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Digitale Medien. Manipulations- oder Sozialisationsmedium?

Seminararbeit 2017 25 Seiten

Psychologie - Medienpsychologie

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Digitale Medien

Manipulations- oder Sozialisationsmedium?

Hintergrundtheorien
Eine kurze Retrospektive über die Entwicklungen der Kommunikation seit der Erfindung des Telefons.
Neurobiologische Faktoren und Gehirnentwicklung
Fernsehen, Real-Life-Shows und Werbung

Empirische Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus eigener Felderfahrung
Computer- und Videospiele
Online-Rollenspiele
Virtuelle Realitäten

Fazit
Digitale Medien und Herausforderungen für die Pädagogik
Virtuelle Subkulturen und digitale Nerds
Digitale Medien – Manipulations- und/oder Sozialisationsmedium?

Literatur

Einleitung

Wir Menschen im digitalen Zeitalter finden uns in einer wahrhaft privilegierten, wenn gleichzeitig auch gefährlichen Situation wieder. Noch niemals zuvor war es möglich, auf eine derartige Fülle an Informationen, wie sie uns das Internet zu Verfügung stellt, zuzugreifen. Die Entwicklung des Smartphones und dessen Gebrauch versetzen uns in die Lage, diese Potentiale ständig und überall zu nutzen, jedoch stellt sich die Frage, wieviel von der aufgewendeten Zeit und Energie effizient Verwendung findet. Neben der reichhaltigen Fülle an Information ist ein zumindest ebenso großer Bereich der Unterhaltungsindustrie, der die Digitalen Medien für sich zu nutzen versteht. Ob und wie die Entwicklung eines Neugeborenen bis zum Erwachsenenalter dadurch geprägt wird, ist aktuell Gegenstand der Forschung, doch gibt es immer noch sogenannte Digital Immigrants, die sich noch gerne daran erinnern wie das Leben vor all diesen technischen Fortschritten war. So wird auch hier wieder klar, dass es nicht nur die Medien an sich, sondern die Art und Weise der Verwendung den Unterschied ausmachen.

Auch wir in der Pädagogik sind aufgefordert Schritt zu halten und zu beobachten, inwieweit der Einfluss der digitalen Medien zur gedeihlichen Entwicklung der Heranwachsenden beiträgt und es ist unsere Aufgabe, Erfahrungen und Beobachtungen in den wissenschaftlichen Diskurs mit einzubringen.

Somit stellt sich die Frage:

Digitale Medien – Manipulations- oder Sozialisationsmedium?

Hintergrundtheorien

Eine kurze Retrospektive über die Entwicklungen der Kommunikation seit der Erfindung des Telefons.

Den Entwicklungszyklus der digitalen Medien und dessen Auswirkungen bis in die heutige Zeit ein wenig zu beleuchten und über die Chancen und Schwierigkeiten diskutieren ist es erforderlich einen kurzen Rückblick an den Anfang zu richten.

Obwohl Nachweise über die Entdeckung und den Gebrauch der Elektrizität bereits im alten Ägypten und früher noch zu finden sind, beginnt das sogenannte Informationszeitalter erst mit der Entwicklung des Telegrafen und später des Telefons. Diese bahnbrechende Erfindung ermöglichte es nach deren flächendeckender Einführung, dass Kommunikation nun nicht mehr Analog, wie etwa in Form eines Briefes, sondern nunmehr unmittelbar und ohne langwierige Zeitfaktoren stattfinden konnte. Das Telefon konnte von beiden Seiten gleichzeitig zum Austausch von Informationen verwendet werden und stellt selbstredend einen Meilenstein in der Entwicklung der menschlichen Evolution dar.

Schon bald wurden aus dieser Basis weitere Medien zur Informationsverbreitung entwickelt wie etwa das Radio und das Fernsehen, die allerdings nur als ein Kanal in eine Richtung funktionierten. So oblag es den Betreibern der Radio- und Fernsehfunkanstalten welche Informationen ausgestrahlt wurden und der gesellschaftliche Status der Empfänger entschied ob man überhaupt in der Lage war diese Informationen zu empfangen.

