fremdsprachenmethodische Wert des orientierenden Lesens. Es kann in einem beachtlichen Maße der Herausbildung einer synthetischen Lesehaltung dienen:

Erstens trägt das orientierende Lesen zur Erhöhung des Lesetempos bei, weil die Leserinnen und Leser einfach gezwungen werden, möglichst rasch möglichst umfangreiche sprachliche Ganzheiten aufzunehmen und vom Wort-für-Wort-Lesen abzugehen. Die im Gedächtnis gespeicherten Informationen werden synchron mobilisiert, damit aufgrund der wenigen rezipierten Zeichen die erforderlichen Informationen ergänzt werden können.

Zweitens sind Leserinnen und Leser beim orientierenden Lesen gezwungen, ein analysierendes und übersetzendes Vorgehen einzuschränken.

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Details

Seiten
15
Jahr
2018
ISBN (eBook)
9783668663824
ISBN (Buch)
9783668663831
Dateigröße
493 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416984
Note
Schlagworte
synthetische Lesehaltung Lesearten geistigsprachliche Fähigkeiten Textgestaltung Übungen zur Entwicklung des stillen Lesens

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Titel: Entwicklung des synthetischen Lesens im Fremdsprachenunterricht der Sekundarstufe I