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Sozioökonomische Aspekte der Jugenddelinquenz

Eine theoretische und empirische Auseinandersetzung, sowie die Erarbeitung möglicher Präventionsmaßnahmen

Bachelorarbeit 2016 47 Seiten

Soziologie - Kinder und Jugend

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffserklärung
2.1. Jugendlich
2.2. Kriminalität
2.3. Devianz und Delinquenz

3. Theoretischer Forschungsstand
3.1. Cohens Subkulturentheorie
3.2. "Theorie der vier Bindungen" von Hirschi

4. Empirischer Forschungsstand
4.1. Polizeiliche Kriminalstatistik
4.2. Dunkelfeldforschung des KFN

5. Aufstellung der Hypothesen

6. ÄSecond International Self-Reported Delinquency Study“
6.1. Die Studie
6.2. Die Daten

7. Analyse
7.1. Skalenbildung
7.2. Regressionsanalysen
7.2.1. Lineare Regressionsanalysen
7.2.2. Multiple Regressionsanalyse

8. Präventionsmöglichkeiten

9. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

ÄEs gibt keine Gesellschaft, in der keine Kriminalität existierte. Sie wechselt zwar der Form nach; es sind nicht immer dieselben Handlungen, die so bezeichnet werden. Doch überall und jederzeit hat es Menschen gegeben, die sich derart verhielten, daß die Strafe als Repressionsmittel auf sie angewendet wurde“ (Durkheim 19911895: 3).

Kriminalität stellt eine Problematik in jeder Gesellschaft dar, für die es bis dato noch keine Lösung gibt. Straftaten finden in jeder Schicht und jedem Alter statt. Klaus Sessar stellt aufgrund der hohen Rückfallquoten in einer Polizeistudie des Bundeslandes Schleswig-Holstein fest: ÄDie für die Justiz schmerzliche Erfahrung ist die, daß sie nicht gebraucht wird, wenn es darum geht, künftige Straftaten zu verhindern: entweder sie werden von alleine aufgegeben, oder sie werden auch durch Bestrafung nicht aufgegeben.“ (Sessar 1997: 76) So kommt er zu dem Schluss, dass Prävention ein außerordentlich wichtiges Mittel zur Kriminalitätsbewältigung darstellt (Sessar 1997: 77).

Wo sollten also präventive Maßnahmen ansetzen, um das Problem eindämmen zu können? Zur Entwicklung einer Präventionsstrategie muss zuerst der Kern der Kriminalität erkannt werden. Joachim Hellmer weist darauf hin, dass Ädie Jugendkriminalität die Wurzel des Rückfallverbrechertums ist. Das ‚Gewohnheits- und Berufsverbrechertum‘, d.h. die chronische Kriminalität, beginnt zu 85% im Entwicklungsalter“ (Hellmer 1975: 1f). Deshalb versuche ich in meiner Bachelorarbeit die sozioökonomischen Aspekte der Jugenddelinquenz offen zu legen und zu analysieren. Resultierend daraus werde ich mögliche Präventionsstrategien gegen Jugendkriminalität aufzeigen.

Kriminalität ist ein weitreichender Begriff, der alle möglichen Straftaten miteinbezieht. Dabei macht es keinen Unterschied, von wem die Straftat begangen wird oder welche Schwere die Tat vorweist. Hellmer definiert sie wie folgt: ÄKriminalität ist menschliches Verhalten, das einen anderen oder die Gemeinschaft verletzt und deshalb unter Strafe gestellt ist […] bzw. die Gesamtheit dieser Verhaltensweisen als soziale Erscheinung.“ (Hellmer 1975: 1) Weiter betont er, dass Kriminalität im Gegensatz zu dem Begriff ÄDelinquenz“ keine Verhaltensweisen beinhaltet, die man als ÄVerwahrlosung“ bezeichnet, wie zum Beispiel das Herumstreunen. (Hellmer 1975: 1) In dieser Arbeit werden zum größten Teil delinquente, aber auch kriminelle Verhaltensweisen von Jugendlichen analysiert.

Kriminalsoziologen beschäftigen sich mit der Kriminalität als gesellschaftliches Phänomen und versuchen die Ursachen dafür zu finden. Albert K. Cohen stellte die Subkulturtheorie auf. ÄWir gingen davon aus, daß viele Delinquente - wahrscheinlich die meisten - Mitglieder delinquenter Subkulturen sind.“ (Cohen/Short Jr. 1958: 372) Sie besagt, dass vor allem Jugendliche aus den unteren Schichten kriminell werden, weil sie weniger Chancen auf Erfolg haben. Die Theorie erklärt, dass sich Jugendliche, die ein gleiches Maß an Frustration empfinden, zusammenschließen und eine Subkultur bilden (vgl. Cohen/Short Jr. 1958: 372f). Die Frustration entsteht Äunter Jugendlichen in der Arbeiterklasse als Ergebnis sozial determinierter Unfähigkeit, den Standards der bestehenden Kultur zu entsprechen“ (Cohen/Short Jr. 1958: 373) Sie schließen sich deshalb zu Subkulturen zusammen, in denen eigene Werte und Normen herrschen.