Vor diesem Hintergrund wurden die damaligen Medien natürlich auch für die Zwecke Weniger zur Beeinflussung Vieler verwendet und diese Struktur der Informationsverbreitung hat sich bis heute erhalten.

Hinzu kommt eine Gesellschaft, die ihre Basis auf Informationen und Erkenntnissen errichtet hat und als Kollektiv an der Produktion und der Konsumation selbiger ständig teilhat. Was würde ein Fernsehprogramm oder ein Computerspiel nützen, wenn niemand dieses konsumiert und dessen Informationen erfasst?

So wurde die Weitergabe von Information, ausgehend von den ersten Lehreinrichtungen der institutionalisierten Glaubensgemeinschaften, seit jeher gesteuert und vorgefiltert, sodass immer nur jene Informationen weitergegeben wurden, die zu einer gedeihlichen Entwicklung der jeweiligen Gesellschaftsstrukturen beitragen sollten.

Was früher nur wenigen Privilegierten und Gelehrten zur Verfügung stand, ist mittlerweile in den Weiten des Internet für jeden der die Möglichkeiten besitzt zu finden. Dass diese sogenannte „Cloud“ auch verwässert ist mit einer erheblichen Menge nutzloser Informationen ist die Schattenseite der Tatsache, dass wir auf diese Möglichkeiten der Information mittlerweile nahezu immer und überall zugreifen können. Jegliche Information die ihren Weg ins Web findet bleibt in seiner Grundstruktur bestehen und für alle die zu Finden verstehen zugänglich. Das diese Entwicklungen auch negative Seiten offenbaren ist uns inzwischen klargeworden, und so sind die Informationsverbreitenden Institutionen wie Schule und Medienlandschaft dazu aufgefordert diesen neuen Herausforderungen zu begegnen.

Doch wie lassen sich diese ausufernden und sich verselbstständigenden Prozess noch steuern und beeinflussen?

Neurobiologische Faktoren und Gehirnentwicklung

Für die Menschen der Steinzeit war es unerlässlich die Wahrnehmung und das Erfassen der vorliegenden Informationen aus ihrem Umfeld schnell und effizient zu verarbeiten, um im Bedarfsfall das eigene Überleben und das der Sippe sicherstellen zu können.

Hierzu muss man zunächst die grundlegende Veranlagung des Gehirns ein wenig näher betrachten.

Es besteht aus verschiedenen Bereichen welche die unterschiedlichsten Aufgaben und Verantwortlichkeiten repräsentieren. Der grundlegendste und älteste Teil ist unser Kleinhirn, welches auch gerne als Reptiliengehirn bezeichnet wird. In diesem finden alle Prozesse statt, die sich unmittelbar mit dem Überleben des Organismus beschäftigen.

Jene Gehirnareale welche erst in weiterer Folge Verwendung fanden sind bestrebt, erweiterte Vorgänge der Umwelt und des eigenen Mikrokosmos in Beziehung zu setzen. Den Weg den jegliche Information nimmt beginnt an den Wahrnehmungskanälen des Organismus und wandert von dort ins Gehirn, zieht dort seine Bahnen in den betroffenen Gehirnarealen die für die jeweiligen Verarbeitungsschritte zuständig sind und führt im Augenblick eines Wimpernschlags zu den notwendigen Reaktionen des Organismus um diese Informationen zu verwerten. Je mehr diese Bahnen im Gehirn genutzt werden desto stärker werden die Verbindungen, die sogenannten „Datenautobahnen“ und ermöglichen es, dass die Informationen in den stark benutzten Gehirnregionen am schnellsten ausgewertet werden.

Die Entwicklung des Gehirns und die Arbeitsweise der synaptischen Verbindungen zwischen Gehirnzellen (Neuronen) sowie deren spezifischen Eigenschaften beschreibt Dr. Manfred Spitzer in seinem Werk Vorsicht Bildschirm wie folgt:

