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Die Tanzimat-Ära im Osmanischen Reich. Untersuchung der Ambivalenz zwischen Modernisierungs- und Reformperiode im 19. Jahrhundert

Hausarbeit (Hauptseminar) 2015 24 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Moderne Geschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Tanzimat- Reformen - Zurück zu den Wurzeln oder Aufbruch in die moderne Zeit?

2 Die Reorganisation des Osmanischen Reiches

2.1 Die innen- und außenpolitische Entwicklung zu Beginn des 19. Jahrhunderts

2.2 Begriff, Bedeutung und Inspiration des Tanzimat

2.3 Die Ambivalenz zwischen Reorganisation und Modernisierung - Hoffnungen und Ziele

3 Durchführung der Reformbestrebungen - Aufbruch oder Abbruch der staatlichen Konsolidierung?

3.1 Gülhane Hatt-ıScherif - das Rosengarten Edikt von 1839

3.2 Islahat Hatt-ıHümayun - das kaiserlicher Edikt von 1856

3.3 Das Ende der Tanzimats- Ära - die Verfassung von 1876

4 Die Machtverschiebung vom Sultanspalast zur Hohen Pforte - Die Zeit der Diplomaten und bürokratischen Verwaltung

5 Zusammenfassung

6 Schlussbetrachtung

7 Literaturverzeichnis

1. Die Tanzimat -Reformen - Zurück zu den Wurzeln oder Auf- bruch in die moderne Zeit?

Die Geschichte des Osmanischen Reiches scheint auf dem ersten Blick ein weiteres Zeugnis über den Zusammenbruch einer einst großen Weltmacht zu sein. Vergleichbar mit dem Ende des Römischen Reiches sollte im Orient ein Vielvölkerstaat durch mili- tärische Erfolge zusammenwachsen, nur um sich im Verlauf seiner Entwicklung nicht mehr selbst tragen zu können. Mit der territorialen Ausdehnung vergrößerten sich die innenpolitischen Spannungen, sodass das staatliche Gebilde seine Stabilität verlor du der Kollaps nur eine Frage der Zeit wurde. Kann diese plakative These vertreten wer- den oder greift dieses in aller Kürze überspitzt formulierte Resümee über das Osmani- sche Reich zu kurz? Ist die Geschichte womöglich kein reines Paradebeispiel über das Scheitern eines einst prunkvollen und respektierten Reiches, sondern eine Frage der Perspektive? Kann ferner sogar von einem Aufbruch in die moderne Zeit gesprochen werden?

Diese Arbeit möchte, in dem ihr zur Verfügung stehenden Rahmen, einen Ein- blick in die innen- und außenpolitische Politik des Osmanischen Reiches in seinem letzten Jahrhundert geben und dabei die Reorganisationsepoche des Tanzimats genauer beleuchten. Besonders hilfreich für diese Sichtweise erwies sich dabei Findleys differenzierter Aufsatz über die Ansprüche und Realität der geplanten Reformen.1 Der Zeitraum von 1839 bis 1876, also vom Rosengarten Edikt bis zur ersten Verfassung des Reiches, soll Aufschluss über die Frage geben, ob der orientalische Staat selbstver- schuldet an Souveränität verlor oder ob bereits frühzeitig die Zeichen der Zeit für eine grundlegende Reorganisation gedeutet wurden. Ferner gilt es zu untersuchen, welche Ziele in der Ära des Tanzimat verfolgt wurden - eine wörtliche „Re-Form“2 zurück zu den muslimischen Wurzeln des einst durchgängig islamisch geprägten Staates oder doch eher ein fortlaufender Modernisierungsprozess, inspiriert durch die französische Aufklärung und den Revolutionen auf dem europäischen Kontinent? Das Ziel dieser Arbeit ist einfacher zu bestimmen und nicht annährend so ambivalent wie die Reformen

Carter Vaughn FIndley: The Tanzimat II, in: Cambridge History of Turkey, Bd. 4, Turkey in the modern World, hg. v. Kasaba, Resat, Cambridge 2009, S. 11-37. des Tanzimat. Mit der Beantwortung der Fragestellung soll erreicht werden, dass das Osmanische Reich, trotz Betrachtung der nüchternen Fakten, nicht grundsätzlich gescheitert und untergangen ist, sondern vielmehr den Weg für die heutige Türkei bereitet hat. Durch die territoriale Verkleinerung und der schmerzhaften Fremdbestimmung der eigenen Finanzen durch die europäischen Großmächte, konnte das Osmanische Reich den Grundstein für den Fortbestand im anderen Gewand legen.