Des Weiteren verfasst Travis Hirschi die "Theorie der vier Bindungen". Er differenziert zwischen vier Bindungen: Die Bindung zu anderen Menschen, besonders zu Familie und Freunden, nennt er Äattachment to others“. Unter Äcommitment to conventional goals“ versteht er den bisherigen Einsatz in soziale Ziele, wie beispielsweise die eigene Karriere. Die dritte Bindung beschreibt er als Äinvolvement in conventional activities“ und meint damit die Intensivität des Engagements in konventionelle Aktivitäten. Zuletzt beschreibt er Äbelief in social rules“, also den eigenen Glauben an soziale Norme und Werte. Je stärker die Bindung einer Person zu den vier Faktoren, desto weniger wahrscheinlich ist es, dass sie Straftaten begehen wird. (vgl. Hirschi 1969: 16-23)

Auf Grundlage dieser Theorie können verschiedene Hypothesen aufgestellt werden. Durch Attachment sollte der Zusammenhang zwischen Jugendkriminalität und dem sozialen Umfeld untersucht werden. Aufgrund der Subkulturentheorie von Cohen soll hier auch darauf geachtet werden, ob sich die delinquenten Jugendlichen als Teil einer Gang sehen. Commitment legt nahe, den aktuellen Bildungsstand der Jugendlichen und ihre Pläne für die Zukunft in Bezug auf Bildung zu überprüfen. Sie haben meist noch keine Arbeit, allerdings investieren sie mit ihrer Bildung schon früh in sie hinein. Aufgrund Involvement werde ich mir die Freizeitaktivitäten der Jugendlichen näher ansehen. Nach Hirschi sollten Jugendliche, die sich in ihrer Freizeit in Vereinen, der Kirche oder in ähnlichem Rahmen engagieren, weniger anfällig dafür sein, Straftaten zu begehen.

Empirische Studien, die Jugendkriminalität in Deutschland untersuchen, berufen sich zumeist auf die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) des Bundeskriminalamts. Diese Statistik fasst jedes Jahr alle Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind, zusammen. Auch Joachim Heller bedient sich in seinem Buch ÄJugendkriminalität“ dieser Statistik. Er stellt unter anderem fest, dass es einen erheblichen Unterschied zwischen männlichen und weiblichen Täterzahlen gibt. (vgl. Hellmer 1975: 13-16)

Ein entscheidender Nachteil der PKS ist allerdings, dass sie sich ausschließlich auf das sogenannte ÄHellfeld“ bezieht. Also nur auf polizeilich bekannt gewordene und strafrechtlich verfolgte Straftaten. Diese machen jedoch nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Delikte aus. Deshalb hat das Bundesministerium des Innern und das Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. (KFN) eine Dunkelfeldbefragung von Jugendlichen der neunten Jahrgangsstufe durchgeführt. Hierzu veröffentlichten Dirk Baier, Christian Pfeiffer, Julia Simonson und Susann Rabold einen Forschungsbericht, aus dem hervorgeht, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund eher zu Gewalttaten neigen als andere. (Baier et al. 2009: 13)

Wolfgang Heinz bemerkt jedoch: ÄGemessen wird auch in Dunkelfeldforschungen nicht die ‚Kriminalitätswirklichkeit‘, sondern immer nur die Selbstbeurteilung und Selbstauskunft der Befragten in einer immer schon vorstrukturierten Befragungssituation.“ (Heinz 2003: 161) Deshalb sieht er Dunkelfeldforschungen nicht als Ersatz, wohl aber als erforderliche Ergänzung zu Kriminalstatistiken. (vgl. Heinz 2003: 161) Das ist der Grund dafür, dass sich die meisten empirischen Studien an verschiedenen Datensätzen orientieren und selten nur eine einzige Statistik zu Rate ziehen.

Ein internationaler Vergleich stellt sich, besonders im ÄHellfeld“, als sehr schwierig dar, wie auch Christian Pfeiffer bemerkt: Verantwortlich dafür sind die verschiedenen Definitionen von Kriminalität, Strafbarkeit und Jugend. (vgl. Pfeiffer 1997: 2f) Diese sind in jedem Land unterschiedlich und lassen sich somit kaum gegenüberstellen.