„Das menschliche Gehirn besteht aus Milliarden von Nervenzellen, den Neuronen. Jede von diesen steht mit bis zu 10.000 anderen Nervenzellen in Kontakt. Die Aufgabe des Gehirns ist es, Informationen aus der Umgebung aufzunehmen, zu verarbeiten und Reaktionen zu produzieren, die für den Organismus günstig sind. Gehirne sind zum Überleben gut. Sie machen ihre Sache offensichtlich sehr ordentlich, denn im Laufe der Evolution sind die Gehirne deutlich gewachsen obwohl sie rein energetisch einen Luxus darstellen: Wer heute Energie braucht, der geht an den Kühlschrank; vor 100.000 Jahren jedoch musste man hierzulande z.B. Bucheckern sammeln. Weil das Gehirn 20% der aufgenommenen Energie verbraucht (obwohl es bei einem 70kg schweren Menschen nur 2% des Körpergewichts ausmacht; Shulman et al. 2004), mussten also die Menschen in grauer Vorzeit 20% länger sammeln. Hätten sie ein kleines Gehirn gehabt, hätten sie diese Zeit anders nutzen können. Aber offensichtlich war das Gehirn so wichtig für das Überleben, dass dessen Nachteile weniger schwer wogen als die Vorteile. Was sind dessen Vorteile? Kommt ein Säbelzahntiger von links, rannten unsere Vorfahren nach rechts (von den anderen stammen wir nicht ab!). Das setzt voraus, dass sie den Säbelzahntiger rechtzeitig erkannten, z.B. bereits dann, wenn sie nur ein leises Rascheln hörten und/oder nur ein paar Streifen hinter dem dritten Busch links gesehen hatten. Dies wiederum setzt voraus, dass sie in der Lage waren, genau wahrzunehmen und das Wahrgenommene nicht nur einzeln zu speichern, sondern vor allem zueinander in Beziehung zu setzen und das Wesentliche daraus zu destillieren und zu speichern. Kurz: Weil sowohl Nahrung als auch Feinde auf der Welt verschieden sind, weil es Löwen und Eisbären, Forellen und Kugelfische, Blaubeeren und Vogelbeeren, Süßkirchen und Tollkirschen gibt, haben die Besitzer großer Gehirne einen großen Vorteil.“ (SPITZER, Manfred, Vorsicht Bildschirm – Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft, 2015, S. 53)

Anhand dieser Darstellung können wir festmachen warum die Gehirnentwicklung so von Vorteil für die menschliche Spezies geworden ist. Wie allerdings die Komplexität der Gehirnentwicklung aussieht, ist davon abhängig welche Areale wie oft benutzt werden. Hierzu schreibt Dr. Spitzer:

„Neuronen unterscheiden sich von anderen Zellen des Körpers dadurch, dass sie für etwas stehen . Man sagt auch: Sie repräsentieren etwas. Betrachten wir ein Beispiel: Ich berühre eine Bleistiftspitze mit meinem linken Zeigefinger. Dort werden von kleinen Tastorganen Impulse generiert, die entlang von Nervenfasern ins Gehirn laufen. Dort verzweigt sich die Nervenfaser und hat mit mehreren tausend Neuronen, die in der Gehirnrinde (dem Kortex) sitzen, Kontakt. Der im Zeigefinger generierte Impuls erreicht also viele Neuronen im Kortex. Die Verbindungen von den verzweigten Nervenfasern zu den vielen Neuronen sind jedoch nicht alle gleich stark, sodass manche Impulse einen stärkeren Effekt an den Neuronen haben als andere.“ (SPITZER, Manfred, Vorsicht Bildschirm – Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft, 2015, S. 54)

Diese Verbindungen zwischen den Nervenzellen werden als Synapsen bezeichnet und geben elektrische Impulse weiter an die nächsten in Verbindung stehenden Nervenzellen. Je häufiger diese Verbindungen verwendet werden desto stärker und schneller werden die Impulse übertragen. Also steigt mit zunehmender Verwendung die Leitfähigkeit und die Geschwindigkeit in der die Impulse verarbeitet werden und so kann man hier bereits vom Lernen sprechen. Genauso können diese Synapsenverbindungen auch wieder schwächer werden, sie sind somit abhängig von unserem Gebrauch. Im übertragenen Sinne bedeutet das je öfter wir etwas wahrnehmen und tun desto besser werden wir darin.