Neben grundlegender Informationen von Günay3 und Krämer4, möchte ich die Untersuchung über die staatlichen und provinzialen Gesellschafsstrukturen im Osmani- schen Reich von Dina Rizk Khoury hervorheben, die aufschlussreiche Einblicke in die Realisierung der Reformen gewähren konnte.5 Zusätzlich profitiert diese Arbeit in wei- ten Teilen durch Aytekins Aufsatz über dessen Darstellung der steuerlichen Auseinan- dersetzungen während des Tanzimat.6 Wie diese Entwicklung zustande kam, wird im Folgenden durch die Betrachtung der Zeit vor dem Tanzimat zu untersuchen sein. Im besonderen Sinne geht es dabei um die Beziehung zur britischen Großmacht, die im Einklang mit den politischen Strömungen Frankreichs, ein elementares Fundament für die Reformierungsphase bildete. Im weiteren Verlauf werden, neben der eigentlichen Bedeutung des Begriffs Tanzimat, auch dessen ambivalente Durchführung durch die Schaffung neuer Eliten vorgestellt. Wichtige Eckpfeiler dieser Entwicklung bildet die chronologische Betrachtung der drei wichtigsten politischen Elemente der Reformperi- ode. Vom Rosengarten-, über das Kaiserliche Edikt, bis hin zur ersten Verfassung des Osmanischen Reiches soll nachgezeichnet werden, inwiefern sich das Machtgefüge vom Palast des Sultanats zur bürokratischen Diplomatie verschob.

2. Die Reorganisation des Osmanischen Reiches

2.1 Die innen- und außenpolitische Entwicklung zu Beginn des 18. und 19.

Jahrhunderts

Auch wenn die eigentliche Ära des Tanzimat erst im Jahr 1839 mit dem Gülhane Edikt beginnen sollte, so waren erste Reformbestrebungen schon deutlich früher erkennbar. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde der eigene staatliche Abstieg in Bereichen wie dem Militär oder der identitätsstiftenden Kultur durch das Sultanat in Person von Selim III. frühzeitig erkannt. Die wirtschaftliche Rückständigkeit, in Verbindung mit der fi- nanziell desolaten Lage, zeigte auf, dass das Reich den Prozess der Industrialisierung und damit den Schritt in die Moderne verpasst hatte. Selim wollte diese fortschreitende Entwicklung aufhalten, in dem den Weg einer defensiven, technischen Modernisierung ins Leben rief, der allgemein als Teil der osmanischen Verwestlichung bekannt ist.7