Auch in dieser Arbeit werden keine Daten selbst erhoben, diese liefert stattdessen eine bereits vorhandene Studie. Die ÄSecond International Self-Reported Delinquency Study (ISRD-2)“ ist eine Untersuchung, die zum zweiten Mal in 31, größtenteils europäischen Ländern in den Jahren 2005 bis 2007 durchgeführt wurde. Sie untersucht die Kriminalität und Viktimisierung von 12 bis 17-jährigen Schülern der Klassen 7 bis 12. Es handelt sich um eine Dunkelfeldstudie, in der die subjektive Meinung der Jugendlichen zählt und es nicht um amtliche Definitionen geht. Dafür wurden in Klassenräumen Papierfragebögen ausgeteilt und von den Schülern ausgefüllt. In einigen wenigen Ländern lief die Befragung über den Computer ab. So ergibt sich eine Fallzahl von 73,396, davon 3,478 aus Deutschland. Diese Arbeit konzentriert sich allerdings nur auf die Kriminalität von deutschen Jugendlichen

Um den Datensatz zu analysieren, werde ich mithilfe der Statistiksoftware Stata zunächst relevante Daten aufbereiten. Zur Datenreduktion werde ich mit den Variablen, die Jugenddelinquenz messen, eine Skala nach Mokken bilden. Anschließend sollen mehrere lineare Regressionsanalysen aufdecken, wodurch Jugenddelinquenz beeinflusst wird, um die aufgestellten Hypothesen zu überprüfen. Abschließend werde ich eine multiple Regressionsanalyse durchführen um den Zusammenhang der unabhängigen Variablen mit Jugendkriminalität unter Einfluss aller anderen Variablen zu analysieren. Die Ergebnisse daraus werden die Ursachen der Kriminalität aufzeigen, auf deren Grundlage sinnvolle Präventionsmaßnahmen geplant werden können.

2. Begriffserklärung

Als erstes sollten die in dieser Arbeit verwendeten Begriffe näher definiert werden. Dies ist notwendig, da es für die meisten der Begriffe unterschiedliche Definitionen gibt. Nicht nur die verschiedenen Fachbereiche finden meist ihre eigenen Begriffsbestimmungen, sondern die Vertreter eine Fachrichtung können sich untereinander teilweise nicht einigen. Das macht es notwendig, für diese Arbeit gültige Definitionen herauszustellen.

2.1. Jugendlich

Den Jugendbegriff zu definieren, stellt sich als schwer dar. Eine eindeutige Definition scheint es nicht zu geben, deshalb wird hier zunächst versucht sich dem Begriff anzunähern. Allgemein wird das Jugendalter in dem Lexikon der Sozialpädagogik und der Sozialarbeit als ÄÜbergangsphase aufgefasst, in der man nicht mehr Kind ist, aber auch noch nicht den Erwachsenenstatus innehat“ (Stimmer 1994: 259). Die Jugend ist somit ein eigenständiger Lebensabschnitt, der so prägend ist, dass ihm eine eigene Definition zusteht. Hornstein und Thole stellen allerdings fest, Ädass es ‚die Jugend‘ nicht gibt, dass lebenslagenspezifische, ökonomische, kulturelle und soziale, ethnische, geschlechtsspezifische und regionale Besonderheiten die konkrete Ausgestaltung von Jung beeinflussen und dazu raten, von Jugend nur im Plural zu sprechen (vgl. Dudek 2002)“ (Hornstein/Thole 2005: 443).

Dennoch orientieren auch sie sich an der allgemeinen Definition der Lebensphase zwischen Kind- und Erwachsensein. Sie stellen fest, dass sich einige Wissenschaften an dem Einsetzen der biologischen Geschlechtsreife orientieren, während die Soziologie von Jugendlichen spricht, wenn Individuen

Ämit der Pubertät die biologische Geschlechtsreife erreicht haben, ohne mit Heirat und Berufsfindung in den Besitz der allgemeinen Rechte und Pflichten gekommen zu sein, welche die verantwortliche Teilnahme an wesentlichen Grundprozessen der Gesellschaft ermöglichen und erzwingen“ (Neidhardt 1970 zit. n. Hornstein/Thole 2005: 443).

Das bedeutet, dass das Ende der Jugend mit dem Beginn der gesellschaftlichen Pflichten eintritt. Allerdings merken Hornstein und Thole auch an, dass diese Abgrenzung in der heutigen Zeit Äan Trennschärfe verloren“ hat (Hornstein/Thole 2005: 443). Durch die moderne Ausdehnung der Bildungswege, kann sich die Berufsfindung deutlich in ein Alter verschieben, das längst nicht mehr als Jugend bezeichnet werden kann. Auch die Entstehung und zunehmende gesellschaftliche Akzeptanz von verschiedensten Formen des Zusammenlebens, lässt das Modell, dass die Heirat das Ende der Jugend darstellt, überholt erscheinen.