Dr. Manfred Spitzer beschreibt dies bildhaft nochmals in aller Kürze:

„Gebrauchsabhängige Trampelpfade, Spuren, gibt es nicht nur im verschneiten Park, sondern auch im Gehirn! Nicht umsonst spricht man von Gedächtnisspuren, und diese entstehen letztlich auf die gleiche Weise wie die Spuren im verschneiten Park, nämlich durch den Gebrauch, d.h. durch die Benutzung von Verbindungen zwischen Nervenzellen. Jeder einzelne Gebrauch, d.h. jede einzelne Erfahrung, schlägt sich nur ganz geringfügig nieder, aber nach vielen Erfahrungen verbleiben deren Statistik und damit die allgemeinen Regeln, die hinter den einzelnen Erfahrungen steckten, in Form fester Spuren im Gehirn. Und wenn es schon Spuren im Gehirn gibt, dann kann neu eingehende Information leichter verarbeitet werden. Das wiederum hat Vorteile im hinblick auf die Geschwindigkeit und Zuverlässigkeit der Informationsverarbeitung in unserem Gehirn. Wenn besonders viele und möglichst verschieden große Leute (mit unterschiedlichen Schrittweiten) über den Schnee laufen, wird es besonders tiefe Spuren geben. Nicht anders im Gehirn. Dort prägt sich besonders gut ein was über mehrere Sinne hineingelangt (vgl. Lewkowicz & Kraebel 2004). Wird etwas gesehen und zugleich gehört, bemerken wir es schneller und reagieren darauf rascher und genauer; auch lernen wir dasjenige besser, was über mehrere Inputmodalitäten in uns gelangt, denn es bleibt eher im Gedächtnis hängen, weil mehr und tiefere Spuren angelegt werden. Es wundert daher auch nicht, dass bei vielen Tieren und beim Menschen die soziale Kommunikation nicht nur über das Hören läuft, sondern auch über das Sehen, Berühren und sogar den Geruchssinn.“ (SPITZER, Manfred, Vorsicht Bildschirm – Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft, 2015, S. 59)

Das erklärt zum Beispiel auch wie wichtig das Wiederholen und Üben einer Tätigkeit ist um darin besser zu werden. Die Entscheidung darüber welche Synapsenverbindungen sich entwickeln treffen wir letztendlich selbst, die Eigenschaft, dass diese zu permanenter Veränderung fähig sind, wird in der Wissenschaft als Neuroplastizität bezeichnet. (vgl. SPITZER, 2015)

Dieses kurze Skizzieren der neurobiologischen Grundlagen der menschlichen Lernentwicklung bildet die Basis für die weiteren Gedanken.

Betrachten wir nun die Entwicklungsstufen eines heranwachsenden Kindes in den ersten Lebensjahren in denen die grundlegenden Bewegungsmuster und -fertigkeiten ausgebildet werden. Bevor diese ungeheure Fülle an Medien Einzug in unseren Alltag genommen hat, war es ganz normal, dass jedes Kind durch Spielen, Bewegen, Herumtollen und Hinfallen nicht nur über die Reflexgebundenen neuronalen Verbindungen das Gehirn verwendete, sondern durch die vielseitigen Aktivitäten auch das gesamte Gehirn in Aktivität versetzt. Was automatisch zum „Training“ dieser Gehirnareale und zum Lernen der erforderlichen Fähigkeiten führte, die ein Heranwachsender in weiterer Folge benötigt. Um spätestens im Schulalter dann über die feinmotorische Kompetenz zu verfügen die nötig ist, einen Bleistift oder eine Füllfeder nicht nur in der Hand zu halten, sondern auch Zweckbestimmt zu verwenden.

Werden all diese Entwicklungsschritte nun versucht auf ein digitales Medium wie beispielsweise einem Tablet auszulagern, werden einige feinmotorische Bewegungen der Hand nicht oder nur unzureichend entwickelt. Zusätzlich zu den Bewegungen der Hand und weiteren differenzierten körperlichen Aktivitäten, die so nur unzureichend stattfinden und trainiert werden, wird auch der restliche Körper nicht in Bewegung versetzt, da ein Tablet ja meist in ruhender Körperposition bedient wird. So leidet die gesamte Bandbreite an Bewegungsoptionen, der Gleichgewichtssinn und, da ja auch eher in Räumlichkeiten stattfindet, wird weder Frischluft noch Sonnenlicht (Vitamin D) aufgenommen und produziert.