Für den Sultan, der im Jahr der Französischen Revolution 1789 den Thron bestieg, galt der Westen nicht nur in politischer Hinsicht als Vorbild, auch auf wirt- schaftlicher Ebene orientierte man sich durch Übernahme diverser Technologie. Wäh- rend für die politische und kulturelle Neuordnung maßgeblich die Franzosen studiert wurden, lernte das Osmanische Reich seine militärischen Defizite vor allem im Ver- gleich durch die Briten. Die Schaffung neuer Ausbildungs- und Rekrutierungsabläufe erwiesen sich als derart rückständig, dass sich das Sultanat den Ideen der europäischen Großmächte unterwerfen musste. Dabei wurde diese Adaption vom europäischen Ge- dankengut in erster Linie nicht als Verrat an der eigenen Identität angesehen; vielmehr galt Alles aus dem Westen stammende als modern und zeitgemäß, während die traditi- onellen Eliten, vertreten durch die kritischen Islamgelehrten, eher das Leben in der Vergangenheit verkörperten. Es vermag folgerichtig nicht zu überraschen, dass Selim seine Botschafter dazu anwies die Verhaltensnormen der Europäer genauestens zu be- obachten. Der Fortschritt in die neue Zeit des Osmanischen Reiches sollte auch äußer- lich durch die Übernahme von kulturellen Elementen, wie der Mode, der Architektur oder der Lebensweise im Allgemeinen spürbar werden.8 Diese in erster Linie oberflächlichen Maßnahmen sollten sich in kriegerischen Auseinandersetzungen nicht auszahlen. Territoriale Verluste, wie bei der Niederlage im Russisch-Ottomanischen Krieg von 1768-74 dienen als Beleg, dass das Osmanische Heer weder zeitgemäß aus- gebildet noch ausgestattet war. Mit dem aufstrebenden europäischen Imperialismus begann eine Zeitrechnung, in der sich die Osmanen ihre technische Unterlegenheit zweifelsfrei eingestehen mussten. Mit dem Reformpaket der „Neuen Ordnung“ (Nizam-ıCedid) begann der Sultan seine Armee von Grund auf zu erneuern. Die empfindlichen Gebietsverluste hatten das Reich in seinem Selbstverständnis schwer getroffen, sodass Selim keine andere Möglichkeit sah, als die alten Eliten in ihrer Machtposition einzu- schränken. Konkret legte er den Grundstein zur Korruptionsbekämpfung, in dem er politische Zuständigkeiten von den militärischen Machthabern löste und anderweitig verteilte. Ziel war es einen zeitgemäßen Soldatentypus zu schaffen, der nicht nur kämp- fen, sondern auch verhandeln konnte. Für den Sultan lag der Schlüssel zum Erfolg in der Ausbildung neuer Heerscharen, die sowohl in den modernen Wissenschaften, als auch in Sprachen unterrichtet werden sollten. Für dieses Vorhaben lud Selim sogar eu- ropäische Militärberater ins Reich ein, die ihm bei der Verwirklichung seiner ambitio- nierten Ziele helfen sollten.9 Die dadurch entstehende Koexistenz zwischen den alten und neuen Militärs sollte zu einem innenpolitischen Konflikt führen, der Selims Re- formen in erster Instanz scheitern ließ. Hintergrund war das Aufbegehren der Janitscha- ren, die sich nicht nur um ihren Einfluss auf die Politik, sondern auch um ihre grundle- gende Zukunft fürchteten. Mit dieser desolaten militärischen Ausgangsposition zu Ende des 18. Jahrhunderts, war es ein Leichtes für Napoleon seine Feldzüge in Ägypten durchzuführen.

Es erscheint widersprüchlich, dass ausgerechnet Frankreich als das Vorbild und Ideal des modernen Staates, dem Osmanischen Reich, durch die Präsenz des euro- päischen Kolonialismus, weiteren territorialen Schaden zufügen sollte. Zwar war Ägypten durch die Herrschaft Muhammed Alis lediglich zu einem Vasallenstaat ver- kommen, dennoch spürte der Palast in Konstantinopel10, dass der politische Druck wäh- rend der ersten Reformphase deutlich ansteigen sollte. Allgemein lässt sich feststellen, dass durch die Reorganisation der osmanischen Staatsgewalt die Misswirtschaft und und nobler Geschäfte, verkörperte sie die kosmopolitische, moderne Ausrichtung des Osmanischen Reiches. politische Willkür zunahm, statt wie beabsichtigt, bekämpft zu werden. Diese Ent- wicklung beförderte besonders die aufkommenden nationalistischen Tendenzen, die sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in der Balkanregion formieren sollten. Unter Mahmut II. verlor das Reich weitere Gebiete, da Griechenland es in den Jahren von 1821 bis 1829 als erster Staat erreichte, seinen ethischen Nationalismus in faktische Souveränität umzusetzen. Diese Abspaltung wurde nur aufgrund des Engagements Großbritanniens, Frankreichs und vor allem Russlands möglich, die sich als Schutz- mächte der griechischen (orthodoxen) Christen sahen und diesen sowohl finanziell, als auch militärisch unter die Arme griffen.