Aktuelle Texte beziehen sich deshalb meist auf die juristische Definition der Jugend. Laut dem Jugendschutzgesetz sind ÄJugendliche Personen, die schon 14, aber noch nicht 18 sind“ (§7 Nr.

2 SGB VIII Jugendschutzgesetz). Während Kinder unter 14 schuldunfähig sind, gilt für Jugendliche bis 18 immer das Jugendstrafrecht. Dies unterscheidet sich erheblich von dem Erwachsenenstrafrecht, da es größeren Wert auf erzieherische Maßnahmen statt auf Strafe setzt. Heranwachsende im Alter zwischen 18 und 21 werden zumeist auch noch nach dem Jugendstrafrecht verurteilt, es besteht allerdings die Möglichkeit, dass sie abhängig vom Einzelfall nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt werden (vgl. Jugendschutzgesetz).

In dieser Arbeit werden Individuen im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren untersucht, da diese der Untersuchungsgegenstand der hier verwendeten Studie waren. Da sich dies auch mit den gängigen Definitionen weitestgehend deckt, werden sie in dieser Arbeit als Jugendliche betitelt.

2.2. Kriminalität

Hans-Dieter Schwind differenziert den Kriminalitätsbegriff in drei unterschiedliche Bereiche: den strafrechtlichen (formellen), den Änatürlichen“ und den soziologischen Ämateriellen“ Kriminalitätsbegriff (vgl. Schwind 2010: 3).

Im Strafrecht bezeichnet die Kriminalität ÄHandlungen mit strafrechtlichen Rechtsfolgen“ (Schwind 2010: 3), also alles, was durch das Gesetz verboten wurde und deshalb bei Missachtung des Gesetzes eine Strafe mit sich führt. Hierbei werden allerdings Ordnungswidrigkeiten, also jene Handlungen, die nur eine Geldstrafe mit sich führen, nicht miteingeschlossen. Diese Definition von Kriminalität unterliegt allerdings der Prämisse, dass der Gesetzgeber festlegt, was kriminell ist. Da dies zeit- und raumabhängig ist, wird es von einigen als unzureichend angesehen.

So entwarf Raffaele Garofalo den Änatürlichen“ Kriminalitätsbegriff. Er unterscheidet zwischen Ädelicta mala per se“, also den Handlungen, die auch verwerflich wären, wenn sie nicht unter Strafe stünden und Ädelicta mere prohibita“, welche nur als verwerflich gelten, weil sie gegen das Gesetz sind. Ein Beispiel hierfür wäre das Nehmen von Drogen. Während Alkohol und Zigaretten in der Gesellschaft akzeptiert werden, ist das Rauchen von Mariuhana verwerflich, weil es durch den Staat als illegal festgelegt wurde. ÄDelicta mala per se“ setzt Schwind mit den in den USA entwickelten ÄIndexdelikten“ gleich, darunter zählen ÄMord, Raub, Vergewaltigung, schwere Körperverletzung, Einbruchdiebstahl und Diebstahlsdelikte ab einem Beutewert über 50 Dollar“ (Schwind 2010: 4).

Soziologen sehen die strafrechtliche Definition ebenfalls als nicht ausreichend an und erweitern den Begriff der Kriminalität um alles, was sozial abweichend (deviant) ist. Das bedeutet, dass für sie jede Handlung, die nicht den Normen und Werten der Gesellschaft entspricht, als kriminell einzustufen ist (vgl. Schwind 2010: 5). ÄDer Begriff ‚Kriminalität‘ enthält aber kein Werturteil und schon gar nicht ein Urteil über die Schuld. Auch bei Unwissenheit, Irrtum oder Schuldlosigkeit liegt Kriminalität vor, wenn es sich um objektiv verletzendes und unter Strafe gestelltes Verhalten handelt.“ (Hellmer 1975: 2)

2.3. Devianz und Delinquenz

ÄMit Rücksicht auf das besondere, durch mangelnde soziale Übersicht gekennzeichnete Verhältnis des Jugendlichen zum Gesetz will man den Begriff ‚Kriminalität‘ vermeiden“ (Hellmer 1975: 2). Deshalb wird Devianz, oder auch abweichendes Verhalten und Delinquenz oft ausweichend benutzt. Unter dem Begriff Devianz versteht man Verhaltensweisen, die von der Norm abweichen. Das beinhaltet sowohl straffälliges Verhalten als auch Verhalten, das von der Gesellschaft zwar negativ angesehen wird, aber sich dem Strafrecht nicht widersetzt (vgl. Scheffel 1987: 43).