Ein weiterer Faktor rundet dieses Bild der Gehirnentwicklung heranwachsender noch ab. Ausgehend von Piagets Stufenmodell der kognitiven Entwicklung und den Faktoren die er als Assimilation und Akkommodation bezeichnet, sowie den Ergebnissen aus Joachim R. Wolff Kompensationstheorie wird deutlich, dass das sich in Entwicklung befindliche Gehirn mit verschiedenen Neurotransmittern, u. A. Dopamin, Serotonin und weiteren, arbeitet. Dieses Wechselspiel aus Erregungszuständen und den einhergehenden Hormonausschüttungen, verstärkt zusätzlich die Verhaltensmuster welche in besonderer Weise zur Ausschüttung dieser Belohnungshormone führt. Um die entstandenen Verknüpfungen entsprechend zu festigen bedarf es einer gewissen Reifezeit, die zum großen Teil in den Erholungs- und Schlafphasen von statten geht. Werden die jungen Gehirnen vor dem Schlafengehen jedoch übermäßig erregt, beispielsweise durch digitale Inhalte statt der klassischen Gutenachtgeschichte, lagern sich diese Inhalte in besonderem Maße ab und führen folglich zu fragwürdigen Vernetzungen im Gehirn.

Wenn es nun die Absicht ist aus dem jungen Menschen einen Schreibtischtäter zu entwickeln, mögen die genannten Herangehensweisen einigermaßen zielführend sein, doch ist es zweifelhaft, ob das Kind im weiteren Verlauf seines Lebens zumindest den Sinn für Bewegung und Aktivität im Freien, der so essenziell ist, ungestört entwickeln kann. (vgl.LEMBKE, Gerald, LEIPNER, Ingo, Die Lüge der digitalen Bildung – Warum unsere Kinder das Lernen verlernen, 2016, insbesondere S. 215-235)

Fernsehen, Real-Life-Shows und Werbung

Betrachten wir nun den digitalen Alltag eines Heranwachsenden, der noch nicht in der Lage ist einen klassischen Computer zielführend zu bedienen. Für diesen steht ebenfalls eine Fülle an Kanälen zur Verfügung, um digitale Medieninhalte zu konsumieren. Als erstes Beispiel mögen an dieser Stelle die bekannten Kindersendungen sowie Comics dienen, welche zusätzlich zu den digitalen Inhalten, gespickt mit Werbung, mittlerweile auch eine Fülle an analogen Merchandise-Produkten wie Stofftieren, Spielzeug und natürlich auch Schulartikel anbieten. Die Kinder sind somit in der Lage, zusätzlich zu den digital vorgeführten Inhalten, für gutes Geld auch Gegenstände von ihren Eltern erwerben zu lassen, die genau so gut wie günstigere Vergleichsartikel sind, jedoch nicht mit den entsprechenden Bildern und Details ausgestattet sind, die wieder mit der Fernsehsendung oder dem Comic in Bezug stehen. So lässt sich erkennen, dass die Werbeindustrie schon bei unseren Jüngsten versucht, durch entsprechendes „product-placement“ verschiedenste Waren teilweise exorbitanten Preisen an den Mann zu bringen.

Dieser Tatsache diametral gegenüber steht der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, welcher in zwei zentralen Punkten zum Ausdruck bringt was Werbung nicht darf:

- „Aufrufe zum Kaufen oder Mieten von Waren oder Dienstleistungen an Minderjährige enthalten, die deren Unerfahrenheit und Leichtgläubigkeit ausnutzen.“
- …“Kinder und Jugendliche unmittelbar auffordern, ihre Eltern oder Dritte zum Kauf der beworbenen Waren oder Dienstleistungen zu bewegen.“

(vgl. LEMBKE, Gerald, LEIPNER, Ingo, Die Lüge der digitalen Bildung – Warum unsere Kinder das Lernen verlernen, 2016, insbesondere Kapitel 3. Im Kreuzfeuer der Werbung)

Dr. Manfred Spitzer liefert hierzu Daten betreffend den täglichen Fernsehkonsum von Kindern in den USA:

„Im amerikanischen Kinderprogramm sehen die Kinder pro Stunde 20 bis 24 Werbespots (Cotugna 1988). Man schätzt, dass ein Kind in den USA im Durchschnitt jährlich etwa 20.000 Werbesports sieht (Gentile & Walsh 1999).“

Daraus lässt sich folgern, dass eine derartig hohe Anzahl an Wiederholungen eindeutig Spuren in den Gehirnen der Kinder hinterlässt.