Für das Osmanische Reich hatte diese abermalige Niederlage aber weitreichendere Folgen. Kämpfte man in der Schlacht von Navarino noch gemeinsam mit den ägyptischen Truppen, so änderte Muhammed Ali seinen Kurs und zog nun di- rekt gegen das Sultanat. Die Intention dieses Vorhabens lag darin begründet, dass das Osmanische Reich zu keinem Zeitpunkt seiner Geschichte derart zerbrechlich war, als nach dem Verlust Griechenlands. Muhammed Ali nutzte die Situation und eroberte zunächst Syrien, während er 1832 in der Schlacht von Konya die Osmanen trotz russi- scher Hilfe vernichtend schlagen sollte. Für den europäischen Imperialismus waren diese Zustände nicht haltbar, da sie das orientalische Machtgefüge durch Alis Feldzüge bedroht sahen. Der Vertrag von London 1840 sicherte durch Zugeständnisse die weitere Existenz des Osmanischen Reiches, während Ägypten ein faktisch souveräner Staat wurde.

Um den desolaten Zustand des Reiches ausnutzen und sich den osmanischen Markt erschließen zu können, stellten die Schutzmächte zahlreiche Forderungen auf, die sich nicht nur auf die Öffnung für den internationalen Handel beschränkten, sondern auch Rechts- und Finanzsicherheiten für ausländische Investitionen beanspruchten. Bedeutender Hochpunkt für die Entwicklung vor den Reformen des Tanzimat, war die Unterzeichnung des Freihandelsabkommens mit Großbritannien aus dem Jahr 1838.11 Dieses erste Abkommen öffnete die Tür für weitere Verträge mit den europäischen Großmächten und führte dazu, dass das Reich seine eigene Wirtschaftsstärke, die es aufzubauen und zu sichern galt, für die Interessen der ausländischen Investoren unter

Für die Mehrheit der Historiker war dieser Vertragsschluss der Beginn des wirtschaftlichen Ausverkaufs des Osmanischen Reiches. So argumentiert Kurt, dass der Einfluss des englischen Botschafters Stratford Canning zu jener Zeit dermaßen groß gewesen sei, dass all seine Forderungen widerspruchslos erfüllt worden wären. Vgl. Cahit Kurt: Die Türkei auf dem Weg in die Moderne. Bildung, Politik und Wirtschaft vom Osmanischen Reich bis heute. In: Europäische Hochschulschriften (= Pädagogik, 11). Frankfurt/M 1989, S. 56.

Wert verkaufte. „Das Handelsabkommen mit England von 1838 setzte einen Satz von 3% für Importe und 12% für Exporte fest. Ausländer konnten ohne Einschränkung durch Monopole auf dem gesamten Territorium Handel treiben.“12 Nicht nur die einheimischen Produzenten litten dementsprechend unter den preisgünstigeren Waren aus Europa, auch der Wirtschaftsmotor, der das Reich aus der Krise ziehen sollte, wurde abgestellt, eher er richtig ins Laufen kam. Suggerierte die Öffnung des Handels einen positiven Aufwärtstrend durch günstigere Einkaufspreise für Luxus- und Indust- riegüter, so musste schnell festgestellt werden, dass das osmanische Geld mit rasender Geschwindigkeit nach Europa abfloss und nicht für eine Stärkung der eigenen Position investiert wurde.13 Çetinsaya spricht im Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Verträgen zwischen dem Osmanischen Reich und den europäischen Großmächten von den Techniken der „peaceful penetration“14, die ähnlich wie bei den Beispielen Indien und Ägypten, für den Beginn einer passiven Kolonisierung gestanden hätten.