Zu dem Begriff Delinquenz lässt sich keine einheitliche Definition finden. Unterschiede finden sich vor allem zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Begriff. Der amerikanische Begriff der Delinquenz ist mit dem der Devianz identisch (vgl. Füldner 2001: 9), also umfasst er jedes normabweichende Verhalten. Der deutsche Begriff jedoch beinhaltet nur strafrechtlich verfolgbares Verhalten (vgl. Füldner 2001: 8). In dieser Arbeit wird der Begriff nach dem amerikanischen Verständnis verwendet. Delinquenz wird sowohl für Verhalten benutzt, das gegen das Strafrecht verstößt, als auch für Verhalten, das einen Verstoß gegen das Jugendschutzgesetz darstellt und somit von der gesellschaftlichen Norm abweicht.

Laut Michelle Füldner Äkommt die Kriminalität erst durch das Gesetz bzw. die Justizbehörden zustande“ (Füldner 2001: 10). Damit ist gemeint, dass der Kriminalitätsbegriff nur entsteht, weil die Instanzen deviantes Verhalten als kriminell einstufen. Weiterhin stellt Füldner fest: ÄDer Begriff Delinquenz wird auf Kinder und Jugendliche, nicht aber auf Erwachsene angewandt“ (Füldner 2001: 10).

3. Theoretischer Forschungsstand

Um in einem späteren Schritt Hypothese entwickeln zu können, muss zunächst der theoretische Forschungsstand aufgearbeitet werden, auf dessen Grundlage Vermutungen angestellt werden können.

3.1. Cohens Subkulturentheorie

Subkulturentheorien besagen, dass sich innerhalb von großen Gesellschaften kleinere Subkulturen entwickeln. ÄCohen nutzt den Terminus Subkultur zur Beschreibung kleinerer Gruppen, deren Mitglieder sich persönlich kennen und sich durch gruppenspezifische Normen von der Umwelt (vor allem der der Erwachsenen) abgrenzen“ (Klimke/Legnaro 2016: 269). In diesen bilden sich also eigene Werte und Normen, die sich nicht zwingend mit denen der größeren Gesellschaft vereinbaren lassen. Dies führt dazu, dass Mitglieder dieser Subkulturen aus Sicht der großen Gesellschaft in abweichendes Verhalten verfallen.

Cohen ging davon aus, dass sich bei Jugendliche aus unteren Schichten eine Frustration einstellt, wenn sie merken, dass sie keine Chance haben, einen höheren Status erreichen zu können. Diese Frustration kann sich laut Cohen in drei verschiedenen Reaktionen auswirken. Ä1. Man wählt eine Lösung, die mit den Erwartungen der üblichen Bezugsgruppe vereinbar ist“ (Cohen 1957: 272). Das bedeutet, dass eine mögliche Form die Akzeptanz der Grenzen ist, die durch die eigene Schicht gesetzt werden und der Versuch legitime Ziele zu erreichen. Ä2. Wenn die in den eigenen Bezugsgruppen institutionalisierten Lösungen nicht angemessen sind, kann man sich anderen Bezugsgruppen zuwenden, deren Kultur angemessenere Lösungen vorsieht“ (Cohen 1957: 272). Das heißt, eine zweite Möglichkeit besteht in einem Bezugsgruppenwechsel, in denen die Chancen auf das Erreichen persönlicher Ziele erhöht werden, denn: ÄZu den wichtigsten Determinanten der Wahl zwischen verschiedenen Alternativen des Handelns gehören die ‚Bezugsgruppen‘“ (Cohen 1957: 271).

Ä3. Eine weitere Möglichkeit tritt dann in Erscheinung, wenn es für eine Anzahl von Personen mit ähnlichen Anpassungsproblemen keine angemessenen institutionalisierten Lösungen gibt und wenn ihnen keine alternativen Bezugsgruppen zur Verfügung stehen, die angemessenere und von der Kultur gestützte Lösungen bieten würden“ (Cohen 1957: 272f).

Sollte dieser Fall eintreffen, ist das Suchen von anderen Jugendlichen, die ebenso frustriert sind und sich mit diesen zu einer Subkultur zusammenzuschließen, eine letzte Möglichkeit.

Die delinquenten Handlungen, die von dieser Subkultur ausgehen, beschreibt Cohen durch drei bestimmte Merkmale: 1. Die Handlungen werden nicht durchgeführt, um einen Profit daraus zu schlagen oder um ein bestimmtes Ziel damit zu erreichen. Das beste Beispiel bringt Cohen hier mit dem Vandalismus. Dieser dient keinem Zweck und bringt die Jugendlichen nicht weiter. 2.

