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Die filmische Adaption von Hans Christian Andersens Schneekönigin

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 26 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Gliederung

1. Original oder nicht - entscheidend ist der Verzicht

2. Vergleichsanalyse der „Schneekönigin“: Vom Buch zum Film

3. Vom Erzählen zum Zeigen: Die mediale Adaption der „Schneekönigin“
3.1 Der Teufel lachte einleitend nur auf das Papier
3.2 Zwischen Realismus und Phantasie
3.3 Gerda ergreift die Initiative
3.4 Am Ende wissen wir mehr

4. Die Motive im Überblick
4.1 Andersens Humor
4.2 Ein vorsichtiger Rebell
4.3 In Andersens Verhältnis zu Gott gibt es manche Facetten
4.4 Lustig und traurig zugleich
4.5 Aus dem Abgrund zu den kalten Reichen?
4.6 Andersens Märchenweltall

5. Zum guten Schluss

6. Literaturverzeichnis
6.1 Internetrecherche

1. Original oder nicht - entscheidend ist der Verzicht

Diese Arbeit hat es sich zum Ziel gesetzt, das literarische Werk: „Die Schneekönigin“ von Hans Christian Andersen aus dem Jahre 1844[1] mit der russischen Literaturverfilmung von Jewgeni Schwarz (unter dem gleichnamigen Titel im Jahre 1967 veröffentlicht) miteinander in Beziehung zu setzen. Unter der Fragestellung, inwieweit die Verfilmung der literarischen Vorlage gerecht wird, geht es dabei weniger um einen pauschalen Vergleich als vielmehr um eine Art differenzierter Beobachtung mit analytischem Charakter der beiden Veröffentlichungen. Versetzen wir uns also im Folgenden in die Position eines Literaturkritikers. Er hat sich eingehend mit dem Autor Hans Christian Andersen beschäftigt und seine Aufgabe soll es nun sein, die typischen Andersen-Merkmale in der Verfilmung wiederzufinden. Dabei wird er nicht vergleichen wie ein Käufer beispielsweise Produkte miteinander nach gut oder schlecht vergleicht. Das Originalprodukt muss gegenüber dem No-Name-Produkt nicht immer glänzen. Genauso kann ein Original in der Literatur nicht als Ursprüngliches beanspruchen, gegenüber einer Verfilmung als zweites „Produkt“ besser zu sein. Schwarz hat sich für seine Literaturverfilmung eines der beliebtesten Märchen Andersens ausgewählt. Kinder wie auch Erwachsene sind von diesem Märchen heute noch fasziniert. Der Grund: „Dem Dichter ist hier eine überaus glückliche Mischung aus Sinnlichem und Übersinnlichem, aus Fabulierkunst und Belehrung, Naivität und Philosophie gelungen“ (Stiasny 1996, Seite 147). Stiasny trifft mit seinen Worten den intentionalen Kern der Andersen-Erzählung. Interessant ist es zu sehen, was Schwarz aus diesem Kern für sein Drehbuch herausfiltert, welche Motive er sozusagen übernommen hat. „Dieses Märchen besitzt eine Vielfalt der Charaktere, Formen und Töne, zusammengehalten durch die Idee vom Wahren und Guten im Menschen, getragen von einem tiefen Glauben, harmonisiert durch einen feinen Humor, den man in diesem Zusammenhang gar nicht erwartet“ (Stiasny 1996, Seite 147). Dieses Märchen auf der Leinwand zu zeigen, muss somit für Schwarz eine besondere Herausforderung gewesen sein. Beachtenswert an dieser Stelle ist, dass „die Schneekönigin“ 1967 auf den Leinwänden der DDR-Kinos gezeigt wurde. Politische Spitzen in dem Film können vor diesem Hintergrund besser verstanden werden. Der bekannte Naturforscher Örsted sagte einst zu Andersen: „Sollten Ihre Romane Sie berühmt machen, so werden Ihre Märchen sie unsterblich machen“.

2. Vergleichsanalyse der „Schneekönigin“: Vom Buch zum Film

Vergleichen wir an erster Stelle tabellarisch den reinen Text der Geschichten in Form einer Inhaltsangabe bei Andersen und eines Sequenzprotokolls bei Schwarz.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten[2] [4] [5] [6]

3. Vom Erzählen zum Zeigen: Die mediale Adaption der „Schneekönigin“

Mit der Zeit wird es langweilig, Märchen immer nur zu erzählen. Deshalb will ich es euch heute einmal zeigen (1. Sequenz).

So spricht eine Hauptfigur, der Märchenerzähler, gleich zu Beginn der Schwarz-Verfilmung: „Die Schneekönigin“. Betrachten wir im Folgenden unter analytischem Gesichtspunkt, was dem Zuschauer alles aus dem Andersen-Märchen gezeigt wird - und was nicht.