2.2 Begriff, Bedeutung und Inspiration des Tanzimat

Der ottomanisch-türkische Begriff TanܲƯmƗt, vergleichbar mit düzen verme oder nizam verme, kann ich seiner Bedeutung in verschiedenen Arten ausgelegt werden. Allgemein ist die wörtliche Bedeutung als „Erneuerung“, „Verbesserung“ oder „Reorganisation“ zu verstehen. Kurt fügt in seiner Hochschulschrift über den türkischen Weg in die Mo- derne noch die Übersetzung „in Ordnung bringen“ hinzu.15 Für Ursinus sei das TanܲƯmƗt-i HayrƯye als Zeitraum der „wohltätigen Ordnungen“ zu verstehen.16 Findley dagegen fasst in einem Satz zusammen, dass das Tanzimat die fundamentale Bewegung der neuen Gesetzgebung war.17 Es drängt sich nun jedoch die Frage auf, aus welchen Gründen die eingeschlagenen Reformen intensiviert werden sollten. Bereits im ersten Satz von Büttners Einleitung wird deutlich, welchen enormen Stellenwert das französi- sche Vorbild für die Reorganisation des Osmanischen Reiches erhalten sollte.

Nach der französischen Revolution von 1789 wurde in Istanbul auf dem Gelände der französischen Botschaft ein Baum der Freiheit gepflanzt. Dieser Akt, der zunächst nur für die kleine Gruppe von Franzosen im Osmanischen Reich Bedeutung hatte, kann rückschauend als Symbol für den Beginn einer neuen Epoche, in der der junge Baum der Freiheit allmählich den inzwischen morsch gewordenen Baum verdrängte, mit dem einst die Dynastie Osmans ihren Weltherrschaftsanspruch symbolisiert hatte.18

Die Beziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und Frankreich können bis zum 1798 und der damit verbundenen Invasion Napoleons in Ägypten als durchweg positiv bezeichnet werden. Beide Staaten zeigten großen Respekt voreinander und unterstützen sich in der Ausbildung ihrer diplomatischen Gesandten. Doch der französische Imperi- alismus begann die Anerkennung für die Ideen der Aufklärung in erstaunte Distanz umzuwandeln. Für die osmanische Außenpolitik, die sich bislang stark am französi- schen Beispiel orientierte hatte, bedeuteten die kriegerischen Auseinandersetzungen eine Krise, für die es kein Fallbeispiel gab.19 Nicht nur die übernommenen Lebensstile Europas wurden hinterfragt, sondern auch die Tatsache, ob Frankreich, als das Zentrum der modernen Wissenschaften, für eine Zusammenarbeit noch geeignet war.

Bedingt durch eine veränderte wirtschaftliche und politische Lage in Europa, vor allem durch die Aufklärung des Ancien Régime, beginnt für die ehemalige Welt- macht des Osmanischen Reiches Ende des 18. Jahrhunderts eine Epoche der Reaktion und Reformen. Auf verschiedenen Ebenen versucht der Vielvölkerstaat sich an die neuen Gegebenheiten der engeren Verhältnisse anzupassen. Politisch widerfahren dem Reich durch, per außen- und innenpolitischem Druck herbeigeführte Reformen eine Dezentralisierung der politischen Macht und eine Erstarkung der ehemals mit harter Hand geführten Provinzen. Auch etablierten sich neben dem traditionellen dynastischen Herrschaftsmodell neue einflussreiche Gruppierungen, wie das erblühende Beamtentum oder die repräsentativen Räte der Provinzen, welche durch eine wechselhafte und zähe Politik den, auch besonders außenpolitisch notwendigen, Handlungsspielraum be- grenzten.

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1 Carter Vaughn FIndley: The Tanzimat II, in: Cambridge History of Turkey, Bd. 4, Turkey in the modern World, hg. v. Kasaba, Resat, Cambridge 2009, S. 11-37.

2 Gemeint sind an dieser Stelle die ursprünglichen, lateinischen Begriffe re (für zurück) und formatio (für Gestaltung), die in Fusion das deutsche Wort „Reform“ bilden. Dieses definiert, wörtlich betrachtet, die Zurückgestaltung von etwas Vergangenem und erst im weiteren Sinn die allgemeine Umgestaltung ohne Vergangenheitsbezug.