Cohen beschreibt die delinquenten Handlungen als Äböswillig“. Sie werden möglichst absichtlich ausgeführt, um Personen zu schaden. 3. Er nennt das Verhalten Änegativistisch“, also besteht das Vergnügen der Jugendlichen darin, dass es verboten ist (vgl. Cohen 1957: 274).

So erklären Cohen und Short Ädie delinquente Subkultur als ein System von Überzeugungen und Werten, das sich in einem Prozess kommunikativer Interaktion zwischen Kindern bildet, die durch ihre Position in der Sozialstruktur in einer ähnlichen Lage sind, als Lösung von Anpassungsproblemen, für die die bestehende Kultur keine befriedigende Lösung bereitstellt“ (Cohen/Short 1958: 273f).

Innerhalb dieser Kulturen entstehen Normen, die für die Jugendlichen einfacher zu verfolgen sind als die Normen der größeren Gesellschaft. Dadurch erlangen sie Anerkennung innerhalb der Subkultur. Dieser Erfolg mindert ihre Frustration.

ÄGesamtgesellschaftlich ungleich verteilte sozialstrukturelle Bedingungen führen zur Entwicklung von Subkulturen als Ausdruck sozialer Differenzierung. Deren divergierende Normen ziehen Verhaltenserwartungen nach sich, welche von der Gesamtgesellschaft als abweichend begriffen, innerhalb der Subkultur jedoch als normal angesehen werden“ (KrimTheo o.J.).

So kommt Cohen zu dem Schluss, dass die meisten delinquenten Jugendlichen Teil einer Subkultur sind (vgl. Cohen/Short 1958: 372).

3.2. "Theorie der vier Bindungen" von Hirschi

ÄJugendbanden bilden sich immer dann, wenn Sozialstrukturen, wenn Gemeinschaften, wenn soziale Gruppen wie Familie, Schule, Nachbarschaft, Ausbildungs-, Berufs- und Freizeitgruppen zerfallen“ (Schneider 1994: 141). Diese Annahme bildet auch bei Travis Hirschi die Grundlage, weshalb Menschen delinquent werden.

Für Hirschi ist es selbstverständlich, dass es in der Natur des Menschen liegt, zu abweichendem Verhalten zu neigen (vgl. Diedrich 2013: 4). Auf der anderen Seite dazu steht die Gesellschaft, die erwartet, dass die asozialen Individuen sich an die vorgegebenen Werte und Normen halten. Deshalb erfragte er nicht den Grund, weshalb Menschen delinquent werden. Er verfasste die Theorie der vier Bindungen vielmehr, um herauszufinden, was sozialisierte Menschen davon abhält, gegen Normen zu verstoßen. Denn er stellt fest, dass Menschen durch Delinquenz ihre

Ziele schneller erreichen können (vgl. Haage 1995: 26). Hirschi ist der Meinung, dass vier

Bindungen für den Erfolg des Sozialisationsprozesses verantwortlich sind: Attachment, Commitment, Involvement und Belief. Je stärker ein Individuum an die Gesellschaft angebunden ist, desto unwahrscheinlicher ist es, dass es delinquentes Verhalten an den Tag legt.

Hirschi nennt die emotionale Bindung zu Familie und Freunden Attachment to others. ÄSchneider definiert sie als Zuneigung, Ergebenheit und Anhänglichkeit“ (Haage 1995: 27). Hierbei geht es darum, wie wichtig es einer Person ist, die Erwartungen der Bezugspersonen zu erfüllen. Besonders hervorgehoben wird von Hirschi die Bindung von Kindern an ihre Eltern. Wenn es gelingt, dass das Individuum nicht nur auf sich und seine Wünsche fixiert ist, sondern ebenso auf die seiner Bezugspersonen, dann beugt das laut Hirschi einem delinquenten Verhalten vor. Dies funktioniert allerdings nur, wenn das soziale Umfeld delinquentes Verhalten nicht duldet. Wenn ein Jugendlicher beispielsweise Teil einer Subkultur ist, dann werden die Bezugspersonen im Freundeskreis eher von ihm erwarten sich delinquent zu verhalten als nicht delinquent. ÄWenn sich jemand nicht an die Wünsche und Erwartungen anderer Menschen halte, so sei er in diesem Umfang nicht an Normen gebunden“ (Haage 1995: 26f).

Unter Commitment versteht Hirschi den Stellenwert des sozialen Status. Menschen müssen den Nutzen der Delinquenz mit dem Verlust ihres Status abwägen. ÄSo sagt Hirschi, Leute mit hohem Sozialstatus seien nicht bereit, für ein geringes Delikt ihren hohen Status zu verlieren“ (Haage 1995: 27). Wenn ein Individuum viel Engagement in das Erreichen seines bisherigen Status gesetzt hat, dann wird ihm der Nutzen aus dem delinquenten Verhalten im Vergleich wahrscheinlich geringer vorkommen.