Gleichsam sind durch die tragbaren Geräte jene Kindersendungen und die damit verbundenen Apps und Spiele jederzeit und überall verfügbar. (vgl. LEMBKE, Gerald, LEIPNER, Ingo, Die Lüge der digitalen Bildung – Warum unsere Kinder das Lernen verlernen, 2016, S. 51))

Dass die digitalen Medien in dieser Welt der Verführung eine zentrale Rolle spielen unterstreichen die folgenden Aussagen die aus oben genanntem Werk:

„Eltern kaufen doppelt so häufig Produkte auf Wunsch ihrer Kinder, als ihnen bewusst ist“

Die Rede ist vom sogenannten „Kinder und Familienmarketing“ und der „crossmedialen Manipulation von Menschen,“

„Die Begriffe „Lernen“ und „Bildung“ sind die Zauberworte des Marketings, um Eltern bei der Angst zu packen, ihre Kinder nicht früh genug auf den Kampf ums Überleben vorzubereiten. Zwei Punkte werden unter anderem angeführt:

- „Spielerische Vorbereitung auf die Schule (Rechnen, englische Vokabeln sowie der Umgang mit Farben und Formen).“
- „Kindergerechte und geschützte Heranführung an den Computer und die Welt des Internets.“

Wenn wir uns nun auch den fortgeschrittenen Altersgruppen zuwenden, finden wir ähnliche Beispiele. Wenn wir uns allein auf das tägliche Fernsehprogramm konzentrieren finden wir neben der Fülle an Werbung, eine eigene Kategorie des Fernsehprogrammes, die sogenannten „Reality-Shows“ und „Real-Life-Soaps“.

Wie an den Bezeichnungen schon deutlich wird, handelt es sich demnach um Alltagsgeschichten, Lebenswelten und Ereignisse die sich tatsächlich zugetragen haben, soweit so gut. Ob diese sich tatsächlich ohne Skript und Regie derartig umsetzen lassen sei einmal dahingestellt. Der Zuseher, egal ob Jugendlicher oder schon in die Jahre gekommene Erwachsene, die Inhalte werden als Realität aufgefasst und vermitteln jegliche Extreme, egal ob diese moralisch vertretbar sind oder nicht, als normal und angebracht.

Bedenkt man nun, dass der Zuseher sich wiederholt mit diesen, teils fragwürdigen Inhalten konfrontiert wird, kann man annehmen, dass sich bei andauerndem Konsum selbiger ein gewisser Gewöhnungseffekt einstellt. Wie ja bereits erwähnt wurde, lernt das Gehirn unter anderem durch Wiederholung. Wenn wir hierzu noch Piagets Modell der Moralentwicklung ins Spiel bringen, kann man davon ausgehen, dass sich auf lange Sicht eine perfide Form der Desensibilisierung für fragliche Inhalte einstellt. Da es sich wie gesagt um andere „Realitäten“ handelt, und der Mensch neben Wiederholung auch durch Beobachtung lernt, können diese Medieninhalte durchaus auch zu Veränderungen der Wahrnehmung und des eigenen Verhaltens führen. Je jünger der jeweilige Medienkonsument, desto leichter lassen sich diese Inhalte in die Gehirne einpflanzen, und mit einer ordentlichen Portion Werbung zwischendurch, wird die Ausschüttung von Neurotransmittern begünstigt, die den Effekt im Gehirn vervollständigen.

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Details

Seiten
25
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783668667921
ISBN (Buch)
9783668667938
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416912
Institution / Hochschule
Alpen-Adria-Universität Klagenfurt – Erziehungs- und Bildungswissenschaften
Note
2
Schlagworte
digitale medien manipulations- sozialisationsmedium

Autor

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