3 Cengiz Günay: Geschichte der Türkei. Von den Anfängen der Moderne bis heute. Wien u.a. 2012.

4 Gudrun Krämer: Geschichte des Islam. München 2007.

5 Dina Rizk Khoury: State and Provincial Society in the Ottoman Empire: Mosul, 1540-1834. In: Cambridge University Press, Cambridge 1997.

6 E. Attila Aytekin: Tax Revolts During the Tanzimat Period (1839-1876) and Before the Young Turk Revolution (1904-1908): Popular Protest and State Formation in the Late Ottoman Empire. In: The Journal of Policy History, Vol. 25, No. 3, Cambridge 2013, S. 308-333.

7 Vgl. Krämer: Geschichte, S. 269f.

8 Die ehemalige Prachtstraße Istanbuls, die Grande rue de Péra, dient als bestes Beispiel für die Orientierung an der französischen Kultur. Als Sitz zahlreicher im Jugendstil gebauter Botschaften, Cafés

9 Vgl. Günay: Geschichte, S. 54f.

10 Im weiteren Verlauf dieser Arbeit wird der Name „Istanbul“ für die Hauptstadt des Osmanischen Reichs verwendet, der sich spätestens 1930 auch international durchsetzen sollte und Konstantinopel als Bezeichnung ablöste.

11 Für die Mehrheit der Historiker war dieser Vertragsschluss der Beginn des wirtschaftlichen Ausverkaufs des Osmanischen Reiches. So argumentiert Kurt, dass der Einfluss des englischen Botschafters Stratford Canning zu jener Zeit dermaßen groß gewesen sei, dass all seine Forderungen widerspruchslos erfüllt worden wären. Vgl. Cahit Kurt: Die Türkei auf dem Weg in die Moderne. Bildung, Politik und Wirtschaft vom Osmanischen Reich bis heute. In: Europäische Hochschulschriften (= Pädagogik, 11). Frankfurt/M 1989, S. 56.

12 Klaus Kreiser: Der Osmanische Staat 1300-1922. (= Oldenbourg Grundriß der Geschichte, Bd. 30). 2., aktualisierte Aufl. München 2008, S. 38.

13 Vgl. Günay: Geschichte, S. 63.

14 Vgl. Gökhan Çetinsaya: The Ottoman View of British Presence in Iraq and the Gulf: The Era of Abdulhamid II. In: Middle Eastern Studies, Vol. 39, No. 2, London 2003, S. 194-203, hier S. 194.

15 Vgl. Kurt: Türkei, S. 55.

16 Vgl. Michael Ursinus: Regionale Reformen im Osmanischen Reich am Vorabend der Tanzimat. Reformen der rumelischen Provinzialgouverneure im Gerichtssprengel von Manastir (Bitola) zur Zeit der Herrschaft Sultan Mahmunds II. (1808-39). (= Islamkundliche Untersuchungen, 73), Berlin 1982. URL: <http://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:3:5-15225> (29.08.2015).

17 „In a sense, the Tanzimat was fundamentally a movement in legislation.” Findley: Tanzimat, S. 17. 8

18 Friedemann Büttner (Hg.): Reform und Revolution in der islamischen Welt. Von der osmanischen Imperialdoktrin zum arabischen Sozialismus. (= Geschichte des politischen Denkens, 1505) München 1971, S. 7.

19 Den Krieg zwischen 1798 bis 1802 nennt Faroqhi ein „Novum“ für die Beziehungen beider Länder. Vgl. Suraiya Faroqhi: Kultur und Alltag im Osmanischen Reich. Vom Mittelalter bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. München 1995, S. 271.

Details

Seiten
24
Jahr
2015
ISBN (eBook)
9783668678729
ISBN (Buch)
9783668678736
Dateigröße
654 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416902
Institution / Hochschule
Universität Paderborn – Historisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Tanzimat Türkei Reform Modernisierung 19. Jahrhundert Osmanisches Reich

Autor

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