Die Bindung an konventionelle Aktivitäten bezeichnet Hirschi als Involvement. ÄSchneider definiert es als Inanspruchnahme durch gesetzmäßige Handlungen“ (Haage 1995: 27). Eine Person, die viel ungenutzte Freizeit hat, könnte auf die Idee kommen, diese Freizeit mit delinquentem Verhalten zu füllen. Dagegenwirken sollen bei Jugendlichen Aktivitäten wie im Haushalt helfen, für die Schule lernen, sich im Verein sportlich oder musikalisch zu betätigen oder in die Kirche zu gehen. ÄUnverplante Freizeit erscheint als gefahrvolle Möglichkeit für deviantes Verhalten“ (Diedrich 2013: 6). ÄJugendliche, die damit beschäftigt sind, sozialkonforme Dinge zu tun, z. B. Pflichten im Elternhaus zu erfüllen, für die Schule zu lernen oder Sport zu treiben, haben keine Zeit, sich delinquent zu verhalten“ (Schneider 1988 zit. n. Diedrich 2013: 6).

Als letztes führt Hirschi Belief auf. Dies ist die Akzeptanz die das Individuum dem Wertesystem entgegenbringt. Das Befolgen der Regeln innerhalb der Gesellschaft hängt stark davon ab, ob die Individuen die Werte und Normen als sinnvoll ansehen und sich aus eigener Überzeugung daran halten. Dabei wird die Frage gestellt: ÄHat das Individuum es geschafft, diesen Wertekonsens auch als verbindlich für sich zu akzeptieren oder nicht?“ (Diedrich 2013: 6).

Während des Sozialisationsprozesses muss also die Anbindung an diese vier Elemente möglichst stark ausgeprägt werden, um abweichendes Verhalten zu verhindern. Nur so kann erreicht werden, dass sich die Individuen nach den Werten und Normen der Gesellschaft verhalten und entgegen ihrer Natur nicht delinquent werden.

4. Empirischer Forschungsstand

4.1. Polizeiliche Kriminalstatistik

Sehr viele wissenschaftliche Arbeiten über Kriminalität stützen sich auf die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), die seit 1953 jährlich vom Bundeskriminalamt (BKA) herausgegeben wird. Das BKA beschreibt die Statistik auf ihrer Webseite: Sie enthält alle Straftaten, die der Polizei bekannt geworden sind. Auch versuchte Straftaten, die mit einer Strafe bedroht wurden, sind mit aufgeführt. Allerdings sind weder Ordnungswidrigkeiten, Verkehrsdelikte, politisch motivierte Delikte, Delikte, die von anderen Instanzen bearbeitet werden noch diejenigen, die direkt bei der Staatsanwaltschaft zur Anzeige gebracht wurden, enthalten. Die Daten dazu erhält das BKA von den Landeskriminalämtern, die sie für ihr jeweiliges Bundesland sammeln (vgl. PKS Bundeskriminalamt 2014: 1).

Ein besonderes Merkmal der PKS ist, dass sie auch Daten über Kinder und schuldunfähige Tatverdächtige umfassen. ÄÜber die Schuldfrage hat die Justiz und nicht die Polizei zu befinden“ (PKS Bundeskriminalamt 2014: 2). Da sie jährlich herausgegeben wird, können die Jahresberichte seit 1993 miteinander verglichen werden (vgl. PKS Bundeskriminalamt 2014: 3). Außerdem wurde ab 1984 ein Täter, der mehrere Straftaten innerhalb eines Jahres begangen hat, nur noch einmal aufgeführt, statt ihn für jedes Verbrechen einzeln zu zählen (vgl. PKS Bundeskriminalamt 2014: 339).

Diese Statistik wird dazu gebraucht, um einen Überblick über die Straftaten, die in Deutschland begangen werden, zu bekommen und damit vorbeugende und nachfolgende Maßnahmen zu entwickeln (vgl. PKS Bundeskriminalamt 2014: 1). Ein großer Nachteil stellt jedoch die Aussagekraft der PKS dar. Sie deckt nur die Straftaten im Hellfeld ab, also diejenigen, die der Polizei bekannt werden. Der tatsächliche Umfang der Delikte bleibt ohne die zusätzlichen Informationen aus dem Dunkelfeld verborgen.