3.1 Der Teufel lachte einleitend nur auf das Papier

„Für seinen großen Märchenzyklus „die Schneekönigin“ hat Andersen von überallher Motive entlehnt, und dennoch ist eine ganz selbstständige Dichtung daraus geworden“ (Nielsen 2000, Seite 136). Diese Dichtung findet bis heute große Beliebtheit unter Kindern in der Art, wie Andersen erzählt. Er zieht sie in seinen Bann, indem er dem jungen Leser einen sehr nahen Kontakt mit Figuren und Geschehnissen seiner Geschichten ermöglicht. In einem Brief an Ingemann schrieb Andersen 1835: „ Ich habe sie ganz und gar so geschrieben, wie ich sie einem Kind erzählen würde “ (Nielsen 2000, Seite 140). Er setzt sich sozusagen seine Leser auf seinen Schoß und beginnt:

So! nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr als wir jetzt wissen, denn es war ein böser Kobold!

(Andersen 1999, Seite 9)

Mit dem Pronomen „wir“ erzielt Andersen einen komplizenhaften Kontakt zu seinen Lesern. Es sind hier die unlogischen Sprünge der Umgangssprache, die dem Andersen-Schreibstil Leben und Bewegung verleihen. Schwarz greift dieses Motiv gleich zu Beginn seiner Verfilmung auf:

(Die Kamera (N[7] ) ist auf die Schuhe eines Mannes gerichtet. Der Mann läuft langsam vorwärts, die Kamera geht in der langsamen Bewegung mit und schwenkt langsam zum Kopf des Mannes hoch) Es gibt auf der Welt verschiedenerlei Menschen. Schuhmacher (Kamera (N) zeigt das Symbol eines Schuhmachers) , Schlüsselmacher, (Kamera (N) zeigt das Symbol eines Schlüsselmachers) ,

Apotheker (Kamera zeigt das Symbol eines Apothekers) , und ich bin ein Märchenerzähler, und wir alle (...) sind Menschen, die man braucht und die unentbehrlich sind.

Der Zuschauer wird hier ganz sanft und unmittelbar in die Geschichte eingeführt. Als Komplizen erfindet Schwarz die Figur des Märchenerzählers, den der Zuschauer durch den gesamten Film als vertraute und ansprechende Person erleben wird. Mit der nahen Kameraeinstellung konzentriert sich das Geschehen einzig auf den Märchenerzähler. Und das ist auch gut so, denn bevor der eigentliche Film beginnt, erklärt dieser Märchenerzähler die weiteren Figuren und Handlungsabsichten:

Wenn es diesen Märchenerzähler nicht gäbe, dann wüsste keiner, was nicht vor allzu langer Zeit mit dem kleinen Kay geschah“.

Schwarz verzichtet hier auf die Bezeichnung wir: „dann wüsste keiner“ wäre im Andersen-Deutsch zu übersetzen mit: „dann wüssten wir nicht“. Doch der Kontakt zum Zuschauer ist schon unmittelbar genug, allein durch die teilnehmende Sprache des Märchenerzählers mit seiner reinen Satzstruktur: Der Zuschauer versteht die Aussage des Märchenerzählers genauso - wie er sich innerhalb der ersten Filmeinstellungen in seinen Bann gezogen fühlt. Die Aussagen des Märchenerzählers werden unterstützt durch die im unmittelbaren Anschluss folgenden Kameraeinstellungen: Spricht der Märchenerzähler vom Schuhmacher, so sieht der Zuschauer augenblicklich das Symbol des Schumachers durch einen Schwenk der Kamera. Schon nach wenigen Minuten ist klar ersichtlich, an wen sich der Film richtet: nämlich an den jungen Zuschauer. Für diesen verwendet Schwarz das Prinzip der Kohärenz. Auch wenn ständig gewechselt wird, um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu halten, muss zwischen allen Teilen ein Zusammenhang hergestellt werden, der die Teile als Bestandteile einer Einheit erscheinen lässt. So wie die Bedeutungen sich aus dem Kontext, in dem die einzelnen bedeutungstragenden Elemente auftreten, bestimmen, so müssen sich die Teile einer audiovisuellen zu dieser Einheit erkennbar zusammenfügen (Hickethier 2001, Seite 119).

[...]


[1] Aus dem Dänischen übersetzt von Mathilde Mann

[2] In der Regieanweisung bei der Schwarz-Verfilmung wird die Figur Kay aus dem Andersen-Märchen mit einem „i“ am Ende geschrieben. Im Folgenden wird diese Schreibweise der Einfachheit halber standardisiert auf die Schreibweise: Kay.

[3] Für die Großmutter wird im Folgenden die Abkürzung GM verwendet

[4] Für die Schneekönigin wird im Folgenden die Abkürzung SK verwendet

[5] Für den Kommerzienrat wird im Folgenden die Abkürzung KR verwendet.

[6] Für den Märchenerzähler wird im Folgenden die Abkürzung ME verwendet.

[7] Die Einstellungen der Kamera sind nach Hickethier 2001, Seite 59 bezeichnet.

Details

Seiten
26
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638398831
Dateigröße
611 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v41665
Institution / Hochschule
Europa-Universität Flensburg (ehem. Universität Flensburg) – Germanistik
Note
1,3
Schlagworte
Adaption Hans Christian Andersens Schneekönigin

Autor

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