4.2. Dunkelfeldforschung des KFN

Das Dunkelfeld stellt diejenigen Straftaten dar, die unentdeckt blieben und somit nicht zur Anzeige gebracht wurden. Bei Dunkelfeldstudien werden Personen zu ihren eigenen Erfahrungen als Täter beziehungsweise als Opfer befragt. Um den Wahrheitsgehalt der Umfragen möglichst zu maximieren, werden die Befragungen meist schriftlich und anonymisiert durchgeführt.

So versuchten auch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) und das Bundesministerium des Innern (BMI), diese Lücke zwischen Realität und dem Hellfeld zu schließen, und stellten ein gemeinschaftliches Forschungsprojekt vor. Sie führten eine Dunkelfeldforschung zum Thema Jugendkriminalität bei Schülern der neunten Klassenstufe durch. Diese Altersstufe wurde ausgewählt, da sie in anderen Studien die Gruppe mit der meisten Delinquenz darstellt und bis zu diesem Alter fast jeder Jugendliche die Schule noch besuchen muss (vgl. Baier et al. 2009: 27). Durch Zufallsziehungen innerhalb der Landkreise und unter Berücksichtigung der Unterschiede von Ost- und Westdeutschland wurden 44.610 Schüler befragt und somit die Repräsentativität der Studie sichergestellt (vgl. Baier et al. 2009: 27-30).

Da das KFN schon vorher Dunkelfeldforschungen im Bereich Jugendkriminalität durchgeführt hat, orientierten sie sich bei der Art der Befragung an ihren früheren Studien: ÄDies bedeutet einerseits, das wiederum standardisierte Befragungen in Schulklassen während der Unterrichtszeit durchgeführt wurden. Andererseits kamen dabei Fragebögen zum Einsatz, die in ähnlicher Form in der Vergangenheit genutzt wurden“ (Baier et al. 2009: 29). So konnte die Studie auch mit den früheren Studien verglichen werden.

Die Dunkelfeld- und Hellfeldstudien gemeinsam können zwar nicht lückenlos aneinander anschließen und somit ein komplettes Bild über die tatsächliche Kriminalität liefern, wohl aber bieten beide Studien zusammen betrachtet eine Annäherung an die Realität.

5. Aufstellung der Hypothesen

Der theoretische Forschungsstand bildet die Grundlage für die Hypothesen, die im Folgenden Kapitel zunächst aufgestellt und dann im weiteren Verlauf der Arbeit durch Regressionsanalysen überprüft werden sollen.

Hypothese 1: Männliche Jugendliche sind öfter delinquent als weibliche.

Joachim Hellmer stellt unter anderem fest, dass wesentlich mehr männliche Jugendliche kriminell werden als weibliche (vgl. Hellmer 1975: 13). Diese Aussage wird durch die Polizeilichen Kriminalstatistik von 2014 bestätigt. In diesem Jahr waren nur 29,9% der registrierten Tatverdächtigen von 14 bis 18 Jahren weibliche Personen. (vgl. PKS Bundeskriminalamt 2014: 64). In den späteren Analysen soll überprüft werden, ob diese Aussage auch durch die hier verwendeten Daten und somit ebenso für das Dunkelfeld geltend gemacht werden kann.

Hypothese 2: Je älter die Jugendlichen, desto höher die Bereitschaft zur Delinquenz.

Mit dem Alter steigt laut der Polizeilichen Kriminalstatistik 2014 auch die Bereitschaft zur Delinquenz. Während die 14- bis unter 16-jährigen 3,8% der registrierten Tatverdächtigen ausmachen, sind es bei 16- bis unter 18-jährigen schon 5,1%. Heranwachsende, also 18- bis unter 21-jährige bilden 8,9% der registrierten Tatverdächtigen. (vgl. PKS Bundeskriminalamt 2014: 64) Auch diese Hypothese lässt sich also mit der PKS belegen und soll mithilfe der späteren Analysen noch einmal bestätigt werden.

Hypothese 3: Je höher das Bildungsniveau der Jugendlichen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie delinquentes Verhalten zeigen.

Diese Hypothese entsteht auf Grundlage von Hirschis Bindungstheorie. Wenn Jugendliche ein hohes Bildungsniveau erreichen wollen, dann fällt das unter Hirschis Commitment. Jugendliche haben meist selbst noch keinen sozialen Status erreicht, sondern dieser definiert sich bei ihnen

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Details

Seiten
47
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783668667556
ISBN (Buch)
9783668667563
Dateigröße
1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v416783
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
Jugend Delinquenz quantitativ Regressionsanalyse Subkulturen Cohen Hirschi Theorie der vier Bindungen Dunkelfeldforschung Polizeiliche Kriminalstatistik Devianz Kriminalität Jugendkriminalität Prävention

Autor

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Titel: Sozioökonomische Aspekte der Jugenddelinquenz